Helmut Gollwitzer in seinem Geleitwort zu Hans Joachim Iwands Predigtmeditationen: „Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so frei von Eitelkeit und Neigung zu Intrige war, überhaupt von Ichbezogenheit, frei zu Sachlichkeit und unbekümmerter Ehrlichkeit“

Über Hans Joachim Iwand. Geleitwort zu seinen Predigtmeditationen

Von Helmut Gollwitzer

Wo konnte ein Mann, der über das Geschehen und seine Ursachen sich einigermaßen im klaren war, im Sommer 1946 noch einen Ansatzpunkt finden, um neu anzufangen in diesem zerbrochenen Volke? Wovon konnte er meinen, daß es jetzt vor allem getan werden müsse, wovon konnte er sich aufbauende Wirkung versprechen? welches Tun trug Zukunft in sich inmitten einer Welt des Zusammenbruchs und des Gerichtes? Für den Mann, dem wir diesen Band verdanken, konnte die Antwort weder ausbleiben noch zweifelhaft sein. Er stand in einem Tun, das durch die Ereignisse nicht wie so vieles andere ad absurdum geführt war, sondern dem er nun gerade die größte Dringlichkeit und die wunderbarste Verheißung zu­kommen sah. Er war evangelischer Prediger, christlicher Theologe und damit Hörer und Sprecher zugleich, Hörer und Bote einer Botschaft, die von den Katastrophen nicht widerlegt war, sondern in den Katastrophen um so heller aufleuchtete. Die Erneuerung des Dienstes an dieser Botschaft und damit die Erneuerung der gottesdienstlichen Predigt erblickte Hans J. Iwand damals als Aufgabe im Zentrum dessen, was die Not der Zeit forderte. Nichts Dringli­cheres und nichts Sinnvolleres konnte es gerade jetzt, jedenfalls für ihn, geben als die Frage, was denn christlich zu predigen sei in dieser Zeit, — als diese Frage aushalten, über sie in Gemeinschaft Nachdenken, auf sie Antwort suchen in der biblischen Botschaft selbst und das Gefundene weitergeben, von seinem Freunde Julius Schniewind hatte er es unvergeßlich ge­hört, daß Euanggelion „gute Kunde von rettender Gottestat“ heißt, mündlich von einem zum anderen weiterzusagen. Jetzt mußte sich das bewähren, von der Predigt dieses Evangeliums her mußte sich die Kirche und die Zeit erneuern, mußte der Weg aus dem Untergang in neues Leben zu finden sein; durch sie mußten auch die ungeheuren Erfahrungen zum Sprechen kom­men und verarbeitet werden können; in ihr — und in ihr allein konnte das Zeugnis der nun abgeschlossenen Kampfjahre der Kirche vor der Mythisierung ebenso wie vor dem Vergessen bewahrt werden und als wirkendes Erbe Frucht bringen.

So kreisten sofort alle seine Gedanken um die Erneuerung der predigt, so kam es zur Herausg­abe der Predigtmeditationen, zuerst vervielfältigt als Gruß und Hilfe für die aus der Heimat vertriebenen ostpreußischen Brüder, dann als Beihefte zur „Monatsschrift für Pastoraltheolo­gie“. Die persönlichen Beziehungen zu östlichen Kirchenmännern und Politikern, die er durch seine Reisen in die Oststaaten während des letzten Jahrzehnts gewann, waren ihm vor allem auch wichtig wegen der dadurch erlangten Gelegenheit, den Druck und Bezug der Meditatio­nen innerhalb der DDR und ihre Bezugsmöglichkeit innerhalb der Oststaaten durchzusetzen. Auf jeder Reise betrieb er diese Sache und bei jeder Rückkehr berichtete er davon, hatte er nicht recht? Ist dadurch, daß in Tausenden von Pfarrhäusern auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zur Vorbereitung der Sonntagspredigt. zur gleichen Zeit die gleichen Meditationen, von Verfassern aus Ost und West stammend, herangezogen werden, nicht mehr geschehen für die Einheit der Kirche über die politischen Grenzen hinweg als durch eine Anzahl internatio­naler Konferenzen von Kirchenführern? Jedenfalls: Wenn er dem Dienst an der predigt eine solche zentrale Bedeutung für die Kirche und [6] Welt gab, so war das nicht eine Beschränkt­heit des Blicks, in der er, wie es manchem geht, das eigene Geschäft für den Mittelpunkt des Weltgeschehens hielt; es war vielmehr Ausdruck seiner wesentlichen theologischen Erkennt­nis, Dabei ist unter Erkenntnis nicht nur das Axiom oder Postulat eines theologischen Systems zu verstehen, sondern im Sinne der johanneischen Zusammenordnung von Glauben und Er­kennen (sie hat Iwand in den Vorlesungen seiner letzten Jahre unablässig beschäftigt) jener Ursprung, an dem Leben und Erkennen sich noch in ungetrennter Einheit vollziehen. Gerade für ihn war das Verschlungensein der Erkenntnisbemühung und des Ergriffenseins vom Evan­gelium charakteristisch. Wo er eine Trennung von theologischem Denken und theologischer Existenz beobachtete, wo er auf lebensleeren Wissenschaftskult und hohlen Akademismus in der Theologie stieß, reagierte er mit Grimm und Trauer. Sein eigenes Denken entstand durch das lebendige Ergriffensein und ging in Vortrag und Vorlesung immer wieder in direkte Ver­kündigung über. Am letzten Tage noch, bevor ihn der Schlaganfall aufs Sterbelager warf, klagte er uns bei einer Sitzung des Kuratoriums der Wuppertaler kirchlichen Hochschule seine Beobachtung, es sei bei den predigten junger Pfarrer so selten ein aus eigener Erfahrung kom­mendes lebendiges Zeugnis zu hören. Der Umgang mit ihm selbst war gerade darum stets so belebend, weil er in jedem Wort mit der ganzen Dichte seiner Persönlichkeit präsent war, weil jedes Wort aus echter Erfahrung kam und nur anempfundenes oder erdachtes Gerede bei ihm nie zu hören war. Diese seltene Einheit von Denken und Existenz dürfte auch in allem, was er geschrieben hat, zu spüren sein. Auch von hier aus ist es nicht zufällig, daß von seiner dogma­tischen Arbeit das predigen nicht weggedacht werden kann, daß er systematische und prakti­sche Theologie, theologisches Denken und intensive Teilnahme am kirchlichen Geschehen miteinander aufs engste verband und daß nun also gerade in diesem Bande von Predigtmedi­tationen seine theologische Arbeit ihren reichsten Niederschlag gefunden hat.

Am Ursprung seines Denkens steht die Erkenntnis, daß in der christlichen Botschaft Wort Gottes und Tat Gottes eins ist, daß der Name Jesus Christus nur mit diesen beiden Begriffen Wort und Tat recht umschrieben werden kann. Verständnis und Entfaltung dieser Erkenntnis, d.h. aber eine rechte Lehre von Jesus Christus als dem Worte Gottes war ihm die der Theolo­gie gestellte Aufgabe. Das Wort Gottes in Christus ist Tat, — das macht das Evangelium zur Kunde, das bindet den Glauben an die Geschichte, das grenzt ab gegen einen Existenzialis­mus, der den christlichen Glauben als eine geschichts- und erkenntnislose Entscheidung ver­steht. Die Tat Gottes in Christus ist Wort, promissio, wie Luther sagt, geht im Wort durch die Welt um Glauben zu wecken; das grenzt ab gegen einen Objektivismus, der die Heilstat Got­tes meint neutral feststellen zu können. Darum ist die menschliche Rede das ausgezeichnete, erwählte Mittel, durch das Gottes Tat zu uns kommen und uns verwandeln will. Sermo Dei venit mutaturus (WA 18,626) — das war ein Lieblingswort Iwands. Und ebenso das andere: theologus crucis dicit id, quod res est (WA 1,354). „Daß die Welt verwandelt ist, daß die Sün­de nun dank der Tat Gottes ‚auf ihm‘ liegt, daß der Tod, dank eben dieser Tat Gottes, auf­ge­hoben, verwandelt, in den Dienst unserer eigenen Verwandlung gestellt ist (das Sterben ist nun Weg zum Leben), das hat man nicht mehr wahrhaben wollen. Der Mensch, der fromme, der ernste, der sittlich denkende, der angefochtene, versuchte, verlorene, vom Nichts bedrohte Mensch, das sind jetzt die geheimen Themen dieser Rechtfertigungslehre geworden. Aber Gottes Tat, die der Welt als ganzer gilt, die zurückwirkt und vorauswirkt, die die Sünde ‚auf einmal‘ aufhebt und das Gesicht der Wirklichkeit verwandelt, die ein neues Element, seine Gerechtigkeit, hineinbringt in die Welt und unser Leben, [7] in alle Beziehungen zwischen Gott und uns und zwischen uns als Menschen miteinander, — diese die Welt verwandelnde Tat Gottes ist vergessen … Mit diesem Gericht, an Jesus Christus vollzogen, stellt Gott seine Gerechtigkeit, die von uns am Ende der Tage erwartet, gefürchtet oder auch verspottet wird, mitten hinein in die Zeit und macht die Welt zum Schauplatz seines letzten Gerichts. Der Glau­be aber ist nichts anderes, als daß wir lernen mit diesem Gott zu rechnen, es lernen gegenüber allen, wirklich allen Anfechtungen, was allein wirkliche, bleibende, siegreiche Realität ist: dieser Gott in Christo ist die allein siegreiche Realität — und der Gott außer Christo, mag er erscheinen, wie er will, ist keine.“ So hören wir in einem Vortrage Iwands über „Glaube und Rechtfertigung“ aus seiner Göttinger Zeit.

Um nichts Geringeres geht es in der Verkündigung der Kirche; nichts Größeres als den Dienst der Verkündigung kann sie sich als Aufgabe und Daseinssinn setzen. „Jede gute Meditation muß von der Voraussetzung ausgehen, daß, wenn es gelingt zu hören, was hier zu hören ist, alle anderen Sorgen und Fragen in dem einen, was not tut, aufgehoben sein könnten, daß jeder, der mit dem Amte dieses Hörens und Sagens betraut ist, dieser ungeheuren Möglichkeit ganz nahe ist (und darum wir alle die Kerne dazu als besonders bitter und als unsere tiefe Schuld empfinden)“ (Vorwort zum 4. Jahrgang der GPM).

In Luthers Theologie fand Iwand dieses Verhältnis von Wort, Verkündigung und Kirche am klarsten erkannt, in der theologischen Arbeit Karl Barths fand er diese Erkenntnis erneuert und den Kirchenkampf erlebte er als die gottgeschenkte Einübung in diese Erkenntnis: „Es sind in der evangelischen Kirche Dinge geschehen, wie sie seit den Tagen der Reformation, im Guten und im Bösen, nicht wieder geschehen sind … Es wurde wieder ernst mit dem Predi­gen, es war gefährlich nicht nur zu predigen, sondern auch zu denen zu gehören, die sich das predigen ließen. Es tagten Synoden, wie sie seit Jahrhunderten in Deutschland nicht mehr ge­tagt hatten, die einmütig und verbindlich für die ganze evangelische Christenheit sprachen, die es wagten Nein zu sagen und damit das Ja, das sie sagten, erst kräftig und der Öffentlichkeit begreifbar machten, die die Kirche daran erinnerten, daß sie eine theologische Verantwortung hätte und daß sie, wenn sie diese theologische Verantwortung außer acht ließe, aufhören müs­se, evangelische Kirche zu sein“ (aus einem Vortrag „Die Lage der evangelischen Kirche nach der Kirchenversammlung von Treysa“, 1946). Es war nicht romantische Schwärmerei, daß Iwand nach 1945 immer wieder so plerophorisch von dem Ereignis der Bekennenden Kir­che sprach. Er wollte damit der Mißachtung dieses Gottesgeschenkes und der Vergeßlichkeit wehren, er sprach in der Sorge, man könnte verlieren, was hier ausgeblitzt ist, gerade indem man es fraglos zu besitzen, in kirchlichen Institutionen eingefangen zu haben meinte. Immer wieder taucht dieser warnende Konjunktiv bei ihm auf: „Es könnte sein, daß gepredigt wird — und daß doch das Wort nicht auf dem Plan ist, das eine, ewige, rettende Wort, um deswil­len allein gepredigt wird, um deswillen Kirche und Amt, Theologie und Schrift da sind, um deswillen Jesus selbst Mensch wurde… Es könnte sein, daß Gott schweigt und unser Reden und Beten ins Leere geht; es könnte sein, daß ihm unser Auslegen und Reden nicht gefällt, weil er sein Wort, das Wort, dessen Subjekt Er ist, nicht wiederfindet in dem, was wir sagen, weil unter unseren Händen Sein Wort aufgehört hat, Sein Wort zu sein. Das ist die tiefste Not und eigentliche Sorge, die uns bewegt“ (Vorwort zum 4. Jahrgang der GPM). Diese Sorge ist möglich, weil es sich um das Wort des lebendigen Gottes handelt, und sie wurde nötig, als er das Vergessen, das Vertrauen auf Institutionen, die Restauration auch in der Kirche vordrin­gen sah. Diese Sorge, die mit dem vertrauen auf Gottes Gnade und Treue nicht unverträglich ist, [8] sondern mit ihm zusammengehört, trieb ihn in das aufopfernde Tun, in dem er sich seit 1945 verzehrte, und sie ließ auch die Göttinger Predigtmeditationen entstehen, — als einen Dienst am freien Evangelium, das vor und über der Kirche und nicht ein Besitz oder Produkt der Kirche ist. „Denn das Evangelium ist nicht vom Menschen her, auch nicht von den from­men, auch nicht von den apostolischen Menschen her, sondern es hat seine Autorität in sich selbst. In diesem Sinne ist es dann auch ‚pura doctrina‘, wir sind hier alle Schüler und werden Schüler bleiben bis ans Ende der Welt. Die Theologie und die theologische Ausbildung, die theologische Bemühung der Prediger in der Kirche, — was ist das anderes als der Erweis des­sen, daß wir gerade als Kirche in der Schule des Evangeliums bleiben?“ So heißt es in einem Vortrag über konfessionelle Fragen nach 1945.

In der Schule des Evangeliums sein heißt in der Schule der heiligen Schrift sein, in der Schule des Textes. Iwand fürchtete einen Rückfall, einen „Verlust der theologischen Existenz“ derge­stalt, daß Exegese und predigt wieder auseinanderklaffen, so daß die Exegese historisch in der Vergangenheit des Textes steckenbleibt und die Predigt darum sich vom Text emanzipiert und subjektiv und freihändig den Meinungen des Predigers ausgeliefert wird. Nur wo Theologie aus die Verkündigung gerichtet bleibt, kann sie ihre Einheit, die Einheit von historischer und systematischer Arbeit, und damit ihren theologischen Charakter bewahren und nur so lange wird die predigt im Dienste des Wortes stehen und die Kirche nicht das Evangelium verraten. Die Grundthese eines Vortrages aus dem Jahre 1934 über die Frage, was die Theologie der Kirche schuldig sei, lautete: „Unsere wissenschaftliche Arbeit ist nur da theologisch, wo in ihr und durch sie die Berufung zur Verkündigung geschieht“, und in dem Kommentar dazu heißt es, daß „in der Theologie die Wirklichkeit der Kirche entschieden wird“, daß darum „die Kunst der doppelten Buchführung in der Kirche“, die die Wissenschaft und die Praxis ausein­anderreißt, „die Zerteilung der einen ganzen Wirklichkeit des Wortes Gottes“ sei und daß darum die Schrift nur kennenlerne, wen die Anfechtung aufs Wort merken lehrt. „Darum muß das eine für unsere Arbeit gelten: Nichts wird andere erbauen, was uns nicht selbst erbaut, nichts wird anderen helfen, was uns nicht selbst hilft. Es gibt kein Fertigsein für den Prediger, und wo es das gibt, da ist es Fertigkeit und sonst nichts.“ In der Schule des Textes, in der auf die Predigt bezogenen Exegese verlernt der Prediger das Fertigsein und lernt die Anfechtung, die ihn dann wieder in den Text treibt. Iwands eigene predigten sind ein solches lebendiges Bewegtwerden durch den Text, oft prophetisch über seinen Wortlaut hinausgreifend, nie aber ihm untreu werdend. Daß er Alt- und Neutestamentler verschiedener theologischer Richtung zur Mitarbeit an den Meditationen gewonnen hat, hat er selbst als einen Dienst sowohl an der Einheit der evangelischen Theologie wie auch an der exegetischen Arbeit dieser seiner Kolle­gen verstanden, als eine Anregung Exegese in der Perspektive heutiger Verkündigung und nicht in der Abstraktion der bloßen Historie zu treiben. Wenn „der Text ist gerade in seiner Inhaltlichkeit, in seiner Wörtlichkeit die ständige Erinnerung und die göttliche Verheißung, daß hier wirklich die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Toten auferstehen könnten“ (Vor­wort zum 4. Jahrgang der GPM), — ein Satz, aus dem sich eine ganze heutige Lehre von der heiligen Schrift entwickeln ließe.

Es wird dem Leser lieb sein, vom Leben des Mannes, der diese angreifenden und erleuchten­den Meditationen geschrieben hat, das Nötigste zu erfahren. Hans Joachim Iwand ist am 11. Juli 1899 in einem schlesischen Pfarrhaus (Schreibendorf) geboren worden. Nach der Rück­kehr aus dem 1. Weltkrieg studierte er Theologie und Philosophie in Breslau und Halle, wurde Leiter des Theologischen Konvikts in Königsberg [9] und habilitierte sich dort für systema­tische Theologie. Er war also ein Mensch des deutschen Ostens, mehr noch geprägt von seiner Wahlheimat Ostpreußen als von seiner schlesischen Heimat, — ein Mensch dieser weit ausla­denden Landschaft mit endlosen Wäldern und großen Horizonten. Wir dachten ihn uns gern als einen der ostelbischen Gutsbesitzer, wie es sie früher gegeben hat: ein Mann, der über einen weiten Raum regiert und der mit großer herzlicher Gebärde Mengen von Gästen an sei­nen Tisch lädt und sie verschwenderisch bewirtet. Er war ein Herr, — wenn man unter diesem Wort nichts Arrogantes und Hybrides versteht, sondern einen Menschen meint, dem sowohl niedrige wie kleinliche Anwandlungen fremd sind, bei dem alles Größe und Weite hat und der herausragt aus der Menge der Engen und kümmerlichen, der „Flickschuster“, wie er selbst unzulängliche Zeitgenossen nennen konnte. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so frei von Eitelkeit und Neigung zu Intrige war, überhaupt von Ichbezogenheit, frei zu Sachlich­keit und unbekümmerter Ehrlichkeit, hier war nichts Theater, keine Spur von Selbstbespiege­lung, jedes Wort zuverlässig und jeweils genau so gemeint, wie es gesagt wurde, darum be­zwingende Freundlichkeit und offener, weil nie aus persönlichen Motiven kommender, son­dern immer um die Sache brennender Zorn; von daher auch die überwältigende Fähigkeit zur Freude an der Leistung anderer, zum neidlosen Gönnen. Es mag schließlich auch mit jener Landschaft Zusammenhängen, daß Iwand im Grunde seines Wesens ein konservativer Mensch war; so wäre in „normalen“ Zeiten sein politischer Ort vermutlich auf der rechten Seite gewesen. Wenn er in den letzten Jahren in einer merkwürdigen Vertauschung der Fron­ten als ein „linker“ Theologe galt, so kam das aus einer Art von Buße für die Preisgabe der Linken durch das rechte Bürgertum, also durch seine eigene Gruppe, an den nationalsozialisti­schen Terror, einen Vorgang, in dessen unbereuter Bosheit und Selbstgerechtigkeit Iwand immer eine wesentliche Ursache unserer heutigen deutschen Probleme erblickte.

Diesem deutschen Osten und seiner verbindenden Funktion hinüber zum europäischen Osten galt Iwands ganze Liebe; ihm wollte er dienen — sowohl in jenen Jahren von 1938, vor seiner Ausweisung aus Ostpreußen durch die Gestapo, als auch in den späteren Jahren. Um 1933 erlebte er in Königsberg seine glücklichste Hochschulzeit: inmitten der neuen theologischen Bewegung, die von der dialektischen Theologie ausging und zu einer Neubelebung der Lu­therforschung führte, hat er seine bedeutsame Abhandlung über „Rechtfertigungslehre und Christusglaube“ (1930) herausgebracht, bis heute eines der wichtigsten Werke der „Luther­renaissance“ und sofort ein Beweis, daß man es hier mit einem adäquaten, m. E. mit dem kongenialsten Interpreten Luthers in unserer Zeit zu tun hat. Die Zusammenarbeit mit Julius Schniewind, Martin Noth und Günther Bornkamm blieb ihm in der Erinnerung als ein theo­logischer Frühling, dessen Ernte er dann im Kirchenkampf, im Aufbruch der ostpreußischen Gemeinden und Pfarrer, besonders der unvergeßlichen jungen Pfarrerschaft dort oben, von der so viele uns im Kriege genommen worden sind, erleben durfte. An der Fakultät freilich fand dieser Frühling bald ein Ende: die Freunde wurden an andere Fakultäten abgeschoben, Iwand zuerst nach Riga verdrängt, dann mit G. Bornkamm bald der Venia legendi beraubt. Im Bloe­stauer Predigerseminar der Bekennenden Kirche bildete er sofort ein neues theologisches Zen­trum, weit über die Kirchenprovinz hinaus wirkend, bis auch dieses nach zwei Jahren von der Gestapo zerschlagen wurde. Nach Haft und Ausweisung kam Iwand nach Dortmund, nun auch von hier aus einer der mutigsten, entschiedensten und kraftvollsten Rufer zum freien Zeugnis des Evangeliums. Gefängniszelle, Judenverfolgung, Bombennächte, — das alles steht hinter seinen Predigten aus der damaligen Zeit. Nach dem von [10] Anfang an klar vorausge­sehenen Zusammenbruch von 1945 trat er wieder in den Dienst der Universitätstheologie in der festen Überzeugung, daß „die Bewegung und das vielstimmige Konzert, das die theologi­sche Wissenschaft zu allen Zeiten und trotz mancher Mißklänge zur Ehre Gottes und zur Er­bauung der Gemeinde darbietet“, als ein „permanentes Konzil der Wahrheit“ unentbehrlich ist zur ständigen Reformation der Kirche („Evang. Theologie“, 1951/52, S. 89). In der Göttinger Fakultät fand er, den Königsberger Jahren ähnlich, eine neue Arbeitsgemeinschaft, besonders mit seinen Freunden Günther Bornkamm, Gerhard von Rad, Walter Zimmerli und Ernst Wolf. Nach dem Heimgang seiner unvergeßlichen Gattin und Helferin, den er nie verwunden hat, siedelte er 1952 nach Bonn über. Neben der akademischen Arbeit erfüllte ihn der Dienst an seinen ostpreußischen Brüdern, denen er — mit überraschendem organisatorischem Geschick — im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode im Harz ein neues Zentrum schuf, dazu die Mitarbeit in den Synoden der EKD, der Kampf um Umkehr und Neubesinnung im politischen Weg unseres Volkes und schließlich mehr und mehr Reisen nach den östlichen Ländern im Dienst an der Einheit der Christenheit, an der Überwindung der menschheitsbedrohenden Gegensätze bis hin zur Mitbegründung der Prager „Christlichen Friedenskonferenz“, — alles in allem eine ungeheure Arbeitslast und -leistung, einem gesundheitlich geschwächten Körper abgerungen, unfaßbar erst recht, wenn man Kenntnis bekommt von der Hinterlassenschaft an tiefgründigen theologischen Vorlesungen, die als seine „Nachgelassenen Werke“ in den kom­menden Jahren im Chr. Kaiser-Verlag erscheinen werden. Da ihn dieses Übermaß von Pflich­ten zur Veröffentlichung größerer theologischer Abhandlungen nicht kommen ließ, ist neben jenen Vorlesungen und der Sammlung seiner Vorträge und Aufsätze, von denen ein erster Band ihm noch zu seinem 60. Geburtstag, von Freunden zusammengestellt, überreicht werden konnte („Um den rechten Glauben“, München 1959), dieser Meditationsband das wichtigste Vermächtnis seines theologischen Denkens und der Beweis, daß mit H. J. Iwand einer der großen Theologen dieses Jahrhunderts von uns genommen wurde.

Nicht nur die Weiträumigkeit seines theologischen Denkens, sondern sein Glaube an die Unausschöpfbarkeit und die verbindende Kraft der heiligen Schrift ließ ihn selbst, unbe­scha­det der Entschiedenheit seiner eigenen theologischen Position, zu einem verbindenden Manne werden, der fähig war im Mitarbeiterkreis der Predigtmeditationen Theologen aus verschiede­nen Richtungen und schließlich auch aus dem Ostbereiche zu gemeinsamer Arbeit für die Pre­digt des Evangeliums zu vereinigen und zusammenzuhalten. „Die Vielfalt der Mitarbeiter ent­spricht der Vielfalt der predigt. Uniformität ist niemals ein Zeichen geistlicher Einheit, der wahren Einheit im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung gewesen“ (Vorwort zum 9. Jahrgang der GPM). Diese Vielfalt ist auch in seinen eigenen Meditationen zu spüren, bis hin zu der Menge der Zeugen christlichen Denkens und Betens, die er herbeiruft. In ihrer Leben­digkeit sind sie selbst Beweis der unerschöpflichen Lebendigkeit der heiligen Schrift, herkom­mend aus dem Leben des Evangeliums, das sie bezeugt. Sie jedenfalls trägt nicht die Schuld daran, wenn unsere predigten langweilig sind. Der recht befragte Text kann die Predigt nie ersticken, immer nur beleben. „Unsere sogenannten toten Gemeinden sind getötete Gemein­den“, konnte Iwand im Gespräche sagen, — getötet von einer Predigt, die sich nicht beleben ließ von dem lebendigen Zeugnis der Schrift. „Darum können wir nicht aufhören in unserem Bemühen um die rechte Predigt, ob wir vielleicht vor Gott Gnade finden, ob er vielleicht sein Schweigen bräche, ob es vielleicht noch einmal heißen könnte von uns, von diesen armen, leidenden, zerquälten, in ihrer Blindheit neuen Katastrophen entgegentreibenden Menschen: ‚Das Volk, das [11] im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht‘. Das möchten unsere Medita­tionen sein, nichts anderes als ein Ausschauhalten nach diesem Licht, ein Rufen und Kragen, ob die Nacht schier hin ist, ein postenbeziehen an der einzigen Stelle, wo wirklich Hilfe kommt, wo das her; fest wird und ein neuer, gewisser Geist unser wartet. Ein Anklopfen möchten sie sein und ein Einlaßbegehren an der Tür, die ins ewige Leben führt“ (Vorwort zum 4. Jahrgang der GPM).

Dieser Band umfaßt sämtliche Predigtmeditationen, die Iwand für seine eigene Göttinger Rei­he geschrieben hat, samt den Vorläufern dieser Reihe, den hektographierten Meditationen, mit denen Iwand in den ersten Nachkriegszeiten seine ostpreußischen Freunde versorgte. Leider konnten die wichtigen Meditationen, die Iwand zu den von Georg Eichholz herausgegebenen Bänden „Herr, tue meine Lippen auf“ (Verlag Emil Müller, Wuppertal-Barmen) beigesteuert hat, ihres zu großen Umfanges wegen nicht in unseren Band ausgenommen werden. Es sei aber an dieser Stelle ausdrücklich aus sie hingewiesen. (Es handelt sich um Meditationen zu folgenden Perikopen: Matth. 4,1-11; 5,2l-26; 9,35-38; 15,23-28; 28,1-10. Luk. 1,68-79; 5,1-11; 11,14-18; 17,20-30; 22,14-20; 23,39-46. Joh. 6,1-15; 8,46-59; 20,11-18. Röm. 13,11-14. 1.Kor. 15,12-20; 15,54-58. Kol. 3,1-4. 1.Joh. 3,1-5.)

Ebenso sei hingewiesen auf den im Rahmen der Ausgabe der „Nachgelassenen Werke“ Iwands als 3. Band erschienenen Band ausgewählter predigten (Verlag Chr. Kaiser, München 1962). Er enthält Predigten über folgende Texte, zu denen im vorliegenden Bande Meditatio­nen enthalten sind: Jes. 43,24b-35; Matth. 5, 21-22; Luk. 6,36-42; Luk. 10,38-42; Joh. 8,36; Gal. 5,25-6,10; 2. Kor.2,14-17; 2. Kor. 5,19-21.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 5-11.

Hier der Text als pdf.

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