Martin Buber über die Reichspogromnacht 1938: „Nun tritt uns in dieser Stunde das Zerrbild des Unrechts entgegen, die Fratze eis­kalter Gemeinheit, der Grausamkeit, die wie eine Maschine funktioniert, ein Golem, auf dessen Stirn Satans Name geschrieben ist“

Sie und wir. Zum Jahrestag der Kristallnacht (November 1939)

Von Martin Buber

Was vor einem Jahr in Deutschland geschah, wird im Gedächtnis der Ge­schichte als eins der grauenhaftesten Beispiele für den Verrat eines Staates bewahrt werden. Den Begriff „Verrat“ gebraucht man im Bereich der Be­ziehungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern nur im Sinne des Ver­rats von unten nach oben: man spricht von verräterischen Bürgern, von ihrem Verrat am Staat. Aber der schlimmste Verrat dieser Art kann nicht so unheilsschwanger sein wie der, den der Staat an einem Teil seiner Bürger begeht. Wenn irgendein Staat, wie es jetzt Deutschland mit seinen Juden tat, eine seiner Minderheiten, diejenige, die am meisten auffällt, aus dem Bereich seines Schutzes und seiner Verantwortung stößt und sie langsam oder schnell vernichtet, ohne daß sie sich an ihm vergangen hätte, so er­schüttert er damit die Fundamente seines eigenen Bestands. Denn ein Staat kann nicht bestehen, wenn ihm seine Bürger nicht vertrauen, daß er ihnen ebenso die Treue wahrt wie sie ihm. Wenn die Deutschen sich auch gestern oder heute beruhigt haben: das alles sind ja nur Juden, die man gequält und getötet hat, deren Heiligtümer geschändet und zerstört wurden, die Juden, die erst vor weni­gen Generationen die Gleichberechtigung erhielten, — so nagt doch der Wurm am Herzen aller, die nicht zur Sippe der Gewalttäter und ihrer Brotgeber gehören, und sie müssen darauf gefaßt sein, daß nach dieser nationalen Minderheit eine andere Minderheit an die Reihe kom­men wird — eine religiöse oder soziale; und wenn es so weit kommt, dann nagt der Wurm am Herzen des Staates selbst. Dieses Regime muß zerfal­len, und zerfällt es nicht bald, kann man das Ungeheuer nicht schnellstens bewältigen, breitet sich dies Mißtrauen aus, so wird der Bevölkerung die Lust vergehen, dem Staat zu dienen.

Ich sprach absichtlich vom deutschen Staat, das heißt von der Organi­sation, die sich das deutsche Volk errichtet hat oder der es beistimmt, oder von den Machthabern, die es erstellt hat oder duldet, und nicht vom deut­schen Volk selber. Was vor einem Jahr in Deutschland geschah, war nicht ein Ausbruch der Volksleidenschaft, eines volkstümlichen Judenhasses, ebensowenig wie in irgendeiner Handlung, die in jenen sieben Jahren an uns begangen wurde. Es war ein Befehl von oben und wurde genau, mit der Genauigkeit einer zuverlässigen Ma­schine ausgeführt. Während der Vor­bereitung der Nürnberger Gesetze zogen zwei Wochen lang jeden Mor­gen um sechs Uhr an den Fenstern meines Hauses in Heppenheim Schul­kinder vorbei und sangen das schöne Lied: „Wenn erst das Judenblut vom Messer spritzt“; damit war der gegebene Befehl erfüllt. Am Morgen darauf erwarteten wir vergeblich den Aufzug. Was elementarer Judenhaß ist, ein Ausbruch aus den Tiefen der Triebe, — das sah ich in Polen, in Deutsch­land habe ich es nicht gesehen. Daß der Apparat programmgemäß gegen die Juden arbeitet, das ist kein besonderes Problem; so war es bereits in den anderen Fällen. Vielleicht ist es eine alte Gewohnheit des deutschen Volkes, den Machthabern zu gehorchen, denn da sie das Staatsruder halten, ist ja der Beweis dafür erbracht, daß sie von der Geschichte bestätigt sind, daß sie von Gott gesandt sind; es fällt anscheinend dem deutschen Menschen schwer, zwischen Gott und dem Erfolg zu unterscheiden und sich einen Gott vorzustellen, der nicht mit den starken Bataillonen geht, sondern „bei dem Zermalmten und Geisterniederten“ (Jes 57,15) wohnt. Sogar bei ei­nigen wahrhaften Geistesmenschen in Deutschland hatte ich den Eindruck, daß sie durch die ihnen natürliche Vereinsamung und ihre Unfähigkeit zum öffent­lichen Handeln an jeden zu glauben geneigt sind, der das politische Geschäft mit Gewalt er­greift und mit hemmungsloser Härte betreibt. Aber in der jüdischen Sache ist dem noch etwas beigetan, das ein besonderes Problem darstellt und für uns ungemein lehrreich ist: es ist dies die innere Haltung auch vieler von denen, die ihren Beziehungen zu Juden treu ge­blieben sind und verfolgten und leidenden Juden halfen. Wenn man mit ih­nen ins Gespräch kommt, sieht man, daß sie zwar in vielen Fällen ein gutes menschliches Gefühl des Mitleids mit denen ha­ben, die als vogelfrei erklärt wurden, aber es mangelt ihnen auch nicht an Verständnis für die Motive der Verfolger. Gewiß bedauern sie die grobe Form des Ausstoßens, die sie gern mil­dern würden, aber in ihrem Innern sind sie mit der Grundtendenz einverstanden. Diese wich­tige Tatsache dürfen wir nicht mit der Erklärung abtun, das deutsche Volk sei von einer Krankheit befallen, und mit seiner Gesundung werde alles wieder ins Geleise kommen. Dies ist eine einfältige Illusion und die Art eines unreifen Verstandes, eine historische Wirklichkeit zu beurteilen. Freilich leidet das deutsche Volk an einer schweren Krankheit; seine jetzigen Feinde sind mit an dieser Krankheit schuld, aber mit seiner Gesundung wird durchaus nicht alles wieder ins Geleise kommen; und eine Ursache unter andern ist auch die, daß schon frü­her, ehe das Volk erkrankte, die Dinge nicht im Geleise liefen. Hier müssen wir die ernste Problema­tik erkennen, auf die auch heute hinzuweisen ich mich verpflichtet fühle, eben weil ich weiß und von Mal zu Mal sage, daß ein großer und echter Bund zwischen dem deutschen und dem jüdischen Geist bestanden hat, ein Bund, der seine Bestätigung durch echte Frucht­barkeit erhielt; nur wenn wir die Problematik betrachten, die diesem Bund eigen war, wenn wir sie betrachten, ohne uns zu schonen, werden wir aus diesem Kapitel jüdischer Geschichte, das nun abgeschlossen ist, lernen, was es aus ihm zu lernen gibt.

Aus Unverstand pflegt man bei uns den Antisemitismus nach der Eman­zipation als einfache Fortsetzung zu sehen, als Rückkehr zum Antisemitis­mus vor der Emanzipation, der haupt­sächlich auf religiösen Gefühlen be­ruhte. Aber der frühere war das Ergebnis der Fremdheit und der spätere das Ergebnis des Kontakts; dort haßte man, wie Pinsker sagt, gleichsam ein Gespenst, das erschreckend und unverständlich war, hier aber haßte man einen lebendigen Menschen, den man bereits einigermaßen kannte. Zwar überwand man noch nicht das Em­pfinden eines Gespensts in der verhaßten Erscheinung, aber das Gespenst hatte ja einen Körper erhalten. Ich sage: „haßte“; aber in Wirklichkeit traf ich in Deutschland nur selten Menschen, die Juden haßten. Dagegen traf ich oft solche, denen die Juden verdächtig erschienen.

Was war es, das auf sie in solcher Weise wirkte?

Ich möchte meine Worte darüber nur auf ein Gebiet beschränken, das das Gerippe im Leben des Volkes ist, das Gebiet der Wirtschaft. Aber was in bezug auf dieses wahr ist, ist mit gewissen Änderungen auch für die anderen, höheren Lebensgebiete wahr. Bekanntlich rührt die Problematik des jüdi­schen Verhältnisses zur Wirtschaft der herrschenden Völker daher, daß ihre Beteiligung meist nicht beim Fundament des Hauses beginnt, sondern im zweiten Stockwerk. Dagegen haben sie keinen Anteil oder nur einen sehr geringen an der Urproduk­tion, an der mühevollen Erlangung der Roh­stoffe, der Schwerarbeit am Boden, sowohl Landwirtschaft wie Bergwerk. In der handwerklichen Bearbeitung der Rohstoffe bevorzugen sie zumeist die leichten Berufe, die im Sitzen ausgeübt werden, und in der industriel­len Bearbeitung stellen sie Techniker, Ingenieure und Direktoren und hal­ten sich von der schwe­ren Arbeit an der Maschine fern. Wie ich mit großer Sorge hörte, hat sich daran auch in der sowjetrussischen Wirtschaft nicht viel geändert. Nun ist es aber ein Grundzug im Leben aller modernen Völ­ker, ein unausgesprochener und rechtmäßiger Grundzug, daß das Wachstum und die Fruchtbarkeit des Lebens nur durch ein ständiges großes Volksopfer durch die uner­müdliche Hingabe der Volkskräfte an die Gewinnung und Bearbeitung der Rohstoffe erreicht werden kann. Die Söhne dieser Arbei­terschichten, die in die geistigen Berufe aufsteigen, sind in gewissem Maß ein sich stets erneuerndes Sinnbild dieses Vorgangs. Wenn nun ein Teil der Bevölkerung, der fast überall durch seinen körperlichen Typus und seine eigentümlichen Be­wegungen auffällt, an diesem Volksopfer nicht teilnimmt — mögen die Ursachen dafür auch in der Vorgeschichte wurzeln —, aber an den Früchten dieses Opfers, am geistigen Leben und am geistigen Werk des Volks einen vollen und sogar ihren Prozentsatz an der Allgemeinbe­völke­rung übersteigenden Anteil fordern; wenn sie sich scharenmäßig den Söh­nen der Opfer­träger anschließen und sie sogar von ihrem Platz verdrängen, dann ist der Boden für den neu­en Antisemitismus bereitet. Er bricht aus, wenn eine Wirtschaftskrise dazu Anlaß gibt, wenn der Lohn des Volksop­fers sich sehr vermindert, wenn der Aufstieg der Söhne behindert wird, und besonders, wenn durch Arbeitslosigkeit breiten Teilen des Volkes etwas viel Schwereres auferlegt wird, als jenes Opfer — nämlich ein zweckloses, hoff­nungsloses Leben. Die Juden, die sich in den oberen Geschossen hervortun, tatsächlich oder augenscheinlich von all dem nicht betroffen wurden, fal­len dann noch mehr auf als bisher, und im Herzen der Betroffenen wandelt sich der Eindruck in tiefe Verbitterung, die mit Sprengstoff zu vergleichen ist; nun fällt in ihn als Zündfunke die politische Losung.

Diejenigen, die den Funken in das Pulverfaß warfen, werden dem Ge­richt nicht entgehen. Aber wir erfüllen unsere Pflicht nicht, indem wir trau­ern und klagen. Wir müssen aus dem Geschehenen lernen und das Gelernte in die Tat umsetzen. Die gewaltige Sache, keiner an­dern in der Geschichte zu vergleichen, an die wir in Palästina gegangen sind, hat ja keinen ande­ren Sinn und wird keinen andern Bestand haben als den, daß wir uns nun endlich ein wirkliches eigenes Haus bauen, und so, wie man ein Haus baut, das lange dauern soll, das heißt: auf festen und starken Grundmauern. Und das Haus des Volks hat keine andere Grund­mauer als die des Dienstes seiner breiten Schichten, die die Gesellschaft tragen, an der Erzeu­gung und Be­arbeitung der Rohstoffe. Das geistige Leben müssen wir uns durch Opfer schwe­rer Arbeit am Boden und seinen Erzeugnissen erkaufen. Wir werden keine echte Kultur er­reichen, wenn wir den Unterbau nur flüchtig erstel­len, um schnell in die prächtigen Oberge­schosse einzuziehen; täten wir es, so würde alles zusammenfallen. Jedes geistige Werk wird rechtmäßig nur aus der Fülle des Lebens geboren, die dem großen körperlichen Werk des Volks entspringt; alles andere ist künstlich und vergänglich. Wer von uns nicht am Arbeits­opfer teilnehmen kann, muß sich zu jeder Stunde und in jeder Lage unmittelbar als Genosse der Arbeitenden fühlen. Er muß wissen: diese Ar­beit ist meine Angelegenheit, nur durch sie erhält mein Leben Grundlage und Sicherheit, ohne sie würde ich in der Luft hängen; ich habe keinen an­deren wirklichen Boden unter den Füßen außer dem, den mein arbeitender Bruder mit seiner Mühe für mich erwirbt. Es ist sehr traurig zu sehen, daß sogar hier, in diesem Land, das wir unser Land nennen, sich die Verehrung der oberen Geschosse verbreitet, die nur einen flüchtigen Blick nach un­ten wirft, um dann mit Begeisterung ihr Auge nach oben zu lenken. Dies ist Galuth auf dem Boden Zions. Das, was man Volk nennen darf, wahres Volk, einheit­liches Volk, kann nicht anders erreicht werden als dadurch, daß der Geist die Arbeit mit einem Kreis der Liebe umringt.

Gelingt uns diese Änderung der Perspektive, diese Umwertung der Werte, dieser einheitliche Aufbau des öffentlichen Lebens von unten nach oben, dann wird von hier auch auf die Dia­spora und ihre Beziehung zu den herrschenden Völkern ein Einfluß ausgehen, dessen Stärke und Tiefe vorerst nicht abzusehen sind.

Noch wichtiger aber als diese ist eine andere Lehre, wiewohl sie im Grunde beide eins sind. Sie richtet sich gegen eine Irrlehre, die unter uns verbreitet ist und die man etwa so formulie­ren kann: der äußerste und to­tale nationale Egoismus, der in Deutschland herrscht, ist an und für sich richtig, es ist die richtige Politik einer Nation, und besonders in Zeiten der Krise; uns erscheint sie nur deshalb negativ, weil sie gegen uns gerichtet ist; der wichtigste Maßstab für uns ist der unseres nationalen Egoismus. Un­ter allen Greueln der Assimilation kenne ich keine Anschauung, in der sich Juden dermaßen erniedrigen wie in dieser, die sich anmaßt, ein Er­gebnis des Zionismus zu sein. Jahrtausende lang bekannten wir uns zu der Lehre, daß die Welt auf Gerechtigkeit gegründet ist, auf Gerechtigkeit zwischen Mensch und Mensch, zwi­schen Volk und Volk; wir sagten uns und der Welt: das Geschichtsbild, das dem Frevler Sieg und Macht zuteilt, führt irre, denn innen ist sein Sieg Niederlage und seine Macht Schwäche. Und nun tritt uns in dieser Stunde das Zerrbild des Unrechts entgegen, die Fratze eis­kalter Gemeinheit, der Grausamkeit, die wie eine Maschine funktioniert, ein Golem, auf dessen Stirn Satans Name geschrieben ist, er bemächtigt sich einer unserer Gemeinschaften nach der an­dern, schändet und zerstört eine unserer Gemeinschaften nach der andern. Und nach alledem wimmeln unter uns die Leute, die sagen: dieser Satansbote fugt uns zwar Un­heil zu, aber Satan selbst hat recht, Satan ist der wahre Gott, es gibt keinen Gott außer ihm! Nach alledem wimmeln unter uns die Leute, die lehren: solange wir schwach waren, haben wir erklärt, was wir erklärt haben, weil wir schwach waren, aber jetzt müssen wir erstarken und die Werke des Sa­tan tun, wie die Starken, damit es uns auf dem Boden wohl ergehe. Wenn wir diese Lehre annehmen, dann unterschreiben wir mit eigener Hand die Anklageschrift gegen uns. Und dieses Land — daß es nicht mit Unrecht ge­baut werden kann, seine ganze Geschichte bezeugt es. Wer das nicht wahr­haben will, wer meint, daß dies ein Land sei wie alle Länder, ebenso wie wir seiner Meinung ein Volk wie alle Völker sind; wem das Wort vom Heiligen Land ebenso wie das vom Gottesvolk eine veraltete Redensart ist, der han­delt im Land Israel wie Hitler, denn er will, daß wir Hitlers Gott dienen, nachdem sie ihm einen hebräischen Namen beigelegt haben. Und wer wie Hitler handelt, wird mit ihm zusammen untergehen. Wir müs­sen ihn be­kämpfen, indem wir seinen Götzen vernichten. Wir müssen das Reich des Frevels bekämpfen, indem wir den Frevel bekämpfen.

Können wir ihn bekämpfen? Wir können es, indem wir in diesem Land das Reich des Gottes der Gerechtigkeit errichten. Wie können wir dies tun? Dadurch, daß wir ein gerechtes Leben fuhren. Kann man das in dieser Stunde beginnen? Es gibt keine Stunde, die dafür geeigneter wäre als diese. „Gott führt Krieg gegen Amalek“ — siegen können wir nur, wenn wir un­sere Krieg als Gottes Krieg führen. An der jetzigen Kriegsfront, an der die, die gegen Hitler kämp­fen, nur wissen, wogegen sie kämpfen, nicht aber wo­für, ist Gottes Wahrheit nicht zu finden. Aber hier ist sie zu finden, — wenn wir nur wagen, ihr zu dienen.

Quelle: Martin Buber, Der Jude und sein Judentum. Gesammelte Aufsätze und Reden. Mit einer Einleitung von Robert Weltsch, Köln: Joseph Melzer, 1963, S. 648-654.

Hier Bubers Text als pdf.

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