Martin Luthers „Der 101. Psalm ausgelegt“ (vollständiger Text): „Dieser Psalm ist einer, der Gott lobt und dankt für den weltlichen Stand“

Ständebaum
Der Ständebaum (Holzschnitt aus Petrarcas Trostspiegel, Hans Weiditz, Frankfurt 1596, fol. 13)

Neben Psalm 82 und Psalm 127 ist der 101. Psalm für Luther ein biblischer Schlüsseltext für seine politische Ethik:

Der 101. Psalm ausgelegt 1535 (Druck)

Von Martin Luther

Dieser Psalm ist einer, der Gott lobt und dankt für den weltlichen Stand, wie der 127. und 128. und viele andere tun. Er hat sich immer [64] unter andern Psalmen in den Kirchen von den geistlichen Herren singen lasten, welche allein das heilige gelobte Volk Gottes und die Kirche sein wollten und doch gar nicht wußten noch verstanden, daß sie in diesen Psalmen mit dem Munde den Stand so hoch priesen, den sie täglich gar schmählich hielten und fast mit Füßen traten. Hätten sie solche Psalmen verstanden, so hätten sie sie, wie ich meine, ausge­lassen und nimmermehr gesungen, weil es ein ungereimt Ding ist, wenn weltlicher Stand von solchen heiligen Leuten öffentlich in der Kirche besungen und gepriesen wird. Sie hielten ihn schon allein darum für verächtlich gegenüber ihrem eigenen Stand, weil sie gerne sich selbst ganz allein als Herren auf Erden, alle andern Herren aber als Mönche gesehen hätten. Und wahrlich, sie habens bis heute fast zur Hälfte oder mehr erreicht, daß weltliche Herren ihr Amt vergaßen, sich der Kirche und Messe befleißigten, die Geistlichen aber sich ihres Prie­steramts entäußerten und dafür Jagd, Krieg und ganz weltlich Wesen trieben. Aber Gott hat diesen Psalm und seinesgleichen durch ihren Mund singen lassen, gleich wie er durch die Eselin mit Bileam redete (4. Mos. 22,28), wiewohl der törichte Prophet es nicht verstehen konnte.

Vielmehr aber ist dieser Psalm gegen die Rottengeister, welche damit große Heiligkeit vorge­ben, daß sie Haushalten, Ehestand, hohen und niedern Stand auf Erden verdammen. Denn er lehrt und tröstet Leute, die in solchen Ständen sind und sein müssen, und heißt sie nicht davonlaufen und alles liegen- und stehenlassen. Und besonders lehrt er die hohen Stände, bei denen man Hof und Hofgesinde halten muß. Darum setzt sich hier David, der ein König war und Hofgesinde halten mußte, selbst zum Exempel, wie ein frommer König oder Fürst auf sein Gesinde sehen soll. Ich bin freilich selbst zu Hofe unerfahren und weiß wenig, was für Tücke und List da regiert. Doch was ich vom andern gehört und gemerkt habe, will ich so gut ich kann beitragen und mich auch aus den Historien behelfen, um die Worte des Psalms desto deutlicher zu treffen und auszulegen.

Vers 1:
David bekennt, die rechte Übung von Gnade und Recht von Gott zu haben.
Gottes Wunderleute und die Affen solcher Wunderleute.
Das natürliche Recht und da» Glück sind nicht jedermanns Ding.

(1) Von Gnade und Recht will ich singen und dir, Herr lobsingen.

Er gibt gleich im Anfang den Königen und Fürsten die Lehre, daß sie Gott loben und danken sollen, wenn sie zu Hause und zu Hofe eine gute Ordnung und frommes Gesinde haben. Dar­aus sollen sie lernen und wissen, daß dies eine besondere Gabe Gottes und nicht ihrer eigenen Weisheit und ihres Vermögens ist. Denn in der Welt geht es so zu, daß keiner so grob oder ungeschickt ist, er meint doch, wenn er im Regiment wäre, wollte ers gar köstlich machen, und es gefällt ihm daher gar nicht, was andere im Regiment machen, gleichwie jener Knecht in der Komödie des Terenz[1] wünscht und spricht: ach, ich hätte sollen König werden! Und Absalom [65] sprach hinterm Rücken seines Vaters David zu den Bürgern Israels (2. Sam. 15,5): du hast wohl gute Sachen, aber es ist vom König niemand verordnet, der dich anhöre, ach, daß ich das Regiment im Lande hätte und alle Sachen vor mich kämen! wie gar gut wollt ich Recht halten! Das sind die Meisterklüglinge, die vor großer Weisheit das Roß am Hintern aufzäumen und nichts mehr können als andere Leute beurteilen und meistern. Und wenn sie es in die Hand kriegen, so geht alles mitsamt ihnen zugrunde. So spricht man auch: wer dem Spiel zusieht, der kanns am besten. Denn sie meinen: wenn sie die Kugel in die Hand krieg­ten, wollten sie wohl 12 Kegel treffen, obwohl nur 9 auf dem Platz stehen, bis sie erfahren, daß neben den Kegeln auch noch Raum ist.

Solche Menschen loben und danken Gott nicht, meinen auch nicht, daß es Gottes Gabe ist oder daß sie Gott darum bitten und anrufen sollen, sondern sie sind ver. messen und denken, ihre Vernunft und Weisheit sei so gewiß, daß es ihnen nicht fehlen könne. Sie wollen die Ehre und den Ruhm haben, daß sie vor andern regieren und alles gut machen können, gerade als sollte der gute Mann, der unser Herr Gott heißt, müßig sitzen und nicht dabei sein, wenn man etwas Gutes machen will. Das tut er denn auch und sieht durch die Finger und läßt die Men­schen vermessen den Turm zu Babylon anfangen, darnach kommt er drein und zerstreut sie und macht es alles zunicht, so daß keiner mehr versteht, was der andere sagt. Und es geschieht ihnen recht, weil sie Gott aus ihrem Rat ausschließen und Gott gleich selbst klug genug sein und die Ehre haben wollen, die Gott allein gebührt.

Ich habe oft, als ich noch im Kloster war, weise und vernünftige Leute gesehen und berat­schlagen hören, die es so gewaltig gewiß und schön vorlegten, daß ich dachte, es wäre un­möglich, daß es fehlgehen könnte. Ei, sprach ich, das hat Hände und Füße, das lebt doch! Und ich war so sicher, als wäre es bereits geschehen und stünde da vor Augen. Aber als man es angriff und ins Werk bringen wollte, da ging es doch so schändlich zurück und war der schö­ne lebendige Ratschlag viel nichtiger als ein Traum oder Schatten. Und ich mußte sagen: wohlan, ist dies ein Traum gewesen, so verlasse sich der Teufel auf hübsche schöne Ratschlä­ge, wie sehr ist doch alles lauter Schein und Gleißen, wenn Gott nicht mit im Spiel ist! Da lernte ich den Spruch Salomos (Spr. 8,14): mein ist beides, der Rat und die Tat. Und Sankt Paulus spricht (1. Kor. 5,7): der da pflanzt, ist nichts, der da begießt, auch nicht, sondern Gott ists, der das Gedeihen gibt. Aber Menschenkinder glaubens nicht, bis sie es erfahren, sondern wenn sie raten können, so denken sie, die Tat müsse schon kommen. Wie kanns fehlgehen?, sagen sie, es ist so gewiß, als daß sieben und drei zehn machen. Mathematisch ists wahr, nach der Zahl und Rechnung machen sieben und drei gerade zehn, es geht nicht fehl, der Rat ist getroffen. Aber in Wirklichkeit[2], bei der Tat und im Werk geht es so, daß Gott die sieben Stück in ein Stück schmelzen und aus sieben eins machen, die drei [66] wiederum in dreißig teilen kann. Da sinds dann in der Tat nicht mehr die gewissen Zehn, die es vorher im Rat waren.

So, meine ich, wird es wohl zu Hofe auch zugehen. Denn ich bin nicht zu Hof gewesen, begehre auch nicht, dort zu sein, Gott behüte mich weiter davor. Aber an den Exempeln ists gut zu merken. Der Papst Clemens und der König von Frankreich hatten den Kaiser vor Pavia ganz gewiß, und es konnte ihnen nicht fehlgehen, sie hatten auch gerechnet, daß sieben und drei zehn machen müßten. Aber was für eine Tat auf solchen Rat folgte, das haben sie beide wohl erfahren[3]. Und wie ging es den weisen Venezianern fehl mit ihrem gewissen Rat gegen Kaiser Maximilian[4]; Wie oft haben die Papisten die letzten 12 Jahre so manchen feinen gewis­sen Ratschlag wider die Lutherischen verloren! Alle Historien sind solcher Exempel voll. Und wer zu Hofe ist, der soll gewiß bei allen Königen und Fürsten täglich solcher Exempel genug erfahren. Da sitzt der König oder Fürst weise und klug und hat die Sache bei allen fünf Zip­feln gefaßt. Dazu kommt dann ein Jurgist[5] – oder Jurist mit seinem Buch und findet darin das Recht gewiß und klar geschrieben, daß es nicht fehlen kann. Darnach kommt ein großer Hans[6], dem das Haupt viel zu klein ist vor großer Vernunft und Weisheit, der findets im natürlichen Recht so festgegründet und tiefgewurzelt, daß alle Welt es nicht um­reißen könne. Zuletzt läuten sie zusammen und bombt die große Glocke mit dazu d.h. ein Bischof Prälat und Theologe, ob er selbstgewachsen oder gemacht ist, der bringt Gottes Wort und die Heilige Schrift dazu. Da muß der Teufel selber weichen und die Sache recht billig gut und göttlich sein lasten. Da sitzen denn die vier Säulen des Königreichs oder Fürstentums, die wohl sogar den Himmel tragen könnten, wenn Gott ihrer Weisheit solches befehlen wollte.

Aber keiner unter ihnen ist, der hinauf gen Himmel seufzte und Rat und Tat bei Gott suchte. Denn sie sind entweder so gottlose Leute, daß ihr Gewissen sie nicht beten noch rufen läßt, oder sie sind ihrer Weisheit und Sache so gewiß und sicher, daß sie es verächtlich vergessen, weil sie seiner nicht bedürfen, oder sie sind in ihrem starren Unglauben so zu beratschlagen gewohnt. So muß denn unser Herr Gott derweil droben müßig sitzen und wagt nicht, in sol­cher klugen Leute Rat zu kommen. Er schwatzt derweil mit seinem Engel Gabriel und spricht: Lieber, was machen die weisen Leute in der Ratstube, daß sie uns nicht auch mit in ihren Rat nehmen? sie wollen wohl noch einmal den Turm zu Babylon bauen; lieber Gabriel, fahr hin und nimm Jesaias mit dir und lies ihnen eine heimliche Lektion zum Fenster hinein und sprich (Jes. 6,10): mit sehenden Augen sollt ihr nicht sehen, mit hörenden Ohren sollt ihr nichts hören, mit verständigem Herzen sollt [67] ihr nichts verstehen, (Jes. 8,10) beschließt einen Rat und es werde nichts daraus, beredet miteinander und es bestehe nichts, denn mein ist beides, Rat und Tat. Und so geschieht es auch und soll so sein.

Hier könntest du sagen: soll man denn nicht tun, was recht ist, was Vernunft lehrt, was Gott uns heißt? was sollen uns denn die Rechte? wozu nützt die Vernunft? was lehrt denn ihr Theo­logen? soll das denn alles nichts sein? Antwort: Recht, gute Vernunft, Heilige Schrift werden hier nicht ver. dämmt noch verworfen, sondern der leidige Zusatz und Unflat, unsere Vermes­senheit, daß wir nämlich Rat und Recht nicht mit Gottesfurcht und demütigem ernstem Gebet anfangen, gerade als wäre es genug, daß einer Recht oder eine gute Sache habe und als solle er den Rat aus eigenem Vermögen zur Tat bringen. Das heißt Gott verachten und selbst der Mann sein wollen, der es tun und Ehre einlegen kann. Das ist wider das erste Gebot. Darum macht solcher Zusatz aus dem besten Recht das größte Unrecht, aus der schönsten Vernunft die größte Torheit und aus der Heiligen Schrift den größten Irrtum. Denn wo das erste Gebot nicht ist noch leuchtet, da leuchten die andern alle nicht recht und ist lauter fal­scher Verstand da.

Darum heißt es so: es ist nicht genug, daß du das allerschönste Recht und die allerbeste Sache hast und dein Ratschlag ganz gewiß ist. Ja, je schöner dein Recht und je bester deine Sache ist, desto weniger sollst du dich vermessen und darauf pochen, sondern desto mehr dich fürch­ten vor Gott, der Luft hat, das schönste Recht zu schänden und die beste Sache zu stür­zen um der Vermessenheit willen, mit der du dich darauf verlässest und pochst. Damit verdirbst du alles und reizest und erzürnst Gott wider dich. Denn er ist der Hoffahrt und Vermessenheit feind, weil sie ihm seine Ehre nimmt und dem ersten Gebot widerstrebt. Darum widersteht er auch, wie Sankt Petrus sagt (1. Petr. 5,5), den Hoffärtigen mit aller Gewalt. Die Kinder Israel hatten (nach Ri. 20 ff.) das allerbeste Recht wider die Benjaminiten. Dennoch wurden sie, ob­wohl sie ein viel größerer Haufe waren, von dem ungerechten und kleinen Haufen (der Benja­miniten) zweimal so hart geschlagen, daß sie in beiden Schlachten 40000 Mann verlo­ren, bis sie beim dritten Mal die Vermessenheit ablegen und Gott um Rat und Tat anrufen lernten. Da gewannen sie wieder und behielten Recht.

Aber es ist und bleibt sowohl an Königs- und Fürstenhöfen wie auch in niedrigen Ständen bei der Weise, daß man alles aus Vermessenheit vornimmt und sich dessen tröstet, gutes Recht zu haben. Etliche aber trösten sich noch viel ärger dessen, daß sie großes Gut und Gewalt haben. Gottes wird immer vergessen. Darum geht und steht es auch darnach. Aber weil unsers Herr Gotts Häuflein, die Kirche, für die Könige und Herren bittet, genießen sie solches Gebet, wenn auch unwürdig. Sonst würd es gar greulich zugehen. Auch die Kinder Israels mußten für ihren Feind, den König zu Babylon, beten, daß es ihm und seinem Reich wohlginge, bis sein Stündlein kam, wo er seine Fürbitter zu hoch geplagt und gedämpft und damit seines Reiches Ende verdient hatte. So bitten wir jetzt auch für unsre [68] Tyrannen, bis sie es sich mit Mor­den und Verfolgen auch an uns verdienen, ohn alle Barmherzigkeit zugrund zu gehen, wenn ihr Stündlein kommt. Amen.

So sei nu das die erste Lehre und Vermahnung aus diesem Psalm, daß ein Fürst oder Herr lerne und wisse, daß frommes Gesinde, treue Diener und gut Regiment Gottes Gabe und eine große Gabe ist. Und es soll sein höchster Schatz sein, wenn er ein, zwei, drei treue Männer zu Hofe oder in Ämtern hat, wiewohl das viel ist. Und er soll Gott dafür danken und bitten, daß er ihm solchen Schatz erhalte und bessere. Denn die Welt ist zu böse, falsch und untreu, wie David spricht (Ps. 116,11): alle Menschen sind falsch, sonderlich zu Hofe, wo jedermann oder der größte Teil nicht darnach trachtet, wie der Fürst zunehme, sondern wie er sich selbst wär­me und fett werde, es gehe dem Fürsten dabei, wie Gott will. Auch kann ein Fürst keinem ins Herz sehen. So muß sein Regiment im Finstern bleiben, weil er mit solchen Leuten regieren und haushalten muß, die er nicht kennt und von denen er nicht weiß, wie sie gesinnt sind. Es geht wie bei einem Wagen, der in der Nacht fährt und nach Gutdünken, so daß er oft nicht weiß, wohin: und wenn er meint, er wolle rechts fahren, ist er links gefahren, wirft zuweilen um, zerbricht Strick, Rad und alles. Denn Christus spricht (Joh. 12,35): wer im Finstern wan­delt, der weiß nicht, wo er hinfährt. Aber Christi Reich ist nicht so. Der kennt alle Herzen. Und wer ihm untreu sein will, der betrügt sich selber und schadet seinem Herrn nichts, son­dern der Herr kann seines Knechts Bosheit zu seinem Nutzen und Besten kehren. Das kann im weltlichen Regiment, wo die Herzen verborgen sind, nicht sein.

Was aber der Psalm Gnade und Recht nennt, ist nicht von Gottes Gnade und Recht gesagt, sondern von der Gnade und dem Recht, das ein Fürst gegen sein Gesinde und Untertanen übt. Denn auch zu Hos hat man solche Weise zu reden, daß ein Fürst oder Herr gnädig ist, diesem oder jenem große Gnade erzeigt. Und Recht ist fast soviel als Strafe, wie man auch zu Hof spricht: ich will das Recht gehen lassen, oder: willst du Gnade oder Recht? – Denn wenn die Fürsten Recht anbieten, so geht es fast um den Hals[7]. So redet hier David auch höfisch und fürstlich von Gnade und Recht d.h. von Wohltat gegen die Frommen und Strafe gegen die Bösen. Ein Fürst und Herr braucht beides. Denn wo lauter Gnade ist und der Fürst sich von jedem melken und auf dem Maul trampeln läßt, nicht straft noch zürnt, so wird nicht allein der Hof, sondern auch das Land voll böser Buben und geht alle Zucht und Ehre unter. Umgekehrt, wo lauter oder zuviel Strafen und Zürnen ist, da wird Tyrannei daraus und können die From­men vor täglicher Furcht und Sorge nicht Atem holen.

Denn so sagen auch die Heiden d.h. die tägliche Erfahrung: strenges Recht ist das größte Un­recht, gleichwie auch umgekehrt von der Gnade gesagt werden kann: lauter Gnade ist die größte Ungnade. So kann auch kein Vater eine unväterlichere Tat an seinem Kind begehen, als wenn er die [69] Rute spart und dem Kindlein seinen Mutwillen läßt. Denn mit solch tö­richter Liebe zieht er dem Henker einen Sohn, der ihn darnach mit dem Strick an den Gal­gen zieht. Maß ist in allen Dingen gut. Da gehört Kunst, ja Gottes Gnade dazu, daß mans treffe. Doch, wo das Schwarze nicht leicht zu treffen ist, ist es dem Ziel am nächsten geschos­sen, wenn die Gnade den Vorrang vor dem Recht hat, wie auch David hier die Gnade vor dem Recht nennt. Denn wenns nicht ganz zu treffen ist, ists besser und sicherer, nach dieser Seite hin zu fehlen als nach jener d.h. besser zuviel Gnade als zuviel Strafe. Denn zuviel Gnade kann man wieder zurücknehmen und mindern. Aber die Strafe kann man nicht zurückneh­men, besonders wenn es Leib und Leben und Glieder betrifft.

Auch kann man nicht alles Böse auf Erden strafen, besonders nicht die heimlichen bösen Tücken, wie man spricht: wer alles Böse rächen wollte, dürfte nie das Schwert einstecken. Und die Heiden sagen: wenn Gott so oft mit Blitz und Donner dreinschlagen wollte, sooft die Menschen sündigen, würd er in kurzem nicht mehr genug Blitz und Donner haben. Es ist genug, die öffentliche und bewußte Übeltat zu strafen. Will Gott die heimlichen Tücken strafen, so wird ers wohl offenbaren. Es bleibt doch nichts ungestraft, es sei heimlich oder offenbar, wie wir täglich sehen, daß gar wunderbarlich die heimlichen Übeltäter an Dieben und Mördern zuletzt dem Henker in die Hände kommen durch Gottes Urteil und Strafe, ganz abgesehen von dem, was er selbst mit Wasser Feuer Pestilenz und dgl. straft. Und wenn ein Fürst oder Herr im Ernst merken läßt, daß er keine öffentliche Übeltat leiden will, und fleißig darnach trachtet und darauf sieht, so wehrt er leicht vielen bösen Taten, wenn er auch die heimlichen Tücken ertragen muß, bis Gott sie straft oder in seine Hände zu strafen gibt. Es kann sich auch wohl begeben, daß man eine wenn auch öffentliche Bosheit nicht sofort strafen kann. So liest man von David (2. Sam. 3,27 ff. und 20,10): seinen Vetter Joab, der sein Feld­hauptmann war, strafte er sein Leben lang nicht, obwohl derselbe zwei böse Taten begangen hatte, wie David selbst klagte und ihn auch (deswegen) verfluchte; er hatte nämlich Abner und Amasa, zwei Feldhauptleute, die frömmer waren als er, ermordet. Aber David ließ ihn in Amt und Ehren bleiben, befahl aber seinem Sohn Salomo, ihn hernach zu strafen (1. Kön. 2,6). Desgleichen strafte Jakob seinen Sohn Rüben auch nicht, aber als er sterben wollte, verfluchte er ihn und die Herrlichkeit der Erstgeburt von ihm, nämlich Königreich und Priestertum (1. Mos. 49,3 f.). Denn es kann sich ein solcher Fall begeben, daß man einen bösen Buben nicht so schnell strafen kann ohne großen Schaden und Gefahr für andre. Alle Strafe aber soll dahin gerichtet sein, daß sie zum Schrecken und der Besserung der andern und zu Friede und Si­cherheit der Frommen geschehe, wie St. Petrus (1. Petr. 2,14) und Paulus (Röm. 13,4) lehren.

Wann aber solche Gefahr oder solcher Schaden vorhanden sei, das kann man nicht erzählen noch fassen, Gott muß es dem Fürsten oder Herrn selbst eingeben, daß er nach seinem höch­sten Vermögen bedenke, wo wann und welchem Buben er eine Zeche borgen solle oder müs­se. Denn hätte David seinen Joab so flugs gestraft, als sein Königreich, das hernach durch Absaloms Aufruhr zerrissen [70] ward, noch nicht gefestigt war, so hätte er wohl das ganze Land unruhig und irre gemacht und sich selbst um das Königreich gebracht. Und hätte Jakob seinen Sohn Rüben so flugs gestraft, solang er ein Pilgrim und unter seinen Feinden war, so hätte er auch wohl gegen sich selbst ein großes Unglück erregt. Denn er zürnte auch sehr, als seine zwei Söhne Levi und Simeon den Sichem geschlagen hatten, und am Ende verfluchte er sie auch beide. So hörte ich im welschen Land zu Senis[8] von Kaiser Friedrich sagen: wir ha­ben von euerm Kaiser viele Sprüche gelernt, besonders diesen: qui nescit dissimulare, nescit imperare d.h. wer nicht übersehen oder überhören kann, der kann nicht regieren. Denn sie hät­ten gerne gesehen, daß er mit dem Kopf hindurch gefahren wäre und ihren Schaden gerächt hätte.

Summa, um die Sachen richtig zu unterscheiden, Gott hat zweierlei Leute auf Erden in allerlei Ständen. Etliche, die er selbst lehrt und erweckt, haben einen besonderen Stern vor Gott. Die­selben haben alsdann auch guten Wind auf Erden und, wie mans nennt, Glück und Sieg. Was sie anfangen, das geht fort; und wenn alle Welt widerstreben sollte, so muß es doch ungehin­dert hinausgehen. Denn Gott, ders ihnen ins Herz gibt, ihren Sinn und Mut treibt, der gibts ihnen auch in die Hände, daß es geschehen und ausgerichtet werden muß. So Simson David Jojada (2. Kön. 11 ff. und 2. Chron. 22 ff.) und dergleichen. Und nicht allein unter seinem Volk gibt es zuweilen solche Leute, sondern auch unter den Gottlosen und Heiden, und nicht allein in Fürstenständen, sondern auch in Bürger-, Bauern- und Handwerksständen. So im Perserland den König Cyrus, in Griechenland den Fürsten Themistokles[9] und Alexan­der den Großen, bei den Römern Augustus, Vespasian und dgl. In Syrien gab er durch den einen Mann Naeman alles Heil und Glück (2. Kön. 5,1). Solche Leute heiße ich nicht gezoge­ne und gemachte, sondern geschaffene und von Gott getriebene Fürsten und Herren.

Diese sind so geschickte Leute, daß sie nicht vielen Lehrens noch Schreibens bedürfen, was und wie sie tun sollen. Ehe man sie lehrt, was sie tun sollen, haben sie es getan, nur daß sie des Wortes Gottes bedürfen, das sie lehrt, solch ihr Glück und ihre großen Taten Gott zuzu­schreiben und ihm die Ehre zu geben, von dem sie es haben, und sich selber nicht zu preisen und zu rühmen. Ohne Gottes Wort tun sie das nicht und wissen es nicht, darum nehmen sie auch selten ein gutes Ende, wie alle Historien bezeugen. Der weibliche Krieger Hannibal z.B. hat von niemand gelernt, wie er die Römer bekriegen und so greulich schlagen sollte, denn er hatte den rechten Meister und die rechte Schrift im Herzen. Er tat auch wohl wider aller an­dern Weisen Rat und Lehre. Ich muß hier zum Exempel erzählen, was Cicero davon schreibt: als Hannibal zum großen Antiochus um Hilfe wider die Römer geflohen war und dort herrlich gehalten wurde, war daselbst ein berühmter [71] Philosoph Phormio. Der ward von Antiochus gefordert, daß Hannibal ihn hören sollte. Und Phormio bewies seine Kunst, predigte etliche Stunden von Kriegen, von Hauptleuten, wie sie geschickt sein sollten und was einem guten Krieger zu. stünde. Als nu die andern alle solche Predigt hoch lobten und bewunderten, fragte Antiochus den Hannibal, wie es ihm gefiele. Da sprach Hannibal: ich hab mein Lebtag viele alte Narren gesehen, aber keinen so großen wie diesen Phormio. Solche Antwort lobt Cicero und spricht: es war wahrlich recht, Hannibal hatte die Römer, die alle Welt zwangen, so lange und so oft bekriegt und geschlagen, und Phormio wollte ihn kriegen lehren, der doch selbst sein Lebtag nie ein Heer noch Wehr gesehen hatte[10].

Hier ist der Schüler gar ungleicher Art gegen seinen Meister. Und wenn Phormio auch aufs allerbeste gewußt und erfahren hätte, was Krieg ist und wie man kriegen sollte, und mit Recht ein Meister dieser Kunst hieße, so hätte er doch Hannibal nicht als Schüler behandeln, son­dern sein Barettlein vor ihm abziehen und sprechen sollen: lieber Herr Doktor in Kriegshän­deln! Denn Hannibal war nicht dazu geschaffen, ein Schüler in Kriegshändeln zu sein, son­dern andre sollten von ihm lernen und seine Schüler sein, weil er von Gott selbst als Meister in dieser Kunst geschaffen, aber nicht durch andre Menschen erzogen oder gemacht war. Sonst geht es, wie man sagt: das Ei lehrt das Huhn, die Sau meistert Gott, so auch: Phormio rüstet Hannibal. Aber alle Welt ist in allen Ständen voll solcher Phormionen, sie heißen Meister Klügel, der schändliche und schädliche Mann, der alles bester kann und doch nicht der Mann ist! Und wenn hundert andre an Hannibals Stelle gewesen wären und Hannibals Stärke Mut Volk Rüstung Kunst und alles gehabt hätten und noch mehr, so hätte doch keiner unter ihnen und alle zusammen nicht das tun können, was Hannibal getan hat, wie denn auch zu Karthago keiner mehr weder zuvor noch hernach es vermochte, auch sein Bruder nicht.

Auch als David den Goliath schlagen wollte, wollten sie ihn lehren, zogen ihm einen Harnisch an und rüsteten ihn. Ja, Lieber, David konnte den Harnisch nicht tragen. Er hatte einen andern Meister im Sinn und schlug den Goliath, eh man wissen konnte, wie ers tun sollte. Denn auch er war kein Lehrjunge, der in dieser Kunst erzogen war, sondern ein von Gott dazu erschaffe­ner Meister. Und wenn der König zu Syrien an Naemans Statt einen gesetzt hätte, der weiser und geschickter als sieben Naemane gewesen wäre, so hätte er mit demselben doch nicht so schön und fein in Syrien haushalten können. Denn nicht Syrien noch der König hatten Nae­man erzogen, sondern Gott gab, wie die Schrift spricht, durch Naeman Heil und Glück in Syrien. Durch einen andern hätte ers nicht getan, wie es denn auch von keinem andern mehr geschrieben steht. Wenn nu hier auch ein Phormio gekommen wäre und diesen Naeman hätte haushalten und Syrien regieren lehren [72] wollen, so würde ers ebenso fein getroffen haben als jener Phormio bei Hannibal. Darum spricht man auch zu deutsch: er ist der Mann nicht! oder: der Wirt ist nicht daheim! Haus und Hof, Land und Güter sind allezeit da, aber die Er­ben oder Hausherren und Fürsten sind nicht allezeit gleich. Was einer gewonnen hat, das ver­liert der nachfolgende, und umgekehrt ein andrer nachfolgender gewinnts wieder, wenn Gott es ihm geben will.

Auch in täglichen Geschichten und Erfahrungen sehen wir, wie die Eltern ihren Erben großes Gut, Land und Leute aufs allerfeinste verfaßt und geordnet hinterlassen, wie auch die Erben großen Fleiß und Mühe dransetzen, das Erbe zu erhalten oder zu bessern, und vielleicht mehr arbeiten als ihre Eltern. Dennoch zerrinnts und verdirbts unter ihren Händen und ist all ihre Arbeit und Sorge umsonst. Ich habe selbst oft Eltern von ihren Erben sagen hören: ach, unser Sohn wirds nicht tun! Warum denn nicht? es ist doch dasselbe Haus Gut Land und Erbe, und er selber ist fleißig und tätig! Ja, aber es ist nicht mehr derselbe Mann Wirt im Hause. Mit dem Wirt verändert sich das Haus. Novus rex, nova lex (neuer König, neues Recht), ein andrer Mann, ein ander Glück. Denn Gottes Wunder vererben sich nicht und sind auch nicht unser eigen noch uns unterworfen wie die Güter, Haus und Hof. Gott will frei sein, solche Wunder­leute und Edelsteine zu geben, wann wo und wem er will.

So findet man zuweilen in allerlei Ständen ausbündig geschickte Männer und unter Knaben und Lehrjungen einen, der in einem Tage mehr lernt als ein andrer in fünf Jahren. Mancher, wenn ers ansieht, so kann ers, greifte an und es geht ihm fein von der Hand. Ein andrer lernt und arbeitet sein Lebtag, und machte dennoch nie so gut. Herr Fabian von Feilitzsch[11] war kein Doktor der Rechte, aber wenn er seine Sache hörte, riet er dazu und traf ins Schwarze, wo ein andrer Doktor tausend Blätter untersucht und dennoch das Richtige kaum getroffen hätte. Warum? Er war kein gelehrter und erzogener, sondern ein geschaffener Jurist und bedurfte keines Phormio, der ihm lange von scharfem oder stumpfem, schlechtem oder krummem Recht gepredigt hätte.

Herzog Friedrich selig, Kurfürst zu Sachsen[12], war dafür geschaffen, als ein weiser Fürst im Frieden zu regieren und Haus zu halten, wie er denn auch zu seiner Zeit im Römischen Reich, wie man sagt, ein Licht der Welt war. Er hatte, wie ich später von denen, die um ihn gewesen sind, erfahren habe, die Art, daß er seine Räte raten ließ und gleichwohl das Gegenteil davon tat, jedoch mit soviel Vernunft und Grund, daß sie nicht dagegen reden konnten. Er hatte aber solches nicht gelernt, war auch nicht dazu erzogen, sondern es steckte zuvor in ihm. Und wie­wohl etliche Große und viele Phormionen ihm nach dem Zügel griffen und ihn gern regiert hätten, so setzte er doch seine Hörner auf und ließ nichts gut und recht sein, was ihm einer raten wollte. Er hat auch gesagt, seine Räte hätten ihm oft fein und gut geraten, dennoch habe ers nicht angenommen, sondern sich ganz [73] eigensinnig dagegen gestellt. Warum er das getan hat, hat er allein gewußt. Aber gewißlich hat Gott es ihm so in den Sinn gegeben, weil er einer der Wundermänner Gottes gewesen und dazu erschaffen war. Denn wenn ers aus den Händen gegeben hätte und sich hätte regieren lassen, so hätte sich sein Glück und seine Weis­heit wohl umgekehrt und wäre er durch seine klugen Räte dahin gekommen, daß er einen Löf­fel aufgehoben und eine Schüssel zertreten hätte. So liest man auch von Augustus, er habe das Regiment aus der Hand legen wollen, aber Sorge bekommen, es möchte dann übler geraten, und es darum behalten. Denn weise Räte und kluge Leute weisen bei Fürsten oft auf großen Nutzen hin, wissen aber nicht, daß sieben Schäden hinter solch kleinem Nutzen liegen. Sie meinens freilich gut, aber sie denken nicht daran, daß Gott höhere Gedanken hat als sie und ihm das nicht auch gut dünken muß, was ihnen gut und nützlich dünkt.

Ich muß noch ein Geringes von ihm sagen, denn er ist mein lieber Herr gewesen und hat mich zum Doktor gemacht. Einstmals hat ihn Doktor Henning Göde[13] haushalten lehren wollen und gesagt: gnädigster Herr, warum lasten E.K.G. mit grünem Holz Feuer halten und nicht mit dürrem? es ist ja ein Unrat. Lieber Doktor, sprach er, was in euerm Haus Rat ist, das ist in meinem Hause Unrat. So ist er in allen Sachen ein Mann gewesen. Aber er hat damit auch sehr viele Affen und Gäuche gemacht und hinterlassen. Denn gar viele, deren etliche ich ge­kannt habe und etliche noch leben, da sie sahen, daß Herr Friedrich solches wohl anstand und ihn berühmt machte, gedachten sie dem Exempel nachzufolgen und wollten auch weise wer­den. Sie fingen an, allem zu widersprechen, was man sagte, und wenn es die höchste Weisheit war. Sie ließen nichts für gut und recht gelten und wollten damit flugs Herr Friedrich sein. Aber sie waren ja doch nicht als Herr Friedrich geschaffen, sondern machten sich selbst zu Herrn Friedrich, blieben aber doch nur unnütze Phormionen, die zwar viel plaudern und schwatzen konnten von Weisheit, aber doch zur Weisheit weder geschaffen noch erzogen waren, gleichwie die Heuchler sich aus guten Werken selbst fromm machen, wo doch erst der Mann fromm sein muß, eh er gute Werke tut. So war es ein lächerlich Spiel und klangen die Schellen an ihrem Hals und Ohren, daß man sie über viele Meilen Wegs hören konnte. Was ist auch lächerlicher, als wenn ein Affe Menschenwerk tun will? Und was kann Närrischeres geschehen, als wenn ein Narr eines klugen Mannes Werk tun will? Es ist, als wenn der Esel auf der Harfe spielen und die Sau spinnen wollte und ihre Pfoten subtil und wohl geschickt dazu wären. Die Grie­chen sprechen: wenn ein Affe gleich Königskleider anhätte, so wäre er doch ein Affe. – Aber so geht es in der Welt zu: wo Gott eine Kirche baut, da kommt der Teufel und baut daneben eine Kapelle, ja wohl unzählige Kapellen. Wo er einen Mann gibt im geistlichen oder welt­lichen Stande, da bringt der Teufel seine Affen und Gäuche auch zu Markt, die alles nachtun wollen, und wird doch lauter Affen-[74]spiel und Gaukelwerk dar­aus. Denn sie sind die Leute nicht, wie die Schrift spricht, durch welche Gott Glück und Heil geben will.

Aber die heillosen Leute und verdrießlichen Narren meinen, sie müßten sich stellen, wie die rechtschaffenen, weisen, großmütigen Leute tun, als gehöre sonst nichts dazu, als sich so zu stellen. Aber die rechtschaffenen Leute stellen sich nicht weise noch tätig, sondern sie sinds und tuns. Ich habe derselben einen gesehen: der konnte auch alles: sprach man von Kriegen, so hatte er weiß nicht wieviel Hannibale erschlagen; sprach man von Weisheit, so hatte er fünfzehn Salomos im Maul, im Herzen aber einen ganzen Schwarm von Narren; niemand war etwas, er war alles. Daher nannte man ihn Doktor Spieß, weil er ein Edelmann und Reiter war. Aber sein Geschlecht hat sich sehr gemehrt, so daß nicht allein an Königs-und Fürstenhöfen viele Doktor Spieß sind, sondern auch in den Städten und auf dem Lande will jedermann Doktor Spieß sein. Und wenn er das Regiment haben kann, so versiegelt ers auch wahrlich so, daß man sagen muß: hier ist Doktor Spieß gewesen! Denn wenns zum Treffen und zur Not kommt, so findet sich, daß sie nichts taugen und daß die Katze das Licht fallen läßt und der Maus nachläuft[14].

Dann verschwinden beide, der Doktor und der Spieß miteinander und bleibt nur noch der Name Doktor Spieß. Ach, wo nichts drin ist, da kommt auch nichts heraus. – Wo solche Affen und Gäuche nur in geringen Sachen wie z.B. im Haushalten narrten, wäre es noch leidlich und erträglich. Aber wenn es Land und Leute, Königreiche, Fürstentum und dergleichen große wichtige Sachen in Krieg und Frieden betrifft und da einer Hannibal oder Naeman sein will, der doch nichts als Phormio oder Hanswurst ist, und sich solcher Werke untersteht, zu denen er nicht der Mann ist, das ist der leidige Teufel und richtet Jammer und alles Unglück an.

Man beginnt jetzt, das natürliche Recht und die natürliche Vernunft zu rühmen, weil alles geschriebene Recht aus ihnen gekommen und geflossen sei. Und es ist ja wahr und mit Recht gerühmt. Aber der Fehler ist der, daß ein jeglicher wähnt, das natürliche Recht stecke in sei­nem Kopf. Ja, wenn du Naeman, Augustus, Herr Friedrich, Fabian von Feilitzsch wärst, so wollt ichs glauben. Wo rechnest du aber hin, daß du derselben keiner bist? Und wenn Herr Friedrich seine eigenen Worte in deinen Mund legte und seine Gedanken in dein Herz steckte, so würdest du damit dennoch nicht anders als du bist und bliebest Phormio und Hanswurst wie zuvor und würde weder Glück noch Heil bei dir sein. Darum schreiben auch die Heiden, von der Erfahrung gezwungen: es geschieht, daß zwei einerlei Werk tun, dennoch tut der eine Recht, der andre Unrecht. Denn es liegt an der Person. Will Gott dieselbe haben, so muß es (ihm) geraten, wenn er gleich Hans Narr wäre. Ists nicht die Person oder der Mann, so gerät es nicht, und wenn [75] neun Salomo in seinem Kopf und fünfzehn Simson in seinem Herzen säßen.

Wenn das natürliche Recht und die natürliche Vernunft in allen Köpfen steckte, die Men­schenköpfen gleich sind, so könnten Narren Kinder und Weiber ebensogut regieren und Krieg führen als David Augustus und Hannibal und müßten Phormionen so gut sein als Hannibale. Ja, alle Menschen müßten gleich sein und keiner dürfte über den andern regieren. Welch ein Aufruhr und wüst Ding würd hieraus werden? Aber nu hat es Gott so geschaffen, daß die Menschen ungleich sind und einer den andern regieren, einer dem andern gehorchen muß. Es können wohl zwei miteinander singen d.h. in gleicher Weise Gott loben, aber nicht miteinan­der reden d.h. regieren, einer muß reden, der andere hören. Darum findet sichs auch, daß unter denen, die sich natürlicher Vernunft oder natürlichen Rechts vermessen und rühmen, gar viel weibliche und große natürliche Narren sind! Denn das edle Kleinod, das natürlich Recht und natürliche Vernunft heißt, ist ein seltsam Ding unter Menschenkindern. Solche Wunder­leute Gottes wollen wir fahren lassen samt ihren Affen und Wunderleuten des Teufels.

Denn Gottes Wunderleute und die Davide und Hannibale sind derart, daß sie in ihrem Regi­ment deines und meines Rats nicht bedürfen, weil sie einen bessern Meister haben, der sie schafft und treibt. Wie auch Aristoteles in der Politeia[15] sagt, solche Leute seien die Meister und das Recht selbst. Und die Rechtsbücher selbst bezeugen, daß ein Kaiser das lebendige Recht auf Erden sei. Die Affen aber sollten sich sehr wohl raten und sagen lassen, bedürfens auch, aber sie wollens nicht tun, sondern den rechten Wunderleuten gleich sein und ihnen alles nachtun; denn der Teufel reitet sie und führt sie. Freilich vermessen sich auch die rech­ten Wunderleute zuweilen und versuchen das Glück zu hoch. Oder wenn ihr Stündlein kommt, da Gott die Hand (von ihnen) abzieht um ihrer Vermessenheit und Undankbarkeit willen, da fallen sie so, daß ihnen kein Rat noch Vernunft mehr helfen kann und sie unter­gehen müssen, wie dem Hannibal geschah. Sie fühlens aber wohl, und ihr Herz sagts ihnen ganz gewiß, wenn ihr Glück sich wenden will oder wenn sie es mit Vermessenheit übertrieben haben.

Nun wollen wir die andern vornehmen, die nicht Wunderleute sind noch von Gott so getrie­ben werden. Hier fragt sich: soll man denn nichts lernen oder guten Exempeln der weisen und großen Leute nachfolgen? warum hält man uns denn solche Exempel vor? Im geistlichen Stande hält uns die Schrift ja auch Christus und seine Heiligen als Exempel vor. Antwort: o, wer das nur recht könnte! Freilich soll man in allen Ständen guten Exempeln folgen, aber ohne daß wir zu Affen werden und Affenspiel treiben. Denn der Affe will alle Dinge nach­tun[16]. Ein jeglicher soll sich, wenn er einem andern nachfolgen will, selber prüfen, was er vermag. Denn wir sind nicht alle gleich. Wer so schwach ist, daß er nicht gut [76] gehen kann, dem ists keine Schande, wenn er nicht ebenso läuft wie ein Starker, sondern es steht ihm in Ehren an, wenn er sich leiten und führen läßt oder an einem Stabe geht und so weit kommt, als er kann, und den Starken lobt, der ihm weit voraus läuft. Man sagt: wer nicht Kalk hat, der muß mit Kot mauern. Das ist auch gemauert und den Kalkmaurern nachgefolgt, wenn auch nicht gleich, gut gemacht. Ein Kranker, der ebenso arbeiten und laufen will wie ein Starker, verdirbt sich nur desto mehr und tötet sich. Und wenn Doktor Martinus nicht so gut Episteln schreiben oder predigen kann wie Sankt Paulus an die Römer oder Sankt Augustinus, so steht es ihm wohl an, ein Stück aus Sankt Paulus und Sankt Augustin zu erbetteln und ihnen nach­zupredigen. Wenn ers nicht ebenso gut macht noch ihnen gleichtut, so soll er denken, daß er nicht Sankt Paulus noch Augustinus ist, die ihm vielmehr weit vorausspringen und denen er nachkriecht. Und wenn Doktor Spieß nicht so weise und hochvernünftig sein kann wie Herr Friedrich oder Fabian von Feilitzsch, so steht es ihm wohl an, sich lehren zu lasten oder die Rechtsbücher zu lesen, die von den Helden der Weisheit als Lehre und Exempel für Leute mit kleinem Verstand und schwacher Vernunft verfaßt sind. Dem sollen sie nachkriechen, weil sie von selbst nicht ebenso laufen oder springen können. Wenn Phormio nicht so gut Krieg zu führen weiß wie Hannibal, so halt er sich an Hannibal und lerne von ihm, soviel seine Natur zu lernen vermag. Was er nicht erreicht, das lasse er Hannibal und denke, daß er Phormio und nicht Hannibal ist.

Aber das ist der Teufel und die Plage in der Welt, daß wir in allen Dingen, an Stärke Größe Schönheit Gütern Gesicht Farbe usw. untereinander ungleich sind, aber an Weisheit und Glück wollen alle gleich sein, obwohl wir hierin am allerungleichsten sind. Und was noch ärger ist: hierin will jeder über dem andern sein. Und besonders Doktor Spieß und Meister Phormio wagen auch die rechten Wunderleute zu meistern und für Narren zu halten, und diesen schändlichen Narren und Klüglingen kann es niemand recht machen, wie Salomo spricht (Spr. 26,16): ein Narr dünkt sich klüger als sieben Weise, die das Recht setzen. Das ist das uns angeborene Gift der Erbsünde und der Apfelbiß, durch den uns der Teufel klug und Gott gleichgemacht hat. Daher kommt es, daß Narren nicht Narren sein wollen und Doktor Spieß der größte Doktor und Meister Klügel der größte Meister auf Erden ist. Diese regieren in der Welt, Gott plagt uns mit solchen Leuten.

So schreibt der Heide Plato[17]: es gibt zweierlei Recht, das Justum natura, und das Justum lege d. h. das gesunde Recht und das kranke Recht. Denn was aus Kraft der Natur geschieht, das geht frisch voran auch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze hindurch. Aber wo die Natur nicht da ist und mans mit Gesetzen schaffen muß, da ist Bettelei und Flickwerk und geschieht dennoch nicht [77] mehr, als in der kranken Natur steckt. Wenn ich z.B. ein all­gemeines Gesetz mache: man soll zur Mahlzeit zwei Semmel essen und einen Nössel[18] Wein trinken. Kommt nu ein Gesunder zu Tisch, der frißt wohl vier oder sechs Semmel und trinkt eine Kanne oder zwei und tut mehr, als das Gesetz sagt. Kommt ein Kranker, der ißt einen halben Semmel und trinkt drei Löffel voll, mehr hält er nicht von dem Gesetz, denn seine kranke Natur vermags nicht; wenn er das Gesetz halten wollte, müßte er sterben. Hier ists bester, ich lasse den Gesunden ohn alles Gesetz essen und trinken, was und wieviel er will. Dem Kranken aber geb ich Maß und Gesetz, je nachdem wieviel er kann, damit er es dem Gesunden nicht nachtun muffe.

Nu ist die Welt ein krank Ding, ein Pelz, an dem Haut und Haar nicht gut ist. Die gesunden Helden sind selten, Gott gibt sie teuer, und doch muß regiert sein, wenn Menschen nicht wilde Tiere werden sollen. Darum bleibte in der Welt gemeiniglich lauter Flickwerk und Bettelei und ist ein rechtes Spital, wo es Herren und Fürsten und allen Regierenden an Weisheit und Mut, an Glück und Gottes Treiben fehlt wie den Kranken an Kraft und Stärke. Darum muß man hier flicken und plätzen[19] und sich aus den Buchstaben oder Büchern mit der Helden[20] Recht Sprüchen und Exempeln behelfen. So müssen wir der stummen Meister d.h. der Bücher Schü­ler sein und bleiben und machens doch nimmermehr so gut, als in ihnen geschrieben steht, sondern kriechen hintennach und halten uns an ihnen wie an Bänken oder Stecken, fol­gen daneben auch dem Rat der Besten, die mit uns leben, bis die Zeit kommt, da Gott wieder einen gesunden Helden oder Wundermann gibt. Unter dessen Hand geht alles besser oder mindestens ebensogut, als in einem Buch geschrieben steht. Verändert das Recht entweder oder meistert es so, daß im Lande alles grünt und blüht mit Friede Zucht Schutz Strafe und man es ein gesundes Regiment nennen kann. Dennoch wird er daneben zeitlebens aufs höch­ste gefürchtet geehrt geliebt und nach seinem Tode ewiglich gerühmt. Und wenn ein Kranker oder ihm Ungleicher es ihm nachtun, ihm gleich oder besser sein wollte, den hat Gott gewiß zur Plage der Welt geschickt, wie auch die Heiden schreiben: der Helden Kinder sind lauter Plagen.

Denn was hilft große hohe Weisheit und trefflicher herzlich guter Mut oder gute Meinung, wenn nicht Gott die Gedanken treibt und Glück dazu gibt? Dann finde doch lauter Fehlgedan­ken und vergebliche, ja auch wohl schädliche und verderbliche Meinung. Darum heißt es sehr richtig: die Gelehrten, die Verkehrten! Desgleichen: ein weiser Mann tut keine kleine Torheit! Auch alle Historien der Heiden bezeugen, daß die Weisen und gutmeinende Leute Land und Leute verdorben haben. Das ist alles von den selbstweisen oder kranken Regieren­den gesagt, die Gott nicht getrieben und denen er kein Glück gegeben hat, die es aber doch sein wollten. Darum ist ihnen das Regiment zu hoch gewesen, sie Habens nicht können ertragen noch hin­ausführen, wurden also von ihm erdrückt. [78] und kamen um wie Cicero Demosthenes Bru­tus[21] u. dgl., die doch über die Maßen hochweise und verständige Leute waren, so daß sie Leuchten im natürlichen Recht und natürlicher Vernunft heißen konnten. Doch haben sie zu­letzt das elende Klagelied singen müssen: ich hätt es nicht gemeint! Ja, Lieber, das gute Mei­nen macht viele Leute weinen. Summa summarum: es ist eine hohe Gabe, wo Gott einen Wundermann gibt, den er selbst regiert. Derselbe kann ein König, Fürst und Herr heißen mit Ehren, ob er nun selbst Herr ist wie David Augustus und dergl. oder (nur) Rat zu Hofe wie Naeman in Syrien. Darum spricht auch Salomo in Prediger (9,11): zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zum Reichtum hilft nicht klug und angenehm sein, dazu hilft es nichts, alles wohl zu können, sondern es liegt alles an der Zeit und am Glück. Was heißt das andres als: Weisheit mag da sein, hohe Vernunft mag da sein, schöne Gedanken und kluge Anschläge mögen da sein, aber es hilft nichts, wenn sie Gott nicht gibt und treibt, sondern geht alles hinter sich.

Das sei zunächst genug gesagt von dem ersten Vers dieses Psalms. David lobt in demselben Gott und dankt ihm für sein gutes Regiment und Haushalten, womit er bekennt, daß ers nicht aus seiner hohen Vernunft und seinen weisen Gedanken gestiftet und erhalten habe, sondern aus Gottes Mitwirken und Treiben, der ihm solches alles eingegeben und mit Glück und Heil gefördert und gesegnet habe. Daraus sollen alle Fürsten und Regenten wie gesagt lernen, daß, wenn sie wohl regieren, nicht sie es sind, sondern der, der das Gedeihen und den Segen dazu gibt. Und von den Doktor Spieß und Meister Klügel sollen sie sich nicht äffen oder narren lassen, sondern Gott vertrauen und ihn anrufen, daß er ihre Herzen lenken und führen wolle zu seligem Regiment und ja nicht von ihnen die Hand abziehe noch sie ihrer eigenen Klugheit und ihren schönen Ratschlägen überlaste, damit sie sich nicht vermessen dessen unterwinden, was ihnen zu hoch ist. Denn das hat keinen Bestand, und das Ende wird faul und schal sein.

Vers 2 – 4:
Das rechte geistliche Regiment

(2) Ich handle vorsichtig und redlich bei denen, die mir zugehören, und wandle treulich in meinem Hause.

In den nächsten drei Versen zeigt er nacheinander an, wie er nach dem geistlichen Stande hausgehalten und sein Reich regiert habe, nämlich im Wort und Dienst Gottes. Die nächsten vier Verse zeigen an, wie er im weltlichen Stande regiert habe. Das ist der ganze Psalm. [79]

Erstlich spricht er also: Ich handle vorsichtig und redlich bei den Meinen und wandle treulich in meinem Hause. Als wollt er sagen: es ist, o Herr Gott, nicht meine Vernunft noch Weisheit, sondern dein Segen und Werk, daß ich mein Reich und Haus so fein und wohl regiere und mit den Meinen redlich und recht umgehe. Hier zeigt er zweierlei Stücke an, die er als ein Wun­dermann für seine Person kann.

Erstens, daß er sein Reich vorsichtig und redlich regiert und bei Gottes Wort erhält. So lesen wir auch im zweiten Buch Samuel (6,2 ff.), wie David mit Ernst und ganzem Herzen den Gottesdienst und die Lade wieder hervorsuchte und aufrichtete. Denn zu Sauls Zeiten, spricht er, (1. Chr. 13,3) fragten und suchten wir die Lade nicht, als wollt er sagen: unter Saul war der Gottesdienst zerfallen und lag die Lade im Staube. Aber nun zieht er sie hervor und sammelt das ganze Israel dazu. Desgleichen wollte er auch den Tempel bauen, aber Gott befahl es sei­nem Sohn. Aber gleichwohl stiftete er viel Gottesdienst und machte zu Gottes Lobe Psal­men und Saitenspiel. Summa summarum, es hieß, wie er sich anderswo im Psalter rühmt: deus loquitur in sanctuario suo d. h. ich habe in meinem Königreich das rechte reine Gotteswort und unsträfliche redliche Lehre, so daß ich keine Abgötterei Rotten Spaltungen oder irrige Lehrer stifte oder halte. Das meint er, wenn er sagt: ich handle vorsichtig und redlich bei den Meinen. Vorsichtig, das heißt: nach Gottes Wort. Denn dies Wort steht auch im zweiten Psalm (V. 10): ihr Könige, seid klug d.h. laßt euch weisen, höret Gottes Wort, so werdet ihr selig und glücklich regieren. So heißt auch hier ‚ich handle vorsichtig’: ich lasse mich von Gottes Wort leiten, darum geht mein Regiment auch klüglich und glücklich. ‚Redlich‘ aber heißt unsträflich und rein d.h.: ich lasse mir keinen falschen Glauben noch falsche Artikel untermengen. Denn das Wörtlein ‚thamin‘ bedeutet: ohne Fehler, ohne Flecken, rein, fein, ungefälscht. Fürwahr, dies Stück kann man wohl allen Königen Fürsten und Herren als ein rechtes Wunderwerk rühmen zu einem Exempel, dem sie folgen mögen, soweit ein jeglicher kann. Denn solches David nachzutun oder gleich gut zu machen wie er, dazu gehören keine gewöhnlichen Könige noch Herren, sondern Gottes Wunderleute, denen er’s in Sinn und Herz gibt, daß sie es mit Ernst angreifen und auch hinausführen. Denn solcher Ernst und solche Taten stecken nicht in der Vernunft noch im natürlichen Recht. Alle Könige und Fürsten, wenn sie (nur) der Natur und der höchsten Weisheit folgen, müssen Gottes Feinde werden und sein Wort verfolgen, wie der zweite Psalm (V. 11) sagt: warum toben die Heiden und die Könige lehnen sich auf wider den Herrn und seinen Christus? Solches beweisen auch alle Historien aller Königreiche, auch im jüdischen Reich werden kaum drei Könige als recht und gut gepriesen, und David wird ihnen allen als das einzige Exempel vorgehalten. Alle andern haben gemeiniglich mit Abgöttern und falschen Propheten regiert und die rechten Propheten verfolgt und ermordet und Gottes Wort verdammt. Darum ist’s kein Wunder, daß weltliche Könige Fürsten und Herren Gottes Feinde sind und sein Wort verfolgen. Es ist ihre angebore­ne Art und der Vernunft Natur und Eigenschaft, daß sie keine Gnade und keinen Verstand hat, etwas andres zu [80 denken oder zu tun. Darum malt der zweite Psalm diese Farbe in ihren Helm und Schild und nennt sie Widersacher Gottes und seines Christus. Und wir sehen, daß es in der Welt ebenso zugeht, wie es da im Psalm steht. Wo aber ein König oder Fürst oder Adel ist, dies ich mit Ernst um Gott und sein Wort annehmen, die kannst du wohl für Wunder­leute Gottes halten und seltsam Wildbret im Himmelreich heißen. Denn sie tun solches nicht aus Vernunft oder hoher Weisheit, sondern Gott rührt ihr Herz und treibt sie sonderlich, daß sie nicht gleich andern Königen und Herren Gott widerstreben, sondern nach dem Exempel Davids sein Wort fördern, soweit ihnen Gott hilft und es verleiht.

Denn wenn zu solchem Wunderwerk Vernunft oder hoher Verstand genügte, so hätten sich unsre Könige Fürsten und Herren in deutschen Landen längst anders gegen Gottes Wort gestellt. Denn es mangelt an hoher Vernunft nicht. Auch wird Gottes Wort mit Predigen Sin­gen Sagen Schreiben Malen so gewaltig hell und klar verkündet, daß sie bekennen müssen, es sei das rechte Gotteswort. Sie können nicht mehr gegen es sagen, als daß es nicht von ihnen angefangen noch in einem Konzil verordnet ist. Darum nennen sie es auch nicht Ketze­rei, sondern Neuigkeit und Unbequemlichkeit. Was hilft nun hier ihre hohe Vernunft? was hilft’s, daß sie wissen und sehen, daß es recht ist? Fürwahr, sollte das helfen, so hätten sie diese letz­ten zehn Jahre weit über David hinauskommen können. Denn er fand und hatte es nicht so gewaltig und klar. Aber es fehlte daran, daß Gott sie nicht dazu erwählt hat, solche Wunder­leute zu sein und solche Wunder bei seinem Wort und Dienst zu tun. Darum läßt er sie im allgemeinen Haufen der andern Könige und Fürsten bleiben, die, wie der zweite Psalm sagt, Gott und seinen Christus verfolgen. Darum sagt auch Salomo (Pred. 7,14): siehe an die Werke Gottes, daß niemand den bessern kann, welchen er verachtet. Doch sind sie damit nicht ent­schuldigt. Denn wenn sie auch keine Gnade haben, in Gottes Dienst Wunder zu tun, sollten sie doch tun, soviel sie vermögen, oder zumindesten sich nicht dagegen stellen und verfolgen. Wie sprach Papst Julius[22]: wollen wir nicht fromm sein, so laßt uns doch andern Leuten nicht wehren, fromm zu sein?

Fürwahr, David hat das Liedlein hoch angefangen, indem er singt, er habe klüglich und un­sträflich regiert. Wer kann wissen und erdenken, wie viel und großen Widerstand er dabei hat leiden und gar manchen großen Haß auf sich nehmen müssen? Denn es wird nicht allen Großen und Reichen gefallen haben, daß er alle Abgötterei und Ärgernisse weggeräumt und jedermann zu dem einen reinen Gottesdienst angehalten hat. Sie haben sicher auch ihre alten Nasen als die besten gerühmt und ihrer vorigen Väter Brauch und Gewohnheit nicht gerne nehmen oder ändern lassen. Und wenn ein Volk auf Erden ist, das fest und hart an Abgötterei gehalten hat, so ist es Davids d.h. das jüdische Volk gewesen. Und [81] man spürt es wahrlich in Davids Geschichten, daß gar viele ihm heimlich über die Maßen Feind gewesen sind und, wenn sie Raum kriegten, gar weidlich halfen, ihn zu stoßen, zu verjagen, zu plagen und ihm alles Leid anzutun. Dennoch hat er sein Lied hinausgesungen und alles an Gott und sein Wort gewagt. Darum kann er wohl mit allen Ehren allen Königen zum Exempel singen: ich handle vorsichtig und redlich bei den Meinen. So hält er feinste Ordnung nach Christi Lehre (Mt. 6,33): suchet zum ersten Gottes Reich und seine Gerechtigkeit, so soll euch das andre alles zufallen. Aber es gehört ein von Gott getriebener und geführter Mann dazu, der dies wagt und angreift. Zum andern: und wandle treu und redlich in meinem Hause. Außer dem, daß er sein Königreich so göttlich regiert hat, hat er desgleichen auch sein Haus zu Gottes Wort gezogen, auf daß er nicht, wie St. Paulus sagt (1. Kor. 9,27), andre lehre und selbst sträflich werde. Den Bischöfen d.h. Pfarrherrn und Predigern befiehlt er gar ernstlich, sie sollten zuvor ihre eigenen Häuser wohl regieren, züchtige stille Weiber und gehorsame fromme Kinder haben, damit sie nicht die Christen durch ihr Hauswesen mehr ärgern als mit der Predigt bessern. Und er schließt stracks (1. Tim. 3,5): wie können sie den Kirchen recht vorstehen, wenn sie ihren eigenen Häusern übel vorstehen? Es läßt sich auch nicht anders tun. Wem es ernst ist, der Kirche treulich zu dienen und Sünde zu strafen, der kanns freilich nicht leiden, daß sein Haus Weib und Kind sträflich und mutwillig leben soll. Läßt er aber sein Haus ungezogen und nach eigenem Willen leben, so wird er sich gewißlich der Kirche und andrer auch nicht groß anneh­men. So ist er dann nicht mehr ein Pfarrherr oder Prediger, sondern ein Wolf und des Teufels Geselle, weil er den Teufel zu Hause und in der Kirche machen läßt, wie er will, wie Papst Bischöfe und Pfarrherren getan haben und noch tun.

Wenn so ein König oder Fürst zu Hofe oder in Ämtern Gotteslästerer und Verächter oder Feinde seines Worts leiden kann und sie nach ihrem Gefallen öffentlich böses und schänd­liches Wesen führen, den Leuten Gewalt und Unrecht tun läßt und sie nicht straft noch ihnen wehrt, was hülfe es demselben, wenn er im ganzen Land heftig anhielte, Gottes Dienst Wort und Ehre zu fördern? Man würde doch von ihm sagen, wie Lk. 4(,23) geschrieben steht: Arzt, hilf dir selber! Auf deutsch: Hans, nimm dich selbst bei der Nase. Denn die andern sehen doch mehr auf seinen Hof, sein Gesinde und seine Amtleute als auf sein Gebot, folgen auch mehr dem Exempel seines Hauses als seinem Befehl und entschuldigen sich mit seinem Exempel gegen sein eigenes Gebot. So kommt es dahin: was er mit den Händen baut, das zertritt und zerbricht er mit den Füßen. Wie es David darüber ergangen ist, ist leicht zu denken. Denn die Hofjunker und Amtleute sind gern frei und wollen lieber selber Herren im Lande sein und sind es auch, wenn kein David regiert. Und wenn sie tun müssen, was sie nicht gerne tun, da können sie doch ausschauen und lauern auf ihre Zeit, dazu können sie ihre scheelen Augen und ihr Schalksgesicht eine Zeitlang fein verbergen wie der Schalk Ahitophel. Der war lange Davids nächster und bester Rat, half aber zuletzt weidlich, David mit Füßen zu treten, bezahl­te sich aber bald darnach selber, indem er [82] sich mit eigenen Händen erhängte. – So hat auch ein Markgraf zu Meißen[23]gesagt, ein Herr brauche sich nicht zu fürchten vor denen, die ferne von ihm sind, sondern vor denen, die ihm zunächst auf dem Fuße folgen, denn dieselben wollten ihm viel lieber auf den Kopf treten. Das ist die Wahrheit. Wenn Gott einem Fürsten und Land wohl will, so gibt er ihm einen feinen Naeman oder Joseph, durch welchen alles wohl geht und gerät, wie Jesus Sirach sagt (10,5). Aber wenn er einem Fürsten übel will, so gibt er auch dem frommen David einen Ahitophel an die Seite und Fersen, welcher sich stellen kann, als rede Gott durch ihn, und eine Zeitlang auch den frommen David betrügt. So schwer ist es zu Hofe, die großen Teufelslarven zu erkennen und zu regieren. Hier muß Gott selber den Herrn regieren gegen alle Hofschranzen oder ihm einen frommen Joseph geben, bei welchem das Vertrauen des Fürsten nicht fehlgeht. Sonst geht es ohne Schaden des Fürsten und seiner Leute nicht ab.

Wer kann die List und Bosheit des löblichen Gesindes zu Hof und auf den Ämtern erzählen? Und wenn mans auch alles erzählen und aufs genaueste beschreiben könnte, was hülfs? Sie werden davon doch nicht bester, sondern wie die Juden aus Christi guten Predigten viel ärger. Ein frommer Hauswirt oder Bürger kann einen bösen Knecht oder eine böse Magd nicht zu­rechtbringen, also einen kleinen Schalk nicht fromm machen, und wenn er einen Schaden stra­fen will, muß er leiden, daß der Bube ihm dafür zwei größere Schäden antut, besonders wo das Regiment schlaff und lose ist. Wie will dann ein Fürst oder Herr allein so große und so viele Schälker in seinem Hof und Land fromm machen, besonders wo dieselben so frei und gewaltig sein wollen und dazu eine heimliche Kathrin oder Käthe wider ihren Herrn machen, so daß es von ihm heißen kann, er ist an eine schöne eiserne Jungfrau Käthe gebunden! Ein Hauswirt geht zu Fuß und stößt sich oft an einem Holz oder Stein, steht aber wieder auf, wenn er auch ein wenig hinkt. Aber ein Fürst und Herr ist ein großer Hauswirt, der reitet große teure Hengste. Die wollen das beste Futter und den Zaum frei und lang haben, die Sporen nicht leiden, auf der Gaffe quer gehen, um sich schlagen stoßen und beißen und dabei hoch geehrt und gefürchtet sein unter dem Sattel und Schmuck ihres Herrn. Zuletzt aber, wenn die Laune und der Koller sie ankommt, wollen sie ihren Herrn aufs Pflaster legen, daß Land und Leute sich an ihm laben und kühlen können. Diese Hengste ziehe und lehre ein andrer als ich und solchen Hasenkopf streife der Teufel, denn zu solchem Wild gehört ein solcher Waidmann.

Darum, wenn nicht Gott entweder dem Gesinde Gnade gibt, daß sie freiwillig fromme Jose­phe und Naemane sind, auf die sich der Herr verlassen kann, oder dem Herrn einen furchtge­bietenden ernsten strengen Mut eines Helden, der fast makkabäisch oder tyrannisch sein muß und gar niemand vertrauen darf, dann muß man eben flicken und aushelfen, soviel möglich ist, und daneben Geduld haben und denken, Gott sei nicht daheim und habe demselben Lande seine Gnade entzogen, [83] um die Sünde zu strafen, und solche Strafe sei bester als eine ärgere. Denn es kann ja nicht anders sein, wie davon in den Königsbüchern viele Exempel sind. Was konnte Samuel tun, als sein König Saul sich von Doeg und anderen dazu verführen ließ, großen Schaden zu tun? Auch Jeremias mußte unter dem frommen König Zedekia allen Jammer mit ansehen, den das Hofgesinde trieb, bis Gott mit der Strafe über sie kam. Es ist allgemein der Könige und Fürsten, besonders der frommen, allergrößte Plage, daß sie un­treue falsche böse Buben als größte Herren im Lande nicht allein leiden, sondern auch selber setzen und machen müssen, wie David den Ahithophel, Salomo den Edereser. Es geht ihnen beim großen Haus-halten wie den Bürgern beim kleinen Haushalten, wo einer einen Dieb und Buben als Knecht und eine Hure und Diebin als Magd leiden und nehmen muß.

Ich habe oft von Kaiser Friedrich III.[24] sagen hören, den Fürsten im Reich habe sein Haus­halten nicht gefallen und sie hätten geklagt, daß er den Brühschenk zu Hofe habe regieren lasten. Darauf hat er einmal geantwortet: ja, aber es gibt gewiß keinen, der nicht auch einen Brühschenk[25] an seinem Hof hätte. Aus diesen und anderen Stücken merkt man, daß es die­sem Kaiser Friedrich an Weisheit, Vernunft und Macht nicht gefehlt hat, aber der Mut und die Gedanken, die es tun sollten, waren ihm von Gott nicht gegeben. Wäre er ein Matthias[26] ge­wesen, so hätte er Brühschenk, Frühschenk und Abendschenk fahrenlassen und es wäre ihm dennoch gut gelungen. Aber weil er der Wundermann nicht war, der einen neuen Pelz machen konnte, mußte er an dem alten bösen Pelz flicken und aushelfen, soviel er konnte, und das übrige gehen und Gott machen lasten. Nicht viel bester ist vor ihm Kaiser Sigismund[27] gewe­sen, ein feiner, hochverständiger, frommer, herzhafter Mann, dem es an Vernunft und Macht auch nicht fehlte, aber für die Sachen seiner Zeit waren seine Gedanken und sein Glück zu gering. Darum sagt Salomo (Spr. 16,1 f.): der Mensch nimmt sich’s wohl im Herzen vor, aber von Gott kommt, was die Zunge reden soll; einen jeglichen dünken seine Wege rein, aber allein der Herr macht das Herz gewiß. O, solche und dergleichen Sprüche sind große, treffli­che und recht königliche Sprüche gegen die Naseweisen und Dünkelhaften. Die Absicht ist gut, sagt er, und der Weg ist rein recht köstlich und gut. Also flugs danach getan, weil es so fein und gut aussieht! Aber, sagt er, es ist zwar fein bedacht und wäre gut, wenn es so ginge, aber es steht dabei, Gott müsse auch da sein und nicht allein die Zunge lehren, wie sie reden und raten soll, sondern auch Herz und Mut gewiß und frisch machen, daß es wohl gerate. Wo das nicht ist, nützt der feine reine Weg und der schöne Ratschlag gar nichts, auch kannst du dann nicht recht mit der Zunge davon reden noch mit dem Herzen davon denken, und der schöne Weg geht den Krebsgang und aus dem feinen Ratschlag [84] wird eine schändliche Narrheit und schädliches Verderben des Herrn und seiner Untertanen. Und es geschieht ihnen recht, denn sie wollen tun, wozu sie von Gott nicht geschaffen sind, sie wollen springen, ob­wohl sie nicht gehen können, und aus leerer Tasche Geld zählen und dergleichen Gaukel­werk treiben.

Darum muß man dies Stück, das David hier vom göttlichen Haushalten singt, ein Wunder­werk sein lassen, das Gott ihm über all seine hohe Vernunft und sein Vermögen hinaus zu tun gegeben hat. Es soll ein Exempel sein, dem alle anderen Herren nachfolgen sollen, ein jeder, soviel er vermag. Aber er soll es nicht bester machen als David und solch Lied ja nicht höher singen, er wird sonst gewiß heiser werden und daneben singen, ehe er fünf Noten erreicht. Denn auch die Deutschen sagen: das fallend Übel geh den an, der’s besser macht, als er kann. Es geht auch tatsächlich so zu, daß die gar scheußlich fallen, die es übertreiben; sie kriegen das rechte Fallübel, so daß sie lieber zwei Treppen überhüpfen sollten als solch einen Fall tun. Auch die Heiden sagen: tu und versuche nichts gegen den Willen der Götter; und desgleichen: was wider die Natur ist, unternimmt man nicht mit Erfolg. Was du nicht heben kannst, das laß liegen. Sie haben aus Erfahrung gelernt, daß niemals ein Wundermann ohne besonderes Ein­geben von Gott gewesen ist, obwohl es allezeit viele gewaltige und weise Leute und hochver­nünftige Männer gegeben hat. Jeremia schreibt ja auch (Jer. 51,11), Gott habe den Medern und Persern ihren Mut gegen Babylon erregt und angetrieben.

Die Worte „bei denen, die mir zugehören“ heißen im Hebräischen: matstai tkabo klai. Die strengen Rabbiner werden mir’s vielleicht nicht gut sein lasten, daß ich das so frei übersetzt habe. Aber mir ist das gute Verständnis lieber als ihr zänkischer Buchstabe. Das sage ich, damit sie nicht denken, ich hätte es aus Unverstand oder unwissend getan. Denn David will sagen: was zu mir eingeht oder solange es zu mir eingeht d.h. was mir angehört. Hiermit wird auch eine wunderbare Tugend Davids berührt, welche heißt: warte des Deinen und was dir befohlen ist. Denn das, was auf Griechisch polypragmosyne (= Vielgeschäftigkeit) heißt, ist ein allgemeines Laster und eine schädliche Untugend in aller Welt und in allen Ständen. Wenn die gen Hofe kommt, ist sie auch nicht viel nütz. Sie heißt: viel zu schaffen haben, wo nichts befohlen ist, und viel anstehen lassen, was befohlen ist. Die Lateiner nennen’s foris sapere domi desipere (d.h. draußen weise sein, daheim unweise). Ich will’s Faulwitz nennen. Es ist auch eines der Früchtlein der Erbsünde, ist uns natürlich angeboren und hängt uns an: ein jeglicher wird bald besten überdrüssig, was ihm befohlen ist, und mengt sich in andere Sachen, die er lasten könnte und die ihm nicht besohlen sind, will also klug und geschäftig in fremden Sachen sein. Wo man auch das unbeständige Quecksilber haben will, da bleibt es nicht. So können auch diese Leute nicht tun, was sie tun sollen, sondern mästen das tun, was sie erwählen.

Und daß ich am höchsten anfange: Papst, Bischöfe und das ganze Papsttum sollten wohl des Evangeliums und der Seelen warten, aber sie haben den faulen [85] Schelm im Rücken und müssen statt dessen weltlich regieren, Krieg führen, zeitlichen Reichtum suchen; das tun sie gern, und darin sind sie klug. Weltliche Könige wiederum sollten des Regierens warten, statt dessen müssen sie in der Kirche stehen, Messe hören und ganz geistlich sein, wie sie sich denn jetzt in die Sache des Evangeliums mengen und verbieten, was Gott geboten hat, z.B. beiderlei Gestalt des Sakraments, christliche Freiheit und Ehe. Auch auf den Reichstagen findet man gemeiniglich dieser Tugend große Geschäfte, so daß die nötigen Sachen ver­schleppt und verhindert werden und oft ganz unterbleiben. Wo darum zu Hofe nicht ein David oder Wundermann regiert, da ist gewißlich Junker Faulwitz gar klug und hat viel zu schaffen, was ihm nicht befohlen ist; aber was ihm befohlen ist, das stinkt und ekelt ihm, und er kann seiner schlechterdings nicht warten. Auch macht er wohl alle anderen irre und hindert sie mit seinem Meistern. Hier geht’s ihm nicht recht in der Küche, dort im Keller, hier in der Kanzlei, dort in der Ratsstube. Indessen versäumt er seinen eigenen Beruf, so daß nichts geschieht.

Nun schadet er damit nicht sehr, daß er andern besseren Rat gibt, wenn er’s kann. Denn man soll die Leute loben, die zuerst ihr eigenes Amt wohl ausrichten und darnach andern guten Rat geben, besonders wenn man ihn begehrt und er öffentlich nötig ist. Aber Herr Faulwitz achtet nicht auf sein Tun und seinen Befehl und kümmert sich (statt dessen) vor großer Klugheit um andere Sachen, die nicht nötig und nicht geboten sind, oder tut derweil vor großer Faulheit selber etwas anderes, wozu ihn gelüstet. O, er ist auch ein „nützlicher“ Gast unter den Chri­sten: wenn er unter sie kommt, lehrt er die Pfarrherren beten oder etwas Leichtes tun, wenn sie statt dessen studieren und predigen sollten, oder er treibt die Laien auf äußerliche Zere­monien und läßt Glauben und Liebe anstehen, wie Christus spricht (Mt. 25,25): sie verzehnten Minze und Dill und lassen das Schwere im Gesetz nach. So sind auch Knechte und Mägde im Haushalten, wenn sie tun, was sie gutdünkt, aber anstehen lassen, was man sie heißt, und den­noch wohlgetan haben wollen. Diese zieren ein Haus fein und sind ein gar nützlich hold­selig Gesinde! Ja, wie der Knecht mit den drei Amseln, von dem man sagt: sein Herr sandte ihn aus, die verlorene Kuh zu suchen; er aber blieb so lange aus, daß sein Herr ihm nachlief, um zu sehen, wo er blieb; als er nahe zu ihm kam, fragte er den Knecht: hast du die Kuh gefun­den? Nein, sprach der Knecht, aber ich habe etwas Besseres gefunden. Was hast du denn ge­funden? Der Knecht sprach: Drei Amseln. Wo hast du sie denn? Der Knecht sprach: eine sehe ich, die andere höre ich, die dritte jage ich. Ist das nicht ein kluger fleißiger Knecht? Sollt’ ein Hausherr mit solchem Gesinde nicht reich werden?

Hierher gehören auch die, von denen man sagt, sie heben einen Löffel auf und zertreten eine Schüssel. Oder: wo wie an Königs- und Fürsten-Höfen große Güter sind und man einlöffelt und ausscheffelt, da gibt es große Rechnung: wenn sie dem König einen Gulden erworben haben, so muß der alle Ohren und Augen füllen (und anzeigen,) wie großer Rat da gewaltet habe; aber wenn viel tausend Gulden dafür verfaulwitzt sind, da kräht kein Hahn darnach. [86] Aber nirgends ist er (d.h. Junger Faulwitz) so verbreitet als unter den Kriegs-leuten, die das Maul weit aufhaben, aber nicht mit hohem Fleiß ihrer Schanze warten und dann gar weid­lich zerbläut werden und darnach sagen: siehe, das hätte ich nicht gemeint. Wer kann aber die Schelmenexempel alle abmalen, die allenthalben gewaltig regieren, wo Herren und Hausväter nicht selber fleißig nachsehen?

Darum spricht hier David: ich nehme mich des Meinen an und warte derer, die um mich sind; andere Könige mögen sich auch so der Ihren annehmen, damit nicht, wenn ich mich bei Frem­den klug und geschäftig zu sein unterstehe, ich derweil mich selbst und die Meinen versäume. David mag wohl für solche Tugend danken. Denn es ist fürwahr ein fein lieblich Ding und Gottes besondere Gabe um einen wackeren fleißigen Menschen, der des Seinen mit Fleiß wartet und es sich mit Ernst angelegen sein läßt, besonders bei Gottes Wort, und sich durch fremde Geschäfte nicht beirren läßt. Gehorsam ist aller Tugend Krone und Ehre. Aber wenn der Faulwitz darin erfunden wird, dann hat der Meltau oder, wie es Jesaja[28] nennt, der Faulre­gen sie verdorben und es werden lauter Sudler und Stümper daraus, die viel versäumen und niemand etwas zu Liebe oder Dank machen können. Darum lehrt auch Sankt Paulus durch Timotheus (2.Tim. 2,4) die Prediger und Bischöfe, ein Diener Christi soll sich nicht ins welt­liche Regiment mengen, sondern, wie er auch Röm. 12(,7) sagt: wer ein Lehrer ist, der soll des Lehrens warten und sich daran durch nichts andres noch besseres hindern lasten. Denn Paulus hat wohl gesehen, daß die Bischöfe künftig das Predigtamt lasten und nach dem welt­lichen Amt trachten würden. Und als Christus von einem gebeten wurde, er sollte ma­chen, daß sein Bruder mit ihm teile, sprach er (Lk. 12,14): Mensch, wer hat mich zum Richter gesetzt?, als wollte er sagen: laß mich unverworren mit solchen Sachen, gehe hin zu denen, denen solches befohlen ist, ich bin ein Prediger, dem andres befohlen ist.

(3) Ich nehme mir keine böse Sache vor; ich haste den Übertreter und laste ihn nicht bei mir bleiben.

Bisher hat er Gott gedankt, daß er ihm Gnade gegeben hat, recht zu glauben und Gott zu dienen in seinem Reich und Haus, so daß er keine Abgötterei noch falsche Lehre oder (fal­schen) Gottesdienst angerichtet und also getan hat, was gut und angenehm vor Gott gewesen ist. Hier rühmt und dankt er Gott, daß er ihm dazu auch die andere Gabe gegeben hat, daß er sich vor dem bösen falschen Gottesdienst hat hüten und sich seiner erwehren und dadurch beständig und fest bei dem guten und rechten Glauben hat bleiben können. Denn wo Gott sein Wort und seinen Dienst aufrichtet, da feiert der Teufel nicht, sondern will es verderben oder verhindern. Darum ist’s nicht genug damit, gut anzufangen und recht zu tun, sondern es ge­hört dazu, beständig zu bleiben und sich nicht davon reißen noch reizen zu lasten, wie Chri­stus spricht (Mt. 24,13): Wer bis ans Ende beharrt, der wird selig werden. Es heißt auch: das Erworbene bewahren ist keine geringere Tugend als erwerben. Im weltlichen Stande geht’s auch [87] so: wer nicht auch kann wehren, der wird nicht lange können nähren. Was hilft es, viel zu gewinnen und nichts verteidigen oder vor Feinden halten zu können? Ebenso, was hilft es, Gottes Wort, Glauben und Gottesdienst recht anzufangen und zu bekommen, aber nicht dabei bleiben noch ihn wider den Teufel halten zu können, sondern sich durch allerlei Wind davon wegtreiben zu lassen, wie St. Peter sagt Eph. 4(,14): laßt uns wachsen und stark werden in Christus, daß wir nicht wie Kinder von allerlei Wind der Lehre uns wägen und wiegen las­sen?

So spricht er nun: ich nehme mir keine böse Sache vor. Für ‚böse Sache‘ steht im Hebräischen ‚Wort oder Sache Belials‘. Belial halten etliche für einen Teufelsnamen, und es heißt auch oft in der Schrift ‚die Kinder Belial‘ d.h. böse Buben, böse Leute, die weder Gott noch Menschen gehorsam sind. Ich halte dafür, daß St. Paulus, wenn er den Antichrist ‚anomos‘ d.h. den Bos­haftigen nennt (2.Thess. 2,8), dies Wort Belial gemeint hat. Denn Belial bedeutet, wie die Hebräer sagen, einen, der kein Joch leiden und nicht untertan sein will, wie der Antichrist tut, der sich über alles erhebt und setzt, was Gott heißt. So tut auch der Teufel. Darum paßt dies gut hierher, wo David Gott dafür dankt, daß er sich von allen ‚Belial‘ hat hüten können und sich von seinem rechten Glauben und guten Wesen, das er unter Gottes Wort geführt, nicht hat abwenden noch verlocken lassen. Nun ist es fürwahr ein groß Ding, wider alle Teufels­kapellen Ärgernisse Abwege Aberglauben und falsche Lehren auf dem rechten Wege fest zu bleiben. Denn die falsche Lehre und Lügenpredigt hat allezeit den schönsten Schein und den größten und meisten Anhang der Gewältigen Weisen Reichen und Heiligen auf Erden. Der rechte Weg umgekehrt ist verachtet und hat keinen Anhang und muß dazu Ketzerei und Teu­felslehre heißen. Belial ist der schönste Teufel, der sich in einen Engel des Lichts verstellen und Gottes Wort in der Menschen Herzen zur Finsternis machen kann.

Das spürt man an David in seinem Psalter gar wohl, wie fleißig er sich (hiervor) gehütet und andere gewarnt hat, z.B. Ps. 1(,l): selig ist der Mann, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen usw. Besonders hat er den 119. Psalm hierauf gemacht, den man zur Prim Terz Sext und Non in den Stiften und Klöstern lieft, als wollt er sagen: es ist ein groß Ding, wenn man die rechte Lehre Gottes hat und sein Wort hören kann. Aber ebenso groß ist es, wenn man dabei bleiben und dasselbe rein und fein wider den Belial und seine Diener festhalten kann, welche sich immer dagegen stellen, wie St. Petrus uns warnt (1.Petr. 5,8): seid nüchtern und wachet, denn euer Feind, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, dem widerstehet mit festem Glauben. Hier hörst du, daß der Milchglaube, der erst anfängt, Gott zu dienen, nicht ausreicht, sondern der feste Glaube da sein muß, wenn man dem Belial und seinen bösen Sachen widerstehen soll. David hat aber ohne Zweifel im Anfang seines Reiches viele Irrsale und Mißbräuche auch in seinem Volk gefunden, die unter Saul eingeris­sen und geblieben waren. Mit denen hat er viel zu tun gehabt und weiblichen Widerstand [88] erfahren, denn er klagt ja, zumal im Psalter oft und jämmerlich über die falsche Lehre.

Aber vom rechten Wege lockt Belial nicht allein mit dem großen herrlichen Schein der Lüge und mit der verachteten elenden Gestalt der Wahrheit, sondern auch mit der Gewalt der Tyrannen, durch die Leib Gut und Ehre in Gefahr stehen und immer Kreuz und Leiden, Haß und Verfolgung vorhanden sind. Die falschen Heiligen aber leben ganz frei sicher und fröh­lich und sind die lieben Kinder. Desgleichen bewegen uns auch gute Freunde und Verwandte mit treuem Rat und guter Meinung neben dem Beispiel des großen Haufens der Gewaltigen Reichen und Weisen in der Welt. Auch unsers eigenen Fleisches Schwachheit und der alte Adam sind hier mit im Spiel, so daß es allenthalben schwer und sauer wird, fest zu bleiben und das Ende zu erharren. Darum hat der heilige Geist soviel zu schaffen und tröstet die Seinen z.B. Ps. 27(,14) und 51(,25): seid getrost und unverzagt alle, die ihr auf den Herrn wartet. Und Sirach sagt (Sir. 2,1): lieber Sohn, wenn du Gott dienen willst, so schicke dein Herz zur Anfechtung, halte fest und laß dich nicht locken noch schrecken.

Wiewohl aber dies Stück ein großes Wunder ist, daß er nämlich so fest und beständig in Gottes Wort und Dienst bleibt wider allerlei Ärgernis und sich rein hält von so mancherlei Geschmeiß des Teufels und seiner Rotten, so ist doch das noch größer, daß er im folgenden rühmt, er Haffe den Übertreter. Das heißt: ich halte nicht allein für mich und meine Person fest an Gottes Wort und Dienst, sondern wo ich einen aus meinem Gesinde oder denen, die mir angehören, bemerke, der übertritt und anders redet oder tut, als Gott geboten hat, dem bin ich feind. Nun hat es (David) nicht (daran) gefehlt, er hat manchen feinen Mann gehabt, der ihm sonst lieb und wert gewesen ist, weil er ihm in seinem Haus und Reich nützlich und not­wendig war. Denn die Gottlosen haben von Gott oft viel schönere und höhere Gaben und Geschicklichkeit in weltlichen Sachen, so daß man ihrer im Hause oder Regiment nicht gut entbehren kann. Die Frommen sind gegen sie oft schlechte Schüler, gleichwie Ahitophel zu seiner Zeit weit über allen Klugen und Weisen im Reiche Davids stand. Seine Ratschläge wurden, wie der Text sagt (2. Sam. 16,25), geachtet, als hätte Gott selbst geraten, was er im Rat sagte. Und er war doch ein Grundbösewicht Verräter und Schalk im Herzen und hernach auch in der Tat, so daß David, durch Ahitophels Rat verjagt, keinen so sehr fürchtete und wider ihn betete und sprach (2. Sam. 15,51): ach Herr, mache den Rat Ahitophels zur Narr­heit. – Solch nützliche Weise und weibliche Leute, die im Reich und Haus soviel Gutes schaffen und sich so wohl verdient gemacht haben und doch gottlose böse Buben sind, zu Haffen und zu lassen um Gottes willen, da gehört ein Mann dazu, der mehr kann als Brot essen. Denn es scheint so, als müsse das Reich untergehen und kein Sparren am Haus bleiben, wenn sie nicht da wären. Darum, wenn ein Herr oder Hauswirt solch nützliche Diener hassen und lassen soll, muß er gewißlich ein Löwenherz haben und ein Wundermann in Gott sein, der sein Reich und Haus in [89] die Schanze schlagen und allein auf Gott getrost pochen und sagen kann: wohlan, ehe ich meines Gottes Feind in meinem Reich oder Haus leiden will, will ich alles zugrunde gehen lassen und denken: der mir dies Reich oder Haus gegeben hat, der kann mir wohl ein anderes und noch mehr geben. Als Gott Abraham befahl, er sollte Isaak, den verheißenen Sohn, opfern, mußte auch Abraham denken, Gott würde denselben Isaak wieder vom Tode erwecken, wie Hebr. 11(,19) geschrieben steht.

Denn in der Welt, besonders an Herrenhöfen, gehts so zu, daß wenige Naeman oder Joseph, aber viele Ahitophel und Ziba (2. Sam. 16,1) da sind, die tun, wie jene demütigen Brüder, die sich sehr tief vor ihrem Abt beugten, aber sie meinten nicht ihn, sondern sahen nach den Schlüsseln am Gürtel. So dienen gar viele zu Hofe und tun sehr viel Gutes, aber nicht um des Herrn willen, sondern sie denken an die Schlüssel, daß sie den Herrn (für sich) einnehmen und die Klauen einschlagen können, damit der Herr sie hernach auf keine Weise lassen noch lassen könne. Tut ers aber, so ist ihr Kalender und Register voll aller Tugenden, die sie im Reich und Haus bewiesen haben, mehr als Tage im Jahr sind. Sie werfen dann mit Dreck und Kot auf den Herrn, speien ihn an (und sprechen:) pfui, wer soll solchem Herrn dienen, an dem alle Treu und Dienst verloren ist?, sie machen Sprichworte und Reime, die sie an die Wände schreiben: lieber Kittel, reiß nicht, Herrendienst vererbt sich nicht, oder: Fürstengunst April­wetter. – Entläßt der Herr sie aber nicht, so muß er von ihnen solche Bosheit wider Gott und seine Untertanen leiden, daß ers nicht verantworten kann, und dazu noch sagen: ja, Junker Ahitophel, du bist fromm. Sie aber gehen frei dahin, als hätten sie nur wohlgetan. Und obwohl sie es wissen und fühlen im Herzen, denken sie nicht daran, daß sie Bösewichter und Schälke sind, die nicht allein mit ihren bösen Taten keine Gnade, sondern auch mit ihren guten Wer­ken lauter Ungnade verdient haben. Dazu freuen sie sich heimlich, daß sie den lieben David so gründlich genarrt haben wie der schändliche Ahitophel. Darum ist ein frommer König und Herr ein elender Mensch, für den man billigerweise beten soll. Denn wenn David solches nicht hat vermeiden können, so soll kein Fürst noch Herr, der Gott gefallen will, meinen, daß es ihm besser gehen werde.

Es wäre einem solch großen König wie David ein Geringes gewesen, einen Bauer aus Thekoa oder Gilo (2. Sam. 15,12) zu hassen, aber die Herren zu Jerusalem oder an seinem Hofe Zion zu Haffen, das ist doch selbst für David zu hoch gegriffen. Aber er ist etwas mehr als der David von Bethlehem, nämlich ein Held und Wundermann. Er reißt hindurch und läßt Gott walten, der sein Herr ist. Und sollte er gleich hundert Ahitophel verlieren, so will er lieber seinen Herrn Gott behalten, der da allmächtig heißt und viele viele Königreiche schaffen und geben kann, deren keines er von seinen bösen Buben bekommen würde, wenn er sie gleich mit eigenen Händen in den Himmel erhöbe.

Umgekehrt ists auch ein schändlich Ding, wenn in der Welt und zu Hofe auch oft gar mancher feine Mann treulich und wohl dient und darnach jämmerlich verlassen und verstoßen wird und ein Schalk an seine Stelle kommt, der alles [90] einnimmt, was jener verdient hat, obwohl er selber keinen Hund hinterm Ofen vorlocken kann. Davon schreibt Jesus Sirach (26,25 ff.) einen gewaltigen Spruch: zwei Stücke sinds, die mich verdrießen, und das dritte macht mir Zorn: wenn man einen streitbaren Mann zuletzt Armut leiden läßt und die weisen Räte zuletzt verachtet und wer vom Glauben abfällt. Wenn solches nicht zu Hofe geschähe, woher hätte Sirach es gewußt oder sagen können? Solches tun die allerlosesten Hummeln, die die Erde trägt, die nur viel schwatzen und waschen können und einem König oder Fürsten die Ohren füllen, daß er gegen seinen treuen Diener taub wird, gleichwie die Hummeln, das untüchtige faulfräßige Ungeziefer, das keinen Honig machen kann, alles auffressen, was die frommen Bienlein machen, nur daß sie mit ihren Flügeln sehr oder noch mehr scharren sausen und sumsen können als die rechten lieben Bienen. So sagt auch der Heide Terentius[29], aber nicht aus seinem Kopf, sondern aus großer Herren und weiser Leute Wort und Exempel: fürwahr, wer so geschickt ist wie du, der kann leicht alle Ehre auf sich bringen, die andere redliche Leute teuer erarbeitet haben. Das sagt Terenz im Spott von einem großen groben Narren und einer unflätigen Hummel, die Thraso[30] hieß. Der war zu nichts nutz noch gut, außer daß man einen Graben mit ihm ausgefüllt hätte, wiewohl auch solche Ehre zuviel für ihn gewesen wäre. Dennoch treibt er so groß Gewäsch und Geschwätz, als wäre ers ganz und gar und sei­nesgleichen nicht auf Erden. Aber so geht es zu, und die Welt muß solche Leute leiden wie Pestilenz Franzosenkrankheit Fieber und anderes Unglück des Teufels, wenn Gott nicht selbst gnädiglich haushält oder die Stunde kommt, daß es einmal aufhört. Denn es bleibt doch Gott Richter auf Erden, wie Ps. 58(,12) sagt, und muß untergehen, was nicht recht ist, bis an den jüngsten Tag, wo dies alles auf einmal und ewiglich aufhören wird. Bis dahin müssen wirs leiden, daß die Laus im Grind sich fett weidet und im alten Pelz auf Stelzen geht.

Wo aber gottlose Könige und Herren sind, die nach dem 2. Psalm Gottes und seines Christus Widersacher sind, da ist niemand bester zu Hofe dran als solche Übertreter. Davon sagt Salo­mo (Spr. 29,12): ein Herr, der Lust zu Lügen hat, des Diener sind alle gottlos. Denn gottlose Herren müssen und wollen auch solche Diener haben, sie aber laufen und drängen sich auch gerne zu solchen Herren, damit sie reich werden und die Frommen vertreiben oder auch er­würgen helfen. Mit ‚Lügen‘ meint Salomo, wie dies Wort in der Schrift oft gebraucht wird, Abgötterei, falschen Gottesdienst, falsche Lehre, z.B. Ps. 4(,5): ihr Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden?, wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lügen so gerne? Und dies Wort ‚Übertreter‘ hier in diesem Vers bedeutet auch von Gott und seinem Wort weichen, wie ein Weib von ihrem Manne weicht. So heißt es auch (Hos. 5,2): sie schlachten viel und betrügen d.h. sie treiben große Abgötterei und reizen damit die Leute zum Abweichen vom rechten Gottesdienst oder zum Übertreten. Das sieht man auch bei allen Propheten: wo ein König abgöttisch gewesen ist, da haben sich alsbald Buben genug gefunden, die dem König [91] fleißig gedient und die Frommen vom Hof und aus dem Lande vertrieben haben, so daß zu Ahabs Zeiten nicht ein einziger rechter Prophet im Lande war, während von den andern wohl achthundert öffentlich von der Königin Isebel gut ernährt wurden, wie man im ersten Buch der Könige (18) liest. Ebenso hatte der König Saul den Doeg und seine Gesellen, die halfen, David und den Seinen alle Plage anzulegen. Und das liebe Früchtlein, der Doeg, diente seinem Herrn so gut, daß er 85 Priester erwürgte und die ganze Stadt Nobe mit Weib Kind Vieh und allem, was drinnen war, umbrachte, wie im 1.Buch Samuel (22,18 f. geschrieben steht). Und dies geschah ohne allen Grund an ganz Unschuldigen, nur weil der Priester David in seiner Not zu essen gegeben und Gottes Wort gesagt hatte; er wußte es nicht anders, als daß Saul David noch ebenso lieb hätte wie zuvor. Aber diese Wohltat mußte Aufruhr heißen wider den König.

Zu unseren Zeiten sollte man, wie ich meine, derartige Exempel auch genug vor Augen sehen, wie man zu Hofe wider Gottes Wort tobt und die Abgötterei und Lügen schützt und stärkt. Da haben die Übertreter gar viel zu tun und sind nicht müßig, die Frommen zu verfolgen und zu würgen. Und der Frommen große Schuld ist, daß sie Gottes Wort suchen und hören oder daß sie Gottes Werk und Schöpfung wie die Ehe oder seine Ordnung und sein Sakrament begeh­ren, und es hilft ihnen nicht, daß sie mit Leib und Gut aufs allerstillste und allerwilligste ge­horsam sind und dienen. Aber die Bluthunde, die Doegiten, sehen wohl, daß (ihr Wüten) bei ihren Herren wohlgetan ist und Bistümer Pfründen Geld und Ehre trägt. Darum ists ihre Lust, unschuldig Blut zu vergießen und die Heiligen Gottes und Glieder Christi zu verfolgen, womit sie ihre Lügen und Übertretungen gewaltiglich erhalten. Darüber klagt David in vielen Psal­men, besonders im 12. (Ps. 12,9): es wird allenthalben voll Gottloser, wo solche Leute erhöht werden. Aber laß gehen, es will und muß so sein, wo Gott nicht seinem David an seinem Hof die Gnade gibt, die Übertreter zu Haffen.

Zum dritten spricht er: ich laste ihn nicht bei mir bleiben. Im Hebräischen heißt es so: er darf nicht an mir hangen, gleichwie 1.Mos. 2(,24) geschrieben steht: der Mann wird an seinem Weibe hangen. Hiermit zeigt er an, daß er die Übertreter nicht allein haßt, sondern auch beständig haßt, so daß er sie keineswegs und in keiner Weise an sich hangen oder kleben läßt. Denn die Übertreter oder falschen Heiligen können sich so meisterlich zu den Herren oder Fürsten eindrängen, daß sie auch wohl einen auserwählten David verführen könnten, sie wis­sen den Bleuel[31] gar fein zu wenden und zu schleifen. Der König Joas war ein feiner König, solange der Priester Jojada lebte; nach Jojadas Tod aber ward er so verkehrt, ohne Zweifel durch solche Übertreter, daß er Jojadas Sohn, Sacharja, zwischen dem Tempel und Altar erwürgen ließ, davon spricht auch Christus Mt. 25(,55), und die Schrift beklagt solches auch jämmerlich im 2. Buch der Chronik Kap. 24(,22): und der König Joas gedachte nicht an die Wohltat, die Jojada, der Vater, an ihm getan hatte, sondern erwürgte seinen Sohn. Und Hero­des hatte zuerst Johannes [92] auch lieb, hörte ihn gern und tat viel, wie die Evangelisten schreiben (Mk. 6,20), darnach aber ließ er ihn enthaupten um Herodias’ willen. Fromme Die­ner können oft nicht alles billigen, was die Herren vornehmen, und müssens widerraten, be­sonders gegen die Übertreter, wie dieser Sacharja tat; außerdem ist die Wahrheit unange­nehm und läßt sich niemand gern strafen. Aber ein Übertreter und Schalksheiliger ist nicht in sol­cher Gefahr, sondern kann Federn lesen und Ohren krauen, reden und tun, was man gern hört.

So ist es fürwahr ein hohes großes Wunder, daß David hier rühmt, wenn ein Fürst die Über­treter oder geistlichen Schälke und Teufelsheiligen hassen und so von sich scheiden kann, daß sie in keiner Weise an ihm kleben hangen oder um ihn bleiben. Denn es werden ohne Zweifel dem David auch etliche seiner großen Fürsten und Herren und Freunde gar süß gesungen, die­sen und jenen gelobt, hier unsern Vetter, dort unsern Schwager gerühmt haben, damit diesel­ben an den Hof kämen und auch in der Höhe und im Regiment schwebten, ob sie nun fromm waren oder nicht. Denn man pflegt den großen Herren gerne solche Spangen anzuhängen, als wären es lauter nützliche Edelsteine im Reich, wenn Gott die Herren nicht mit Davids Geist begabt und sie durch diesen die falschen Gottesdiener beständig zu meiden wissen.

Bis hierher hat David Gott dafür gelobt, daß er selbst für seine Person rein und fest beim rech­ten Gottesdienst und Wort geblieben ist, außerdem sein Hof und sein Gesinde dazu ange­halten und allenthalben falsche Diener gehaßt und beständig gemieden hat. Es folgt nun der letzte Vers von seinem geistlichen Regiment.

(4) Ein verkehrt Herz muß von mir weichen, den Bösen leide ich nicht.

Hier geht er aus seinem Hofe weg und visitiert das ganze Land in seinem Reich und redet be­sonders von den falschen Lehrern und abgöttischen Priestern, die hin und her im Lande wa­ren. Denn man findet in der Schrift, daß selbst Mose nicht so gut regiert hat, daß unter seinem Regiment keine Abgötterei geblieben wäre, wie ja St. Stephanus Apostelgeschichte (7,43) aus dem Propheten Amos (5,26) die Juden schilt, daß sie in der Wüste den Abgott Remphan mit sich geführt hätten. Und im Gefilde Moab beteten sie den Abgott Baal-Peor an, wie 4.Mos. 25(,5) geschrieben steht. Und so ist auch unter allen Richtern und Propheten, wie fromm sie auch gewesen sind, allezeit mindestens heimliche Abgötterei geblieben, so daß ohne Zweifel auch unter Davids Reich nicht alles rein und heilig gewesen ist. Aber er hat Fleiß daran ge­wandt und immer gewehrt, daß die Abgötterei nicht frei und öffentlich einriß. Denn der Teufel feiert und schläft nicht, also darf auch das geistliche Regiment wahrlich nicht feiern noch schlafen, sonst ists verloren. Und auch wenn man wacht und arbeitet, mach­te dennoch Mühe und Arbeit, das Wort Gottes rein zu erhalten. Was sollt dann werden, wenn man sicher schläft und schnarcht, wie man leider im Papsttum getan hat und alles einreißen ließ, was der Teufel gewollt hat; und nachdem er nun eingesessen ist, will er sich nicht aus­treiben lassen noch ein einziges Stücklein einräumen. [93]

So ist nun hier in diesem Vers der Teufel und seine Kirche kurz und fein gemalt, daß er näm­lich ein verkehrtes Herz hat und boshaftig ist. Ein verkehrtes Herz ist, was wir Ketzerei oder falsche Lehre heißen. Denn sie verkehren Gottes Wort und Dienst, sie kehren das Wort um und machens besser! Wenn Gott gebeut, wir sollen auf seine Gnade allein bauen und nicht auf uns selber oder Menschen, wie er sagt: ich bin dein Gott, du sollst keine andern Götter haben, so lehren sie uns auf unser eigen Werk bauen, stiften und lehren immer andere neue Wege und muß alles umgekehrt sein, als es Gott macht, so kehrte er auch im Paradies Gottes Wort um, das Gott zu Adam sprach: issest du von dem Baum, so wirst du sterben. Nein, sprach der Teu­fel, issest du von dem Baum, so wirst du nicht sterben, sondern wirst Gott gleich werden. Da­her nennt Christus den Teufel einen Vater aller Lügen (Joh. 8,44), denn was Gott, der die Wahrheit ist, redet, das kehrt er um und macht eine Lüge daraus, wie hernach alle Ketzer, seine Jünger, getan haben. Was Gott sagt, das muß falsch sein, was sie sagen, das muß recht sein. So auch unsere Herren vom Papsttum: was Gott redet, das muß Ketzerei sein, was sie reden, das redet die heilige christliche Kirche und der Geist Christi, obwohl man weiß, daß der Teufel sie so reden heißt, und obwohl sie wissen und bekennen, daß sie wider Gottes Wort reden. Das ist das erste Stück der Ketzer: ein verkehrtes Herz. Ein verkehrtes Herz wird frei­lich auch verkehrte Worte und Werke haben. Denn ein böser Mensch, spricht Christus Mt. 12(,55), bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.

‚Böse‘ sind schädliche mörderische blutdürstige Leute. Denn wenn ein abgöttischer Mensch zuerst durch Lügen und Abgötterei Gottes Wort in den Herzen getötet hat, so kann er aus Neid und Haß Menschen noch viel weniger leben lassen. Darum nennt Christus den Teufel einen Lügner und Mörder. Die falschen Lehrer und Lügner wider Gottes Wort müssen als seine Kinder diesem Vater ähnlich sein. Auch Kain mußte, nachdem er von der Wahrheit in die Lüge gefallen war, flugs auch ein Mörder werden, und da er dies an sonst niemand beweisen konnte, mußte ers an seinem eigenen Bruder beweisen. Wenn sie aber nicht töten können, so lassen sie doch nicht davon ab, Schaden zu tun, zu verfolgen und Unglück an Gut oder Ehre zuzufügen. Denn sie heißen und sind böse d.h. neidische giftige schädliche Leute, die Nacht und Tag darnach trachten, Leid und Schaden zu tun. Und wo sie nicht mit der Faust den Leib töten oder mit Rat oder Hetze dazuhelfen können, so fehlt es doch nicht am völligen ganzen Willen und Wunsch dazu, und ihr größtes Leid ist, daß sie nicht Böses genug tun können. Darum sagen Salomo (Spr. 1,16) und Jesajas (59,7), daß ihre Füße schnell sind, Blut zu ver­gießen. Falsche Lehre und Mord will und muß beieinander sein, wie die ganze Schrift, alle Historien und die tägliche Erfahrung bezeugen. Der Teufel will den Menschen ganz und gar tot haben, die Seele durch Lügen, den Leib durch Mord. Darum, wo er das erste tut, dringt er flugs aufs zweite, und wo die Schlange mit dem Kopf hineinkommt, da zieht sie gewiß den Schwanz nach sich und will ganz drinnen sein.

Und solche Lügen und Mord sind dann erst der rechte Teufel. Denn sie sind ärger als Kains Lügen und Mord. Denn dessen Bosheit hatte keinen (schönen) Schein, [94] Kain war ein einfältiger Schalk und seine Bosheit einfältige Bosheit, denn er tat es nicht als einen Gottes­dienst, sondern aus Zorn und Rachgier. Aber die Heuchler, die rechten Lügner und Mörder, machen einen Gottesdienst daraus und tuns aus dem Eifer um Gottes Ehre und der Seelen Seligkeit, wie Christus sagt Joh. 16(,2): sie werden euch in den Bann tun d.h. sie werden eure Wahrheit als Gotteslästerung und Seelenverführung verdammen, um ihre Lügen d.h. Gottes­lob und Ehre zu erhalten und der Seelen Seligkeit zu bewahren, und wer euch tötet, der wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran. Denn damit wollen sie verhüten, daß der ganze Haufe sterben und von Gott gestraft werden muß, wie Herr Kaiphas auch diesen heiligen göttlichen Rat gab und sprach (Joh. 11,50): es ist bester, einen Menschen zu töten, als daß alles Volk sterben soll. Es ist ein weiser köstlicher Rat und regiert gewaltig in der Welt. – Diese übertref­fen ihren Erzvater Kain weit und sind zwiefältige Lügner und Mörder. Die erste Lüge ist, daß sie von der Wahrheit gefallen sind und Gottes Wort nicht haben, die andere ist, daß sie ihre Lügen für Wahrheit und Gottesdienst gehalten haben wollen …[32] und die Wahrheit darüber verdammen und lästern. Ja, sie sind wohl vielfältige Lügner und Mörder. Denn sie fallen von der Wahrheit und hängen sich an die Lügen, darnach wollen sie die Lüge für Wahrheit und die Wahrheit für Lüge gehalten haben und verteidigen die Lüge, zuletzt verdammen und lästern sie die Wahrheit als Teufelswort und preisen ihre Lüge als Gottes Wort, machen also aus dem Teufel Gott und Gott zum Teufel, setzen die Hölle in den Himmel, den Himmel in die Hölle. Der erste Mord ist also, die Leute zu töten, der andere Mord ist, solchen Mord für eine Erhal­tung und Stiftung des Lebens zu halten und Gott damit einen Dienst zu tun. Sie achtens für Recht, wenn sie keinem Ketzer, wie sie ihn nennen, das Leben gönnen und meinen, sie seien schuldig, es ihnen nicht zu gönnen, und verdammen alle die, die solch Morden für Morden und Bosheit halten, und wollens schlechterdings für Wohltat und Rettung des Lebens gehalten haben. – Aber wo wollen wir unsre Lügner und Mörder, die Junker Papisten, hinrechnen? Die sind noch dreimal ärger denn diese. Denn ihre Lügen und ihr Mord haben den (schönen) Schein nicht, als seien sie Gottesdienst. Sie wissen, daß ihre Lügen Lügen gegen Gottes Wort sind und ihr Morden Morden ist und kein Gottes­dienst, und ist hier kein (Feigen-)blatt der Unwissenheit, mit dem sie sich decken könnten. Dennoch ist es nicht einfältige Lüge und Mord wie Kains Lüge und Mord, sondern sie ma­chen sich selbst mit Gewalt gegen ihr Gewis­sen einen künstlichen (schönen) Schein und tun, als wollten sie mit der Tat sagen: wir wissen wohl, daß unsre Lügen Lügen sind wider Gott und sein Wort und wir weder Grund noch Ur­sache haben zum (schönen) Schein der Wahrheit, gleichwohl wollen wir mit Gewalt mutwil­lig und wissentlich den Namen Gottes heranziehen und schänden und den Schein gewahrt haben, daß unsre Lüge Gottes Wort sei, und damit den Teufel zum Gott haben, Gott aber für einen Teufel halten. Und wer das nicht halten will, der soll sterben. Gleichwohl soll man solche [95] Bosheit und Mord für Gottesdienst und Lebens­rettung halten, wiewohl wir selber wissen, daß es Mord und Bosheit ist, und es auf keine Wei­se für Gottesdienst gehalten werden kann. Das sind die Letzten und Endlügner und -mörder, sie bringens in die dritte und unterste Hölle, darum kann man von diesen kein Exempel und keine Sprüche anführen. Sie haben alles überboten, ihresgleichen findet sich nicht, sie gehören in das Reich des Endchrists, das ein unaussprechlicher Greuel ist. Denn wie können Menschen ärger werden, wo doch der Teufel selbst nicht böser oder ärger sein kann? Aber vor dem Ende der Welt und dem jüngsten Tag muß der Teufel solche Heiligen haben und Christus damit zwingen, das jüngste Gericht um so bälder zu halten.

Daß wir aber wieder zu David kommen: es wäre wohl schon genug königlicher Tugend gewe­sen, daß David in seinem Königreich an Lügen und Mord unschuldig blieb, also kein böses Gewissen hatte wegen aufgerichteter Abgötterei oder unschuldig vergossenen Blutes. Darum laßt es uns auch als eine Gottesgabe erkennen, wenn ein Mensch, besonders ein Fürst, mit gutem Gewissen sich frei davon fühlen kann, Ursache des Irrtums oder verführter Seelen, des Mordes oder unschuldig vergossenen Blutes zu sein. Auch im Volke Gottes finden sich weni­ge solche Könige und Fürsten, alle andern gehören zu dem allgemeinen Königshaufen, den der heilige Geist im 2. Psalm Feinde Gottes und seines Christus nennt. Damit verurteilt er sie klar als Lügner und Mörder wider Gottes Wahrheit und Gottes Dienst und zählt sie also zu dem schrecklichen Haufen der Bluthunde und Teufelsheiligen, über welche all das unschuldi­ge Blut kommen soll, das von Anfang der Welt, vom ersten Blut St. Abels an bis auf des letz­ten Heiligen Blut vergossen ist. – Aber der liebe David ist so hochbegabt und ein so teurer besonderer Held, daß er nicht allein unschuldig an Lüge und Mord ist, sondern er stellt sich auch gegen solche Lügner und Mörder, will sie nicht leiden und wehrt ihnen mit aller Macht, daß sie weichen müssen. Ach welch großen Haufen falscher Lehrer und abgöttischer Ketzer hat er vertreiben oder doch ihnen so das Maul stopfen müssen, daß sie nicht aufmucken noch sich regen durften. Dagegen hat er allen frommen treuen und rechten Lehrern nicht allein Raum Freiheit Friede Schutz Schirm und Unterhalt gegeben, sondern sie auch allenthalben hervorgesucht gefördert berufen verordnet und beauftragt, das Wort Gottes rein und lauter zu predigen und Gott rechtschaffen zu dienen, wie man aus 1.Chr. 15 gut sehen kann. Denn daselbst stiftet verordnet und bestellt er selbst allen Gottesdienst, macht selber Psalmen, in denen er vorbildet, wie sie lehren und Gott loben sollen, und reizt und beauftragt auch andere Leute dazu, Psalmen zu machen. Nein, spricht der liebe David, ich will die Lügner und See­lenhenker, die Bluthunde und Mörder in meinem Reich nicht leiden, sie sollen mir mein Volk nicht so verführen und die treuen Priester und Lehrer nicht so morden oder verfolgen, sondern sie sollen weichen und ich will sie nicht leiden, auf daß die rechten Lehrer sicher frei und fröhlich meinen Gott loben und dem Volk nützlich und seliglich predigen.

O welch ein schön lieblich Reich ist das, wo Gottes Wort auch mal einen frommen treuen König gekriegt hat, da hat alles müssen [96] gar fein stehen grünen und blühen in aller Weis­heit und Tugend, wie denn Gottes Wort ohne Tugend nicht bleibt. Darum ist auch zu dersel­ben Zeit das edle Buch, der Psalter, gemacht, desgleichen bei dem Volk nicht gewesen ist, und sind dazumal rechte in der Schrift gelehrte Leute mehr gewesen als jemals zuvor und hernach in diesem Volk. Dieser hohen Schule Davids wird keine gleich sein, sie sei hoch oder nieder. Wie der Regent ist, spricht Sirach (10,2), so sind auch seine Amtleute, wie der Rat ist, so sind auch die Bürger. Denn wenn der König selbst die Sache angreift und vorangeht, da muß es guten Fortgang haben. Aber wie selten solche Könige sind und wie kurz ihr Werk währt, zeigt leider das Exempel seines Sohnes Salomo an, der zuerst das von seinem Vater gestiftete Werk herrlich besserte und schmückte, aber zuletzt, als er alt wird, sich von den Weibern narren und äffen läßt und ihnen Götzenkirchen und Götzendienst stiftet. Darum hat er diesen königlichen Psalm nicht wie sein Vater David bis zum Ende singen können. Wohl hat er zwei Psalmen gemacht, in denen er seine hohe Gabe rühmt und Gott dafür dankt, wie z.B. den 60.[33] Psalm, in dem er sein Königreich einen goldenen Rosenspan Gottes nennt, weil Gott in seinem Hei­ligtum redete d.h. Gottes Wort in seinem Reich war. – Da steckts nun, das Ziel ist getroffen. David hat hier allen frommen Königen und Herren sich zum Exempel und Meisterstück ge­setzt, wie man Gottes Reich und seine Gerechtigkeit zuerst suchen und auch bei den Unterta­nen treulich über dem Wort Gottes und den Pfarrherrn oder Predigern halten, den Rottengei­stern und verkehrten bösen Herzen aber nicht gestatten soll, die Seelen zu verführen und die Unschuldigen zu morden oder zu verfolgen. Wer nun kann, der folge nach und tue sein Bestes, so viel er aus Gottes Gnaden vermag. Es wirds doch keiner mehr David gleichtun, er hat billig den Vorzug vor allen Königen und Herren, denn er hats zu gut gemacht. Doch kann ein jeder sich wenigstens hüten, daß er nicht zu dem Haufen gehört, in dem die mörderischen Könige und Fürsten oder, wie der 2. Psalm sagt, Gottes und Christi Feinde sind und daß er den Rottengeistern nicht helfe oder Ursach gebe, die Seelen zu verführen und das unschuldige Blut der gerechten Lehrer und Christen zu vergießen. Darnach wird er noch Mühe und Arbeit genug haben, die Prediger und Gottes Wort im Lande zu erhalten, besonders zu unsern Zeiten, wo die Leute so schrecklich undankbar und Verächter sind und der Teufel über alle Maßen ergrimmt ist, so daß mans (mit Händen) greifen kann, er wolle mit den Leuten da hinaus, daß sie hinfort ganz frei ohne alle Predigt und Lehre sein wollen.

Denn nachdem sie den päpstlichen Zwang und seine mannigfaltige Betrügerei losgeworden sind, denken sie auch vollends frei und los zu sein von allem Gottesgehorsam und -dienst, wollten auch wohl gern von allem weltlichen Recht und Ordnung frei sein, der Teufel macht sie voll geistlichen und weltlichen Aufruhrs wider Gott und die [97] Menschen. Und gerade die, die andere Leute mit großer Gewalt unter dem Papst halten wollen, nämlich Bischöfe Fürsten Domherren Adel, suchen solche Freiheit vom Papst am allermeisten, denn sie geben auf die päpstliche Lehre keinen Stroh. Halm, sie wollen allein solche Freiheit haben. Sie[34] könnten wohl siebenmal lutherisch gegen den Papst werden und ihn ein wenig ärger anpacken als der Luther getan hat, und werden dies endlich auch tun, wie Offb. 17(,16) weissagt, andere Leute aber, nämlich die Lutherischen, die diese Freiheit teuer erworben haben, sollen unter des Papstes Zwang und öffentlich erkannten Lügen bleiben oder sterben und verjagt sein. Das heißt: wir sollen die fleißigen Bienen sein, die den Honig machen, sie aber, die faulen Hum­meln, wollen den Honig fressen. – Das sage ich zur Warnung, weil alles und jedermann frei sein will und Gottes Wort verachtet. Denn es ist eine alte Weissagung unter den Bildern vom Endchrist[35], die da sagt, daß am Ende der Welt, wenn der Trug des Endchrists kommen wird, die Leute wild und roh werden, von allem Glauben abfallen und sagen, es sei kein Gott mehr, und also in allem Mutwillen nach eigenen Lüsten leben. Solche alten Bilder bewegen mich sehr und treffen auch zu. Denn keinen Gott haben, das heißt weder dies noch das glauben, sondern von aller Lehre und Predigt, die unter Gottes Namen geschieht, frei sein. Denn Gott kann man nicht haben außer allein durchs Wort und den Glauben; darum sagt St. Paulus (Eph. 2,12), daß die Heiden zuvor ohne Gott gewesen sind, obwohl doch die Welt voll Götter war; aber sie hatten kein Wort noch Glauben an Gott. Auch spricht er (2.Thess. 2,4), der Antichrist werde sich erheben, nicht über Gott – denn das ist unmöglich –, sondern supra dictum et cul­tum dei d.h. über Gottes Wort und Gottes Dienst. Solche Epikuräer und Gottesverächter rei­ßen jetzt auch öffentlich in Deutschland ein, wie sie zuvor in Welschland[36] eingerissen sind, und will leider ein welsch Regiment im weltlichen und geistlichen Stande werden. Das haben die Kurtisanen und Landsknechte hereingebracht, wie sie es zu Rom und im welschen Lande gesehen und gelernt haben. Mit demselben welschen Regiment werden auch die welschen Plagen und das welsche Unglück kommen. Dann ist es aus mit Deutschland und wird fuit (d.h. es ist gewesen) heißen.

Es redete einmal mit mir ein feiner Mann, und warum sollt ich ihn nicht nennen? Herr Asch von Cram selig[37] und fragte, ob Kriegsleute, wenn sie sonst [98] gläubig wären, auch mit gutem Gewissen Sold nehmen könnten, worauf ich auch schriftlich geantwortet habe[38]. Unter andern, kam die Rede auch, ich weiß nicht wie, auf den großen Wucher, den man Umschlag[39] nennt und der mir zu jener Zeit nach Wort und Tat unbekannt war. Wie, sprach ich, haben denn die Leute kein Gewissen, das sich vor Gottes Gericht und der Hölle fürchtet? Ja, sagte er, sie sprechen also: meinst du, daß noch ein Kerl in diesem Kerle steckt? Solch Wort stach mich ins Herz, weil ich solche freche freie Rede in Deutschland nicht vermutet noch befürch­tet hatte. Aber Gott gebe, daß ihrer wenige unter dem Adel und nicht viele unter den Bauern sind, (die so reden). Denn solche Gesellen werden dem lieben Evangelium gar bald und weid­lich hinunterhelfen und die letzte Finsternis eilend herzubringen, von der Christus sagt (Lk. 18,8): meinst du, wenn des Menschen Sohn kommt, daß er werde Glauben finden? Und beide, er selbst und St. Paulus (1.Thess. 5,2), sagen, der jüngste Tag werde in der Nacht kommen, wenns am finstersten ist. Und hierzu helfen mit aller Macht und vollem Lauf die lieben immer freien und stolzen Junker Bischöfe Kardinäle Domherren – sie lasten die Pfarreien liegen, ja sie machen sie leer und wüste, damit der Pöbel ja flugs roh wild und heidnisch werde und gar nichts höre und lerne von Gott und der Seelen Heil, so daß man leicht sieht, welch ganz from­me Epikuräer sie selber sind und wie sie alle Welt auch epikurisch machen. Wohlan, es ist ihr Amt, sie sollen so tun, Bessres sind sie nicht wert, Gottes Zorn treibt sie, so daß sie der Sache zum Ende helfen müssen. Gleichwohl geben sie zum Schein vor, sie wollten keine Lutheri­schen leiden, gerade als wäre es ihnen ernst damit, ihre eigene päpstliche Lehre zu halten und lehren zu lassen, welche ihnen doch noch zehnmal unleidlicher sein würde als die Luthers. Aber laß es mit ihnen gehen, wie sie es haben wollen.

Weil denn nun solch schrecklich und ganz päpstisch d.h. epikurisch und welsch Wesen an­geht, so helfe, wer da helfen kann, und erbarme sich der armen Jugend, unsrer lieben Nach­kommen, dazu aller auserwählten Kinder Gottes, die noch herzukommen sollen und noch nicht alle geboren sind, die durch unsern Dienst und unsre Handreichung zur Taufe und zu Christus kommen müssen. Dazu sind auch wir berufen und eben darum leben wir, sonst wäre uns unser Glaube für unsre Person genug, welche Stunde wir auch sterben. Und wehe, wo wir solchen Dienst und Beruf in den Wind schlagen! Gott wird von uns Rechenschaft fordern für die Seelen aller Nachkommen, die durch uns versäumt werden. Darum sage ich abermals: sei David, wer es sein kann und tu seinem Exempel nach, was ein jeder kann, besonders die Für­sten und Herren, die von Gott Gewalt und Gut genug dazu haben. Und Gott wird noch viel mehr, ja wohl hundertfältig wiedergeben und dazu das ewige Leben, wie er gar reichlich ver­heißt. Und wenn nicht mehr [99] geschehen kann, so soll doch soviel geschehen, daß die Schulen und der Predigtstuhl, welche ja nicht über die Maßen viel kosten können, bleiben, weil so viele Stifter Klöster und Lehen vorhanden sind. Die oben genannte Weissagung wird gewiß erfüllt werden. Gott gebe, daß wir doch zuvor dagegen getan und gelehrt haben und dann samt allen, die uns lieb sind, in einem guten Stündlein davonfahren und mit Lot aus dem verdammten Sodom und Gomorra erlöst werden, Amen. Das sei vom ersten Teil des Psalms gesagt.

Vers 5-8:
Das rechte weltliche Regiment

(5) Der seinen Nächsten verleumdet, den vertilge ich. Ich mag den nicht, der stolze Gebärde und hohen Mut hat.

Bisher hat David mit seinem Exempel (vor Augen) gemalt, wie fromme Könige und Fürsten dienen sollen, damit durch ihre Hilfe und ihr Zutun Gottes Wort und Ehre gefördert und den irrigen Geistern gesteuert werde. Er hat sie also recht und christlich zur Kirche geführt, nicht um wie die Heuchler mit Kerzenbrennen oder anderm Narrenwerk Gott zu dienen, das zu irdischem Reichtum und Ehre der falschen Lehrer dient, sondern um mit rechtem Ernst und Geist die reine Lehre und Gottesordnung zu erhalten zu Nutz der Seelen Seligkeit. Nun gibt er sich hier auch zum Exempel auch im weltlichen Regiment (und führt aus), wie ein frommer Fürst an den Leuten oder Untertanen handelt, einen jeden vor des andern Gewalt und Frevel schützen, zum Recht helfen und dabei erhalten soll. So führt er ihn in das rechte Rathaus.

Es ist Gott Lob! nun aller Welt wohl offenbar genug, wie die zwei Regimente sich unterschei­den. Denn auch die Wirklichkeit selber zeigt solchen Unterschied reichlich genug an, auch wenn kein Gebot noch Verbot von Christus darüber getan wäre. Denn wir sehen ja wohl, daß Gott die weltliche Herrschaft oder die Königreiche aufs allerherrlichste und mächtigste unter die Gottlosen streut, gleichwie er die liebe Sonne und den Regen auch den Gottlosen dienen läßt, obwohl er diesen kein Gotteswort noch Gottesdienst stiftet noch durch Propheten sie lehrt oder weist, wie er zu Jerusalem in seinem Volk getan hat. Dennoch nennt er solch welt­lich Regiment der Gottlosen seine Ordnung und Schöpfung und läßt sie dieselbe mißbrau­chen, so übel sie können, gleichwie er einen Buben und eine Hure Leib und Seele brauchen läßt und doch gleichwohl als ein Schöpfer Herr und Erhalter solchs Leibs und solcher Seele gerühmt sein will. Daraus muß man ja (mit Händen) greifen, daß das weltlich Reich ein and­res ist (als das geistliche) und ohne Gottes Reich sein eignes Wesen haben kann. – Umgekehrt sehen wir auch, daß er sein geistlich Reich so genau und scharf von dem weltlichen scheidet, daß er die Seinen lauter Jammer Elend und Armut leiden läßt auf Erden. Und so wenig er den gottlosen Königreichen von seinem Reich gibt, so wenig gibt er auch den Seinen vom Reich der Gottlosen. Denn es hat ja der Kaiser zu Rom gewiß nie ein Gotteswort noch einen Prophe­ten gehabt, durch die er aufgekommen und [100] so mächtig geworden wäre und sich gehalten hätte. Ebensowenig haben St. Petrus und Paulus zu Rom einen Fußstapfen breit oder einen Strohhalm Eigenes gehabt, durch das Ihrer einer hätte erhalten werden, geschweige regieren oder herrschen können. Dennoch waren zur selben Zeit beide Reiche zu Rom, eines regierte der Kaiser Nero wider Christus, das andere Christus durch seine Apostel Petrus und Paulus wider den Teufel. Und zum Wahrzeichen dessen, daß St. Petrus und Paulus zu Rom kein Reich regierten, ward der eine gekreuzigt, der andere geköpft; sich kreuzigen oder köpfen lassen aber heißt ja nicht ein Regiment anfangen auf Erden. Umgekehrt zum Wahrzeichen dessen, daß Nero nicht im Reich Christi regierte, ließ er als ein Feind solches Reiches die obersten Fürsten dieses Reiches, St. Peter und Paul, hinrichten, als wärens Feinde seines weltlichen Reichs.

Über solchem Werk und Zeugnis der Geschichte steht nun Christus und spricht (Lk. 22,25 f.): der Heiden Könige herrschen über sie, ihr aber nicht also d.h. denket nicht, daß ich euch wolle zu weltlichen Herren machen. Laßt den Heiden ihr Regiment. Abermals spricht er (Mt.8,2O): die Füchse haben Löcher und die Vögel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege. Nun rate, wo soll er die Hände und Füße hinlegen und den ganzen Leib? Er lag ja doch in der Krippe und in seiner Mutter Arm und Schoß, auch im Schiff auf einem Kiffen. Aber das ist die Meinung: mein Reich ist nicht auf Erden, ist nicht Liegen Essen Trinken Kleiden, wiewohl die Notdurft des Leibes dies für eine Stunde oder zwei wie ein Gast braucht, sondern ein andres, das da bleibt, wenn solches alles aufhört. Aber des Fuchses Loch ist sein Reich, wenn er das nicht mehr hat, so sind alle seine Königreiche dahin und er auch mit dahin, denn ohne Loch kann er nicht bleiben, aber ich bleibe ohne weltlich Regiment.

Solchen Unterschied dieser beiden Reiche muß ich immer (neu) einbläuen und einkäuen, ein­treiben und einkeilen, obwohl so oft davon geschrieben und gesagt ist, daß es verdrießlich ist. Denn der leidige Teufel hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinanderzukochen und zu brauen. Die weltlichen Herren wollen in Teufels Namen immer Christus lehren und meistern, wie er seine Kirche und sein geistlich Regiment führen soll. Ebenso wollen die falschen Pfaf­fen und Rottengeister nicht[40] in Gottes Namen immer lehren und meistern, wie man das welt­liche Regiment ordnen soll. So ist der Teufel auf beiden Seiten sehr fleißig und hat viel zu tun. Gott wolle ihm wehren, wenn wirs wert sind, Amen.

Ja, (sprichst du), mengt nicht auch David hier in diesem Psalm geistlich und weltlich Regi­ment ineinander und will es beides haben? Traun, hier soll ich mir selbst in die Backen gehau­en haben und gefangen und geschlagen sein mit meinen eigenen Worten, besonders wenn die scharfen Antilogisten[41] über dies Buch [101] kommen, dir mich wie den Aal beim Schwanz halten und all meine gegensätzliche Rede aufzubauschen wissen. Wohlan, will mir denn also der allerheiligste Vater Papst mit den Seinen nicht gnädig sein noch mir aus solchen Nöten helfen, so helfe mir der liebe Herr Jesus Christ, dem sie feind sind und den sie verfolgen. Ich sage dazu so: alle Vernunft, auch wohl ein Kind von sieben Jahren, muß sagen, daß gebieten und gehorchen zweierlei ist, gleichwie auch herrschen und dienen zweierlei ist. Das eine heißt Oberkeit[42], das andre können wir Unterkeit heißen, das ist deutlich genug und dazu auch deutsch geredet. Nun werden wir Gott unsern Herrn die einzige Oberkeit sein lassen müssen über alles, was geschaffen ist. Wir alle aber sind gegen ihn, wollen wirs nicht mit Liebe, so müssen wirS mit Leid, lauter Unterkeit. Da wird Gott Lob! nichts andres draus, denn er sagt selbst Psalm (68,5), Herr sei sein Name. Und die Kinder nennen ihn im Glaubensbekenntnis den allmächtigen Gott und Vater. – Wenn nun ein Prediger in seinem Amt Königen und Fürsten und aller Welt sagt: fürchtet Gott und haltet seine Gebote!, – damit mengt er sich nicht in weltliche Oberkeit, sondern dient und ist gehorsam der höchsten Oberkeit. Also ist das ganze geistliche Regiment nichts andres als ein Dienst gegen die göttliche Oberkeit, darum heißen (die Prediger) Gottes Knechte und Christi Diener in der Schrift. Ja, St. Paulus nennt es auch (Röm. 15,16) der Kirche und allen Heiden gedient. Ebenso ist auch David oder ein Fürst, der Gott zu fürchten und sein Wort zu hören lehrt oder befiehlt, nicht ein Herr die­ses Worts, sondern sein gehorsamer Diener und mengt sich nicht in geistliche oder göttliche Oberkeit, sondern bleibt eine demütige Unterkeit und ein treuer Diener. Denn gegenüber Gott und im Dienst seiner Oberkeit soll alles gleich und (ineinander) gemengt sein, es heiße geist­lich oder weltlich, Papst oder Kaiser, Herr oder Knecht. Hier gilt kein Unterschied noch Ansehen der Person, einer ist vor Gott so gut wie der andere; denn er ist ein einiger Gott, über alle, einen wie den andern, in gleicher Weise Herr. Darum sollen sie alle in gleichem Gehor­sam ineinandergemengt sein wie ein Kuchen und alle einer dem andern helfen, gehorsam zu sein. Darum kann im Dienst gegen Gott und in der Unterkeit unter Gott kein Aufruhr entste­hen im geistlichen oder weltlichen Regiment, denn aus Gehorsam oder Dienst entsteht auch in der Welt kein Aufruhr, sondern nur, wenn man regieren oder herrschen will.

Das aber heißt weltlich und geistlich Regiment ineinander werfen und mengen, wenn die ho­hen Geister oder Naseweisen gebietender- und herrschenderweise das weltliche Recht ändern und meistern wollen, obwohl sie keinen Befehl noch Obrigkeit dazu haben weder von Gott noch von den Menschen, ebenso auch, wenn geistliche oder weltliche Fürsten und Herren gebietender- und herrschenderweise Gottes Wort ändern und meistern wollen und selbst befehlen, was man lehren und predigen soll, obwohl ihnen dies ebenso verboten ist wie dem geringsten Bettler. Das heißt: sie [102] wollen Gott selber sein und nicht dienen noch Unter­keit bleiben unter Gottes Wort, sondern wie Luzifer Gott gleich, ja über Gott sein und sich so der Unterkeit unter Gott entziehen und in Gottes Oberkeit mengen und sich endlich über ihn setzen. Darum kommt aller Hader und alle Klage über die Vermengung des geistlichen und weltlichen Regiments von der Oberkeit und nicht von der Unterkeit. Denn jedermann will sowohl in göttlichen wie in weltlichen Sachen schaffen und ein Neues machen, niemand aber dienen und gehorchen. Das ist die leidige Erbsünde, die angeborene Plage, das eingewachsene Gift vom Erbstamm und väterlichen Geblüt Adams, als ihn der Teufel befleckt und durchgif­tet hatte mit dem Wort: ihr werdet sein wie Gott. Diese verdammte Gottheit machts, daß alles ineinandergemengt wird.

Kann doch auch kein weltlicher Herr oder Hauswirt es leiden, wenn seine Untertanen in sei­nem Hause zugleich Knechte und Herren sein wollten und wenn sie, wo der Herr etwas befiehlt oder verbietet, zuführen und etwas andres täten oder zu tun befählen. Was sollte aus solchem Haushalten werden? Aber wenn es recht zugehen soll, so muß ein frommer Knecht zum andern sagen: Lieber, du weißt, daß unser Herr dies und das haben will und geboten hat, darum laßt uns gehorsam sein und ein jeder das Seine tun. Solch frommer Knecht mengt sich hier gewiß nicht in seines Herrn Obrigkeit, sondern dient treulich und hilft seinem Herrn, seine Obrigkeit und den Gehorsam des Gesindes zu erhalten. So tat Joseph in Ägypten gegen Pharao und David auch gegen seinen Feind Saul. Und alle Welt muß sagen, daß solch ein Knecht nicht Herr, sondern der alleruntertänigste und treuste Diener ist. So ist auch David, wenn er sich hier, wie es für einen tollen Heiligen aussieht, in göttlich und geistlich Regiment mengt und zu den Seinen spricht ‚du sollst so und so tun, wie Gott geboten hat‘, – nicht ein Herr, sondern ein treuer Diener seines Gottes, dessen Ehre und Herrschaft er untertäniglich sucht. – Hätte er aber so gesagt: liebe Leute, dies und das bat unser Gott geboten, das wißt ihr, aber ich wills nicht so haben, sondern ich gebiete euch als euer weltlicher König und Herr, dem ihr zu gehorchen schuldig seid, bei Leib und Gut, daß ihr anders tut, – das hätte sehr wohl geistlich und weltlich oder göttlich und menschlich Regiment ineinandergemengt ge­heißen, wie man es jetzt zu unsrer Zeit Gott seis geklagt! tut und zuvor auch der edle Antio­chus[43] und seinesgleichen getan haben. Hierüber ist nun (von uns) viele Jahre genug geschrie­ben worden. Wer es merkt, der merkte, wer nicht, der laste es! Gott wird solches Gemenge nicht leiden, wie ers bisher noch nie gelitten hat …

Um wiederum zu David und seinem weltlichen Regiment zu kommen, so hören wir hier im Psalm von viel feinen fürstlichen Tugenden, die er geübt hat. Denn in diesem Stück handelt er nicht davon, wie man Gott dienen soll, wie im ersten, sondern davon, wie er die Leute zum Recht angehalten hat, einen jeden gegen [103] seinen Nächsten. Denn wie das geistliche Regi­ment oder Amt die Leute nach oben weisen soll, wie sie Gott recht tun und selig werden, so soll das weltliche Regiment nach unten die Leute regieren und bewirken, daß Leib Gut Ehr Weib Kind Haus Hof und allerlei Güter in Frieden und Sicherheit bleiben und auf Erden selig sein können. Denn Gott will das weltliche Regiment ein Vorbild der rechten Seligkeit und seines Himmelreichs sein lasten, gleichsam ein Gaukelspiel oder eine Larve. Darin läßt er auch seine großen Heiligen laufen, einen bester als den andern, David aber am allerbesten.

Allerdings hat Gott das weltliche Regiment der Vernunft unterworfen und befohlen, weil es nicht der Seelen Heil und ewiges Gut, sondern nur leibliche und irdische Güter regieren soll, welche Gott nach 1.Mos. 2(,8 ff.) den Menschen unterwirft. Darum wird auch im Evangelium nichts davon gelehrt, wie das weltliche Regiment zu halten und zu regieren sei, nur daß das Evangelium gebietet, man solle es ehren und sich nicht dawidersetzen. Darum können hiervon die Heiden gut reden und lehren, wie sie denn auch getan haben. Und um die Wahrheit zu sagen sind sie in solchen Sachen weit über die Christen (hinaus) geschickt, wie auch Christus selber sagt (Lk. 16,8), daß die Kinder dieser Welt klüger sind als die Kinder des Lichts. Und St. Paulus spricht 1.Kor. (1,26), daß nicht viel Weise Edle Starke berufen sind, sondern was närrisch schwach verachtet ist hat Gott erwählt. Auch täglich erfahren wir noch, wie ge­schwind listig klug behend die Kinder der Welt gegen uns fromme alberne gute einfältige Hammel und Schafe sind. Wenn Gott nicht bei uns stünde und ihre hohe Weisheit zur Narr­heit machte, hätten sie es längst, ehe wirs gewahr geworden wären, anderswohin gebracht. Denn Gott ist ein milder reicher Herr, er wirft unter die Gottlosen viel Gold Silber Reichtum Herrschaften Königreiche, als wäre es Spreu oder Sand. Ebenso wirft er unter sie auch hohe Vernunft Weisheit Sprachen Redekunst, so daß seine lieben Christen gegen sie lauter Kinder Narren und Bettler sind.

Und was bedarf es vieler Worte! Das kaiserliche Recht, nach welchem das römische Reich noch heutigentages regiert wird und das bis an den jüngsten Tag bleiben wird, ist ja nichts anderes als heidnische Weisheit, welches die Römer gesetzt und verordnet haben, ehe Rom von Christen oder Gott etwas gehört hat. Und ich meine wohl, wenn auch alle Juristen in einen Kuchen gebacken und alle Weisen in einen Trank gebraut würden, so würden sie nicht allein die Streitsachen unverfaßt[44] lasten, sondern auch nicht so gut davon reden und denken können. Denn solche Leute haben sich in großen Händeln üben müssen und gar mancherlei Menschensinn erfahren können, sind dazu mit hoher Vernunft und Verstand begabt gewesen. Summa, sie haben gelebt und werden nicht mehr leben, die solche Weisheit im weltlichen Regiment gehabt haben. Dagegen sieht man wohl, was für ein kindisch albern Ding das geist­liche Recht ist, obwohl viel heilige, treffliche Leute dabei gewesen sind, so daß auch die Juristen selber sagen: purus canonista est magnus asinista (d.h. ein reiner Kanonist oder Kir­chenrechtler ist ein großer [104] Esel). Und man muß es auch sagen: es ist die reine Wahrheit. Denn sie haben gar viel andere Gedanken gehabt und sich der weltlichen Weisheit wenig an­genommen. – Wer darum im weltlichen Regiment lernen und klug werden will, der mag die heidnischen Bücher und Schriften lesen. Die haben es mit Sprüchen und Bildern, Lehren und Exempeln wahrlich schön und reichlich ausgeführt und gemalt. Daraus sind dann auch die kaiserlichen Rechte entstanden. Und mein Gedanke ist: Gott hat solche heidnischen Bücher der Poeten und Historien(schreiber) Homer, Vergil, Demosthenes, Cicero, Livius[45] und dar­nach die alten feinen Juristen(bücher) dazugegeben und erhalten, damit die Heiden und Gott­losen auch ihre Propheten Apostel und Theologen oder Prediger fürs weltliche Regiment hätten, gleichwie er auch andere irdische Güter unter Heiden und Gottlose allezeit gegeben und erhalten hat. So nennt auch St. Paulus (Tit. 1,12) den Poeten Epimenides[46] den Propheten der Kreter. Und Matthäus nennt die heiligen drei Könige Magier, weil sie der Araber Priester Propheten oder Lehrer waren. So sind bei den Heiden Homer Plato Aristoteles Cicero Ulpi­an[47] usw. das gewesen, was bei Gottes Volk Mose Elias, Jesajas usw. gewesen sind, und ihre Kaiser Könige Fürsten wie Alexander, Augustus usw. sind ihre Davide und Salomone gewe­sen.

Denn wie die geistlichen und heiligen Propheten die Leute gelehrt und regiert haben, zum ewigen Reich Gottes zu kommen, so haben diese weltlichen heidnischen gottlosen Propheten und Könige die Leute gelehrt und regiert, das weltliche Reich zu erhalten. Denn weil Gott den Heiden oder der Vernunft die irdische Herrschaft hat geben wollen, hat er ja auch Leute dazu geben müssen, die dazu geneigt und geschickt waren und es mit Weisheit und Mut erhielten, gleichwie er zu allen Zeiten seinem Volk rechte reine treue Lehre hat geben müssen, die seine christliche Kirche haben regieren und wider den Teufel streiten können. Von diesen beiden sind nun allerlei Bücher Rechte und Lehren gemacht worden und bis heute geblieben. Die Heiden haben ihre heidnischen Bücher, wir Christen haben die Bücher der heiligen Schrift; jene lehren Tugend Rechte und Weisheit für irdisches Gut Ehre und Friede auf Erden. Diese lehren den Glauben und gute Werke fürs ewige Leben im Himmelreich.

Und wie könnte man einen Fürsten oder König auf Erden feiner malen, als die Heiden ihren Herkules gemalt haben? Was sollte man an einem weltlichen Fürsten [105] mehr wünschen, als daß er den Taten des Herkules gleich wäre oder ihm nach, folgte? Freilich laufen Sünde und Laster mitunter; was nimmt das wunder an einem Heiden, wo doch auch die Heiligen Gottes wie David gefallen sind? Aber im Regiment sind sie gleichwohl feine Helden geblie­ben. Was fehlt, wenn man fürstliche Exempel zum weltlichen Regiment haben will, einem Alexander dem Großen und seinem Vater Philippus, desgleichen Augustus Trajan[48] und ihresgleichen? Und, um von andern Büchern jetzt zu schweigen, wie könnte man ein feineres Buch weltlicher Weisheit machen, als das gewöhnliche alberne Kinderbuch Äsop[49]? Freilich, weil es die Kinder lernen und es so allgemein bekannt ist, gilt es nichts und dünkt sich jeder wohl vier Doktor(hüte) wert, der noch nie eine seiner Fabeln verstanden hat.

Jedoch ist hier wiederum zu bedenken, was schon oben gesagt ist, daß die Welt-weisen oder Weltregenten nicht alle gleich sind. Vielmehr, wie David zu seiner Zeit und in seinem Regi­ment vor andern Heiligen Gottes ein Wundermann gewesen ist zum Exempel für alle frommen Könige und Fürsten, so haben auch hier unter den Heiden, wiewohl sie alle gleichermaßen Heiden und Menschen und vernünftig gewesen sind, doch auch etliche Wunderleute sein müs­sen, die es vor andern und über andre aufs beste gemacht haben, denen es die andern nicht haben gleichtun können, sondern nachtun und den bösen Pelz flicken mußten, so gut sie vermocht haben, wie es denn auch heute noch geht und gehen muß. Denn gleichwie Gott in seinem heiligen Volk nicht alle in gleicher Weise zu Propheten oder Gelehrten gemacht noch gleich hoch begabt hat, so hat er auch unter den Heiden nicht so viele Edelsteine wie Kiesel auf der Gaffe gemacht und ihnen auch selten einen feinen Helden gegeben, wie er auch heute noch tut. Denn Homer oder Alexander, Vergil oder Augustus ist noch keiner gleichgekom­men, auch unter den blinden Heiden bleibt es eine Wundertat Gottes, die nicht ihre Weisheit, sondern reine Gottesgabe ist, wenn sie etwas Besonderes gewesen sind oder getan haben.

Darum dankt und lobt auch hier der teure liebe David im Psalm für sein weltlich Regiment nicht seine Vernunft noch Gewalt, sondern Gott. Denn solch hohe fürstliche Tugend zu beweisen, es sei bei David oder bei Herkules, dazu gehört auch Gottes Treiben. Die Heiden, die nicht haben wissen können, woher solcher Unterschied der Fürsten kommt, Habens Fortu­na oder Glück genannt und eine Göttin draus gemacht und sie hoch geehrt, besonders die klügsten, mächtigsten Herren zu Rom. Die allerklügsten unter ihnen wie Cicero sagen, es sei ein göttliches Eingeben, es sei noch nie ein großer Mann es aus eigenen Kräften geworden, sondern aus einem besonderen heimlichen Einblasen oder Eingeben der Götter. Denn sie sahen wohl, wie gar seltsam (oft) ein Mann vor dem andern Glück hatte, so daß einer eine Sache hinausführen konnte, der nicht halb, ja nicht den siebten Teil so geschickt war mit Vernunft Kraft und Gewalt als viele andere, [106] die es billigerweise hätten besser machen sollen und doch es weder anzufangen noch mit Rat und Tat zu treffen wußten trotz all ihrer Weisheit, wie es Demosthenes und Cicero widerfuhr. Das sagt auch das deutsche Sprichwort: wer das Glück hat, führt die Braut heim.

Und besonders muß solch göttlich Treiben sein bei einem weltlichen Regiment, in dem David d.h. gottselige christliche Fürsten regieren, weil sie zugleich Gott dienen und die Leute regie­ren sollen. Denn diesen ist der Teufel mehr feind als den Heiden, besonders um Gottes und seines Wortes willen, wie Gott bei Hes. (5,5) von Jerusalem spricht: siehe, das ist Jerusalem, ich habe es mitten unter die Heiden gelegt. Als wollt er sagen: Jerusalem hat ringsumher um meinetwillen lauter Feinde und den Teufel selber, die ihr nicht die Kleie mit den Säuen, auch nicht das Leben gönnen, geschweige denn ein frei gut königlich Regiment in der Welt. Darum hat auch Gott selber, wie uns die Bibel lehrt, das Königreich seines Volkes immer mit eigener Gewalt und Wundertaten schützen und erhalten müssen durch lauter Wunderleute, die er dazu erwählt und erweckt hat. Denn wiewohl der Teufel auch dem weltlichen Regiment der Heiden feind und entgegen ist, so haßt er doch das Regiment der Heiligen Gottes auf Erden noch viel greulicher und hat allezeit der Heiden Königreiche und Gewalt gegen es gebraucht, wie das alle Heiden anzeigen, die um Jerusalem herum gewesen sind. Und er läßt auch nimmermehr davon bis an den jüngsten Tag, wo er einmal aufhören muß.

Nun singet David von seiner ersten Tugend im weltlichen Reich: der seinen Nächsten heim­lich verleumdet, den vertilge ich.

Hier hörst du, daß er jetzt nicht Gott gegenübersteht, sondern unter sich sieht und sich seines Nächsten annimmt. Er will wie ein weltlicher König das Recht handhaben bei den Leuten. Es gibt aber zweierlei Verleumden bei Hofe. Eins geht den König oder Fürsten selber an, wenn man nämlich übel von ihm redet, ihm flucht oder ihn lästert, wie die Landsknechte ihren Her­ren auch zu fluchen pflegen. Hiervon redet David meines Erachtens nicht. Die Heiden haben sich hierin bald so bald so[50] verhalten. Ein jeder mag sich sein Exempel nehmen, wie er will. Die großmütigen Fürsten Habens gemeiniglich verachtet. Als dem großen Alexander gesagt ward, wie übel man von ihm redete, tat er nichts dagegen, zürnte auch nicht, sondern sprach: regium est benefacere et male audire d.h. es geht königlich zu, wenn wirs gut machen und die Leute übel davon reden, als wollt er sagen: königliche Tugenden sind zu hoch, als daß sie der tolle Pöbel verstehen könnte, und zu gut, als daß sie von unnützen Leuten gelobt werden könn­ten. Das hat er aus seinem Propheten Homer gelernt, der von einem Unfläter Thersites schreibt, der sonst nichts konnte als seinem König fluchen. Etliche römische Kaiser haben auch gesagt: ei, in der freien Stadt Rom müssen freie Zungen sein. Aber bei dem Volk Israel ists eine Todsünde gewesen wie bei vielen andern Heiden auch. Denn die Juden hieltens für Gotteslästerung und töteten deswegen auch die rechten heiligen Pro-[107]pheten, welche doch die Könige und (falschen) Propheten aus Amtspflicht und Gottesbefehl strafen mußten, wie wir in allen Propheten lesen. Aber ihr Amt half ihnen nichts. Wenn sie der Könige Laster und Abgötterei straften, so mußt es Gott und den König gelästert heißen und wurden sie flugs getötet. Dazu mußte der Spruch Mose 4.Mos. (22,28) dienen: du sollst den Göttern nicht flu­chen noch den Obersten deines Volks lästern. Mit dem Spruch und Schwert Mose ist gar viel unschuldig Blut vergossen worden, gleichwie jetzt der Name Kirche und Obrigkeit auch viel unschuldige Christen töten und plagen muß. – Es ist die Welt ein Distelkopf: wo man densel­ben auch hinkehrt, streckt er seine Stacheln aus. Ehe unser Evangelium kam, wußte niemand von der Obrigkeit zu predigen, daß sie ein guter Stand ist. Jetzt, nachdem sie durchs Evange­lium gepriesen und erhöht ist, will sie auch über Gott und seinem Wort sein und gebieten, was man predigen und glauben soll. Umgekehrt, straft man sie, so soll es Aufruhr heißen. Ich möchte schier sagen, wie jener Prediger vom Hasenstreifen[51] sagte, der Kopf wäre bös zu streifen, streife dich, sprach er, der Teufel! Er meinte aber die Fürsten und Herren. Nun, es geht, wie es gehen soll, nur daß nichts auf dem rechten Wege bleiben will …

Das andere Verleumden geht den Nächsten an, wie der Text sagt und klagt. Denn David bekennt damit klar, daß an seinem Hofe solche Buben gewesen sind und ihn versucht haben. Wie könnte er sonst so hart gegen sie reden und es nicht allein als eine königliche Tugend, sondern auch als eine göttliche Wundertat rühmen, daß er solch Laster an seinem Hofe habe tilgen können? Was nicht da ist, braucht man nicht tilgen. Aber vielleicht redet er allein von seiner Zeit und von seinem Hof. Jetzt, zu unsrer Zeit, sind sie nicht mehr zu Hofe, sondern alle fromm geworden, und wenn sie es wären, so wären sies (angeblich) doch nicht, wie ein Narrengeist sagt: habe ichs getan, so habe ichs nicht getan, du auch nicht, mein Bruder auch nicht, mein Schwager auch nicht, der schändliche Niemand hats getan, der tut alle böse Tat und bleibt gleichwohl frei und ungestraft vor allem Recht und aller Gewalt, er bleibt auch bei Groß und Klein im Regiment, außer wenn Gott ihn dem Meister Hans[52] oder dem Teufel in die Hände geben will; denn diese können auch den feindseligen Niemand finden, wie Salomo in seinen Sprüchen oft predigt und warnt.

Die Heiden machen einen guten Witz und sprechen von einem seltsamen Gott, der Momus heißt und nichts ungetadelt lasten kann. Daher auch sein Name Momus d.h. der Tadler. Der lobte sehr, was die andern Götter am Menschen gemacht haben, aber eines (, sprach er,) sei vergessen und schändlich versehen worden, daß nämlich am Menschen kein Fenster oder Loch zum Herzen gemacht worden sei, durch das man sehen könnte, was die Leute im Sinn haben und denken. Denn damit könnte man vielem Unglück zuvorkommen und könnte sich ein jeder gut vor dem andern hüten, weil es ihm an der Stirn gemalt wäre, was er im Herzen hat. Kein Lügner Heuchler Schmeichler noch eine falsche Zunge könnte [108] etwas vorneh­men, geschweige ausrichten. Die hohe Vernunft weiser Leute klagt hiermit über die Heuchler und falschen Herzen und kann nicht zufrieden sein noch begreifen, was Gott damit meint, das er uns untereinander von falschen Leuten so geplagt sein läßt. Denn sie meint, wenn sie dabei gewesen wäre, hätte sie Gott den guten Rat gegeben, den Menschen so zu schaffen, daß er bei dem linken Zitzen[53] ein Fenster zum Herzen haben müßte. Denn wo falsche Zungen bei Hofe und im Regiment nicht wären[54], würde das Schwert gar oft in der Scheide bleiben, während es sonst ohne Not viel Unglück Blut und Mord anrichtet, auch würde das Recht gewiß nicht so tief in den Büchern verborgen bleiben, sondern frei herausfahren und aufgehen wie die liebe Sonne allen, die sonst Unrecht leiden müssen. Aber wohlan, es ist ein Pelz, an dem weder Haut noch Haar gut ist, wie alle Historien bezeugen, außer was Gott Gutes an ihm tut oder flickt, so daß der arme ungeduldige Momus, um menschlich zu reden, nicht ohne Ursache zürnt und gerne wollte, daß es anders ginge. Darum hat David hier doch sehr gut geschossen und das Hauptlaster und -übel zu Hofe ziemlich gut getroffen, als hätte ers erfahren, daß Zun­gen schädlicher sind als Schwerter und alle Waffen, … Wenn die bösen Zungen weg wären, wäre kein Schwert vonnöten. Darum spricht auch David im Psalter (Ps. 57,5): ihre Zungen sind Schwert und Spieß. Und wir Deutschen sagen auch von einem bösen Wort, es sei ein Pfeil oder ein Stich, der nicht blutet.

Was soll ich mehr davon sagen? Es ist mir zu hoch, weil ich nicht zu Hofe und im Regiment gewesen und gerne weit davon bin. Ich denke nur, es gehe daselbst zu wie in Christi Reich, in dem ich ein wenig und ziemlich gut versucht und erfahren bin und in dem mir, vielmehr mei­nem Herrn Christus, die falschen Zungen allergrößten Schaden tun. Ich habe zwei Stücke im weltlichen Regiment gehört von Leuten, denen ich glaube und die nun tot sind, und ein oder zwei Stücke selber gesehen. Sind die andern, die ich nicht weiß, auch derart oder ärger, so helfe Gott allen Fürsten und Regenten und muß ich, um heidnisch nach der Vernunft zu reden, den loben, der sich weit davon gemacht und ein Mönch oder Einsiedler geworden ist. Denn ich sehe, daß im weltlichen Regiment auch Ketzer und Rottengeister sind, die nicht mit dem Schwert – dazu sind sie viel zu verzagt –, sondern mit der Zunge fechten und kriegen. – Nun, ich will und kann auch nicht mehr davon wissen, als daß der meloschni (so heißt im Hebräi­schen der Verleumder) oder Zungendrescher oder Wäscher ein feines Kätzlein sein muß, das vorne lecken und hinten kratzen kann. Die zwei Tugenden muß er an sich haben, daß er gut lecken und noch besser kratzen kann. So malt David auch seinen Doeg, der den König Saul gar fein konnte lecken und reden, was ihm wohl gefiel, und den armen David so schändlich kratzen, daß dabei auch über achtzig Priester erwürgt wurden. Es muß solch Kätzlein zwei Personen haben, einen Saul, den es leckt, und einen David, den es kratzt. Aber zuletzt geht Saul mit seiner Katze unter und bleibt [109] David ungekratzt angebissen und ungefressen Herr. Denn David sagt hier: sie muffen vertilgt werden. Man wird erfahren, ob er lügt.

Die Heiden sagen von ihrem Herkules, der ihr David gewesen ist, er habe sich zuletzt durch die Weiber narren lassen, eine habe ihm den Schleier aufgesetzt, die andre ihm Rocken und Spindel in die Hand gegeben. Und er hat müssen spinnen vor großer Liebe. Nun, man muß wohl glauben, daß solch hohe Fürsten wie David über der Bathseba[55] in Frauenliebe zu Nar­ren werden. Aber das glaube ich nicht, daß er gesponnen hat, sondern die Poeten und vernünf­tige Leute haben solches gemalt und mit Worten verbessert, (um damit anzuzeigen:) wenn einen weiblichen Fürsten und Mann sonst kein Ungeheuer[56] übertäuben kann und wenn er alle Feinde um und um überwunden hat wie Herkules, so kann er doch zuletzt den Haus­teufel, den einheimischen Feind, nicht überwinden, sondern das traute Fräulein und schöne Königin Om­phale mit ihrem schönen Angesicht und ihrer glatten Zunge setzt dem teuern Her­kules den Schleier auf und heißt ihn spinnen. Da sitzt denn der hohe Siegmann, der alle Lö­wen zerris­sen, den höllischen Hund gefangen, die Centauren und Lapithen geschlagen, den Drachen erwürgt und was sie mehr Wunder von ihm schreiben, da sitzt er nu, sag ich, und läßt seine Keule fallen, nimmt die Spindel in die Hand, und seine schöne Omphale droht ihm mit der Rute, wenn er nicht recht spinnt.

Damit haben die Poeten das schöne Kätzlein, genannt Schmeichelei, gemalt, das zu Hofe den Fürsten und Herren auf dem Maul trampelt und sie tun heißt, was es haben will, jedoch mit so schöner Gestalt und so lieblichen Reden, daß der liebe Herkules meint, es sei der Engel Gottes und er selbst nicht wert, solch schön Fräulein wie die Omphale zu haben, und darum ihr willi­ger untertäniger Diener wird, freilich denen sehr zum Schaden, die er derweil mit seiner Keule hätte retten und schützen sollen gegen die bösen Buben. Ich weiß nicht, ob jemals ein Fürst oder König gewesen ist oder noch kommen wird, der von solcher schönen Metze unbetrogen geblieben ist. Das weiß ich aber aus der heiligen Schrift gut, daß der höchste König aller Kö­nige, David selber, nicht sicher vor ihr gewesen ist. Denn was sein eigener Sohn Absalom ihm mit seiner schönen Gestalt und feinen Worten antat, ist offenbar genug. Darnach schmierte ihm der Ziba auch das Maul so fein und kitzelte ihm die Ohren zu rechter Zeit, so daß er dem armen Mephipboseth etliche Güter, die er ihm zuvor zugesagt hatte, wieder nahm und dem Kätzlein Ziba die Hälfte davon gab; gleichwohl kratzte es der Ziba dem Mephipboseth ab, mit seinem Leckmäulen bei König David. Dennoch rühmt David hier im Psalm, er vertilge die Verleumder, und wir wollen ihn am Ende dieses Psalms zur Rede stellen, warum er sich des­sen zu rühmen wagt, was er doch nicht getan noch gehabt hat.

Es dünkt mich auch, daß die Propheten der Heiden keinem König die Ehre geben, von solch schöner Braut unbetrogen geblieben zu sein, weil sie den besten Fürsten der Heidenschaft, nämlich Herkules, so malen, daß er spinnen muß, als [110] wollten sie sagen: was Herkules nicht getan hat, das sollt ihr andern Fürsten auch lasten; was er nicht vermeiden konnte, das sollt ihr auch leiden; er hat müssen spinnen, es wird mit euch auch gesponnen sein müssen. Und wie kanns auch anders gehen? Wer regieren soll, der muß Leuten vertrauen; was wollt er sonst machen in seinem Regiment? Wer aber vertraut, der ist gewißlich betrogen, wie die Deutschen sagen: Trau-wohl reitet das Pferd weg, und die Hebräer im Psalm (116,11): alle Menschen sind falsch. Denn das ist gut zu verstehen, daß ein Hofgesinde oder Hofdiener, die untreu dienen und Schaden tun, von sich selber nicht das Ärgste reden wollen und sich nicht selber schänden. Das müßten große Narren sein. Vielmehr muß sich das Kätzlein putzen und schmücken für die Gäste, die wir kriegen werden. Darum bleibt diese Braut gewiß eine Weile zu Hofe und in allen hohen und niedrigen Regimenten. – Man schreibt von einem Markgrafen zu Meißen, der gesagt haben soll: ein Fürst braucht sich nicht fürchten vor den Feinden, die fern von ihm sind, sondern vor denen, die ihm zunächst auf dem Fuß folgen, denn diese wol­len ihm auch lieber auf den Kopf treten. Das ist ein seltener Mann gewesen und hat offen­sichtlich diese Braut an seinem Hof nicht leiden wollen, ich laste ihn klug sein und rühmen, gleichwohl befürchte ich: … wer einen bösen Pelz hat, der wird nicht alle Löcher flicken, geschweige allen neuen Löchern wehren können. Es bleibt wohl dabei: wo ein ungesunder Leib ist, daselbst sind auch Blattern Eiter und anderer Unflat. Das Regiment aber ist ein solcher Bettlerpelz und solch blätteriges Kind, das Pickeln und Masern hat. Darum müssen (im Regiment) etliche fromme Joseph Naeman Nathan Zadok sein, die es im Leben und im Wesen erhalten, daß es nicht ganz zugrunde geht, die andern sind Blattern Geschwüre Franzo­senkrankheiten …, die solchen Leib ungesund machen, wie Ziba Ahitophel und ihresgleichen.

Aber wer kann von dem Laster oder Schaden genug reden? Die Heiden haben sehr viel Bü­cher davon gemacht, besonders Plutarch[57]. Mer es heißt: streife dich der Teufel! Es ist ein unergründliches Übel, mit dem das Reich der Welt geplagt ist wie ein Hund mit seinem Knüt­tel, vielleicht, daß es nicht zu stolz und mutwillig wird. Gleichwohl rühmt David hier, er habe das Seine getan und weidlich getilgt.

Denn wenn ein Fürst sich wissentlich so schändlich melken lasten wollte, obwohl erS wehren könnte, das wäre ein böses Spiel … es ist schon das zuviel, daß sich ein Fürst heimlich melken und die Milch stehlen lassen muß, ohne daß ers wehren kann. Darum wird David mit dieser Tugend gar manchen großen Herrn angegriffen und erzürnt haben. Denn was wäre es für ein Ruhm, wenn er (nur) einen Stallknecht oder Ackerbuben vertilgt hätte? Aber königliche fürst­liche Verleumder vertilgen, die nicht allein zu Hofe, sondern auch aus dem Lande und in den Ämtern mit im Regiment sitzen, das ist Davids Tugend und ein Exempel eines fürstlichen Muts, der besonders von Gott getrieben ist, wie oben gesagt. [111]

Unter diesem Laster soll man auch verstehen und begreifen den fröhlichen lieblichen Hofjun­ker Neidhart und den ganzen Baum mit allen seinen Ästen und Früchten. Denn David will nicht von dem geistlichen und engelischen Neid sprechen, welchen kein weltlicher Fürst er­kennen beurteilen oder strafen kann. Darum malt er und nennt er den Neidhart bei seiner äußerlichen Frucht, an der man ihn erkennen kann, nämlich beim Verleumden. Denn der Neidhart kann zu Hofe seine böse Tücke nicht ausüben, ohne zuvor zu verleumden. Alsdann kratzt er und unterdrückt er den Unschuldigen, daß es so aussieht, als sei er nicht ein Neidhart, sondern ein guter Freund und Liebhaber der Gerechtigkeit. Der Unschuldige aber, der gekratzt ist, muß den Namen tragen, daß ihm Recht geschieht. Dazu muß sich Neidhart so stellen kön­nen, als sei es ihm leid, wie Sir. 12(,15 f.) geschrieben steht: der Feind gibt gute Worte und beklagt dich sehr und stellt sich freundlich, kann auch dazu weinen; aber im Herzen denkt er, wie er dich in die Grube werfe, und kriegt er Raum, so kann er deines Blutes nicht satt wer­den. Will dir jemand Schaden tun, so ist er der erste, der sich so stellt, als wollt er dir helfen, den­noch stürzt er dich meuchlings. Dann schüttelt er den Kopf und lacht in die Faust, spottet deiner und reißt das Maul auf. Ach, welch ein greulicher Text ist das. Aber wie gewiß wahr er ist, zeigen unzählige Exempel, deren auch die heidnischen Bücher voll sind, so daß wohl dar­um David dies Laster als das erste und ärgste anführt, welches in den Regimenten am gewal­tigsten regiert. Man spricht ja auch im Reim:

Neidhart, Eigennutz, junger Rat
Jerusalem Troja Rom zerstöret hat.

Das sei für diesmal genug zu diesem Psalm, man mag außerdem noch andre Bücher darüber lesen, denn alle Heidenschaft schreit ebenso laut gegen diesen Hausteufel als die Schrift.

Es folgt die nächste Tugend: ich mag den nicht, der stolze Gebärde und hohen Mut hat.

Wie kommt solch unleidlich Laster an die Höfe, daß der König David schreit, er könne nicht leiden, daß jemand stolz und hochmütig ist? Ja, wo sollte solch Kräutlein sonst wachsen als in den Regimenten, in denen Gewalt Ehre Gut und Freundschaft sind? Zuweilen ist freilich auch ein Bettler stolz und hochmütig. Aber davor fürchtet sich niemand, sondern jedermann lacht darüber und spricht: mit armer Hoffart wischt der Teufel seinen Hintern. Und wenn sie auch noch so drückt, so kann sie doch nichts machen, denn sie hat nichts im Bauche. Darum spricht Äsop von dem Frosch, der sich aufbläht und so groß sein will wie der Ochse; doch das junge Fröschlein sagt: nein, liebe Mutter, und wenn du dich auch gleich zerreißest und berstest! Aber David redet von der Hoffart, die zu Hofe allgemein ist und Schaden tun kann, wie eben die gewaltigen reichen großen Leute tun können. Und gleichwie er oben nicht vom geistlichen Verleumden oder Neidhart geredet hat, so redet er auch hier nicht vom geistlichen, sondern vom [112] weltlichen Hochmut in weltlichen Sachen hier auf Erden. Geistliche Hoffart und geistlicher Neid sind im Paradies und unter den Engeln Gottes, da will einer heiliger sein als der andere und fallen drüber in den Abgrund der Hölle, und ihre Nachfolger sind die falschen Propheten und alle Rottengeister in der Kirche und unter Gotteskindern.

Summa summarum, um auch einmal zum Ende des Psalms zu kommen, Hofstolz und Hoffart ist nicht Bauernhoffart in Kleidern Schmuck Vorangehen Schwänzen und dergleichen faulen Stücken. Freilich ist jetzt unter Fürsten Herren Adel und Bürgern solches auch übermäßig im Schwung und weiß schier keiner, wie hoch über den andern er sich gebärden soll. Das ist aber alles lauter bäurische Hoffart und Beispiel oder Allegorie. In solcher Weise sind auch die Pferde stolz und fühlen ihren Schmuck und ihre Ehre. Und wenn wirs höflich nennen wollen, so ist dies Haushoffart, nicht des Fürsten Hoffart, privatische und nicht regimentische Hof­fart. Aber Hofstolz und Hoffart ist auf griechisch tyrannis, auf deutsch ein Wüterich König Fürst oder Herr, der zwar im grauen Rock einhergehen kann und gar keine goldene seidene noch samtene Hoffart an sich haben muß, aber gleichwohl im Regiment seinen Nachbarn oder seine Untertanen plagt mit Pochen Trotzen Schinden und allem Unglück, nur weil er Lust hat, zu wüten und lieber gefürchtet als geliebt sein will. Solange Friede im Lande ist, kann das vielleicht geschehen. Wenn aber Krieg wird, dann muß (ein solcher Tyrann) auch seinerseits so viele Tyrannen fürchten, als er Reiter und Landsknechte hat, und muß ihnen noch Geld dazugeben. So bezahlt sich denn alles: weil er zur Zeit des Friedens ein Tyrann ist und das Geld nimmt, muß er zur Zeit des Krieges für dasselbe Geld Tyrannen über seinen Hals kau­fen.

Aber David redet hier von der regimentlichen Hoffart gegen die Untertanen und rühmt nicht nur, er sei selbst nicht hoffärtig gegen seine Untertanen gewesen, welches schon eine hohe königliche Tugend ist, sondern er habe es auch seinem Hofgesinde nicht gestattet. Das tu ihm nach, wer da kann! Er hat da sein Exempel hoch genug gesteckt. Denn Gewalt Ehre Reichtum Herrschaft haben und doch nichts davon wissen wollen oder nicht stolz davon werden gegen seine Untertanen, das ist nicht allgemeiner Vernunft noch einfacher menschlicher Natur Werk, sondern eines Herkules oder Davids Tugend, von Gott eingeblasen. Von solcher Demut Davids mag ein jeder selber in den Büchern Samuels lesen. Da wird seine Demut als eine Wundertat Gottes wahrlich fein gemalt, wie er sich so fein freundlich gegen sein Volk erzeig­te, auch im Kriege, nicht allein im Frieden.

Es ist das weltliche Regiment gleichwie ein Hausregiment oder Ehestand. Da finden sich vie­rerlei Unterschiede: erstens, daß sich beide, Mann und Weib, liebhaben, zweitens, daß sie beide einander feind sind, drittens, daß der Mann sein Weib liebhat und sie ihm feind ist, viertens, daß die Frau den Mann liebt und er ihr gram ist. Welches das beste und ärgste unter diesen vieren ist, ist leicht zu verstehen. Ebenso: wo ein Land so steht, daß Herr und Knecht sich liebhaben und es miteinander treulich meinen, da wird es vor seinen Feinden bleiben. Und ist es [113] nicht mächtig, so kann es mächtig werden, wie man von Solon[58] und der Stadt Athen schreibt; denn da geht Demut mit Demut und Herzen sich freundlich. Wo aber Fürst und Land einander Haffen, da wird aus einem Fürsten ein armer Schulmeister, wie Dionysius[59] geschah. Denn da geht Hoffart mit Hoffart und Gram wider Gram, wie auch die lateinischen Historiker schreiben von einem Kaiser, der sprach: oderint dum metuant (mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten). Was solch ein Regiment tut, das stellt uns seit vielen Jah­ren mit täglichen Exempeln vor Augen das (einstmals) edelste, jetzt aber elendste Land auf Erden, Italia. – Wo aber drittens der Fürst liebt und das Land nicht liebt, das ist unseres Herr Gotts eigenes Regiment. Denn so klagt er in allen Propheten, er habe seine Braut lieb, und sie wolle dennoch eine Hure sein. So muß unser Herr Gott ein Hahnrei sein wie man in Sachsen spricht. Freilich waren nicht alle so, sondern auch etliche fromme Jungfrauen im Glauben. Solch Regiment haben viel feine Kaiser zu Rom geführt, deren etliche unschuldig erwürgt sind. Es ist nach dem ersten das allerbeste Regiment. Denn unser Herr Gott hat noch genug zuzusetzen, auch wenn seine Braut eine Hure wird, so daß dennoch siebentausend den Baal nicht anbeten und eine reine Jungfrau bleiben. Es muß doch zuletzt so gehen, daß ein frommer Fürst bleibt und die, die ihm feind sind, untergehen und er doch fromme Untertanen findet, die bei ihm stehen. Exempel brauche ich hier nicht anzuführen, denn die alten und fremden achtet man nicht, denen zu unsrer Zeit glaubt man nicht. – Wenn viertens der Herr böse und falsch ist, die Leute aber fromm und treu sind, ach, das ist das löbliche Regiment, das Gottes Kinder leiden müssen, die ihre Tyrannen nicht allein ertragen, sondern auch für sie beten und ihnen alles Gute gönnen und tun müssen. Ein solcher Herr war Kaiser Julian[60], der hatte ge­lernt, die Christen sollten Unrecht leiden, nahm ihnen drum ihre Güter und sprach spöttisch und höhnisch: euer Christus hat euch heißen leiden. Zu Babylon sprachen die Chaldäer zu dem armen frommen jüdischen gefangenen Volk ebenso, wie der 137. Psalm (,3) sagt: Lieber, sing uns ein Liedlein von Zion. Solche Hoffart und solche» Stolz gebrauchen jetzt die Papi­sten, besonders die Bischöfe, und treiben ihren Spott und Mutwillen mit dem Gehorsam ihrer allertreusten und allerfrömmsten Untertanen und heißen sie auch Christus und das Evangeli­um anrufen, weil sie wissen, daß man ihren Stolz erträgt, und lassen sich nicht bewegen von Gottes Zorn und Rache, die über solche Juliane und Chaldäer sehr schnell ergrimmt ist …[61].

So ist nun der liebe David wie gesagt ein Exempel dafür, daß ein König nicht stolz noch hof­färtig oder tyrannisch sein soll für seine Person, dazu auch seinem Hofgesinde nicht gestatten soll, daß es tyrannisch und stolz gegen die Untertanen ist. Wer das tun kann, der soll, wenn er ein Christ oder ein gläubiger Mann ist, Gott [114] dafür loben und danken, weil er weiß, daß solch hohe Tugend Gottes Gabe ist. Denn wenn er auch für seine eigene Person nicht stolz und tyrannisch ist, so ist das doch nicht genug, wenn er seinem Hofgesinde oder seinen Amt­leuten gestattet, mit den Untertanen zu verfahren, wie sie wollen. Er darf auch keinem vertrau­en. Denn David und Salomo klagen hierüber (d.h. über tyrannische Amtleute und tyrannisches Hofgesinde) viel und ist auch nicht zu hoffen, daß die Welt seither bester geworden ist, wie Salomo spricht (Pred. 1,9): wie es vorher gewesen ist, so geht es noch und ist nichts Neues unter der Sonne. Auf deutsch sagt man: es ist kein Amt so klein, es ist Hängens wert. Die Ämter der Fürsten und Amt-leute sind beide göttlich und recht, aber des Teufels sind gemei­niglich die, die drinnen sind und sie gebrauchen. Und ist ein Fürst Wildbret im Himmel, so werden gewiß auch die Amtleute und das Hofgesinde noch viel mehr Wildbret darin sein. Das macht die böse verderbte Natur, die gute Tage nicht ertragen d.h. Ehre Gewalt und Herrschaft nicht göttlich gebrauchen kann; wie gering auch das Ämtlein ist, so nehmen sie eine Elle, wo sie nicht eine Handbreit haben, und wollen immer selber Gott sein, wo sie doch Gottes Diener sein sollten.

Denn St. Paulus, der Röm. 13 die Obrigkeit hoch preist, gibt ihr dort insofern die höchste Ehre, als er sie Gottes Dienerin nennt. Wer wollte auch sonst von Herzen und ungezwungen soviel von ihr halten, wenn man sie nicht als Gottes Dienerin ansehen müßte? Wenn sie nun selbst Gott sein und mit Luzifer tyrannisch regieren und nur meinen wollte, alles und alles gehe nur um ihren Eigennutz Geiz Ruhe Pracht, so mag sie auch dessen gewärtig sein, was im Magnificat (Lk. 1,52) steht: er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhöht die Demütigen, wie denn auch allen Kaisertümern geschehen ist und noch täglich hohen und niedern Herrschaf­ten, Fürsten und Amtleuten geschieht. Denn es ist unseres Herr Gotts Reim, den St. Petrus schreibt (1.Petr. 5,5): Gott widerstehet den Hoffärtigen, und er hat von Anfang der Welt an hart darüber gehalten und viele Tyrannen zerschmettert, die es nicht glauben konnten, bis sie es erfuhren, wie Pharao Sanherib usw. Auch die Heiden haben von ihren Giganten geschrie­ben, daß sie wider die Götter gestritten und Berge aufeinandergetragen hätten. Und Sirach (40,10) sagt, um der Tyrannen willen sei die Sintflut gekommen, welches aus 1.Mos. 6(,5ff.) leicht zu verstehen ist.

(6) Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir wohnen, und habe gerne fromme Diener.

Mein lieber David, hast du in deinem Lande solche Wahl und Kür getroffen, so kannst du wahrlich nicht allein ein rechter Kurfürst, sondern auch ein rechter Kurkönig heißen. Mich wundert aber, wenn du alle Verleumder Verräter Neidharte Stolzen Tyrannen und alle untüch­tigen bösen Amtleute und Hofgesinde vertilgt und rein ausgerottet hast, wo du andere, beson­ders Treue und Fromme, an ihrer Stelle gefunden hast. Sonst, in andern Königreichen und auch bei uns in deutschen Landen, gehts mindestens oft so zu, wie Christus im Evangelium Mt. 12(,45) sagt: wenn ein Teufel ausfährt, kommen sieben ärgere an die Stelle, [115] und es wird je länger je ärger. Wie auch die Historie oder Fadel von der Witwe sagt, die für ihren Tyrannen betete, daß er nicht bald stürbe (weil nach ihm wahrscheinlich nur ein schlimmerer käme) … Ich habe Doktor Staupitz sagen hören, Herzog Friedrich[62] hätte etliche Male geklagt, je länger er regiere, je weniger könne er regieren, denn er wüßte immer weniger Leute, denen er vertrauen könnte. Das war mir eine seltsame Rede. Denn ich meinte, solches großen klugen Fürsten Regiment hätte gar keinen Anstoß noch Anfechtung. Aber aus meinem Kirchenregi­ment und aus dem gewöhnlichen Haushalten aller Hausherren dünkt mich, daß ich den Sinn solcher Worte jetzt von ferne rieche. Den Geschmack und (eigentlichen) Begriff werden andere fromme Fürsten und Herren fühlen. Denen helfe Gott und sei ihnen gnädig. – Es sei denn, daß David nachgeholfen hätte, wie er hier rühmt, er habe die Augen ausgetan und sich im ganzen Lande umgesehen nach treuen frommen Leuten und sie hervorgezogen ohne alles Ansehen der Person, gleichwie Gott auch tut, der seine Gaben auch nicht nach dem Ansehen der Person austeilt und aus dem Hirtenknaben David solch großen klugen seligen König macht, den König Saul aber zum Narren und unseligen und nichtigen Mann werden läßt. Es sollte zwar wohl so sein, daß die angesehenen Persönlichkeiten wie Könige Fürsten Herren und Adel ein jeder in seinem Stande auch klug und fromm wären. Denn deswegen führen sie ja vor andern einen hohen edlen Titel Schild und Helm und haben der Welt Gewalt Güter und die Ehre, daß sie billig allein regieren sollten. Aber es mangelt an dem Eigensinn unseres Herr Gotts, der uns alle, einen wie den andern, für den gleichen Teig hält und es mit uns macht, wie er will. Darum gibt er oft einem Edelmann Weisheit und Tugend, wie er sie drei Fürsten nicht gibt, und einem Bürger, was er sechs Edelleuten nicht gibt. Denn er will frei und unge­bunden als ein rechter Gott der menschlichen Kreatur nicht unterworfen sein, auch wenn sie schön und fein ist. Wer wollte nicht wünschen, daß, je höher der Stand nach der Geburt ist, desto höhere Weisheit und Tugend wäre. Aber es kann und will nicht immerdar so sein. Das ist unsers Herr Gotts, nicht unsre Schuld. Er könnt es wohl so machen, wenn er wollte, wir könnens nicht so machen, wie sehr wirs auch gern wollten und täten. Denn es heißt im Psalm (100,2): er macht uns, wir selber machen uns nicht.

Von Kaiser Maximilian[63] sagt man, es habe seine Herren zu Hofe verdrossen, wenn er seinen Schreiber oder Pfaffen zu ehrenvollen und kaiserlichen Händeln, Botschaften und Räten gebraucht hat. Er aber hat darauf gesagt, weil sie es nicht tun noch sich gebrauchen lasten wollten, müsse er wohl gebrauchen, wen er könnte. Ja, die Hofehre, -würde, -gewalt wollten sie wohl gerne haben, aber die Hofmühe und -arbeit wollen sie nicht mit einem Finger anrüh­ren. Mit Briefen Schreiben und Lesen in der Kanzlei umgehen ist (sagen sie) schreiberisch, in Händeln Räten und Botschaften arbeiten ist [116] (sagen sie) knechtisch und nicht (nur) Bau­ern-, sondern Eselsarbeit. Ja, ein Hof kann aber solche Hofesel nicht entbehren, ob es nun der Fürst selber oder wer sonst für ihn tut. Das Regiment will nicht auf dem Polster sitzen und ruhen oder hinter dem Ofen sitzen wie ein faulfräßiger schläfriger Rüde, es will gearbeitet sein. So hat die Not Maximilian gezwungen, zu tun wie David und sich im Lande umzusehen, wo er hat Leute kriegen können, die fleißig und treulich arbeiteten und sein Regiment tragen halfen, ob es nun Adlige Schreiber Pfaffen oder sonst welche gewesen sind. Denn Hofgaul und Hofmaul ist leicht sein, aber Hofesel sein ist Mühe und Arbeit, Unlust und Überdruß. Gleich, wohl, wo Hofesel nicht wäre, würde Hofgaul und Hofmaul nicht so überflüssig fres­sen saufen müßiggehen und spielen.

Es kann auch sein, daß Maximilian gesehen hat, daß solche Leute nicht allein unwillig, son­dern auch ungeschickt gewesen sind, denn weil der Adel zu Hofe und auch sonst von Jugend auf sich verdirbt mit Schwelgen Spielen Bauerngrobheit und in einem ungebrochenen uner­fahrenen Eigenwillen aufwächst, werden daraus nicht viel geschickte Männer, besonders in den Weinlanden. Denn wie St. Paulus sagt (Eph. 5,18), werden aus dem Schwelgen wüste wilde rohe unachtsame unleidliche Leute, die sich in keine Sachen recht schicken können, sondern mit dem Kopf und mit Gewalt durchgehen wollen, gerade als wäre Regiment (Regie­ren) ein so leicht Ding wie Schwelgerei. Sie machen gute Sachen böse und böse Sachen viel eher ärger, als daß sie sie bessern. Ich habe wohl oft mit Jammer gesehen, welch gar feine, an Leib und Seele wohlgeschaffene Leute unter dem jungen Adel sind wie die schönen jungen Bäumlein, aber weil kein Gärtner da war, der sie zog und schützte, sind sie von Säuen zer­wühlt und in ihrem Saft verdorrt. Sie sagen es selbst: Hofleben Sauleben. Es ist aber immer schade, daß unter solchen Säuen solch feine Menschen zertreten werden. Es schadet dem gan­zen Regiment, Land und Leuten, wenn die Jugend verdorben wird.

Es muß aber ein jegliches Land seinen eigenen Teufel haben Welschland hat seinen, Frank­reich seinen, unser deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch sein und muß Suff beißen, weil er so durstig und trocken ist, daß er trotz so vielem Wein- und Biersaufen nicht gekühlt werden kann. Solch ewiger Durst und Deutschlands Plage werden, fürcht ich, bis an den jüng­sten Tag bleiben. Es haben ihm gewehrt Prediger mit Gottes Wort, Herrschaften mit Verbot, etliche vom Adel selber mit Verpflichtungen. Es haben gewehrt und wehren noch täglich viel Schaden Schande Mord und Unglück, die an Leib und Seele vor unsern Augen geschehen, die uns billig abschrecken sollten. Aber der Suff bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns Deutschen und tut wie das Meer und die Wassersucht, das Meer wird nicht voll von so vielen Wassern, die hineinfließen, und die Wassersucht wird vom Trinken durstiger und ärger. Jesus Sirach (51,54 und 40,20) und der 104. Psalm (15) sprechen, der Wein sei geschaffen, daß der Mensch fröhlich davon werde und daß er das Leben stärke. Der Suff aber macht uns toll und töricht damit, schenkt uns den Tod und allerlei Seuche und Sünde damit ein. Nun, es ist hier nicht [117] noch Raum, von dem säuischen Abgott Suff zu reden. Er bezahlt allerdings seine treuen Diener zuletzt auch gar redlich, daß sies fühlen.

Aber zurück zu David, der ein Kürkönig unter seinen Leuten sein will, (um auszuwählen,) welche tüchtig sind oder nicht. Das ist aber des Volks Israel Weise und Recht gewesen, gleichwie sie es auch mit Weiber-nehmen getan haben und ein König oft eines Bürgers Tochter genommen hat. Der Türke übt in seinem Reich auch solche Wahl und Kür. Aber ob es ein König oder Fürst jetzt (bei uns) vornehmen soll, das will und kann ich nicht raten, außer wenn Kaiser Könige und Fürsten mit dem ganzen Reich dazutun. Ehe das geschehen wird, wollen wir den obersten Herrn aller Herren oben in den Wolken kommen sehen und mit ihm davonfahren. Indessen mag das Regiment, der böse Pelz, ein Plumpsregiment bleiben und mag es Gott befohlen sein, welchen er hervorziehen und erheben will. Auch die kaiserlichen Rechte will ich nicht vermengt oder verändert haben, obwohl sowohl Herren wie Untertanen, Richter und Juristen denselben nicht allein zuwider leben, sondern sie auch getrost mißbrau­chen. Denn auch die Heiden sagen, daß Änderung des Regiments und der Rechte ohne großes Blutvergießen nicht abgeht. Und alle Historien bezeugen es. Und ehe man im deutschen Land eine neue Weise des Reichs anrichtet, ist es dreimal verheert. Darum gefällt mir der Meister Klügling nicht, der die weltlichen Rechte meistern will, ebensowenig alle, die es besser ma­chen wollen. Zuweilen dünkt mich freilich auch, daß die Regimente und die Juristen wohl auch eines Luthers bedürften. Aber ich fürchte, sie könnten einen Münzer kriegen. Denn er achtet das weltliche Regiment nicht so groß als sein eigenes ewiges Kirchenregiment. Darum kann und will ich nicht hoffen, daß sie einen Luther kriegen. Weil also kein ander Regiment im römischen Reich zu hoffen ist, wie auch Daniel (2,40) anzeigt, so ist nicht zu raten, daß mans ändere, sondern daß dran flicke und Plätze, wer da kann, solange wir leben, den Miß­brauch strafe und Pflaster und Schweden (Brandpflaster) auf die Blattern lege. Will man aber die Blattern mit Unbarmherzigkeit ausreißen, so wird niemand den Schmerz und Schaden mehr fühlen als solch kluge Barbierer, die das Geschwür lieber ausreißen als heilen wollen. Wohlan, Deutschland ist vielleicht reif und, wie ich fürchte, einer starken Strafe wert, Gott sei uns gnädig! Ich weiß wohl, daß ich Gott Lob! nicht münzerisch bin. Wers besser machen kann, dem schenke ich von Herzen gern mein Vaterunser, wenn ich nur auch das Amen dran­setzen könnte. Denn ich habe oft genug gesagt – wer will mir aber glauben, bis mans erfährt? –: ändern und bessern ist zweierlei, das eine steht in der Menschenhand und Gottes Verhäng­nis, das andre in Gottes Händen und Gnaden.

(7) Falsche Leute halte ich nicht in meinem Hause, die Lügner gedeihen nicht bei mir.

Es ist eine allgemeine Klage in allen Ständen über falsche verlogene Leute: Es ist keine Treu noch Glauben mehr, desgleichen: gute Worte und nichts dahinter, desgleichen: was weiß heißt, das ist schwarz. Die alten Römer haben dieses Laster an den Griechen sehr getadelt, wie auch Cicero selbst sagt: ich gebe zu, daß [118] die Griechen gelehrte weise kunstreiche ge­schickte beredte Leute sind, aber Treu und Glauben achtet das Volk nicht. Und schon vor Cicero sagt Plautus[64] in einer Person (seiner Stücke): lieber Gesell, Wasser Luft Erde Him­mel brauche ich nicht bezahlen, aber was ich sonst im Hause brauche, das muß ich auf griechisch Treu und Glauben kaufen d.h. ich muß es schwer überzahlen. Wohlan, dies untreue falsche Volk hat auch schon seit langem seine Strafe gelitten durch den Türken, der sie auch schwer überzahlt hat. Welschland hat auch gelernt, zuzusagen und zu schwören, was man will, und hernach zu spotten, wenn sie es halten sollen; darum hat auch Welschland seine redliche Plage und beide, Griechen und Welsche, müssen Exempel des zweiten Gebotes sein, in dem Gott spricht: es soll nicht ungestraft bleiben, wer Gottes Namen mißbraucht.

Bei uns Deutschen hat man keine Tugend so hoch gerühmt und wie ich glaube bisher auch erhalten, als daß man uns für treue wahrhaftige beständige Leute gehalten hat, die da ja ja und nein nein haben sein lassen. Das bezeugen viele Historien und Bücher. Ich weiß ja nicht viel Hofrecht, habe aber doch erfahren, daß Herzog Friedrich den Lügnern wunderlich feind war. Ich habe selbst von seinem Bruder Herzog Hans einmal gehört, daß er sagte: wohlan, das hat mir dieser gesagt, jener sagt mir dies, es muß einer lügen, das weiß ich fürwahr! Ich mußte lachen ob dieses frommen Fürsten Ernst und Zorn über die Lüge. So sind viele andere Fürsten zuvor auch gewesen. Wir Deutschen haben noch ein Fünklein von dieser alten Tugend, Gott wolle es erhalten und aufblasen, nämlich daß wir uns noch ein wenig schämen und nicht gern Lügner heißen, auch nicht dazu lachen oder einen Scherz damit treiben wie die Welschen und die Griechen. Und obwohl die welsche und griechische Unart einreiht, Gott erbarms!, so ist doch noch soviel (von jener alten Tugend) übrig bei uns, daß man kein ernsteres greulicheres Scheltwort reden oder hören kann, als wenn jemand Lügner schilt oder gescholten wird.

Mich dünkt – solle nur ein Dünken heißen? –, daß kein schädlicheres Laster auf Erden ist als Lügen und Untreue beweisen, weil sie alle Gemeinschaft der Menschen zertrennen. Denn Lüge und Untreue zertrennt erstlich die Herzen. Wenn die Herzen zertrennt sind, gehen die Hände auch voneinander. Wenn die Hände voneinander sind, was kann man dann tun oder schaffen? Wenn Kaufleute einander nicht Glauben halten, fällt der Markt zugrund. Wenn Mann und Weib einander nicht treu sind, so läuft sie hinten raus, der Mann vorn heraus und geht es, wie jener sagt: wehre, liebe Else, wehre, daß wir nicht reich werden, brich du Krüge, so breche ich Töpfe! Wenn ein Bürger. Meister Fürst oder König nicht treulich Geleit hält, so muß die Stadt verderben, Land und Leute untergehen. Darum ist auch im Welschland solch schändlich Trennen, Zwietracht und Unglück. Denn wo Treu und Glauben aufhört, da muß das Regiment auch ein Ende haben. Christus helfe uns Deutschen! [119]

Wenn nun solch Laster an die Höfe und in die Ämter kommt, wie David hier erzählt, so muß es auch darnach gehen. Denn wenn Bauer und Bürger einander betrügen belügen täuschen und bescheißen, so ist das noch nicht der ärgste Teufel, weil sie nicht im Regiment sind. Aber wenn in die hohen Leute kommt, die Land und Leuten Schaden tun, das ist der Beelzebub, wie z. B. Papst Julius und hernach Clemens[65] und viele Päpste gegen die Kaiser taten … Papst Julius ließ auch das Sakrament in drei Teile teilen und mit dem Kaiser Maximilian und dem König zu Frankreich ein ewiges Bündnis machen; gleichwie Gott Vater Sohn und heiliger Geist ist, so fest sollte solche Einigkeit auch sein. Aber der Brief ward bald darnach mit Dreck versiegelt, denn der allerheiligste Vater ward mit dem Sohn und Geist uneins! Man sagt auch von einem Schweizer, der oft dabei gewesen ist, wenn man in allerlei Sachen verhandelt, Zusagen gemacht und hart geschworen und doch nichts gehalten hatte, (er habe gesagt:) ich wollt, daß wir einmal schwören würden, daß wir keinen Eid mehr halten wollen, so hätt es doch ein Ende!

Wohlan, es steht übel, sagt Salomo (Spr. 17,7), wenn die Alten lügen d.h. die hohen geehrten gewaltigen Regenten. Man rühmt die Türken, daß sie Treu und Glauben halten. Das wird sie vielleicht auch so mächtig machen. Ists wahr, so sei es wahr. Aber das ist gewißlich wahr: wenn so viel Leute Treu und Glauben hielten und wahrhaftig und beständig wären, als sie es gern von andern hätten, so würde David nicht so viel zu tun gehabt haben mit falschen treulo­sen Leuten und Lügnern an seinem Hof. Freilich ists wunderlich, daß in solch heiligem Volk, unter so frommen heiligen Königen auch Falsche und Lügner gewesen sind. Aber wenn er sie nicht unter sich gehabt hätte, warum sollte er sonst seine königliche Tugend hierin so hoch rühmen? Solche Mühe und Arbeit ist ihm ja treuer frommer Diener halben entstanden. Ist es nun an eines solch trefflichen Königs Hof so gestanden, so braucht wahrlich ein König und Fürst unter uns Heiden seinen Hof nicht für viel besser achten noch heiliger schätzen und darf diesen Psalm gern an die Wände malen lasten.

(8) Frühe vertilge ich alle Gottlosen im Lande, daß ich ausrotte alle Übeltäter aus der Stadt des Herrn.

Das heißt: ich kann die Laster nicht alle aufzählen, aber summa summarum: ich leide keine. Denn etliche hat er aufgezählt, wie St. Paulus Gal. 5(,19 ff.) etliche Werke des Fleisches auf­zählt und spricht: diese und dergleichen werden das Reich Gottes nicht besitzen. So zählt hier auch David etliche auf, nämlich Übertreter Böse Verkehrte Verleumder Stolze Hoffärtige Tyrannen Falsche Lügner, und spricht darnach: summa summarum, alle alle alle Gottlosen usw. alle Übertreter rotte ich aus! Das heißt: ich leide weder Gottlose im geistlichen Regiment noch Übeltäter im weltlichen. Denn er hätte wohl auch Geiz Wucher Dieberei Räuberei Plage­rei Mord Schwelgen Unzucht und dgl. aufzählen können, welche unter den Junkern auch nicht selten zu sein pflegen. Aber wer hätte auch jemals alle Bosheiten Stück für Stück in einem Buche, geschweige in einem Psalm aufführen [120] können. Man sieht ja wohl, wie auch zu unsrer Zeit ein Gesetz nach dem andern, ein Recht nach dem andern, eine Ordnung nach der andern, eine Weise nach der andern gemacht wird, um solchen Lastern zu wehren, und ist, wie Salomo sagt (Pred. 12,12), des Büchermachens kein Ende. Mit Büchern meint er hier nicht nur Papier und Tinte, sondern Lehre und Ordnung, die immer neu in der Welt aufgestellt wer­den und dennoch (den Lastern nur) schwer wehren und steuern.

Ists aber nicht verdrießlich von David, daß er uns alle auf Erden so schändlich und öffentlich schilt und in allen Kirchen besingt? Sagt er doch schier lauter Böses von allen Ständen: Köni­ge sind nicht fromm, Fürsten sind nicht fromm, Herren und Adel sind nicht fromm, Bürger sind nicht fromm, Prediger und Propheten sind nicht fromm. So geht er in diesem Psalm mit uns allen um und läßt niemand gut sein, sondern sagt dürr heraus, er müsse böse Lehrer und falsche Regierer vertilgen und ausrotten. Dennoch müssen ja etliche fromme Könige Fürsten Herren Bürger Bauern Knechte Mägde, auch Prediger und Pfarrherrn bleiben, oder wir wollen den David mit uns nehmen, wo er hinfahren wird, weil er selbst auch ein König und Prophet ist. Aber unsers Herr Gotts Rat ist der beste: er will Himmel und Erde in einen Haufen stoßen und eine andre neue Welt machen, denn diese Welt taugt nichts, der Buben ist zu viel und der Frommen zu wenig darin. Es will und kann nirgends vorangehen, wie auch unser Vaterunser uns beten lehrt: denn wenn es recht zuginge und zugehen könnte auf Erden, wäre es nicht nötig gewesen, uns beten zu lehren: dein Reich komme, dein Wille geschehe. Denn die hohen klugen Könige und Fürsten hättens wohl mit ihrer Gewalt gemacht, wenn es der Natur mög­lich gewesen wäre, denn sie Habens ja wahrlich aufs höchste versucht.

Wenn ein Prophet oder Prediger so heftig über und gegen falsche Lehrer und böse Regierer schriebe, würde er wohl (heutzutage) aufrührerisch gescholten und verdammt werden. Nun aber ist David ein König und tut solches selber. Er hätte freilich die Ehre schonen und wenig­stens etliche Stücke in sich hineinfressen und -beißen können, wie ohne Zweifel sonst man­cher König und Fürst getan hätte, vielleicht auch noch tut. Denn gleichwie die Frauen gar ungern hören, daß man sie Huren heißt, auch wenn sie es in der Tat sind, so hören es auch Könige und Herren nicht gern und das Hofgesinde noch viel ungerner, wenn man sie schilt und als die Ungerechten und Bösen straft, weil solches der Ehre zu nahe (zu treten) scheint. Aber David fährt heraus und nimmt kein Blatt vor das Maul, machts grob und unvernünftig genug und will nichts verbeißen, rühmt dazu noch, als wenn es sehr wohl getan wäre, daß er die Seinen zu Hofe so schändlich schilt und dazu auch vertilgt. Ist ihm das gut hinausgegan­gen und er nicht von seinen Klüglingen für einen unsinnigen Narren gehalten worden wie alle andern Propheten, so ists mir ein Wunder. Er wirds wohl erfahren haben. Denn Ahitophel Joab Abisai und andre seiner Fürsten und Hofjunker oder Amtleute werden gewiß zu seiner Zeit ebensowenig Unrecht getan, sondern all ihr Tun für löblich und ehrenhaft gehalten haben wollen, als es in andern Königreichen und bei uns Deutschen geschehen ist und noch ge­schieht. Niemand tut Unrecht, jedermann tut [121] Recht. So hab ich auch selbst einmal von einem großen Hansen gehört, dem Evangelium wäre kein Mensch auf Erden feind, noch je feind gewesen. Darum muß David nicht allein mit der Faust ein kühner Held gewesen sein, sondern auch ein freier Kerle mit der Zunge …

David rühmt auch, daß er solche Wundertaten frühe ausrichte. Solche Frühe ist hier nicht die Frühe des Tages, sondern die Frühe des Regiments d.h. er hat solche Laster bald und beizeiten getilgt, ehe sie am halben oder ganzen Mittag in ihre Hitze gekommen sind. Denn wenn man eine Untugend einreißen und zur Gewohnheit werden läßt, da ist kein Rat mehr, wie Seneca[66] sagt: deest remedii locus, ubi, quae vitia fuerunt, mores fiunt d.h. wenn Laster Gewohnheit werden, so ists geschehen, und der Poet Ovid[67] spricht sehr fein: principiis obsta d.h. wehre dem Übel, wenns anfängt. Denn wo es überhand nimmt, kommt die Hilfe zu spät. Aber vor­sehen ist das Beste im Spiel, sagt man, und es gehört ein David dazu, um so wacker und scharf, ja so erleuchtet zu sein, daß er die Frühstunde merkt und des Lasters Anfang erkennt und dann flugs die Eier des Ungeziefers im Nest vertilgt, ehe die Mittagsonne Raupen draus macht. Sonst, wenn man die Frühstunde verschläft, werden die Händel zu dick und zu groß, ehe mans gewahr wird, so daß man nicht mehr helfen kann, als wären die Hände gebunden. – Man sagt, den Baum soll man biegen, solang er jung ist, wird er alt, so will er ungebogen sein oder bricht. Wer will jetzt in deutschen Landen dem Wucher und Saufen steuern? Hätte man im Papsttum beizeiten der Abgötterei gewehrt, so wäre das Evangelium wohl rein geblieben. Es reißen jetzt auch, besonders in Regimenten (Regierungen), welsche Tugenden in Deutsch­land ein, niemand siehts, niemand wehrts, aber hernach, wenn wirs nicht mehr leiden wollen und ihm gern gesteuert hätten, werden die Raupen in allen Blättern sitzen und wird es heißen: zu lange geschlafen! Mein lieber Doktor Staupitz pflegte zu sagen: wenn Gott einen strafen will, so macht er ihn zuvor blind, so daß er nicht sieht, wo seine Gefahr und sein Schaden anfängt, wie auch im Evangelium Mt. 13(,25) steht: da die Leute schliefen … kam der Feind, und als die Trespen Winden und das Unkraut groß wurde, da sah man erst den Schaden, der im Schlaf geschehen war. Und da mans wollte ausrufen, sprach Christus: zu lange (habt ihr gewartet[68],) ihr könntet sonst den Weizen auch mit ausraufen, laßt es wachsen bis zur Ernte. Darum muß wahrlich mein Davidlein kein kleines Schälklein gewesen sein, wie man sagt, daß er große Schälke so bald hat erkennen können. Welch mißtrauischer König wird er gewesen sein, wie genau wird er alle Worte und Werke seines Gesindes bedacht haben! und ist den­noch ein gnädiger demütiger freundlicher tröstlicher Herr geblieben.

Lieber, laßt uns doch hier am Ende den hoffärtigen ruhmredigen König zur Rede stellen, warum er so herrlich von seinem Regiment rühmt, als wäre zu seiner [122] Zeit kein Wasser getrübt worden. Erstlich sehe man doch, wie elendiglich und kümmerlich sein Königreich anfing, als er unter Saul so lange in Unsicherheit sein mußte. Und nach Sauls Tod, ach, wie flickt er sich, ehe er zum König bestellt wird! Darnach fiel er selbst in Ehebruch Mord und große Sünde gegen Gott. Zur Strafe dafür schwächte sein Sohn Amnon seine Schwester Thamar und wurde dafür von seinem Bruder Absalom erwürgt. Derselbe Absalom vertrieb darnach seinen Vater David, schändete ihm all seine Weiber und wird nach Verdienst scheuß­lich erstochen. Joab, sein Feldhauptmann erstach verräterisch zwei der besten Fürsten und Räte. Ahitophel, sein Sekretär, und ganz Israel fielen von ihm ab und setzten sich wider ihn. Zuletzt plagte ihn auch der Aufruhr in Sichri[69] hart. Ich schweige von der Pestilenz, mit der Gott seine Sünde strafte, und wer weiß, was er sonst an Unglück erlitten hat, das nicht ge­schrieben steht? Lieber David, nun kommst du daher und rühmst dein schönes Regiment und lobst Gott dafür! Ist doch des unseligen Herodes und der Heiden in Griechenland Regiment nicht viel ärger anzusehen! Was wollen wir nun hierzu sagen? Ich rate, man befehle es den scharfen[70] Herren im Papsttum, welche alles vereinigen können, was sie in ihren Gesetzen gegen sich selbst lehren, weswegen sie selbst ihr Buch Condordantia discordantium (Harmo­nisierung der Widersprüche) nennen[71], fürwahr gut getauft und benannt. Wohlan, ich will den David hier stecken lasten und denken: er bedarf in solcher Not weder meinen noch eines Men­schen Rat und Hilfe, weil er einen so gnädigen Gott hat, der ihn so herrlich und hoch hält, daß er allenthalben von David rühmt, er sei sein treuer Diener, der all seinen Willen getan habe, und dazu von Davids Samen geboren wird und solchen Königs Sohn zu werden sich nicht schämt. Was schadets dann, daß wir, um Gott nicht zum Lügner zu machen, schlechthin glau­ben, daß Davids Regiment das allerhöchste beste und liebste vor Gott gewesen ist, obgleich es für uns Menschen, die wir ja doch wohl nicht schärfer urteilen werden als Gott selber, aufs allerschändlichste aussieht. Wenn ich jedoch wollte, könnte ich solche sich widersprechenden Sachen noch ziemlich miteinander ausgleichen und kurzum sagen: Davids Regiment ist so gegangen, wie er hier rühmt, aber das viele Unglück hat er eben darum müssen leiden, weil er so wohl und ernst regiert hat; hat er aber auch gesündigt, so hat er doch die Sünde nicht vertei­digt wie Saul und andere Könige mehr, dazu auch damit aufgehört und davon abgelassen. Denn wer gut regieren will oder soll, der wird den Teufel zum Gevatter haben müssen. Drum ist auch oben ausgeführt, daß ein König oder Fürst heimlich böse Tücke nicht bestrafen kann, bis Gott sie offenbart, und daß es genug ist, wenn er offenbarte oder öffentliche Laster nicht ungestraft läßt. [123]

Hiermit will ichs beschließen, ich hoffe, ich habs gut gemacht. Gut nenne ichs, wenn es weni­gen Leuten gut gefallen hat und viele Leute übel verdrießen wird. Das ist fast so ein gewisses Zeichen, als die Krippen und Windeln den Hirten gewisse Zeichen waren. Gefällt es aber jedermann, so ists gewiß eine böse schändliche Arbeit, die ich getan habe. Ich hoffe aber, ich bin dieser Gefahr entronnen. Gefällts aber jedermann, da sei Gott vor! so sei es im Namen Gottes eine verlorene Arbeit und niemand damit gedient. Doch wer da spürt, daß es ihm nicht gefällt, der wird sich gewiß getroffen fühlen und schuldig wissen und eben damit bekennen, daß er einer derer ist oder gern wäre, die David hier malt, wie Christus spricht (Lk. 19,22): aus deinem Munde wirst du verdammt. Auch Heiden wie Cicero sagen: wenn niemand genannt wird, wenn man die Laster straft, und einer darüber zürnt, so verrät er sich selbst und bekennt sich als schuldig. Christus, unser Herr, sei uns allen gnädig und bleibe … unser lieber Heiland, Amen.

WA 51, 200-264.

Quelle: D Martin Luthers Psalmen-Auslegung, hrsg. v. Erwin Mühlhaupt, 3. Band: Psalmen 91-150, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1965, S. 63-123.


[1] Publius Terenz (ca. 190-158 vor Chr.), lateinischer Komödiendichter aus Nordafrika, im ganzen Mittelalter gern gelesen.

[2] Luther schreibt: ‚physisch‘, im Gegensatz zu ‚mathematisch‘.

[3] Denn nicht Kaiser Karl V., sondern König Franz I., geriet 1525 bei Pavia in Gefangenschaft.

[4] Die Venezianer suchten Kaiser Maximilians Kaiserkrönung zu verhindern, aber vergeblich.

[5] Absichtliche Mißbildung des Wortes „Jurist“; surgare — streiten, zanken, ‚Jurgist‘ also ein Zänker.

[6] D.h. ein rauflustiger Adliger.

[7] Wörtlich, aber im gleichen Sinne: „so ists fast an dem knäufflin, da das Hembd anhanget.“

[8] Senis — Siena in Mittelitalien zwischen Florenz und Rom; Kaiser Friedrich ist wahrscheinlich Friedrich III. 1440-1493, der allerdings ein bißchen viel übersehen und überhören konnte!

[9] Themistokles (ca. 524-45- vor Chr.), athenischer Feldherr und Staatsmann, Sieger von Salamis 480.

[10] Hannibal (246-18? vor Chr.), der berühmte punische Feldherr floh, nachdem ihn das Schlachtenglück verlas­sen hatte, anno 195 vor Chr. zu Antiochus III. (222-187 vor Chr.), dem König von Syrien. Dieser Antiochus III. war übrigens der Vater des biblischen Antiochus IV. Ephiphanes, der 168 vor Chr. den Jerusalemer Tempel plünderte.

[11] Fabian von Feilitzsch, † 1520, kurfürstlicher Rat bei Friedrich dem Weisen.

[12] Gemeint ist Kurfürst Friedrich der Weise (1486-1525).

[13] Justus Henning Göde, † 1521, zu seiner Zeit berühmter juristischer Lehrer in Erfurt und von 1510 an in Wit­tenberg; sein Grabmal von der Hand Peter Wischers befindet sich noch heule in der Schloßkirche zu Wittenberg.

[14] Bezieht sich auf eine antike Redensart, nach der Venus eine Katze als Dienerin abgerichtet halte, die ihr gewöhnlich das Licht »ertrug; aber wenn die Katze eine Maus sah, ließ sie das Licht fallen und ging der Maus nach.

[15] Aristoteles (384-322 vor Chr.), Schüler Platos, der universalste Philosoph des Altertums.

[16] Ein allzu derbes Exempel Luthers aus der Literatur auf S. 213, 12-18 lasse ich aus.

[17] Plato (427-337 vor Chr.), Lehrer des Aristoteles. Die Unterscheidung zwischen dem von Natur Gerechten und dem nach dem Gesetz Gerechten stammt aber eigentlich nicht von Plato, sondern von den etwa ein Men­schenalter älteren Sophisten.

[18] Ein Rössel — eine halbe Kanne (sächsische» Hohlmaß).

[19] Plätzen — flicken oder einen ‚Plätz‘ — Flicken aufsetzen.

[20] ‚Helden‘ könnte auch Druckfehler sein statt ‚Heiden‘.

[21] Ale hochbegabte, aber erfolglose Politiker bezeichnet Luther also: Cicero (106-43 vor Chr.), zuletzt geächtet und im Auftrag des siegreichen Augustus ermordet; Demosthenes (382-322 vor Chr.), erfolgloser Gegner Ale­xanders des Großen, beging, um der Verhaftung zu entgehen, Selbstmord; Marcus Junius Brutus (ca. 80-42 vor Chr.), mit Cassius zusammen beteiligt an der Ermordung Cäsars, aber erfolglos gegen Antonius und Oktavian, endet ebenfalls durch Selbstmord auf dem Schlachtfeld.

[22] Papst Julius II. (1503-1513), hier einmal ausnahmsweise bis zu einem gewissen Grade zustimmend von Luther zitiert.

[23] Die Markgrafschaft Meißen besteht seit Ottos des Großen Zeilen (10. Jh.) und bildet seit 1123 das Haupt- und Stammland der wettinisch-sächsischen Lande; die Kurfürsten von Sachsen waren Markgrafen von Meißen.

[24] Deutscher Kaiser 1440-1493.

[25] Höfischer Küchenangestellter, der für Saucen oder Brühen zuständig ist.

[26] Matthias Corvinus, König von Ungarn 1458-1490, sehr viel energischer und erfolgreicher als sein Gegner Kaiser Friedrich III.

[27] Deutscher Kaiser 1411-1437.

[28] Wo steht so etwas bei Jesajas?

[29] Publius Terenz (ca. 190-158 v.Chr.), lateinischer Komödiendichter aus Nordafrika, im ganzen Mittelalter gern gelesen.

[30] Thraso, eine Gestalt aus dem Terenz-Stück ‚der Eunuch‘.

[31] Bleuel, ein Holzschlegel, der zu Reinigungszwecken für Wäsche oder bei der Aufbereitung von Flachs oder Hanf benutzt wurde.

[32] An dieser Stelle folgen einige unklare Worte, in denen wahrscheinlich Druckfehler enthalten sind. Sie lauten: Da zu grossen Gottes wort damit gethan haben.

[33] Hier irrt Luther. Als Salomo-Psalmen sind in der Bibel nur Ps. 72 und 127 bezeichnet, aber nicht Ps. 60.

[34] Zwischen diesem und dem vorangehenden Satz habe ich folgende, mir nach dem Sinn-Zusammenhang unklaren Worte ausgelassen: Und trotz dem Bapst, das er itzt den Bisschoven und Fürsten drewe oder banne, wie er vor hin thet.

[35] Endchrist ist im allgemeinen sinngleich mit Antichrist. Luther aber gebraucht öfters, so auch hier, die volks­tümliche Verdeutschung ‚endchrist‘, um auf das Hervortreten des Antichrists in der Endzeit, am Ende der Welt, hinzuweisen.

[36] Mit Welschland und Welschen sind bei Luther weil überwiegend, wenn nicht ausschließlich, Italien und Italie­ner, nicht Franzosen und nicht allgemein Romanen gemeint.

[37] Asch oder Assa von Cram, † 1528, war kursächsischer Oberst, Mitkämpfer bei Marignano 1515 sowie in der Schlacht bei Frankenhausen gegen die Bauern 1525.

[38] Gemeint ist Luthers bekannte Schrift „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“ 1526, deren Titel Assa von Crams Frage enthält und die ihm auch ausdrücklich gewidmet ist.

[39] Umschlag – im 16. Jh. verbreitete Bezeichnung für übersteigertes Zinsnehmen und sinnverwandt mit dem all­gemeinen Wort Wucher.

[40] Dieses ‚nicht‘ könnte sinngemäß durchaus fehlen, da die falschen ‚Pfaffen und Rottengeister‘ ihr Meistern des weltlichen Regiments durchaus auch ‚in Gottes Namen‘ vertreten.

[41] Anspielung auf päpstlich-katholische Streitschriften gegen Luther, in denen die angeblichen Widersprüche (Antilogien) in den lutherischen zusammengestellt wurden; 1530 auf dem Reichstag von Augsburg wurde eine solche Schrift mit dem Titel ‚Antilogiarum … excerpta‘ Kaiser Karl überreicht.

[42] Sonst sagt und schreibt auch Luther nicht ‚Oberkeit‘, sondern: Obrigkeit. Hier bevorzugt er um des Gegen­satzes zu ‚Unterkeit‘ willen die Schreibung ‚Oberkeit‘.

[43] Gemeint ist Antiochus IV. Epiphanes (176-164 v. Chr.), der Seleukidenkönig, der 169 vor Chr. den Tempel zu Jerusalem besetzte und dadurch die Makkabäerkriege auslöste.

[44] Unverfaßt oder ungefaßt d.h. nicht in Buch oder Ordnung gebracht.

[45] Livius, römischer Geschichtsschreiber (59 vor Chr.-17 nach Chr.).

[46] Epimenides, sagenhafter kretischer Dichter aus dem 6. Jh. vor Chr.; Tit. 1,12 zitiert den auf Epimenides zu­rückgeführten Vers: „Kreter sind immer verlogen, wilde Tiere und müßige Bäuche.“

[47] Ulpian war römischer Jurist, † 228 nach Chr., seine Schriften wurden für die berühmte Rechtssammlung Justi­nians im 6. Jahrhundert, das Corpus iuris, von Bedeutung.

[48] Philipp von Mazedonien 359-336 vor Chr., Alexander der Große 336-325 vor Chr., Augustus 51 vor-14 nach Chr., Trajan 98-117 nach Chr.

[49] Griechischer Fabeldichter des 6. Jahrhunderts vor Christus, aus Kleinasien stammend.

[50] Bei Luther heißt es: anders und anders.

[51] D.h. dem Hasen das Fell übern Kopf streifen.

[52] D.h. dem Henker.

[53] Brustwarze.

[54] Im Text des Drucks steht statt ‚nicht waren‘ das Wort ‚theten‘, das irrtümlich sein muß.

[55] Im Druck steht statt Bathseba irrtümlich: Beerseba.

[56] Im Druck steht: kein ungehewr wunder.

[57] Griechischer Schriftsteller (ca. 50-ca. 120 nach Chr.), er schrieb zahlreiche vergleichende Lebensbeschrei­bun­gen berühmter Griechen und Römer.

[58] Solon, berühmtester alter athenischer Staatsmann und Gesetzgeber aus dem 7. und 6. vorchristlichen Jahrhundert.

[59] Der jüngere Dionys von Syrakus (367-344 vor Chr.), der die Herrschaft über Sizilien und Unteritalien verlor und zuletzt sein Leben mit Unterrichtgeben in Korinth gefristet haben soll.

[60] Der römische« Kaiser Julian 361-363 nach Chr.

[61] Hier ist der in sich unklare, sachlich unwichtige Abschnitt W. 51, 253, 20-39 ausgelassen.

[62] Gemeint ist Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen.

[63] Der „letzte Ritter“ (1493-1519).

[64] Plautus (254-184 vor Chr.), römischer Lustspieldichter.

[65] Papst Clemens VII. (1523-1534).

[66] Seneca (ca. 54 vor Chr.-58 nach Chr.), stoischer Moralphilosoph.

[67] Ovid (43 vor Chr.-17 nach Chr.), römischer Dichter.

[68] Diese erläuternde Ergänzung ist nicht die einzig mögliche; es könnte auch heißen müssen: habt ihr geschlafen.

[69] Einen Ort Sichri gibt es nicht, dagegen 2. Sam. 20,1 ff. den Aufstand eines „Seba des Sichriters“.

[70] Scharf hier = scharfsinnig.

[71] Condordantia discordantium ist der ursprüngliche Titel des Decretum Gratiani, d. h. des ersten Teils der bekannten Kirchenrechtssammlung Corpus iuris canonici.

Hier der vollständige Text von Luthers Auslegung des 101. Psalms als pdf.

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