Peter Sängers Annäherung an Hans Joachim Iwand: „Für ihn sieht es eher so aus, dass er seinen Lehrern und Freunden bis zum Äußersten theologisch die Treue hielt.“

Peter Sängers Einleitung in das Buch „Hans Joachim Iwand. Theologie in der Zeit“ bietet eine gute Einführung in das theologische Lebenswerk Hans Joachim Iwands:

Annäherung an Iwand. Versuch einer Einführung

Von Peter Sänger

Neben Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer steht Hans Joachim Iwand als der dritte noch lebendige, weithin wirkende Zeuge der Bekennenden Kirche. »Bekennend« heißt nach ihm für die Gemeinde Jesu Christi: aus Gottes Wort und Geist die Umkehr auf rechte, gute Wege zu vollziehen. Soweit die evangelische Kirche bekennende Kirche sein will, wird sie gut daran tun, sich auch seiner zu erinnern, werden ihre Theologen sich mit Iwands Leben und Lehre befassen müssen. Gerade er führt hinein in die so folgenschwere Zeit des Nachkriegsdeutsch­lands mit dem Problem seiner Schuld, seiner Teilung, seiner Flücht­linge, seines Neu- und Wiederaufbaus, der Kriegsgefahr zwi­schen Ost und West und in den Kampf um Frieden für Europa und die Welt – alles im Lichte von Gottes Gebot und Verhei­ßung gesehen. Die Bezie­hung des Wortes Gottes auf Kirche und Gesellschaft ist bei ihm weit vorangetrieben. Sie kehrt in immer neuen Fragestellungen und Einsichten, Entscheidungen und Aktionen wieder. Im Einsatz für Gerechtigkeit und Frie­den erlangt sie ökumenische Bedeutung.

Leben und Lehre

Er sprach schon früh von der Einheit von »Leben und Lehre« – ihm wird nachgerühmt, daß er selbst diese Einheit fand. Ganz ebenso konnte er auf der »theologischen Existenz« als Ethos bestehen. Er hat es 1929 in dem Vortrag »Theologie als Beruf« beschrieben, noch bevor Barth es zum Stichwort der so ent­scheidenden Stunde von 1933 machte. Theologische Existenz heißt nach Iwand, um der Lehre willen – um des rechten Glau­bens und Erkennens willen – hineingehn ins Leben, in den Aufbau von Kirche und Gemeinde. Das geistliche Medium, in dem das geschieht, ist die Liebe, die ungeteilte Zuwendung zum Menschen. Sie läßt sich nicht enttäuschen, weil sie eine Hoff­nung hat: die gewisse Zuversicht, daß Gott seine Verheißungen wahrmacht. Wohl aber führt das Hineingehn ins Leben in Kämpfe und Niederlagen. Es führt unter das Kreuz. Es führt bis dahin, wo die Einheit von Leben und Lehre im Leiden und Ster­ben bewährt werden muß. Iwand ist Hitlers und Himmlers Konzentrationslagern nur um Haa­resbreite entgangen. Der Weg in den politischen Widerstand lag damals noch nicht so vor ihm, wie Bonhoeffer ihn gegangen ist. Iwand war jedoch einer von denen, die in Bonhoeffers letztem Schritt die Konse­quenz aus der gelebten theologischen Existenz begriffen und begrei­fen konnten. Das Wort des Apostels von dem Gott, der spricht: »Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«, konnte ihm der Inbegriff des Evangeliums sein. Mit annähernd seinen Worten: Die theologi­sche Existenz achten heißt, das Kreuz Christi achten. Was seine theologische Existenz gewesen ist, kann nur im Miteinander von Zeitgeschichtlichem und Biographischem erfahren werden. Beides ist bei Iwand nicht zu trennen.

Äußere Stationen – inneres Themengefüge

Die Folge der äußeren Stationen wird den nötigen Anhalt bie­ten: Schlesien – die Herkunft; Königsberg – Verselbständigung und erste Konflikte; Riga – Zuflucht im Osten; Bloestau in Ostpreußen – Berufung und Bewährung im Dienst der Beken­nenden Kirche; Jordan in der Neumark – Herberge des vertrie­benen ostpreußischen Predigerseminars; Dortmund – Zuflucht im Westen und Auflösung des Seminars, Dienst an der Kir­chengemeinde; Göttingen und Bonn – die beiden Universitä­ten; von dort die Reisen, nach Paris, Stockholm und Helsinki und vor allem die in die Sowjetunion, nach Ungarn und in die Tschechoslowakei. Der geo­graphischen Weite dieser Räume entspricht das weitgespannte Gefüge der Themen und Auf­ga­ben: das Lutherstudium, in Schlesien begonnen, zeitlebens fortgesetzt; die Frage nach der Religionsphilosophie als Grundle­gung der Dogmatik, die schon im Königsberg der zwan­ziger Jahre negativ entschieden wird; die Situation vor 1933, immer von dem praktischen Dienst am theologischen Nachwuchs ge­sehen. Es folgen der Kirchenkampf mit der Partei­nahme für Karl Barth; der kirchliche Wiederaufbau nach 1945 mit dem Problem: Neubau oder Restauration; der Einsatz bei der Arbeit an der Predigt mit Hilfe von Predigtmeditationen; die diakoni­sche Sorge für die umgesiedelten ostpreußischen Schwestern und Brüder; der Schritt in die Frie­densbewegung; der Kampf der Bruderschaften gegen die Wiederaufrüstung, für eine Äch­tung der Atomwaffen, um den Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete; die Bitte um Versöhnung gegenüber den Völkern des Ostens, vornehmlich der Sowjetunion; die Be­grün­dung einer christlichen Friedenskonferenz. Es entsteht das Bild eines äußeren Umge­trieben­seins, einer inneren Rastlosig­keit, die kaum jemals Ruhe kannten. Und doch ist es auch oder eher der zeitbezogene, der sachbedingte Wechsel von der Theo­rie zur Praxis und von der Praxis wiederum zur Theorie. Nichts sollte gelehrt werden, was nicht die Probe des Lebens bestand, und was das Leben erforderte, sollte der rechten Lehre gemäß sein. Man wird nach der einen Lichtquelle zu fragen haben, die durch das breite Spektrum in so verwirrende Facet­ten zerlegt erscheint. Man wird die Brechungen und Brüche zu beobachten haben, die den Prozeß des Zerlegens und Entfaltens nur zu einem bruchstückhaften Ganzen werden ließen.

Lebensbild

All das ergibt noch kein Bild des Lebens. Auch ein Überblick über das Werk stellt sich so noch nicht ein. Überhaupt scheint zur Zeit eine umfassende Biographie oder Monographie über Iwand nicht möglich. Sein Nachlaß ist weithin unpubliziert, das Verborgene kaum be­kannt. Ein Großteil der Briefe, die Masse der Predigten, wichtige Vorlesungen gehören dazu. Ganze Zu­sammenhänge von Leben und Werk werden noch erforscht, sie bleiben vorerst hypothetisch. So auch die folgende Skizze eines Lebensbildes. Sie entsteht, indem auf Le­bensstationen und The­mengefüge die von ihm selbst formulierten Motive »Aufbau« und »Kampf« projiziert werden. Beide gehören in die Beschrei­bung der theologischen Existenz, wobei der Kampf im Leiden, der Aufbau in der Liebe begründet ist; denn die Liebe baut auf (Bernhard von Clairvaux).

Die Anfänge. So lassen sich die Jahre bis 1923 bezeichnen. Hauptschauplatz ist Schlesien.

Erste Periode des Aufbaus. Es ist die Zeit von 1923 bis 1934. Sie ist mit Aufenthalt und Arbeit in Königsberg identisch. Wi­derstände ergeben sich, die immer deutlicher als solche erkannt werden. Auf weiten Strecken fehlt die bewußte politische Di­mension.

Erste Periode des Kampfes. Die Jahre 1934 bis 1938 – die Rigaer Zeit ist hinzuzunehmen – sind dem Ringen um das rechte Hören des Evangeliums und insofern »um den rechten Glau­ben« in der Kirche gewidmet. Es ist eine Zeit des Unstet-und-flüchtig-Seins. Sie scheint mit­ten im Dortmunder Aufent­halt eine Wendung erfahren zu haben, die zur politischen Stel­lungnahme.

Neuanfang und zweite Periode des Aufbaus. Die Zeit von 1939 bis 1950, im Dortmunder Pfarramt und im Göttinger Lehramt verbracht, sollte als Einheit gesehen werden, da die Liebe, die aufbaut, ihre Wurzel im Auferbautwerden hat. Die erste Phase, die des Neubeginns, fällt namentlich auf Dort­mund. Es ist eine Zeit bisher unbekannter Erfahrungen und tiefer innerer Neubesinnung. Die zweite Phase, die des frisch angepackten Neuaufbaus, macht die ersten Göttinger Jahre aus. – Auf höherer Ebene, diesseits der eingetretenen Wendung, wiederholen sich Motive der Königsberger Zeit, nun in der politischen Dimension. Aufs neue treten Wi­derstände auf, jetzt als Kräfte der Restauration und der Reaktion durchschaut.

Zweite Periode des Kampfes. Die Jahre 1951 bis 1960 zeigen wieder den Kämpfer Iwand. Die Dimensionen sind gewachsen. Nun ist es ein Kampf um gesellschaftlichen Fortschritt in ei­nem wiedervereinten Deutschland, um die Erhaltung des Lebens auf diesem Kontinent und um den Frieden der Menschheit. Nicht die Übersiedlung nach Bonn, vielmehr die schwerste Nieder- läge, die Zustimmung der evangelischen Kirche zum Militär­seelsorgevertrag, bildet einen Einschnitt (1957). Die letzte Phase bringt die verschärfte Auseinandersetzung um die Aner­kennung der Christlichen Friedenskonferenz, um den Frieden mit den osteuropäischen Nachbarn und um die Realität zweier deutscher Staaten. –

Die Skizze mag die Übersicht erleichtern, ist aber eher eine Erwägung als ein Ergebnis. Das Hypothetische liegt durchweg darin, daß die Motive »Aufbau« und »Kampf« sich nicht tren­nen, sondern nur nach dem Vorrang einzelnen Lebensperioden aufprägen lassen. Auch sie sind stets ineinander verwoben. Wichtig ist jedoch festzuhalten, daß Iwand kein bloßer Nein­sa­ger, kein den Streit um seiner selbst willen Suchender war, wie ihn manchmal seine Gegner sehen wollten. Das von ihm gelei­stete Aufbauwerk, schon allein in den Konvikten und in der Flüchtlingshilfe, die sich an den Namen Beienrode heftet, spricht unablässig ja.

Traditionen und Brüche

Mit der Wechselbeziehung von Leben und Lehre läßt dieses Lebensbild auf eine Wende in der theologischen Entwicklung Iwands schließen, wenn nicht gar auf eine Mehrzahl von voll­zoge­nen Brüchen. Dementgegen ist zunächst die Festigkeit her­vorzuheben, mit der er auf dem einmal Erkannten beharrte. Er hat es sich niemals und nirgends leicht gemacht, früher bezo­gene Positionen aufzugeben. Für ihn sieht es eher so aus, daß er seinen Lehrern und Freunden bis zum Äußersten theologisch die Treue hielt. Er konnte mitunter nicht glauben, daß sie ihn im Stich ließen. Er besaß aber ein Gespür für die Hinfälligkeit und das Zerbrechen so mancher geistiger Voraussetzungen, etwa im nationalen Sinn, die für Grundlagen der evangelischen Kirche und des deutschen Protestantismus gehalten wurden.

Das Verhältnis zu seinen Lehrern Rudolf Hermann und Erich Seeberg war durchaus zwie­späl­tig. Bei Hermann in Bres­lau hatte er, wie er zeitlebens bekannte, die Berufung zur Theo­logie erfahren. Ihm verdankte er die Einführung in Luthers Lehre, aber auch in die Religions­philo­sophie im Anschluß an Schleiermacher und den deut­schen Idealismus. Es gelang ihm nicht, etwa wie Seeberg daraus eine ungebrochen einheit­liche Anschauung zu gewinnen. Er machte sich den Kampf des jun­gen Luther um die Freiheit der Theologie von philosophischen Vorga­ben zueigen. So behielt er zwar die in der Religions­phi­losophie gestellten Fragen, bestritt jedoch den darauf gebauten Systemen ihre fundamen­taltheologische Brauchbarkeit und Not­wendigkeit. Das hinderte ihn nicht, mit deren Vertre­tern im engeren Austausch zu stehen, besonders im gemeinsamen Lutherstudium. Von seinen Lehrern Hermann und Seeberg sah er sich erst durch Ausbruch und Verlauf des Kirchenkamp­fes getrennt. Und selbst da war im Verhältnis zu Hermann das letzte Wort noch nicht gespro­chen – es sollte menschlich ver­söhnlich sein.

Die Beziehung zu den älteren Freunden Julius Schniewind und Karl Barth war eindeutig von der Verbundenheit im her­aufziehenden Kirchenkampf und in der Bekennenden Kirche be­stimmt. Was Schniewind betrifft, scheint sie unproblema­tisch. Ihm verdankt Iwand die gründ­liche Kenntnis dessen, was in der Bibel Evangelium heißt. Schniewind fand es schon im Alten Testament vorgeprägt. Das traditionelle Schema von Ge­setz und Evangelium im Wort Gottes war bei ihm in einer Wandlung begriffen zu der Fassung: Verheißung und Gebot. Der Verhei­ßungscharakter stand ihm zuletzt auch am Wort der Weisung fest. Als Karl Barth gegen die Nomoslehre einer deutschchristlichen Theologie die Umstellung: Evangelium und Gesetz vor­nahm, war Iwand darauf nicht unvorbereitet. Er teilte sie, verstand sie aber letztlich tiefer: in der »Predigt des Gesetzes« als Vorwort der Gnadenverkündigung sah Iwand bei sich selbst einen Schaden, der die lutherische Theologie seit der Reformation, seit den Tagen des alten Luther schwächte. Und hier vollzieht sich nun die Wende in seiner Theologie, die als solche dadurch erwiesen ist, daß sie lange und schwer erkämpft war und Folgen in fast allen Berei­chen hat. In Band 4 der Nach­gelassenen Werke: »Gesetz und Evangelium« stehen die wich­tigsten Texte, die Belege seiner Entscheidung, erst ganz am Ende, im Anhang. Am klarsten äußert er sich in Band 5: »Luthers Theologie«. Der Weg dahin ist bezeichnet durch die über­wundenen Stufen zur erreichten Anschauung.

Ein damit verbundener Bruch durchzieht das traditionelle Verhältnis von »Kirche und Juden­tum«. Israels Erwählung steht weiterhin in Kraft. Die Christenheit, als ein Wildling von Got­tes Gnaden, ist mit Jesus in den edlen Ölbaum Israel einge­pflanzt. Iwand ist nicht mehr dazu gekommen, die aktuelle Anwendung von Römer 9-1 r umfassend auszuarbeiten. Dies gehört ebenso wie das revidierte Verhältnis zum Sozialismus, zum Pazifismus, zu den Völkern Ost­europas und zur Dritten Welt, zu den Aufgaben in Iwands Vermächtnis, die es fortzu­führen und zum Teil sogar erst anzupacken gilt.

Fäden der Überlieferung

Sein Denken folgt einer Bewegung, die seine Ergebnisse wieder und wieder überholt und zu vorläufigen gemacht hat. Trotz­dem geht es an bestimmten Überlieferungen entlang und behält die darin vorgegebenen Motive bei. Als solche durchlaufende Stränge seien drei hervorgeho­ben.

Deutscher Idealismus und Philosophie. Iwand gilt unter den Theologen seiner Generation als einer der besten Kenner Kants, Fichtes und Hegels. Von Max Scheler, Max Weber und Georg Lukács hat er sich bleibend anregen lassen. Er ist von idealisti­schen Positionen, denen er immer verbunden blieb, zur Kennt­nisnahme sozialgeschichtlicher und materialistischer Be­trach­tungsweisen fortgeschritten. In der Philosophie – wie in Litera­tur und Kunst ebenfalls – spricht sich der Mensch über sich selbst und von selbst über Gott und die Welt aus. Dies hat der Theologe zu beachten. Von dort laufen Pfade zum Verständnis so mancher Züge prote­stantischen Denkens: »Immanuel Kant als Theologe und Philosoph«. Jedoch ein gangbarer Weg in die biblisch fundierte Lehre von Gott, Welt und Mensch eröffnet sich nicht.

Luthers reformatorische Lehre. Der wahre Zugang tut sich im Leben und Leiden auf, wo uns das Wort von Gott her trifft, verwandelt, in Bewegung setzt und überholt. Das findet er bei Luther exemplarisch ausgedrückt. Dadurch fühlt er sich in die Schrift gewiesen. Darum steht nicht nur am Anfang, sondern auch am Neubeginn 1939 in Dortmund ein intensives Studium Luthers: »De servo arbitrio / Daß der freie Wille nichts sei«, für die Münchener Ausgabe von Iwand kommentiert. Luther ist ihm der immer wieder um Rat befragte, nach Entdeckungen durchforschte Erste Bibelhermeneut.

Die Heilige Schrift ist für Iwand das grundlegende Zeugnis des lebendigen Gottes. Der Bibel­exegese kommt in der Arbeits­gemeinschaft der Theologie die fundamentale Aufgabe zu. Iwand ist immer aufs neue zur Exegese zurückgekehrt – in Riga 1934/35 war er selbst Dozent für Neues Testament. Die lange Reihe der biblischen Meditationen zeigt, wie er sich als Pre­diger in das Wort der Schrift vertiefen konnte. Aber auch die Predig­ten, die Bibelarbeiten mit Studenten und Gemeinden, wie die von einer Ostberliner Freizeit: »Die Gegenwart des Kom­men­den«, beweisen, wo die eigentliche Triebkraft, die ihn in Bewe­gung hielt, ihren Ursprung hat, wo der eigentliche rote Faden seines Werkes liegt. –

Vielleicht ergibt der erste dieser festgehaltenen und durch das Ganze hindurchlaufenden Fä­den, das Studium der Philosophie, nur eine unterbrochene Linie in Iwands Werk. Lutherstu­dium und Bibelarbeit durchziehen es als geschlossene Linien, die keine Unterbrechung, wohl aber den Wechsel von Theorie und Praxis aufweisen – er konnte sogar Luthers Römerbrief­vorle­sung einem Kreis in der Gemeinde darbieten!

Einsichten

Den angezeigten Überlieferungen sind einige der wichtigsten theologischen Motive zuzuord­nen, die zeitlebens beibehalten wurden.

»Glauben und Wissen«. Die von Iwand benutzte Formel ent­stammt der Philosophie des deut­schen Idealismus. Sie wurde bereits von Hegel als unzulänglich kritisiert. Gemeint sind Glau­ben und Erkennen (Joh 6,69), Glaube und Vernunfter­kenntnis. Die Worte: »Wir haben ge­glaubt und erkannt« im Christusbekenntnis des Petrus sind zunächst nur verstärkende Wen­dung. Im Anschluß an scholastische Denker wird sie von Iwand als ein Credimus et intelligi­mus auseinander-gesetzt. Das richtet sich gegen ein Verständnis der Erkenntnis des Glau­bens als reine Subjektivität, etwa als bloßes Glaubenswissen. Was der Glaube weiß und zu sagen hat, folgt zwar aus dem für uns Geschehenen und von mir Gehörten. Doch es soll verkün­digt werden als das von allen zu Hörende und für die Welt Geschehene. Der Prediger kann nicht beim Zeugnis des eigenen Glaubens stehenbleiben. Er muß vor die Vernunft seiner Hörer tre­ten, um sie vom Sinn des ihm Aufgetragenen nach Möglich­keit zu überzeugen. Die Erkennt­nis, die dem Glauben folgt, reicht darum hinein in die Einheit aller Erkenntnis – so daß die Wahrheit letztlich eine ist. Hat die exegetische Arbeit an der Bibel für die Theologie eine fun­damentale Aufgabe, so ist die systematische Besinnung für sie von eminenter Bedeutung. In ihr geht es um die Frage nach der Wahrheit und von daher um den rechten Glauben. Iwand kehrt oft und in immer neuen Variationen zu dieser Frage zurück.

»Rechtfertigung und Christusglaube«. Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Sünders im Glauben aus Gnade allein geht ebenfalls nach zwei Seiten. Auch hier gilt, daß der Glaubensar­tikel, mit dem die evangelische Kirche steht und fällt, nicht auf der subjektiven Glaubenser­fahrung des Reformators ruhen kann. Es muß das Versöhnungswerk dessen, an den Luther sich hielt, im Fundament sein; die Kirche muß es sich objektiv gege­ben sein lassen. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders kann daher nur als Ergebnis der Versöhnungslehre und diese wiederum allein als Ergebnis der Christologie, der Lehre von Person und Wirken Jesu Christi, zustande kommen. Christolo­gie ist jedoch im Innersten Theologie, Theologia crucis. Im Kreuz Jesu zeigt Gott uns sein Angesicht, und im Wort vom Kreuz hören wir, daß er uns gnädig ansehen will. So greifen Versöhnung und Rechtfertigung ineinander, sie meinen ein und dasselbe Heilsgeschehen. Sie bedeuten, eschatologisch gesche­hen, das neue Leben, in das der Gekreuzigte als Auferstandener schon eingegangen ist. Wir vernehmen es im Wort der Verhei­ßung, aber der Verheißung seiner selbst: »Ich bin der rechte Weinstock« und: »Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe«, spricht der von Gott Gesand­te (Joh 15,1.3). Der Verheißene kommt und versöhnt – Gott ist gegenwärtig –, und der Kom­mende erlöst. Man muß diesen hinreißenden Zug von der Frage nach der Rechtfertigung – der Frage nach Gottes Gerechtigkeit und des Menschen Verant­wortlichsein – bis hinein in die neue Schöpfung entdecken: und man wird das sich ins Offene bewegende Wort gewahren, dem Iwands Denken zu folgen sucht.

Das An- und Übereinanderlegen von Rechtfertigungs- und Versöhnungslehre, Christologie und Eschatologie bringt nicht nur die Starre der Dogmatik in Fluß. Es erweckt auch die theo­logische Ethik zu neuem Leben. Auch ihr Angelpunkt ist das Kreuz Christi. Am Kreuz ist Gottes Gerechtigkeit nicht bloß als verheißene Wirklichkeit offenbar, sondern auch als zuge­wandte Parteilichkeit. Und zwar mit denen, die mit Gesetz und Moral um ihres Elends willen nichts mehr anzufangen wissen. Mit denen, deren Schrei nach Gerechtigkeit das verlorene Ru­fen zu Gott ersetzt. Der ganze Zusammenhang von Rechtferti­gung und Versöhnung hat so auch eine soziale und politische Seite. Die Parteinahme für die gesellschaftlich Entrechteten und Unversöhnten, die darin liegt, ist ebenso in Gottes Willen be­gründet wie das Ereignis des Kreuzes selbst. Nun braucht nicht mehr absolut nach dem Sinn des Lebens gefragt zu werden, jedenfalls nicht nach Art religiöser Selbstbehauptung. Jetzt kann rein relativ um gerechtere Verhältnisse gerungen werden, durchaus im Sinne sozialer und politischer Befreiung. Alle fal­schen Legitimationen, alle bloßen Kompromisse aber werden aufgedeckt durch die Selbstbe­zeugung dessen, der vom Kreuz her spricht, sei es in Gebot oder Verheißung.

»Daß Gottes Verheißung immer Verheißung bleibt.« Bei Iwand wird keine Theologie bloßer heilsgeschichtlicher Fakten zu erwarten sein. Denn das alles Bewegende sieht er darin, daß Gott aus Fakten neue Verheißungen macht. Wie alles aus sei­nem Wort hervorgeht, so wird auch alles wieder zu seinem Wort. Nichts bleibt beim Alten, den Elementen des Faktischen sind immer schon die promissorischen Momente voraus. Das Neue, das sein heilverheißendes Wort erschafft, überholt auch die Vorstellungen des Glaubens davon. Der Christusglaube lebt nicht nur im Erinnern, sondern ebensosehr im Hoffen. Iwand kann darum den Rang des Evan­geliums gegenüber dem Gesetz, der Verheißung gegenüber dem Gebot im Worte Gottes auch so ausdrücken: der Logos über dem Nomos. Der Logos als das Wort, das im Anfang war, durch das alles geschaffen ist, hat auch weiterhin die Führung. Er ist wahrlich auch gebieten­des Wort, aber so, daß es freisetzt – nicht als der Nomos eines Religionsgesetzes, einer Meta­physik, einer Moralität, der menschlichen Existenz oder Sozialität, die uns statisch in Bann schlagen wollen. In diese Richtung weisen immer neue Varia­tionen desselben Themas.

In der Selbstbewegung des Wortes Gottes liegt ebenso die Dialektik von Alt und Neu begrün­det, das Überholen des alten durch den Einbruch des neuen Äons. Die Eschatologie als Lehre von der mit Christi Kreuz ermöglichten Wende der Welt und des vorausentworfenen Neuen, in dem »er selbst« kommt, ruht nur auf der Verheißung. Die Verheißungen Gottes sind alle Morgen neu, sie haben noch kein Ende, jedoch ein ganz gewisses Ziel, das allein bei »ihm selbst« liegt. Gott macht sein Wort wahr, doch jede Erfüllung entläßt eine neue Verheißung. Darum läßt sich Erfüllung auf die Dauer nicht halten, so als sei sie die Fülle und als komme nichts mehr darüber hinaus. Das hieße, lehrgesetzlicher Orthodoxie verfallen oder übergehen vom Glauben ins Schauen. Und hier liegt auch der Grund, warum die Wahrheiten von gestern unsere Lügen von morgen sein können.

Das Wort als Gebot und Verheißung erschließt sich als ver­kündigtes Wort im Heute der Gnade Gottes. Durch seinen Geist, der lebendig macht, ist es uns nahe im gemeinsamen Hö­ren. Es schafft sich eine Gemeinde, die von ihm bewegte Schar, der wiederum das Hören und Bezeugen des weiterwir­kenden Wortes aufgetragen ist. Predigen – im weitesten Sinn: von der Bibelarbeit bis zur Kanzelrede, vom Vortrag bis zur Vorlesung im Hörsaal –, predigen heißt, Gemeinde sammeln und leiten, Kirche halten, Kirchenleitung ausüben. Und Kir­chenleitung, was immer dazu nötig sein mag, muß sich als Wortverkündigung verstehen und am Worte messen lassen. –

Das sind nur einige der wichtigsten Einsichten Iwands, die sich als durchgehaltene Motive durch sein ganzes theologisches Werk ziehen, zuletzt immer überraschender neu formuliert. Sie machen keineswegs das Ganze, wohl aber gewisse Schwer­punkte seines Lehrens aus.

Fragen und Tendenzen

Er vermittelt im übrigen die Lehre der Kirche in ihren Bekennt­nissen mit Hilfe der Neuorien­tierung von Barmen. Er zeichnet die klassische theologische Begriffsbildung nach. Für ihn cha­rakteristisch werden diese Partien seines Lehrens erst durch den Umgang mit den einzel­nen Elementen. Grundlegend sind die zustimmenden Sätze, die Assertionen: »Christus ist auferstan­den.« Sie sind Ist-Sätze, die nicht fortgelassen werden können, ohne den christlichen Glauben aufzugeben. Diese Sätze sind umgeben von solchen, die eine Gleichsetzung an sich verschie­dener oder nicht unbedingt übereinstimmender Sachverhalte formulieren; das sind die Identifikationen: »Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes …« Sie werden wiederum begleitet von anderen Sätzen, die verschiedene Begrif­fe als gleichbedeutend für dieselbe Sache erkennen, die Äquivokationen: »Rechtfertigung« und »Versöh­nung« sind in bestimmter Hinsicht gleichbedeutend (äquivok) für das durch Gott in Christus für die Menschheit gewirkte Heil. Durch das staunende Entdecken neuer Identifi­kationen und Äquivokationen kommt es zu neuen Ist-Sätzen, zu neuen Assertionen also, aber auch zur kritischen Betrachtung der vor­handenen Lehrschemata. Es entstehen Fragen, die nach Ant­wort verlangen; Antworten werden gegeben, die neue Fragen entlassen. Aber eins gibt es für Iwand nicht: ein favorisiertes theologisches Prinzip, einen einmalig kultivierten Ansatz. In der Bonner Vorlesung über Christologie von 1953/54 heißt es: »Indem die Theo­logie einen Anfang hat, ein principium, hat sie aufgehört, Theologie zu sein …« (bei R. Hein­rich, Verheißung des Kreuzes, 152). Der Theologe hat, in seiner theologischen Existenz selbst hineingenommen in die Geschichte Gottes mit den Menschen, diese Geschichte von ihrer Mitte her zu erzäh­len – er muß also ihre Mitte kennen. Um diese Mitte und ihr Geheimnis kreisen zunächst jene Ist-Sätze. Auch alle anderen theologischen Sätze erhalten von daher als von ihrem Angel­punkt die schwingende Bewegung. Doch soll das alles nicht konstruiert, nicht künstlich in Gang gesetzt und gehalten wer­den. Es darf nichts Ausgedachtes sein – es soll ein nur Nachge­dachtes bleiben. So kommt es, daß einmal die Menschwerdung Jesu Christi, ein andermal sein Kreuz, dann wieder seine Aufer­stehung und die neue Schöpfung besonderen Akzent zu tragen scheinen. Helmut Gollwitzer hat die Eschatologie bei Iwand als das Prägende empfunden, Joachim Gandras die Inkarnation. Rolf Heinrich hat die Theologia crucis und Martin Hoffmann eine trinitarische Struktur als tragende Gestalt des Angelpunk­tes aufgedeckt. All diese Ansichten treffen insofern zu, als jeder seinen eigenen Zugang zu der von Iwand vorgetragenen Sache finden darf und muß. Auch er schlägt immer wieder andere Schneisen, um das Ineinander von Wort und Wirklichkeit, die Beziehung von Leben und Leh­re neu zu entdecken. Seine später intensivere Hinwendung zur Theologia crucis (des jungen Lu­ther) deutet freilich darauf hin, daß er den heimlichen Schnitt­punkt all jener möglichen Schneisen im Kreuz Christi erblicken gelernt hat, wenn auch nicht als ein handhabbares Prin­zip. Ei­nen Patentschlüssel zu der Reihe der durchmessenen gedankli­chen Räume wird man von Iwand vergeblich erwarten. Und ebenso ein systematisches Gebäude mit ausgeführtem Grundriß. Immerhin hat er dafür Hinweise gegeben.

Hier darf an das Ganze der Theologie im Lichte der alten Frage nach deren Studienreform erinnert werden. Iwand hatte die Gräben, die seit langem die theologische Arbeitsgemein­schaft zerreißen und lähmen, anfangs als Kluft zwischen Ex­egese und Dogmatik zu erkennen geglaubt. Er hielt dann aber diese Analyse und die darauf beruhenden Reformvorschläge für absolut unzureichend. In einem Brief an Georg Eichholz vom 4- April 1953 schreibt er, wa­rum: »Es geht bei der augenblickli­chen Stagnation [der theologischen Lage] um eine ganz kon­krete Wendung in der Dogmatik, es geht um den von daher erfolgten Bruch mit der Zweiteilung (und ihrer Dialektik) in der üblichen Theologie [gemeint ist die systematische Theologie], wie sie das ganze 19. Jahrhundert beherrschte und eben nun neu wieder ›restau­riert‹ werden soll, was de facto nicht geht! Darum vollzieht sich diese Restaurierung der alten dogmatischen Me­thode, die auf der Dialektik von natürlicher und offenbarer Religion beruht, auf dem Umweg über die Exegese. Diese ist zum Aufmarschgebiet der Restauration geworden unter der im eigentlichen Sinne hinterhältigem Führung Bultmanns. Auf dieses Feld ist man ausgewichen, um dem unter schwerem Ge­schützfeuer von Basel her liegenden eigentlichen dogmatischen Kampfplatz ferne zu bleiben … Es geht heute um die Beseiti­gung des in der Dogmatik erfolgten Aufbruchs von der Exegese her. – … Hier gibt es nur eins: ein entschie­dener und entschlos­sener Rückgriff auf die Ansätze, die wir seit 1919 gehabt und gemacht haben … Und wir sollten sehen, daß es eigentlich nur ein opus grande gibt, welches in steter Zielstrebigkeit vorwärtsgegangen ist, ohne zurückzuschauen, das ist die großartige, freilich nur in ihrer Bewegung richtig zu erfassende Leistung der Kirchlichen Dogmatik [Barths] … Sie ist inkomparabel mit all den ›stehenden Gewässer‹, die wir seit A. Ritschls Preisgabe der Dogmatik (ich meine der Dogmatik als solcher) an die Ethik erlebt haben … – Studienreform? Ich würde sagen: Re­form ist gar kein Ausdruck für das, was wir brauchen. Uns tut not ein Ereignis im Raum der Theologie, es gilt, die Säule zu finden in diesem Philistertempel, die dieses ganze Gebäude trägt, um sie mit der Kraft der letzten Verzweiflung – geblende­ten Angesichts – wegzureißen, damit das Allotria, das die Phili­ster auf dem Söller treiben, endlich aufhört« (nach EvTh 44, 1984, 125 f.). Iwand sah die zu stürzende Säule in allem, was ge­wöhnlich zum Vor- und Unterbau der Dogmatik gemacht wird, vielfach heidnischen Ur­sprungs und nur schlecht aus der Bibel gerechtfertigt. Er sah das bis in die lutherische Lehre vom Gesetz hineinragen. Indem er hier die Hand anlegte, kehrte sich ihm das ganze Gebäude um. Was sonst am Eingang stand – die Theologia naturalis, Religionsphilosophie und selbst gewisse Teile der Lehre von Offenbarung und Wort Gottes –, rangiert nun am Ausgang der Theologie, wo sie ihre offenbleibenden Fragen stellt im Hinweis auf das Schauen der vollen­deten Ge­rechten. Dazu gehören nicht bloß die sogenannten großen Fra­gen der abendländi­schen Metaphysik. Dazu gehören eben auch unerledigte und vorerst nicht befriedigend zu lösende Probleme derart: Wie steht es um vernünftige Gotteserkenntnis schlecht­hin? Wie können Offenbarungserkenntnis und Seinsinterpretation Zusammengehen? Ist das Geheimnis der Einheit von Evan­gelium und Gesetz, Gebot und Verheißung schön jetzt oder nicht viel­mehr erst dann erkennbar? Alle diese Anliegen gehö­ren als explizite Ziele in die Schau der eschatologischen Zu­kunft. Sie sind erst noch implizit Geheimnis des Glaubens. Der aber ist mit dem vernünftigen Fragen und Suchen, Denken und Arbeiten mitten im Leben dahin unter­wegs. Wie immer eine Theologia viatorum im einzelnen aussehen mag: würde Iwands Umbau akzeptiert, könnte es das Ereignis sein, das die lu­therische, im weiteren Sinn die protestanti­sche Theologie vom Kopf auf die Füße stellte. Es könnte das Ereignis sein, das ihr aus alter und neuer Erstarrung zu der bei Barth schon gesichte­ten Bewegung und darüber hinaus in Gang verhülfe: sie würde wieder laufen, sie würde wieder frei und aufrecht gehen lernen.

Werke und Werkgruppen

Theologie wird also hineingenommen in eine ins Offene füh­rende Bewegung. Sie wird sich, wie angedeutet, zu bescheiden haben, solange sie Theologie in der Zeit ist. Eben so, in der Bescheidung, ist sie nach Iwand Wissenschaft. Theologie ist Wissenschaft von der Versöh­nung – mit seinen Worten: »Theo­logie als Wissenschaft ist Soteriologie« (GA II, 176). Und da Gott seine Ehre in den Menschen gesetzt hat, ist Theologie auch immer Lehre vom Men­schen, vom Menschen als Gesell­schaftswesen – Gesellschaftswissenschaft.

Diesem letzten einheitlichen Fluchtpunkt kontrastiert die Sprödigkeit des weithin Fragment gebliebenen Werkes. Es muß zum Teil wie ein Mosaik aus kleinen Steinchen zusammenge­fügt werden. Dem will die Bibliographie von Dieter Pauly – die bisher umfangreichste, auf Vollständigkeit hin angelegte – als Orientierungshilfe dienen. In der dort gewählten konse­quenten chronologischen Anordnung führt sie Iwands Schriften, soweit sie publiziert sind, nach Erscheinen und Entstehen auf. Ein bedeutender Teil des Werkes ist noch gar nicht ver­öffentlicht. Auch die Trennung in zugängliche und – für die meisten – unerreichbare Schriften erschwert den Umgang mit Iwands Werk. Es umfaßt, literarisch gesehen, Abhandlungen, Studien und Aufsätze, Vorlesungen und Vorträge, Predigten und Bibel­arbeiten, Predigtme­ditationen, Artikel für Zeitungen und Le­xika sowie Briefe.

Grundsätzlich empfiehlt sich, ein Thema von den Predigtme­ditationen her zu erschließen – da erscheint die biblische Grundlage. Das gilt auch thematisch für die theologische Exi­stenz. In der Meditation zu 2. Korinther 2,14-17 fällt das Stich­wort: »Paulus predigt über das Predi­gen« (PM 1,184-187). Da­nach wären die frühen Vorträge »Theologie als Beruf« (NW 1,219-227) und »Die Sachlichkeit der theologischen Arbeit« (GA 1,75-86) zu lesen. Sodann die Ein­leitung der ersten Vorle­sung über »Gesetz und Evangelium«, zumindest deren Schluß (NW 4,18-20). Schließlich die spätere Vorlesung über »Theolo­gie als Beruf« (NW 1,228-274). Iwands Äußerungen zum Thema sind damit nicht erschöpft. »Über das Verhältnis von Theo­logie und Kirche«, also auch über den Theologen vor und in der Kirche, hielt er die Festrede zum hundertjährigen Beste­hen des Evangelisch-Theologischen Stifts an der Universität Bonn (1954, erschienen 1956). – Dieses eine Beispiel zeigt, daß die Themen das Werk und seine Publikationen wie die Schich­ten das Erdreich durchziehen. Auch wer zunächst nur einzelne Grabungen macht, muß eine wenigstens ungefähre Übersichts­karte benutzen.

Abhandlungen. Iwands theologische Monographien sind nur wenige und nicht von allzu gro­ßem Umfang, dafür aber reich an Ideen und von eigener Prägung. Dazu gehören die Habilita­tionsschrift »Rechtfertigung und Christusglaube« (1930) und die (teilweise überholte) Ein­führung in Luthers Theologie: »Glaubensgerechtigkeit nach Luthers Lehre« (1941). Die Pro­motionsschrift zur Religionsphilosophie ist nicht im Druck er­schienen.

Studien und Aufsätze. Seine Studien beziehen sich fast alle auf Luther, darunter die zu »De servo arbitrio«, etwa die in der Zeitschrift für Systematische Theologie erschienenen »Studien zum Problem des unfreien Willens« (1930), aber auch »Theolo­gische Einführung« und »Er­läuterungen« zur deutschen Über­setzung »Daß der freie Wille nichts sei« in der Münchener Lu­therausgabe (1954). Spätere Aufsätze dieser Art sind als Vorar­beiten zu der geplanten großen Darstellung von Luthers Theo­logie zu betrachten. Die meisten der hierher gehörenden Arbei­ten finden sich heute in den beiden Bänden der Gesammelten Aufsätze (GA I und II).

Vorlesungen und Vorträge. Die Vorlesungen – Vorlagen und Nachschriften, die den lebendi­gen Vortrag nur zum Teil wie­dergeben – teilen sich in solche, die im Predigerseminar der ostpreußischen Bekennenden Kirche gehalten wurden, und in Universitätsvorlesungen nach 1945. Aus dem Predigerseminar ist außer »Gesetz und Evangelium« (NW 4) ein Homiletik­kol­leg erhalten. An Universitätsvorlesungen sind zum Beispiel ver­öffentlicht: »Glauben und Wissen« (NW 1) und »Luthers Theologie« (NW 5). Nicht veröffentlicht sind zum Beispiel die Vorlesungen über Christologie und über Ethik. – Iwands Vor­träge zeigen eine erstaunliche Vielfalt an Themen und Themen­variationen. Der Sammelband »Vorträge und Aufsätze« (NW 2) ist von ihnen geprägt und darf als typisch gelten.

Predigten und Bibelarbeiten. Schon der Band »Ausgewählte Predigten« (NW 3) läßt etwas von der Eigenart und Vollmacht Iwandscher Wortverkündigung erkennen. Die weit überwie­gende Masse des Materials ist bis heute jedoch weder gesammelt noch publiziert. Eine erste Übersicht gibt Rolf Heinrich, Ver­heißung des Kreuzes, 326-328.

Predigtmeditationen. Dagegen sind die Meditationen, etwa 150 an der Zahl, umfassend in zwei Bänden ediert (PM I und II). In diesen Meditationen wird Iwands theologische Hauptlei­stung gesehen. Das ist von der Seite des Einsatzes wie nach der Seite der Wirkung völlig gerechtfertigt. Überdies belegen diese promissorisch-homiletischen Versuche seine komplexe theolo­gische Methode am besten. Manche seiner Gedanken erschei­nen nur hier deutlich genug ausgearbeitet. Die erreichten Stufen der Entwicklung sind sämtlich vertreten und von bemerkenswerten Unterschieden. Sie müssen kritisch daraufhin betrachtet werden.

Artikel für Zeitungen und Lexika. Hierher gehört das für Flugblätter der Bekennenden Kirche wie für das Beienroder Umsiedlerblatt »Die Hilfe« Geschriebene. Dann aber alles in Tages­zeitungen und Monatsschriften, wie zum Beispiel der von Iwand mitverantworteten »Jungen Kirche«, Erschienene. Ta­ges- und Zeitfragen, wie die von Frieden und Abrüstung, ste­hen im Vordergrund. Der Sammelband »Frieden mit dem Osten« gibt ein gutes Bild davon. Ein gro­ßer Teil des vorhande­nen Materials ist jedoch nicht wieder nachgedruckt worden. – Die Zahl der Lexikonartikel ist klein. Unter ihnen stehen die im Evangelischen Soziallexikon (1954) an Bedeutung obenan (etwa » Gerechtigkeit«).

Briefe. Die »Briefe an Rudolf Hermann« (NW 6), die den größten und geschlossensten Kom­plex an einen einzigen theo­logischen Adressaten bilden, sind nur ein kleiner Teil des im Ganzen Erhaltenen. Die große Masse befindet sich im Besitz von Privatpersonen und kirch­lichen Archiven. Nur weniges da­von wurde verstreut publiziert. Nach bisherigen Erkundun­gen ragen die Briefwechsel mit Hans Meiser, Karl Barth, Josef Hromádka und Josef Soucek hervor. Auch diesen Blättern hat Iwand Gedanken anvertraut, die sich sonst nicht wiederfin­den. Seine außerordentliche Spontaneität ist in den Briefen noch un­mittelbar erlebbar. –

Das Ziel dieses Buches wird sein, Zugang zu dem zu erschlie­ßen, was die Einheit von Leben und Lehre, Leben und Werk bei ihm gewesen ist: diese theologische Existenz. Sie ist vom Zeitgeschichtlichen und Biographischen nicht zu trennen, nicht einmal in der Bibliographie, geht aber auch nicht darin auf. Darum wird ihr selbst wieder Stimme verliehen – in einer Do­kumentation von Briefen aus allen Stationen seines Lebens, hin­reichend eingeleitet und kommentiert. Auf diese Weise wird das Ineinander von kollektivem Schicksal, individuellem Le­bensgang und theologischen Themen, das bei Iwand besonders eng geschlungen ist, um­rißhaft deutlich werden.

Quelle: Hans Joachim Iwand – Theologie in der Zeit, hrsg. v. Peter Sänger und Dieter Pauly, München: Chr. Kaiser, 1992, S. 9-26.

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