Christoph Blumhardts Brief an seine Ehefrau Emilie nach dem Tod des Sohnes Herrmann 1909: „So, meine Liebe, sind wir um eine Gottestat reicher. Herrmann ist frei und los von seinen Gebundenheiten. Und heilig steht der Weg Gottes vor uns.“

Da starb ganz überraschend unfallbedingt der eigene Sohn Herrmann (1873-1909), während Christoph Blumhardts Ehefrau Emilie zwei der Söhne sowie ihre Schwester in Neuseeland besuchte. So schreibt Christoph Blumhardt folgenden Brief an seine Frau nach Neuseeland (wo Lebens- und Todesumstände des Sohnes an Karl Barths verunglückten Sohn Matthias erinnern):

9. Oktober 1909

Liebe Emilie!

So, nun ist diese bewegte, die ganze Luft erschütternde Woche vorüber. Du hast schon durch Telegramm gehört, daß unser Herrmann abgerufen wurde. Und wie! — Letzten Montag, ich lag noch im Bett, früh morgens, kam die Nachricht, Herrmann sei nachts um zwei Uhr infolge von Explosion seiner Petro­leumlampe in Brand geraten und um 6 Uhr gestorben. Mit Schwester Anna reiste ich sofort nach Wasseralfingen, und da hörten wir das Schreckliche genauer.

Er hatte die Gewohnheit, bis in die Nacht hinein zu arbeiten oder auf seinem Sofa zu liegen, um vor dem Schlafen seine Seele zu beruhigen von den Eindrücken des Tages. So auch an diesem Tage. Um 2 Uhr zog er sich aus, nahm seine Petroleumlampe vom Schreibtisch, und im Hinübergehen ins Schlafzimmer blies er in den Cylinder, um die Lampe zu löschen. Diese explo­dierte, und er selbst wie auch mehrere Orte seines Zimmers standen in Flammen. Er eilte ins Schlafzimmer, umwickelte sich mit einem Teppich und wälzte sich im Bett, um sich zu löschen; aber der Teppich kam auch in Flammen, und bis man auf sein Rufen kam, lag er im Bett förmlich in Flammen. Nun wurde gelöscht. Aber seine Haut war vom Kopf bis zu den Fü­ßen verbrannt. Er sah selbst sofort ein, daß sein Leben ein Ende habe und rief kurz entschlossen den Weinenden zu: »Das ist nun der Wille Gottes; diesen Weg will ich auch gehen.« – Die Schmerzen waren furchtbar. Aber er blieb stark, ordnete alle seine Sachen mit Angabe des einzelnen, berichtete dann der Frau Doktor (Frau seines Chefarztes) noch über die Patienten der letzten Tage – der Chefarzt war verreist – und wies alle wei­tere Hilfe auch des herbeigeeilten Arztes von Aalen zurück und versammelte die Anwesenden zum Gebet, segnete sie und tröstete sie, machte sich dann selbst Morphium-Einspritzungen, wurde still und verschied leise und gefaßt etwas nach 6 Uhr. Wir kamen nachmittags um 2 Uhr hin, besuchten erst die Frau Doktor, die schrecklich angegriffen war; denn sie selbst saß an Herrmanns Bett, bis er starb, und der Anblick war furchtbar. Und sie erzählte uns von Herrmann und von seinem rätselhaf­ten Wesen. Er wurde immer mehr in sich gekehrt, ging im Gei­ste ganz einsame Wege, mied die Gesellschaft, opferte sich nur völlig auf für seine Kranken, Armen, Elenden, wie er’s auch in Briefen an mich und andere schrieb: daß er sich selig und glück­lich fühle in steigendem Maße in der Selbstaufopferung für seine Nebenmenschen und im Vertrauen auf Gott und seine Kraft.

Trotzdem er beständig körperlich mehr herunter kam – denn er vernachlässigte die körperlichen Bedürfnisse vollständig – war er doch innerlich glücklich und fühlte sich wie ein sorgenloses Kind des Vaters im Himmel.

Freilich merkte er nicht, daß ihm der Boden des irdischen Le­bens immer mehr unter den Füßen entglitt und er vor einer Ka­tastrophe stand, die für ihn und für uns arg gewesen wäre. Denn die Ärzte waren eben oft erschrocken über die Art und Weise, wie er seine Kuren anbrachte; und der Arzt, der abends noch von München her gekommen war, sagte uns, er hätte ihn wohl entlassen müssen, denn er habe eingesehen, daß Herrmann ein­fach nicht anders sein konnte, auch wenn er es wollte. Er wäre dann nirgends mehr angestellt worden.

Nun hat Gott eingegriffen, und er hat dieses äußerlich durch die Welt bedrängte Kind förmlich herausgerissen mit äußerster Gewalt, um ihm und uns das viel Bitterere zu ersparen — seine Entlassung und das Aufhören seiner Tätigkeit, in welcher er nur Gott dienen wollte mit einer Zuversicht, wie sie kaum ein anderer hat. Er hat mit seinem kindlichen, allezeit dienstberei­ten Herzen viel guten Samen in die Herzen gelegt, und das merkte er und freute sich darüber. – Es ist nur eine Stimme be­züglich seiner Frömmigkeit und seines Mutes, diese festzuhal­ten, bezüglich seiner Liebe und seiner Aufopferung.

Wir reisten ab, nachdem wir Hans (Weber) und (seine Frau) Clara beauftragt hatten, nach Wasseralfingen zu gehen und für die Überführung der Leiche hierher alles zu besorgen. – Herrmann hatte noch gesagt: »Betet nur, und begrabet mich am Rande des Waldes.« Das konnte natürlich nicht sein. –

Im ganzen Land war eine Bewegung über dieses Ereignis. In Stuttgart las man es an jeder Straßenecke, und obwohl wir keine Anzeige machten, bekamen wir doch von allen Seiten Briefe.

Gestern nun war die Beerdigung, zu der viele Menschen ge­kommen waren. Dein Bruder von Stetten war da und viele an­dere. Im oberen Gartensaal gegen die Straße zu war die Leiche aufgebahrt. Und ich sprach über die Losung des Tages: »Ich will dir einen neuen Namen geben, den des Herrn Mund nennen wird.« Du wirst meine Worte zugeschickt bekommen.

So, meine Liebe, sind wir um eine Gottestat reicher. Herrmann ist frei und los von seinen Gebundenheiten. Und heilig steht der Weg Gottes vor uns.

In vieler Liebe Dich grüßend mit Friedrich und allen anderen.

Dein Christoph

Quelle: Quelle: Christoph Blumhardt, Ansprachen, Predigten, Reden, Briefe 1865-1917. Neue Texte aus dem Nachlaß herausgegeben von Johannes Harder, Bd. 3: Geliebte Welt 1907-1917, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 21982, S. 52-54.

Hier der Brief als pdf.

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