Eberhard Jüngels Predigt über Römer 11,25-33: „Das also ist Gottes großes Geheimnis: daß er sein eigenes Herz nicht verschont hat. Am Kreuz Jesu Christi blutete es.“

Predigt über Römer 11,25-33 (10. Sonntag nach Trinitatis)

Von Eberhard Jüngel

Liebe Gemeinde! Ein Geheimnis nennt der Apostel das, was er auf dem Höhepunkt seines Briefes an die Römer in Worte zu fassen versucht hat. Ein Geheimnis nennt er es deshalb, weil es sozusagen der Herzschlag Gottes ist, den wir da zu hören bekommen.

Wenn ein Mensch einen anderen in sein Herz blicken läßt, dann weiht er ihn in sein tiefstes Geheimnis ein. Denn was unser Herz bewegt, das ist immer geheimnisvoll. Es ist mitunter sogar so ge­heimnisvoll, daß selbst der eigene Kopf nicht immer alles versteht, was da in seinem Herzen vorgeht. Das hängt wohl damit zusammen, daß die Geheimisse des Herzens einfach zu elementar, zu einfach für unseren komplizierten Kopf sind. Nichts gegen einen klugen Kopf! Doch die wirklich wichtigen, die elementaren Entscheidungen unseres Lebens fallen nun einmal in unserem Herzen. Was das Herz bewegt, das entscheidet im Grunde. Was aber im Grunde über unser Leben entscheidet, hat die Würde eines Geheimnisses. Es ist dem neugierigen Zugriff entzogen.

Nicht daß man nicht davon reden könnte! Für wirkliche Geheim­nisse sind die besten Worte gerade gut genug. Aber über ein Ge­heimnis plaudert man nicht. Eher schon kommt man ins Stottern. Man will und man kann nicht zu jeder Zeit und schon gar nicht zu jedermann dar­über reden. Alles zu seiner Zeit! Und ein jedes Ge­heimnis hat seine Zeit, will zu seiner Zeit zu Worte kommen.

Wir tun gut daran, uns diese uns allen vertrauten Erfahrungen in Erinnerung zu rufen, wenn wir den schwierigen Text verstehen wollen, den der Apostel Paulus nicht nur der christlichen Gemeinde zu Rom, sondern auch der Gemeinde zu Tübingen zugemutet hat. Äußerlich ist es wirklich ein schwieriger Text.

Äußerlich mutet er zunächst mysteriös an. Von Verstockung ist da die Rede und von Unge­horsam, ja von einem Ungehorsam, in den Gott alle Menschen eingeschlossen hat: wie in ein Verließ ohne Fenster und ohne Türen – so daß der Mensch sich selber nicht mehr daraus be­freien kann. Und dann ist da die Rede von dem Unter­schied zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und der Welt – einem tiefgreifenden Unterschied, der aber letzlich doch wie­der gleichgültig wird, wenn sich alle im selben Verließ wiederfinden, wenn alle die Gefange­nen ihres eigenen Ungehorsams sind.

Das klingt in der Tat alles recht kompliziert und mysteriös. Aber im Grunde ist es ein Ge­heimnis des Herzens, was der Apostel da auszusprechen wagt. Und die Geheimnisse des Her­zens sind immer einfach – oft genug eben zu einfach, als daß unser komplizierter Verstand sie ohne weiteres zu verstehen vermöchte. Der hat aller­dings nicht wenig einzuwenden gegen das große Geheimnis, von dem Paulus redet. Schon der vorwurfsvolle Ton, in dem da von unse­rem Ungehorsam die Rede ist, schmeckt unserer zum zweiten Mal aufgeklärten Vernunft ganz und gar nicht.

Zuviel Gehorsam hat man uns abverlangt. Zuviel davon haben wir abgeleistet. Nun wollen wir, daß der zivile Ungehorsam lebe. Die bitteren Folgen eines Zuviel an Gehorsam sind uns gerade aus der jüngsten deutschen Geschichte nur zu gut in Erinnerung. Wäre es nicht gerade den Juden zugute gekommen, wenn in Deutschland damals nicht nur einige wenige den Mut zu zivilem Ungehorsam gezeigt hätten? Ist Ungehorsam nicht eine Tugend, die oft sehr viel mehr Verantwortung und Mut verlangt als der Gehorsam?

Nun, jeder von uns kennt genug Situationen, in denen das zwei­fellos der Fall ist, in denen entwürdigender Gehorsam erzwungen wird. Dann kommt es in der Tat darauf an, den Unge­horsam zu wagen. Doch haben wir dann auch wirklich den Mut dazu? Dann! Oder propagie­ren wir zivilen Ungehorsam nur, wenn es nichts kostet? In unserer Universitätsstadt braucht man nur einmal genauer in die akademischen Institutionen und Institute Einblick zu nehmen, um sehr schnell sehr ernüchtert festzustellen, wie akademisch die hochgemute Rede vom zivi­len Ungehorsam im Ernstfall ist. Man täusche sich nicht: wer am lautesten davon spricht, schleicht sich im Ernstfall am leisesten davon.

Doch wie auch immer: daß Ungehorsam das Gebot der Stunde sein kann, schließt nicht aus, sondern setzt voraus, daß es menschen­würdigen Gehorsam gibt: keine absolute Unterwerfung, sondern sinnvollen Gehorsam als Inbegriff menschlicher Freiheit. Sinnvoller Gehorsam ist ja nichts anderes als die Beachtung der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, die unse­rem Leben zugute kommen. Wer ihren Sinn versteht und bejaht, der ist aus Freiheit gehorsam. Und den wird der eigene Gehorsam nicht zu einem unterwürfigen, sondern zu einem verant­wortlichen Menschen machen. Zur Last und Fron wird der Gehorsam, den wir den Gesetzen schuldig sind, nur für den Verantwortungslosen. »Des Gesetzes strenge Fessel bindet nur den Sklavensinn, der es verschmäht.«

Von Unterwürfigkeit kann nun aber erst recht keine Rede sein, wenn Gott Gehorsam fordert. Fordert er doch nichts anderes, als daß wir ihn über alle Dinge lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Der Ungehorsam, von dem Paulus spricht, ist also nichts anderes als verwei­gerte Liebe. Und verweigerte Liebe schafft verkümmertes Leben.

Wohlgemerkt: ich rede jetzt nicht von verweigerter Liebe zu den Menschen, die ohnehin »liebenswert« sind. Wer ohnehin »liebens­wert« ist, der ist auch begehrenswert. Den lieben wir gut und gerne! Und so soll es auch sein. Nein, ich rede jetzt von der verweigerten Liebe zu denen, die ganz und gar nicht liebens- und begehrenswert sind. Und von ihrem verküm­merten Leben. Sind es wirklich nur Extremfälle, wenn eine Urlauberin durch den Anblick behinderter Menschen beeinträchtigt wurde? Oder wenn ein Tübinger Gastwirt sich weigert, Behinderte in sein Lokal zu lassen? Wahrscheinlich sind es Extremfälle. Extremfälle machen es uns ja leicht, empört zu sein. Doch wer wäre da, der seine eigene Lebensgeschichte strah­lend erzählen könnte? Wer müßte da nicht auch von den Menschen erzählen, deren Leben er durch verweigerte Liebe verkümmern ließ? Ja, wessen Leben ist selber ganz frei von solcher Verkümmerung?

Paulus erzählt mit einem einzigen Satz unser aller Geschichte, wenn er von dem Ungehorsam aller Menschen redet. Und er führt uns als Inbegriff und Urgestalt des ganz und gar nicht lie­bens- und begehrenswerten Menschen den gekreuzigten Christus vor Augen. An ihm wird es unübersehbar: der Ungehorsam der Menschheit, die verweigerte Liebe, das verkümmerte Leben.

An ihm ist aber erst recht unübersehbar, daß Gott uns ungehor­samen Menschen seine Liebe nicht verweigert. Der selbstverschul­deten Verkümmerung menschlichen Lebens setzt er seine Zuneigung zu den Verkümmerten, und das heißt konkret: die Auferstehung von den Toten entgegen. Sie ist das verborgene Geheimnis Israels. Von diesem Geheimnis redet der Apostel, wenn er von der Erwählung Israels spricht, die auch durch den Ungehorsam des erwählten Vol­kes nicht hinfällig wird. »Denn unwiderruflich sind Gottes Gnaden­gaben und seine Beru­fung.« Dem Ungehorsam seines Volkes begeg­net Gott vielmehr mit gesteigerter Liebe. Und wie steigerungsfähig seine Liebe ist, das führt er dem verstockten Volk dadurch vor Augen, daß er sich aller Völker, daß er sich aller Menschen erbarmt.

Was aussieht wie das dunkle Mysterium Israels, ist also in Wahr­heit das tiefste Geheimnis Gottes. Kein Wunder, daß selbst dem Apostel sozusagen der Atem stockt! Und daß er, kaum hat er dieses große Geheimnis in Worte gefaßt, in einen Jubelschrei ausbricht: »O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und Erkenntnis Gottes!« In der Tiefe des Reichtums, der Weis­heit und Erkenntnis Gottes geht es um die ganz einfache Wahrheit, die Paulus am Ende seiner kom­plizierten Argumentation denn auch ganz einfach formuliert: Gott, so schreibt er, hat alle unter den Ungehorsam verschlossen, auf daß er sich aller erbarme.

Auf daß er sich aller erbarme! Das gilt es im Ohr zu behalten. Das ist der strahlende Tenor, das leuchtende Leitmotiv, dem sich alle anderen Töne unterzuordnen haben, die in unserem Text und wohl auch in unserem Leben aufklingen mögen. Es gibt da zweifellos harte Klänge und schwer erträgliche Tonfolgen, harte Dissonanzen, die für sich allein genommen unerträg­lich wären: Mißklänge, so schrill und gemein, daß man »aufhören, aufhören!« schreien möch­te. Nur der Zusammenhang mit dem Tenor des Ganzen macht sie erträglich.

Einige von uns kennen das ja wohl aus ihrem eigenen Leben: Ereignisse, die in ihrer Schreck­lichkeit unsere physischen und psychi­schen Kräfte hoffnungslos überfordern. Mitunter so sehr, daß man wiederum nur noch schreien oder gar nur noch seufzen mag: »auf­hören, bitte aufhören!« Und unser Leben würde wohl aufhören, ein menschliches Leben zu sein, es würde gleichsam in sich zusammen­sacken, wenn wir es nicht schaffen würden, von solchen schreck­lichen Ereignissen und Erfahrungen eine Brücke zu schlagen hin zu dem, was unser Leben trotz allem noch lebenswert macht. Eine Brücke von der unerträglich schmerzenden Krankheit oder der tiefen De­pression eines verzweifelnden Ich zum Beispiel hin zu den Menschen, die wir lieb haben und die wir auch dann lieb behalten, wenn sie uns nicht mehr helfen können. Unser Leben würde seinen menschlichen Sinn verlieren, wenn wir es nicht schaffen würden, solche Brücken zu schlagen: zum Beispiel von dem lähmenden Ekel, der uns angesichts des widerlichen Terroraktes im Bahnhof von Bologna wohl überfallen mag, eine Brücke zu den Aufgaben und Chancen verantwortlicher politischer Existenz in einem Staat, für den zu strei­ten sich lohnt. Wir brauchen solche Brücken, die uns den Übergang erlauben von den schreck­lichen, den unerträglichen Härten des Lebens zu dem, was man den Sinn des Lebens zu nen­nen pflegt.

Und eben deshalb ist es so wichtig, daß wir jenen strahlenden Tenor unseres Predigttextes im Ohr behalten: auf daß er, Gott, sich aller erbarme – das ist die Brücke, die uns weiterhilft, wenn wir nicht mehr weiter können oder nicht mehr weiter wollen. Dieser strahlende Final­satz »auf daß er sich aller erbarme« bringt Licht nicht nur in die dunklen Stellen der Bibel, sondern eben deshalb auch in die dunklen Abgründe unseres Lebens. In alles, was für sich allein genommen schwer oder gar nicht erträglich ist, ist nun Gott selber hineingezogen: mit dem ganzen Gewicht seiner göttlichen Gerechtigkeit und mit dem noch größeren Gewicht seiner Barmher­zigkeit. Barmherzig sein – das heißt ja: sein eigenes Herz nicht verschonen. Das hat Paulus gemeint, als er an anderer Stelle schrieb, Gott habe seinen eigenen Sohn nicht verschont. Das also ist Gottes großes Geheimnis: daß er sein eigenes Herz nicht verschont hat. Am Kreuz Jesu Christi blutete es. Und wenn je ein Herz, dann hat dieses Herz nicht umsonst geblutet.

Das also gilt es im Ohr zu behalten, wenn unsere frommen und unfrommen Einwände laut werden gegen jenen strahlenden Finalsatz nicht nur unseres Textes, sondern aller biblischen Texte: auf daß er sich aller erbarme. Es sind ja wohl vor allem fromme Einsprüche, die sich nicht damit abfinden wollen, daß Gott sich aZ/er erbarmen will. Die Frömmigkeit aller Zeiten ist sich darin gleich: daß sie Gottes Liebe eben nur für die Frommen reserviert sehen will. Gott für alle – das ist zuviel, das verringert das religiöse Selbstwertgefühl. Gottes Gerechtig­keit für alle – das mag angehen. Und Gottes Zorn für alle – das ist gut. Aber Gottes Liebe – die soll für die wenigen reserviert sein, die es verdienen, vom Zorn des gerechten Gottes zwar bedroht, aber eben wegen ihrer Frömmigkeit dennoch verschont zu werden.

So etwa müssen wohl auch die frommen Juden gedacht und argu­mentiert haben. Doch Paulus, selber ein Jude, wirft ihnen deshalb Verstockung vor. Und es ist in der Tat eine unglaubliche Verstockt­heit, den lieben Gott zum Privatbesitz einiger Frommer oder einer frommen Gruppe oder auch eines frommen Volkes herabzuwürdigen. Natürlich haben die Frommen recht – sie haben immer recht! wenn sie darauf bestehen, daß die Mehrzahl der Menschen die Liebe Got­tes nicht verdient habe. Aber wann hätte je ein Mensch die Liebe auch nur eines Menschen verdient? Gibt es eine größere Verstocktheit als den Wahn, Liebe verdienen zu können?

Und nun sehe jeder zu, daß er nicht seinerseits anfängt, ausge­rechnet die Frommen wegen ihrer Verstocktheit in die Hölle zu wünschen. Davor warnt der Apostel ja seine lieben Chri­sten im Blick auf die erwählten Frommen, im Blick auf Israel. Es scheint fast, als habe der Apostel wie in einer Schreckensvision vor Augen gehabt, was dann tatsächlich eingetreten ist: die Christen haben alles getan, damit die Juden auf Erden die Hölle zu spüren bekamen. Mit religiöser Besserwisserei fing es an. Und am Ende wünschte man sie nicht nur mit Worten, sondern mit Greueltaten ohnegleichen in die Hölle. Statt die Hölle selber zur Hölle zu wün­schen!

Denn das, liebe Gemeinde, müßte doch geschehen, wenn wir wirklich glauben, daß Gott sich aller erbarmt. Wenn wir das glau­ben, dann werden wir keinen Menschen mehr in die Hölle wün­schen. Dann wird das Wort »Hölle« endlich seinen Sinn verlieren. Gott selbst, der alle unter den Ungehorsam verschlossen hat, auf daß er sich aller erbarme, hat der Hölle für Zeit und Ewigkeit ihren Sinn genommen. Und damit wir das nicht nur in den Ohren behalten, da­mit uns dieses strahlende Finale vielmehr in Fleisch und Blut übergeht, lädt er uns alle an seinen Tisch. Denn das ist der Sinn des heiligen Mahles: daß uns, den Ungehorsamen, diese Gewißheit in Fleisch und Blut übergehe: der allmächtige Gott hat sich unser erbarmt. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Hier die Predigt als pdf.

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