Martin Luthers Auslegung des 82. Psalms (vollständiger Text): „Wo keine Obrigkeit ist oder wo sie ohne Ehre ist, da kann auch kein Friede sein. Wo kein Friede ist, da bleibt auch keine Nahrung und kann niemand vor des andern Frevel Diebe­rei Räuberei Gewalt und Untugend das Leben oder sonst etwas behalten.“

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George Grosz – Seid untertan der Obrigkeit (Blatt 2 der Mappe „Hintergrund“. 1928, Manultiefdruck, 13,4 x 23 cm)

Psalm 82 ist für Martin Luther neben Psalm 101 und Psalm 127 einer der biblische Schlüsseltexte zur politischen Ethik. Bevor Luther im Hinblick auf den Augsburg Reichstag 1530 auf die Veste Coburg zog, hatte er wohl seine literarische Auslegung noch in Wittenberg vollendet und bei Nickel Schirlenz zum Druck gebracht.

Der 82. Psalm ausgelegt (1530)

Von Martin Luther

Ein Psalm Asaphs.
Gott stehet in der Gemeine Gottes
und ist Richter unter Göttern.
2 Wie lange wollt ihr Unrecht richten
und die Person der Gottlosen vorziehen? Sela.
3 Schaffet Recht dem Armen und dem Waisen
und helfet dem Elenden und (Be)dürftigen zum Recht.
4. Errettet den Geringen und Armen
und erlöset ihn aus der Gottlosen Gewalt.
5 Aber sie lassen sich nicht sagen und achtens nicht,
sie gehen immer hin im Finstern.
Darum müssen alle Grundfesten des Landes fallen.
6 Ich habe wohl gesagt: ihr seid Götter,
und allzumal Kinder des Höchsten.
7 Aber ihr werdet sterben wie Menschen
und wie ein Tyrann zugrund gehen.
8 Gott, mache dich auf und richte das Land,
denn du bist Erbherr über alle Heiden.

Vorrede

Vorzeiten, da Päpste Bischöfe Pfaffen und Mönche so sehr im Regiment saßen, daß sie mit kleinen Bannbriefen Könige und Fürsten zwingen und treiben konnten, wohin sie wollten, ohn alles Widersetzen oder Gegenwehr (der Fürsten) – ja, Könige und Fürsten durften keinem Mönch oder Pfaffen ein Haar krümmen, wie gering derselbe Brotwurm auch war – da muß­ten (die Fürsten) leiden, daß ein grober Esel auch auf der Kanzel Könige und Fürsten lächer­lich machen und mit allem Mutwillen seine Lust an ihnen büßen konnte. Und solches mußte den­noch gepredigt heißen und niemand durfte dagegen mucken. Weltliche Obrigkeit lag so ganz und gar unter den geistlichen Riesen und Tyrannen, daß solch lose grobe Leute mit Füßen über sie laufen konnten. So mächtig herrschte der kanonische Satz „Si quis suaden­te“[1]. Außerdem war kein Verständnis noch Unterricht darüber vorhanden, was weltliche Obrigkeit sei und wieweit sie vom geistlichen Regiment geschieden wäre. Daher konnten sich die welt­lichen Herren nirgends an den geistlichen rächen; sie waren ihnen nur über die Maßen feind und redeten ihnen übel nach und, wo sie konnten, übten sie heimliche Tücken gegen sie oder sahen durch die Finger, wenns andere taten.

Nu aber, da das Evangelium an den Tag gekommen ist und klar unterscheidet zwischen welt­lichem und geistlichem Stande und dazu lehrt, daß weltlicher Stand eine göttliche Ordnung sei, der jedermann gehorchen und Ehre erweisen solle, da sind sie fröhlich worden, daß sie los und frei sind und die geistlichen Tyrannen die Pfeifen einziehen müssen. Nu kehrt sich das Spiel fast um, so daß jetzt wieder Papst Bischöfe Pfaffen und Mönche die Fürsten und Herren und den Adel fürchten und ehren, ihnen geben und schenken, ihnen fasten und feiern und sie fast wie ihre Götter anbeten müssen. O, das kitzelt sie so sehr, daß sie nu schier nicht wissen, wie mutwillig sie solche Gnade und Freiheit mißbrauchen wollen. Und doch verfolgen sie derweil das Evangelium, durch welches sie solche Götter und Herren über die Geistlichen geworden sind (und erwecken dadurch den) Schein, als wollten sie den geistlichen Stand schützen und verteidigen. Aber weh des Schutzes, der die Geistlichen so teuer kommt, daß ihnen Leib und Leben drüber weh tut, wiewohl ihnen (damit) recht geschieht.

Außerdem, damit sie dem Evangelium noch mehr Dank erzeigen, wollen sie hinfort auch nicht leiden, daß das dasselbe ihre Untugend und ihren Mutwillen strafen soll, Sie haben dafür ein neues Fündlein aufgebracht und geben vor, wer sie strafe, der sei aufrührerisch und lehne sich wider die von Gott geordnete Obrigkeit auf und rede gegen ihre Ehre. Nachdem sie also von der geistlichen Tyrannei los sind und von derselben nicht mehr gestraft [467] werden können, wollen sie nu auch vom Evangelium, das sie frei gemacht hat, los und ungestraft sein und endlich dahin kommen, daß sie ungehindert und ungestraft, ohne Scheu und Furcht, dazu mit Ehre und Ruhm alles tun können, was sie gelüstet, auf daß aus ihnen werde das edle löbli­che Volk, von dem Sankt Petrus (2.Petr. 3,3) sagt: es werden zur letzten Zeit kommen Spötter, die nach ihren Mutwillen leben und tun, was ihnen gefällt. Solches geht jetzt mit Gewalt da­her. Solche Junkerlein waren bei dem jüdischen Volk auch, wie dieser 82. Psalm anzeigt. Die hatten auch den Spruch Moses für sich (2.Mose 22,8f.), in dem er die Oberherren und Richter Götter heißt und spricht: wenn eine Sache nicht kann entschieden werden, soll man beide Tei­le vor die Götter d.h. vor die Richter bringen. Diesen Spruch machten sie zum Schanddeckel und zum Schutz ihrer Untugend wider die Prediger und Propheten und wollten von ihnen un­gestraft sein, brüsteten sich wider ihre Strafe und Predigt und stießen sie mit diesem Spruch vor dem Kopf: willst du uns strafen und lehren? weißt du nicht, daß uns Mose Götter heißt? du bist ein Aufrührer, redest wider Gottes Ordnung und trittst unsrer Ehre zu nahe, du sollst uns zuhören, von uns lernen und dich von uns strafen lasten, halt das Maul oder du mußt bren­nen! Gleichermaßen sprechen dieselben Junker auch im 12. Psalm (Ps. 12,5): uns gebührt zu reden, wer ists, der unser Herr sein will? desgleichen im 11. Psalm (Ps. 11,3): was sollte der Gerechte uns tun? und im 4. Psalm (Ps. 4,7): wer ists, der uns Besseres zeigen sollte? Und so vielen andern Stellen, als wollten sie sagen: wir leiden keinen Meister noch Strafer, wir sind die Götter, uns soll man hören. Wider solche Junker ist dieser Psalm gemacht und spricht:

1 Gott steht in der Gemeine Gottes und ist Richter unter den Göttern.

Er bekennt und leugnet nicht, daß sie Götter sind, will nicht aufrührerisch sein noch ihre Ehre oder Gewalt schwächen, wie die ungehorsamen aufrührerischen Leute oder wie die tollen Hei­ligen Ketzer und Schwärmer tun, sondern macht einen rechten Unterschied zwischen Gottes Gewalt und ihrer Gewalt. Über Menschen will er sie Götter sein lassen, aber nicht über Gott selbst, als wollt er sagen: es ist wahr, über uns alle seid ihr Götter, aber nicht über unser aller Gott. Denn Gott, der euch zu Göttern gesetzt hat, will sich natürlich ausgenommen und seine Gottheit eurer Gottheit nicht unterworfen haben. Er läßt euch nicht darum Götter sein, daß er deswegen nicht mehr Gott bleiben sollte, sondern er will Obergott, ein Richter über alle Göt­ter bleiben.

Mose nennt sie aber Götter aus dem Grund, weil alle Ämter der Obrigkeit vom Geringsten an bis zum höchsten Gottes Ordnung sind, wie Sankt Paulus Röm. 15 lehrt und der König Josa­phat (2.Chr. 19,6) zu seinen Amtleuten sagt: sehet zu und richtet recht, denn das Gericht ist Gottes. Weil es nu nicht aus menschlichem Willen oder Vornehmen kommt, sondern Gott selbst alle Obrigkeit setzt und erhält und, wo er nicht mehr hält, alles dahinfällt, wenngleich alle Welt dran hielte, darum heißt es billig ein göttlich Ding, göttliche Ordnung und werden [468] solche Personen auch billig göttisch, göttlich oder Götter genannt, besonders, wenn zum Einsetzen auch noch göttlich Wort und Befehl dazukommt, wie im Volk Israel die Priester Fürsten und Könige durch mündlichen Befehl und (mündliches) Wort Gottes bestellt wurden. Daraus sehen wir wohl, wie hoch und herrlich Gott die Obrigkeit gehalten haben will und daß man ihnen als seinen Amtleuten gleichwie ihm selber Gehorsam und untertan sein soll mit Furcht und allen Ehren. Denn wer will sich wider die setzen oder ungehorsam sein und die verachten, die Gott selbst mit seinem Namen nennt und Götter heißt und an die er seine Ehre hängt, sodaß, wer sie verachtet, ihnen ungehorsam ist oder sich wider sie setzt, sich zugleich wider den rechten obersten Gott setzt, ihn verachtet und ihm ungehorsam ist, der in ihnen ist und durch sie redet und richtet; und ihr Urteil nennt er sein Urteil. Was sie daran gewinnen, zeigt Paulus Röm. 13 an und weist auch die Erfahrung reichlich aus.

Und das alles ist darum geschrieben, weil Gott unter Adams Kindern Friede stiften und erhal­ten will, ihnen selbst zugut, wie Paulus Röm. 13(,4) spricht: sie ist Gottes Dienerin dir zugut. Denn wo keine Obrigkeit ist oder wo sie ohne Ehre ist, da kann auch kein Friede sein. Wo kein Friede ist, da bleibt auch keine Nahrung und kann niemand vor des andern Frevel Diebe­rei Räuberei Gewalt und Untugend das Leben oder sonst etwas behalten. Noch viel weniger wird da Raum bleiben, Gottes Wort zu ehren und die Kinder zu Gottesfurcht und zur Zucht zu ziehen. Weil denn Gott die Welt nicht wüst und leer haben will, sondern sie geschaf­fen hat, daß Menschen darauf wohnen und das Land bearbeiten und füllen sollen, wie 1.Mos. 1(,26ff.) steht, und solches alles nicht geschehen kann, wo kein Friede ist, ist er gezwungen als ein Schöpfer, sein eigen Geschöpf Werk und Ordnung zu erhalten und darum Obrigkeit einzuset­zen und zu erhalten und ihr das Schwert und Gesetz zu befehlen, damit sie alle, die ihr nicht gehorchen, töten und strafen soll, weil dieselben auch wider Gott und seine Ordnung streben und des Lebens nicht wert sind.

Aber gleichwie er auf dieser Seite dem Unfrieden des Pöbels wehrt und ihn darum unter Schwert und Gesetz wirft, so wehrt er auch auf der andern der Obrigkeit, daß sie solche Maje­stät und Gewalt nicht zu ihrem Mutwillen, sondern zum Frieden gebrauchen soll, für den sie von ihm gestiftet und erhalten wird. Trotzdem will er dem Pöbel nicht erlauben, die Faust wider sie aufzuheben oder zum Schwert zu greifen, als dürfte er die Obrigkeit strafen und richten. Nein, das soll er lasten, Gott wills nicht und hats ihm nicht befohlen. Darum soll er nicht selber Richter sein und sich nicht selber rächen oder mit Frevel und Gewalt fahren, son­dern er selbst, Gott, will die böse Obrigkeit strafen und der Obrigkeit Gesetz und Recht setzen und stellen. Er will über sie Richter und Meister sein. Er will sie wohl finden, bester als sie sonst jemand finden kann, wie er denn bisher von der Welt Anfang an getan hat.

Das ists, was dieser erste Vers sagt: Gott steht in der Gemeine Gottes und ist Richter unter den Göttern. Als wollt er sagen: niemand unterwinde sich, die Götter zu richten, zu strafen und zu meistern, sondern sei stille, halte Friede, sei [469] gehorsam und leide. Wiederum aber, die Götter sollen auch nicht stolz und mutwillig sein, denn sie sind nicht so Götter über dem Pö­bel und Oberherren über die Gemeine, als wären sie es allein und könnten machen, was sie wollten. Nein, nicht so, sondern Gott selbst ist auch da und will sie richten strafen und mei­stern, und wo sie nicht gehorchen, sollen sie nicht entlaufen. Er steht in seiner Gemeine, denn die Gemeine ist auch sein und ebenso: er richtet die Götter, denn die Obrigkeit ist auch sein. Weil sie denn beide sein sind, nimmt er sich billig beider an und will von beiden angesehen und gefürchtet sein, auf daß die Gemeine um Gottes willen der Obrigkeit gehorsam sei und wiederum die Obrigkeit auch um Gottes willen Recht und Friede handhabe und es also in diesem Leben fein zugehe in Gottesfurcht und Gehorsam. Wenn aber nicht jeder Teil das Sein tun will, sondern die Gemeine ungehorsam und die Obrigkeit mutwillig ist, sollen sie beide vor Gott des Todes schuldig sein und gestraft werden, die Gemeine durch die Obrigkeit, die Obrigkeit durch Gott, der die Gewältigen vom Stuhl setzen und ihre Wurzel mit Namen und Gedächtnis ausrotten kann, wie die Exempel wohl anzeigen.

Merke, daß er alle Gemeinen oder ordentlichen Versammlungen ‚Gottes Gemeine‘ nennt, weil sie Gottes eigen sind und er sich derselben als seines eigenen Werks annimmt, gleichwie er Jona (3,3) auch Ninive eine Stadt Gottes nennt. Denn er hat alle Gemeinen geschaffen, schafft und bringt sie auch noch zusammen, nährt mehrt segnet und erhält sie, gibt ihnen Acker Wie­sen Vieh Wasser Luft Sonne und Mond und alles, was sie haben, ja Leib und Leben, wie 1.Mos. 1 steht. Denn was haben wir und alle Welt, das wir nicht ohn Unterlaß von ihm neh­men? Aber wiewohl solches die Erfahrung uns lehren sollte, so muß er es doch mit dürren Worten sagen und öffentlich bekennen und rühmen, daß die Gemeinen sein sind. Denn die tolle kluge Vernunft samt allen Weltweisen wissen ganz und gar nicht, daß eine Gemeine Gottes Geschöpf und Ordnung ist, sondern denken nicht anders als, es geschähe zufällig und plumpweise[2], daß sich ein Volk zusammenhält und beieinander wohnt, ebenso wie sich Mör­der Räuber und andere böse Rotten, welche des Teufels Gemeinen sind, zusammentun, um den Frieden und die Ordnung Gottes zu zerstören. Allein die Gläubigen, die aus 1.Mos. 1 den Artikel der Schöpfung wissen, glauben solches, wiewohl auch schwächlich; und ihrer Viele denken und reden nicht so. David aber weiß es sehr wohl, indem er im (Ps. 24,1f.) spricht: die Erde ist des Herrn und die darauf wohnen; denn er hat sie an die Seen gegründet und an die Wasser gebaut. Und sein Sohn Salomo spricht im (Ps. 127,1): wo Gott nicht Haus und Stadt hütet, da bauen und hüten Baumeister und Hüter umsonst. Was sollten nu die Weltwei­sen wissen von himmlischen Dingen, wenn sie das nicht wissen, worin sie leben und schwe­ben? [470]

Weil denn solche Gemeinen Gottes Werk sind, die er täglich schafft nährt und mehrt, daß sie zu Hause sitzen, Kinder zeugen und aufziehen usw., so ist dies Wort erstlich ein großer lieblicher Trost allen, die sich jetzt in solcher Gemeine befinden. Denn sie sind gewiß, daß sich Gott ihrer als seines Werks und Geschöpfs annimmt, für sie sorgt und sie auch behütet und nährt, wie man denn vor Augen und in der Tat sieht. Denn wer könnte eine Kuh oder einen Heller haben oderbehalten, wo Gott nicht gäbe hülfe und hütete? Infolgedessen sollte ein jeglicher sich selbst vermahnen, dankbar zu sein für solch herrliche Freiheit und desto williger und gehorsamer zu sein allem, was ihm von seiner Obrigkeit geboten wird, und froh sein, daß er in solcher Gemeine würdig ist, Brot zu essen und zu leben. Denn dies Wort ‚Got­tes Gemeine‘ ist ein teuer wertes Wort und wer sich darin findet, dem soll dies billig zehnmal lieber sein, als wenn er die römische Bürgerschaft hätte, die doch einmal ein groß herrlich Ding auf Erden war. Aber die Vernunft achtets nicht.

Zum andern aber ist es auch ein schreckliches Drohwort wider die bösen mutwilligen Götter oder Obrigkeiten. Denn sie müssen hier hören, daß sie nicht über Holz und Stein, nicht über Säue und Hunde, von welchen Gott nichts gebietet, sondern über Gottes Gemeine gesetzt sind, und sich fürchten, wider Gott selber zu handeln, wenn sie Unrecht tun. Denn die Ge­meinden sind nicht so ihr eigen wie Söhne und Hunde, welche Gott ihnen frei zu eigen gege­ben hat, sondern er ist auch drinnen und will auch drinnen sein und es soll seine Gemeine heißen. So soll es zu beiden Seiten alles fein in Gottesfurcht und Demut gehen, daß die Unter­tanen Gott ansehen und um seinetwillen gern gehorsam sind und die Obrigkeit auch Gott an­sieht und um seinetwillen Recht und Frieden hält.

Besonders aber sollte solche Furcht und Demut gegeneinander in der Gemeine sein, die nicht allein aus dem Wort 1.Mos. 1 gestiftet und geschaffen, sondern darüber hinaus durch beson­deres Wort Gottes bestätigt und verordnet ist, wie es des Volkes Israel Gemeinen waren, die durch Mose mannigfaltig bestätigt und vor allen andern auserwählt und ausgesondert waren. Von diesen Gemeinen redet auch dieser Psalm hauptsächlich und nennt sie vor allen andern Gottes Gemeinen, weil sie bei allen Propheten sein Erbe Eigentum Königreich und Priester­tum heißen, wiewohl auch in diesen Gottesgemeinen die ärgsten wütendsten Götter und die mutwilligsten und stolzesten aufrührerischen Leute waren, die auf Erden sein konnten. Dies weist dieser Psalm aus und bezeugen die Historien. – Derart sind nu auch unsre Obrigkeiten im Neuen Testament, welche alle über das Wort 1.Mos. 1 hinaus auch durch Christus von neuem mit besonderem Wort bestätigt sind. Denn er spricht Mt. 22(,21): gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und in 1.Petr. (2,13): seid untertan aller menschlichen Ordnung, und Röm. 13(,1): jedermann sei seiner Obrigkeit untertan, und der Sprüche viel mehr. Darum geht dieser Psalm unsere Obrigkeit ebenso an als die der Juden, gleichwie auch alle andere Schrift des Alten Testaments uns ebenso wohl gegeben ist als den Juden. Darum sollten auch in unsern Gemeinen solche Furcht und Demut der Götter und der Untertanen desto reichlicher im Schwang sein. Aber es will wohl [471] auch bei uns bleiben und gehen, wie dieser Psalm singt, der nichts Gutes von den Göttern und ihren Tugenden sagt.

Damit nu denselben stolzen Göttern der Ruhm und Trotz genommen werde, in dem sie mei­nen, es solle sie niemand richten oder strafen, wenn er nicht aufrührerisch heißen wolle, wird ihnen hier ein Pflock davor gesteckt und der Knüttel zum Hund gelegt, damit man sie weid­lich strafen, ihnen getrost zusprechen, hart und scharf drohen kann, wie dieser Psalm tut. Denn er spricht hier: Gott stehet in seiner Gemeine und richtet die Götter d.h. er straft sie. Denn er behält die Oberhand und das Richten über sie und macht sie nicht so zu Göttern, daß er seine Gottheit damit aufhebt und sie machen läßt, was sie wollen, als wären sie allein Gott über Gott, son­dern er will sie seinem Wort unterworfen haben. Das sollen sie hören oder sollen alles Un­glück haben. Es ist genug, daß sie sonst über alle die Obrigkeit haben, aber über Gottes Wort sollen sie sie nicht haben. Denn Gottes Wort stiftet und macht sie zu Göt­tern und wirft alles unter sie. Darum sollen sie nicht über dasselbe, das ihr Einsetzer und Stif­ter ist, fahren, sondern ihm untertan sein und sich durch dasselbe richten strafen schaffen und meistern lassen.

Ja, wo ist aber Gott oder wie werden wir gewiß, daß Gott ist, der so schilt und straft? Antwort: du hörst wohl hier, daß er in der Gemeine steht. Wo seine Gemeine ist, da sollst du ihn finden. Denn daselbst hat er seine Priester und Prediger bestellt, welchen er das Amt befohlen hat, daß sie lehren vermahnen strafen und trösten und summa das Wort Gottes treiben sollen. Wo nu Gottes Wort befohlen ist, da ist Gottes Amt, zu strafen. Wie aber das Wort Gottes in aller Welt und an allen Orten zu predigen befohlen ist, brauche ich hier nicht erzählen. Denn ich meine, man sehe ja die Kirchen und Predigtstühle vor Augen, die alle auf dem Grunde von Mt. 28(,19f.) stehen: geht hin und predigt allen Heiden und lehret sie halten, was ich euch geboten habe. Wollt Gott, daß lauter treue Leute wären, die solch Amt innehaben und das­selbe treulich und lauter aus. richten. Aber leider mißbrauchen sie es so schändlich und schädlich. Doch Mißbrauch zerstört das Amt nicht; das Amt ist doch recht, gleichwie die weltliche Obrigkeit ein recht gut Amt bleibt, obgleich es ein Bube innehat und mißbraucht.

Merk aber, daß ein solcher Prediger, durch welchen Gott die Götter straft, in der Gemeine stehen soll. Stehen soll er d.h. fest und getrost sein und auf. richtig und redlich wider sie handeln. Und in der Gemeine (soll er stehen) d.h. öffentlich frei vor Gott und den Menschen. Damit werden zwei Laster angegriffen. Das erste heißt Untreue. Denn es sind jetzt gar viele Bischöfe und Prediger im Predigtamt, die aber nicht stehen und Gott nicht treulich dienen, sondern lügen oder sonst ihren Scherz damit treiben. Das sind die faulen und unnützen Pre­diger, die den Fürsten und Herren ihre Laster nicht sagen. Etliche, weil sie es gar nicht achten; solche lügen und schnarchen in ihrem Amt, tun nichts, das zu ihrem Amt gehört, nur daß sie wie die Säue den Raum füllen, an dem sonst gute Prediger stehen sollten. Das ist der große Haufe. Etliche aber heucheln und schmeicheln und stärken die bösen Götter in ihrem Mutwil­len, wüten und toben wider das [472] Evangelium, hetzen und reizen ihre Fürsten und Herren, zu lästern und zu morden. Etliche fürchten auch für ihre Haut und sind in Sorge, sie müßten Leib und Gut drüber verlieren. Diese alle stehen nicht und sind Christus nicht treu.

Das andre Laster heißt Afterreden. Solcher Prediger und Laien ist alle Welt und sind alle Win­kel voll, die ihren Göttern d.h. ihren Fürsten und Herren hin und wieder übel nachreden, ihnen fluchen und sie schelten, jedoch nicht frei öffentlich, sondern in Winkeln und bei ihren Rot­ten. Aber damit ist nichts ausgerichtet, sondern nur das Übel ärger gemacht, es dient auch zu nichts als dazu, ein heimlich Feuer anzulegen und die Leute zu Ungehorsam Aufruhr Unfriede und Verachtung der Obrigkeit zu reizen. Aber bist du im Amt und willst du deine Götter nicht öffentlich und unter Augen strafen, wie dein Amt fordert, so laß auch dein heimlich Afterre­den Schelten Richten und Klagen oder du sollst kein gut Jahr haben. Bist du nicht im Amt, so laß das Richten sowohl öffentlich wie heimlich, oder der Teufel ist schon dein Abt und brauchte nicht erst werden. Denn Gott hat heimlich Richten oder Richten ohne Amt verboten Mt. 7(,1) und will von denen, die im Amt und dazu berufen sind, haben, daß sie frei öffentlich ihre Götter strafen und richten sollen.

Darum sagt auch der erste Vers hier weiter: er ist Richter unter den Göttern. Richter ist er und straft die Götter. Aber er tuts als ein Richter, der Befehl und Amt dazu hat, und tuts nicht wie ein Meuchler und Heuchler im Winkel unter den Rotten, sondern unter den Göttern selbst. Er wagts, ihnen frei unter Augen zu sagen. Er spricht nicht: er ist ein Lästerer und Afterredner, sondern: er ist ein Richter unter den Göttern. Merk dies wohl. Denn weil die Oberherren am höchsten sitzen, sieht und hört jedermann ihre Laster und Fehler am allermeisten. Und weil man sie am allermeisten sieht, ist auch kein verbreiteteres Laster als, von den Oberherren übel zu reden. Und solches tut jedermann am allerliebsten, denn er vergißt derweil seine eigene Untugend. Und wenn gleich an ihrem Herrn alle Tugend wäre und sie nur eine (einzige) Un­tugend und (einen einzigen) Fehler wie einen Splitter sehen können, während sie (selber) lau­ter Balken voller Untugend an sich haben, so sieht man doch den Splitter in der Höhe vor allen Tugenden, den Balken in der tiefen Grundsuppe aller Untugend aber sieht man nicht.

Wohlan, so ergibt dieser erste Vers, daß es nicht aufrührerisch ist, die Obrigkeit zu strafen, wenn es nach der hier beschriebenen Weise geschieht d.h. in göttlich befohlenem Amt und durch Gottes Wort frei öffentlich und redlich, sondern es ist eine löbliche edle seltene Tugend und ein besonders großer Gottesdienst, wie der Psalm hier beweist. Es wäre viel mehr aufrüh­rerisch, wenn ein Prediger die Laster der Obrigkeit nicht strafte. Denn damit macht er den Pöbel böse und unwillig und stärkt der Tyrannen Bosheit und macht sich derselben teilhaftig und mitschuldig, worüber Gott zürnen und zur Plage Aufruhr kommen lassen könnte. Wo aber die Herren wie auch der Pöbel und der Pöbel wie auch die Herren gestraft werden, kann keins dem andern etwas vorwerfen, sondern müssen sie beide leiden, (es) für gut nehmen und miteinander zufrieden sein. – Denn das [473] sind giftige und gefährliche Prediger, die nur eine Seite vornehmen. Entweder schelten sie die Herren, um den Pöbel zu kitzeln und den Bauern zu hofieren wie Münzer Karlstadt und andre Schwärmer, oder sie schelten allein den Pöbel, um den Herren zu heucheln und wohlzudienen wie unsre Widersacher. Es gilt vielmehr alle beiden Teile in einen Topf zu hauen und ein Gericht daraus zu machen, dem einen wie dem andern. Denn das Predigtamt ist kein Hofdiener und kein Bauernknecht, es ist Gottes Diener und Knecht, und sein Befehl geht über Herren und Knechte, wie hier der Psalm sagt: er richtet und straft die Götter. Das meint auch das Wörtlein ‚richtet‘, nämlich mit Recht und gerechtem Urteil, wie sichs gebührt und recht ist, nicht nach eigener Gunst oder Ungunst, sondern nach dem Recht d.h. nach Gottes Wort, welches keinen Unterschied noch Ansehen der Person achtet.

2 Wie lange wollt ihr unrecht richten und der Gottlosen Person vorziehen? Sela.

Diese folgenden drei Verse, ja den ganzen Psalm, sollte ein jeder Fürst in seine Kammer, ans Bett, auf den Tisch und auch an seine Kleider malen lassen. Denn hierin findet sich, wie hohe fürstliche adlige Tugend ihr Stand üben kann, so daß wahrhaftig weltliche Obrigkeit nach dem Predigtamt der höchste Gottesdienst und das nützlichste Amt auf Erden ist. Das sollt wahrlich einen Herrn trösten und reizen, seinen Stand mit Freuden zu führen und solche Tugend darin zu üben. Denn wie kann man sie höher preisen als (damit) daß sie Götter heißen und sind und ihre Standes Werke und Tugend nicht allein fürstliche und königliche, auch nicht nur engeli­sche, sondern göttliche Tugenden sind? Wiederum finden sie hier auch, welch ungöttliche unfürstliche unmenschliche und ganz einfach teuflische Untugend sie haben und die schäd­lichsten Leute auf Erden sind, wenn sie solch ihr Amt und ihre Tugend lasten und das Gegen­teil treiben, so daß sie billig nicht Götter, sondern Teufel heißen können, was sie dann auch gewißlich sind, obgleich sie im Amt der Götter sitzen und den (göttlichen) Namen vergeblich führen.

Nu laßt uns ein Stück nach dem andern sehen, welche großen Tugenden sie üben können. Die erste ist die, daß sie den Gottesfürchtigen Recht schaffen und den Gottlosen wehren können, wie er sagt: wie lange wollt ihr unrecht richten und der Gottlosen Person vorziehen? Wer kann aber aufzählen, wie viele reichen Tugenden und Nutzen aus dieser einen ersten Tugend fol­gen? Denn welch größerer Schatz kann im Lande sein, als wenn Gottes Wort geschützt und gehandhabt wird, so daß mans frei lernen und lehren läßt und den Rotten und falschen Lehren nicht Raum gibt und sie nicht wider die gottesfürchtigen Lehrer verteidigt? Daselbst muß ja Gott wohnen wie in seinem eigenen Tempel. Es haben viele Könige und Fürsten große herr­liche Kirchen gestiftet und Tempel gebaut. Aber wenn ein König auch eine Kirche von lauter Gold oder Smaragden und Rubinen bauen könnte, was wäre all solch groß herrlich Ding [474] gegen einen rechten frommen gottesfürchtigen Pfarrherrn oder Prediger? Dersel­be kann vielen tausend Seelen zum ewigen Leben und auch in diesem Leben helfen. Denn er kann sie durchs Wort zu Gott bringen und tüchtige geschickte Leute draus machen, die Gott zu Dienst und Ehre gereichen, dazu der Welt heilsam und nützlich sind. Eine Kirche aber oder ein Tempel kann keinen Menschen so zurichten, ja, sie kann überhaupt nichts helfen, sondern steht da und läßt sich helfen und schmücken.

Wer ist aber der und wo sind die Augen, die solche Tugend an einem Herrn oder Fürsten se­hen können? Es scheint und gleißt nicht und ist scheinbar ein arm gering Ding, einen armen frommen Pfarrherrn zu nähren und zu schützen. Aber eine Marmorkirche zu bauen, golden Kleinod zu schenken, toten Steinen und Holz zu dienen, das gleißt und scheint und heißt königliche fürstliche Tugend. Wohlan, laß scheinen, laß gleißen, indes hat mein ungleißender Pfarrherr die Tugend, daß er Gottes Reich mehrt, den Himmel mit Heiligen füllt, die Hölle plündert, den Teufel beraubt, dem Tode wehrt, der Sünde steuert, darnach die Welt unterrich­tet und tröstet, einen jeglichen in seinem Stand, Frieden und Einigkeit erhält, junges Volk fein aufzieht und allerlei Tugend im Volk pflanzt. Kurzum, er schafft eine neue Welt und baut kein vergängliches elendes Haus, sondern ein ewiges schönes Paradies, in dem Gott selbst gerne wohnt. An solchem allem kann sich ein frommer Fürst und Herr teilhaftig machen, der einen Pfarrherrn nährt oder schützt. Ja, dies ganze Werk und alle seine Früchte sind sein, als hätt ers selbst getan, weil der Pfarrherr ohne seinen Schutz und seine Kost nicht bleiben kann. Darum ist kein Goldberg noch Silberberg in einem Land diesem Schatz zu vergleichen. Aber selig sind die Augen, die solches (er)kennen, ja auch selig die Fäuste, die solches tun.

Die andre Tugend (ist), daß sie den Elenden Waisen und Witwen zum Recht helfen und ihre Sache fördern. Wer kann nun wieder alle Tugenden herzählen, die aus dieser Tugend folgen? Denn diese Tugend umfaßt alle Werke der Gerechtigkeit d.h. daß ein Fürst und Herr oder eine Stadt gute Rechte und Sitten hat und alles fein ordentlich verfaßt ist und drüber gehalten wird in allen Ständen Händeln Handwerken Geschäften Diensten Werken, auf daß es nicht heiße: populus sine lege d.h. ein Volk ohne Recht. Denn wo keine Rechte sind, da gehts über arme Leute Witwen und Waisen her, da ist kein Bauer so gering, er kann eine Schatzung anrichten[3], und dann gilt bei Kaufen Verkaufen Erben Leihen Bezahlen Borgen und dergleichen nichts andres als, wer den andern übers Seil werfen, rauben stehlen und berücken kann. Und das alles geht über die Armen, über Witwen und Waisen am meisten. Wer kann nu hier ausrech­nen, was das für Almosen sind, die ein solcher Herr ohn Unterlaß gibt? Denn hiermit nährt er nicht allein wie oben gesagt, den Pfarrherrn, sondern so viele Untertanen, als er hat, und kann wohl ihrer aller Vater heißen, wie denn auch die frommen Heiden vorzeiten solche frommen Fürsten Landväter und Heilande geheißen haben. – Da siehe nu, welch ein Spital solcher Fürst bauen kann, und braucht [475] weder Stein noch Holz, weder Bauleute noch Stiftungen noch Renten dazu. Es ist freilich an sich selber ein köstlich gut Werk, Spitäler zu stiften und armen Leuten zu helfen. Aber wenn (das Spital) so groß wird, daß ein ganzes Land und be­sonders die rechten Armen dasselbe genießen, dann ist es ein allgemeines rechtes fürstliches, ja ein himmlisches und göttliches Spital. Denn jenes Spital genießen wenig Leute und zuwei­len falsche böse Buben unter Bettlers Namen, aber dies Spital kommt allein den rechten Ar­men zu, nämlich Witwen Waisen Gästen und andern verlassenen Leuten. Dazu erhält es einem Jeden, er sei reich oder nicht reich, seine Nahrung und Güter, so daß er kein Bettler oder armer Mensch wird. Denn wo das Recht nicht erhalten wird, kann keiner vor dem andern etwas behalten und müssen allesamt Bettler werden verderben und untergehen. Und soviele derer sind, die nicht Bettler sind oder Bettler werden, soviele versorgt der Oberherr in diesem Spital. Denn es ist dasselbe Werk und dieselbe Tugend und dasselbe Almosen, wenn man einem hilft, daß er nicht Bettler werden muß, wie wenn man dem gibt und hilft, der ein Bettler geworden ist.

Siehe, wer sieht oder achtet solche Tugend in diesem Stand der Götter und welche Vernunft sucht sie darin? Es scheint und gleißt nicht, darum gilts auch nichts. Aber wenn ein Fürst oder eine Fürstin einmal in ein Spital geht und da den Armen dient und ihnen die Füße wäscht, wie man von Sankt Elisabeth[4] liest und wie in welschen Landen noch heute etliche große Leute tun, das ist ein trefflich Ding, das gleißt und kann die Augen aufsperren und sich rühmen las­sen über alle Tugend! Und es ist wahr, man muß und solls loben als eine große schöne, aber doch als eine menschliche Tugend. Was ist sie aber gegen diese göttliche Tugend, wenn ein Fürst ohn Unterlaß wohl größeren und mehr Dienst tut allen, die arm sind oder sonst arm wer­den müßten? Dies lobt und rühmt niemand, denn niemand kennts und achtete. Darum sagen auch die Heiden, daß Gerechtigkeit eine so schöne Tugend ist, daß weder Sonne noch Mond noch Morgenstern so schön sein können. – Und summa, nach dem Evangelium oder geistli­chen Amt ist auf Erden kein besseres Kleinod, kein größerer Schatz, kein reiches Almo­sen, kein schöneres Stift, kein feineres Gut als Obrigkeit, die das Recht schafft und erhält. Diesel­ben heißen billig Götter, solch große Tugend Nutzen Früchte und gute Werke hat Gott in diesen Stand gelegt. Denn er hat sie nicht umsonst Götter genannt. Er will auch nicht, daß sie ein fauler leerer müßiger Stand sind, indem man allein Ehre Gewalt Wollust oder lauter Ei­gennutz und Mutwillen sucht, sondern er will sie voll großer unzähliger unaussprechlicher guter Werke haben, damit sie mit ihm göttlicher Majestät teilhaftig sein und ihm helfen sollen, lauter göttliche übermenschliche Werke zu tun.

Die dritte Tugend ist, daß sie wider Frevel und Gewalt schützen und schirmen d.h. Frieden schaffen können. Darum haben die Kaiser selbst ihr Amt in diese zwei Stücke geteilt, indem sie sagen, ein Kaiser oder Fürst solle mit Gesetzen [476] und Waffen gerüstet sein. Darum malt man sie auch (so) auf die Urkunden, daß sie ein Buch und ein Schwert in den Händen haben, um anzuzeigen, daß sie sollen Recht und Frieden handhaben. Das Recht ist die Weis­heit. Sie soll das erste unter den zweien sein, denn mit Gewalt ohne Weisheit regieren hat keinen Bestand. Sie haben auch goldene Kronen auf, damit sie erkennen sollen, daß sie von Gott zu Göttern gesetzt und nicht von sich selbst in diesen Stand gekommen sind und daher seine Mithelfer sein sollen. Wer kann aber nu dieser dritten Tugend Nutz und Frommen auf­zählen? Man müßte aufzählen, wozu Friede gut ist und welchen Schaden Unfriede tut. Wer ist aber auf Erden so wohl beredt und so hochgesinnt, daß er sich unterwinden wollte, solches beides aufzuzählen? Denn all das, zu dem Friede gut ist, schafft uns Gott durch solche Götter und allen Schaden, den Unfriede tun kann, verhütet uns Gott durch solche Götter. Nu haben wir ja vom Frieden unser Leib und Leben, Weib und Kind, Haus und Hof, ja alle Gliedmaßen Hände Füße Augen und alle Gesundheit und Freiheit und sitzen sicher in dieser Mauer des Friedens. Es ist wohl ein halbes Himmelreich, wo Friede ist. Wiederum, wenn du gleich des Türken Geld und Gut hattest und säßest im Unfrieden, könnte dir all dein Gut nicht so viel schaffen, daß du einen fröhlichen Bissen und einen ruhigen Trunk Wasser hättest, sondern da ist, wenns wohl gerät, Sorge Furcht und Gefahr allenthalben, und wirds ärger, so ist da lauter Blut Brand Raub und alles Unglück, sodaß Unfriede wohl als eine halbe Hölle oder der Hölle Vorspiel und Anfang zu rechnen ist. Aber der Friede kann dir helfen, daß dir ein Bissen tro­ckenen Brots wie Zucker und ein Trunk Wasser wie Malvasier schmeckt. Aber was mache ich Narr, daß ich des Friedens Nutzen und des Unfriedens Schaden aufzählen will? Ebenso gut könnt ich den Sand am Meer oder das Laub und Gras im Walde zählen. Christus selbst ver­gleicht Mt. 5(,9) den Frieden mit dem Himmelreich und spricht: die Friedsamen sollen Gottes Kinder heißen. Gottes Kinder aber gehören nicht in die Welt, so wenig als der Friede hinein­gehört. Siehe, solche Tugenden liegen alle auch mit Haufen in diesem Stand. Dennoch sieht man sie nicht, denn sie gleißen nicht, sie können vor großer Güte und Fülle nicht gleißen. Aber die leeren losen und nichtigen Werke, die gleißen, die haben das Ansehen.

Denn ich muß hier meiner Mönche und Pfaffen gedenken, die den Ruhm und Namen haben, daß sie mit ihrem Gottesdienst den Himmel tragen. Und sie sind allerdings der große Walfisch Kunz Hildebrand[5], der die Welt auf seinem Schwanz trägt, wie die Bauern sagen. (Aber) was sind sie doch allesamt gegen einen Mann, der in diesem göttlichen Amt lebt. Es sind Braken[6], die auf den Polstern liegen und mit dem Hintern pfeifen oder, daß ich ihnen nicht zu nahe an ihre Ehre rede, sie sind ebenso nützlich in der Welt als der Rost am Eisen. Denn [477] den Nutzen, den der Rost einem Zimmermann an seinem Werkzeug schafft, den schaffen sie in der Welt oder an diesem göttlichen Stand auch. Ja, ich will gleich die allerbesten unter ihnen nehmen, die Einsiedler Hilarion[7] oder Hieronymus und andre mehr, die einen großen Namen von ihrem heiligen einsiedlerischen Leben haben. Wenn Tauschen und Wünschen gelten soll­te, so wollt ich lieber ein frommer Schreiber oder treuer Schösser sein bei dieser Götter einem als dort ein zwiefaltiger Hilarion oder Hieronymus unter den Engeln. Und wenn mein Feder­lein oder Zahlpfennig auch nicht so trefflich gleißen würde vor der Welt als der graue Bart und die runzlige Haut jener (Heiligen), darnach fragte ich nicht viel, wenn ich nur als ein Glied (oder Teilhaber) all dieser göttlichen drei Tugenden der Obrigkeit teilhaftig erfunden würde, von denen wir jetzt geredet haben.

Da siehe nu, was für eine kaiserliche, ja himmlische Burg ein solcher Fürst bauen kann, um seine Untertanen zu schützen. Wohl ists fein und auch nötig, daß man wider die Feinde feste Städte und Schlösser, guten Harnisch und Waffen habe. Aber es ist nichts, wenn mans hier­gegen rechnet, daß ein Fürst eine Friedensburg baut d.h. Lust zum Frieden hat und Frieden bei den Seinen handhabt. Denn das sagen selbst die Römer, die größten Krieger auf Erden, daß Krieg, führen ohne Notwendigkeit mit einem goldenen Hamen[8] fischen heiße: geht er verlo­ren, so kann ihn die Fischerei nicht bezahlen, fängt er aber etwas, so übertreffen die Kosten den Gewinn doch allzuweit. Man darf nicht Krieg anfangen oder darnach streben, er kommt wohl selber allzubald ungebeten. Man halte Frieden, so lang man immer kann – er wird trotz­dem wohl nicht bleiben – wenn man ihn gleich um all das Geld kaufen müßte, das für den Krieg draufgehen oder durch Krieg gewonnen werden könnte. Es erstattet doch immer der Sieg, was durch den Krieg verloren wird.

Siehe, das sind die drei Haupttugenden der Götter, die in diesen drei Versen berührt werden, von welchen eine jede für sich die ganze Welt voll Gut und Heil machen kann. Der erste Vers fordert die erste Tugend, daß die Götter oder Fürsten und Herren vor allen Dingen Gottes Wort ehren und, die dasselbe lehren, fördern sollen und spricht: wie lange wollt ihr unrecht richten und der Gottlosen Person vorziehen? Die gottlosen und falschen Lehrer haben immer großen Schein und Ansehen vor der Vernunft und Welt, wissen sich auch fein bei Herren und beim Pöbel zu stellen, um ihr Gift und ihren Irrtum ja recht zu stärken und auszuarbeiten. Denn, wie St. Paulus zu den Gal.6(,13f.) sagt: ihr Trost und Trotz steht nicht auf Gott, darum müssen sie Menschentrost und -trotz suchen. Das nennt der Vers hier Person vorziehen oder Person ansehen; da erwählt man die Lehre nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Lust an der Person. Dies Laster tadelt auch St. Judas in seiner Epistel (Jud. 16) an den Gottlosen. – Der andre Vers lehrt die andre Tugend, daß sie das Recht setzen und handhaben [478] sollen, damit di« armen elenden Witwen und Waisen nicht unterdrückt werden, sondern zu ihrem Recht kommen und bei ihrem Recht bleiben können, und spricht:

3 Richtet (– schaffet Recht) dem Armen und Waisen und helft dem Elenden und (Be)dürf­tigen zum Recht.

Denn indem er so ausdrücklich sagt, sie sollen zum Recht helfen, gibt er zu verstehen, daß wohl Richter und Gerichte da sind. Aber es geht (bei ihnen) nach Gunst oder Freundschaft, Neid oder Rache so zu, daß gar oft der Recht haben muß, der doch lauter Unrecht hat. – Die dritte Tugend lehrt der nächste Vers, d.h. sie vor Gewalt und Schaden schützen und dem Fre­vel wehren, die Buben strafen und das Schwert über die Bösen gehen lassen sollen, damit Friede im Land erhalten werde, und spricht:

4 Errettet den Geringen und Armen, erlöset ihn von der Gottlosen Hand.

Im vorigen Vers nennt er das Recht, in diesem die Hand, um anzuzeigen, daß er dort vom Unrecht und hier vom Frevel redet. Denn die zwei (Stücke) gehen in der Welt auch (im Schwang), nämlich Unrecht und Gewalt, wie man spricht: er tut mir Gewalt und Unrecht. Unrecht geschieht durchs Urteil und mit dem Mund, Gewalt geschieht mit der Faust und mit Frevel. Allen beiden soll ein Fürst oder Herr steuern.

Das sind nu diese drei Verse, die alle fürstlichen Tugenden umfassen, die man wohl heroische oder ritterliche Tugenden nennen kann. Sonst nennt und preist man sie an Herkules Hektor Achill und andern großen Riesen und Herren, weil sie große Schlachten geschlagen, viele ermordet und ihre Mannheit und Freidigkeit[9] mit Streiten redlich bewiesen haben. Das lassen wir gelten. Aber tu mir hier deine Augen auf und sieh mir den Mann an, der einer dieser Göt­ter ist und dem Unrecht und Frevel zu steuern wagt – von der ersten Tugend der Förderung des Gottesworts will ich ganz schweigen –, sich wider Buben und Schälke setzt, die From­men und Armen schützt und rettet, Zucht und Friede im Land handhabt. Dieser Mann schlägt nicht Hektor oder Achill oder andre große Riesen, sondern noch viel größere ungeheurere Riesen, nämlich alle Teufel mit all ihrer Untugend. Da muß ein Herz sein, das neun Herzen wert ist; da muß auch Treue sein, die über alle Treue geht.

Und daß wir diese drei Verse beschließen: ein solcher Mann soll mit Ehren die drei göttlichen Ämter und Namen haben, daß er helfen nähren und retten und darum ein Heiland Vater und Retter heißen soll. Denn durch die erste Tugend, daß er das Wort Gottes fördert, hilft er vielen zur Seligkeit, daß sie von Sünden und Tod erlöst das Heil erlangen. Durch die andre Tugend, wenn er das Recht handhabt, ernährt er all seine Untertanen wie ein Vater seine Kinder; denn wie gesagt, wo das Recht nicht stünde, behielte niemand etwas vor dem andern. Durch die dritte Tugend, wenn er dem Frevel steuert und die Bösen straft, schützt er die Armen und erhält den Frieden, womit er ein rechter redlicher Retter oder Ritter ist und billig goldne Spo­ren trägt. Denn ich achte, daß Ritter von Retten herkommt und aus dem Wort ‚Retter‘ her-[479]nach Mittel geworden ist, ein rechter feiner Name für Fürsten und Herrn. Denn wir fin­den, daß unsre alten Deutschen den Fürsten und Herren über die Maßen feine Namen gege­ben haben. Z.B. in sächsischer Sprache Ludewig[10] d.h. Zuflucht oder Volksburg; denn ‚Wig‘ ist eine Burg oder Feste, zu der man Zuflucht hat und in die man in der Not (zurück)weichen kann. Desgleichen Heger[11] – denn er soll hegen befrieden schützen und behüten sein Land und seine Leute. Herrmann, den die Lateiner übel verkehren und Ariminius nennen, heißt ein Heermann, ein Herzog im Krieg, der zum Heer und Streit tüchtig ist, um die Seinen zu retten und vornean zu gehen, sein Leib und Leben drüber zu wagen. So haben sie auch vom Retten ihre Oberherren Retter oder Ritter genannt, weil sie ihre Leutlein aus Not errettet haben, und werden also durch ihren Namen an ihr Amt, ihren Stand und besten Tu­gend gemahnt. Solche und dergleichen Namen zu geben hat sie ohne Zweifel das Werk und die Tugend bewogen, die sie an den Fürsten gesehen und erfahren haben.

Solche Tugend sollen sie haben und üben, spricht er. Aber wie gehts? Es findet sich das Widerspiel, und unter den Göttern gehen drei teuflische Untugenden in Schwang. Denn die Welt ist verkehrt und verkehrt alle Gottesgaben und -güter. So tut sie mit diesen drei göttli­chen Ämtern auch. Denn eben die Fürsten und Herren, die das Wort Gottes fördern sollten, wehren verbieten und verfolgens am allermeisten, fördern aber dafür die falschen schädlichen Lehrer, wie wir von den Königen Israels und Judas lesen. König Ahab und seine Königin Jsebel nährten bei achthundert Baalspropheten und verjagten dafür alle Propheten Gottes, so daß auch der eine Elias nicht im Lande bleiben konnte. So ist es bisher geschehen und ge­schieht noch jetzt. Die Welt voll Mönche und Pfaffen hat man können fördern, auch hochhe­ben wie Fürsten und Herren, aber einen Johannes Hus oder Lenhard Kaiser[12] kann man nicht leiden. Da geht dieser Vers mit Gewalt, daß sie unrecht richten d.h. sie mißbrauchen und ver­kehren ihr Amt und ziehen der Gottlosen Person vor d.h. sie fördern die Gottlosen und hin­dern die Gottseligen.

Wer kann aber auch erzählen, welch greuliche Untugend und Schaden ein solcher Fürst oder Herr tut, der damit soviel Seelen in die Hölle jagt und der ewigen Seligkeit beraubt. Er dürfte wohl nicht Gott, sondern müßte Teufel heißen, weil er Gott nicht einen Himmel oder ein Para­dies, sondern dem Beelzebub die Hölle bauen und füllen hilft. Wie gar gering sind eines ge­wöhnlichen Manns oder Weibs Sünden gegen solches Herrn Sünde! Denn was kann ein Dieb Mörder Ehebrecher Böses tun gegenüber dem, was ein solcher Fürst tut? Hier gilt wahr­lich, was man sagt: große Diebe lasten kleine Diebe hängen und große Mörder lasten kleine Mör­der töten. Denn wie man spricht: ein weiser Mann tut keine [480] kleine Torheit. So kann auch ein großer Mann keine kleine Untugend begehen, gleichwie sie auch wiederum keine kleine Weisheit und Tugend begehen können; denn sie sind in einen Stand gesetzt, wo sie lau­ter große Dinge tun müssen, gut oder böse. Wie nun kein größer edler Kleinod auf Erden ist als ein gottesfürchtiger Oberherr, so ist keine schändlichere Plage auf Erden als ein gottlo­ser Oberherr.

So gehts auch mit der andern Tugend, dem Handhaben des Rechts, um den Armen und Wai­sen zu helfen, wie denn die tägliche Erfahrung und die allgemeine Klage wohl bezeugen. Und sonderlich in deutschen Landen gehts (so) fein zu, daß ein Fürst den andern, ein Edelmann den andern, eine Stadt die andre und allesamt einer den andern hindert. Und wenn gleich ein Teil rechtschaffen sein wollte, so kann er vor dem andern nicht dazu kommen und muß Un­recht gehen und geschehen lassen, so daß lauter Trotz und Mutwillen unter Men­schenkindern herrschen, grade als wäre Deutschland ein populus sine lege d.h. ein Volk ohne Gesetz. Und es ist hier schier kein Unterschied unter den Ständen und Ämtern. Ein Fürst ist ein Kaiser. Er ist auch wohl ein Kaufmann und Händler. Desgleichen ein Graf ist Fürst, ein Edelmann ist Graf, ein Bürger ist ein Edelmann, ein Bauer ist Bürger, Knecht ist Herr, Magd ist Frau, Jün­ger ist Meister. Jedermann ist, was er will, und tut, was ihn gelüstet, und hält sich, wie es ihm gefällt. Was dabei dem armen Haufen für Gut und Recht widerfährt, das findet man wohl. Und wer kann auch solche Untugend alle aufzählen oder genugsam beschreiben?

Ebenso verhält sichs mit der dritten Tugend, die Armen zu retten. Es ist keine Strafe noch Zucht, keine Furcht noch Scheu. Allerlei Mutwille unter Bauern und Adligen ist aufs aller­höchste gekommen. Und wo man dagegen redet, werden sie nur desto ärger und tun zu Trotz und Verdruß desto mehr. Denn sie sehen und wissen, daß es ihnen hingeht und ungestraft bleibt. Und es ist setzt fast die Zeit, von der Amos sagt: es ist eine böse Zeit, sodaß auch ein weiser Mann stillschweigen muß (Am. 6,10). Denn wenn man dawider reden will, so stellen sie sich, als sei ihnen damit angezeigt, wie sie es ärger machen können. Wie könnte es noch ärger werden, wenn weder Schweigen noch Reden hilft? Schweigt man, so werden sie von Tag zu Tage ärger. Redet man dawider, so werden sie noch ärger. Da muß dann wohl der Arme und Elende leiden und ungerettet bleiben. Das ist alles der Fürsten und Oberherren Schuld, die solches so haben einreißen lassen, so daß sie nicht mehr wehren, können, auch wenn sie gern wollten. Aber es wird einer kommen, der uns solchen mutwilligen Kitzel ver­treiben und den lieben Jucke! krauen[13] wird gar redlich. Denn es ist zu hoch gekommen, wir machens zuviel, so daß der Sack reißen und der Strick brechen muß. Gott helfe den Seinen! Amen! …[14] [481]

Hie fragt sich’s bei diesen drei Versen, weil die Götter oder Obrigkeit neben den andern Tu­genden sollen Gottes Wort und die Prediger fördern, ob sie auch den widerwärtigen Lehren und Ketzereien sollen wehren und sie strafen, weil man niemand soll noch kann zum Glauben zwingen. Hie ist zu antworten: Erstlich sind etliche Ketzer aufrührerisch, die öffentlich lehren, daß man keine Obrigkeit leiden soll. Item, daß kein Christ möge im Stande der Obrigkeit sit­zen. Item, daß man soll nichts Eigenes haben, sondern von Weib und Kind laufen, Haus und Hof lassen oder alle Dinge gemein halten und haben. Diese sind stracks und ohn’ allen Zwei­fel zu strafen von der Obrigkeit, als die da öffentlich wider die welt1ichen Rechte und Obrig­keit streben (Röm. 13,1f). Denn sie sind nicht allein Kerker, sondern als die Aufrührer greifen sie die Obrigkeit und ihr Regiment und Ordnung an, gleichwie ein Dieb fremdes Gut, ein Mörder fremden Leib und ein Ehebrecher fremden Gemahl antastet, welches alles nicht zu leiden ist.

Zum andern: Wo etliche wollten lehren wider einen öffentlichen Artikel des Glaubens, der klärlich in der Schrift gegründet und in aller Welt geglaubt ist von der ganzen Christenheit, gleich wie die, so man die Kinder lehret im Credo, als, wo jemand lehren wollt’, daß Christus nicht Gott sei, sondern ein schlechter Mensch und gleich wie ein anderer Prophet, wie die Türken und die Wiedertäufer halten, die soll man auch nicht leiden, sondern als die öffentli­chen Lästerer strafen. Denn sie sind auch nicht allein Ketzer, sondern öffentliche Lästerer. Nun ist gewiß die Obrigkeit schuldig, die öffentlichen Lästerer zu strafen, so wie man die straft, die sonst fluchen, schwören, schmähen, lästern, schelten, schänden, verleumden usw. Denn solche Lehrer schänden mit ihrem Lästern Gottes Namen und nehmen dem Nächsten seine Ehre vor der Welt. Ebenso soll die Obrigkeit auch strafen oder doch nicht leiden die, so da lehren, Christus sei nicht für unsre Sünden gestorben, sondern ein jeglicher solle selbst dafür genugtun. Denn das ist auch eine öffentliche Lästerung wider das Evangelium und wider den gemeinen Artikel, da wir im Glauben also beten: „Ich glaube die Vergebung der Siünden“, „… und an Jesum Christ, gestorben, auferstanden usw.“ Item, wer da lehret, daß der Toten Auferstehung und ewiges Leben oder Hölle nichts sei und dergleichen, als die Saddu­zäer und Epikuräer, welcher auch jetzt viel wird unter den großen Klüglingen.

Denn hiemit wird niemand zum Glauben gedrungen; denn er kann dennoch wohl glauben, was er will, allein das Lehren und Lästern wird ihm verboten, womit er Gott und den Christen ihre Lehre und Wort nehmen und solches noch obendrein unter dem Schutz der weltlichen Einrichtungen des christlichen Staates zu ihrem Schaden tun [will]. Er gehe dahin, wo nicht Christen sind, und tue es daselbst. Denn wie ich schon öfter gesagt habe: Wer bei Bürgern sich nähren will, der soll das Stadtrecht halten und dasselbe nicht schänden und schmähen oder sich trollen. Also lesen wir, das; die heiligen Väter im Concilio Niceno taten, sobald sie der Arianer Lehre lesen hörten, zischten sie alle einträchtiglich und wollten sie auch nicht hören noch zur Beweisung oder Verantwortung kommen lassen, sondern verdammten sie flugs ohn’ alles Disputieren als die öffentlichen Läösterer. Moses in seinem Gesetze gebietet auch, solche Lästerer, ja alle falschen Lehrer zu steinigen. Also soll man hie auch nicht viel Disputierens machen, sondern auch unverhört und unverantwortet verdammen solch öffent­liche Lästerung, wie auch Paulus gebietet Titus am Ersten: Man solle einen Ketzer meiden und fahren lassen, wenn er einmal oder zweimal vermahnet ist, und dem Timotheus verbietet er das Wortgezänk und Disputieren, welches nichts tut, denn daß es die Zuhörer verkehret. Denn solche gemeinen Artikel der Christenheit sind bereits genugsam verhöret, bewiesen und beschlossen durch die Schrift und [durch das] Bekenntnis der ganzen gemeinen Christenheit mit viel Wunderzeichen bestätiget, mit viel Bluts der heiligen Märtyrer versiegelt, mit aller Lehrer Büchern bezeugt und verteidigt und bedürfen keines Meisterns und Klügelns mehr.

Zum Dritten: Wo sich’s begibt, daß in einer Pfarre, Stadt oder Herrschaft die Papisten und Lutherischen – wie man sie nennet – gegeneinander schreien und wider einander predigen über etlichen Artikeln, da beide Teile die Schrift für sich haben wollen, wollt’ ich dennoch solchen Zwiespalt nicht gerne leiden. Und meine Lutherischen sollten auch selbst gern abtre­ten und schweigen, wo sie merkten, daß man sie nicht gern höret, wie Christus lehret (Matth. 10,14) am Zehnten, und sich lassen zum Predigen zwingen, wie ich tue. Denn ich gar leicht­lich ablasse, wo man mich nicht hören will, und alle meine Predigten und Schreiben habe ich müssen gedrungen und gezwungen tun. Will oder kann aber vielleicht hie kein Teil um des Amtes willen nicht weichen noch schweigen, so tue die Obrigkeit dazu und verhöre die Sache, und welches Teil nicht bestehet mit der Schrift, dem gebiete man das Stillschwei­gen, wie der große Kaiser Konstantinus tat und ließ durch seinen Landpfleger Probus den Athanasius und Arius gegeneinander verhören und die Sache erkennen. Denn es ist nicht gut, daß man in einer Pfarrei oder Kirchspiel widersprechende Predigt ins Volk lässet gehen; denn es entspringen daraus Rotten, Unfriede, Haß und Neid auch in andern weltlichen Sachen.

Zum Vierten: Wo aber etliche gegeneinander über solchen Artikeln, da beide Teile bekennen, daß nicht die Schrift, sondern alte Gewohnheit oder Menschengesetze neben und außer der Schrift aufgekommen seien, wie z. B. Platten[15], Weihwasser, Würzweihes[16] und dergleichen unnötige Stücke mehr, die weder mit Wunderzeichen noch Märtyrerblut bestätigt sind, da soll man keineswegs solch Gezänk auf der Kanzel leiden, sondern beiden Teilen gebieten, daß sie Frieden haben. Denn was die Schrift nicht hat, darum sollen die Prediger nicht zanken vor dem Volk, sondern sollen die Schrift immer treiben. Denn Liebe und Friede gehet weit über alle Ceremonien, wie S. Paulus auch sagt (Kol. 3,14), daß der Friede solle über alles den Vor­tritt haben, und [es] ist unchristlich, daß Friede und Einigkeit solle den Ceren1onien weichen. Will das nicht helfen, so gebiete man dem zu schweigen, der ohne Schrift auf die Ceremonien als nötig zur Seligkeit dringt und die Gewissen verstricken will.

Was ich aber sage von öffentlichen Predigten, das sage ich viel mehr von Winkelpredigten und heimlichen Ceremonien; denn dieselbigen sind aller Dinge nicht zu leiden. Sonst mag einer bei sich selbst lesen und glauben, was er will. Will er nicht Gott hören, so höre er den Teufel! Aber was gewisse Artikel der Schrift sind, die soll man öffentlich predigen und auch in den Häusern dem Gesinde lesen und lehren. Mit alledem ist niemand zum Glauben ge­zwungen, sondern der Gemeine ist vor den störrischen Köpfen Friede geschafft und den Win­kelpredigern ihre Büberei gesteuert, die unberufen und ungesandt hin und wieder in die Häu­ser schleichen und ihr Gift auslassen, ehe es Pfarrherr oder Obrigkeit erfahren. Das sind die Diebe und Mörder, von denen Christus Johannes am Zehnten (Joh. 10,9) sagt, daß sie in fremde Kirchspiele fallen und in ein fremdes Amt greifen, das ihnen nicht befohlen, sondern verboten ist.

Und ein Bürger ist schuldig, wo solcher Winkelschleicher einer zu ihm kommt, ehe denn er denselbigen höre: oder lehren lässet, daß er’s seiner Obrigkeit ansage und auch dem Pfarr­herrn, des Pfarrkind er ist. Tut er das nicht, so soll er wissen, daß er als ein Ungehorsamer seiner Obrigkeit wider seinen Eid tut und als ein Verächter seines Pfarrherrn, dem er Ehre schuldig ist, wider Gott handelt, dazu selbst schuldig ist und gleich auch mit dem Schleicher ein Dieb und Schalk wird, wie der 50. Psalm (,16ff) sagt von solchen Winkellehrern: „Gott sprach zu dem Gottlosen: Was verkündigest du Meine Rechte und nimmst Meinen Bund in dein Maul, so du doch die Strafe hassest und wirfest Meine Worte hinter dich? Wenn du einen Dieb siehst (d. i. einen Seelendieb, Joh. 10), so läufst du mit ihm und hast teil mit den Ehebre­chern (d. i. mit den Falschgläubigen und Ketzern). Dein Maul lässest du Böses reden, und deine Zunge treibt Falschheit. Du sitzest und redest wider deinen Bruder und verleumdest deiner Mutter Sohn usw.“

Hätte man den Münzer, Karlstadt und ihre Gesellen nicht so lassen schleichen und kriechen in fremde Häuser und Kirchspiele, dahin sie niemand gesandt, auch keinen Befehl hatten, so wäre all das große Unglück wohl unterblieben. Daß aber die Apostel auch zuerst in fremde Häuser gingen und predigten, des hatten sie Befehl und waren dazu verordnet, berufen und gesandt, daß sie an allen Orten sollten predigen, wie Christus sprach: „Gehet hin in ans Weit und predigt allen Kreaturen!“ (Mark. 16,15) Aber darnach hat niemand mehr solchen gemei­nen apostolischen Befehl; sondern ein jeglicher Bischof oder Pfarrherr hat sein bestimmtes Kirchspiel oder Pfarre, welche S. Petrus 1.Petr. 5(,3) auch ‚Cleros‘ heißt, d. i. ‚Teile‘, darum daß einem jeglichen sein Teil Volks befohlen ist, wir S. Paulus Titus (Tit. 1,5) schreibt, darin kein anderer oder Fremder ohne sein Wissen und Willen sich unterstehen soll, seine Pfarr­kinder zu lehren, weder heimlich noch öffentlich. Und soll ihm auch bei Leib und Seele niemand zuhören, sondern [es] ansagen und melden seinem Pfarrherrn oder der Obrigkeit.

Und solches soll man also festhalten, daß auch kein Prediger, wie fromm oder rechtschaffen er sei, unter eines Papisten oder ketzerischen Pfarrherrn Volk zu predigen oder heimlich zu lehren sich unterstehen soll ohne desselbigen Pfarrherr Wissen und Willen; dem: es ist ihm nicht befohlen. Was aber nicht befohlen ist, des soll man lassen anstehen. Wir haben genug zu tun, so wir das Befohlene ausrichten wollen. Es hilft ihnen auch nicht, daß sie vorgeben: Alle Christen sind Priester. Es ist wahr: Alle Christen sind Priester, aber nicht alle [sind] Pfarrher­ren! Denn daneben, daß er Christ und Priester ist, muß er auch ein Amt und befohlen Kirch­spiel haben. Der Beruf und Befehl macht zum Pfarrherrn und Priester, gleich wie ein Bürger oder Laie mag wohl gelehret sein, aber ist drum nicht Doktor, daß er in den Schulen öffentlich lesen dürfte oder sich solchen Amtes unterwinden, er werde denn dazu berufen.

Das habe ich müssen von den Schleichern und Meuchelpredigern, deren jetzt über die Maßen viele sind, anzeigen, zu warnen alle Pfarrherrn und Obrigkeit, daß sie mit Fleiß darauf sehen, dazu ihr Volk vermahnen und gebieten, sich vor solchen Läufern und Buben zu hüten und sie zu meiden als des Teufels gewisse Boten, es sei denn, daß sie gute Kundschaft und Zeugnis bringen ihres Berufs und Befehls von Gott zu dem und dem Werk in dem und dem Kirchspiel. Sonst soll man sie nicht zulassen noch hören, wenn sie gleich das reine Evangelium wollten lehren, ja wenn sie gleich Engel und eitel Gabriele vorn Himmel waren. Denn Gott will nichts aus eigener Wahl oder Andacht, sondern alles aus Befehl und Beruf« getan haben, sonderlich das Predigtamt, wie S. Paulus spricht 2. Petr. 1(,20f): »Das sollt ihr fürs erste wissen: Es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben vom Heiligen Geist“. Darum wollte auch Christus die Teufel nicht lassen reden, da sie doch Ihn als Gottes Sohn ausriefen und die Wahrheit sag­ten. Denn Er wollte solch Exempel ohne Beruf, zu predigen, nicht gestatten. So gedenk’ nun ein jeglicher: Will er predigen oder lehren, so beweise er den Beruf und Befehl, der ihn dazu treibt und zwingt, oder [er] schweige still. Will er nicht, so befehle die Obrigkeit solchen Buben dem rechten Meister, der ‚Meister Hans‘ heißt. Das ist alsdann sein Recht, als der gewißlich im Sinn hat, einen Aufruhr oder noch Ärgeres unter dem Volk anzurichten.

Hie sprichst du vielleicht zu mir: Warum lehrest du denn mit deinen Büchern in aller Welt, so du doch allein zu Wittenberg Prediger bist? Antwort: Ich hab’s nie gern getan, tue es auch noch nicht gern. Ich bin aber in solch Amt erstlich gezwungen und getrieben, da ich Doktor der Heiligen Schrift werden mußte ohne meinen Dank. Da fing ich an als ein Doktor, dazumal von päpstlichem und kaiserlichem Befehl, in einer gemeinen freien hohen Schule, wie einem solchen Doktor nach seinem geschworenen Amt gebührt, vor aller Welt die Schrift auszulegen und jedermann zu lehren, habe auch also, nachdem ich in solch Wesen kommen bin, müssen drinnen bleiben, kann auch noch nicht mit gutem Gewissen zurück oder abblasen, ob mich gleich Papst und Kaiser drüber verbannten. Denn was ich hab’ angefangen als ein Doktor, aus ihrem Befehl gemacht und berufen, muß ich wahrlich bis an mein Ende bekennen und kann nun hinfort nicht schweigen noch aufhören, wie ich wohl gern wollt’ und auch wohl so müde und unlustig bin über der großen unleidlichen Undankbarkeit der Leute. Wiewohl, wenn ich schon kein solcher Doktor wäre, so bin ich dennoch ein berufener Prediger und habe die Mei­nen wohl mögen mit Schriften lehren. Ob nun auch andere solche meine Schriften noch be­gehret und mich drum gebeten haben [oder nicht, so] bin ich’s [doch] schuldig gewesen, zu tun. Denn ich mich damit nirgend selbst eingedrungen noch von jemand begehre: oder gebe­ten, dieselbigen zu lesen, gleich wie andere frömmere Pfarrherren und Prediger Bücher schrei­ben und niemand wehren noch treiben, [sie] zu lesen, und damit auch in aller Welt lehren, und laufen und schleichen doch nicht wie diese losen unberufenen Buben in fremde Ämter ohne Wissen und Willen der Pfarrherren, sondern haben ein gewiß Amt und Befehl, der sie treibt und zwingt. Wollt‘ aber jemand mir weiter einreden, man sollt‘ solche Lästerer nicht strafen noch ihnen wehren, weil wir ja doch die Juden leiden und dulden, die unsern Herrn Christum und Seine Mutter samt allen Heiligen und Christen lästern, beide, mit Lehren und Reden, so antworte ich: Des haben sie auch ihre Strafe, daß sie außer der Christenheit bleiben, dazu in kein weltlich Regiment kommen dürfen. Auch leidet man’s nicht von ihnen, wo sie öffentlich vor den Leuten also lüstern wollten. Viel weniger leidet man von ihnen, daß sie unter den Christen in öffentlichem Predigtamt oder durch Winkelpredigt solches vornehmen, wie diese giftigen Schleicher tun, welche wollen mit ihrem Lästern nirgend schmeißen« denn bei und unter denen, die getauft sind und Christen heißen, wollen dazu nicht wie die Juden untüchtig vor der Welt, sondern [als] die allertüchtigsten gerühmet und geehret sein. Wenn sie aber hin­gingen oder blieben, wo keine Christen sind und [sie] niemand höret, wie die Juden, müßte man sie lassen lüstern den Steinen und Bäumen irgendwo im Walde, ja meinetwegen im Ab­grund des Meeres oder in einem glühenden Backofen.

Weiter wird vielleicht einer wider mich klügeln und vorgeben, daß ich mit solchem Unterricht die Tyrannen, so das Evangelium verfolgen, getrost stärke, Fenster und Tür auftue; denn weil sie unser Evangelium für Ketzerei und Lästerung halten, werden sie sich nun allererst schmü­cken und verwenden, ihr Gewissen und Amt zwinge sie, uns als die Lästerer zu strafen usw. Antwort: Was frag’ ich darnach? Wenn wir nötigen Unterricht sollten um der Tyrannen willen lassen, hätten wir längst schon das ganze Evangelium lassen müssen. Tun sie recht, das wer­den sie wohl finden, da laß ich sie für sorgen. Branchen sie doch ihrer Gewalt auch in weltli­chen Sachen wissentlich aufs allermutwilligste andern zum Schaden und Hindernis. Was ist’s da Wunder, daß sie uns unrecht tun, sintemal sie unsre Lehre wie die Blinden nicht sehen und als die Unsinnigen nicht hören können? Also töteten die Könige Israels die rechten Pro­pheten. Dennoch mußte man das Gebot, die falschen Propheten zu steinigen, nicht aufheben oder ver­bergen. Aber fromme Obrigkeit wird keinen strafen, sie sehe denn, höre, erfahre und wisse gewiß, daß [es] Lästerer sind. Das sei genug hiervon. Wollen wieder zum Psalm grei­fen.

5 Aber sie nehmens nicht wahr und achtens nicht, sondern wandeln im Finstern; davon werden alle Grundfesten des Landes umfallen.

Dieser Vers klagt und sagt, daß die Götter ihr Amt und Tugend leider lasten und das Gegen­teil, nämlich Untugend, treiben. Aber sie sollens auch nicht umsonst getan haben. Er will sie stürzen, daß sie gar weidlich fallen sollen, wiewohl sie sicher sind und es nicht glauben, bis sie es erfahren. Ja, sie spotten wohl drüber, wenn man dies Stück von ihnen sagt: die Grund­festen werden umfallen. Denn sie fühlen, daß sie fest sitzen und Gewalt haben, und heißen, wie der Text selbst sagt, des Landes Grundfeste d.h. Felsen und Steine, auf denen das Land und die Herrschaft steht und ruht. Denn gleichwie Christus in seinem Reich Eckstein Fels und Grundfeste ist, darauf die Kirche gebaut ist und steht, so ist ein jeder Fürst oder Herr seines Landes und Volkes Eckstein Fels und Grundstein, wie denn diese Weise zu reden in der Schrift allgemein gebräuchlich ist, daß man Könige und Fürsten Felsen oder Ecksteine nennt; Jes. (31,9) nennt z.B. den König von Ägypten[17] einen Fels der Leute und dergleichen (mehr). – Er trifft also hier ihren Trotz und spricht mit großem Drohen: und wenn ihr noch so fest sitzt und alle zusammen lauter Felsen und Grundfesten im Lande seid, so will ich euch doch stür­zen und stoßen, daß ihr umfallen und zerscheitern müßt. Und wenn man hierzu die Historien ansieht, so findet sichs mit Haufen, wie Gott die Tyrannen und gottlosen Könige und Herren stürzt wirft schleudert ausrottet und wüst mit ihnen umgeht, um diesen Vers, den sie nicht glauben wollen, wahrzumachen. Lies in den Büchern der Könige und siehe, wie er die Könige Jerobeam Ahab Joram Ahasja ausrottete, desgleichen auch unter den Heiden die Kaiser Julius Nero Domitian[18]. Unsre Zeit gäbe auch Exempel genug, wenn mans bedenken und ansehen wollte, aber man vergißt alles und achtets nicht. Dieser Vers muß ewiglich ein Lügner sein, bis daß sie erfahren, wie gewißlich wahr er ist.

Solch Stürzen verdienen sie, spricht er, damit, daß sie sichs nicht annehmen, es nicht achten und im Finstern wandeln. Das sind die drei oben genannten Untugenden. Die erste ist, daß sie sich der Förderung des Wortes Gottes nicht annehmen. Wenn sie nur haben, was sie wollen, so fragen sie nicht viel darnach, wo Gott und sein Wort bleibt. Will er ein Gott sein und sein Wort fördern, so mag er es selbst tun; sie haben andres zu schaffen als solche ihre Tugend und ihr Amt auszurichten. Sie nehmen sich (des Worts Gottes) so wenig an, daß sie es nicht ein­mal gern hören und lernen, um doch (wenigstens) zu wissen, was es ist. Und was noch ärger ist, sie verfolgens und verdammens unverhört und gehen so leicht, fertig um mit sol­chem Verderben der Seelen und töten und morden die rechten Prediger, als wäre es ein Spiel oder Scherz, die Leute so jämmerlich um Leib und Seele zu bringen. Ja, sie wollen Gott einen Got­tesdienst damit getan haben. – Die andre Untugend ist, daß sie auch das weltliche Regi­ment nicht achten, die [482] Armen und Elenden mit Recht und Schutz zu versehen. Und hierin sind sie nicht allein unachtsam und säumig, sondern plagen auch wohl selber ihre Untertanen mit Gewalt und Unrecht oder sehen durch die Finger, wenn es durch andre geschieht.

Und dennoch darf niemand sagen, daß dies unrecht sei, damit sie nur ja bald zur Strafe reif werden, ihre Bosheit vollenden und das (Sünden-)Register beschließen. – Die dritte (Untu­gend ist,) daß sie im Finstern wandeln und in solch göttlichem Stand und Amt doch nur allein für sich selber leben, gerade als hätten sie die Obrigkeit dazu bekommen, daß sie ihren Nutz und ihre Ehre, ihre Lust und ihren Mutwillen, ihren Stolz und ihre Pracht suchen und treiben, und als wären sie niemand schuldig, zu dienen und zu helfen. Das ist dann ein ganz weltlich finster Leben, wo man nicht weiß, was man tut oder was man tun soll, sondern dahingeht wie die Blinden, die allein nach Gefühl und Tappen sich regieren. So tun diese auch, was sie füh­len und wonach sie gelüstet, und sehen auch nicht weiter, was ihr Amt fordert; darum müssen sie fallen und untergehen.

Nu sollte doch wahrlich ein menschlich Herz gar hoch erschrecken, wenn es hört, welch Ur­teil und welche Rede im Himmel über solche Tyrannen geht. Denn dieser Vers zeigt deutlich genug an, daß sie vor Gott und allen Engeln die Ehre haben, daß man sie für Verächter und Verfolger des Gottesworts, für frevelhafte und untüchtige Oberherren hält, die noch dazu blind sind und im Finstern gehen und in kurzem gestürzt werden sollen. Solcher Rede ist der ganze Himmel voll, und durch diesen Vers wird auch die Erde derselben voll. Sie aber haben sich hiergegen mit einem starken dicken Unglauben gerüstet, der ihnen ein steinernes Herz und einen eisernen Kopf verschafft, so daß sie solcher Reden nicht achten und mit Trotz und Stolz ihr Urteil erwarten. Wohlan, so lasse man sie auch immer dem Teufel zu fahren, weil sie ja nicht anders wollen.

6 Ich habe gesagt: ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten.

Da stehts, daß sie Götter sind und heißen, wessen sie sich denn auch gar getrost überheben und auf solche ihre Gewalt trotzen und pochen. Er bekennt, daß sie Götter sind und Gewalt haben. Und daö ist auch wahr. Aber das ist schändlich, daß sie nicht erkennen, von wem sie es haben, sondern damit verfahren, als hätten sie es von sich selber und könnten damit machen, wie sie wollten, bräuchten weder Gott noch Menschen damit dienen, sondern wollten freie Götter sein ohn allen Gott (über sich) und über allen (wahren) Gott. In solchen Frevel hat Gott einzureden und spricht: ihr wisset gar fein, daß ihr Götter seid und Gewalt habt, ach wie schnell habt ihr das gelernt und gefaßt! Wann wollt ihr aber auch lernen, von wem ihrs habt? Wo bleibe ich? Wo bleiben meine Gebote, die ich euch befohlen habe? Ihr habts ja nicht befohlen, sondern ich! ich! ich habs gesagt: ihr seid Götter. Mein Befehl und mein Wort macht und ordnet euch zu Göttern und erhält euch darin, nicht euer Wort, eure Weisheit oder Macht. Ihr seid gemachte Götter, durch mein Wort (gemacht) wie alle Kreatur, aber nicht selbst Götter oder geborene Götter wie ich! Wenn ichs nicht hieße oder befohlen hätte, so wäre euer keiner Gott. Mein ist alle Gewalt Obrigkeit Gut Ehre Land und Leute und alles, was dazu gehört. Ich habs euch gegeben, [483] ihr habts nicht selbst erworben noch gewonnen. Aber wie fein dankt ihr mir dafür, indem ihr mich samt meinem Wort verwerft und überhaupt nicht für einen Gott haltet.

Wie, sagen sie, sollten wir nicht erkennen, daß wirs von dir haben und dich für unsern Gott halten? Das sei ferne von uns! Wenn du es nicht schon weißt, so sieh unsre Titel an, in denen wir öffentlich rühmen und bekennen: wir N.N. von Gottes Gnaden, König zu N., wir N.N. von Gottes Gnaden, Herzog zu N., wir N. N. von Gottes Gnaden, Fürst zu N. und dergleichen. Da hörst du ja wohl, daß wir unsre Obrigkeit als von Gottes Gnade empfangen bekennen, was willst du mehr? – Es ist wahr, die Worte sind recht und gut, und Fürsten sollen so schreiben. Aber kennst du auch das Volk, von dem der Prophet (Jes. 29,13) sagt: dies Volk ehrt mich mit dem Munde und ihr Herz ist ferne von mir, und Christus Mt.7(,21): es werden nicht alle ins Himmelreich kommen, die zu mir sagen Herr, Herr, sondern wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, und Paulus 1.Kor. (4,20): das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Taten.

Was hilfts nu, daß du mit Worten hoch rühmst und bekennest, du seift ein Herr von Gottes Gnaden, wo doch dein Herz und ganzes Leben sich nicht anders gibt, als hättest du keinen Gott und warst aus dir selber ein freier Herr, der alle Macht hätte, nach Mutwillen wider Gottes Gebot zu handeln? Denn wer Gottes Wort nicht achtet noch hält, der achtet und hält auch Gott selber für nichts. Denn wer Gott ehren oder haben soll, der, der muß ihn in und durch sein Wort haben; anders ist es unmöglich, Gott zu haben, zu erlangen und zu kennen. Weil denn die Götter Gottes Wort und Befehl nicht achten noch haben, so haben sie auch keinen Gott. Haben sie keinen Gott, so müssen sie von sich selber Götter geworden und muß dieser Vers falsch und erlogen sein: ich habe gesagt: ihr seid Götter. Nu siehe, wieviel Fürsten und Herren wohl sind, die diesen Titel ‚wir von Gottes Gnaden‘ mit rechtem Herzen und wahrhaftigem Munde führen. Der größere Teil führt ihm zum Zeugnis gegen seinen eigenen Hals, weil sie fälschlich und schändlich Gott anlügen, seinen heiligen Namen damit lästern und schänden und zum Schanddeckel ihrer Tyrannei und Bosheit gebrauchen, wovon viel zu reden wäre.

Es könnt einen wundern, warum er solch böse Leute, die er so hart schilt, dennoch Kinder Gottes oder des Höchsten nennt; denn Kinder Gottes heißen doch in der Schrift die heiligen gläubigen Leute. Antwort: es ist ein ebenso großes Wunder, daß er solche Leute mit seinem eigenen Namen Götter heißt. Ja, es ist wohl mehr (Wunder), daß er sie Götter heißt, als daß er sie Kinder (Gottes) heißt. Es liegt aber alles an dem Wort ‚ich habe gesagt‘. Denn wir haben nu oft (genug) gesagt: Gottes Wort heiligt und vergottet alle Dinge, zu denen es gesetzt wird. Darum heißen solche Stände, die mit Gottes Wort gestiftet sind, alle heilige göttliche Stände, auch wenn die Personen nicht heilig sind. Vater Mutter Sohn Tochter Herr Frau Knecht Magd Prediger Pfarrherr und dergleichen sind alles heilige göttliche Stände, und doch können die Personen darin Buben und Schälke sein. Ebenso heißen die Obrigkeiten, weil Gott sie hier [484] mit seinem Wort stiftet und verfaßt, billig Götter und Gottes Kinder um des göttlichen Standes und Gottesworts willen, und sind doch böse Buben, wie er hier klagt und schilt.

7 Darum werdet ihr sterben wie Menschen und fallen wie einer unter den Fürsten.

Weil sie Gott nicht ehren wollen mit ihrer Gottheit, wie er gebietet, sondern sich stellen, als hätten sie nichts von Gott und alles von sich selber, so droht er ihnen hier, daß er sie strafen will und dies so, daß sie ihre Gottheit verlieren sollen. Er will sie absetzen und (ihnen) die Gottheit abziehen, daß sie sterben und umkommen, nicht als Götter oder Gotteskinder, son­dern als Menschen, so daß sie im Leben und im Sterben den Menschen gleich sind, die ohne Gottes Wort sind und verlorengehen. Denn Gottes Wort macht einen Unterschied unter den Adamskindern. Die, die Gottes Wort haben, heißen und sind nicht einfach Menschen, sondern heilige Menschen, Gotteskinder, Christen. Aber die, die ohne Gottes Wort sind, sind einfach Menschen d.h. in Sünden und Tod unter dem Teufel gefangen ewiglich und ohne Gott. Darum ists in der Schrift ein schlechter Ruhm, Mensch oder Menschenkind zu heißen, und ist es ein schrecklich greulich Drohen, daß die bösen Götter wie Menschen sterben und verderben d.h. ewiglich verloren sein sollen.

So ist es auch mit dem Stück ‚und werdet fallen wie der Fürsten einer‘. Hier nennt er sie nicht Kinder Gottes oder Götter, sondern wandelt ihren Namen und heißt sie einfach ‚Fürsten‘, als wollt er sagen: ein Fürst, der ohne Gott und ohne sein Wort ist, der ist gewißlich auch verlo­ren. Und wenn er fällt und untergeht, verliert er die Gottheit d.h. Gottes Befehl und geht unter, wie die Tyrannen unterzugehen pflegen. Aber dies gewisse Drohen und Urteil glauben sie auch nicht, sondern wollene und müssens erfahren. Alle Historien sind voll Exempel.

8 Gott, mache dich auf und richte den Erdboden, denn du erbest unter den Heiden.

Es will doch nirgends voran mit dem weltlichen Regiment. Die Leute sind zu böse und die Herren schänden Gottes Namen und Wort immer für und für, weil sie ihre Gottheit so schänd­lich mißbrauchen. Darum bittet er um ein ander Regiment und Reich, in dem es besser zugeht, in dem man Gottes Namen ehrt, sein Wort hält und ihm dient, d.h. um Christi Reich. Darum spricht er: ach Gott, komm doch du selber und sei Richter auf Erden, sei du selbst König und Herr, es ist mit den Göttern verloren, denn dir gebührt auch das Reich unter allen Heiden in der ganzen Welt, weil es in der Schrift so verheißen ist. – Das ist das Reich Jesu Christi, das ist der rechte Gott, der gekommen ist und selbst richtet d.h. er ist Oberherr in aller Welt. Denn kein Kaisertum hat sich so weit unter alle Heiden erstreckt als Christi (Reich). Drum kann dieser Vers von niemand anders verstanden werden als von Christus selber. Dieser Gott ist ein natürlicher Gott. Bei ihm heißt es nicht: ich habe gesagt, du seift Gott, sondern freiweg: Gott, mache dich auf und richte den Erdboden. Denn Christus treibt die drei oben genannten göttli­chen Tugenden recht. Er fördert Gottes Wort und die Prediger, er schafft und hält das Recht für die [485] Armen, er straft die Gottlosen und Tyrannen. Denn in der Christenheit ist Gottes, dienst Recht Friede Gerechtigkeit Leben und Seligkeit. Von diesem Reich Christi predigen und zeugen die Evangelien und Epistel der Apostel reichlich; darum ists nicht nötig, hier län­ger davon zu reden.

So sehen wir, daß über der weltlichen Obrigkeit Weisheit und Gewalt, wiewohl dies auch göttliche Werke sind, noch ein andres Reich notwendig ist, in dem man eine andre Gerechtig­keit Weisheit und Gewalt findet. Denn weltliche Gerechtigkeit hat mit diesem Leben ein Ende, aber die Gerechtigkeit Christi und der Seinen in seinem Reich bleibt ewiglich. Dazu helfe und behalte uns dieser König, unser lieber Herr und Gott, Jesus Christus mit dem Vater und dem heiligen Geist in einiger natürlicher ewiger Gottheit gelobt und gebenedeit in Ewigkeit. Amen.

WA 31/I, 189-218 (ausgenommen 207,33-213,22).

Quelle: D Martin Luthers Psalmen-Auslegung, hrsg. v. Erwin Mühlhaupt, 2. Band: Psalmen 26-90, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1962, S. 466-485.


[1] Ein Satz aus dem kanonischen Recht: „Wenn einer auf des Teufels Rat hin (si quis suadente diabolo) das Sakrileg begehen sollte, Hand an einen Kleriker oder Mönch zu legen, der sei verflucht.“

[2] D.h. sinnlos und gedankenlos, wie ein Stein zur Erde „plumpt“.

[3] D.h. brandschatzen, ausbeuten.

[4] Elisabeth von Thüringen († 1235), die berühmte heilige Landgräfin.

[5] Kunz Hildebrand ist anscheinend eine volkstümliche Verballhornung von ,Conzelebrant‘, einem Begriff, der auch für den Riesenfisch oder den biblischen Leviathan gebraucht wurde, der die Erde umgibt und trägt.

[6] Braken – Schoßhunde.

[7] Hilarion von Gaza, Einsiedlermönch in Palästina und Ägypten, gest. ca. 371.

[8] Hamen – Fischnetz.

[9] Freidigkeit – Freimütigkeit.

[10] Luther leitet Ludewig von Lude – Leute und Wik (vicus – Dorf) – Burg, Weichbild ab, beides zu Unrecht.

[11] Heger, Hagen, Hoyer – diese Abteilung dürfte richtiger sein.

[12] Leonhard Kaiser oder Käser (ca. 1480- 1527), evangelischer bayrischer Märtyrer, in seiner Heimat Schärding hingerichtet.

[13] Den lieben Juckel krauen d. h. da krauen oder kraulen, wo es einen juckt.

[14] Hier folgt von 207,33-213, 22 das längere ausgelassene Stück, in dem Luther die Frage behandelt, wieweit die Obrigkeiten unevangelische Lehren und Ketzereien bestrafen sollen. Es ist offensichtlich ein Exkurs, und außer­dem in besonderem Maße zeitgebunden, indem sich Luther hier weitgehend mit der Verfolgung auch der friedli­chen Täufer einverstanden erklärt; über Strafmaß und -art spricht er sich dabei nicht aus, vor allem fordert er nirgends die Todesstrafe; dennoch stehen diese Ausführungen offensichtlich nicht auf der Höhe der übrigen.

[15] Das gänzliche oder teilweise Scheren des Haupthaars.

[16] Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt (15. August).

[17] Vielmehr Assur.

[18] Nero († 68), Domitian († 96), aber wen meint Luther mit „Julius“? Cäsar († 46 v. Chr.)?

Hier der vollständige Text als pdf.

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