Reinhold Schneider über die Theologie des Dramas: „In der christli­chen Tragödie scheitert die Welt noch einmal, wie sie an Christus gescheitert ist, während er an ihr zu scheitern schien. Und damit verwandelt sich das Tribunal, in dem sie endet, in die Vorer­scheinung des Endes überhaupt.“

Theologie des Dramas (1952)

Von Reinhold Schneider

Das Drama führt in Konflikte, die vom Irdischen her nicht ver­söhnt werden können. Das liegt sowohl in seinem Ursprung wie im Wesen der dramatischen Form, die streitende Personen und Mächte in ihrem Eigenrecht gegeneinanderstellt; der Kampf wälzt sich bis an den Rand des Daseins, der Erde; die Antwort, die über dem Abgrund des Absturzes vernehmlich wird, ist Sache des Dichters und seiner Zeit, der religiösen und geistigen Welt, in der er steht, der Gesamtheit, an die er sich wendet. Denn ohne eine solche in ihrer geschichtlichen Gegeben­heit ist kein Drama mög­lich. Sehr wohl kann die Antwort eine Frage sein; der Hörer faßt sich ans Herz: er begreift nicht mehr, oder er fühlt: er ist durch das Feuer gegangen, das ihn um­schmelzen wird. Es kann aber auch eine Antwort aus einer andern Welt herüberdringen, die durch die erfahrene Handlung gedeutet wird. Wir müssen uns hüten, das Dramatische und gar das Tragische engen, eindeutigen For­meln zu unterwerfen. Zum Wesen des Kunstwerkes gehört eine gewisse Vieldeutigkeit. Das Drama ist Gleichnis des Weltganzen und des Weltab­laufs, des in der Weltentiefe beschlossenen fort­brennenden Streites. Im letzten Sinn, aber aus der vollen Kraft des Gestalthaften ist es Chiffre; es macht erfahrbar, was auf keine an­dere Weise mitgeteilt werden kann, einen Daseinswiderspruch. Auch das Tragische soll auf keine Formel gebracht werden; es ist ein Grundphänomen; die Schuld ist schon eine Phase seiner Ver­wirklichung und wahrscheinlich nicht einmal eine unabdingbare Phase; der Grund liegt tiefer: dort, wo im Dasein Unvereinbares zusammengeschlossen ist.

Man sollte nun glauben, daß die heute lebenden Menschen, un­ter deren Füßen der Boden der Jahrhunderte eingebrochen ist, der tragischen Kunst sich zuwenden; hat sie doch in ihrem Wesen, als Aussage vom Leben und den Mächten, alles vorweggenommen, was sich begeben hat und noch begeben kann. Das ist aber keines­wegs der Fall. Die Erfahrung des Tragischen wird nach Möglich­keit umgangen, verschleiert, verwischt; es wird versucht, sie in ihren Vorfeldern zu bewältigen, im politischen, sozialen, psycho­logischen, die gewiß im Schatten des Tragischen liegen können. Aber wer blickt der tragischen Maske ins Antlitz? Es sind nur we­nige. Denn das Tragische in seiner Härte richtet sich an die Per­son, und zwar an eine Gesamtheit aus echten Personen; diese wird es erheben, prägen, vorbereiten auf die Schrecken der Erde, auf die Antwort von Drüben; vielleicht sogar mit ihnen versöhnen. Je mehr die Büh­nen, mögen sie sich nun einem großen oder kleinen Bühnenraum darbieten, sich vereinigen zu einem Theater der Masse, die als solche Schickungen nur erleiden, aber nicht als Heimsu­chungen austragen kann, in Wahrheit also lebenslang auf der Flucht ist vor dem unverheil­baren Bruch in Dasein und Ge­schichte, um so fremder ist die tragische Kunst, die die Person an­redet, aber die Person in einem Ganzen.

Sucht die Tragödie aber die Person auf dem Boden der Ge­schichte, so kann sie dem Chri­stentum nicht entgegen sein, das Gott als Person in seiner geschichtlichen, die Geschichte wenden­den Existenz, als Stifter unzerstörbarer Freiheit verehrt. Es muß ein Drama möglich sein aus essentiell christlichem Gehalt, gerade heute, da doch alles darum geht, daß wir das Christentum so ver­stehen, wie sein Stifter es gemeint hat und es in diesem seinem Sinne vollziehen. Hier soll die Rede sein von dem christlichen Konflikt zwischen Welt und Wahr­heit als einer Wurzel des Dra­mas. Gewiß hat das christliche Drama auch andere Möglichkei­ten: den im Politisch-Geschichtlichen sich ereignenden Kampf zwischen Glauben und Un­glauben, wie ihn Corneille in seinen Märtyrerdramen gestaltet hat; den Kampf mit dem kon­kret Bö­sen, den die spanische Bühne durch Jahrhunderte darstellte; das Ringen und Schwan­ken zwischen Glauben und Unglauben, Zwei­fel und Hoffnung im Menschen selbst, das ein Thema des moder­nen religiösen Dramas ist. Von einer jeden Stelle ist es möglich, zum Gan­zen des Christentums durchzudringen; denn es gehört zu dessen Wesen, daß es keine loslösba­ren Teile kennt; ein jedes wirklich ergriffene, vollzogene Wort führt in die Mitte.

Das Dasein des Christen ist von seinem Innersten her drama­tisch, ja tragisch. Damit soll ausdrücklich nicht eine wesentlich ausweglose Tragik gemeint sein, die ja ohnehin eine prob­lemati­sche, auch von den Griechen nicht festgehaltene Vorstellung ist: Ödipus endet auf Kolonos in der Gnade, als einzelne tragische Person, während das Unheil auf Erden fortwüten wird. Die Gnade kann in einem jeden Augenblick den tragischen Zirkel durchbre­chen. Freilich ist auch im Christentum eine ausweglose Tragik möglich: die Verdammnis, der un­widerrufliche Verlust des Heils. Vielleicht aber gibt es keinen härteren und erhabeneren Wider­spruch, als er in den Abschiedsreden Jesu Christi aufgeht: er be­ruht darauf, daß die Wahrheit, die nicht von der Welt ist, unwi­derruflich in die Welt gesendet wurde; daß in der Welt eine Macht sein soll, die nach dem Wesen der Welt nicht in ihr sein kann; daß diese Macht da ist, um die Welt zu retten und doch von der Welt nicht geduldet wird. Der Wider­spruch verkörpert sich in letzter Vollendung in dem ungeheuren Gegenüber des Herrn mit Pilatus, des gebundenen Königs und des Machthabers, der Wahrheit in Fleisch und Blut und dessen, der gerade im Antlitz der Wahrheit zu fragen wagt: Was ist Wahrheit?

Die Welt steht im Christentum zugleich im höchsten Wert und im Unwert. Denn Gott gibt sein Leben für das Leben der Welt; aber er sagt von ihr, daß sie den Geist der Wahrheit gar nicht emp­fangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt; die ganze Welt liegt im Bösen, wie der Lieblingsjünger sagt, aber der Jünger ist ausdrücklich nicht von der Welt genommen; er soll vielmehr in ihr vom Bösen bewahrt werden. Der Fürst der Welt ist die Lüge; und doch ist der an Christus Glaubende wahrhaft frei; die Jünger sind nicht von der Welt und doch von ihr auserwählt; es ist ein Friede mitten in ihr, nicht wie die Welt ihn gibt; der Wandel der Jün­ger, die durch sie schreiten, ist im Himmel, und doch wird man die Gesendeten daran erken­nen, daß sie gehaßt werden und Bedrängnis haben. Wer glaubt, wird leben, auch wenn er ge­stor­ben ist. Zur Verantwortung sind die Jünger aufgerufen; denn alle, das Geschaffene über­haupt, sollen gerettet werden, und doch ist es wahr, daß nur ein geringer Teil der Saat der Wahrheit auf fruchtbares Erdreich fällt, der größere aber verdirbt; daß Häuser sind, auf deren Schwelle der Jünger umkehren soll, und Men­schen, die er nicht einmal grüßen darf. Als im Fleische Gefangene sind die frei, die wandeln im Geiste; denn im Fleische ward die Sünde verurteilt.

Die Beziehung zwischen dem Christen und der Welt ist also vom Menschen her untragbar; bei Gott, aus der Gnade, wird sie möglich. Wo Welt und Wahrheit sich kreuzen, steht der Christ; sie kreuzen sich in einer jeden Zeit auf eine besondere Weise, und eben dadurch wird Kreuz auf Kreuz eingegraben in diese Erde als die unvernichtbaren Zeichen des Heils. Die Darstel­lung dieses Konfliktes in seiner zerstörenden Schmerzhaftigkeit ist dem Drama Vorbehalten; in ihm stoßen die lebendigen Mächte, Rechte, Argumente mit einer den Zuschauer unwider­sprechlich einfordernden Wucht körperhaft zusammen. Das kann, es muß vielleicht, auf ver­schiedenen Ebenen geschehen; der Streit verla­gert sich von Plattform zu Plattform, bis auf dem letzten Gebirgs­grat, zwischen Diesseits und Jenseits, Ja oder Nein gesprochen werden müssen. So haben auch aus dem Wesen des Christlichen hervorgegangene Romane eine dra­matische Anlage, ein deutli­ches Zeichen dafür, daß das eigentlich Gemäße in unserer Zeit in eigenster Form kaum zu erscheinen wagt, weil es nicht angenom­men, nicht erwartet wird, weil die Menschen es nur in einer Ver­hüllung ertragen.

Im Zusammenstoß des Christen mit der Welt herrschen zwei Probleme vor: die Wahrhaftig­keit, das heißt der radikale Vollzug der Wahrheit und die Verwaltung der Macht. Die Welt, deren Herr der Fürst der Lüge ist, stellt eine Konvention der Lüge dar. Die Spielarten sind zugleich unerschöpflich und undurchdring­lich; denn der Grund der Wahrheit ist ja des Herzens Meinung, der »Herzensmensch« des Apostels, der verborgen bleibt. Wie soll der Christ in dieser Welt leben? Und er soll es doch. Er soll die Wahrheit tun. Das Tun der Wahr­heit scheint tödlich zu sein. Aber eben der wird ja leben, der schon gestorben ist. Wie soll der Christ an dieser Stelle Macht verwalten? Und doch soll er es. Denn die Macht ist durch das Christentum keineswegs entwertet, sie hat von ihm vielmehr den höchsten Wert empfangen als Anteil an der Königsmacht Christi. Der König stürzte die falsche Macht nicht. Er wider­legte sie, indem er sie erlitt; eben damit behauptete er seine Macht. Der Christ ist mächtig, so lange Christus in ihm lebt. Nur aus dieser Gnade kann er Macht verwalten. Aber er wird bei einem jeden Schritt auf das Angebot der Sünde stoßen; nimmt er es an, so trennt er sich von Christus – und er steht nicht mehr in der eigentlichen Macht. Eine auf das Irdische begrenzte Macht kann der Christ nicht ausüben; sie muß dem Sinn Jesu Christi un­terworfen, mit ihm vereinbar sein. Eine Trennung in Irdisches und Himmlisches ist nicht erlaubt; denn darum geht es ja, daß das von Gott Gebotene auf der Erde, in der Geschichte, vom ganzen Menschen und ganzen Dasein erfüllt wird. Aber bei jedem Schritt wird es unmöglich scheinen, Macht zu bewahren ohne Lüge; es wird sogar in der Welt, wie sie ist, tatsächlich unmöglich sein.

Dieser Konflikt ereignet sich in einem jeden Leben. Es kommt nicht auf den Umfang der Macht noch ihre Natur an, ob sie nun geistig oder geistlich, politisch, militärisch, wirtschaft­lich oder rein persönlich ist. Aber am sinnfälligsten müßte das Problem sich doch darstellen lassen im Geschick des geistlichen und welt­lichen Herrschers. Es ist nicht oft geschehen. Man kann viele Gründe angeben, warum die Gestalt des christlichen Herrschers so selten aus dem Wesen des Christentums ergriffen worden ist: warum das Christliche in den großen Herr­schertragödien meist nur Umwelt, aber nicht die Handlung treibendes Moment ist. Alle Grün­de, seien sie religiöser, politischer oder geistesgeschichtlicher Art, reichen nicht aus, um die­sen Mangel zu erklären. Vielleicht ist das Problem der christlichen Weltverantwortung in seinem Punkte an. Ein verborgenes Feuer brennt im Innersten; es arbeitet sich durch von Sze­ne zu Szene; am Ende ist die Wahrheit da. Aber die Wahrheit ist das Gericht der Welt. So mündet das Drama im Tribunal.

Das setzt voraus, daß der Dichter sich selber richtet. In sich richtet er die Welt. So hat es noch Ibsen verstanden, obgleich er das Drama aus dem religiös-tragischen Bereich der »Kronprä­ten­denten« in die Stuben der Anwälte und Großkaufleute hinab­führte; dichten heißt: »Ge­richtstag halten über das das eigene Ich.« Drama ist Abrechnung des Dichters mit sich selbst. Darauf beruht die sittliche Wucht. Der Dichter erlebt die Mächte seines Innern in ihrem Zu­sammenstoß. Die Bühne ist Innenraum. Aber im übrigen ist dieser subjektive Grund des Dra­mas für die Ge­samtheit, an die sich der Dichter wendet, ohne Belang. Hier geht es um das eine: es ist Not über aller Not, die Wahrheit zu tun. Aber die Wahrheit ist das Leben. »In die­ser Welt müßt ihr euch entscheiden. Durch sie euch hindurchkämpfen. Das ist euer Friede. Es gibt keinen andern, in ihm ist euch die Gnade ganz nahe. Aber mehr als diesen Frieden hat sie nicht verheißen. Strei­tet aus einer Kraft den Streit, der nicht enden wird.« – In der christli­chen Tragödie scheitert die Welt noch einmal, wie sie an Christus gescheitert ist, während er an ihr zu scheitern schien. Und damit verwandelt sich das Tribunal, in dem sie endet, in die Vorer­scheinung des Endes überhaupt. Die letzten Szenen spielen, als Zeichen des Weitendes, in apokalyptischem Aspekt; doch die­ser deutete sich schon mit der ersten Szene an und weitete sich mit einer jeden folgenden. Das kann auf eine sehr verhüllte, eine völlig unpathe­tische Weise geschehen, so wie auch die Geschichte, de­ren Ablauf sich im Drama reflektiert, von Vorerscheinungen des Endes erfüllt ist. Wie das christliche Leben keinen anderen Inhalt ha­ben kann, als die noch so schwache, noch so unzulängliche, ja fast unkenntliche Nachfolge dessen, was der Herr gelebt hat, so kann das christliche Drama nur diesen Inhalt haben, nur von ihm seine Form empfangen. Es kann den Sieg nur im Opfer begreifen.

Die Aussage der auf dem Konflikt zwischen Welt und Wahrheit aufgebauten Tragödie ist, daß alles, was nicht aus der Wahrheit ist, zerschellen wird an der Wahrheit; daß es aber tödlich und zu­gleich rettende Tat ist, in der Welt der Lüge die Wahrheit zu tun.

Quelle: Reinhold Schneider, Der Wahrheit Stimme will ich sein. Essays, Erzählungen, Gedichte, hrsg. v. Carsten Peter Thiede und Karl-Josef Kuschel, Frankfurt a.M.: Insel, 2003, S. 312-319.

Hier Schneiders Text als pdf.

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