Joseph Wittigs „Wo der Heiland zu Welt kommt“ (Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo): »Wo liegt denn nun aber Nazareth?« fragte ich. »Drin in der Stube, um die Hobelbank des Zimmermanns.«

Schreinerei mit Hobelbank

Da war noch von narrativer Theologie keine Rede, als Joseph Wittig 1923 in der Zeitschrift Hochland das Leben Jesu erzählerisch mit seiner Heimat, der oberschlesischen Grafschaft Glatz, verband. 1925 sind dann seine Erzählungen in Buchform unter dem Titel „Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo“ erschienen. Einleitend schreibt er dazu: „Das Leben Jesu kann man auf dreifache Weise mitleben: erstens, indem man die Lebensge­schichte Jesu Zeile für Zeile liest, seine Worte und Schicksale der betrachtenden Seele vor­stellt und Anteil an seinen Leiden und Freuden nimmt; zwei­tens, indem man ihm nachfolgt als einem großen Lehrer und Meister des Lebens; drittens, indem man mit ihm zusammen­wächst und aus ihm hervorwächst wie die Rebe aus dem Wein­stock, indem man also mit ihm eins wird, sein heiliges Fleisch und Blut genießt und seinen Geist empfängt, indem man durch den Glauben an ihn zu einem anderen Christus neugeschaffen wird, so daß man wie Paulus sagen kann: »Nicht ich lebe, son­dern Christus lebt in mir.«“

Wo der Heiland zur Welt kommt

Von Joseph Wittig

Von der Straße nach Neurode ging ein Weglein in die Felder hinein. Dort hatte ich mich mit meinem Freunde Bernhard Her­den niedergelassen und ein Feuerchen angezündet, obwohl die Sommersonne schien. Es machte uns Spaß, daß die Luft über der Brandstätte zitterte und die Schmielen und Kümmelstauden ringsumher aufhüpften, als wollten sie eine Polka tanzen, kämen aber einstweilen nicht von der Stelle. Das Schönste war, daß gerade jetzt ein Leier­kastenmann auf der Straße einherzog und bei unserem Anblick stehen blieb, die Leier vom Buckel nahm, den Leierstuhl aufspreizte und mitten in der freien Land­schaft sein Konzert gab. Die Leier besaß nicht mehr alle ihre Flöten und der Walzenstift leistete nur noch schlechte Arbeit, aber das Lied sprang mit kecken Sprüngen über alle Noten hin­weg, die ihm fehlten.

Da begannen die Glocken vom Schlegler Kirchturm zu läuten. Es muß wohl Sonnabend vor einem hohen Feste gewesen sein. Sonst wüßte ich nicht, was die Glocken zu läuten gehabt hätten in dieser späten Mittagszeit. Beim ersten Glockenschlag hörte der Leiermann mit sei­nem Spiele auf und war wie einer, der ganz in die Ferne horcht. Dann fing er an zu nicken und zu taktieren, wie unser Hauptlehrer und Kantor Pietsch beim Hochamt.

»Du, das ist ein Verrückter«, flüsterte mir Herden Bernhard zu. »Sieh ock, dem kommt das Hemde hinten zu den Hosen raus!«

Ich schielte mit den Augen zu dem verzückten Leiermann. Da vernahm ich ein ganz leises, altes Singen aus dem verschlossenen Munde: »E-ang-e-i-um E-ang-e-i-um.« [14]

Das konnte nicht mehr so weitergehen. Zu viel Mysteriöses vertrug mein Jungenherz nicht. Darum getraute ich mich zu fra­gen: »Warum leiern Sie denn nicht weiter?«

Keine Antwort. »E-ang-e-i-um, Meßglöcklein, Hochamt­glocke, Sterbeklingel, Brummbaß – Bethlehem, Jerusalem, Kai­varia und Heiliges Grab.«

Da hörten die Glocken auf zu läuten. Der Leiermann zeigte mit dem einen Finger zum Kirch­turm hin, kniff das rechte Auge zu, schob das linke ein wenig vor – auf mich zu – und fragte: »Hast du nicht den schönen Gesang gehört?«

Ich wollte nicht lügen, obwohl wir Schlegler Jungen sonst immer gern dazu bereit waren, und antwortete: »Sie können bei­nahe so schön singen wie meine Großmutter. Meine Mutter sagt aber, die könne nicht mehr singen, weil sie keine Zähne mehr hat.«

»Nein, von den Glocken, meine ich«, sagte er, meine List wohl erkennend, »E-ang-e-i-um – Evangelium – Bethlehem – Naza­reth – Jerusalem – Totenklingel – Bums ins Grab, das ganze Evangelium. Scher dich heim, wenn du nicht hören kannst!«

Sprach’s, nahm die Leier über die Schulter, den Klappstuhl unter den Arm und ging. Drehte sich aber noch einmal um und war wieder ganz freundlich. »Gelt, du hast’s gehört: E-van-ge- li-um.«

Da nickte ich, was sich aber nicht auf die Vergangenheit, viel­mehr auf die Zukunft bezog: Ich wollte es in Zukunft immer hören.

Weiß Gott, es ist wahr geworden. Das Wort Evangelium ist ein Glockenakkord. Ihr glückli­chen Glöckner, die ihr an den Glockensträngen ziehen dürft, bis sie euch nicht mehr loslassen, sondern bis zum Gewölbe hinaufziehen, läutet mit aller Lust, läutet mit allen Seilen! Es fliegt wie ein Engel von Haus zu Haus, es brüllt wie ein Löwe über Berg und Tal, es pflügt wie ein Stier die unfruchtbarsten Äcker, es schwingt sich wie ein Adler bis zu den Himmelshöhen das freudige Lied: Evangelium. Ihr Musiker, greift in die Saiten, drückt in die Tasten, versucht den Akkord. Ihr könnet nicht mehr los von eurem Instrument, wenn ihr dieses Thema gefun­den habt. Ihr Dichter, von allen euern Liedern muß das schönste heißen: Evangelium. [15]

Ich armer Geschichtenschreiber habe mir schon oft gedacht: Am liebsten schriebe ich einmal eine Geschichte von Jesus Chri­stus, dem Sohne Gottes, der vom Himmel auf die Erde gekom­men ist, um lehrend, leidend, sterbend das Gottesreich auf Erden zu begründen. Aber ich glau­be, die vier heiligen Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes haben es schon so wun­derbar getan, daß ich mir gern sagen lasse, Gott selber habe es ihnen eingegeben. Eher könnte ich die Peterskirche in Rom oder den Moses von Michelangelo nachmachen als solch ein Evan­gelium.

Und doch drängt es mich immer wieder: »Du mußt ein Evan­gelium schreiben!« Das Wort des Apostels ließ mir keine Ruhe: »Was wir gesehen, das bezeugen wir.« Müßte die Welt nicht schon von Lob und Dank gegen Christus überflutet sein, wenn alles Glück und aller Trost, alles süße Erleiden und Empfan­gen, alles Sterben und Auferstehen in seinem Namen auch ver­kündigt worden wäre?

Das Leben Jesu kann man auf dreifache Weise mitleben: erstens, indem man die Lebensge­schichte Jesu Zeile für Zeile liest, seine Worte und Schicksale der betrachtenden Seele vor­stellt und Anteil an seinen Leiden und Freuden nimmt; zwei­tens, indem man ihm nachfolgt als einem großen Lehrer und Meister des Lebens; drittens, indem man mit ihm zusammen­wächst und aus ihm hervorwächst wie die Rebe aus dem Wein­stock, indem man also mit ihm eins wird, sein heiliges Fleisch und Blut genießt und seinen Geist empfängt, indem man durch den Glauben an ihn zu einem anderen Christus neugeschaffen wird, so daß man wie Paulus sagen kann: »Nicht ich lebe, son­dern Christus lebt in mir.«

Nur die dritte Weise ist eigentliches Leben. Wer sie erwählt, wird auch nach der zweiten Wei­se leben, aber doch ganz anders, als wer nur nach der zweiten Weise leben wollte. Er wird auch, wenn es ihm möglich ist, die erste Weise pflegen, aber nur so, wie ein gereifter Mann die Erinnerung aus längst vergangener Zeit ehrt und pflegt und treulich aufbewahrt. Jeder Tag, den er neu erlebt, ist ein neuer Tag im Leben Christi. Immer Neues wird er sagen können von seinem Zusammensein und Einssein mit Christus, wie Christus in ihm lebt und in ihm wirkt. [16] Was er sagen kann, wird immer zusammenklingen mit den alten Evangelien. Wenn er es aber, dankbaren Herzens, sagt, wird es sein wie ein neues Evangelium: »Was wir selbst gese­hen und er­fahren, das bezeugen wir.«

Vielleicht würde ich nun als ein bescheidener Mann gepriesen werden, wenn ich hierher schriebe: »Ich habe das Leben Christi nur in der ersten Weise mitgelebt und kann darum nur eine Abschrift oder eine Zusammenstellung oder eine Erklärung der alten Evangelien liefern.« Vielleicht würde ich sogar als heiliger Mann gepriesen werden, wenn ich sagte, daß ich mich ehrlich und mit gutem Willen um die zweite Weise bemüht habe und nur eine Nachfolge Christi im Sinne einer Lebensregel schreiben wolle. Aber ich kann nicht so bescheiden sein!

Als ich noch gar nichts denken und wollen und sagen konnte, haben mich meine Eltern an den Taufbrunnen getragen und dort einfach auf Christus aufpfropfen lassen. Dadurch bin ich ein Reis Christi geworden und, da ich nie für das Abschneiden war, auch bis heute geblieben, nicht gerade immer schön und blühend – manches Jahr verdarben mir alle Äpfel –, aber doch immer wieder neues Leben aus Christus ziehend.

Es lacht in mir, wie ein blühender Kirschbaumzweig lacht, auch wenn andere Kirschbaum­zweige viel mehr Blüten haben. Ich will dieses Lachen nicht verhängen, etwa weil andere, wenn sie von Religion reden oder hören, gleich ein ernstes Gesicht machen, als hätten sie eine Tasse Wermut getrunken oder eine Vorladung zum Termin bekommen. Die menschliche Wahrheit sieht aus wie das Antlitz einer Meduse oder einer Sphinx, die göttliche Wahrheit wie das Antlitz der Sonne am Sonntagmor­gen. Die göttliche Wahrheit bleibt auf der Straße stehen und spielt den Jungen am Straßenrand ihr Lied.

Dasselbe Heilige, das in der Jungfrau Maria Fleisch und Ge­stalt annahm, nimmt bei der Taufe des Grafschafter Jungen nicht bloß Fleisch an, sondern nimmt den ganzen Jungen und will wirklich, daß dieser Junge genau so werde, wie Jesus selber war, ein rechtmäßiges Kind Got­tes, ein heiliger Mann, ein Erbe des Reiches Davids in Ewigkeit, das heißt: des Himmelrei­ches.

Es steckt in dieser Rechnung noch ein Fehler, den ich in einem der nächsten Kapitel ausglei­chen will. Darum soll niemand [17] schreien: »Da ist doch noch ein großer Unterschied!« Es ist ein Unglück, daß wir immer erst den Unterschied ansehen und darüber die Gleichheit ver­gessen.

Da hat es ein Grafschafter Bettler besser gemacht, der unge­fähr alle Vierteljahre einmal in unser Häuslein kam, aber vor der Stubentür stehen blieb und, ohne anzuklopfen, zu beten be­gann: »Vater unser, der du bist in den Himmeln …« Wenn dann die Mutter mit einem Schüs­selchen Mehlsuppe oder einer Schnitte Brot hinausging, sagte er: »Der himmlische Vater gibt’s euch wieder.« Wenn ihn aber jemand fragte: »Wer sind Sie denn?«, antwortete er: »Ich bin der Sohn Gottes.« Das wußten aber schon alle, und sagte dann einer: »Ich denke, Sie sind der Beiernaz aus den Falkenbergen«, so erklärte er demütig: »Das bin ich einmal gewesen. Aber als ich getauft wurde, siehe, da kam eine Stimme vom Himmel und sprach: Das ist mein ge­liebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.«

Wir wollen uns vorderhand dahin einigen, daß »das Heilige«, welches in der Taufe und im Glauben von uns Besitz ergreift und in uns zu wirken beginnt, genau dasselbe ist wie das Hei­lige, das aus der Jungfrau geboren wurde, und daß in unserem Glaubensleben wahrhaftig das wahre Leben Jesu Christi seine Fortsetzung findet. Der Unterschied besteht nur darin, daß er von uns nicht nur Leib und Seele, wie aus der Jungfrau Maria, sondern die ganze Persönlich­keit mit Strunk und Stiel an sich genommen hat. So groß und wunderbar das Geheimnis der Menschwerdung aus Maria ist – hier ist ein noch viel unbegreif­licheres Geheimnis. Und selbst unserer Theologie steht der Atem still, wenn sie uns die Verbindung des »Heiligen« mit dem Graf­schafter Jungen etwas deutlicher erklären soll. Sie wird noch viel lernen und forschen müssen, ehe sie dies kann. Es gehört zu den Geheimnissen, von denen der Apostel gesagt hat: »Kein Auge hat es gesehen, und kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herzen ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.«

Was durch Taufe und Glauben in den Grafschafter Jungen kommt, ist Leben. Es ist aber auch Person, nämlich Jesus, der mit seinem Vater und seinem Geiste kommt und in dem ge­heilig­ten Geschöpflein Wohnung nimmt. Das sind sehr stille [18] Gäste. Man merkt zuerst wenig von der Einquartierung. Selbst der Wachtposten, den sich die dreifältige Majestät vor ihr Quar­tier stellt, der Engel, ist kaum zu bemerken. Nur wenn das junge Gefüge von Fleisch und Blut einmal in Gefahr kommt, in einen Wurstkessel mit heißer Brühe oder in ein anderes Un­glück zu stürzen, da merkt man den Engel. Im übrigen sind es aber sehr anspruchsvolle Gäste. Da sie ganz geistig sind, beanspru­chen sie von ihrem kleinen Wirt alle seine irdischen Gerät­schaf­ten, seine ganze Natur mit Augen, Ohren, Armen und Beinen. Sie haben ein Recht dazu, weil ja alles durch ihre Allmacht ge­schaffen ist.

Das Heilige in einem solchen Jungen ist also wirklich ein Le­bendiges. Es kann sehen, hören, laufen, arbeiten. Es lebt in dem Jungen und lebt mit dem Jungen. Des Jungen Heimat ist seine Heimat. Und man kann fast sagen: Es vergißt, daß einst Pa­lästina seine erste irdische Heimat war.

Das Heilige macht gern weite Wege durch das Land, das seine Heimat ist. Es müssen nur im­mer Wege der Liebe sein. Was ist Jesus auf und ab gegangen durch Palästina! Wie muß er die Berge und die Täler geliebt haben! Besonders die Berge spielen in den heiligen Evangelien eine große Rolle. Dort oben redete er oft nächtelang mit seinem himmlischen Vater: dort oben ver­barg er sich vor dem Volke. Auf dem Berge der Verklärung konnte er den Schimmer sei­ner Göttlichkeit nicht mehr bedecken und zurückhalten. Die Strahlen brachen durch, und er ward verklärt. Auf dem Ölberge kam die ganze menschliche Angst über ihn, aber auch ein Engel kam, der ihn tröstete. Auf Gol­gatha starb er am Kreuze.

Schon vor seiner Geburt, gleich nach der Verkündigung des Engels, wollte er ins Gebirge. Er konnte damals noch nicht mit eigenen Füßen wandern, war also schier in derselben Lage wie in der Seele des Grafschafter Jungen. Er wollte zu seinem Freunde Johannes, der auch noch nicht geboren war, sich aber schon bewegen konnte. Und Maria wollte zu ihrer bejahrten Anverwandten Elisabeth, von der ihr der Engel ein Geheimnis anvertraut hatte, wollte ihr helfen in ihren schweren Tagen. Maria machte sich auf und reiste eilig ins Gebirge. Sie trat in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth [19] den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Schoße, heißt es. Elisabeth wurde voll des Heiligen Geistes und rief mit lauter Stimme: »Woher kommt mir die hohe Ehre, daß die Mutter meines Herren zu mir kommt? Sieh, als der Klang deines Grußes an mein Ohr schlug, da hüpfte das Kind vor Freu­de in meinem Schoße. O selig, die da geglaubt hat, daß in Erfüllung gehen wird, was ihr vom Herrn gesagt worden ist!« Da sprach Maria: »Hoch preiset meine Seele den Herrn, und mein Geist froh­lockt in Gott, meinem Heilande.«

Nach dem alten Kalender des Kirchenjahrs blieb Maria bei Elisabeth bis zum neunten Tage nach der Geburt des Johannes, also bis zum 2. Juli. Dann nahm sie, die Mutter des »Heili­gen«, Abschied von der Mutter des Propheten, denn nun waren die schweren Tage für Elisa­beth vorüber.

Meine Großmutter saß vor der Haustür. Ich setzte mich zu ihr auf eine Steinschwelle und legte meinen Kopf an ihre Knie. Sie sagte: »Hörst du, wie Maria singt beim Heimgang? Und jetzt denkt sie an Jesus, den sie wie eine Rosenknospe am Her­zen hatte:

So dir geschenkt ein Knösplein was,
so tu es in ein Wasserglas,
doch wisse:
Blüht morgen dir ein Röslein auf,
es welkt schon in der Nacht darauf,
das wisse, das wisse!«

Als ich am anderen Vormittag aus der Schule kam, gab sie mir neun Marienbilder in die Hand und sagte: »Stelle doch immer ein Bildlein an einen Baum im Garten, denn ich will Mariä Heimsuchung machen und kann doch nicht mehr über die Hügel und Höhen zu meinen Marienbildern.«

Ich gehorchte gern, und das Heilige in mir sagte: »Ich will auch Mariä Heimsuchung ma­chen.« Und etwas anderes in mir, nämlich ich selbst, dachte nebenbei: »Wenn die Großmutter bloß nicht zu lange beten täte!« Ich langte also nach der Hand der Großmutter und führte sie zum ersten Marienbild, neugierig, was die Großmutter nun tun würde.

Großmutter machte ihr altes Gebetbuch auf und betete mit [20] singender Stimme, aber so fröhlich, daß ich fast lachen mußte: »Hochpreiset meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlocket in Gott, meinem Heilande«, und sang und sang, bis sie zu den Kindern Abrahams kam. Beim letzten Marienbilde sagte sie mir: »Jetzt kannst du etwas wünschen, was dir in diesem Jahre in Erfüllung gehen soll.«

Ich wollte eigentlich eine Flinte haben, aber bei dem geringen Lohne, den mein Vater verdien­te, traute ich dem Herrgott nicht zu, daß er in diesem Falle das Versprechen erfüllen würde. Und da die Großmutter gerade nach dem Annaberge hinschaute, sagte ich: »Auf dem Anna­berge soll es beim Annafeste eine Schießbude geben, da möchte ich einmal dort sein.«

Da eine moderne Geschichte des Lebens Jesu auch einen geo­graphischen oder landschaftli­chen Abschnitt enthalten muß, kommt es mir sehr zustatten, daß die Großmutter nicht nur versprach, wenn ihre Füße standhaftiger würden, hätte sie Lust, mich zum Annafeste auf den Berg mitzunehmen, sondern daß sie anfing, mir den Kranz der Berge zu erklären.

Der Annaberg, sagte sie, sei der älteste Berg. Er sei wie das Alte Testament. Denn an der Spitze sei die heilige Mutter Anna, die Großmutter Jesu. Dann komme weiter rechts der Habicht­hübel, die Grenzhöhe und der Siehdichfür, lauter niedrige Höhen. Das müßten die heidnischen Länder sein. Nun aber steige die Roterlehne empor, dort über Schneiderbauers Busch. Da sei eine Tafel mit den Acht Seligkeiten, und es leuchte dort oben immer schön und weit und frei, daß es wohl der Berg Ta­bor sein könne. Dann komme hinter einem tiefen Ein­schnitt, durch den die Straße von Schlegel nach Ebersdorf führt, der Hutberg, der so stolz auf die Acht Seligkeiten herabschaue, daß da wohl die Pharisäer gewohnt haben müßten. Dann der Ober­berg mit der Pestsäule und der Jesuitenallee. Dann der Leppelt mit der Kohlengrube und der Glasfabrik. Das sei die neue Zeit, und es wäre nur gut, daß mein Vater meine Mutter von dort weg nach Neusorge geholt hätte, denn die neue Zeit sei nichts beson­ders Gutes. Von dorther dringe aller Unglaube nach Schle­gel. Dann aber komme die Wolfs­koppe, von der noch lange die Wölfe zur Winterszeit ins Dorf geschlichen seien und einmal ein junges Mäd­chen aufgefressen hätten. Kein Heiligtum sei auf [21] dem Leppelt und auf dem Wolfsberge, und man könne beim Wolfsberge schier an die Hölle denken. Ja, man müsse sogar. Denn gegenüber dem schwarzen Wolfsberge liege der Aller­heiligenberg mit einem Einsiedler, der so aussehe wie Gott­vater in langem, weißem Barte, und einer Kapelle, in der alle Heiligen versammelt seien um die liebe Gottesmutter Maria. Der Allerheiligenberg oder Kircheiberg sei also wie der Him­mel. Zwischen Wolfsberg und Kircheiberg steige das Dorf Schle­gel aus dem Steinetal herauf, und das sei wieder richtig, denn jedes Dorf liege zwischen Hölle und Himmel. Sie, die Groß­mutter, sei aus dem Steinetal gekommen als junge Braut meines Groß­vaters, zwischen Hölle und Himmel hindurch, nach Neu­sorge.

»Wo liegt denn nun aber Nazareth?« fragte ich.

»Drin in der Stube, um die Hobelbank des Zimmermanns.«

»Und wo Bethlehem?«

»Wo der Heiland zur Welt kommt!«

So waren wir wieder aus der Geographie in die Mystik hin­eingekommen. Maria kehrte aus den Bergen heim. Großmutters Füße wurden von Tag zu Tag kräftiger, und am nächsten Sonntag konnte sie schon wieder ins Dorf zum Hochamt gehen. Wenn das Heilige wandern will, kuriert es auch die Füße, die es tragen oder begleiten sollen.

Quelle: Joseph Wittig, Leben Jesu in Palästina, Schlesien und anderswo, durchgesehen und eingeleitet von Johann Christoph Hampe, Moers: Brendow 1991, Seite 13-21.

Hier Wittigs Text als pdf.

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