Über die Anrede und das Bitten im Gebet: „Die Doxologie ist erforderlich, dass unser Beten den Angerufenen nicht für uns selbst zu vereinnahmen sucht.“

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Bild von SplitShire auf Pixabay

Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Das ist der zudringliche Notruf des blinden Bartimäus (Markus 10,47). Die Ehrerbietung ist auf ein Minimum beschränkt – „Sohn Davids“. Hätte Bartimäus zu viel der Höflichkeitsworte aufgeboten, wäre Jesus schon längst an ihm vorbeigezogen, und er hätte ihm nur noch vergeblich hinterherrufen können. So findet er Jesu Aufmerksamkeit und Zuwendung, darf auf ihn zukommen und seine Bitte ihm zu Gehör bringen.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir“ (Jesaja 43,1). So spricht der HERR Israel an. Wer jemand namentlich anspricht, dem ist der namentlich Angesprochene zugehörig. Das ist die Macht des ausgesprochenen Namens, dass man seinem Namen nicht entgehen kann. Mit gutem Grund ist Juden – und wohl auch Christen – das Aussprechen des NAMENS, also des Tetragramms versagt.

In unserem Beten sind wir bezüglich der rechten Anrede herausgefordert. Werden auf den Namen „Jesus“ oder die Antonomasie „Gott“ hin eigene Bitten und Anliegen unvermittelt vorgebracht, kann daraus eine selbstbezogene Beanspruchung „Gottes“ für die eigenen Bedürfnisse und Lebenswünsche erwachsen. Der Gott hat sich in seiner Zuwendung dem Leben des Betenden zu fügen, um als Geber guter Gaben anerkannt zu werden.

Die Doxologie mit hymnischen Prädikationen und titularen Beinamen, wie wir sie aus den Psalmen kennen, ist erforderlich, dass unser Beten den Angerufenen nicht für uns selbst zu vereinnahmen sucht. Der Lobpreis lässt uns dem Angerufenen zuwenden, so dass wir uns mit unsren Anliegen bei ihm wiederfinden.

Nun mag man dagegen einwenden, dass ja Jesus selbst in seinen Gebeten die intime „Vater“-Anrede ohne Beifügungen gewählt hat. Aber das „Unser Vater“, das er seinen Jünger gelehrt hat, wehrt mit den ersten drei Bitten um die Heiligung seines Namens, das Kommen seines Reiches und das Geschehen seines Willens jede Vereinnahmung des Angerufenen für das eigene Leben ab. Wer sich nicht auf seinen Namen, sein Reich und seinen Willen einlässt, wird mit den eigenen Bitten kein Gehör finden.

Mit gutem Grund ist in der Eröffnung des Gottesdienstes zunächst das Confiteor vorgesehen, das das eigene Leben im Eingeständnis der eigenen Sünde vor den dreieinigen Gott bringt, gefolgt von den Kyrie-eleison-Huldigungsrufen und dem Gloria-in-excelsis-Lobpreis, bevor dann im Tagesgebet die Anrufung des Gottes mit einer Bittstellung erfolgt. So geht in der Liturgie die Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott und die Doxologie dem eigenen Bitten vor. Dazu passt, was Moses Maimonides (1135/38-1204) in seinem Führer der Unschlüssigen (3. Buch, 52. Kapitel) geschrieben hat:

„Wenn der Mensch allein zuhause ist, sitzt er nicht so und bewegt und beschäftigt er sich nicht so, wie er säße und sich bewegte und beschäftigte, wenn er sich vor einem mächtigen König befände. Er wird auch, wenn er am Sitze des Königs redet, nicht so reden und nach Belieben viele Worte machen wie vor seinen Hausgenossen und Verwandten. Und deshalb muss derjenige, der die menschliche Vollkommenheit zu erreichen sich vorgenommen hat und der in Wahrheit ein Mann Gottes werden will, aus seinem Schlafe erwachen und erkennen, daß der mächtige König, der ihn immer beschirmt und mit ihm verbunden ist, mächtiger ist als alle Könige von Fleisch und Blut, und wären sie selbst David und Salomo. Dieser uns schirmende und mit uns verbundene König ist die auf uns zuströmende Vernunft, die das Bindemittel ist zwischen uns und Gott. Und wie wir Gott durch das Licht erkennen, das er uns zuströmen lässt, nach dem Ausspruche: ‚In deinem Lichte sehen wir Licht‘ (Psalm 36,10), so durchschaut er uns mittels dieses Lichtes immerwährend und um dieses Lichtes willen, das bei uns ist, schaut und sieht er immer auf uns, nach den Worten der Heiligen Schrift: ‚Kann sich einer in Verstecken verstecken, und ich würde ihn nicht sehen? Spruch des HERRN.‘ (Jeremia 23,24). Beachte dies besonders!“

Hier mein Text als pdf.

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