Reinhold Schneider, »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt …« (1944): „Kein zweiter konnte buchstäblich sein Fleisch und Blut zur Speise geben. Mit dieser Tatsache ist et­was Unsägli­ches hereingebrochen in das Leben der Menschen, in die Geschichte; kein Gedanke, wie ihn Menschen zu den­ken vermögen.“

»Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt …«

»Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.« (Joh 6, 56)

Von Reinhold Schneider

Vielleicht sind diese heiligen Worte unter allen, die Christus gesprochen, die Worte des stärk­sten Anstoßes. Die Juden nannten diese Rede hart, viele Jünger wichen von ihrem Mei­ster, wenn auch die auserwählten Zwölfe ihm die Treue hiel­ten; zu Anfang des folgenden Kapitels berichtet der Evangelist, daß der Herr in Judäa nicht mehr wandeln wollte, weil die Juden ihm nach dem Leben trachteten. Diese Worte sind, mit einigen andern des Erlösers, die seine Gott­heit bezeugen, das Ungeheuerste, das jemals aus Menschenmund kam. Daß die Menschen das Fleisch dessen essen sollten, der vor ihnen stand, und sein Blut trinken, und zwar nicht in einem bild­lichen Sinne, sondern in einem furchtbar-erhabenen, gegen­ständlichen; daß er, den sie mit ihren Augen sahen, mit ihren Händen betasten konnten, ein Mensch ihresgleichen, sich das lebendige Brot nannte und diejenigen nur das ewige Leben ha­ben würden, die dieses Brot essen; daß er sein Fleisch gebe für das Leben der Welt: dies mußte den Hörern Herz und Sinn verstören, und auch wir müßten, nach zweitausend Jahren, seit diese Worte gesprochen und wahr und gegenwärtig ge­blieben sind, erschauern bis ins Innerste, sooft wir diesen schrecklich verheißungsvollen Worten wieder begegnen. Sie stehen vor uns mit der Eindringlichkeit eines Menschen, der uns anspricht auf unserm Wege; wir können nicht an ihnen vorüber. »Denn mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise, und mein Blut ist wahrhaftig ein Trank.« Es sind vielleicht die christlichsten Worte: diejenigen, in denen das ganze Wesen des Christentums beschlossen ist. Sie nehmen die Gottheit dessen an, der sie sprach, und seine heilige, Brot und Wein verwandelnde Macht und zugleich seine Liebe, seinen Entschluß, sich dem Heil der Menschen zu opfern, seine Gewalt über das ewige Leben und sein Leben im Vater. Diese Worte haben mit einer Lehre nichts zu tun; sie setzen eine Wirk­lichkeit. Hier ist die Grenz­scheide, hier beginnt das Christen­tum wirklich. Und so könnten wir unter allem, was der Er­löser uns geoffenbart, diese Worte am wenigsten entbehren; in ihnen ist er selbst. Der so spricht, ist das Wort, das von Anfang war, das schaffende Wort. Niemals wieder ist es ge­schehen, daß Aussage und Vollzug wesensgemäß eins waren; daß es völlig unmöglich war, zwischen dem Wort und seiner Erfüllung zu unterscheiden. Christus ist da als das Wort, das geschieht, indem es gesprochen wird; als die Speise des ewi­gen Lebens, als die lebendige Wahrheit, die Wahrheit in Men­schengestalt.

Es ist nicht denkbar, daß ein zweiter solche Worte gesprochen hätte; dieser zweite hätte ein Narr oder ein Betrüger sein müs­sen, und er hätte nur Narren und Betrüger zur Gefolgschaft gewonnen. Diese Worte konnten auch nicht erfunden werden; sie mußten wahr sein und die Wirklichkeit bestimmen und als wirkende Wahrheit fortbestehen, bis zum Ende der Welt. Ein erfindender Geist reicht nicht in diese Dimension der Wahr­heit, der Gewalt über das Sein. Diese Worte kommen von oben her, gleich dem Brot, »welches vom Himmel herab­gekom­men ist«: sagen sie doch aus, was dieses Brot ist in Ewigkeit. Als eine wirkliche Macht wur­den sie auch empfun­den, da sie in der Synagoge zu Kapharnaum ausgesprochen wurden; sonst hätten sich die Juden nicht entsetzt, wären die Jünger nicht gewichen, hätte die Glaubenskraft des heiligen Petrus sich nicht zu ihnen bekannt: »Du hast Worte des ewi­gen Lebens!« (Joh 6, 68) Hier ist ein Grund des Glaubens, der nicht unter uns wanken kann. An dieser Stelle kön­nen wir sagen und bekennen, warum Christus der einzige ist, Gott und Mensch, Herr und Lamm, Priester und Opfer zugleich. Hier ist das Ärgernis, das sich auf keine Weise be­schwichtigen läßt; hier ist im Grunde die ganze Stiftung Christi. Indem wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken, leben wir in ihm und er in uns, gleichwie er im Vater lebt, in der Einheit des Heiligen Geistes. Hier entspringt das Tun der Wahrheit, der Vollzug der Botschaft. Dieses Tun ist das eigentliche. Es kommt dar­auf an, daß wir »in seiner Rede verbleiben« (Joh 8, 31), das heißt, daß wir sie tun; nur dann werden wir seine Jünger sein; nur indem wir sie vollzie­hen, werden wir die, Wahrheit erken­nen, und die Wahrheit wird uns frei machen. Christus hat uns das Beispiel gegeben, »damit auch ihr tuet, wie ich euch getan habe« (Joh 13, 15). Nicht um das Wissen geht es, son­dern um das Tun: »Wenn ihr dieses wisset, selig seid ihr, wenn ihr danach tut« (Joh 13, 17). Nur wer die Lehre tun will, wird das Göttliche der Lehre erkennen. »Wenn jemand sei­nen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott sei oder ob ich aus mir selbst rede« (Joh 7, 17). Das heißt: Wer nicht tut, kann das Eigentliche auch nicht er­kennen; nur im Vollzüge erschließt es sich. Was Christus ge­bracht hat, ist kein Ge­genstand der Erwägung, des zwischen Für und Wider schwankenden Gesprächs; er hat ein Tun ge­setzt, und indem wir in dieses eintreten, spüren wir, daß es um uns hell wird, daß wir in der Wahrheit sind.

Darum sagt auch der Lieblingsjünger, der ihm am Herzen ge­legen: »Wer da sagt, er kenne ihn, und hält doch seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht« (2 Joh 2, 4). Es ist nicht möglich, Christus zu kennen und sei­ne Gebote nicht zu halten; das Ken­nen bedeutet ein Leben in ihm, ein Mächtigwerden Christi in uns, ein Verbleiben in sei­ner Rede. Als sich die Juden auf Abraham als ihren Vater be­riefen, antwortete ihnen Jesus: »So tut auch Abrahams Wer­ke« (Joh 8, 39); das Zeugnis der Wahrheit ist das Tun. Die Werke waren des Erlösers Zeugnis von sich und seinem Ur­sprung: »Tu’ ich die Werke meines Vaters nicht, so möget ihr mir nicht glauben; tu’ ich sie aber, so glaubet den Werken, wenn ihr mir nicht glauben wollet …« (Joh 10, 37-38). Denn »der Vater, der in mir wohnt, dieser tut (auch) die Wer­ke« (Joh 14, 10). Das Wort ist Fleisch geworden, das heißt: die Wahrheit ist gegen­ständlich da, und dieses wirkende Sein ist ihr wesentlich. Christus war, wie der hl. Paulus schrieb, »nicht Ja und Nein, sondern Ja war in ihm« (2 Kor 1, 19). Die Christen sollten sich selber aufbauen als »lebendige Stei­ne« zum geistlichen Hause (1 Petr 2, 5). Wahrheit ist konkre­te Wirklichkeit: »Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch das Wort Gottes geschaffen worden, damit aus Unsichtbarem Sichtbares würde« (Hebr 11, 3). Dies ist die Botschaft Christi: das Sichtbarwerden seines Lebens in uns. Daher die gewaltige Verhei­ßung des Herrn, die er auf dem Laubhüttenfest ausrief: »Wer an mich glaubt, aus dessen Lei­be werden, wie die Schrift sagt, Ströme des lebendigen Wassers fließen« (Joh 7, 38). Wir müssen diese Rede in ihrer Gegen­ständlichkeit annehmen: Christus (der Herr) hat nicht vom Geiste, er hat vom Leibe des Gläubigen gesprochen; der Glau­be, die Wahrheit können nicht sein, ohne zu wirken und sicht­bar zu werden; das Wort ist Fleisch geworden, auch der Glau­be wurde Fleisch; der von ihm ausgehende Segen ist ein leben­diger Strom, mächtig wie eine dahinstür­mende Wasserflut. Wir können ihn, Christus, nur erreichen, indem wir ihn tun, sein Fleisch essen und sein Blut trinken, damit er lebe in uns, nicht mehr wir. Erst indem er Fleisch an­nahm, konnte er Spei­se werden; da er Speise wurde und sich zur Speise hingege­ben hat, lebt die Welt. Die das Wort tun, gelangen in einen Bereich, der unendlich viel weiter ist als der von den Worten der Heiligen Schrift umfaßte Bezirk; ja diese heiligen Worte sinken fortan gewissermaßen zurück; aus dem Leben in Chri­stus können wir wissen, was die Schrift uns nicht sagt: das Tun der Wahrheit (des Wortes) in dieser unserer geschicht­lichen Stunde, das Wirken für das Sichtbarwerden des Un­sichtbaren jetzt und hier; das Verhalten vor versuchen­den, bedrängenden Gewalten. Aus dem Tun allein werden wir auch lernen, die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind (1 Joh 4, 1). Denn da nur der Geist, der bekennt, daß Jesus Chri­stus im Fleische gekommen ist, aus Gott ist, so kann der nur die Geister scheiden, der Christus kennt. Aber wir erkennen Chri­stus nur, wenn er in uns lebt. Er ist die Tür (Joh 10, 9); sein Reich ist in diesem Sinne auf das strengste abgegrenzt und umschlossen; die nicht tun nach seinem Wort, sein Fleisch nicht essen, sein Blut nicht trinken, deren Fleisch und Blut nicht verwandelt wird aus seiner Kraft, gelangen nicht hin­ein. Christus können wir nur finden, so­fern wir ihm nachfol­gen; indem wir mit ganzem Herzen danach trachten, daß unser Leben übergehe in das seine und untergehe in ihm; aber der Anfang der Nachfolge bleibt ein Ge­heimnis: wen der Vater nicht »zieht« (Joh 6, 44), der wird nicht dazu be­wegt.

Christus hat uns erlöst durch seinen Tod; auf seinem Tode ruht das Sakrament, das unser Fleisch verwandelt in sein Fleisch, unser Blut in sein Blut, unser Leben in sein Leben. Al­lein vom Vollzug des Sakramentes her kann das Christentum verstanden, kann es unterschieden werden. Es wäre nicht im Sinne des Herrn, wenn wir das Ärgernis abschwächen, den Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen wollten. Die Welt wird sich ärgern und wird Anstoß nehmen, solange sie ihre un­sichere Bahn durchmißt, gehalten, ohne daß sie es weiß und wissen will — was wir nicht wissen wollen, das werden wir auch nicht wissen —, von Gottes Gnadenmacht. Aber das eine ist gewiß: was der Herr gebracht hat, konnte kein zweiter vor ihm noch nach ihm bringen; kein zweiter war die Wahr­heit der Botschaft; kein zweiter konnte buchstäblich sein Fleisch und Blut zur Speise geben. Mit dieser Tatsache ist et­was Unsägli­ches hereingebrochen in das Leben der Menschen, in die Geschichte; kein Gedanke, wie ihn Menschen zu den­ken vermögen, sondern eine Wirklichkeit, die die irdische Wirklichkeit an sich ziehen, erheben, verändern, mit heiliger Flamme durchläutern will. Es ist das tausend­fältig sich ver­breitende, fortsetzende, erneuernde Leben Gottes in unserm Leben. Christsein, das heißt: Christi Fleisch essen und sein Blut trinken. Es ist das höchste Tun überhaupt; das Tun zu seinem Gedächtnis. Aus diesem Tun quillt das Licht, dessen die Erde am dringendsten bedarf und das auf keine andere Weise erreichbar ist; dieses Tun ist der Anfang eines Wirkens von der Zeit zur Ewigkeit hin, welches Wirken wir nicht um­grenzen können, weil ein anderer in ihm mächtig ist. Das Reich Christi ist die in der Zeit vollzogene Gemeinschaft seines Flei­sches und Blutes; die Macht seines in der Geschichte gegründeten, aus ihr nicht mehr zu ban­nenden Mysteriums. Es ist das Leben der Gläubigen, deren Speise sein Fleisch, de­ren Trank sein Blut ist. Und es ist keine Gemeinschaft mög­lich, die inniger wäre als diese, in der auf geheimnisvolle Wei­se ihr Stifter selber als Priester und Opfer lebt, als des Lebens eigentliches Leben; keine, die in so unbedingtem Sinne, in schroffsten Widerspruch zur Welt Gottes Gegenwart, Gottes unergründliche sich hingehende Liebe voraussetzt und an sie glaubt.

1944

Quelle: Reinhold Schneider, Allein der Wahrheit Stimme will ich sein, Freiburg-Basel-Wien: Herder Verlag, 1962, S. 110ff.

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