Pfingstgedanken von Rolf Wischnath: zweifeln und zagen, beharren und bleiben

zweifeln und zagen, beharren und bleiben

Von Rolf Wischnath

Ich zage und zweifele. Zum Beispiel zage ich beim Versuch, meinen drei erwachsenen, kirchenkritischen Kindern, meiner Frau und dem Freund, einem theologisch neugierigen Mathematiker, zu erklären „für uns gestorben“, „auferstanden von den Toten“, „Versöhnung der Welt mit Gott“ oder woran ich den Heiligen Geist erkenne. Und ich kann es ja auch nicht vereinbaren: Corona, Lesbos, Syrien und den vorsehungsreichen Gott: „ …. ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst“, singt Paul Gerhardt im Lied mit den fünf (an einer Hand abzuzählenden) Imperativen, der göttlichen Schickung zu vertrauen: „Befiehl du deine Wege …“ Oje.

Und dann finde auch ich unser derzeitiges Kirchenwesen anstrengend: diese Wortfindungsstörungen beim Versuch einer Antwort auf die Frage, ob Corona nicht doch eine Strafe Gottes ist – und ersatzweise all diese Geschichten, das Christusvermissen und die digitalen Geschäftigkeiten, mit denen die Kirchen hierzulande „unabkömmlich“ und „systemrelevant“ bleiben wollen.

Wäre es nicht besser, es zu lassen? Statt der coronäischen Ausrufung der Nähe Gottes wäre dann nach Sichtbarem zu schauen. Recht anziehend ist es doch, breite und lichte, tolerante und liberalbürgerliche Straßen zu ziehen. Sind nicht dort weniger widersprüchliche Einfälle und Plausibilitäten zu finden, aufgeklärtere Weisheiten und Moralitäten?!

Und doch bleibe ich dabei. Wobei? Allein geht es nicht. Vereinzelt lassen sich Zweifeln und Zagen nicht eingrenzen. Nicht ohne die Schwestern und Brüder. Weil uns nur zusammen rätselhafter Weise das Weggehen noch schwerer und unmöglicher ist als das Dabeibleiben – rätselhafter Weise! Wir stehen uns selbst wie einem Rätsel gegenüber. Es vergeht uns, von der eigenen Beständigkeit, von bedeutsamen Glaubensentscheidungen und unserem Bekennermut zu reden. Wir sehen uns recht eigentlich wie an eine Wand gedrängt, dass wir nicht umfallen können. Wir fangen an, beschämt zu staunen über die Ausdauer, die uns Zweifelnde bei der Wahrheit des Christus festhält.

So bleibt auch Mutter Kirche. „Unsere Kirche“, wie es gern heißt. Wir dürfen wieder und wieder wahrnehmen, dass es hier Räume der Hoffnung gibt: einer über die werte Christenheit hinausweisenden Hoffnung für uns, ja für diese Welt. Deswegen hiergeblieben!

Und dass wir bleiben, ist das pfingstliche Werk des Heiligen Geistes.

Die Kraft des Geistes hat mütterliche Macht und zieht ins Leben, das ewig ist, durch den Tod. Hoffentlich spüre ich das schon jetzt dadurch, dass die Niedergeschlagenheiten gemildert (oder gar überwunden) werden. Und einst erst recht – unwidersprechlich: Wir werden den Christus Gottes sehen „von Angesicht zu Angesicht“. Wir werden ihn „ganz erkennen, wie auch wir schon jetzt von ihm ganz erkannt worden sind“ (1. Kor.13, 12). Nicht wir sind beharrlich in unserer Kirche. Sein Geist unter uns beharrt. Und eben hier sind wir einbezogen: Menschen, denen der Glaube nie Besitz wird und die trotz seiner Rätselhaftigkeit nicht verzagen und verzweifeln.

Die Schriftstellerin Nora Bossong (* 1982) studierte in Potsdam und veröffentlichte einen Gedichtband „Kreuzzug mit Hund“. Es kann ihr nach heißen: „Der Geist erweckt mit Graubrot“. Drei pfingstlich geistvolle Sätze habe ich bei ihr abgeschrieben:

„Ich kenne den Zweifel als etwas, das immer wieder auftaucht, aber manchmal auch eine neue Ebene des Glaubens ermöglicht. Mir scheint, dass Zweifeln etwas ist, das für den Glauben notwendig ist. Wenn man nicht zweifelt, wird der Glaube zu sehr zur Gewohnheit, wird zu selbstverständlich und verlangt einem keine Fragen mehr ab.“

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s