Wenn die Corona-Pandemie keine göttliche Strafe sein kann, wie ist dann Gott im Unheil zugegen?

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Image by Jeroným Pelikovský from Pixabay

Wie kommen manche Christinnen und Christen zu der Ansicht, dass sich in der Corona-Pandemie ein göttliches Strafhandeln zeige? Ausschlaggeben hierfür dürfte die Kategorisierung als naturbedingtes Übel (malum physicum) sein. Für die Entstehung wie auch für die Ausbreitung der Pandemie kann ja – verschwörungstheoriefrei – kaum ein Übel aufgrund menschlicher Verfehlung (malum morale) geltend gemacht werden. Sind Menschen für ein Übel als Täter oder Verursacher haftbar zu machen, wird in aller Regel die Gottesfrage nicht gestellt, oder wenn dann nur als Theodizee-Frage: Warum hat Gott das zugelassen, dass Menschen diesen grausamen Terroranschlag verüben konnten?

Bei einem naturbedingten Übel entfällt der Mensch als Täter. Soll es nicht als schicksalhaft hinzunehmen sein, müsste ein Verursacher mit einer Zweckbestimmung benannt werden. Und genau da bemächtigen sich manche Prediger des Unheilgeschehens, wenn sie es als beabsichtigtes göttliches Strafhandeln zu erklären suchen. Sie maßen sich damit ein Urteil an, das ihnen nicht zusteht. In der konkreten Situation der weltweiten Corona-Pandemie kann kein göttliches Wort aus der Heiligen Schrift geltend gemacht werden, das Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Lebensformen, unterschiedlichem Charakter, unterschiedlichem Glauben, unterschiedlichen Taten und unterschiedlichen Werken selektiv unter ein gemeinsames göttliches Strafgericht stellt. Man müsste ja nachfragen: Warum gerade diese „Bestraften“? Und was ist eigentlich mit den anderen, die diesem Unheil entkommen sind (vgl. Lukas 13,1-5)? Sprechen Prediger bei der Corona-Pandemie von einem göttlichen Strafhandeln, werden Erkrankte und Verstorbene für eigene Unheilsbeschwörungen über gesellschaftliche Zustände bzw. individuelle Verhalten funktionalisiert. Wer eigenmächtig die Corona-Pandemie als göttliches Strafurteil geltend zu machen sucht, setzt sich damit Jesu Weisung aus: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.“ (Lukas 6,37)

Was kann nun über das Verhältnis von naturbedingtem Übel und Gott gesagt werden? Schnell ist davon die Rede, Gott habe damit ursächlich nichts zu tun. Göttliche Gegenwart würde sich vielmehr in seiner solidarischen Anteilnahme am Leiden zeigen. Aber ist ein Gott, der selbst mitleidend hinnehmen muss, was seinen Geschöpfen zugefügt wird, derjenige, an dem wir uns vertrauensvoll festmachen können? Johann Baptist Metz hat zu Recht die Redeweise vom „leidenden Gott“ hinterfragt:

„Ist hier nicht zuviel spekulative, gnosisnahe Versöhnung mit Gott hinter dem Rücken der menschlichen Leidensgeschichte am Werk? Gibt es nicht gerade für Theologen jenes negative Mysterium menschlichen Leidens, das sich auf keinen Namen mehr reimen lassen will? Wieso ist die Rede vom leidenden Gott nicht doch nur eine sublime Verdoppelung menschlichen Leidens und menschlicher Ohnmacht? […] Kommt bei der Rede vom leidenden Gott nicht so etwas wie eine heimliche Ästhetisierung allen Leidens zur Geltung? Leiden, das uns schreien oder schließlich kläglich verstummen lässt, kennt keine Hoheit, es ist nichts Großes, nichts Erhabenes; es ist in seinen Wurzeln alles andere als ein solidarisches Mitleiden, es ist nicht einfach Zeichen der Liebe, sondern weit mehr erschreckendes Anzeichen dafür, nicht mehr lieben zu können. Es ist jenes Leid, das ins Nichts führt, wenn es nicht ein Leiden an Gott ist.“[1]

Im Alten Testament findet sich ein anderes Wort, das göttliche Gegenwart im Unheil zur Sprache bringt, nämlich die göttliche Heimsuchung (pqd), die entweder heilsame, befreiende Zuwendung oder aber prüfendes bzw. ahnendes Einschreiten sein kann. Entscheidend dabei ist, dass Heimsuchung nicht als Gerichtsankündigung, sondern in der Wahrnehmung von „Heimgesuchten“ zur Geltung kommt: „Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet“ hält Hiob Elifas entgegen (Hiob 6,4). Die göttliche Aufmerksamkeit erleidet Hiob; sie lässt ihm keinen Frieden: „Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe?“ (Hiob 7,17-19)

In seiner Klage wider die göttliche Heimsuchung des eigenen Lebens sagt sich Hiob von Gott nicht los. Vielmehr hält sich für ihn die göttliche Gegenwart erfahrungswidrig im Verborgenen durch: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.“ (Hiob 19,25-27) So wendet sich am Ende die Heimsuchung in eine überwältigende Gottesbegegnung, die Hiob die göttliche Gerechtigkeit über den eigenen Lebenshorizont hinaus finden lässt: „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. […] Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ (Hiob 42,2.5)

Sucht man Gott aus dem Unheilsgeschehen wegzurationalisieren, so dass ihm auch kein Vorwurf mehr zu machen ist, müssen Menschen mit dem Unheil selbst zurechtkommen. Sie können dann allein darauf vertrauen, was menschliches Können noch zum Guten zu wenden vermag. Derartige Lebensaussichten bleiben natürlicherweise dürftig.

[1] Die Rede von Gott angesichts der Leidensgeschichte der Welt, Stimmen der Zeit 210 (1992), 311-320, hier 317f.

Hier mein Text als pdf.

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