Martin Luthers Auslegung des 82. Psalms (vollständiger Text): „Wo keine Obrigkeit ist oder wo sie ohne Ehre ist, da kann auch kein Friede sein. Wo kein Friede ist, da bleibt auch keine Nahrung und kann niemand vor des andern Frevel Diebe­rei Räuberei Gewalt und Untugend das Leben oder sonst etwas behalten.“

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George Grosz – Seid untertan der Obrigkeit (Blatt 2 der Mappe „Hintergrund“. 1928, Manultiefdruck, 13,4 x 23 cm)

Psalm 82 ist für Martin Luther neben Psalm 127 einer der biblische Schlüsseltexte zur politischen Ethik. Bevor Luther im Hinblick auf den Augsburg Reichstag 1530 auf die Veste Coburg zog, hatte er wohl seine literarische Auslegung noch in Wittenberg vollendet und bei Nickel Schirlenz zum Druck gebracht. In seiner Vorrede schreibt er:

Vorzeiten, da Päpste Bischöfe Pfaffen und Mönche so sehr im Regiment saßen, daß sie mit kleinen Bannbriefen Könige und Fürsten zwingen und treiben konnten, wohin sie wollten, ohn alles Widersetzen oder Gegenwehr (der Fürsten) – ja, Könige und Fürsten durften keinem Mönch oder Pfaffen ein Haar krümmen, wie gering derselbe Brotwurm auch war – da muß­ten (die Fürsten) leiden, daß ein grober Esel auch auf der Kanzel Könige und Fürsten lächer­lich machen und mit allem Mutwillen seine Lust an ihnen büßen konnte. Und solches mußte den­noch gepredigt heißen und niemand durfte dagegen mucken. Weltliche Obrigkeit lag so ganz und gar unter den geistlichen Riesen und Tyrannen, daß solch lose grobe Leute mit Füßen über sie laufen konnten. So mächtig herrschte der kanonische Satz „Si quis suaden­te“. Außerdem war kein Verständnis noch Unterricht darüber vorhanden, was weltliche Obrigkeit sei und wieweit sie vom geistlichen Regiment geschieden wäre. Daher konnten sich die welt­lichen Herren nirgends an den geistlichen rächen; sie waren ihnen nur über die Maßen feind und redeten ihnen übel nach und, wo sie konnten, übten sie heimliche Tücken gegen sie oder sahen durch die Finger, wenns andere taten.

Nu aber, da das Evangelium an den Tag gekommen ist und klar unterscheidet zwischen welt­lichem und geistlichem Stande und dazu lehrt, daß weltlicher Stand eine göttliche Ordnung sei, der jedermann gehorchen und Ehre erweisen solle, da sind sie fröhlich worden, daß sie los und frei sind und die geistlichen Tyrannen die Pfeifen einziehen müssen. Nu kehrt sich das Spiel fast um, so daß jetzt wieder Papst Bischöfe Pfaffen und Mönche die Fürsten und Herren und den Adel fürchten und ehren, ihnen geben und schenken, ihnen fasten und feiern und sie fast wie ihre Götter anbeten müssen. O, das kitzelt sie so sehr, daß sie nu schier nicht wissen, wie mutwillig sie solche Gnade und Freiheit mißbrauchen wollen. Und doch verfolgen sie derweil das Evangelium, durch welches sie solche Götter und Herren über die Geistlichen geworden sind (und erwecken dadurch den) Schein, als wollten sie den geistlichen Stand schützen und verteidigen. Aber weh des Schutzes, der die Geistlichen so teuer kommt, daß ihnen Leib und Leben drüber weh tut, wiewohl ihnen (damit) recht geschieht.

Außerdem, damit sie dem Evangelium noch mehr Dank erzeigen, wollen sie hinfort auch nicht leiden, daß das dasselbe ihre Untugend und ihren Mutwillen strafen soll, Sie haben dafür ein neues Fündlein aufgebracht und geben vor, wer sie strafe, der sei aufrührerisch und lehne sich wider die von Gott geordnete Obrigkeit auf und rede gegen ihre Ehre. Nachdem sie also von der geistlichen Tyrannei los sind und von derselben nicht mehr gestraft werden können, wollen sie nu auch vom Evangelium, das sie frei gemacht hat, los und ungestraft sein und endlich dahin kommen, daß sie ungehindert und ungestraft, ohne Scheu und Furcht, dazu mit Ehre und Ruhm alles tun können, was sie gelüstet, auf daß aus ihnen werde das edle löbli­che Volk, von dem Sankt Petrus (2.Petr. 3,3) sagt: es werden zur letzten Zeit kommen Spötter, die nach ihren Mutwillen leben und tun, was ihnen gefällt. Solches geht jetzt mit Gewalt da­her. Solche Junkerlein waren bei dem jüdischen Volk auch, wie dieser 82. Psalm anzeigt. Die hatten auch den Spruch Moses für sich (2.Mose 22,8f.), in dem er die Oberherren und Richter Götter heißt und spricht: wenn eine Sache nicht kann entschieden werden, soll man beide Tei­le vor die Götter d.h. vor die Richter bringen. Diesen Spruch machten sie zum Schanddeckel und zum Schutz ihrer Untugend wider die Prediger und Propheten und wollten von ihnen un­gestraft sein, brüsteten sich wider ihre Strafe und Predigt und stießen sie mit diesem Spruch vor dem Kopf: willst du uns strafen und lehren? weißt du nicht, daß uns Mose Götter heißt? du bist ein Aufrührer, redest wider Gottes Ordnung und trittst unsrer Ehre zu nahe, du sollst uns zuhören, von uns lernen und dich von uns strafen lasten, halt das Maul oder du mußt bren­nen! Gleichermaßen sprechen dieselben Junker auch im 12. Psalm (Ps. 12,5): uns gebührt zu reden, wer ists, der unser Herr sein will? desgleichen im 11. Psalm (Ps. 11,3): was sollte der Gerechte uns tun? und im 4. Psalm (Ps. 4,7): wer ists, der uns Besseres zeigen sollte? Und so vielen andern Stellen, als wollten sie sagen: wir leiden keinen Meister noch Strafer, wir sind die Götter, uns soll man hören. Wider solche Junker ist dieser Psalm gemacht und spricht:

1 Gott steht in der Gemeine Gottes und ist Richter unter den Göttern.

Er bekennt und leugnet nicht, daß sie Götter sind, will nicht aufrührerisch sein noch ihre Ehre oder Gewalt schwächen, wie die ungehorsamen aufrührerischen Leute oder wie die tollen Hei­ligen Ketzer und Schwärmer tun, sondern macht einen rechten Unterschied zwischen Gottes Gewalt und ihrer Gewalt. Über Menschen will er sie Götter sein lassen, aber nicht über Gott selbst, als wollt er sagen: es ist wahr, über uns alle seid ihr Götter, aber nicht über unser aller Gott. Denn Gott, der euch zu Göttern gesetzt hat, will sich natürlich ausgenommen und seine Gottheit eurer Gottheit nicht unterworfen haben. Er läßt euch nicht darum Götter sein, daß er deswegen nicht mehr Gott bleiben sollte, sondern er will Obergott, ein Richter über alle Göt­ter bleiben.

Mose nennt sie aber Götter aus dem Grund, weil alle Ämter der Obrigkeit vom Geringsten an bis zum höchsten Gottes Ordnung sind, wie Sankt Paulus Röm. 15 lehrt und der König Josa­phat (2.Chr. 19,6) zu seinen Amtleuten sagt: sehet zu und richtet recht, denn das Gericht ist Gottes. Weil es nu nicht aus menschlichem Willen oder Vornehmen kommt, sondern Gott selbst alle Obrigkeit setzt und erhält und, wo er nicht mehr hält, alles dahinfällt, wenngleich alle Welt dran hielte, darum heißt es billig ein göttlich Ding, göttliche Ordnung und werden solche Personen auch billig göttisch, göttlich oder Götter genannt, besonders, wenn zum Einsetzen auch noch göttlich Wort und Befehl dazukommt, wie im Volk Israel die Priester Fürsten und Könige durch mündlichen Befehl und (mündliches) Wort Gottes bestellt wurden. Daraus sehen wir wohl, wie hoch und herrlich Gott die Obrigkeit gehalten haben will und daß man ihnen als seinen Amtleuten gleichwie ihm selber Gehorsam und untertan sein soll mit Furcht und allen Ehren. Denn wer will sich wider die setzen oder ungehorsam sein und die verachten, die Gott selbst mit seinem Namen nennt und Götter heißt und an die er seine Ehre hängt, sodaß, wer sie verachtet, ihnen ungehorsam ist oder sich wider sie setzt, sich zugleich wider den rechten obersten Gott setzt, ihn verachtet und ihm ungehorsam ist, der in ihnen ist und durch sie redet und richtet; und ihr Urteil nennt er sein Urteil. Was sie daran gewinnen, zeigt Paulus Röm. 13 an und weist auch die Erfahrung reichlich aus.

Und das alles ist darum geschrieben, weil Gott unter Adams Kindern Friede stiften und erhal­ten will, ihnen selbst zugut, wie Paulus Röm. 13(,4) spricht: sie ist Gottes Dienerin dir zugut. Denn wo keine Obrigkeit ist oder wo sie ohne Ehre ist, da kann auch kein Friede sein. Wo kein Friede ist, da bleibt auch keine Nahrung und kann niemand vor des andern Frevel Diebe­rei Räuberei Gewalt und Untugend das Leben oder sonst etwas behalten. Noch viel weniger wird da Raum bleiben, Gottes Wort zu ehren und die Kinder zu Gottesfurcht und zur Zucht zu ziehen. Weil denn Gott die Welt nicht wüst und leer haben will, sondern sie geschaf­fen hat, daß Menschen darauf wohnen und das Land bearbeiten und füllen sollen, wie 1.Mos. 1(,26ff.) steht, und solches alles nicht geschehen kann, wo kein Friede ist, ist er gezwungen als ein Schöpfer, sein eigen Geschöpf Werk und Ordnung zu erhalten und darum Obrigkeit einzuset­zen und zu erhalten und ihr das Schwert und Gesetz zu befehlen, damit sie alle, die ihr nicht gehorchen, töten und strafen soll, weil dieselben auch wider Gott und seine Ordnung streben und des Lebens nicht wert sind.

Aber gleichwie er auf dieser Seite dem Unfrieden des Pöbels wehrt und ihn darum unter Schwert und Gesetz wirft, so wehrt er auch auf der andern der Obrigkeit, daß sie solche Maje­stät und Gewalt nicht zu ihrem Mutwillen, sondern zum Frieden gebrauchen soll, für den sie von ihm gestiftet und erhalten wird. Trotzdem will er dem Pöbel nicht erlauben, die Faust wider sie aufzuheben oder zum Schwert zu greifen, als dürfte er die Obrigkeit strafen und richten. Nein, das soll er lasten, Gott wills nicht und hats ihm nicht befohlen. Darum soll er nicht selber Richter sein und sich nicht selber rächen oder mit Frevel und Gewalt fahren, son­dern er selbst, Gott, will die böse Obrigkeit strafen und der Obrigkeit Gesetz und Recht setzen und stellen. Er will über sie Richter und Meister sein. Er will sie wohl finden, bester als sie sonst jemand finden kann, wie er denn bisher von der Welt Anfang an getan hat.

Das ists, was dieser erste Vers sagt: Gott steht in der Gemeine Gottes und ist Richter unter den Göttern. Als wollt er sagen: niemand unterwinde sich, die Götter zu richten, zu strafen und zu meistern, sondern sei stille, halte Friede, sei gehorsam und leide. Wiederum aber, die Götter sollen auch nicht stolz und mutwillig sein, denn sie sind nicht so Götter über dem Pö­bel und Oberherren über die Gemeine, als wären sie es allein und könnten machen, was sie wollten. Nein, nicht so, sondern Gott selbst ist auch da und will sie richten strafen und mei­stern, und wo sie nicht gehorchen, sollen sie nicht entlaufen. Er steht in seiner Gemeine, denn die Gemeine ist auch sein und ebenso: er richtet die Götter, denn die Obrigkeit ist auch sein. Weil sie denn beide sein sind, nimmt er sich billig beider an und will von beiden angesehen und gefürchtet sein, auf daß die Gemeine um Gottes willen der Obrigkeit gehorsam sei und wiederum die Obrigkeit auch um Gottes willen Recht und Friede handhabe und es also in diesem Leben fein zugehe in Gottesfurcht und Gehorsam. Wenn aber nicht jeder Teil das Sein tun will, sondern die Gemeine ungehorsam und die Obrigkeit mutwillig ist, sollen sie beide vor Gott des Todes schuldig sein und gestraft werden, die Gemeine durch die Obrigkeit, die Obrigkeit durch Gott, der die Gewältigen vom Stuhl setzen und ihre Wurzel mit Namen und Gedächtnis ausrotten kann, wie die Exempel wohl anzeigen.

Hier der vollständige Text als pdf.

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