Martin Niemöllers Osterpredigt 1945 aus dem KZ Dachau: „Wir dürfen uns nicht durch die Macht solcher Naturstimmungen dazu verleiten lassen, dass wir die biblische Kunde von der Auferstehung des Herrn nur als ein Gleichnis ansehen für jenen Sieg des Lebens über den Tod, wie wir ihn alljährlich im Frühling sehen oder vielmehr zu sehen vermeinen.“

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Drei Wochen bevor 163 Sonderhäftlige aus dem KZ Dachau von der Gestapo abstransportiert wurden, hält Martin Niemöller am Ostermontag, 2. April 1945 seine letzte der sechs Predigten in Dachau:

Predigt über Johannes 20,11-18 (1945)

Von Martin Niemöller

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen.

Das 2. Evangelium des Ostermontags steht bei Johannes, Kapitel 20, Vers 11-18:

»Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Als sie nun weinte, guckte sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den andern zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und diese sprachen zu ihr: Weib, was weinest du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und sieht Jesum stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. Jesus spricht zu ihr: Weib, was weinest du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und sprach zu ihm: Herr, hast du ihn weggetra­gen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni (d. h.: Meister)! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu mei­nem Gott und zu eurem Gott. Maria Magdalena kommt und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.«

Ostern! Heute geht ein Jubel durch die ganze Christenheit: »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« – Und es hat den Anschein, als stimme die ganze Schöpfung in den Freudenruf ein: Die Macht des Winters ist gebrochen, Frühlingshoffen webt in der Luft, neue Lebensfreude will ans Licht brechen: »Nun muß sich alles, alles wenden!«

Wir wollen diese Osterstimmung nicht schelten: man kann sich auch über den Frühling freuen und über die Wiederkehr der steigenden Säfte, die nun schon Knospen schwellen lassen und bald Blüten treiben werden; wir sollen auch dankbar dafür sein, daß nun das neue Brot zu wachsen beginnt, das – will’s Gott – trotz allen Elends um uns her dennoch Millionen von Menschen das Leben fristen wird. – Nur eins dürfen wir nicht, wenn wir recht Ostern feiern und der wahren Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu Christi froh werden wollen: wir dürfen uns nicht durch die Macht solcher Naturstimmungen dazu verleiten lassen, daß wir die biblische Kunde von der Auferstehung des Herrn nur als ein Gleichnis ansehen für jenen Sieg des Lebens über den Tod, wie wir ihn alljährlich im Frühling sehen oder vielmehr zu sehen vermeinen. – Es handelt sich dabei ja doch nur um einen Gedankenkurzschluß; wir wissen durchaus, daß das Leben, das jetzt da draußen aufblüht, doch auch dem Tode verfallen ist; wir schieben nur den Gedanken daran immer wieder von uns fort und wehren uns auf diese Weise gegen einen Pessimismus, der an sich berechtigt wäre, aber nun einmal zu nichts nütze ist.

Nein, um recht Ostern zu feiern, müssen wir schon auf die Botschaft hören, die Gott uns in seinem Wort sagen läßt, und die weiß nichts von einem allgemeinen Naturgesetz, daß das Leben stärker sei als der Tod, daß das Gute kräftiger sei als das Böse, oder was dergleichen idealistische Dogmen mehr sein mögen, an die ja ohnehin niemand mehr recht glaubt.

Als der Ostermorgen dämmert, steht eine einsame Frau am Grabe Jesu von Nazareth. – Sie ist vorher im Dunkel der letzten Nachtstunden schon einmal dort gewesen und hat mit schreck­haftem Staunen bemerkt, daß das Grab geöffnet und der Deckstein beiseite gewälzt war. – Da ist sie zurückgelaufen und hat zwei von Jesu Jüngern geholt, Petrus und Johannes; die sind alsbald hingerannt, aber sie fanden nichts als ein leeres Grab. – Ihnen nach ist auch Maria Magdalena wiedergekommen und sie ist geblieben, auch als die andern fortgingen. – Sie weint: das leere Grab vermehrt nur ihren Schmerz; man hat ihren Herrn fortgenommen, und sie weiß nicht, wo der Leichnam geblieben ist. – Jesus war ihr besonderer Wohltäter gewesen, er hatte ihrer Seele aus tiefster Not geholfen – der Evangelist Lukas erzählt, es seien sieben Teufel aus ihr ausgefahren [Lk 8,2] –: kein Wunder, daß sein Tod sie wie ein Keulenschlag traf; kein Wunder auch, daß das Verschwinden seiner Leiche ihr ihre völlige Verlassenheit nur noch grausamer zum Bewußtsein bringt! – Diese Frau weiß um die Wahrheit des Herren­wortes: »In der Welt habt ihr Angst!« [Joh 16,33] Sie weiß, daß ein Leben ohne den Herrn Christus für sie in ihrer Schwachheit und mit ihrer Not einfach nicht zu ertragen ist. – Und so starrt sie in das Grab hinein und findet dort doch nichts als dunkle Trostlosigkeit trotz der hellen Engelsgestalten, von denen der Evangelist schreibt, die vergeblich versuchen, sich ihres Kummers anzunehmen.

Diese Frau nun ist die allererste, die den Trost und die Freude der Osterbotschaft erfährt; ihr zu helfen ist des Auferstandenen erstes Werk.

Das ist überhaupt ein gemeinsamer Zug in all den vielen und im Einzelnen recht verschiede­nen Berichten über die Erscheinungen des Auferstandenen, daß es sich da immer um Men­schen handelt, die bereits ein inneres Verhältnis zu dem Herrn Christus hatten, daß die Oster­gewißheit zu ihnen kommt, während sie selbst in einem Zustand der Trauer oder der Furcht oder gar der Angst stecken. – Die Auferstehung des Herrn ist kein Allerweltsevangelium, das sich jeder zu eigen machen könnte: Wer da meint, mit seinem Leben und Sterben allein fertig werden zu können, wer mit sich und der Welt zufrieden ist oder sich mit einem Kompromiß abgefunden hat, so daß ihn nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann, dem fehlt ein­fach das Aufnahmeorgan, dem fehlen die Augen, die den auferstandenen Herrn sehen könnten, und dem fehlt das Ohr, seine Stimme zu vernehmen. – Für den aber, der nicht mehr weiter weiß, weil ihm der Menschheit Jammer und der eigene auf der Seele brennt, für den, der von der Gottverlassenheit dieser Welt und seines eigenen Daseins zu Boden ge­drückt wird – so wie diese weinende Frau oder wie die Jünger im Bewußtsein ihrer erbärmli­chen Feigheit und ihrer krassen Undankbarkeit gegenüber dem Mann, dem sie ihr Bestes, dem sie Alles verdanken –, für solche Menschen gibt es eine Hoffnung; für sie kann es etwas be­deuten, wenn ihnen die Osterbotschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten gesagt wird: Auch dies Evangelium gilt den Mühseligen und Beladenen [Mt 11,28], und nur ihnen!

Und so mag es wohl sein, daß es nicht vergeblich war und ist, wenn Gott uns in unserer Lage einen starken Eindruck davon gibt, daß diese Welt im Argen liegt [1 Joh 5,19], wie der Apo­stel schreibt, daß ohne seine Hilfe uns keine Möglichkeit bleibt, mit dem Leben fertig zu wer­den, es sei denn um den Preis einer völligen inneren Verhärtung; und das würde ja nur bedeu­ten, daß nicht wir mit dem Leben fertig geworden sind, sondern daß das Leben mit uns fertig geworden ist. – Ich sage: es mag sein, daß wir diese Eindrücke nicht umsonst empfan­gen: Denn, wer das Zutrauen, daß alles schon von selbst zurechtkommen werde, verloren hat, wer in seinem Herzen darüber trauert, daß bei uns Menschen die Bosheit triumphiert und die Güte ans Kreuz geschlagen wird, wer verzweifeln möchte, weil er nirgendwo einen Licht­schimmer entdecken kann, der auf einen kommenden neuen und besseren Morgen für uns und die ganze Menschheit hoffen ließe, dem ist der auferstandene Herr vielleicht näher, als er selber es ahnt, wenn er ihn auch noch nicht sieht und seine Stimme noch nicht erkennt!

Jedenfalls geht es der weinenden Frau im Evangelium so: sie weiß nur noch von Kummer und Leid, sie sieht nichts als ein dunkles, leeres Grab, und auf die Frage, was nun aus ihr werden soll ohne ihren Herrn und Meister, hat sie keine Antwort. – Und derweilen steht Jesus selber hinter ihr, und sie ahnt es nicht. – Als sie sich dann aber in ihrer suchenden Ratlosigkeit um­schaut und ihn erblickt, da erkennt sie ihn nicht, sondern hält ihn für den Friedhofswärter. – Ja, selbst als er sie anspricht und sie nach ihrem Kummer fragt, geht ihr noch kein Licht auf, sondern nur ein winziges Hoffnungsfünkchen, dieser Mann möchte ihr am Ende sagen kön­nen, was mit dem geliebten Toten geschehen ist: »Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen!«

Das eigenartige und seltsame Helldunkel, in dem sich diese Begegnungsszene abspielt, finden wir auch sonst in fast allen österlichen Erscheinungsberichten: die engsten Freunde und Be­kannten haben den Auferstandenen nicht gleich erkannt, sondern blieben im Unklaren dar­über, wen sie vor sich hatten, bis Christus selber ihnen sagte oder zu verstehen gab: »Ich bin’s!«

Die Emmausjünger wanderten und sprachen mit ihm wohl eine Stunde lang oder mehr, und weder seine Gestalt noch seine Stimme verrieten ihnen, wer ihr Mitwanderer war [Lk 24,13-35]; und Thomas kann nicht eher glauben, daß er den auferstandenen Jesus vor sich hat, als bis er die Finger in seine Nägelmale und die Hand in seine Seite gelegt hat. [Joh 20,24-28]

Ein Geheimnis waltet auch über seinem Kommen und Gehen: unvermittelt steht er da, und ebenso unvermittelt entschwindet er wieder; es hat sogar den Anschein, daß er an verschie­denen Orten gleichzeitig gesehen wird.

Bei diesem Sachverhalt ist es begreiflich, daß es einfach unmöglich ist, die verschiedenen Auferstehungs- und Erscheinungsberichte der Apostel und Evangelisten zu einer wider­spruchslosen Einheit zusammenzuordnen, was z. B. bei der Leidensgeschichte gar nicht so schwierig ist; die Auferstehung Jesu ist eben im Unterschied zu seinem Leiden und Sterben nicht das, was wir ein »historisches Ereignis« nennen: kein ungläubiges Auge hat den Auferstandenen geschaut, kein kritischer Betrachter hat ihn gesehen, und so ist der Beweis einfach nicht zu führen, daß die Auferstehung des Herrn eine Tatsache ist. – Sie kann nur bezeugt werden, und dann können wir sie im Glauben annehmen oder im Unglauben ablehnen, genau so wie das »für euch zur Vergebung der Sün­den«, womit der Herr uns den Sinn seines Sterbens gedeutet hat. – Damit ehrt Gott unsere Freiheit als persönliches Wesen: er vergewaltigt uns nicht und zwingt niemanden zum Glau­ben und zum Gehorsam, sondern er stellt uns die Entscheidung frei! – Wäre die Auferstehung beweisbar, dann stünden wir unter dem Zwang, sie anerkennen zu müssen; denn dem Beweis gegenüber gibt es kein Nein! – Wir aber sollen uns selber entscheiden, und zu dieser Entschei­dung, die unsere ganz persönliche und ganz private Sache bleibt, werden wir durch das Selbst­zeugnis Jesu und durch das Zeugnis seiner Jünger und Apostel aufgerufen. – Nun heißt es: glauben oder nicht glauben.

So will es verstanden sein, daß der auferstandene Herr sich nicht unmittelbar zu erkennen gibt, sondern sich nur so weit bezeugt, daß es bei uns zu einer Glaubensentscheidung kommen kann.

Für die trauernde und weinende Maria genügt dazu ein einziges Wort, das Jesus an sie richtet: er ruft sie bei ihrem Namen »Maria«. – Da fährt die Frau herum; – denn sie hat aus diesem einen Wort alles herausgehört, was ihr zu hören nottut »Ja, ich bin’s, sagt ihr diese Stimme, ich kenne dich und habe dich nicht verlassen. – Wohl war ich tot, aber der Tod hat mich nicht von dir und dich nicht von mir trennen können; ich bin da als der Lebendige und lasse dich nicht im Stich; meine Hand wird dich weiter halten und führen, daß alle Teufel dir nichts werden anhaben können; denn du bist und bleibst mein! Glaubst du mir das? Glaubst du an mich?«

Und Maria antwortet, ebenfalls mit einem einzigen Wort: »Rabbuni« – »mein Meister«, und in dem einen Wort liegt ihr ganzes Glaubensbekenntnis: »Jawohl, ich glaube dir, ich glaube deiner Zusage: du hast den Tod überwunden und bist der Lebendige in Ewigkeit. Du bist mir nahe und wirst mich führen, und niemand kann mich aus deiner Hand reißen. [Joh 10,28] – Ich war töricht, zu trauern und zu weinen und den Lebendigen bei den Toten zu suchen; ich war blind und taub, nun aber weiß und glaube ich’s, daß mein Erlöser lebt [Hi 19,25], daß du lebst!« – So kommt Maria als erste zum Glauben an den Auferstandenen.

Die Umstände, unter denen wir zur Glaubensentscheidung gerufen werden, sind bunt und mannigfaltig wie das menschliche Leben überhaupt; Gott führt da einen jeden von uns seinen besonderen Weg, um unser Herz für seinen Ruf empfänglich zu machen, den einen in die Stille einer Krankheit, den andern in die Einsamkeit der Gefangenschaft, den einen an ein Grab, den andern vor die rauchenden Trümmer seiner irdischen Habe. – Aber allemal steht der Herr Christus hinter uns, wenn wir nach Hilfe und Trost Umschau halten, und er ruft uns bei unserm Namen wie die Maria und er erinnert uns daran, daß er uns kein Unbekannter ist: »Hast du mich vergessen und bist doch auf meinen Namen getauft?! Ich bin’s, der sein Leben am Kreuze dahingab, und siehe, ich bin der Lebendige, gestern und heute und in alle Ewigkeit derselbige [Hebr 13,8]. – Und ich rede mit dir, jetzt und hier, und ich will dich den rechten Weg führen. Nun steht die Entscheidung bei dir: willst du dich von mir führen, von mir stra­fen, zurechtweisen, warnen, locken und trösten lassen? Oder willst du dein eigener Herr und Gott sein? – Das aber sollst du wissen: für dich ging ich in den Tod, und für dich bin ich da als der Lebendige!«

Wir können uns diesem Ruf versagen, gezwungen werden wir nicht; wir können zur Antwort geben: »Du bist ja nur ein Mythos und in Wirklichkeit seit zweitausend Jahren tot. – Ich ziehe es vor, meinen eigenen Weg zu gehen!« – Und dann müssen wir eben sehen, wie weit und wohin wir damit kommen. – Aber das ist nun unsere ganz persönliche Entscheidung, die uns niemand abnehmen kann, ob wir wahrhaftig so sprechen können und dürfen, oder ob wir nicht vielmehr bekennen müssen: »Ja, Herr, ich weiß es: dein Wort ist wahr, und der Weg, den du mich führst, ist der rechte. Vergib mir, daß ich eigene Wege gesucht habe und gegangen bin, und nimm mein Leben wieder in deine Hände: Rabbuni, mein Meister, mein Herr und mein Gott!« – Wenn das aus unserm Herzen quillt, wenn wir so sprechen müssen, dann glauben wir an den Herrn Jesus Christus als an den für uns nicht nur Gekreuzigten, sondern auch Aufer­standenen. – Wo wir uns aber anders entscheiden und uns von ihm zu uns selber wenden, da bleibt es sich völlig gleich, ob wir glauben, Jesus sei von den Toten auferstanden, oder ob wir meinen, man hätte seine Leiche auf irgend eine Weise beiseite geschafft; das sind dann ledig­lich Ansichtssachen, die zu keinerlei persönlicher Entscheidung für uns und unser Leben füh­ren.

Der auferstandene Herr begegnet uns in seinem Wort und Sakrament; da tritt er an uns heran und läßt uns seine Stimme vernehmen, da tut er sich uns kund als der Lebendige und bleibt doch zugleich verhüllt, daß wir ihn nicht unmittelbar sehen und erkennen, sondern ihn nur im Glauben finden können. – Da ist es wohl zu verstehen, daß wir manchmal – und zumal in Zeiten besonderer Nöte und Prüfungen – uns nach etwas noch Festerem und Gewisserem sehnen: wir möchten sein Antlitz schauen, wie es ist, und möchten die Hand, die uns führt, in unsrer eigenen Hand spüren.

Etwas Ähnliches scheint auch Maria Magdalena empfunden zu haben, als sie in dem ver­meintlichen Gärtner ihren Herrn und Meister erkannt hatte: sie will auf ihn zustürzen, will seine Knie umfassen, will sich überzeugen, so daß kein Zweifel mehr möglich ist, daß er es wirklich ist und daß sie nicht etwa eine Einbildung ihres sehnsuchtskranken Herzens sieht. – Aber sie kommt gar nicht einmal dazu, einen Schritt vorwärts zu tun; der Herr verwehrt es ihr: »Rühre mich nicht an!« – Ein seltsames Wort, wenn wir daran denken, daß derselbe Herr nach dem Bericht desselben Evangelisten seinem Jünger Thomas einen solchen Wunsch erfüllt, ja, ihn ausdrücklich auffordert: »Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her, und lege sie in meine Seite!« [Joh 20,27] – Und ähnlich lesen wir bei Lukas von der ersten Erscheinung Jesu vor den versammelten Jüngern: sie meinen in ihrem Schre­cken, sie sähen ein Gespenst, und da spricht er zu ihnen: »Sehet meine Hände und meine Füße; ich bin’s selber. Fühlet mich an und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe!« [Lk 24,39]

Der Herr Christus verfährt ganz individuell, wo er einen Menschen vor die Glaubensfrage stellt: er mutet keinem mehr zu, als er bewältigen kann; er gibt aber auch keinem mehr, als ihm gut und heilsam ist. – Für Maria genügt das eine Wort; nun wird die Kraft ihrer Liebe das Gedächtnis an diese eine Begegnung festhalten und damit auch den Glauben. – Thomas, der ehrliche Zweifler, hat einen schwereren Weg und bekommt darum auch eine stärkere Hilfe, und ähnlich ist es bei der verschüchterten Jüngerschar, die sich in ihrer Angst vor den Juden nur hinter verschlossenen Türen zu versammeln getraute. – Aber schließlich werden sie alle wieder ganz und gar auf den Glauben gestellt, keinem einzigen bleibt eine handgreifliche und sinnenfällige Gewißheit von der Auferstehung des Herrn: die Erscheinungen hören auf, der Herr Christus kehrt heim zu seinem himmlischen Vater, und erst für die Zeit seines Wieder­kommens in Kraft und Herrlichkeit wird seinen Gläubigen die vollkommene Vereinigung mit ihm verheißen, wo dann der Glaube zum Schauen wird, die Hoffnung sich in Erfüllung verwandelt, und nur die Liebe unverändert bleibt in alle Ewigkeit.

Dies »Rühre mich nicht an!«, das Jesus zu der Maria sagt, gilt auch für uns; wir bekommen keine handgreifliche Gewißheit, daß unser Heiland lebt, und mit leiblichen Erscheinungen des Auferstandenen haben wir nicht zu rechnen. Wir sind ganz auf den Glauben gestellt und fin­den unsern Herrn nur in der verhüllenden Offenbarung von Wort und Sakrament. – Der Herr gibt auch uns nicht mehr, als uns gut ist. Aber auch dessen dürfen wir gewiß sein, daß er uns nicht mehr zumutet, als wir tragen können. – So bleibt in unserm Glauben immer eine Sehn­sucht und eine Hoffnung, die vorwärts und aufwärts weisen; aber unsere Sehnsucht ist ohne Furcht und unsre Hoffnung ohne Zweifel; der Auferstandene grüßt uns, die wir an ihn glau­ben, als seine Brüder, und er läßt uns seinen himmlischen Vater, zu dem er heimkehrt, als unsern Vater verkündigen; und nun ist das die Frucht seines Sterbens und seiner Auferwe­ckung, daß sich vor uns ein Weg auftut, ein Weg heraus aus dieser Erdenwelt der Sünde und des Todes, ein Weg hinein in die ewige Gotteswelt des Friedens und des Lebens: »Gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.«

Ein Allerweltsevangelium ist die Osterbotschaft nicht; zunächst und im Grunde ist sie eine ganz persönliche Frage an einen jeden Einzelnen unter uns: Suchst du den Mann, der am Kar­freitag sein Leben am Kreuz aushauchte? Brauchst du ihn, um Frieden für dein unruhvolles Herz zu finden? – Dann sei getrost: er liegt nicht im Grabe, sein Grab ist leer; er aber lebt und ist dir nahe, und er will dein Herr und Meister, dein Heiland und König sein, wenn du an ihn glaubst: »er ist auferstanden!« – Aber diese Botschaft bleibt nicht im Verborgenen, sie wird weitergegeben, und wo ihre Verkündigung Glauben findet, offene Ohren und empfängliche Herzen, da entsteht die Gemeinde dieses lebendigen Herrn, und sie ist es, die den Jubelruf weiterträgt: »Der Herr ist auferstanden!« Und diese Gemeinde weiß, daß der Herr Christus, der jetzt ein heimliches und vor der Welt verborgenes Regiment führt, in Wahrheit kommen wird, um alles neu werden zu lassen: »Siehe ich mache alles neu!« [Offb 21,5] – Und es wird der Frühling draußen und alles, was es in dieser Todeswelt noch an Schönheit und Leben gibt, für uns, die wir den Auferstandenen kennen, zum Gleichnis dafür, daß unser Herr lebt und daß wir um seinetwillen eine frohe und lebendige Hoffnung haben:

Du wirst dein herrlich Werk vollenden,
der du der Welten Heil und Richter bist;
du wirst der Menschheit Jammer wenden,
so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.
Drum hört der Glaub nicht auf, zu dir zu flehn:
du tust doch über Bitten und Verstehn!

Amen.

Gehalten am Ostermontag, 2. April 1945 im Konzentrationslager Dachau.

Quelle: Martin Niemöller, „… zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn!“ Sechs Dachau­er Predigten, München: Chr. Kaiser 1946, S. 53-63.

Hier die Predigt als pdf.

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