Christoph Blumhardts Predigt nach Kriegsausbruch vom 7. August 1914: „Es ist kein Volk be­sonders schuldig, und wir können nur sagen: »Herr, du bist es! Mache es gnädig! Mache es gnädig mit den Einzelnen, mache es gnädig mit den Völkern allen!“

Ganz anders als die hurrapatriotischen Kriegspredigten aus dem 1. Weltkrieg ist Christoph Blumhardts (1842-1919) Predigt vom 7. August 1914, die er im Rahmen einer Morgenandacht hielt:

Es ist der Herr!

Es hilft keine Weisheit und kein Verstand und kein Rat wider den Herrn. (Sprüche 21,30)

Im Geschick der Menschen liegt etwas Unabänderliches, etwas das man nicht än­dern kann und gegen das man nicht kämpfen kann. Jede Lebensgeschichte eines Menschen mit den Vorkommnissen darin ist wie voraus bestimmt, wie mitgebo­ren, und das kommt, und wir können nichts dagegen machen. Dazu gehört dann auch allerlei Unglück, und dieses Unabänderliche, das ist der Herr. In dieses Unab­änderliche müssen wir uns schicken, wenigstens tun wir gut daran, denn mit Mur­ren und Klagen kommen wir gar nicht weiter, – es geschieht doch, wir können es nicht ändern. Das ist der Herr.

Es ist natürlich ein Unterschied: das Schöpferische Gottes ist ja in jedem Menschen wie in jeder Kreatur; wenn sich aber das Schöpferische Gottes auf unsre einzelnen Lebensschicksale beziehen soll, daß danach unser Lebensplan geschaffen wird, so ist das etwas Besonderes, kann etwas Besonderes sein bei Menschen, die, wie es in der Bibel steht, zum Volk Gottes gehören. Da wird es immer exakter, immer drin­gender, da heißt es immer in unsern Herzen: »Ich muß! Jetzt kommt es so, jetzt muß ich.« Und am besten ist es, zu sagen: »Ich will! Ich will es auf mich nehmen,- es ist der Herr!«

So können viele Leute auch von dem Übel, das sie in ihrem Leben ertragen müssen und ertragen haben, sagen: »Es ist der Herr!« Und es liegt ein großer Trost darin, auch wenn wir uns oft müssen Vorwürfe machen, – denn das hört natürlich nicht auf. In das Schöpferische Gottes können wir eine Art Hindernis hineintragen oder können es befördern, und dann geht es schneller und leichter vorüber. Je mehr wir uns wehren, desto mehr Sünde tun wir, und je mehr wir es uns gefallen lassen, de­sto mehr kann der liebe Gott vorwärts eilen durch all unser Geschick hindurch, durch Gutes und Böses, durch alles, was wir erleben!

So ist es nun auch mit den Völkern. Jede Nation ist auch eine einzelne Persönlich­keit, eine Individualität, – da ist auch das Geschick der Völker geordnet; es kommt, wie es der Herr gemacht hat. Das Schöpferische Gottes ist in den Völkern und sie müssen das erleben, was er schöpferisch in die Völker gelegt hat. So stehen wir auch heute in einer Zeit, in welcher wir sagen können: » Es ist der Herr.« Und jeder Soldat kann sagen, wenn er ins Feld zieht: »Es ist der Herr.« Wir leben in einer Zeit, in welcher es der liebe Gott so geschickt hat. Es ist schon lange bestimmt und schon lange vorbereitet: Es muß über unser Europa eine Trübsal kommen. Ich habe es oft müssen denken in der letzten Zeit, denn eins war ja immer bedrückend: wir fühlten uns wie in eine Fäulnis hineinkommen, – lauter Feste und Lachen und Tanzen und lauter Vereinigungen auf zeitliche Sachen, lauter Parteihader. Jetzt heißt es auf einmal: »Halt! Merket auf: Es ist der Herr, der kommt!« Und es hat es auch niemand gemacht. Ich finde es läppisch, wenn man heute bloß auf Rußland die Schuld schiebt. Es ist besser man sagt: »Es ist der Herr.« Es ist kein Volk be­sonders schuldig, und wir können nur sagen: »Herr, du bist es! Mache es gnädig! Mache es gnädig mit den Einzelnen, mache es gnädig mit den Völkern allen! Ma­che es so, daß ein Vorteil dabei herauskommt!« Denn das dürfen wir ja denken: wenn schöpferisch unser Geschick sich vollzieht, so ist das Ende immer gut. Im Volk Israel war es auch so schöpferisch bestimmt; das mußte durch die größten Trübsale gehen, – am Ende mußte es gut sein. Die Gerichte Gottes – wie wir es nun auch nennen können – sind nie bloß zum Schaden, wenn es auch äußerlich in un- serm Leben oft Hemmnisse gibt; aber innerlich kann es vorwärts schreiten. Und dazu müssen auch die Geschicke dienen, denen wir unterworfen sind nach Gottes Rat.

So wollen wir also mutig und getrost sein. Wir leben in einer Zeit, da wir – Gott sei Dank! – wieder einmal sagen dürfen: Wir erleben etwas, und das ist der Herr. Wir wollen recht biblisch denken wie die Israeliten, wie ein Prophet in Israel, wenn das Unglück kam: » Es ist der Herr.« Und dabei dürfen wir wohl denken: Es ist oft auch verschuldet, lange vorher, – man kann sagen: Jahrzehntelang, vielleicht vor uns­rer Geburt. Während die Friedenszeiten gewesen sind, hat es sich schon ausgebo­ren, und man hat schon zittern müssen, und daß etwas kommt, haben alle gespürt. Und gegen dieses: »der Herr« kann niemand etwas machen, – keine Weisheit, kein Verstand, kein Rat! Das will uns oft sauer werden. Was hat man nicht alles An­strengungen gemacht! Man hat das Zittern in der Luft schon gespürt; dann sind Friedensbewegungen aufgekommen: »Nein, wir wollen keinen Krieg! um keinen Preis!« haben die Leute gesagt. Die große Friedensgesellschaft ist auch gut gewe­sen, aber genützt hat sie nichts, – kein Verstand und kein Rat! Es kommt, – es ist der Herr! Und so müssen wir es uns jetzt gefallen lassen mit rechtem Glauben, mit rechter Geduld und mit rechter Ausdauer. Denn wer weiß, wie es noch kommen kann, – es kann sehr schwer werden. Mag aber kommen was will – wir sagen: »Es ist der Herr!« und töricht sind die Menschen, die sagen: »Wie kann Gott so etwas tun?« – als ob im Geschick der Menschen Gott jemals das Übel ganz ausgeschlos­sen hätte, als ob Gottes Plan immer der wäre, daß wir ja recht ungerupft, recht be- quem und recht satt durch dieses Leben gehen. Das ist dem Menschen gar nicht gesund, – er soll nur etwas durchmachen. Wir sollen Kämpfer sein, und Kämp­fer werden wir, wenn wir das uns gefallen lassen, was in unser Leben hinein­fällt.

Aber wir wollen nicht bloß bei dem großen Weltgeschichtlichen stehen bleiben, sondern wir wollen an uns selbst gehen. Geschick und Schicksal einzelner Men­schen- nimm es alles von Gott, auch deine Schwachheit, auch wenn du körperlich leiden mußt und vielleicht auch geistig, wenn du schwache Nerven hast, wenn du Angst hast und einen Kampf hast schwerer als andre Menschen. Wenn es dir oft fast nicht gelingen will, Geduld zu haben, so sei doch getrost im Innersten deines Herzens; ganz tief drin sollst du immer sagen: »Ich bin Gottes, mein Geschick ist Gottes, und wenn ich zittre, so zittre ich im Namen Gottes und habe Angst im Namen Gottes; und wenn ich krank werde, so bin ich krank im Namen des Herrn, der es so bestimmt hat in meinem Leben.« Wehe uns, wenn wir murren! wehe uns, wenn wir klagen! wehe uns, wenn wir alles Übelnehmen! Und das Ge­schwätz, das ich heute so vielfach hören muß: »Wie kann Gott so etwas tun?« – o ihr Narren! – Gott ist heilig, und das einzige hohe Gebet, das wir heute sagen müs­sen, ist: »Geheiligt werde dein Name! – auch im Völkerschicksal, in unsrer Ge­schichte! – geheiligt werde dein Name!«

Dabei bleiben wir und besinnen uns nicht lange, und so kommen wir zur Hilfe in unsrer Zeit. Unsre Zeit ist eine von Gott bewegte, vielleicht mehr als manche andre Zeit. Aber auch andre Zeiten sind hohe Zeiten gewesen, gewaltige Zeiten. Die Napoleonszeiten waren auch gewaltige Zeiten. Wer klug war, hat gesagt: »Er ist der Herr!« Wer nicht klug war, hat geschimpft, – da war Napoleon immer der Teufel. Aber die Gotteskinder sagen: »Es ist der Herr, der in unser Geschick das hinein gelegt hat, was kommt.«

So wollen wir also getrost sein und wollen auch darauf halten, daß ein Schutz mit dem geht, der als ein Soldat hinauszieht. Stirbt einer – gut! es soll auch da heißen: »Es ist der Herr, es ist Gottes Willen.« Und lebt einer, so soll er demütig sein und sagen: »Es ist der Herr, der mich wieder heimgebracht hat in mein Leben hinein, das ich auf Erden noch weiter führen soll.« So steht es mit uns und wir können froh und dankbar sein, wenn auch wieder Zeiten kommen, in denen es ein wenig ernst hergeht, und wir dürfen nicht zagen und bitter werden, – es wird gewiß zum Al­lerbesten ausfallen.

Quelle: Christoph Blumhardt, Gottes Reich kommt. Predigten und Andachten aus den Jahren 1907 bis 1917, hrsg. v. R. Lejeune, Erlenbach-Zürich/Leipzig 1932, S. 358-361.

Hier Blumhardts Predigt als pdf.

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