Warum die Bibel nichts von göttlichen Plänen bzw. von einem Plan Gottes weiß

Problematisch ist mitunter die Redeweise von einem „Plan Gottes“. Das Wort „Plan“, das ja sowohl im Deutschen wie im Englischen geläufig ist, ist dem Mittelfranzösischen entlehnt und bezeichnet ursprünglich die Grundfläche bzw. den Grundriss eines Bauwerkes. Der französische „plan“ wiederum ist eine Rückbildung des Verbs „planter“ mit der Bedeutung „aufrichten“ bzw. „hinstellen“, das auf das lateinische „plantare“ („pflanzen“ bzw. „den Boden zum Säen ebnen“) zurückgeht. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der „Plan“ im übertragenen Sinne als ein fixiertes bzw. detailliertes Vorhaben verstanden.

Man wird der Bibel zufolge durchaus von göttlichen Vorhaben oder einer göttlichen Absicht sprechen können. So stehen das hebräische ʿeṣāh bzw. das griechische boulḗ für einen unerforschlichen Rat(schlag) bzw. für einen Ratschluss (vgl. Jes 46,10f). Bei einem göttlichen „Plan“ sind jedoch Konnotationen im Spiel, die für Menschen verführerisch sind. Ein Plan externalisiert ein differenziertes Vorhaben und fixiert es auf einem Medium („Blaupause“), so dass es von dessen Urheber separiert werden kann. Sollte Gott einen extensiven Plan für mein Leben haben, wäre dieser personalisierte Plan gedanklich für mich aneignungsfähig. Selbst wenn ich keinen eigenen Einblick – wie bei einem Bau- oder Stadtplan – gewinnen könnte, vermöchte ich zumindest darüber spekulieren, was er für mich vorsähe. Somit könnte ich mich mit meinen eigenen Lebensaspirationen auf einen göttlich approbierten Plan berufen. In diesem Sinne wird die Berufung auf einen göttlichen Plan allzu leicht zur Selbstbestätigung eigener Absichten und Vorhaben.

In der Lutherbibel 1545 ist weder von menschlichen noch von göttlichen Plänen die Rede. Anders jedoch die neue Luther-Bibel 2017: Dort ist – im Anschluss an die Luther-Bibel 1964 – in Jesaja 53,10 im Hinblick auf die Lebenshingabe des Gottesknechtes von „des HERRN Plan“ die Rede, obwohl Luther selbst wie folgt übersetzt hat: „vnd des HERRN Fürnemen wird durch seine Hand fort gehen.“ In der Luther-Bibel 1912 heißt es entsprechend: „und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen.“ Auch in der Einheitsübersetzung 2017 („was Gott gefällt, wird durch seine Hand gelingen“) wie auch die Zürcher Bibel 2007 („die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn“) ist von einem göttlichen Plan keine Rede. Wieder einmal fällt die revidierte Luther-Bibel in Sachen Sprachgenauigkeit sowohl gegenüber der ursprünglichen Luther-Übersetzung wie auch den kirchlichen Neuübersetzungen ab.

Hier mein Text als pdf.

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