Odem, Wind oder Geist? Von den Übersetzungsschwierigkeiten bezüglich Hesekiel/Ezechiel 37,1-14 in der Luther-Bibel 2017

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Erweckungsvision in Hesekiel 37,1-14 (Luther-Bibel 1545)

Hesekiel/Ezechiel 37,1-14 ist in der neuen Perikopenordnung als Predigttext in der Reihe VI für den Pfingstsonntag vorgesehen. Doch wer im Lektionar nachliest, wird bis auf den „Geist des Herrn“ eingangs in Vers 1 nichts vom Heiligen Geist vernehmen. Stattdessen kommt der göttliche „Odem“ zur Sprache. Wenn an Stelle von „Atem“ Luthers „Odem“ als Archaismus in der Luther-Bibel 2017 weiter gepflegt werden, geht das zu Lasten der Verständlichkeit. Mit „Odem“ weiß man im Deutschen kaum etwas anzufangen.

Das eigentliche Übersetzungsproblem fängt jedoch bei Luther selbst an. Die „ruach“ der hebräischen Bibel ist in der griechischsprachige Septuaginta konkordant mit „pneuma“ übersetzt worden, ebenso in der lateinischsprachigen Vulgata einheitlich mit „spiritus“. Luther hingegen hat in seiner Übersetzung (1545) versucht, semantisch zu differenzieren. So übersetzt er „ruach“ in Hesekiel 37,1-14 mit drei verschiedenen Wörtern. In Vers 1 ist der Prophet vom „Geist“ des HERRN geführt, in den Versen 5-8 ist es der göttliche „Odem“ als Lebensspender, in Vers 9 ist von einem blasenden „Wind“ und vom „Odem“ die Rede, in Vers 10 heißt es ebenfalls „Odem“, bevor dann abschließend in Vers 14 noch einmal von einem göttlichen „Geist“ als Gabe die Rede ist. Drei verschiedene Wörter – „Geist“, „Wind“ und „Odem“ – für die hebräische „ruach“, die semantischen Variationen erschließen sich nicht ganz aus dem Kontext.

In Luther 2017 scheint der „Geist des HERRN“ in Vers 1 auf ein „geistiges“ Erkenntnismedium zu zielen, während in der Versen 5-10 und 14 der dynamische „Odem“ für den göttlichen Lebensspender steht. Hinter den semantischen Variationen steht wohl eine theologische „Vergeistigung“ des Geistes, die nicht mehr mit dem dynamischen Moment der „ruach“ zusammengebracht werden kann. Dass jedoch die „ruach“ konkordant übersetzt werden kann, haben ja sowohl die Septuaginta mit „pneuma“ und die Vulgata mit „spiritus“ gezeigt.

Interessant ist, dass auch in den englischen Übersetzungen die semantischen Differenzierungen der Luther-Bibel nachvollzogen haben. In der King-James-Version ist in Vers 1 vom „spirit“, in den Versen 5-8 vom „breath“ die Rede, in Vers 9 vom „wind“ und „breath“, in Vers 10 vom „breath“ und in Vers 14 wieder vom „spirit“ die Rede. Diese semantischen Variationen schreiben sich in den neuen englischsprachigen Bibelübersetzungen wie der NRSV oder der NIV fort.

An dieser Stelle zeigen sich – wieder einmal – die revidierte Einheitsübersetzung bzw. die neue Zürcher Bibel der Luther-Bibel 2017 in Sachen Sprachgenauigkeit überlegen. Beide haben nämlich in Ezechiel 37,1-14 – freilich mit Ausnahme der Pluralform „ruchot“ in Vers 9 (mit „Winden“ wiedergegeben) – zur konkordanten Übersetzung „Geist“ gefunden.

Hier mein Text als pdf.

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