Paul Schempps Weihnachtspredigt über Matthäus 1,18-25 von 1940: „Geh nur weiter in deine Tage und Nächte hinein, vielleicht verschmachten dir Leib und Seele, vielleicht darfst du noch Großes leisten und erleben, geh nur mit Gott, denn er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende, er allein, herrlich, frei, gnädig und wahr zu unser aller Heil!“

Weihnachtspredigt über Matthäus 1,18-25 (1940)

Von Paul Schempp

Die Geburt Jesu Christi geschah aber also. Als Maria, seine Mutter, dem Joseph vertrauet war, erfand sich’s, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist. Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Indem er aber also gedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Ge­mahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist von dem heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen“, das ist ver­dolmetscht: Gott mit uns. Da nun Joseph vom Schlaf er­wachte, tat er, wie ihm des Herrn Engel befohlen hatte, und nahm sein Gemahl zu sich. Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und hieß seinen Namen Jesus. (Matth. 1,18-25)

Jahr für Jahr machen wir den Versuch, die Weihnachtszeit aus der übrigen Zeit des Jahres her­auszuheben. Da wollen wir etwas fröh­licher, festlicher, gebefreudiger, gemütvoller, vielleicht auch etwas frömmer und kindlicher sein als sonst, da ist -das Heimweh stärker, der Familien­sinn reger, irgend ein bißchen Weihe, ein bißchen Befrie­digung soll da in unser Leben kom­men, und es ist gut, wenn uns fröh­liche Weihnachtsstimmung gelingt — und nicht Vereinsa­mung, Weh­mut oder gar Bitterkeit sie stört. Aber wer ehrlich ist, läßt sich nicht darüber hin­wegtäuschen, daß das Leben erbarmungslos über unsre Feste und Freuden hinwegschreitet; der Krieg macht keine Pausen; unser Dasein in der Verkettung von Leid und Schuld, der Not­wehr gegen Sorge, der Angst und täglichen Lasten, im Lauf gegen Alter und Tod geht uner­bittlich weiter. Auch das schönste und lieblichste Weih­nachtsfest vergeht mit Rausch und Traum. Da dürfen wir Gott loben und danken, daß uns auf alle Fälle, ob uns das Feiern gelingt oder gründlich mißlingt, heute wie gestern die Weihnachtsbotschaft verkün­digt wird: Freu dich, du kannst alle Versuche unterlassen, dich selber vom Bann des Alltags, der Sorge, des Kriegs, des Kämpfens und des Sterbens loszulösen, du kannst getrost an das Wunder deiner Erlösung glauben! Gott hat sich aufgemacht, zu uns zu kommen, bei uns zu sein, für uns zu streiten und über uns einen ewigen Sieg zu erringen.

Vor der Weihnachtsgeschichte des Matthäus steht ein Stammbaum, äußerlich wie alle Stamm­bäume eine Reihe von Namen, bekannten und unbekannten, und doch recht verstanden der Stammbaum der Verheißung Gottes, der Stammbaum der Geduld, des Gerichts und der alle menschlichen Berechnungen und Ansprüche ausschließenden Herrschaft Gottes. Die Verhei­ßung Gottes an Abraham und die Erz­väter, an David und Serubabel, an das armselige, hoff­nungslose Volk der ägyptischen und babylonischen Gefangenschaft; der Stammbaum der Geduld Gottes gegenüber der drängenden Ungeduld und der über­mütigen oder verzweifelten Vergeßlichkeit der Menschen; der Stamm­baum des Gerichtes Gottes, der vielen Jahrhunderte der Notzeit, der Niederlagen, der Schande, des drohenden Aussterbens und der Um­wälzungen, aber ein Stammbaum der unvergleichlichen Alleinherr­schaft Gottes, der wählt, wo Menschen verwerfen, der stürzt, wo Menschen bauen, der rettet, wo Menschen alles verloren geben, der sein Wort hält, wo die ganze Weltgeschichte dagegen spricht. Da ist ein Stammbaum von Abraham bis Joseph, vom Auswanderer zum Heimkehrer, ein Königsstammbaum, in dem die Könige in der Min­derzahl sind, ein Stammbaum mit Namen von bedenklichem Ruf, ein Stammbaum, hinter dem Glanz und Elend einer Volksgeschichte steht und der doch nichts anderes besagt als: „Des Herrn Rat ist wunderbar und führet es herrlich hinaus“, ja so wunder­bar, daß von Abraham bis Joseph keiner weiß, wie sich das erfüllen soll, was Gott verspro­chen hat, daß da inmitten einer wogenden Völkergeschichte voll Un­recht, Blut und Tränen, voll Ruhm und Kraft, voll Aberglauben und Sittenverderbnis eine dünne Kette der Gläubigen steht, die vom Wort Gottes leben und auf den gesalbten Retter warten. Aber als nun die Zeit erfüllt war, mitten drin im siegreichen Aufstieg des glänzendsten Weltreichs und mitten drin im verworrenen Eifer der kirchlichen Umtriebe in Jerusalem, da tritt der Geist Gottes auf den Plan und offen­bart in Jesus Christus die Ehre Gottes, die Freiheit Gottes, die Gnade Gottes und die Wahrheit Gottes.

„Es fand sich, daß Maria schwanger war, ehe er sie heimholte.“ Was für eine furchtbare Ent­deckung für den frommen, rechtschaffenen Joseph! Die Schrift malt die Qual, Scham und Ent­täuschung dieser Entdeckung nicht aus, sie redet nur von dem Entschluß des Joseph: „Er woll­te sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.“ Er könnte sie ankla­gen, verstoßen, dem Elend und der Verachtung aller preisgeben, aber er ist größer als ein in seiner Liebe und Ehre aufs grausamste enttäuschter und verletzter Mann; er ist bereit, die Schande auf sich zu nehmen, sie heimlich zu verlassen, so daß der Makel auf ihn selber fällt und Maria als die betrogene Ge­liebte erscheint. „Siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen!“ Joseph, du ehrenwerter Nachkomme des Königs David, es geht nicht um deine und nicht um Marias Ehre, sondern allein um Gottes Ehre, dem es gefällt, seine Ehre unter der Schande zu verhüllen. Es gilt, das Unfaßbare zu glauben, daß der Heilige Geist der Schöpfer des heiligen Menschen ist — aus Maria. Joseph hat die Probe des Glaubens bestanden, er glaubte dem Boten Gottes, glaubte dem Wort und der Allmacht Gottes und nahm Maria zu sich, wie Maria auch dem Engel geglaubt hatte. Sie mußte sich her­geben zum Werkzeug und die Schmach nicht fürchten, denn die Engel singen an Weihnachten: „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Seht, wer an das Kind in der Krippe glaubt, an den König der Ehren, der in vermeint­licher Schande geboren und in vermeintlicher Schande gestorben ist, für den hat das Wort Ehre einen neuen Sinn, der weiß, daß nur im Wort Gottes, nur in der Ehrenrettung durch Jesus Christus unsre Ehre bewährt ist. Er befreit uns ja von dem Versuch, unsre Ehre in unserer Herkunft, in unsren Leistungen oder im Leumund bei den andern zu suchen. Was für eine gewaltige Rolle spielt doch die Ehre im Leben der Menschen! Wieviele Feindschaften, wie­viele Zerwürfnisse im Klei­nen und Kriege im Großen haben ihren Ursprung in der Verteidi­gung und in der Gewinnung der Ehre! Gott schützt unsre Ehre durch das achte Gebot, und Gottes Strafe wird den treffen, der die Ehre des Nächsten antastet, aber Gott verlangt auch im ersten Gebot, daß wir ihm auch unsre Ehre ganz opfern und ihm die Ehre geben, daß er allein uns ehrlich machen, uns allein die Schmach der Sünde abnehmen, uns allein endlich in Ehren annehmen will und kann. Wir alle haben schon Kränkungen unserer Ehre erfahren, und das sind bittere Erfah­rungen. Erinnerten wir uns da rechtzeitig an die Schmach Christi, an Weih­nachten, an den, der Knechtsgestalt annahm, obwohl er in gött­licher Gestalt war? Haben wir es je schon fertig gebracht, für die zu bitten, die uns beleidigen? Genügte uns das Zeugnis Gottes: Fürchte dich nicht, wenn wir vor Gottes Wort ein gutes Gewissen hatten, von den Fällen zu schweigen, wo bloß unsre wirkliche Schande an den Tag gebracht wurde? Wir können uns heute trösten lassen, können heute mit den Engeln Gott die Ehre geben und ihm danken, daß in Jesus der gekommen ist, der nicht bloß unsre Ehre wiederherstellt, son­dern uns seine Ehre gibt, die alle Ehre, die den Ruhm der ganzen Welt übersteigende Ehre: Gottes Kin­der zu heißen, als die wir dann ehrlich reden, tapfer der Lüge, dem Schmeicheln und Schei­nenwollen absagen können. Ach, Maria und Joseph können ja das Wunder nicht bewei­sen, können nicht den Traum und die Engelsbotschaft sich be­glaubigen lassen, sie müssen die Verachtung und den Spott eben tra­gen, an dem es schon bei den heidnischen Behörden in Bethlehem nicht gefehlt haben wird. Jesus hat ihre Ehre über alles Erwarten bis heute gesi­chert. Es ist ein herrliches Weihnachtsgeschenk, daran erinnert zu sein, daß Jesus unsere Ehre ist, daß man ehrlich singen darf: „Laß sie spotten, laß sie lachen.“

Aber warum denn dieses peinliche, allem Denken so anstößige, so gern auch von den Christen als unwichtig oder unmodern umgangene „Ge­boren aus der Jungfrau Maria?“

Gehört es nicht eben doch zur wirklichen frohen Weihnachtsbotschaft, die sich nicht vom Weihnachtsmärchen verdrängen läßt? „Das in ihr geboren ist, das ist vom Heiligen Geist.“ Vom Heiligen Geist hat Maria und hat die Welt und haben wir Jesus empfangen, nicht von Joseph und auch von keinem noch edelblütigeren Manne. Anvertraut ist dieses Kind dem Joseph, Davids Sohn, ihm anvertraut wie Maria, das ihm vertraute Weib, aber dieses Kind ist der neue Mensch, wie es der Erstgeborene von den Toten geworden ist. Seine Ankunft, sein Advent ist der Besuch und der Aufgang aus der Höhe, aus dem Schoß des Vaters, aus dem unendlichen Geheimnis des Schöpfers aller Dinge: hier dürfen wir uns beugen vor dem Wun­der der majestätischen Frei­heit Gottes, daß der Heilige eingeht in die todgeweihte Reihe des Menschengeschlechtes und doch der heilige Herr bleibt, der sich selber schenkt und bindet, aber nicht abhängt vom Menschen, nicht ab­stammt vom Manne, nicht menschlicher Zeu­gungskraft sein Leben verdankt. Denk so hoch du magst von der Größe des Menschen, von der Kraft seines Wollens, von der Glut seines Fühlens, von der Tiefe seines Denkens, wo Gottes Geist ist, hat der Mensch nichts beizutragen, da ist das Beste im Menschen nicht gut genug, daß der Geist Gottes auch nur daran anknüpft. Gottlob, denn sonst wären alle ohne Hoff­nung, die nicht zur Auslese der besonders guten Menschen gehören oder die sich keiner edleren Erbmasse rühmen können. Denk so niedrig wie du willst vom Menschen, vom Ge­fängnis, von der Qual und Schuld seiner dunklen Triebe, gottlob, Gottes Geist hat einen sieg­reichen Einzug gehalten und blieb rein auch in der unreinen Woh­nung des Fleisches. Schäm’ dich nicht, Joseph, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen, denn Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen und hat ihren Glauben für Gerechtigkeit gerechnet. Joseph hat gehört und gehorcht; „und er nahm sein Weib zu sich und erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar.“ Gottes wahrhaftiger, eingeborener Sohn ist geboren als wahrhaftiger Mensch aus der Jungfrau Maria, als „des Menschen Söhn“, wie er sich selbst nannte. So, in diesem unnahba­ren Geheimnis und zugleich in diesem urmenschlichen Ereig­nis, ist Weihnacht geworden: „Den aller Welt Kreis nie beschloß, der liegt in Marien Schoß, er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.“

Und wie Gott Maria und Joseph durch seinen himmlischen Boten das Wunder angekündigt hat, das ihren Glauben forderte in so offenem Widerspruch zu ihrem und der Welt Begreifen, so hat er auch beiden den Namen verkündigen lassen, den dieses Kind tragen soll: keinen fremden, sondern einen gebräuchlichen, verbreiteten Namen und doch den Namen, der hier allein ganz Offenbarung ist dessen, der ihn tragen sollte, den Namen Jesus, der Heiland! „Des Namen sollst du Jesus heißen, denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden.“ Sie werden ihn einmal „Immanuel“ heißen, „Gott mit uns“. Ja, so wird er einmal als der Mittler des Gottesbundes erkannt werden. Aber du sollst ihn Jesus heißen, den Namen ihm geben, der nie vorher vom kommenden Christus genannt war, den Namen, der niemand als be­sonderer Name auffiel und der doch alles umschließt, was Wille und Aufgabe dieses Kindes werden sollte: selig machen, suchen und selig machen, was verloren ist. Das wird er tun als gehorsa­mes Kind des ewigen Vaters: sein Volk retten, dich und mich und all die Gerufenen und Gela­denen, die heute noch seine Stimme hören dürfen, von denen keiner zu gut ist, sich retten zu lassen, und keiner zu schlecht, um ge­rettet zu werden.

Die Ehre Gottes statt menschlicher Würde („Fürchte dich nicht“), die Freiheit Gottes statt menschlichem Begreifen („Glaube nur“) und die Gnade Gottes statt menschlichem Recht und Unrecht („Jesus ist sein Name“), das bezeugt uns heute und in einer wunderbaren Schlichtheit das alte Evangelium von Weihnachten.

Adi, geben wir’s doch zu, wir ernsten, gereiften, leid- und kampf­erprobten Männer und Frau­en, ihr altklugen Jungen und ihr erfahre­nen, ruhigen Alten: Selig möchten wir doch alle gern sein, jauchzen und singen und springen und unbeschwert, los und frei sein von der ganzen Würde und Bürde des Daseins, leuchten, wie Kinderaugen es oft noch können und dürfen an Weihnachten. Und da laßt es uns doch hören und gesagt sein: du darfst es, hier ist Jesus, der selig macht von den Sünden, „hier ist, was uns retten kann, Jesus nimmt die Sünder an“. Wir hätten, wenn wir nur wollten, auch im Kriege, heute und morgen und an jedem Alltag Zeit, uns daran zu erinnern, daß wir ja doch singen dürfen: „Halleluja! denn uns ist heut ein göttlich Kind geboren, von ihm kommt unsre Seligkeit, wir wären sonst verloren“. In der Krippe hat er auf Gottes Befehl schon Jesus, der Heiland, ge­heißen, und Joseph und Maria sollten’s glau­ben, daß er’s auch ist, der verheißene Retter. Sollte es uns da nicht leichter sein, die sein Le­ben und Leiden, sein Wort und Werk und das Zeugnis von Ostern und Himmelfahrt kennen, uns anzuschließen an sein Volk, an die Ge­meinde, die dankbar die Gnade Gottes über uns arme Menschenkind­lein rühmt: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er aus freiem Trieb uns seinen Sohn zum Heiland gibt. Wie hat uns Gott so lieb!“, uns einzuschließen in die Gemein­de der Gläubigen, die mit Zacharias be­kennt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk“!

Und wie das Zeugnis der Ehre und der Freiheit und der Gnade Gottes, so gibt uns die Weih­nachtsbotschaft auch den Trost der Wahrheit und Wahrhaftigkeit Gottes. „Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllet würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: ‚Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen, das ist verdolmetscht: ‚Gott mit uns‘.“ Wie viele Jahrhun­derte alt war diese Verheißung schon, und wie ist das ganze Alte Testament durchzogen wie von einer Leuchtspur von der Verheißung des Kommens Gottes zu den Warten­den, um sie zu versöhnen, um sich zu verbünden mit ihnen und eine Herrschaft überflutenden Segens über sie aufzurichten! Wie unermüd­lich und in wie mannigfacher Weise bezeugt der alte Bund dieses Ver­sprechen Gottes: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir! Ich werde bei euch sein, ich bin euer Gott! Wie bezeugt die Geschichte Israels die Wahrheit dieser Verheißung! Wie jubeln und danken die Gläubigen für diesen Trost! Und wie klammern sie sich daran, gegen alle Erfahrung des Gegenteils, wie hoffen und warten und schreien sie nach der Ent­hüllung und Erfüllung dieser Verheißung, und wie zittern sie, Gott möge mit Grund und Recht sein Wort zurücknehmen! Wie teuflisch und furchtbar ist aber auch der Mißbrauch dieser Wahr­heit im Mund und Herzen und Werk der Menschen, wie frevelhaft wollen sie Gottes Zusage mit der eigenen Gottlosigkeit vereinen! Wie verstockt wirkt ihre Religion in dem Wahn, Gott müsse der Bundesgenosse mensch­licher Gelüste nach Freiheit und Größe und Wohlbehagen sein! Was für ein entsetzliches Gegenbild zu diesem Wort: „Sie werden seinen Namen Imma­nuel — Gott mit uns — heißen“ ist doch der Mord und Spott auf Golgatha! Und gerade dar­um, zur Aufdeckung der Blind­heit und Anmaßung, mit der der Mensch Gott zu seinem Ver­bündeten machen will, ist Jesus gekommen. Sein Leben von Bethlehem bis Ostern ist eine einzige Kette von tatsächlichen, wortwörtlichen Er­füllungen dessen, was Gott geredet hat durch Mose und die Propheten. Seht, andere haben Gottes Wort bezeugt und geredet, und wir können es nachreden und auch bekennen und bezeugen, aber erfüllen können wir es nicht, auf gar keinen Fall, und wenn wir noch so gehorsam wären. Er hat es allein erfüllt, so über und gegen alles Erwarten er­füllt, daß alle an ihm irre geworden sind. „Amen, der treue und wahr­haftige Zeuge“ heißt er, und weil unsere liebe Bibel gar nichts anderes sein will als das auf ihn weisende, in ihm erfüllte, durch ihn sich noch erfüllende Wort Gottes, darum ist sie einfach, ob wir sie verstehen oder nicht verstehen, das einzige Buch der Wahrheit. Sie zeugt rund­weg gegen uns und für ihn, und wir dürfen es getrost unterlassen, was zu allen Zeiten alle klugen und törichten Leser und auch wir immer wieder neu versuchen, nämlich sie für uns sprechen zu lassen, für uns, zu unseren Gunsten sie auszubeuten, auszulegen oder auch nur auszu­wäh­len, was uns an ihr gefällt, zusagt, glaubhaft oder brauchbar er­scheint. O, es ist nicht einmal glaubhaft, wenn wir diesen Jesus Im­manuel heißen, so ernst unser Singen und Predi­gen und Hören ist. Auch das erfüllt nur er selber, auch das wird heute und jetzt nur wahr, weil Er es wahrmacht an uns. Ein Gotteswunder, wie das der Jung­frauengeburt ist es, daß wir ihn so heißen dürfen: Gott mit uns. Er wird’s offenbar machen an seinem Tag, aber wir dürfen es jetzt glauben, sonst nehmen wir Gott seine Ehre und leugnen seine Wahr­heit, glauben, daß in diesem Kindlein mit uns der allmächtige, ewige Schöpfer Himmels und der Erde ist, versöhnt, verbündet mit uns, und wir deshalb frei, sündlos, furchtlos, reich, selig und in die Liebe und Ehre Gottes gehüllt, durch uns Gott geehrt in der Höhe in ihm, in uns Friede auf Erden durch ihn, auf uns Gottes Wohlgefallen um seinet­willen! Was kannst du da noch zur Weihnachts­freude beitragen wollen, und was sollte sie dir da noch stören können? Geh nur weiter in deine Tage und Nächte hinein, vielleicht verschmachten dir Leib und Seele, vielleicht darfst du noch Großes leisten und erleben, geh nur mit Gott, denn er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende, er allein, herrlich, frei, gnädig und wahr zu unser aller Heil! Des freu sich alle Christen­heit und dank ihm des in Ewigkeit. Halleluja.

Gehalten am 26. Dezember 1940 in Iptingen.

Quelle: Paul Schempp, Predigten aus den Jahren 1939-1955, aus dem Nachlass herausgege­ben von Ernst Bizer, Bad Cannstatt: Müllerschön 1960, 17-24.

Hier Schempps Predigt als pdf.

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