Søren Kierkegaard, »Sehet die Vögel unter dem Himmel an!«: „Das lernen wir vom Vogel: dass dann doch wieder Gott es ist, der da arbeitet, Gott, der da sät und erntet, wenn der Mensch sät und erntet.“

»Sehet die Vögel unter dem Himmel an!«

Von Søren Kierkegaard

»Sehet die Vögel unter dem Himmel an!«

Wie denn, du bist bekümmert, dein Sinn ist gebeugt, dein Auge zur Erde gekehrt! Was heißt das? So, so hat Gott den Menschen nicht geschaffen; das mußt du ja wissen aus jedem Kin­derbuch. Was den Menschen vor dem Tiere auszeichnet, ist sein aufrechter Gang. Mithin, sei so gut, Kopf hoch!

»Oh, laß mich bloß in Ruhe!«

Nein; laß uns glimpflich vorgehen. Es wäre vielleicht auch eine zu starke Bewegung für dein krankes Gemüt, ein zu schroffer Übergang, wenn du plötzlich von der Erde zum Himmel hoch sähest. So laß uns den Vogel zu Hilfe nehmen. Er sitzt auf der Erde, an der dein Blick haftet. Nun hebt er sich – du wirst es schon aushalten, dein Haupt auch ein bißchen zu erheben, so daß dein Blick ihm folgen kann. Er steigt – so hebe dein Haupt noch ein wenig, und noch ein wenig. Nun ist es gut; nun schwebt der Vogel hoch unter dem Himmel, und du hast die richti­ge Stellung: Sieh den Vogel unter dem Himmel an und gesteh es dir selbst: So wenig man sagen kann, daß die Himmelswölbung drücke, so wenig ist Gott derjenige, der herunterdrückt, nein, das Herunterdrückende kommt von der Erde oder von dem Irdischen in dir; aber gleich wie die Wölbung des Him­mels erhebt, ebenso ist Gott derjenige, welcher erheben will.

»Sehet die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen.« Indes der Vogel lebt ja nicht von der Luft, so wenig wie wir Menschen. Es muß somit jemanden geben, der für ihn säet und erntet und in die Scheunen sammelt?

Es gibt ihn auch, Gott, den großen Versorger oder Verseher oder, wie wir ihn auch nennen: die Vorsehung. Er sät und erntet und sammelt in die Scheunen, und die ganze Welt ist wie seine große Vorratskammer.

Langweilige Menschen haben den langweiligen Gedanken gehabt, die ganze Welt, um Gott entbehren zu können, in einen einzigen großen Speicher verwandeln zu wollen. Dies ist törichte Nachäfferei. Nein, wenn Gott es ist, der es tut, so ist es ergötzlich – wie vergnügt ist nicht der Vogel unter dem Himmel, der da nicht säet, nicht erntet, nicht in die Scheunen sammelt. Der Mensch aber tut das; er pflügt, er sät, er erntet, er sammelt in die Scheunen. So lerne doch nur vom Vogel unter dem Himmel verstehen, was du weißt: Du weißt, es ist der Mensch, welcher sät und erntet – lerne verstehen: Wenn der Mensch es tut, so ist doch eigent­lich Gott der, welcher es tut.

»Was für ein Gerede! Wenn ich im Schweiße meines Angesichts aufs Feld gehe und das Korn schneide, so daß der Schweiß an mir niederläuft, so weiß ich immerhin mit Gewißheit, daß ich es bin, der da schneidet; zum mindesten bin ich der, welcher schwitzt. Oder ist es etwa eigent­lich auch Gott, welcher schwitzt; oder wenn Gott es ist, der das Korn schneidet, warum muß ich so schwitzen? Deine Rede ist so eine hochtrabende unpraktische Salbaderei.«

»Mensch, Mensch, verhärteter Menschenverstand, willst du es denn niemals vom Vogel ler­nen, den Verstand zu verlieren, um Mensch zu werden! Willst du es niemals lernen, in from­mer Erhebung dem Vogel gleich zu verstehen, was arbeiten heißt? Du wirst freilich sogar schon dann der Wahrheit weit näher kommen, wenn du die Sache einmal umgekehrt herum ansiehst, daß nämlich die Arbeit nicht so sehr Mühe und Beschwer ist, von der man am lieb­sten frei wäre, sondern daß Gott vielmehr dem Menschen es erlaubt hat zu arbeiten, um ihm ein Vergnügen zu gönnen, ein Gefühl der Selbständigkeit, welches nicht zu teuer erkauft wird mit dem Schweiß des Angesichts – denn ob man schwitzt oder nicht schwitzt, kann nicht den Ausschlag geben; wer tanzt, schwitzt ja auch, und man nennt das Tanzen deshalb doch nicht Arbeit, Mühe und Beschwer. Dies ist das eine gottselige Verständnis des Arbeitens – und auf die Art ist man gar weit davon, über den Schweiß des Angesichts zu klagen.

Nimm ein Kind und seine Eltern in ihrem Verhältnis zu ihm. Klein Ludwig, er wird jeden Tag in seinem Kinderwagen spazieren gefahren, ein Vergnügen, welches gut und gern eine Stunde währt; und daß es ein Vergnügen ist, versteht Klein Ludwig gut. Jedoch die Mutter ist auf etwas Neues verfallen, das Klein Ludwig bestimmt noch mehr ergötzen wird: ob er den Wa­gen nicht selber schieben könnte! Und er kann! Wie denn, er kann? Ja, guck mal, Tante, Klein Ludwig kann selber den Wagen schieben. Laßt uns nun Menschen sein und das Kind nicht stören!

Denn wir wissen ja ganz gut, daß Klein Ludwig nicht kann, daß eigentlich die Mutter den Wagen schiebt, und allein, um ihm ein rechtes Vergnügen zu machen, spielt sie das Spiel, daß Klein Ludwig selber kann. Und er, er pustet und stöhnt. Schwitzt er nicht am Ende? Ja, wahrhaftig, er schwitzt, der Schweiß steht auf seiner Stirn, im Schweiße seines Angesichts schiebt er den Wagen – aber sein Gesicht strahlt vor Freude, freudetrunken könnte man es nennen, und es wird es womöglich noch mehr, jedes Mal, wenn die Tante sagt: nein, guck, Klein Ludwig kann selber. Es war ein unvergleichliches Vergnügen. Das Schwitzen? Nein, das Selber-Können.

Ebenso ist es mit dem Arbeiten-Können; recht verstanden, gottselig verstanden, ist es ein reines Vergnügen, etwas, darauf Gott verfallen ist, um den Menschen zu ergötzen, etwas, davon Gott zu sich selber gesagt hat: es wird ihn gewiß mehr ergötzen als ständig im Kinder­wagen gefahren zu werden. Es ist die Vorstellung, die den Ausschlag gibt, hier wie überall. Wenn es um deiner Lust, um deines Vergnügens willen ist, so klagst du nicht über das Schwitzen: nun wohl, so laß deine Arbeit deine Lust sein, verstehe es dahin, daß es etwas sei, darauf Gott verfallen ist, um dich zu ergötzen; betrübe seine Liebe nicht, er glaubte, es würde dich recht freuen! Dies ist ein gottseliges Verständnis des Arbeitens.

Indes, es gibt ein noch höheres gottseliges Verständnis, und das lernen wir vom Vogel: daß dann doch wieder Gott es ist, der da arbeitet, Gott, der da sät und erntet, wenn der Mensch sät und erntet.

Denk an Klein Ludwig! Er ist nun ein Mann geworden und versteht nun sehr wohl den Zusammenhang, daß es die Mutter gewesen, die den Wagen schob; er hat daher jetzt eine andere Freude bei dieser Kindererinnerung: daß er an die Liebe der Mutter denkt, die auf dergleichen verfallen konnte, um das Kind zu ergötzen. Jetzt aber ist er Mann, jetzt kann er wirklich selber; er wird nun vielleicht gar dadurch in Versuchung geführt, daß er wirklich selber kann – bis daß jene Erinnerung aus der Kindheit ihn daran mahnt, inwiefern nicht er noch immer, in einem weit höheren Sinne, in der gleichen Lage sei wie das Kind, daß, wenn der Mann arbeite, eigentlich doch ein anderer es sei, Gott es sei, welcher arbeitet. Meinst du, daß er deshalb untätig werde, sich auf die faule Seite lege und spreche: Wenn doch Gott es ist, welcher arbeitet, so ist es am besten, daß ich frei bleibe?

Wäre dem so, dann ist dieser Mann ein Narr, um nicht zu sagen, ein unverschämter Lümmel, an dem Gott keine Freude haben kann, und der selber sich nicht freuen kann am Vogel, und der nichts Besseres wert wäre, als daß der Herrgott ihn vor die Tür setzte, und dann kann er sehen, wo er bleibt. Der brave, rechtschaffene, gottesfürchtige Arbeiter aber, er wird nur um so strebsamer, um desto beständiger zu verstehen, daß – holdseliger Scherz! – Gott Mitar­beiter ist – o Ernst!

Zum Bilde Gottes erschaffen, wie er ist, erhobenen Hauptes, blickt er zum Himmel, dem Vogel nach – dem Spaßvogel, von dem er den Ernst lernt, daß Gott es ist, welcher sät und erntet und in die Scheunen sammelt. Aber er versinkt nicht in Untätigkeit, er sieht alsogleich nach seiner Arbeit, um sie zu verrichten – ansonst bekommt er ja nicht zu sehen, daß Gott es ist, welcher sät und erntet und in die Scheunen sammelt.

Du Lilie auf dem Felde, du Vogel unter dem Himmel! Was hat dir ein Mensch doch nicht zu danken? Etliche von seinen besten, seinen seligsten Stunden. Denn als das Evangelium dich zum Vorbild und Lehrmeister einsetzte, da wurde das Gesetz abgeschafft und dem Scherz sein Platz angewiesen im Himmelreich, so daß wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister sind, son­dern unter dem Evangelium:

»Schauet die Lilien auf dem Felde, sehet die Vögel unter dem Himmel an!«

Sören Kierkegaard, Erbauliche Reden 1850/51 – Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen – Urteilt selbst, GW 27. 28. und 29. Abt., hrsg. u. übers. v. Emanuel u. Rose Hirsch sowie Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1953, S. 211-214.

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