Reinhold Schneiders Karfreitag von 1948: „Wenn keine Wahrheit ist, so ist der Mensch ihr auch nicht mehr verpflichtet: er braucht nicht wahr­haftig zu sein. Andere Verpflichtungen, Forderungen, Triebe treten an die Stelle der Wahrheit.“

Karfreitag

Glaube ist die feste Zuversicht auf das, was wir erhoffen, die Überzeugung von dem, was wir nicht sehen. (Hebr 11,1)

Von Reinhold Schneider

An dem Tage, da die Glocken verstummen, die Altäre ver­hüllt werden, die tiefste Trauer über die Gläubigen kommt, möchten wir eine Antwort finden auf die Frage nach dem Letzten und Innersten unseres Glaubens, nach dem, was unsern Glauben eigentlich ausmacht. Glauben, das heißt eine ge­wisse Zuversicht haben dessen, was man hofft, und nicht zweifeln an dem, was man nicht sieht (Hebr 11,1); es heißt: sicher sein von innen heraus, sich mit dem ganzen Wesen und Leben entscheiden für eine Sache, die einen Zwang nicht auf­erlegen kann, und in dieser Entscheidung eine Festigkeit er­langen, die mehr ist denn jeder Zwang. Wenn nun der Glaube an einem bestimmten Tage trauert wie an keinem andern Tage, so ist es, als sei er an diesem Tage auf das tiefste ver­wundet worden, ja als sei ihm seine Sicherheit genommen. Er sucht Hilfe und findet sie nicht – so wie die Jünger und Frauen, die unter dem Kreuze gestan­den, auf Golgotha keine Hilfe mehr fanden, nachdem sich das Grab über dem Erlöser ge­schlossen, sein Reich offenbar nicht gekommen war; der, an dem sich der Glaube hielt, ist ihm genommen. Wir glauben an Christus – und Christus ist an diesem Tage nicht da. Wir wollen versuchen, uns einmal die Welt vorzustellen, in der Christus nicht ist. Dann aber müs­sen wir erst Christus noch einmal erkennen, verstehen.

Unter allen Worten des Gottmenschen scheint uns keines so unerhört wie dieses: »Ich bin die Wahrheit.« Die großen Leh­rer der Menschheit haben inständig danach gestrebt, die Wahrheit zu lehren. Sie glaubten, die Wahrheit gefunden zu haben, denn wie hätten sie sonst wagen können, als Lehrer aufzutreten. Ihrer keiner hat sich vermessen, zu sagen, daß er die Wahrheit selber sei. Diese Aussage ist so ungeheuer, daß es uns nur langsam gelingt, sie zu ermessen, in ihrer Gegenständ­lichkeit in unser Leben und Denken zu nehmen; vielleicht be­darf es vieler Erfahrungen, langen Ringens um Glauben und Wahrheit und ihrer Übertragung in unser Da­sein, ehe uns die Einsicht in das Beispiellose dieser Aussage trifft wie ein Blitz. Ein Mensch, der wie wir über die Erde geschritten ist, ihre Lasten getragen hat, dem Versucher ins Antlitz blickte und damit dem ganzen Aufgebot der Lüge, sagt das Ungeheuer­liche, daß er die Wahr­heit selber sei. Er sagt es gelassen, nicht etwa um seine Gegner herauszufordern, ihre Behaup­tungen zu überbieten; er sagt es, weil es so ist, um sich selber kundzu­machen. Ich bin die Wahrheit, das heißt ja nicht allein, daß kein Falsch an ihm ist, nicht der Schatten eines An­scheins von Lüge, auch nicht einmal deren Möglichkeit; hier ist reinste, untrübbare Klarheit, bis in die unerforschliche Tiefe der Per­son. Was dieses Wort aber wirklich meint, das tritt im Ge­spräch mit Pilatus hervor: »So bist du dennoch ein König?« – »Du sagst es. Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme« (Joh 18,37).

Hier ist nicht das politisch-geschichtliche Königtum gemeint, an das Pilatus denkt und das ihn beunruhigt. Hier geht es um eine ganz andere Macht. Christus ist unumschränkter König aus der Kraft der Wahrheit. Sein Königtum umspannt die Welt, nicht etwa nur das Herrschgebiet des Herodes oder des römischen Kaisers; in Christus hat alles Bestand; er ist der Eckstein; und auch Pilatus könnte nicht gebieten und nicht zu Gericht sitzen, wenn Christus nicht wäre als welttragende Wahrheit; ihr Reich ist wohl nicht »von hier« im Sinne einer in der Ge­schichte gewordenen Machtform – aber nur weil in dieses Reich ausnahmslos alle Mächte fallen.

Aber nur wer aus der Wahrheit ist, hört Christi Stimme; – damit wird die bevorstehende Ant­wort des Pilatus schon auf­gehoben; nur wer einen Anteil hat am Königtum der Wahr­heit, der weiß von diesem letzten Grund des Seins, den kund­zumachen und zu bezeugen Christus als die personale Wahr­heit gekommen ist. Pilatus ist nicht aus der Wahrheit; von ihm ist keine Einsicht, kein Glaube zu erwarten. Aber seine Frage ist mehr als ein Achselzucken. Es kann ein heimlich brennender Schmerz, verborgene Verzweiflung in ihr sein. In ihr ist alles zusam­mengefaßt, was die alte Welt, ja was die Welt ohne Christus zu sagen hat und zu sagen haben wird. Und so wird in diesem letzten Gespräch, in dem der Herr siegt, während er dem zu unterliegen scheint, der nicht aus der Wahrheit ist, sowohl das Christliche wie das Nichtchrist­liche völlig offenbar. Die Frage »Was ist Wahrheit?« wird im An­gesicht der Wahrheit aus­gesprochen, aber von einem, der nicht aus der Wahrheit ist; sie ist Selbst-Enthüllung und, als Gegen-Wort, Enthüllung Christi.

Von da an ist Jesus Christus, die Wahrheit als Person, dem Tod überantwortet, und die furcht­baren Tage kommen, da die Wahrheit leidet und getötet wird und im Grabe liegt; es geschieht, weil die Welt die Wahrheit nicht will und nichts sie in solchem Grade aufwühlt wie das Selbstbekenntnis der daseienden Wahrheit; aber auch weil die Welt offenbar nicht anders besiegt werden kann als durch dieses Opfer, das Lei­den, den Tod der Wahrheit, die in Wahr­heit nicht sterben und so wenig im Grabe verschlossen werden kann wie ein Licht­strahl. Denn sie trägt ja die Welt; in ihr sind, wie Thomas von Aquin lehrt, »alle Dinge veranlagt«, und dieser Grund des Seins muß wieder hervortreten wie ein Fels, wenn die Fluten sich verlaufen; die Wahrheit muß aus dem Grabe brechen. Aber es bleibt ein Mysterium, daß das Licht in der Finsternis schien und »die Finsternis es nicht begriff«.

Unsere Zeit, so scheint es, ist dem Karfreitag sehr nahe. Es ist eine Zeit, über der das Kreuz allgewaltig errichtet ist, aber das verhüllte Kreuz; eine Zeit, da die Wahrheit nicht hinrei­chend bekannt und getan wird und gewissermaßen im Grabe liegt –  und das kann nur heißen: im Grabe eines jeden einzel­nen Lebens. Denn wenn sie im einzelnen Leben nicht herrscht, kann sie in der Zeit nicht herrschen. Aber wenn unsere Zeit in diesem Sinne dem Karfreitag zu ver­gleichen wäre, so wäre sie ein Karfreitag ohne die rechte Trauer, ohne den brennenden Schmerz um die begrabene Wahrheit und also, trotz allem Leiden, ein unheiliger Karfreitag. Und vielleicht ist der rechte Schmerz nicht da, weil der Glaube an die Wahrheit nicht da ist, das Wissen von der Person Jesu Christi in ihrer reinen Un­vergleichbarkeit fehlt.

Auch Christus hat diejenigen nicht bezwungen – und nicht bezwingen wollen –, die nicht aus der Wahrheit sind. Er hat sie ihrem furchtbaren Geheimnis überlassen. Aber wir sollten we­nigstens die Frage des Pilatus ganz ernst nehmen. Wenn sie gilt, wenn der Zweifel an der Wahrheit herrscht, die Wahr­heit nicht nur unerreichbar ist, sondern überhaupt nicht ist, so hat es keinen Sinn, zu forschen, zu denken; denn jedes For­schen hat den Glauben an das Dasein und an die Erreichbar­keit der Wahrheit zur Voraussetzung; – und es hat wahrlich keinen Sinn, das Suchen über das Finden, einen geringem Wert über einen hohem zu setzen. Und wenn keine Wahrheit ist, so ist der Mensch ihr auch nicht mehr verpflichtet: er braucht nicht wahr­haftig zu sein. Andere Verpflichtungen, Forderungen, Triebe treten an die Stelle der Wahrheit; denn diese Stelle als der eigentliche Königssitz kann nicht unbe­setzt, nicht unbegehrt bleiben. Keine dieser Kräfte und Mächte kann das Gebot der Wahrhaftigkeit geltend machen, ihr An­sehen beanspruchen. Damit zerbrechen aber alle echten Beziehungen unter Menschen, Völ­kern, Staaten ebenso wie die Beziehungen des Menschen zu den Dingen und Kräften des Alls, welche Beziehungen nun entweder der Gier oder der Illusion überlassen werden. Wo die Fra­ge des Pilatus ange­nommen, die Wahrheit als solche bezweifelt wird, zerfällt al­les; es kann kein Grund des Vertrauens, kein Boden gemein­samen Wirkens mehr gefunden werden. Die Welt ohne Wahr­heit ist ohne einigende Kraft, eine Welt des Hasses und des Streits, der ein­ander vernichtenden Behauptungen, Leiden­schaften und Süchte, der Düsternis oder des erlo­genen, die Düsternis verhehlenden Lichtes, ein Karfreitag entsetzlichen Leidens, aber ein Karfreitag ohne Trauer und Heiligung.

Wir sollten diese Welt ausleiden, sie uns ohne Schonung ver­gegenwärtigen – dann würden wir vielleicht erkennen, was die Wahrheit ist; und wenn wir sie erkannt haben, so muß – es kann nicht anders sein – unser Herz nach ihr entbrennen. Dann muß die Wahrheit auferstehn in unserem Leben, und unsere Augen werden hellsichtig, und wir werden Auferstan­denen begegnen.

Fassen wir diesen Glauben mit unserer ganzen Geistes- und Herzenskraft: die Frage des Pilatus zerscheiterte, als sie ge­sprochen wurde; sie wurde ja geprägt im Angesicht der Wahr­heit, die leibhaftig da war; – die Wahrheit hörte sie und gab sich in den Tod, kraft dessen sie siegte. Gottes Name ist der »Wahrhaftige«. Und in diesem Namen allein werden wir eins. Wo nur der Glaube an die Wahrheit, die Bereitschaft sie an­zuerkennen ist, da ist Hoffnung auf eine Übereinstimmung der Geister, der Herzen, Menschen und Mächte, eine Überein­stim­mung, die vom Abendlande bis tief in den Osten reichen kann. Und wenn der heilige Augu­stinus gelehrt hat, daß alle Gerechten von Anfang der Welt – also auch diejenigen, die nichts von Christus wußten – Christus zum Haupt haben, so dürfen wir vielleicht auch sagen, daß wo die Wahrheit aner­kannt wird, schon Christus ist. Damit beginnt eine Einswerdung über unser Begreifen, über die faßbaren Grenzen.

Von der Erfahrung der Welt ohne Wahrheit gelangen wir zur Trauer um sie, von der Trauer zur Liebe, von der Liebe zur Einsicht in das Wesen der Wahrheit, zur Erkenntnis der Wahrheit als Person Jesu Christi und damit zu einem erneuer­ten, auferstandenen Glauben. Daß Gott die Wahrheit ist, be­deutet, daß wir die Wahrheit tun, das heißt wahrhaftig sein sollen im unbe­dingten Sinne. Nichts ist schwerer als das; es ist vielleicht das Problem des Lebens überhaupt. Von dem Au­genblick an, da wir wahrhaftig sein wollen – da wir wirklich nicht mehr leben können, ohne es zu sein –, begegnen wir den weitaus schmerzlichsten Konflikten und Gefah­ren, tödlicher Selbstkritik, absterbenden Freundschaften, eisiger Vereinsa­mung. Wie könnte es anders sein; wie könnte etwas schwerer sein als das Tun der Wahrheit, wenn Gott der Wahr­haftige heißt und niemand sagen kann: »Ich bin die Wahrheit«, au­ßer ihm! Das Tun der Wahr­heit ist Gottes Sache, das Gött­liche selbst.

Wollen wir an dieser Stelle nicht verzweifeln und versagen, so bleibt uns nichts als ein leiden­schaftliches Handeln und Streben auf die Wahrheit hin. Wir müssen versuchen, in ihrem An­gesichte zu leben, aber nicht wie Pilatus, der sah, ohne zu sehen, sondern als wissend Unter­worfene, im Vertrauen dar­auf, daß die Wahrheit uns hilft. Allein können wir die Wahr­heit nicht tun; vor Christus und mit ihm können wir es. Und ist er in uns gestorben, so wird er, als die begrabene Wahrheit von uns selber, in uns auferstehen, wenn nur unser Herz nach ihm brennt; er wird uns den Weg der Liebe zeigen, auf dem die Wahrheit vollzogen werden kann, ohne zu töten oder töd­lich zu sein. Denn seine Liebe hat den Tod überwunden; sein Königtum hat den Feind von Anfang an, den Vater der Lüge, gestürzt. Die Lüge ist das Gegenreich des Reiches Jesu Christi; er hat das Ende des Gegenreiches verkündet, aber enden muß es auch in uns, von Tag zu Tag.

Wir wollen das tiefste Dunkel dieser Zeit als Grab verstehen, in dem die Wahrheit begraben liegt. Vermöchten wir nur das, so ginge uns schon eine große Hoffnung auf. Denn an keinem zweiten Orte wird der Herr in solcher Herrlichkeit offenbar werden wie an seinem Grabe. Hier wollen wir ihn erwarten als den, der das Sein der Welt trägt in der Verborgenheit des Grabes; wäre die einigende Kraft nicht auch in dieser Stunde stärker als die zur Zerreißung drängen­den Mächte, die Welt bestünde nicht mehr. Als der Auferstandene, der in uns noch einmal aufersteht, will der Herr das Bestehende sichtbar tra­gen: als der Arzt der Welt, der die Krank­heit der Vereinze­lung heilt; als der eine, in dem alles eins werden soll. Und das heißt: als die Wahrheit, die will, daß wir wahrhaftig sind, und aus deren Gnaden wir wahrhaftig werden können, Glie­der ihres unbesieglichen Königreiches – sofern wir sie lieben und uns mit allem, was wir sind und vermögen, wider alles, was nicht aus der Wahrheit ist, für sie entscheiden.

Erschienen in: Mannheimer Kirchenblatt, 28. 3. 1948, wieder abgedruckt in: Reinhold Schneider, Allein der Wahrheit Stimme will ich sein, Freiburg-Basel-Wien: Herder Verlag, 1962.

Hier der Text als pdf.

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