Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 20,19-23 von 1950: „Die Christenheit ist keine Verschwörung, die wie eine Krankheit der Gesellschaft im Dunkel schleicht … wir wissen ja auch, dass man damit die Straße gegen die Christen mobil machen kann. Das ist die Stimmung, die bei den staatlichen Organen herrscht, welche zur Unterdrückung der Kirche eingesetzt werden!“

Predigt über Johannes 20,19-23 – Wie die Jünger froh wurden

Von Hans Joachim Iwand

Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versam­melt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Je­sus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist! Wel­chen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Am selben Abend erscheint Jesus den Jüngern, den furchtsamen Jüngern. O, wir kennen solche Furcht. Wir kennen das Sitzen hinter verschlossenen Türen. Darum können wir auch ermessen, was es bedeutet haben muß, wenn Er plötzlich unter sie tritt. Es muß beschämend gewesen sein wie damals, als die Jünger meinten, das Boot, in dem sie saßen, werde den Sturm nicht überdauern. Auch damals erhob Er sich und schon dieses Er­wachen war Zeichen und Vorspiel kommender Auferstehung. Sie bleibt für alle kommenden Zeiten Zurechtwei­sung und Tadel an alle, die nicht mehr mit ihm als dem Lebendigen rechnen. Darum seine Frage: »Warum seid ihr so feige, ihr Geringgläubigen?« (Matth. 8,26). Weil Jesu Auferste­hung Sieg ist, darum gehört die Furcht im Neuen Testament zu den Hin­dernissen, die einem das Reich Gottes verschließen. Sie ist Sünde wie Göt­zendienst und Unzucht. Wer Mitleid haben würde mit diesen sich fürchtenden Jüngern, der würde gerade kein Mitleid mit ihnen haben dür­fen. Denn das Reich Gottes ist in Bewegung geraten, es geht voran, wir dürfen nicht stillstehen oder gar weichen. In diesem Kampf werden Feld­flüchtige erschlagen und nur die Sieger sind Erben der Verheißung.

Leider ist uns nichts darüber berichtet, was die Jünger an jenem so be­denklichen, so ver­zweifelten ersten Osterfest miteinander gesprochen ha­ben mögen. Was für erregende Tage müssen das überhaupt für sie gewesen sein. Immerhin, aus der Tatsache, daß die Erscheinung des Auferstandenen in ihrer Mitte eine solche Sensation bedeutet – bis heute ist sie es für uns geblieben – kann man einiges schließen. Wenn sie Glauben gehabt hätten, wäre seine Erschei­nung gar nicht nötig gewesen. Aber sie hatten eben kei­nen Glauben. Wir können uns eine solche Versammlung kirchlicher Führer nur allzu gut vorstellen. Wie oft hat sich das noch später in der Kirchen­gemeinde wiederholt: eine kleine Schar verantwortlicher Männer, bera­tend wie die Sache weitergehen soll, verlassen und verängstet, betend viel­leicht und redend, aber eben doch zutiefst sich fürchtend! Wenn ein Maler dieses Bild einmal malen würde, müßte er es machen wie Rembrandt. Er müßte die Jünger ins Heute rücken, ihnen unsere Gesichter und Kleider geben. Er müßte sie malen als Bischöfe und Professoren, als Kirchen­juri­sten und Laienprediger. Er müßte sie malen wie sie auf ihren Konzilien und Synoden zusammentreten, im katholischen Bunt und im protestantischen Schwarz, die Führer der Großkirchen und die Bruderräte der Sekten, um zu beraten, wie die Sache Jesu, die ihnen zu treuen Händen übergeben zu sein scheint, weitergehen soll. Wie man sie – angesichts der feindlichen Massen und der kleinen, verlassenen Herde – ins Morgen hinüberretten soll, bis der Herr kommt! Diese verlassenen Jünger beraten offenbar ohne die Gegen­wart des Auf­erstandenen. Sie wissen um Jesus, sie kennen seine Werke und Taten, sie halten sich an die Überlieferung, die sie nun zu bewahren haben – und sie glauben, daß Er wiederkommen wird, am Ende der Tage. Aber das Interim, die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Advent ist ein Va­kuum – scheint ihnen zu gefallen, ihrer Leistung und damit auch ihrem möglichen Versagen; ihrer Verantwortung und darum auch ihrer Sorge. Die Sache ist zu gewaltig und die eigene Kraft zu gering – darum die ver­schlossenen Türen. Darum der Rückzug ins Konven­tikel. Darum die Lehre von den beiden Reichen: die Welt draußen und das Reich Gottes drin­nen! Darum der Versuch der nun das Kommando übernehmenden Unterführer, sich vom Fein­de »abzusetzen« und mit der Welt einen Vertrag gegenseiti­ger Duldung abzuschließen. Nicht der Glaube, sondern die. Sorge sitzt mit ihnen am Tisch, die Sorge um den Fortgang der Sache Jesu, und mit der Sorge nun doch wieder die Welt, die sie zu bannen meinten.

Es ist seit dem 18. Jahrhundert die Neugier der Gelehrten gewesen, zu enträtseln, was wohl in jenen Ostertagen hinter diesen verschlossenen Tü­ren vor sich gegangen sein mag. Man hat sich lange damit geholfen, daß man zwischen einem Jesus vor und einem Jesus nach der Auf­erstehung unterschied. Einem, der sich selbst zeigte und einem, wie er den Jüngern erschien und im Gemeindeglauben bekannt wurde. Es soll heute noch Neutestamentler geben, die sich durch eine derartige – die Zwei-Reiche-Theorie heraufbeschwörende! – Trennung ein neutra­les historisches Un­tersuchungsfeld zu sichern trachten. Adolf von Harnacks Unterscheidung zwischen dem Evangelium Jesu und dem Evangelium von Jesus gab das Stichwort für dieses historisch-liberale Denken. Alle diese Leute hätten recht, wenn die Jünger damals recht ge­habt hätten – daß es jetzt auf sie, auf die Gemeinde, auf sie als die Überlebenden nach der Katastrophe von Golgatha ankäme. Wenn die Gemeinde die Klammer wäre zwischen dem irdischen und dem auferstandenen Jesus, dann hätten unsere Historiker recht, die auf dieser Brücke aus der Zeit vor der Auferstehung in die Zeit nach der Auferstehung gelangen möch­ten! Aber sie irren sich, auf dieser Brücke steht der Auferstandene selbst, steht da als Grenze und Anfang zu­gleich. Ende der Alten und Beginn der Neuen Zeit! Nicht nur im Gestern und im Morgen, im Heute begegnet er den Seinen. Denn Jesus Christus ist das Heute der Gnade Gottes mitten unter uns, das ewige Heute!

So werden wir es verstehen müssen, wenn wir hören, daß Jesus Christus selbst unter die Jün­ger tritt. Als ob er damit den Kardinalfehler aufdecken wollte, den sie in ihrer Ratlosigkeit begingen. Mit seiner Gegenwart will Jesus doch wohl sagen: Ihr könnt meine Sache nicht wie ein Erbe verwal­ten, auch nicht in irgendeinem Interim, denn so gewiß, als ich alle Tage bei Euch bin, gibt es kein Interim. Der Platz, den ich gerade durch meine Auf­erstehung einnehme, muß für mich frei bleiben. Von mir und meiner Sache darf niemand sprechen, als wäre das die Hinterlassenschaft eines Toten. Vielmehr »Ich lebe« und darum sollt ihr – die Todgeweihten – auch leben. Kehrt diese Regel nicht um, haltet nicht etwa euch für die Lebenden und mich für einen Toten!

Und vielleicht kann man noch ein weiteres dazu sagen (wir denken hier­bei immer noch an die geschlossenen Türen): Die Christenheit ist keine Verschwörung, die wie eine Krankheit der Gesellschaft im Dunkel schleicht. Wäre der Herr nicht erschienen, dann könnte das unter Um­stän­den passiert sein. Dann könnte Nietzsche im Recht sein mit seiner Feind­schaft gegen das Kreuz und seinem Vorwurf: »Das Kreuz ist das Erken­nungszeichen der unterirdischsten Ver­schwörung, die es je gegeben hat.« Er wollte diese alte heidnische Anklage »an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt« (Antichrist), und wir wissen ja auch, daß man damit die Straße gegen die Christen mobil machen kann. Das ist die Stimmung, die bei den staatlichen Organen herrscht, welche zur Unterdrückung der Kir­che eingesetzt werden! Wir seien eine geheime Verschwörung! Sie hätten recht, wenn den Jüngern die Flucht ins Ghetto gestattet worden wäre. Die Erscheinung des Auferstandenen heißt: Ihr sollt Kinder des Lichts sein. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten – fürchtet den, der tötet und wieder lebendig macht! So fallen die Riegel der Furcht, die Türen ge­hen auf und die Botschaft des Evange­liums läuft um den Erdkreis! Jesus duldet nicht, daß sich die Kirche und ihre Führung unver­sehens an Seine – und das heißt eben an diese Stelle schiebt. Seine Gegenwart erinnert die Jünger, daß ihr Erbe nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegt. Denn das Erbe, das Jesus Christus brachte, ist das ewige Leben. Ist Verheißung und bleibt Verheißung bis ans Ende der Tage!

Sein Gruß heißt Friede. So grüßt der Sieger die, für die er siegte. So macht er sie selbst zu Herolden des Friedens (das sind »Evangelisten« Jes. 52,7). In ihm sollen sie Frieden haben, das hatte er scheidend verheißen (Joh. 16,33) – und das erfüllt sich nun an den tief Traurigen. Denn die Zeichen des Friedens sind an dem Auferstandenen offenbar: die Seiten­wunde und die Nägelmale. Mag sein, daß der Graf von Zinzendorf des Gu­ten manchmal zuviel getan hat in seiner Blut- und Wundentheologie, aber hatte er nicht sachlich recht gegenüber einem ratio­nalistischen, optimisti­schen, paganistischen Christentum, das einen Christus ohne Blut und Wunden haben wollte. Er hatte schon recht, wenn er im Kreuz die Glorie des Sieges sah und es nicht als etwas bloß Irdisch-Vergängliches verstan­den und damit verachtet sehen wollte. »Wir deuten das Deo Gloria in exelsis auf Gott am Kreuz und wissen, daß die höchste Sache, das summum bonum aller Seelen, seine Wunden sind«. So steht Jesus Christus unter den Göt­tern der Heiden, an seinen Wunden erkennbar. Erfunden als ewiger Hoherpriester. Seine Wunden sind das signum sacerdotale, das er trägt, indem er uns trägt. Weil das, was er gelit­ten hat, vor Gott gilt, darum ist Friede.

Vielleicht ist das der Hintergrund jener knappen Notiz, die hier steht: Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Ob es uns wohl dereinst auch so gehen wird, wenn wir aus der Welt des Glaubens in die des Schau­ens treten werden? Ob wir auch unseren Gott erkennen werden an seinen für uns erlittenen Wunden? Ob uns auch von hier aus die große Freude er­füllen wird, die alle Tränen trocknet? Aber wer kann froh sein, zu sehen, was er zuvor nie geglaubt hat? Glauben wir aber wirklich, daß alles andere Leiden nichts ist im Vergleich zu dem Kreuz des Herrn? Das Kreuz Jesu ist kein leerer Wahn, sondern ein Anschauungsunter­richt unseres künftigen Heils. So haben alle Erscheinungen des Auferstandenen etwas vom Mor­genglanz der Ewigkeit an sich, es ist, als ob für einen Moment – für jene einzigartigen 40 Tage – der Schleier hinweggenommen war, der gemein­hin unsere Todeswelt trennt von der Gegenwart ewigen Lebens. Was hier den Augenzeugen geschieht, das wird einmal allen zuteil werden, die aus Glauben leben. Wir werden beim Namen gerufen werden wie Maria, wir wer­den seiner Erscheinung froh werden wie die Jünger, werden endgültig und fraglos gewiß wer­den wie Thomas.

Von dieser Höhe her erfolgt nun auch die Berufung der Jünger zur Mis­sion. Der Gesandte Gottes wird nun selbst der Sendende und bläst sie an mit seinem Heiligen Geist, wie Tote, um sie zum Leben zu erwecken. An dieser Stelle könnte es einem doch sehr fraglich werden, ob die Ostkirche recht daran getan hat, sich zu sträuben gegen jene abendländische Lehre, daß der Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht. Was hier geschieht, ge­schieht nicht, um Pfing­sten überflüssig zu machen, sondern um die Voll­macht des Auferstandenen, der damit seinem Vater gleichgeordnet ist, zu bezeugen. Ich sende, sagt der durch Kreuz und Auferstehung aus­gewiesene Herr – und seine Sendung wird ebenso unwidersprechlich sein wie es die Sendung war, die von seinem Vater ausging und sich in seinem Lebens­werk vollendete. Aber auch inhaltlich soll alles auf demselben Wege blei­ben, wie es von ihm – dem zuerst Gesandten – auf Erden begonnen wurde. Der Sinn seiner Sendung ist die Vollmacht, Sünde zu vergeben. Also das zu tun, was niemand tun kann denn Gott selbst! Das soll der Machterweis des Auf­erstandenen sein, der seine Boten auf ihrem Weg nunmehr umwehen wird. Nur wenn sie in diesem Auftrage verharren, wird der Geist Jesu an ihnen spürbar werden. Und sie werden nur vergeben können, wenn sie zugleich den Mut und die Kraft geben können, wenn sie zugleich den Mut und die Kraft haben, Sünde zu behalten. Luther nannte das magnifi­care peccatum, das heißt: der von uns immer wieder gering geachteten Sünde ihr wahres Gewicht zu geben. Ein Gewicht, das so schwer ist, daß niemand es bewegen kann und alles, was wir sonst dem freien Willen und der menschlichen Natur zutrauen, daran zuschanden wird. Wer unter sei­nen Boten nicht mehr den Mut aufbringt, zu bezeugen, daß die Sünde stär­ker ist als der Mensch und wir darum alle von Natur unter dem Fluch ste­hen, der wird das Wort von der Vergebung zu einem unkräftigen, einem leeren und die Christen mehr einschläfernden, als erweckenden Worte ma­chen. Darum gehört beides zusammen: das Vergeben und das Behalten. Vergebung bleibt – so wie zu Lebzeiten Jesu – Machtwort, bleibt Entschei­dung, die immer den tiefen und schweren Schatten des Sünde-Behaltens bei sich hat. Denn die Rechtfertigung des Sünders ist immer zugleich das Gericht über die Gerechten (trotz Schlatter!). »Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhöht die Niedrigen.«

Das ist Jesus – und um deswillen wurden die Armen und Elenden froh, wenn er sich ihnen nahte. Es dürfte eines der Geheimnisse für die so be­klagenswerte Unkräftigkeit unserer Bot­schaft heute sein, daß wir meinen, wir könnten pflanzen und bauen, ohne zugleich auszurei­ßen, zu zerbre­chen und zu zerstören. Denn wir haben aus dem Evangelium ein Wort ge­macht, das restaurativ ist – Wiederherstellung der Schöpfung, wie man heute sagt – aber Gottes Wort tötet und macht lebendig. Das ist etwas toto coelo anderes.

Das Wort von der Vergebung der Sünden ist letztes Wort, so wie Jesus selbst das letzte Wort Gottes war. Es gibt nichts darüber hinaus. Wer noch etwas darüber hinaus von Jesus und sei­nen Boten erwartet, der hat es noch nie vernommen.

Gehalten am 30. Mai 1950, Dienstag nach Pfingsten auf einer Evangelischen Woche in Flensburg.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 318-323.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s