Bnei Menashe – Wie eine Gruppe ehemals christianisierter Mizo aus Nordostindien als „Söhne Manasses“ nach Israel eingewandert sind

Im März dieses Jahres ist in Tiberias Am-Shalem Singson, Mitglied der Bnei Menashe, ob seines „chinesischen“ Aussehens von zwei anderen Israelis rassistisch attackiert worden, so dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Dahinter steht ein interessantes Kapitel christlicher Missionsgeschichte in Nordostindien, wo im Bundesstaat Mizoram mehr als 85 % der Bevölkerung Christen sind.

Ein exzentrisches Beispiel für eine eigenständige Rezeption des Alten Testaments ist die Shinlung-Bewegung unter den Mizo in den nordostindischen Bundesstaaten Mizoram und Manipur, die schätzungsweise 9000 Anhänger umfasst. Nachdem 1959 die erste vollständige Mizo-Bibel gedruckt worden war (das Neue Testament ist bereits 1916 publiziert worden), hat sich sukzessive für eine Gruppe von christlich getauften Mizo die ethnische Zugehörigkeit zu Israel als eigene Glaubensüberzeugung verfestigt. In ihren Augen sind die Mizo einer der nach der Niederlage des israelitischen Nordreiches 722 v. Chr. verlorengegangen Stämme Israels, die als „Söhne Manasses“ (Bnei Menashe) nach Israel zurückzukehren haben.[1] Auch wenn die Mizo-Kuki-Chin-Sprachen der tibetobirmanischen Sprachfamilie zugeordnet werden und verschiedene DNA-Tests keine genetische Verwandtschaft erkennen ließen, sind im April 2005 die Bnei Menashe vom sephardischen Oberrabbiner in Israel, Shlomo Amar, als authentische Nachfahren der verlorengegangenen Stämme Israels anerkannt worden. Dies ermöglicht ihnen offiziell nach einer formalen orthodoxen Konversion zum Judentum die Einwanderung (aliyah) nach dem israelischen Rückkehrergesetz (chok hashvut). Seit Beginn dieses Jahrtausends sind bereits mehr als 3000 zum Judentum bekehrte Mizo nach Israel eingewandert. Um die „Rückkehr“ der Bnei Menashe unter der geforderten Toraobservanz sprachlich zu erleichtern, haben Mitglieder der israelischen Bewegung Shavei Israel zwischenzeitlich die Tora neu in die Sprache der Mizo übersetzt.


[1] Siehe H. Halkin, Across the Sabbath River. In Search of a Lost Tribe of Israel, Boston u.a. 2002; M. Freund, Long-lost Jews, The Jerusalem Post Magazine, 27. März 2002, S. 4; Sh. Weil, Lost Israelites from the Indo-Burmese Borderlands. Re-Traditionalisation and Conversion among the Shinlung or Bene Menasseh, Anthropologist 6 (2004), 219-233; M. Samra, The Benei Menashe of India, in: M.A. Ehrlich (Hg.), Encyclopedia of the Jewish Diaspora. Origins, Experiences, and Culture, Santa Barbara u.a. 2009, 1218-1223; Ders., Judaism in North East India: By-product of Christian Mission, The Australian Journal of Jewish Studies 6 (1992), 7-22; bzw. S.K. Mukherjee, Jewish Movement in the Hills of Manipur and Mizoram, in: M.N. Karna (Hg.), Social Movements in North-East India, Shillong 1998, 189-198. Die hebräische Bezeichnung Bnei Menashe wurde der Shinlung Bewegung von Eliyahu Avichail, Rabbiner und Gründer der israelitischen Organisation Amishav gegeben.

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