Friedrich Niebergall über die Kriegspredigt (1914): „Die Kriegspredigt als eine Kasualpredigt verlangt, dass der Krieg, diese Erschei­nung des gegenwärtigen Weltverlaufs, mit dem christlichen Denken und Leben in Verbindung gebracht werde.“

Die Kriegspredigten aus dem I. Weltkrieg sind ein besonderes Zeugnis für die Irrungen eines religionistischen Protestantismus. Aufschlussreich ist, was Friedrich Niebergall (1866-1932), einer der maßgeblichen liberalprotestantischen Vertreter der Praktischen Theologie seiner Zeit, 1914 über den Kasus „Kriegspredigt“ schrieb:

Über die Kriegspredigt

Von Friedrich Niebergall

Die Kriegspredigt als eine Kasualpredigt verlangt, daß der Krieg, diese Erschei­nung des gegenwärtigen Weltverlaufs, mit dem christlichen Denken und Leben in Verbindung gebracht werde. Dabei soll einmal alles, was an Licht und Kraft im Glauben liegt, aufgeboten werden, um die Tatsache des Krieges zu bewältigen; dann aber soll auch der Krieg fruchtbar gemacht werden, um das religiöse und sitt­liche Leben der Gläubigen zu fördern. Dazu ist es nicht nötig, daß immer der Krieg, dieses aus der Erfahrung stammende Glied der anzubahnenden Verbin­dung, behandelt oder auch nur erwähnt werde; man kann auch für den Krieg pre­digen, indem man nicht über den Krieg predigt, zumal wenn der Krieg sich länger hinzieht, als die erste Spannung der Aufmerksamkeit anhält. Dann kann man aber, da in der Predigt die Ver­kündigung von Gott die Hauptsache ist, diese Ver­kündigung so gestalten, daß sie eben auf jenes Ziel, die Bewältigung des Krieges, hinzielt; es bleibt dann den Hörern überlassen, selbst die Beziehung auf den Krieg herzustellen, was für viele eine erfrischende Abwechslung und heilsame Anre­gung zur eignen Arbeit bedeutet. Dabei kann es sich natürlich nur um die großen Haupt Wahrheiten unsres Glaubens handeln: Vertrauen auf Gott, Schärfung des Gewissens, Gemeinschaft unter einander und vor allem das immer mehr sich ver­tiefende Einzelgebet zu Gott . . .

Es ist falsch, immer von dem Krieg auszugehn. Man muß vielmehr ausgehen von dem Vater­land, für das er geführt wird. Es rächt sich die Vernachlässigung der So­zialethik durch unsre Theologen, wenn sie mit dem sittlichen Gut des Vaterlandes und des Staates so wenig anzu­fangen wissen. Zwischen dem Einzelnen und der Menschheit, zwischen dem Einzelteil und dem Reiche Gottes steht das sittliche Gut des Vaterlandes, teils Arbeitsgebiet für den tätigen Glauben, teils Halt und Glück für den auf das Höchste gerichteten Sinn; es ist ein Gut, das weder Welt noch Himmel, sondern ein Mittelding ist: niedriger als das Reich Gottes, aber hö­her als ein Haufe von Menschen und von Dingen. Nicht nur ein Mittelding ist es zwischen Welt und Reich Gottes, sondern auch der Weg von dem einen zum an­dern. – Setzt so der Glaube der Reformation das Vaterland in das rechte Licht, so sind damit die zur Rechten und die zur Linken abgewiesen, die entweder nur das Seelenheil und das Reich Gottes oder das ohne jede Rücksicht auf höhere sittliche Güter und Ideale zu fördernde All-Deutschland ken­nen. Zugleich fällt aber damit auch auf den Krieg das rechte Licht. Er ist zunächst ganz einfach Pflicht; denn Gü­ter müssen verteidigt werden, und der Krieg ist eine Bedrohung eines Gutes, für das wir vor Gott verantwortlich sind. Dann ist der Krieg auch ein Gericht: er macht offenbar, wie weit einem Volk sein Vaterland ein sittliches Gut bedeutet. Grade die enge Verbindung zwischen dem Gut der Gemeinschaft, zumal dem der Volks­gemeinschaft, und dem Guten, eine Verbindung, die sich geschichtlich und sy­stematisch sehr genau erkennen läßt, bringt im Gerichtsfeuer des Krieges an den Tag, ob ein Volk seine Grundmauern mit Stoppeln oder mit festen Steinen gebaut hat. So vollzieht sich in dem Kriege, der alle Tiefen bloßlegt, das Weltgericht der Weltgeschichte in zusammengefaßter Gestalt. Er ist ein Dies irae für jedes Volk, das nicht dem Weltgesetz von der erhaltenden Macht der innern Wahrheit, des Idealismus und der Gemeinschaft gehorcht hat. Der Krieg läßt sein Schwert durch die Seele des Volkes dringen, daß vieler Herzen Gedanken offenbar werden; neben all dem Hero­ismus, den er erweckt, darf man auch die Flut von Bestialität nicht vergessen, die alle optimi­stische Kultur Seligkeit Lügen straft und den schlimmsten Annahmen von der Verderbtheit der menschlichen Natur Recht gibt. Endlich ist der Krieg, abgesehen von dieser ethischen Bedeutung, einfach eine Heimsuchung, und zwar eine furchtbare Massenheimsuchung, die alle qualvollen Rätsel der Welt zusammenfaßt und unermüdlich bohrende Fragen aufwirft . . .

Zunächst kommt es natürlich darauf an, für das Ziel des Krieges, die Erhaltung und Stärkung jenes sittlichen Gutes, des Vaterlandes, alles herauszuholen, was im christlichen Leben dafür an Mitteln enthalten ist. Dazu gehört vor allem der Glaube in dem eng umgrenzten Sinn, daß die Hingabe an ein Gut, das über unserm Eigenwohl steht, und das Vertrauen auf den Willen, der dies wie alle wahren Güter in seiner Hand hält, ebenso unsre Hand stark macht, wie sie durch niedrigen Sinn oder Verzagtheit geschwächt wird. Hat die erste Zeit des Krieges reich­lich Begeisterung entbunden, so muß jetzt der zähe, nachhaltige, treue Glaube bei leichtge­sinnten und schwermütigen Leuten herangezogen werden. Die Macht des Gebets ist aller Übertreibung und allem Unglauben gegenüber immer wieder da­hin zu bestimmen, daß es sich auf die Erlangung von Kräften der Geduld, der Hin­gebung und des Vertrauens richten soll; wie wir es überhaupt in allen ähnlichen Fällen den Propheten ablernen sollen, immer religiöse und sittliche Kräfte zwi­schen dem Gott der Hilfe und dem Wohl unsres Landes einzuschieben, statt irgend einen Wunderzauber von dem allmächtigen Gott zu erwarten. Dieselben sagen uns auch, wie wichtig die Gemeinschaft zwischen den Volksgenossen, wie wichtig besonders die Überbrückung sozialer Klüfte für die Erhaltung des Ganzen ist; daß solche soziale Betätigung nicht bloß Angsterzeugnis sein darf, wie Befreiung der Sklaven in Jerusalem, Jeremia 34, versteht sich von selbst. Alle Beweggründe für das Opfer jeder Art müssen immer wieder ins Feld geführt werden; Abrahams Opferbereitschaft zur Hingabe des einzigen Sohnes, den er lieb hatte, Jesu Todesgang, des Apostels Hingebung für sein Volk, – das sind alles Bilder, die uns nicht zu heilig sein dürfen, um sie jetzt in dieser großen Not wirksam zu machen . . .

Zunächst das neue Licht, das auf Gott fällt, wenn der Krieg als ein Stück der nun einmal gegebenen Wirklichkeit auch zu einer Offenbarung Gottes wird, der nicht nur in Urkunden, sondern im Weltgeschehen spricht. Von ihm aus fällt ein Licht auf die furchtbare Seite an Gott, die unser im Gegensatz zum Juden- und Heiden­tum weich gewordener Gottesbegriff so gern übersieht. Gott, der im Sturm und Wetter Welten zerbricht, um neue aufzubauen, Gott, der schweigend zusehen kann, wie der Schnitter Tod nicht mehr mit der Sense, sondern mit der Mähma­schine Menschenmassen niedermäht, Gott, der unendliche Güter und Werte zer­stampfen läßt, ohne Einhalt zu gebieten – es ist der furchtbare, gewaltige Gott, der sich in seiner ganzen alttestamentlichen Herrlichkeit und Erhabenheit offenbart. Dann ist es der große erhabene Gott, der sich hoch über den Götzen erhebt, den die Menschen aus ihm gemacht haben: über den bequemen Privat- und Hausgott, über den Landes- und Rassengott, auch über den Rachegott, der in unsern Dien­sten steht . . .

Dabei müssen wir darauf rechnen, daß sich die Ureindrücke, die aller Religion zu­grunde liegen, selbständig und mächtig unter den Fittichen des Krieges geregt ha­ben, wie sie sicher immer unter ihnen erwacht sind. Der erste dieser Ureindrücke ist der der Unsicherheit. Alle Sicherungen unseres rational eingerichteten Lebens brechen, das chronische Gefühl der Unsi­cherheit wird akut, das Unbewußte wird klarer. Die Kugeln gehen einen ganz unberechen­ba­ren Weg, der Krieg kann sich ganz anders wenden. Man kann sicher sein, in diesen Monaten werden Höllen von Ungewißheit ausgestanden. Viele helfen sich fatalistisch, manche frivol, manche stumpfen sich gewaltsam ab. Andere freilich sind, wie nach glaubhaften Zeugnis­sen vieler Soldaten, die im Schützengraben neben dem Gewehr das Gebetbuch ha­ben, für die Auf­hebung jener Unsicherheit durch entschlossenes Vertrauen auf ei­nen mächtigen Willen als einzige Lösung jener furchtbaren Spannung dankbar. Daß der Gott, auf den man sich stützt, einerlei wie es kommt, hinter dem furcht­baren Gott steht, wird diesen wie jenen unter unsern Hörern willkommen sein . . .

Die letzte Urempfindung ist die von der Minderwertigkeit des ganzen Weltwesens überhaupt, die das furchtbare Leid und das alles umstürzende Spiel des Krieges in jedem tiefem Gemüt entstehen lassen. Nicht immer geht das von selbst die Bahn zu einem hoffnungsfrohen Blick auf eine andre Welt; aber ihn anzubieten, dazu ist es sicher jetzt in dieser Zeit des allgemeinen Kurssturzes der Werte die beste Zeit. So heben sich aus all unsrer religiösen Überlieferung die großen, gewaltigen Grundgedanken heraus, die zum Teil selbst in kriegerischen Zeiten ent­standen sind: Vertrauen auf den großen Gott, Sinn für das Ganze und für das Hohe, Blick auf das Ewige . . .

Quelle: Karl Arper/Alfred Zillessen (Hg.), Agende für Kriegszeiten, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1914, S. 127ff.

Hier der Text als pdf.

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