Vom Zusammenleben: „Je mehr Menschen auf je eigene Wahlmöglichkeiten und individuelle Entscheidungen aus sind, umso weniger können sie sich in der Gemeinschaft mit anderen wiederfinden“

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Photo by Spencer Davis on Unsplash

In diesen Tagen wissen wir das Zusammenleben neu zu schätzen. Wo das Leben auf die eigenen vier Wände beschränkt ist, gewinnen Familien bzw. Lebenspartnerschaften an Bedeutung. Passend dazu heißt es im Buch des Predigers (Kohelet): „Zwei sind besser als einer allein, falls sie nur reichen Ertrag aus ihrem Besitz ziehen. Denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne dass einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet. Außerdem: Wenn zwei zusammen schlafen, wärmt einer den andern; einer allein – wie soll er warm werden? Und wenn jemand einen Einzelnen auch überwältigt, zwei sind ihm gewachsen und eine dreifache Schnur reißt nicht so schnell.“ (4,9-11)

Das Verhältnis von Menschen zueinander gründet entweder auf Verbindung oder aber auf Austausch. Austauschbeziehungen verrechnen Leistung und Gegenleistung. Jeder hat dazu die eigene Wahl. Nachdem die Leistungen gegenseitig erbracht worden sind, sind wir quitt, also zu nichts Weiterem verpflichtet. Unverbindlich können wir neu wählen. Das ist die große Faszination in unserer Gesellschaft, dass wir immer mehr Wahlmöglichkeiten haben. Was uns via Smartphones präsentiert wird, entführt uns in eine unerschöpfliche materielle wie auch immaterielle Angebotswelt, die sich uns zur Wahl stellt. Je mehr Menschen auf je eigene Wahlmöglichkeiten und individuelle Entscheidungen aus sind, umso weniger können sie sich in der Gemeinschaft mit anderen wiederfinden. Wählen vereinzelt uns Menschen. Und wenn es dann auf das eigene Lebensende zugeht, haben wir keine eigene Wahl mehr, sondern sind darauf angewiesen, dass jemand sich uns zuwendet und zu uns hält.

Wo man hingegen anderen Menschen im Zusammenleben verbunden ist, wird man selbst von Ereignissen eingenommen, die man selbst nicht gewählt hat. In der Gemeinschaft sind dem eigenen Leben Dinge vorgeben, die sich eigenen Wünschen nicht anbieten. Was da ungewollt auf einen zukommt, erweist sich mitunter als Zumutung, die es zu ertragen gilt. Und doch hat das Zusammenleben – ob hineingeboren in eine Familie oder aber in einer Ehe bzw. Partnerschaft – eine eigene Lebensqualität, die mit eigenem Wählen nicht zu erlangen ist, nämlich die eigene Anteilnahme am Leben des anderen. Wo Glück und Leid des anderen mir zukommt, mich freuen oder aber mitleiden lässt, bewährt sich Zusammenleben als seelische Verbindung, die das eigene Leben zu vertiefen weiß. In der Anteilnahme am anderen findet mein Leben eine dauerhafte Erfüllung, die einem selbst ausgewählte Erlebnisse eben nicht ermöglichen.

Hier mein Text als pdf.

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