„Ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“ – Karl Barth und der Bergtod seines Sohnes Matthias

Fründenhorn Karl Barth

Karl Barth (1886-1968) ist wohl neben Dietrich Bonhoeffer der bekannteste und evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts. Viel hat Barth geschrieben, unter anderem seine unvollendet gebliebene Kirchliche Dogmatik mit rund 9300 Seiten in 13 Teilbänden. Und viel ist über ihn geschrieben worden. Will man hinter all den Texten Karl Barth nahekommen, dann im Augenblick der Trauer.

Am 22. Juni 1941 ist der 20jährige Matthias Barth, zweitjüngster Sohn Karl Barths, im Spital von Frutigen seinen Verletzungen erlegen, die er sich am Vortag bei einem Absturz auf einer Bergtour am 3369 m hohen Fründenhorn in der Schweiz zugezogen hatte. Drei Tage später bei der Beerdigung in Bubendorf hält der Vater die Predigt. Da blickt Barth auf das kurze Leben seines Sohnes zurück:

So sehe ich ihn noch als Neunjährigen bei einem für seine Kräfte viel zu schwierigen Gebirgsweg, auf den er sich mit uns begeben hatte, mit leichtesten Füßen, den Boden nur eben berührend, um uns Andere und um alle Gefahren unbekümmert, von einem Felsblock zum anderen springen wie eine kleine Gemse. Er war auch da, wo er sich daheim fühlte, immer ein wenig draußen, ein wenig anderswo.

Und dann stellt Barth den schmerzlichen Verlust seines Sohnes in das Licht von Ostern:

Wir brauchen ja bloß den auch für ihn gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus zu erkennen, um auch unseren Matthias und sein so rätselhaftes, kurzes Vorüberwandern recht zu verstehen: zu verstehen, woher und wohin die Reise ging, die uns so oft verwundert hat. Ihn und seine Verwunderlichkeit sehen wir jetzt nicht mehr, darum nicht, weil er mitten in den Glanz der Auferstehung seines und unseres Herrn hineingehend unserem Blick entschwunden ist. Diesen Glanz aber sehen wir und in ihm auch, wer und was unser Matthias gewesen ist: ein Mensch mit seinen Schranken und Fehlern, ein armer Sünder wie wir alle, aber mehr als das: ein Mensch, den der Vater im Himmel sein Kind, Jesus Christus seinen Bruder nennen wollte, ein Mensch, für den der Sohn Gottes sich selbst dahingegeben hat, damit er, der Unerfahrene, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.

Das ist es, was Karl Barth als Christ ausmacht, dass er Jesu Tod und Auferstehung alles Göttliche zutrauen kann, was uns Menschen nicht verlieren lässt:

Dass der Tod Kraft, erschreckende und schmerzliche Kraft hat, das sehen wir. Aber daß er keinen tödlichen Stachel hat, das glauben und das wissen wir. Mehr noch: wir glauben und wissen, daß gerade der Tod – nachdem Jesus Christus ihn erlitten hat, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen – auch denen, für die er ihn erlitten hat, nur noch der Weg und Dienst zu derselben Herrlichkeit sein kann. […] Darum können wir heute in aller Trauer nicht nur trauern. Können wir selbst nicht jubeln, so hören wir doch eine ganz andere Stimme jubeln auch über der bösen Stelle am Fründenhorn, wo Alles geschehen ist, auch über dem Grab, von dem wir herkommen. Sie redet von der Vollendung auch dieses Unvollendeten, von seiner nun eben durch den Tod als Gottes Diener vollbrachten Vollendung. Sie redet von Frieden und Freude und vollem Genügen. Was könnten wir, da wir diese Stimme hören, Anderes tun, als unserem Gott – sei es dann unter Tränen – danken dürfen, daß er es mit unserem Matthias in seinem Leben und in seinem Sterben gut gemeint und gut gemacht hat? Und so auch mit uns! Ich bin – sagt uns Jesus –, ich bin die Auferstehung und das Leben.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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