Hans Ehrenbergs Pfingstpredigt über Apostelgeschichte 2,1-13 von 1937: “ Gerade das ist doch Pfingsten: Durchbruch, radikaler und totaler Durchbruch durch alles, was menschlich und irdisch ist!“

Hans Ehrenberg (1883-1958), Vetter Franz Rosenzweigs, war als Judenchrist von 1925 bis 1937 Pfarrer an der Christuskirche in Bochum. Er musst gezwungenermaßen sein Pfarramt aufgeben. Hier seine Abschiedspredigt, gehalten am 16. Mai 1937 in der Christuskirche in Bochum.

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-13 (Pfingstsonntag)

Von Hans Ehrenberg

Am Pfingsttag zu Jerusalem hat die Christenheit ihren Lebenslauf begonnen. Sie begann ihn mit einem voll­ständig anormalen, für das Urteil der Menschen krankhaften Zustand. Als die Jünger vom Hei­ligen Geist erfaßt wurden, wirkten sie auf die, welche sie dabei er­blickten, so, daß sie ausriefen: »Sie sind voll süßen Weines«, daß »die Anderen ihren Spott hatten«. Nur zwei Deutungen gab es für die Leute, als der Geist auf die Jünger kam: geisteskrank oder be­trunken, gefährliche oder harmlose Narren, aber jedenfalls Narren!

In den Augen der Menschen, nicht nur der gottfernen, sondern auch der frommen, sind der wirkliche Christ und die wirkliche Christenheit einfach verrückt; damit ist alles über sie gesagt.

Tausende und mehr Pfingstfeste sind seitdem gefeiert worden, und die christlichen Völker Europas haben in den Zeiten ihrer Ju­gendschöne sich mit Inbrunst in das Geheimnis des heiligen Geistes hineinbegeben, aber das Urteil der Welt ist in nichts anders gewor­den: Harmlose oder gefährliche Narren, aber jedenfalls Narren! Das Urteil der Welt, auch der »christlichen Welt«!

Die Geschichte der ersten Christen ist also nicht nur ein ge­schichtliches Ereignis im Werdegang der Kirche, sondern gilt in der Kirche dauernd weiter. Es gilt auch heute.

Überall, wo der »heilige Geist in Person« auftritt, überall, wo »wirkliche Kirche« ist, wird auch in der modernen Welt, ja eben erst recht gerade in dieser heutigen modernen Welt genau so geurteilt wie einstens bei den ersten Pfingsten. Man lacht die wirklichen Christen aus oder ärgert sich über sie; bestimmt meidet man ihren Umgang; denn es sind unbequeme Leute, so umgänglich sie sonst sind.

Dabei macht es fast gar keinen Unterschied, ob man in einigen Ländern mehr ein Scheinchristentum, in anderen mehr ein Unchristentum zum Mantel seiner Ablehnung der wirklichen Christenheit verwendet.

Und wir haben zu bedenken: Diejenigen, welche sich bei den ersten Pfingsten über Jesu Jünger erregten, waren Menschen, ge­wohnt an Bibel und kirchliche Gemeinschaft und bekannt mit den Weissagungen der Schrift auf das Kommen des Geistes, und doch waren sie nicht vorbereitet, als sie urplötzlich dem heiligen Geist in Person begegneten. Um wieviel weniger ist der Mensch von heute in der Lage, den Geist in Person zu erkennen, der Mensch von heute, der ohne Bibel lebt und anstatt Weissagungen auf einen kommenden himmlischen Geist Nachrichten über einen gegenwärtigen irdischen Geist aufzunehmen gewohnt ist! Der Mensch von heute, der von dem, was er Religion nennt, bestenfalls eine Ergänzung seines irdischen Schaffens, aber niemals einen vollständigen Duchbruch durch sein Erdenwallen erwartet!

Und gerade das ist doch Pfingsten: Durchbruch, radikaler und totaler Durchbruch durch alles, was menschlich und irdisch ist!

Wenn die Welt heutzutage die Erfahrung macht, daß die christlichen Kirchen, evangelische und katholische, gestern noch feindliche Brüder, eigenartig aneinander rücken, auch wenn ihr kirchliches Handeln noch immer genau so getrennt verläuft wie zuvor und ihre innere Spannung nicht aufgelöst werden kann, dann liegt das einfach daran, daß beide Kirchen sich in einer schlechthin diesseitsgläubigen Umwelt zur »Verteidigung des Jenseits« aufgerufen wissen. Eine Welt, die vom Jenseits nichts wissen will – außer vielleicht bei alten Weiblein und Schwachsinnigen – leugnet ja weniger das Jenseits an sich als den Einbruch des Jenseits ins Diesseits; aber eben damit ist das Jenseits selber geleugnet: Denn entweder ist das Himmelreich »nahe herbeigekommen«, also schon auf Erden angelangt (das behauptet Jesus und sein Evangelium), oder es klebt irgendwo ganz oben und hinten im Himmel, und dann hat es gar keinen Wert für uns und auch gar keine Ähnlichkeit mit dem, was nun einmal gerade das Christentum als Jenseits meint, wenn es vom Himmel spricht.

Nun gar die Pfingstgeschichte! Das berichtet sie doch gerade, daß die Grenze, die sonst selbst in der Bibel meistens zwischen Himmel und Erde zu bestehen pflegt, hier einmal wirklich mehr als vollständig umgelegt wird, indem »ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes geschah und das ganze Haus erfüllte.«

Als Salomo den Tempel einweihte, geschah es, daß die Wolke der Herrlichkeit Gottes das Tempelhaus so erfüll­te, daß die amtie­renden Priester nichts sehen und keinen Dienst tun konnten; damals war die Erfüllung des Hau­ses Gottes so, daß der Mensch durch Gottes volle Gegenwart ausgeschaltet war.

Beim Kommen des heiligen Geistes auf die Jünger Jesu war die Erfüllung des Hauses der Jünger derart, daß der gegenwärtige Gott in den Menschen eingeschaltet ward. Denn solange dauert das Brau­sen des Geistes, daß das ganze Haus davon erfüllt wird. Soviel auch Gott sonst ein- oder umreißt, es bleibt immer irgend etwas so ste­hen, wie es vor dem Einbruch Gottes dastand, bei Pfingsten war in den Jüngern alles fort, was neben dem Geist hätte bestehen können; der Ein- und Durchbruch des Geistes war restlos und vollständig. Wo heiliger Geist weht, da darf sogar von einem »Gott in uns« gesprochen werden, aber – wohlgemerkt – wirklich nur dort, wo heiliger Geist ist.

Es gibt aber eine Weisheit bei Juden und Heiden, die heißt: Es ist alles schon dagewesen oder aus Nichts wird Nichts! Solche Erden­weisheit steht im vollsten Gegensatz zum Durchbruch des göttlichen Geistes und gibt die Kirche des heiligen Geistes als ein Irrenhaus aus.

Die ganze Geschichte der Pfingsten hat dies zum Inhalt: Zuerst den Durchbruch Gottes vom Himmel auf die Erde, dann auch den Widerspruch der Erdenmenschen gegen den totalen Durchbruch des Himmels.

Wie der heilige Geist bei der Geburt des Heilandes das Natur­gesetz der natürlichen Zeugung aufhebt, so hebt er bei der Geburt der Kirche des Heilands das Gesetz der geistigen Zeugung auf, das seit dem Turmbau zu Babel durch die Volkssprachen festgelegt ist.

Am Pfingsttag hört plötzlich das Geistesgesetz auf, das die Welt seit der Urgeschichte der Menschheit be­herrscht. Ist das nicht voller Durchbruch, wenn jedermann die Jünger, als sie mit Zungen reden, in seiner eigenen Sprache sprechen hört?

Wer an ein solches Durchbruchswunder glaubt, ist entweder ein Narr oder ein gefährlicher Mensch, der sich in Widerspruch zu den Ordnungen dieser Welt setzt, die auch nicht ohne Gott sind. Und gemeingefährliche Irre sperrt man besser ein, ehe sie Unheil über andere Menschen bringen!

Pfingsten erklärt: Es herrscht zuoberst und zuletzt nicht das Ge­setz Gottes, sondern der Geist Gottes!

Ferner wird dabei ausgesagt, daß alle Jünger feurige Zungen auf ihre Häupter erhielten, und niemand wird be­haupten, daß einem nor­malen Menschen so etwas zustoßen kann. Und wenn die Christen von heute auch nicht mehr feurige Zungen bekommen, so behaupten sie doch allemal, jeder von ihnen hätte seinen Auftrag in dieser Welt. Also sind sie durchaus nicht anders geworden, als einstens die Jünger waren. Ist das nicht noch immer die gleiche Narrenanmaßung, in dieser Welt anders als die normalen Menschen zu leben? Wie kann denn der norma­le Mensch über den Christenmensch anders urteilen, als daß er sagt: verrückt!, wenn sogar der gewöhnliche Kirchgänger und die Kirchenbehörde kaum je anders über ihn denken! Oder glaubt jemand, daß ein Jünger Jesu im letzten Jahrhundert in unseren Lan­deskirchen mehr als eine Kanzel gefunden hätte, wo er aus der Voll­macht des heiligen Geistes hätte predigen können?

Und wenn die Christenheit nun gleichwohl aus so merkwürdig geduldigen und stillen Leuten besteht, welche nur selten zeigen, wie anormal sie eigentlich sind, ja, wenn sie gerade auch bei den irdi­schen Aufgaben, Beruf und Vaterland, noch weniger versagen als die, welche sich im Ruhm des Menschheitsgeistes sonnen, dann werden die normalen Leute doch niemals richtig vertraut mit ihnen; vielmehr werden die Christen weiter als unerträglich empfunden.

In dieser Welt haben wir Christen bestenfalls eine Narrenfreiheit. Denn die Welt ist oft ihrer selbst so sicher, daß sie uns in solchen Zeiten ruhig gewähren läßt.

Eigen, kaum daß die anstößige Ausgießung des Geistes geschehen war, so ließ man einen dieser Betrunkenen oder Narren gewähren, als er den Mund auftat und die erste Apostelpredigt gehalten wurde. Wer nun eine Er­wähnung des soeben Geschehenen erwartet hätte, eine begeisterte Rede über die feurigen Zungen oder über das Sprachwunder, der wäre sehr enttäuscht worden; denn Petrus pre­digte so, als hätte er das immer schon getan, und behandelte sein Thema trocken biblisch, wie das dieselben Menschen, die ihn soeben als verrückt angesehen hatten, nicht anders gewohnt waren. Wäre in dieser nüchternen Verkündigung nicht der Name Jesu das Ziel gewesen, wie hätte durch eine solche Verkündigung die neue Gemeinde Gottes begründet werden können? So aber geschah es tatsächlich auf diese Weise!

Und so geschah eben jetzt das, was der Herr seinen Jüngern zwi­schen Ostern und Pfingsten zugesagt hatte: Wenn sie den heiligen Geist bekommen, dann werden sie fortan Sünden vergeben und Sün­den behalten, und im Himmel werde ihr Vergeben und ihr Behalten Geltung besitzen! Die erste Predigt des Petrus verkündet Gnade und Gericht, Vergebung und Buße, Belehrung und Heil, sofort das ganze Evangelium. Er wird zum Glauben angeboten, der Herr von Gericht und Gnade, der Christus Jesus Gottes! Und so ist die Christenheit da, wo durch den heiligen Geist das Evangelium recht verkündigt und recht gehört wird.

Seht, so arbeitet der heilige Geist. Seht, so ist das Werk dessen, dessen Auftreten in Person die Leute zu dem Urteil hinreißt, die Jünger Jesu gehören ins Irrenhaus.

In der Tat, wo Er ist, da ist ein Irrenhaus, aber – Er ist der Arzt dieses Hauses!

Also ist es genau umgekehrt, wie die Leute meinen. Der heilige Geist wirkt heilend auf Zustände, die allerdings anormal und un­gesund waren. Wir denken dabei zu allererst an die Jünger selber. Tötender Schmerz, lähmende Unterlegenheit, völlige Ohnmacht, darin befanden sie sich trotz der Auferstehung Christi. Gewiß, auch im Gebet, auch in der Gemeinschaft waren sie. Aber, das ist es gerade, was wir so oft an den Christen beobachten, daß sie fromme Beter und doch ohne den Geist der Wahrheit und der Wirklichkeit sind, daß niemand sie ernst nehmen will. Seht, so stand es auch mit den Jüngern, aber nicht nach, sondern vor der Ausgießung des Geistes. Und die Ausgießung hebt diesen krankhaften Zustand in wunderbarer Weise auf: Der Schmerz wird getilgt, die Unterle­gen­heit wird umgekehrt, die Ohnmacht wird überwunden. Weil Christus unter ihnen fehlte, waren sie vorher so zerrüttet; mit dem Geist Gottes kommt der totale Durchbruch zustande, und auf Grund des­selben ist alles ins Gegenteil gekehrt. Die Welt hält die Jünger am Pfingsttag für verrückt, und in Wirklichkeit wurden sie gerade an diesem Tage geistig so gesund, daß sie von ihrer geistigen Gesund­heit sofort an Andere abgeben konnten.

Da ist die Kirche geboren!

Wer helfen soll, die Welt und die Menschen zu heilen und zu retten, kann im Blick dieser Welt und dieser Men­schen unmöglich normal aussehen; wehe ihm, wenn er es täte! Und wenn die Welt sich für mehr als normal hält und über die ernsten Christen zu Gericht sitzt, dann kann sie das nur, weil sie selber sich nicht der geistigen Gesundheit erfreuen darf, die das Geschenk des heiligen Geistes an die Gläubigen Jesu Christi ist.

Pfingsten sagt uns also nicht nur, daß die Leute im Unrecht waren, die die Jünger zu gefährlichen oder harmlosen Narren mach­ten. Pfingsten spricht auch aus, daß eben diese Menschen, denen die Jünger als Irre galten, zwar höchst normal und doch nicht wirklich gesund waren.

Da erfahren wir etwas davon, was die Christenheit für die Welt anstößig macht. Denn sollte es nicht genug sein, wenn die Pfingst- predigt die schlechte Meinung der Menschen von den Heiligen des göttlichen Geistes wider­legt? Muß sie darüber hinaus soweit gehen, den Spieß umzudrehen und der Welt ins Gesicht zu sagen, sie selber in all ihrer Normalität sei in Wahrheit ein großes Irrenhaus?

Wenn aber die apostolische Predigt wahr ist, wenn die Urgemein­de tatsächlich in der Vollmacht Gottes stand, ja, wenn es erlaubt sein soll, Sünden zu vergeben und auch zu behalten, dann geschieht damit entweder etwas Un­mögliches und Gefährliches, das in einer ordentlichen Welt nicht erlaubt sein darf, oder es darf deshalb ge­sche­hen, weil die Welt und die Menschen eben dieses, ja nichts so sehr als dieses einfach notwendig haben. Also deshalb, weil der Sohn Gottes zu den Kranken gekommen ist und nicht zu den Gesun­den, den Sündern helfen will und nicht den Gerechten, und im Himmel über einen Büßer mehr Jubel ist als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen: Also weil die Welt ohne diesen in der Ausgießung des heiligen Geistes gipfelnden Weg Gottes einfach zu Grunde geht. Für die Welt gilt eigentlich immer nur die eine Weis­heit: Friß oder stirb! Hat sie aber keine andere, wie sollte dann nicht ihr Dasein als todeskrank, ihr Geist als vergiftet und ihre Seele als zerrüttet gelten müssen!

Aber die unter dem Wehen des Geistes stehen, erhalten es, so fest zu stehen im Namen dessen, der uns geliebt hat, daß neben ihrem Kämpfen die Anderen als die Besorgten, Aufgeregten und Weh­leidigen erscheinen! Die unter dem Wehen des Geistes stehen, erhalten es, so gehorsam und treu unter ihrem Kreuz zu dienen, daß sie den Verwesungsgeruch der leidenschaftlichen Welt in göttlicher Weisheit zu riechen vermögen. So oder so, die Christenheit kommt durch!

Weil sie nur um den einen Pol kreist: Christus. Das ist es, was der heilige Geist vollbringt. Und eben das muß allerdings der Welt als vollständig verrückt erscheinen. Es ist in Wahrheit für die Welt selber der stärkste Heil­trank, den es für sie geben kann.

Die wirkliche Christenheit ist die gesunde Zelle des menschlichen Lebens. Für sie ist der Durchbruch des Himmels geglückt, durch den der die Welt also geliebt hat und der sein Leben gab für das Leben der Welt.

Oder will die Welt etwa Ihn, Christus selber, für verrückt erklären?!

Sind wir in dieser Welt irr um Seinetwillen, so wird diese selbe Welt gesund und heil eben durch Ihn. Darum ist der heilige Geist den Jüngern begegnet. Nun glaubt, daß wir, wenn auch wir ihm begegnen, ihn auch erkennen werden! Die Kirche und ihre Diener haben den heiligen Geist empfangen. Das Wort der angeblich gei­steskran­ken und deshalb gefährlichen Christenheit an die gottlosen und die frommen Kinder der Welt ist das Wort der ewigen Gesund­heit, das Wort des ewigen Lebens, das Wort des ewigen Heils. Die Schar der Erlösten, die Ge­meinschaft der Geheiligten ist geboren!

Quelle: Rudolf Landau (Hrsg.), Calwer Predigtbibliothek, Bd. 4, Stuttgart 1998, S. 23-29.

Hier der Text als pdf.

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