Joseph Wittig, Das geleimte Jesuskind: „Es kam der Augenblick, in dem der Großvater, wie alljährlich, das Jesuskindlein auspackte, um es zwi­schen Maria und Joseph in das Kripplein zu legen. Es scheint aber trotz der Güte des Striezels das Herz meines Großvaters nicht so ruhig gewesen zu sein, dass er hätte zart genug zugreifen können.“

Das geleimte Jesuskind

Von Joseph Wittig

Das helle Sonnenlicht besteht aus sieben Farben, die freilich nur der Herrgott so rein und fein zusammenmischen kann, während der Maler oder der Chemiker, wenn er es versucht, nur ein besseres Grau zusammenbringt. Das Auseinanderbringen ist frei­lich leichter. Jeder Junge kann es mit einem Stücklein geschliffenen Glases, und jeder Gewitterregen, wenn er gerade so richtig vor der Sonne her über die Felder trippelt, kann es auch. Der Junge wirft das gebroche­ne Licht an die Wand und läßt ganz wunderbare Farbenflecke an der Wand auf- und nieder­steigen und springen oder gleiten oder zucken. Der Gewitterregen aber baut aus ihnen den herrlichen Regenbogen, von dem die Leute sagen, daß dort, wo er auf die Erde aufsitzt, Duka­ten zu finden sind.

Auseinanderbringen ist überhaupt immer leichter als zusam­menbringen. Wenn zum Beispiel einmal Vater und Mutter oder Eltern und Kinder oder die Geschwister unter sich auseinander­gebracht sind, weil der Teufel mit seinem Prisma gespielt hat oder weil ein Gewitter über die Familie gezogen ist, dann kommt es zwar vor, daß sie am liebsten an den Wänden empor­springen möchten vor lauter innerer Wut, aber sie bringen nicht einmal einen richtigen Regen­bogen zustande, wenn nicht gera­de die Rücksicht auf die Dukaten des Vaters oder eines Erb­on­kels den Bogen baut. Das helle Licht wird nicht mehr, wenn der Herrgott nicht einmal ganz besonders hilft. Die Menschen, die den Versuch machen, die gebrochene Einheit wieder zusam­men­zubringen, müssen bald erkennen, daß nicht mehr das helle Licht wird, sondern nur ein ziemlich schmutziges Grau.

Noch heller und zarter als das natürliche Sonnenlicht und die natürliche Einheit der Familie ist aber das Licht, das um Weihnachten herum auf den Gesichtern christlicher Menschen schim­mert und die christliche Familie zusammenhält, wie einst die Feuersäule den Zug der Israe­li­ten – ich glaube, es war auf dem Wege von Ägypten ins Gelobte Land.

Auch dieses Licht, und noch viel mehr dieses Licht, konnte nur der Herrgott so rein und fein zusammenmischen, aber bei uns wenigstens hatte auch der Großvater seine Hand im Spiele. Nicht, daß er etwa nur Spachtel oder Pinsel gewesen wäre, wie wir alle für den Herrgott Pin­sel sind oder Spachtel, mit denen er seine Farben mischt und seine Bilder malt; nein, der Großvater war selbständiger Gehilfe des Herrgotts und mitunter geradezu sein Geschäfts­führer. So wußte er, daß die sieben Farben, die zur Herstellung des alltäglichen Sonnenlichtes genügt hatten, doch noch lange nicht genügen, um jenes weihnachtliche Leuchten auf den Gesichtern der Menschen fertigzubringen. Sein Farben­kasten barg ganze Dutzende von Tütlein und Beutelchen mit den wunderbarsten Farben, und wo irgendeine Scherbe oder ein ausgedientes Gefäßlein gefunden wurde, alles Hohle wurde ge­prüft, ob es sich nicht zum Farbeneinmachen eigne, eine Prü­fung, die besonders von den Salbennäpflein des Eckersdorfer Heilschäfers mit Auszeichnung bestanden wurde. Dieser Far­benkasten des Großvaters war etwas ganz anderes als sieben Re­genbogen zusammen!

Der Großvater brauchte diese Farben für die »Geburt Chri­sti«. Die vielen Mauern und Dächer und Türme von Bethlehem, der Hirtenberg mit seinen Schäfereien und Mühlen, all das Volk, das auf den Straßen lief, die Soldaten in ihren prächtigen Uni­formen, sie mußten doch alle leuchten vor Farbenfreude. Und erst die Heiligen Drei Könige, die aus dem Orient kamen, wo es Farben geben soll, die einen vor lauter Schönheit um die Ver­nunft bringen können!

In »Großvaters Geburt« waren wohl tausend Farben, aber nicht verirrt und gebrochen und zerstreut, sondern so, daß sie das wunderbare Licht erzeugten, das über jedes Menschenantlitz kam, wenn es zu Weihnachten die »Geburt« ansah. Unsere Nachbarn hatten alle braune Ge­sichter; einige, die auf die Grube gingen und nach der Schicht einmal rasch bei uns einkehr­ten, um die Mutter nach ein paar alten Quärklein zu fragen, in Wahr­heit aber, um sich einmal die »Geburt« anzusehen, hatten sogar noch dunklere Gesichter. Und erst der »schwarze Her­den« drü­ben von der Straße! Aber über alle kam jenes eine Licht, das noch viel feiner und reiner ist als das Sonnenlicht.

Und jenes Licht war Glück und Friede und Liebe. Es war sommers über in Neusorge natürlich auch mancher Streit, und auch wir mußten uns öfters kämpfend wehren. Aber wenn einer unsere »Geburt« angesehen hatte und dann sagte: »Na, in Got­tes Namen!«, da waren alle gebrochenen Farben wieder ein ein­ziges lichtes Weiß geworden.

Nur einmal, so erzählte mir mein Vater, genügten die vielen bunten Näpflein und Schälchen nicht; da wurde der Leimtopf notwendig, der, wie ein ganz roher, trotziger Geselle, gewöhn­lich mitten unter ihnen stand, wohl manchmal behauptend, daß er doch das ganze fromme Kunstwerk der »Geburt Christi« nur in seiner Kraft zusammenhielte und daß auch die schön­ste Farbe nichts nütze, wenn etwas aus dem Leim ginge. Der Vater wußte es wohl bloß vom Hörensagen, denn es war noch vor seiner Ge­burt, einige Zeit oder einige Jahre, nachdem das erste Söhnlein meines Großvaters gestorben war, der »erste Eduard«, von dem mein Vater den Namen und wohl auch sein liebes Wesen über­nommen hat.

Als jener erste Eduard gestorben war, sagte der Großvater immer wieder: »Lauter Mädel und kein einziger Junge!« Und er sagte es wohl genau so oft, wie sein Männerherz verlangte, aber einige Male öfter, als das Frauenherz der Großmutter es vertra­gen konnte. Kurz, das lichte Weiß wurde gebrochen, und alle Versuche, es wieder herzustellen, brachten nur ein besseres Grau zustande. Wenn sonst einmal etwas zwischen Großvater und Großmutter war, dauerte es nicht lange, bis der Großvater ein­sah, daß der Mann als der Stärkere auch die etwas stärkere Auf­gabe habe, alles wieder gutzumachen, und er sagte dann immer: »Aale, biis ock wieder gutt!« (Alte, sei doch wieder gut!), oder wenn er einmal mit den Worten abwechseln wollte: »Aale, biis ock nemme biese!« Und dann dauerte es immer noch zehn Mi­nuten, nämlich gerade so lange, wie der Weg vom Frauenherzen bis zum Frauenantlitz dauert.

Diesmal aber dauerte es länger, sogar bis in die Adventswo­chen hinein. Es kam so weit, daß sich der Großvater die Brot­scheiben allein abschneiden und die Sonntagshosen selber aus dem Schrank herunterholen mußte. Das war schrecklich.

Am Heiligen Abend, als der erste Weihnachtsstriezel frisch­gebacken auf dem Tische lag und schon durch sein Aussehen in das Gloria der Engel und »Friede den Menschen« einstimmte, sagte der Großvater zur Großmutter: »Aale, schneid mer ock a Stöckla lus!« (Alte, schneid mir doch ein Stückchen ab!) Die Großmutter aber reichte ihm den Striezel und meinte, der Groß­vater hätte sie ja die ganze Adventszeit nicht zum Abschneiden gebraucht.

Aber der Striezel war gut, auch wenn die Großmutter noch nicht ganz gut sein konnte. Und es kam der Augenblick, in dem der Großvater, wie alljährlich, das Jesuskindlein auspackte, um es zwi­schen Maria und Joseph in das Kripplein zu legen. Es scheint aber trotz der Güte des Striezels das Herz meines Großvaters nicht so ruhig gewesen zu sein, daß er hätte zart genug zugreifen können. Ein kaum hörbarer Knack ging durch die Stube: dem Jesuskindlein war einer seiner ausgebreiteten Arme zerbrochen!

»Na, siehste, Aaler!« rief die Großmutter aus, um öffentlich zu zeigen, daß der Großvater auch für diese Folge ihrer Unver­söhnlichkeit voll verantwortlich sei. Aber gleich kam ein ungeheueres Mitleid mit dem zerbrochenen Kindlein über beide, und sie wußten wohl, daß sie beide schuld daran seien. Und der Großvater, als müsse er bei dem Kindlein bleiben und es in der Hand behalten, rief: »Mutter, stell ock baale (schnell) dan Leimtoop of de glühnicha Kohla!«

Großmutter tat es; das gebrochene Ärmchen wurde sorgsam geleimt, das Kindlein in die Krippe gelegt, der Weihnachtstisch für die Kinder gedeckt.

Und dann, als es Zeit zur Christmesse wurde, holte die Großmutter die Sonntagshosen des Großvaters aus dem Schrank herunter, band ihm auch das Seidentüchlein um den Hals. Der lichte Schein leuchtete auf den Gesichtern. Und es dauerte nicht viele Jahre, vielleicht nicht einmal ein einziges, da schenkte die Großmutter dem Großvater einen Jungen, und sie nannten ihn wieder Eduard.

Quelle: Joseph Wittig, Tröst mir mein Gemüte, Heilbronn: Eugen Salzer Verlag, 1930.

Hier die Erzählung als pdf.

1 Kommentar

  1. …die (Christus-) Kinder sind wohl die Menschenkinder,die unsere Aussicht auf Erlösung und Heil transportieren—-die Menschengesellschaft muß im Frieden,Wohlwollen und Gerechtigkeit zusammen wachsen manchmal stürzt mein laptop ab und ich kann nicht reagieren— herzliche Grüße.gute Tage!

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