Paul Althaus zur deutschen Schuld in einer Predigt von 1945: „Gott hat uns zu anderen Zeiten und anderen Völkern den großen Mann gegeben und ihn gesegnet, dass er mit reinen Händen baute und nicht in schwere Schuld fiel – warum hat er es uns in unserer Lage versagt? Es liegt doch an seinem Willen.“

Wie schwer man sich in der evangelischen Kirche unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg getan hat, eigene Schuld und Mitverantwortung im Hinblick auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft öffentlich einzugestehen, wird in der Predigt der Theologieprofessors Paul Althaus (1888-1966) deutlich, die dieser 1. Juli 1945 in der Neustädter Kirche in Erlangen gehalten hatte:

Denken wir nur an die letzten 25 Jahre, seit 1920. Wir hatten doch das Recht und die Pflicht, aus den Fesseln von Versailles aufzustehen, um die Freiheit, um die Wiedervereinigung aller Deutschen zu ringen. Es war doch kein Unrecht, was die deutsche Jugend glaubte und hoffte, wofür sie leben und ringen wollte: das Reich. Aber es ist uns nicht gelungen. Warum nicht? Die erste Antwort – wir haben sie in diesen Monaten tausendfach durchge­dacht und miteinander durchgesprochen – muß immer wieder diese sein: unsere Führung hat furchtbare Fehler gemacht und schweres Unrecht be­gangen. Deutsche Schuld! Gewiß. Davon mußte in den letzten Wochen zuerst geredet werden, auch von dieser Kanzel. Aber das kann nicht das letzte, das ganze Wort sein. Gott hat uns zu anderen Zeiten und anderen Völkern den großen Mann gegeben und ihn gesegnet, daß er mit reinen Händen baute und nicht in schwere Schuld fiel – warum hat er es uns in unserer Lage versagt? Es liegt doch an seinem Willen. Er hat es nicht gewollt – und nun stehen wir an den Trümmern des deutschen Hauses, an dem Grabe von soviel Glauben und Hoffen, vor allem unserer Jugend! Dabei ermessen wir den ganzen Jammer heute noch gar nicht. Viele von uns mögen in den ersten Tagen und Wochen nach der Wende aufgeatmet haben; wir dachten, nach soviel Zerstören werde jetzt der Aufbau beginnen. Und nun kommt neues Herzeleid über viele Häuser und neues Unrecht geschieht, von der anderen Seite. Wie viele werden vor das Nichts gestellt und sehen keinen Weg für sich und die Ihren! Ziehen wir jetzt am Abend eines Tages die Summe alles dessen, was uns am Tage in den Gesprächen und Begegnungen kund geworden ist an Leid und Not in unserem Volke – man kann krank und verzweifelt darüber werden. Warum das alles? Gericht Gottes – gewiß! Aber wir kommen mit diesem Worte nicht durch. Schuld und Strafe- es geht nicht auf und reicht nicht aus. Dahinter liegt ein tieferes Geheimnis Gottes. Warum ließ er denn die Menschen unter uns wachsen, die uns alle in das Verderben brachten? Und nun leiden so viele Unschuldige mit den Schuldi­gen. Was soll das? Was will Gott mit alledem? Sind wir Deutschen ein Unglücksvolk unter den anderen, wie die Juden, das Gegenbild zu ihnen? Ein Volk des Fluches Gottes? Hat der Schöpfer uns in seinem Zorn geschaf­fen, zum Unheil? Hat er nur dunkle Gedanken mit uns? Im Blicke auf alles was geschehen ist, auf alles Mißlingen kommen uns die Worte aus dem alten Liede der Burschenschaft in den Sinn: „Und Gott hat es gelitten – Wer weiß, was er gewollt?“ Wer weiß, was er jetzt will, was er mit uns vorhat?“

Quelle: Paul Althaus, Der Trost Gottes. Predigten in schwerer Zeit, Gütersloh 1946, S. 251-260.

Hier der Text als pdf.

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