Martin Luthers Auslegung des 127. Psalms (vollständiger Text): „Man soll erkennen, dass alles Gottes Gabe ist und nichts zu unserem Frieden und Wohl­behagen oder zu unserer Ehre dient, sondern alles zur Ehre und Anbetung Gottes.“

Bayreuth_-_Mohren-Apotheke_(Psalm-Text_am_Erker)
Psalm 127 als Inschrift (1610) am Erker der Mohren-Apotheke, Bayreuth.

Psalm 127 ist für Martin Luther einer der biblische Schlüsseltexte zur christlichen Ethik. Schon 1524 veröffentliche er eine Auslegung unter dem Titel „Der 127. Psalm ausgelegt allen lieben Freunden in Christo zu Riga und in Livland“ (WA 15, 360-378). 1532/33 legte Luther den Psalm im Rahmen einer akademischen Vorlesungsreihe über die Stufenpsalmen (Psalm 120-134) noch einmal umfassend aus und leitete wie folgt ein:

Dieser Psalm trägt die Überschrift »Ein Lied Salomos«. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß Salomo sein Verfasser ist. Denn wir ersehen aus allen Büchern Salomos, daß er so etwas wie ein Leh­rer der Staatskunst ist. Er behandelt nicht wie sein Vater David den Hauptartikel des Glaubens von der Rechtfertigung oder von Christus, dem Erben und Nachkommen Davids. Vielmehr erör­tert er die Angelegenheiten des Fachgebietes, in dem er bewan­dert war und in das ihn der Herr einsetzte, nämlich die Fragen der Staatsführung ‘und des Hauswesens’. Das aber tut er auf eine Weise, die deutlich macht: Kein Philosoph ‘und kein Mensch auf Erden’ hat jemals so über Staatsangelegenheiten gelehrt. Er bezieht nämlich das gesamte staatliche Leben auf den Glauben, und alles, was im Staate oder im Hause unternommen wird, schreibt er der Regierung Gottes zu. Das tut kein anderer Schriftsteller, mag er Philosoph oder Redner gewesen sein. Denn ‘alle übrigen’ verfertigen zwar Gesetze und entwerfen Grundsätze, nach denen der Staat recht regiert, das Haus gut geleitet werden könnte. Aber vom Erfolg, von der Frucht und vom Ausgang lehren sie überhaupt nichts. Denn sie wissen keine Antwort auf die Frage: Woher soll man den gedeih­lichen Fortgang erwarten, damit das, was man richtig beriet und beschloß, auch gelingt? Denn sie kennen nur Inhalt und Form des staatlichen und des hauswirtschaftlichen Lebens. Ihren Zweck aber und ihre Wirk-Ursache kennen sie nicht ‘und treffen sie nie’. Das heißt: Sie wissen nicht, woher Staats- und Hauswesen kommen und von wem sie erhalten werden. Desgleichen wissen sie nicht, welchen ‘verschiedenen’ Zielen sie zustreben.

Darum hat Aristoteles in seinen ethischen Schriften und in seiner »Politik«, ebenso Xeno­phon, Platon, Cicero und andere zwar in glänzender Weise über den Staat geschrieben. Seine wahre Ursache und seinen wahren Zweck berühren sie trotzdem nicht. Sie sind nämlich der Meinung, sein vornehmster und eigentümlichster Zweck sei: staatlicher Friede, ehrbares Leben, Ruhm usw. Für die Wirk- Ursache aber halten sie: die einsichtige Persönlichkeit oder die kluge Obrigkeit oder, wie sie selbst sagen, den guten Staatsbürger. Aber wir werden hö­ren, wie Salomo andere und wesentlichere Erörterungen anstellt. Die Philosophen haben nämlich richtige Begriffe von der Form [der Bestimmung] des staatlichen Handelns, also darüber, wie der Staat zu verwalten sei: daß man in diesem Falle nach dem Zivilrecht, in jenem nach dem Strafrecht zu verfahren habe; daß man nach diesem die Missetäter bestrafen und den Unschuldigen zur Freisprechung verhelfen müsse, daß man nach jenem Verträge usw. zu schließen habe.

Diese Ursache [nämlich die Form-Ursache] behandeln sie ‘ausrei­chend und’ treffend. Aber das genügt nicht. Denn wenn diese Dinge geordnet sind, muß man nach dem Fortgang fragen. Da sehen wir denn, daß sehr verständige Männer in ‘Verwirrung und’ heftige Unruhe geraten ‘und sich ereifern’, wenn sie sehen, wie ihren schö­nen Plänen der Erfolg versagt bleibt. Denn sie besitzen überaus ge­rechte und ehrenwerte Gesetze und setzen sich mit höchster Anstren­gung dafür ein, daß sie gehalten werden. Aber bei der Frage nach der Wirk-Ursache und dem Ziel bleiben sie hängen. Denn als Zweck bestimmen sie »Ruhm«, »Friede«, »Wohlstand«; aber das trifft nicht immer ein, und häufig geschieht das gerade Gegenteil. Mithin kön­nen diese Ergebnisse offensichtlich nicht als Zweck angesprochen werden. Daß aber umgekehrt irgendein anderer, je verbrecherischer und nachlässiger er ist, desto mehr Glück hat, das treibt die Gut­gesinnten gar sehr zur Ungeduld. ‘Darüber [über das Glück der Bösen] verwundern wir uns höchstens. Aber wir fragen nicht: War­um ist das so?’ Darum kommt hierbei alles darauf an, zu wissen, warum die Ereignisse sich so abspielen, daß es den Guten meistens äußerst schlecht, umgekehrt den Schlechten äußerst gut geht, wie ja viele liederliche und böse Hausväter in glänzenden Verhältnissen ‘und im Überfluß’ leben, sehr treffliche Leute dagegen Not leiden ‘und kaum ihr tägliches Brot haben’.

Es ist also offenbar, daß die Philosophen und die Heiden über den Staat und den Hausstand nicht so zu lehren und ihre Aussagen auf eine so scharf umrissene Formel zu bringen vermö­gen wie der Heilige Geist. Denn sie besitzen nur die Vernunft und folgen ihr. Salomo aber hat auch den Heiligen Geist, der ihn über den Zweck und die Ursache der Reiche und des Haus­wesens belehrt. Desglei­chen besitzt er Vernunft und Erfahrung, weil er sowohl einen Staat wie ein Hauswesen leitete. Deswegen redet er nicht allein aus dem [98] Heiligen Geiste, son­dern seine Rede ‘atmet Heiligen Geist und’ Erfahrung, weil er in gewichtigen Angelegenhei­ten bewandert war und große Übung in der Behandlung schwieriger Fälle besaß. Es muß uns aber dieser Psalm aus dem Grunde besonders willkommen sein, weil ihn ein Mann verfaßt hat, der in der Staatsführung wie im Hauswesen gleicherweise Hervorragendes leistete. Ob­wohl der Psalm kurz ist – er umfaßt ja nur sechs Verschen – ist er doch ge­drängt voll von einer einzigartigen Lehre. Mit der Form und dem Inhalt des Staats- und des Hauswesens befaßt er sich nicht ernstlich. Denn er sieht: Häuser sind schon da; Staaten sind bereits ge­gründet und durch Gesetze und obrigkeitliche Personen gesichert; ‘es gibt gute und schlechte Obrigkeiten. Das alles stellt er als vorhanden fest. Gute Gesetze und ehrbare Sitten zu haben, gehört zur Form des Staatslebens. Aber das sind lediglich äußere Dinge’. Ist denn das aber nicht genug? Keineswegs! Denn zwei Haupt-Ursachen ver­mißt man bisher. Was nämlich die Form-Ursache betrifft, kann es wohl möglich sein, daß die Gesetze bei den Heiden besser gewesen sind als bei den Juden. Auch ist es durchaus möglich, daß einige Regenten der Heiden trefflicher waren als die, die sich unter dem Volke Gottes befanden. Das räume ich gern ein. Aber das alles stellt ja nur Inhalt und Form dar.

‘Daher muß man die Obrigkeit und den Hausvater belehren, daß sie’ dahin gelangen, die grundlegenden Ursachen des Staats­wesens und des Hausstandes zu erkennen. Wer gründet den Staat und das Haus? Und: Warum tut er das? Diese Ursachen sehen die Heiden und die Vernunft überhaupt nicht. Die Vernunft ist allein in den Anblick des ‘gegenwärtigen’ Inhaltes und der ‘gegenwärtigen’ Form ‘versunken’, und weil sie die Wirk-Ursache nicht kennt, so unternimmt sie es, die Dinge zu regieren und auszurichten nach dem Zweck, den sie sich in ihrer eigenen Kraft gesetzt hat. Als ob sie selber es wäre, die solch gewaltige Angelegenheiten zu regeln ver­möchte! Daher kommt es, daß sie anstößt und irrt. So begann sich Demosthenes einem Staatswesen zu widmen, das er durch Gesetze und Sitten wohlgeordnet vorfand. Des­halb stürzte er sich sozu­sagen »mit ungewaschenen Händen und Füßen« [d. h. ohne gehö­rige Sorgfalt und Vorbereitung] in die Arbeit. Er unternimmt den Versuch, selber die Wirk-Ursa­che für den athenischen Staat zu werden, d. h. er will ihn nach seinen Plänen regieren, wie eben ein ver­ständiger Mann sich so etwas ‘in den Kopf setzt’. Zu welchem Zweck? Natürlich, um den öffentlichen Frieden unumstößlich zu sichern, sich und dem Vaterlande ein ruhmreiches und geruhiges Leben zu verschaffen und um alles so hinaus laufen zu lassen, wie er es aus sich heraus klug erdacht und beschlossen hat. Aber weil Gott hochfahrende Pläne haßt, verkehrt er sie in ihr Gegenteil. Also liegt hinsichtlich des Inhaltes und der Form kein Fehler vor, hin­sichtlich des Zweckes aber und der Wirk-Ursache erliegt der weise Mann einer Täuschung.

Dasselbe stieß im römischen Staate dem großen Cicero zu, das­selbe dem Julius Caesar8. Da sie weder die Wirk-Ursache zu Ge­sicht bekommen noch den Zweck treffen, kommt es nun dazu, daß sie schreien: es geschehe alles durch Zufall oder Glück, was den eigentlichen Ab­sichten nahezu immer zuwiderlaufe. Weil sie näm­lich weder durch Tüchtigkeit noch durch Weisheit, ‘weder durch Schlauheit’ noch durch Gewissenhaftigkeit den gewünschten Zweck erreichen können; weil sie ferner sehen, daß menschlicher Unver­stand und Bosheit den Staaten mehr schaden, als ihnen durch sach­gemäße Berechnungen zuweilen geholfen wird, haben sie ein Drittes oder Mittleres sich erdichtet, nämlich das Schicksal. Das stelle eine »un­gewisse Ursache« dar und lasse hier die rechten Beschlüsse glück­lich gelingen und ver­hindere sie dort. So sind sie zu der Behaup­tung genötigt, die Regierung des Staates sei eine zu gewal­tige An­gelegenheit, als daß man sie nach menschlichen Ratschlägen und Pla­nungen frei handhaben könne. Denn außer den Plänen der Men­schen sei Schicksalsglück erforderlich, das durch Gottes Fügung bald diesem, bald jenem zufiele. Das ist auch der Grund, weswegen die großen Männer unter den Heiden weder vom Hauswesen noch vom Staate sachgemäß lehren konnten.

Daher greift dieser Lehrer nun ein, der einen anderen Geist, näm­lich einen mit Erfahrung verbundenen Geist hat, und lehrt das Wo­her und das Wohin, d. h. welches die eigentliche Wirk-Ursache im Staat und im Hauswesen sei, und welches ihr Zweck. Denn beides [Staat und Hauswesen] meistert er umfassend und lehrt: Jeder, der ein Hauswesen oder einen Staat glücklich regieren will, darf ja nicht sich selber als Haupt-Ursache ansetzen. ‘Damit höre man auf! Sonst holt einen der Teufel, und’ es kann geschehen, daß man alles umstößt. Denn so viele Gefahren, so viele Schwierigkeiten, so viele Sorgen stürmen in beiden Ständen auf einen ein und verwirren derartig den Sinn, daß man, völlig erschöpft und ver­zweifelt, alles preisgibt, unwillig wird und spricht: »‘Hol’ mich der leidige Teufel!’ Der hat mich geführt und mich in diese Schwierig­keiten Hals über Kopf hineinstürzen lassen« – und das geschieht ihm ganz recht! Denn warum nimmt er es sich heraus, das beherr­schen zu wollen, was über seine Kräfte geht? So sagte Demosthenes, als er im Staatsdienst von mannigfachen Unfällen betroffen worden war, schließlich: »Wenn mir zwei Wege zur Wahl gestellt würden, einer, der zur Regierung des Staates, und ein anderer, der zum Tode führt, dann will ich eher den betreten, der zum Tode führt, als den anderen.« So geht es auch im Hauswesen zu. Wer in den Ehestand tritt, verspricht sich vom häuslichen Leben lauter Erfreuliches und Angenehmes. Er meint nämlich, er werde eine sichere Methode be­folgen können, die Frau an sich zu gewöh­nen, die Kinder zu erzie­hen und seine Untergebenen zu leiten. Wenn das jedoch in der Er­fahrung ganz anders ausläuft und etwa die Frau widerspenstig wird oder die Kinder undankbar und ungehorsam, die Untergebenen läs­sig, die Nachbarn beschwerlich und unerträglich werden – denn die Lasten des Ehestandes sind unbegrenzt –, dann wird man unwillig und beginnt, wenn es zu spät ist, mit der Klage: »Hätte ich das ge­wußt, dann hätte ich niemals geheiratet! Viel angenehmer ist das Leben der Mönche: Sie sind solcher Beschwerden ledig usw.« Durch solche Äußerungen verwünschen die törichten Menschen ihr eigenes Los. Als ob, wenn du Mönch würdest, du alle Nachteile auf einmal abgeworfen hättest! Ja, selbst wenn du dich im Kloster verbärgest, so wirst du doch nicht von allen Schwierigkeiten entbunden sein. Denn wie du unter dem Himmel und auf der Erde bist, an welchem Orte du dich auch immer aufhalten magst, so mußt du zwangsläufig entweder in einem Haus- oder in einem Staatswesen leben, wo nur immer du schließlich lebst. Es kann nicht anders sein. Deswegen rüste dich, daß du solche Beschwerlichkeiten besiegen, ‘bestehen und’ bewältigen kannst. Lerne es, sie auf eine andere Ursache zu werfen, die außer dir liegt: Sie ist stärker als du! Einzig und allein der Hei­lige Geist ist da der Lehrer. Er lehrt und ermahnt uns: »Werft euch ganz und gar in den Schoß der göttlichen Majestät und ver­traut ihr! In ihrem Namen sollt ihr heiraten, die Familie betreuen, den Staat regieren, Gesetze geben und alles andere verrich­ten!« Gelingt das, so ist es gut. Gelingt es nicht, so ist es ebenfalls gut. Denn dahin geht Got­tes Wille: Hast du einmal auf Gottes Ruf hin den Raum des Staates oder des Hauses betreten, so mußt du doch in ihm unter Anrufung seines Namens aushalten und beharren [und zu Gott sprechen]: ‘»Sei du Hausvater und Oberherr!«’

Und dies ist die Hauptlehre unseres Psalmes, den die Papisten in allen Kirchen singen und dessen Inhalt sie doch am allerwenigsten verstehen. Denn sie fliehen sowohl das Haus- wie das Staatswesen und sind doch in beiden tief versunken. Denn es gibt keinen größe­ren Staatsmann und Hausgewaltigen als den Papst. Denn er und die Mönche haben sogar große Herrscher und Fürsten auf das schamloseste tyrannisiert. Durch ihre Beamten wurden in Ehe­sachen richterliche Entscheidungen gefällt. Besonders durch den Beichtstuhl haben sie das Haus des Einzelnen genau so wie ganze Reiche und leitende Staatsmänner beherrscht. Da­durch aber ist es dahin ge­kommen, daß durch Menschen, die keine Sachkenntnis besaßen, beide Stände beinahe ausgelöscht wurden. Denn sie predigten nach ihrem Kopfe Träume, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten. Die, die als Staatsmänner im Staate und als Eheleute in der Ehe lebten, verdammten sie, da sie in »weltlichen« Ständen lebten, und erteilten ihnen den Rat, sich vielmehr dem mönchischen Leben zu widmen. ‘Sie sprachen: »Es ist ein schändliches Leben [das du jetzt führst]. Du mußt Mönch werden!«’ Ähnlich priesen die heid­nischen Philosophen als das Köstlichste das Privatleben, d. h. das Leben, wie es sich außer­halb des Staates und der Ehe‘ abspielt, und dem­gemäß erließen sie gesetzliche Vorschriften, nach denen sie übrigens selbst nicht einmal handelten.

Gegen dies törichte und gottlose Leben der Papisten und Philoso­phen tröstet uns Gott in der Heiligen Schrift. Aus ihr ersehen wir, daß es niemals einen Heiligen gegeben hat, der nicht im Staats­leben oder im Hauswesen bewandert war. Die bedeutendsten Män­ner trieb Gott an Fürstenhöfe: Elia, Elisa, Jesaja, Daniel ‘und andere mußten das Hofleben kennenlernen’. Ich will schon gar nicht reden von den hochheiligen Königen David, Salomo, Hiskia und anderen. Ja sogar Johannes der Täufer mußte ein Hofmann und ein königlicher Staatsrat werden, wie der Text sagt: »Herodes gehorchte ihm in vielen Sachen und hörte ihn gern« (Mark. 6, 20). So warf Gott alle seine Heiligen entweder in das Staatsleben oder in den Ehe­stand hinein ‘und unterwies sie darin’. Die einzige Aus­nahme bildete Christus, der die Weisheit des Vaters war. Der hei­ratete weder, noch regierte er einen Staat. Denn er mußte etwas Einzigartes sein vor allen übrigen. Und dennoch ‘verachtete er’ beide Stände ‘nicht’, sondern ehrte sie beide: die Ehe (Joh. 2, 1-11) und die Obrigkeit (Matth. 22, 21).

Das Leben der Mönche ist mithin wahrhaft teuflisch, weil sie sowohl dem häuslichen wie dem staatlichen Leben entfliehen. Und sie handeln damit sogar ganz schlau. Denn wer möchte nicht weit lieber irgendwohin in die Einsamkeit fliehen und ganz für sich leben und dank fremder Mühe sein Leben erhalten, Muße, Frieden, Ruhe, Behaglichkeit und andere Güter genießen und dabei noch für einen Heiligen gelten – als in der Welt sich mit all den erbärm­lichen und betrüblichen Sorgen herumschlagen, von denen dies menschliche Leben übervoll ist? Das heißt doch fürwahr: Selber ‘das Fett oben abschöpfen und die eigentliche Suppe’ den anderen übrig lassen, nämlich die schwere Mühe, Kinder zu erziehen, das Hauswesen zu leiten, das Reich zu regieren usw.

Aber infolge solcher Faulheit tragen sie den wohlverdienten Lohn davon: Sie sind Leute, die von der Sache nichts verstehen; sie besitzen keinerlei Kenntnis von den menschlichen Ver­hältnissen, so haben sie denn auch durch Heuchelei und ihre spielerischen Spe­kulationen die Welt durcheinander gebracht und sowohl die, die ein Hauswesen, wie die, die ein Gemeinwe­sen regierten, verwirrt. Ja, sie trieben es sogar so weit, daß die, die als Eheleute oder Staats­männer lebten, nur voll Widerwillen das Amt ertrugen, zu dem sie von Gott berufen waren. Denn wenn sich ein Hausvater oder eine obrigkeitliche Person an sie wandte und über die Nachteile des häuslichen und des öffentlichen Lebens klagte, haben sie sie nicht nur nicht getröstet und ermuntert, jene Lasten zu tragen, sondern wie Schwarmgeister sie beredet, das Leben in diesen trefflichen Ständen mit der Möncherei zu vertauschen. So ist es schließlich dahin gekommen, daß sie die Toten mit der Mönchskutte bekleideten und so bestat­te­ten. Sie wußten nicht, daß diese Stände, der Ehestand und die Obrigkeit, von Gott geschaf­fen und begründet sind. Sie wußten nicht, daß man solche Leute vielmehr zur Stand­haftigkeit und Geduld anspornen müßte und sagen: »Halte fest daran. Gott hat dich in den Ehestand und in das Staatsleben ein­gesetzt. Gott hat Gefallen an deinem Beruf und Amt. Du darfst deinen Stand nicht verlassen. Sondern, wenn etwas anders kommt, als du wolltest, mußt du die Unan­nehmlichkeiten um Gottes willen ertragen und alles Gott anheimstellen.« Damit hätte man recht ge­lehrt und die Herzen getröstet. Aber das konnte der Papst mit all den Seinen weder vor dieser Zeit tun, noch kann er es heutigen Tages. Und der Grund dafür? Sie stehen außerhalb von Amt und Beruf, außerhalb von Praxis und Erfahrung und denken nur aus Zeitvertreib über so etwas nach, zumal sie auch vom Heiligen Geist im Stich gelassen sind. Salomo aber ist in beidem ‘bewandert’: Er hat sowohl eine umfangreiche Erfahrung auf den Gebieten des staatlichen und häuslichen Lebens als auch den Heiligen Geist. Durch diese Lehrer hat er gelernt: Kein Ding kann kraft mensch­licher Weisheit regiert werden. Alles wird von Gott gelenkt.

Der Syrer Naeman ‘regierte das syrische Reich nicht nach seinem Kopf’. Er brachte zum Staatsdienst nicht nur große Weisheit mit, sondern der Text sagt, daß »durch ihn der Herr Heil in Syrien gab« (2. Kön. 5, 1). Das bedeutet: Er hätte mit seiner Weisheit kein Glück gehabt, wenn ihm nicht von Gott Gelingen geschenkt worden wäre. Wird jemand ein bedeutender und guter Fürst, so besitzt er das nicht durch natürliche Begabung, auch nicht durch Erziehung oder Beleh­rung, sondern es ist Gottes Gabe. Das aber lehren Erfahrung und Praxis hinter­her, daß die Dinge sehr häufig anders ausfallen, als man sie im Geiste voraussieht. Dasselbe widerfährt einem Ehemann. Denn wie oft täuschen wir uns mit unseren Berechnungen. Es ist schon wahr, was das Sprichwort sagt: »Der Mensch denkt, Gott lenkt«; und was Salomo sagt Spr. 16, 9: »Des Menschen Herz er­denkt sich seinen Weg; aber der Herr allein gibt, daß er fortgehe.« Du stellst bei dir Erwägungen an, wie du dir in deiner Lage helfen willst. Die Er­eignisse nehmen einen anderen Verlauf, und mit eben diesen Erwägungen, auf die du dich allein verließest, verdirbst du deine Sache wider Erwarten aller. Ein solcher Fall erzeugt aber [104] ungeheure Ungeduld. Deshalb lerne: Kannst du durch Weisheit und kluge Erwägungen nicht einmal deinen eigenen Körper regieren, wie willst du anderer Menschen Leib und Wil­len in einem einzigen Hause, einer Stadt, einem Herzogtum, einem Königreich regieren? Lerne also: Wie nach Jeremia »des Menschen Weg nicht in seiner Macht steht« (Jer. 10, 23), so ist auch der Leib selbst, den du trägst und in dem du dich bewegst, nicht in deiner Hand.

Das heißt sachgemäß über das staatliche und häusliche Leben leh­ren, nämlich die Ursache und den Zweck aufzeigen. Diese Lehre ist aber um so notwendiger, weil wir uns alle teils im Staate, teils im Hause befinden. Denn auch wenn du nicht verheiratet bist, so be­findest du dich doch notwendigerweise auf irgendeinem Teilgebiet des häuslichen Lebens. Denn ent­weder bist du Kind oder Unter­gebener, oder du hast Kinder und Untergebene und wohnst zusam­men mit Nachbarn, oder du bist in irgendeiner beruflichen Stellung im Hause oder in der menschlichen Gemeinschaft tätig. Du kannst dich aber nicht davor bewahren, daß dich viele Beschwer­lichkeiten treffen. Darum muß man lernen, wie man sich in solchen Ständen zu verhalten hat, woher sie stammen und was ihr Zweck sein soll, ‘und muß gen Himmel bli­cken, wie unser Psalm [tut]’. Diese Erkenntnis tut jedoch am meisten denen not, die sich in irgend­einer höheren Lebensstellung befinden und entweder den Staat oder das Haus zu leiten haben, damit sie wissen, zu welchem Zweck sie die Leitung auszuüben haben.

Es gehört dieser Psalm darum eigentlich zum Prediger Salomonis. Er weist nicht nur densel­ben Lehrgehalt, sondern auch fast denselben Wortschatz auf. Im Prediger heißt es: »Ich sah die Eitelkeiten«, daß es weder im Hause noch im Staate voranging, sondern in beiden herrscht Trübsal des Geistes. Darum gibt es nichts Besseres, als in Gott »fröhlich zu sein« und mit Danksagung die gegenwärtigen »Gaben« zu genießen, die er spendet, und auszurichten, soviel man vermag. Unser Psalm scheint also eine Art kurzer Inbegriff des wesentlichen Inhaltes sei­nes Buches zu sein, worin er lehrt, welches die Wirk-Ursache der Staatskunst und der Haus­führung oder des Staates und der Familie sei und welchem Ziel diese Leitung zustreben muß: wir sind nämlich lediglich Diener und Mitarbeiter Gottes. Wir sind nicht die Wirk-Ur­sache, sondern die als Werkzeug dienende Ursache, durch die Gott die Welt regiert und sol­ches wirkt und schafft, wie die Weisheit spricht: »Durch mich regieren die Könige« (Spr. 8, 15). So ist der Vater Werkzeug und Mittel der Zeugung, Gott aber ist Quelle und Ursprung des Lebens. So ist die Obrig­keit nur ein Werkzeug, durch das Gott Frieden und Recht auf­recht erhält. Mann und Frau im Hause sind Werkzeuge, durch die Haus und Vermögen wächst. Dies zu wissen ist sehr tröstlich. Denn wenn die Dinge unglücklich auslaufen und wir nicht zu dem vorgesetzten Ziel gelangen, können wir sagen: »Ich bin ledig­lich ein Werkzeug, und diese Dinge sind nicht in meiner Hand, son­dern werden von einer anderen, größeren Macht und Weisheit ge­lenkt. Stirbt daher die Frau, sterben die Kinder, ‘verdirbt das Getreide’, wird der Friede gestört, geschieht sonst irgendein Un­glück, so sprich: »Diese Dinge stehen nicht in meiner Hand. ‘Ich kann sie nicht erhalten’. Ich bin ein Werkzeug. Was ich überhaupt vermag, tue ich: Ich arbeite, sorge, erteile Befehle und stehe auf der Wacht. Du, Herr, in dessen Hand all dies liegt, gib Gelingen! Sonst ist alles Beginnen und Arbeiten umsonst.« Denn wenn die Erst-Ursache fehlt, erreicht die Zweit-Ursache durch sich selbst nichts. So lehrt der Psalm von der Wirk-Ursache.

In gleicher Weise lehrt er von dem Zweck. Man soll erkennen, daß alles Gottes Gabe ist und nichts zu unserem Frieden und Wohl­behagen oder zu unserer Ehre dient, sondern alles zur Ehre und Anbetung Gottes. Wir sollen sagen: »Dies hat der Herr getan, er gab dies glückliche Ende, ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Ich bin nur ein Werkzeug. Es ist seine Gabe und nicht mein Werk. Das Feld muß ich bestellen, ich darf Werkzeug sein. Aber daß ‘das Ge­treide wächst und’ die Früchte reifen, das beruht auf Gottes Gabe, nicht auf meiner Arbeit.« Denn wäre es unser Werk, würden niemals die Saaten durch Überschwemmungen, Hitze, Regen­güsse und andere Wetterschäden verderben. So wird es in der Ehe erst dann offenbar, daß Kinder Gottes Gabe sind, wenn die Frau nicht gebiert. Die Erkenntnis dieser Ursachen ist für den Christen notwendig. Darum wollen wir nunmehr den Psalm selber hören.

Hier Luthers vollständige Auslegung zum 127. Psalm als pdf.

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