Hans Joachim Iwands Predigt über Lukas 5,1-11 von 1947: „Wenn wir heute vor dieser Geschichte von »Petri Fischzug« stehen, dann sollten wir wissen: das ist der Grundriss jener einen, heiligen apostolischen Kirche.“

Predigt über Lukas 5,1-11. Jesus und die Kirche

Von Hans Joachim Iwand

Es begab sich aber, da sich das Volk zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, daß er stand am See Genezareth. Und sah zwei Schiffe am See ste­hen; die Fischer aber waren ausgetreten und wuschen ihre Netze. Da trat er in der Schiffe eines, welches Simons war, und bat ihn, daß er’s ein wenig vom Lande führte. Und er setzte sich und lehrte das Volk aus dem Schiff. Und als er hatte aufgehört zu reden, sprach er zu Simon: Fahre auf die Höhe und werfet eure Net­ze aus, daß ihr einen Zug tut! Und Simon ant­wortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswer­fen. Und da sie das taten, beschlossen sie eine große Menge Fische, und ihr Netz zerriß. Und sie winkten ihren Gesellen, die im anderen Schiff waren, daß sie kämen und hülfen ihnen zie­hen. Und sie kamen und füllten beide Schif­fe voll, also daß sie sanken. Da das Simon Petrus sah, fiel er Jesu zu den Knien und sprach: Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn es war ihn ein Schrecken angekommen, ihn und alle, die mit ihm waren, über diesen Fischzug, den sie miteinander getan hatten. Desgleichen auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gesellen. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht; denn von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie führten die Schiffe zu Lande und ver­ließen alles und folgten ihm nach.

Jesus und die Kirche – das ist das Thema, unter dem diese Verse stehen, die uns berichten, wie Jesus seine ersten Jünger berief. In aller Stille vollzieht sich dieser so bedeutungsvolle Akt. Aber das, was später einmal der Kirche über ihr Amt und ihre Sendung wichtig sein wird zu wissen, kann sie hier finden. Vor allem, daß die Apostel von sich aus nichts mitbringen, daß sie sündige Menschen sind. Wenn das je vergessen würde, dann wäre der Grund verloren, auf dem alles ruht, nämlich die Erkenntnis, daß die Vor­aussetzungen bei allem, was in der Kirche geschieht, bei Gott liegen und nicht bei den Menschen. Was wir an diesen Menschen sehen, die hier in ihr neues hohes Amt berufen werden, ist Widerstreben, Furcht und Erschre­cken. Und wahrscheinlich haben sie damit den Sinn ihrer Berufung besser und tiefer verstan­den als alle, die meinen, von sich aus für die Ausrichtung dieses Auftrags etwas mitzubringen.

Uns aber könnte diese Geschichte deshalb zu denken geben, weil sie son­nenklar jener auch heute noch verbreiteten Zeitanschauung ein Nein ent­gegensetzt, die behauptet, Jesus selbst habe keine Kirche gewollt, diese sei vielmehr das Produkt seiner Jünger. Durch solche Mei­nung wird nämlich aus dem, der gekommen ist, um durch sein Opfer der sündigen Menschheit einen neuen und durch nichts zu sperrenden Zugang zu Gott zu geben, ein idealistischer Schwärmer gemacht, dem man gleichzeitig den pflichtschul­digen Zoll der Bewunderung und das Mitleid eines weltfremden Vornehmens gewähren kann. So kommt man am besten von ihm frei. Daß er aber umsichtig dafür sorgte, daß sein Werk eine seinem Anheben gemäße Fort­setzung und Ausbreitung erführe und daß er sich auf Erden die Werkzeuge suchte, die Träger des von ihm zu sendenden Geistes sein könnten, mußte man darum leugnen; denn die­se apostolische Kirche ist ja ein Ort, wo seine Gegenwart und unsre Gegenwart sich begeg­nen, so daß es dann nicht mehr möglich ist, das Wort der Apostel zu verachten, ihm selbst aber eine schein­bar tiefempfundene Verehrung entgegenzubringen (Lk. 10,16).

Richtiger wäre es wohl zu sagen, daß die ganze Heilige Schrift von zwei Kirchen redet, von einer echten und einer falschen, von einer fleischlichen und einer geistlichen. So ist auch hier schon die Berufung der Apostel, die nichts anderes mitbringen als ihren im Gehorsam erwie­senen Glauben an den Herrn Jesus Christus, die Absage an jene andere Kirche, die über dem Festhalten der Tradition in Schrift und Kultus das Wort der Wahrheit ver­säumt. Während ferne im Tempel zu Jerusalem der Gottesdienst seinen gewohnten, mit dem Fanatismus der Unbelehrbarkeit verfochtenen Ablauf nimmt, entsteht hier in der Alltäglichkeit dieses Lebens am See Genezareth, unter Fischern und Landleuten, die Kirche, die zum Träger der ob­dachlos gewordenen Gottesverheißungen werden soll. Alles, was der fal­schen Kirche abhanden ge­kommen ist, findet man hier wieder: da geschieht echte Berufung, da geschieht Erwählung wider der Erwählten Willen, da ist Gehorsam aufs Wort, da sind die diesen Glauben begleiten­den Zeichen, die Wundertaten Gottes, da tut sich Anfechtung und Er­schrecken auf, da hören wir das gnadenvolle Fürchte dich nicht, an dem wir später den Auferstandenen erkennen wer­den, da ist weltweiter Auftrag und hingebende, alles dafür lassende Nachfolge. Die neue Kir­che nimmt teil an der Armut und Verborgenheit, aber zugleich an der Wahrhaftigkeit ihres Herrn. Und wenn wir heute vor dieser Geschichte von »Petri Fisch­zug« stehen, dann sollten wir wissen: das ist der Grundriß jener einen, hei­ligen apostolischen Kirche. Keiner sollte an ihr weiterbauen, ohne ständig an diesem so einfachen Grundriß Maß und Gefüge dieses Baus zu studie­ren, dessen Leitung immer noch in den Händen dessen ruht, der sich hier die ersten lebendigen Steine zu seinem Hause zusammensuchte. Alles, was hier geschieht, geschieht voraussetzungslos. Die Hand Jesu reißt seine Leute immer weiter, sie müssen springen, ohne zu sehen, wohin es eigent­lich geht, bis sie auf einmal vom Ende her alles verstehen. Die ein­zige Vor­aussetzung, die wir wahrnehmen, liegt bei Gott: darin, daß sein Wort durch Jesus an die Welt ergeht und die Fischer Zeugen dieses Predigens und Lehrens werden. Jesus zeigt ihnen, wie man mit dem Fischnetz des Wortes Menschen fängt – und sie selbst gingen ihm ins Netz. Dies, daß die Menge das Wort Gottes hörte, ist das Entscheidende. Daß die Leute end­lich, endlich wieder einmal Gott reden hören, ihn so reden hören, daß sie es hinnehmen ohne Disput und ohne Zweifel, wie eben eines Menschen Herz Gottes Wort hinnimmt, wenn es wirklich zu ihm kommt. Daß die Leute hören, als ob der selber mit ihnen redete, der alle Ge­danken ihres Herzens kennt. Daß sie vom Wort ergriffen werden und im Wort Gott ergrei­fen. Jesus, das Wort verkündigend, Jesus, lehrend mit der Vollmacht Gottes, ohne jeden ande­ren Ausweis und Titel, allein in dem und durch das wirk­sam, was er predigt: das ist das erste, was Petrus an ihm erlebt, es wird darum auch das erste bleiben, womit sie, die Apostel, das Werk des Auf­erstandenen in der Welt fortsetzen.

Und als hätte der Herzenskünder erkannt, warum Petrus sich die Sache nur aus der Ferne an­hört, tritt Jesus – allwissend – in seinen Kahn. Bittet ihn, das Fahrzeug ein wenig vom Lande wegzurudern. Nun muß er, als ein unfreiwillig Ausgesonderter, zu Füßen dieses Lehrers sit­zend, sein näch­ster Hörer werden. In Jesus kommt sein Lebensschicksal über ihn, und zwar so beiläufig, daß Petrus, wenn man ihn später gefragt hätte, wie er denn an Jesus geraten sei, mit gutem Recht hätte sagen können: weil er in meinen Nachen stieg!

So heimlich wie die Berufung ist nun auch die Probe. Jesus prüft seine zukünftigen Jünger auf ihren Glaubensgehorsam, ohne daß sie wissen, daß sie in der Prüfung sind. Und er prüft sie, damit sie für den kommenden Weg ein Zeichen haben, wie es zugeht im Reiche Gottes. Allen Regeln ihres Handwerks zum Trotz sollen sie jetzt auf die hohe See fahren. Verstehen sie nicht mehr vom Fischen als er? Haben sie denn nicht mit aller ihrer Kunst einen vollen Mißer­folg hinter sich? Und doch trauen sie ihm und machen damit den ersten Schritt auf dem Wege, auf dem es nun immer so sein wird: daß sie die eigenen Überlegungen hintansetzen müssen, daß ihnen als an sich selbst Verzweifelten nichts anderes übrig bleibt, als dem Herrn zu parie­ren. Dann heißt es einfach: Auf dein Geheiß.

Daß der bestandenen Probe die Erfüllung folgt, könnte Petrus und sei­nen Genossen den Glau­ben gestärkt haben – es war ja überreich, was sie fingen, und ein bewährter Ausleger meint, daß Jesus damit den Aposteln zeigen wollte, daß sie im Dienste dieses Herrn keine Not leiden sollten – aber sei dem, wie ihm wolle; nachdem die Probe des Gehorsams bestanden ist, fast könnte man sagen, bestanden aus eigener Kraft, öffnet sich nun erst der Abgrund, über den Petrus nicht mehr wegkommt. Denn an diesem Wunder erkennt er, wer der ist, der vor ihm steht, und sieht zugleich, wer er selber ist. Nun bricht es heraus aus ihm: Ich bin ein sündiger Mensch. Nun fühlt er die Unerträglichkeit der Nähe Jesu, in dem ihm Gott nahe ist. Vor­hin mußte er vergessen, daß er ein Fischer ist, und aufs Wort hin gehor­chen, das konnte er, aber vergessen, was für ein Mensch er ist – das kann er nicht. Die Anfechtung tut sich vor ihm auf wie ein abgründiger Schlund, der ihn in sich begraben möchte.

Er sieht seine Sünde, aber er sieht nicht den Weg, der aus ihr heraus­führt. Er erfährt das, was alle Menschen in der Anfechtung erfahren, daß seine Sünde nicht nur über ihn selbst, sondern auch über Gott hinaus­wächst. Luther sagt dazu: »Nun ist’s wahr, Petrus lügt damit nicht, daß er sagt: er sei ein sündiger Mensch, aber das ist nicht recht, daß er Christum von sich gehen heißt.« Gewiß, eigentlich hätte Petrus sagen müssen: Herr, hilf mir, bleibe bei mir, denn ich bin ein sündiger Mensch. Aber in der Anfechtung tut der Mensch das Verkehrteste: Er flieht vor seinem Retter. Nun tut Jesus sein größtes, sein eigentliches Werk. Hat er eben seine Gott­heit im Wunder offenbart, so offenbart er sich in seinem: Fürchte dich nicht! als Sünderhei­land und Weltenrichter. Er hat das letzte Wort. Wo er freispricht, kann die Sünde nicht mehr verklagen (Röm. 8,33. 34). Wie ei­ner, der aus dem Tode ins Leben tritt, wie einer, der gerettet ist, aber um den Preis, daß er nun seinem Retter gehört, hört Petrus, wie nun über sein Leben entschieden wird: Du wirst von nun an Menschen fangen. Du wirst – das ist ausgemacht von Gott – es ist keine Frage, auch kein Befehl, es gibt kein Ja oder Nein zu diesem Beruf, es gibt nur dies eine, daß sich erfüllt, was Gott im Sinne hat. Und mit einemmal versteht Petrus die ganze Ge­schichte, vom Ende her enthüllt sich der Sinn dieser seltsamen Erlebnisse. Die Fahrt aufs hohe Meer wird das Sinnbild seines Lebens sein, der Nachen das Sinnbild der Kirche, die ihn trägt, das Meer Bild der Welt, die sein Ar­beitsfeld werden soll, das Netz Bild für das Wort, mit dem er fischen muß, und der Fang Verheißung der Gemeinde, die gewonnen wird.

Was soll er nun tun? Diese Leute können nichts anderes mehr tun, als daß sie ihre Schiffe ver­lassen und dem Menschenfischer nachfolgen, dem sie selbst als sein erster Fang ins Netz ge­gangen sind.

Quelle: Georg Eichholz (Hrsg.), Predige das Wort. Auslegung der Heiligen Schrift in Predigten, Vierter Band: 1. Teilband Lucas-Evangelium, Siegen: Wilhelm-Schneider-Verlag, 1947.

Hier die Predigt als pdf.

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