Karl Barths Andacht für den Montag nach Quasimodogeniti: „Und doch hätten sie auch da statt winselnder Menschen in den Krallen des Teufels etwas ganz anderes darstellen müssen. Wie Gott richtet, zeigt uns doch nur Golgatha, wo er selbst als Mensch das Gericht erlitten hat bis in die Tiefen der Hölle.“

Wilhelm Groß - Zyklus Jesaja1
Wilhelm Groß – Der Erlöser (Jesaja)

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für den Montag nach Quasimodogeniti :

Montag nach Quasimodogeniti

Der Herr ist ein Gott des Gerichts. Wohl allen, die sein harren. Jes. 30, 18

Das Wort «Gericht», das in unseren Ohren so böse klingt, hat in der Bibel, wenn man alles miteinander vergleicht und zusammenhält, einen tröstlichen, heilvollen Klang. Die Maler des Mittelalters freilich haben das Weltgericht so dargestellt, daß das Entsetzen über das Los der Verdammten und also die Furcht vor dem Richter der stärkste Eindruck ist, den man davonträgt. Sie haben damit wie fast alle, die christliche Dinge zu malen versuchten, der Verwirrung gedient. Der «Gott des Gerichts» ist in der Bibel freilich der Gott des furchtbaren, verbrennenden Zornes über die Sünde, der Gott, der alles, aber auch alles Große und Hohe, was sich gegen ihn auflehnt, erniedrigt und zerschmeißt, der Gott, der dem Tode seinen Lauf läßt an aller, aber auch aller Eitelkeit der Kreatur. Darin hatten die alten Maler wohl recht. Und doch hätten sie auch da statt winselnder Menschen in den Krallen des Teufels etwas ganz anderes darstellen müssen. Wie Gott richtet, zeigt uns doch nur Golgatha, wo er selbst als Mensch das Gericht erlitten hat bis in die Tiefen der Hölle. Aber eben dieser «Gott des Gerichts» ist nach der Bibel der Gott des Friedens, der Barmherzigkeit und der Seligkeit. Wohlverstanden: Nicht nebenbei, nicht nachher, nicht außerdem, daß er so heilig und streng ist. Er ist im Gericht selber der Gnädige, sobald nur sein Gericht von uns anerkannt und angenommen wird, sobald wir seinem Zorn recht geben und seiner Strafe uns beugen. Wie er selber sich in Jesus Christus tief heruntergebeugt hat unter die Strafe, die auf uns liegt. Dort, dort ist er zu finden, von dorther, wo er sich hinbegeben hat um unseretwillen, kommt er uns entgegen. Dort will er gefunden sein. Dort wird er gefunden und ist die Güte selber, die alle Not, alle Qual, die wir verdient haben, von uns abwehrt und schließlich das Schloß des Todes selbst zerbricht, weil alles auf ihm liegt und weil er mächtig ist, alles zu tragen und hinwegzutragen. Darum heißt es: Wohl allen, die sein harren. Nicht: Wehe ihnen! — als ob Christus nicht auferstanden wäre von den Toten, als ob der Christus, den man fürchtet, nicht ein Götze des Unglaubens und Ungehorsams wäre. Als ob der Heiland ein Kaputtmacher und nicht ein Seligmacher wäre. Wohl allen, die sein harren! Ja wohl: die sein harren, die den Ort nicht scheuen, wo er sich finden läßt. Aber: Wohl allen, die sein harren!

Unser Vater im Himmel! Wir fürchten uns immer wieder vor Dir, und dann eben fürchten wir Dich nicht ernstlich. Laß uns Dich so fürchten, daß uns in der Tiefe, in der Du uns aufgesucht hast, deine große Liebe begegne und unser Herz froh mache. Laß uns in Furcht und Zittern für deine Gerichte dankbar werden. Amen.

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