Martin Luthers Auslegung des 127. Psalms (vollständiger Text): „Man soll erkennen, dass alles Gottes Gabe ist und nichts zu unserem Frieden und Wohl­behagen oder zu unserer Ehre dient, sondern alles zur Ehre und Anbetung Gottes.“

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Psalm 127 als Inschrift (1610) am Erker der Mohren-Apotheke, Bayreuth.

Psalm 127 ist für Martin Luther neben Psalm 82 und Psalm 101 einer der biblische Schlüsseltexte zur christlichen Ethik. Schon 1524 veröffentliche er eine Auslegung unter dem Titel „Der 127. Psalm ausgelegt allen lieben Freunden in Christo zu Riga und in Livland“ (WA 15, 360-378). 1532/33 legte Luther den Psalm im Rahmen einer akademischen Vorlesungsreihe über die Stufenpsalmen (Psalm 120-134) noch einmal umfassend aus:

Der 127. Psalm verdeutscht und ausgelegt

Von Martin Luther

[14] Einleitung

In Luthers Auslegung des 127. Psalms begegnet uns der späte Luther. Von ihm könnten wir genau so viel und mehr wissen als von dem Luther der Jahre vor und nach 1517; denn man hat natürlich alles von ihm aufbewahrt und überliefert, als er zum Reformator und »Kirchengrün­der« – wider Willen – geworden war. Aber er ist heute weithin unbekannt. Denn der erste Anlauf ist vorbei; es gibt keine so dramatischen und einpräg­samen Szenen mehr wie die vor dem Elstertor in Wittenberg, als Luther die Bannandrohungsbulle des Papstes und die kirchli­chen Rechtsbücher ins Feuer wirft (10. Dezember 1520); und von einem zweiten Auftreten vor Kaiser und Reich, wie in Worms im April 1521, ist keine Rede. Die Katastrophe des Bauernkriegs ist dazwi­schengekommen, und die protestantische Bewegung ist durch den Lehrzwiespalt zwischen Luther und Zwingli gelähmt und aufge­halten. Man muß froh sein, wenn es den Gegnern der neuen Bewe­gung nicht gelingt, sie zu unterdrücken. Dazu hat der späte, der alte Luther viel und oft unter Krankheiten zu leiden.

Dennoch hat er unermüdlich weitergearbeitet. Kurz nach dem Entstehen der Vorlesung, die wir hier vorlegen, hat er die Über-[15]setzung des Alten Testaments und damit der ganzen Bibel abge­schlossen. Etwas später stehen er und die Zeitgenossen vor der An­kündigung des so lange geforderten und von Rom wieder und wieder hinausgeschobenen Konzils. Auch die werdende Reforma­tion in England, zunächst mehr politisch als christlich-theologisch bedingt, beschäftigt die Geister in Wittenberg. Die schwierigen Fragen von Bündnis und Bekenntnis und eines eventuellen Wi­derstands gegen den Kaiser wollen immer neu bedacht und ent­schie­den werden. Nachdem die Unruhen des Reformationsgesche­hens auch die inneren Verhältnis­se der Universität in Wittenberg erschüttert und in Frage gestellt hatten, mußte wieder ein ge­wisses Maß und eine neue Ordnung des Lehrbetriebs gefunden und auf­rechter­halten werden. Und je deutlicher sich herausstellte, wie tief und umfassend der Zwiespalt mit der alten geisti­gen und kirch­lichen Ordnung in Wahrheit reichte, desto mehr mußten neue Grundlagen für Glauben und Leben der werdenden Reformations­kirche gefunden und gefe­stigt werden. Nicht nur Gottesdienst und Schulwesen, sondern auch das Leben in der Welt war neu zu deu­ten und zu ordnen. Es mußte sich zeigen, was von dem ersten An­lauf einer Erneuerung der Christen­heit zu halten und einiger­maßen zu verwirklichen war. So gesehen verdient die Zeit und das Werk des späten, des alten Luther fast mehr unser Interesse als der klassische Luther des Re­formationsbeginnes. Wer die innere Art und die äußere Gestalt des deutschen Protestantismus, wie er dann geworden ist, wirklich verstehen will, muß sich mit dem Luther jener späteren Jahre sehr viel mehr beschäftigen, als es in der Regel geschieht.

Dazu mag die Vorlesung über den 127. Psalm helfen. Sie bildet einen selbständigen Aus­schnitt aus einem größeren Unternehmen Luthers. Am 5. November 1532 begann er im Rah­men seiner Wit­tenberger Lehrtätigkeit – in der Regel wöchentlich zweimal, am Montag und Dienstag – die sogenannten Stufenpsalmen (Psalm 120-134) zu behandeln. Als Professor Bib­liae hat er ja nie andere als Auslegungsvorlesungen gehalten, sehr viel häufiger über Schrif­ten des Alten als des Neuen Testaments. In unsere heutigen Diszi­plinen wäre Luther, wenn über­haupt, als Alttestamentler einzuord­nen. Auch diese Stufenpsalmen waren ein Text, der durch den Ge-[16]brauch in der katholischen Messe jedermann geläufig war. So kann Luther auf diesen gottesdienstlichen Gebrauch in der Vorlesung ge­legentlich anspielen. Die Vorlesung wurde, wie damals und bis ins frühe 18. Jahrhundert üblich, lateinisch gehalten. Die Nach­schrift eines Hörers, Georg Rörer (1492-1557), ist uns in einer Art Steno­gramm erhalten. Ein anderer Schüler und Mitarbeiter Luthers, Veit Dietrich (1506-1549), hat die Vorlesung dann für den Druck be­arbeitet, das heißt, nach der damaligen Sitte geglättet und »ver­mehrt«. Schon 1534 hat er von der Auslegung unseres Psalms einen Sonderdruck veranstaltet. 1536 erschien eine deutsche Übersetzung, die nicht die einzige blieb. 1540 erschien dann die Druckausgabe der Vorlesung über alle Stufenpsalmen.

Für unsere Gegenwart hat Gerhard Gloege im Jahr 1940 eine Ausgabe dieser Auslegung in deutscher Übersetzung unter dem Titel Von der Menschwerdung des Menschen. Eine aka­demische Vorlesung über den 127. Psalm veröffentlicht. Mit seinem Einverständnis und mit Erlaubnis des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen übernehmen wir diese Überset­zung für unsere Ausgabe, mit ein paar unwesentlichen Änderungen. Da­bei war zu entschei­den, ob der Druck oder die Nachschrift zu­grunde zu legen ist. Mit Recht hat Gerhard Gloege sich entschlos­sen, beide zu berücksichtigen. Denn in der Nachschrift hören wir die Stimme Luthers selbst noch deutlicher. Auch unserer Ausgabe liegt nun der Druck zugrunde; wo es wesentlich ist, sind die Formulie­rungen der Nachschrift eingearbeitet. Sie sind in unserer Ausgabe durch Häkchen (‘ ’) gekennzeichnet. Wo die Nachschrift Eigenstän­diges von Inter­esse bietet, was sich nicht in den Text der Vorlesung einarbeiten ließ, ist es in den Anmerkun­gen notiert. Dabei bin ich um eine Nuance sparsamer in der Auswahl und Mitteilung als Gloe­ge. Ähnliches gilt in bezug auf die Anmerkungen und Erläute­rungen, die ja für einen weiteren Leserkreis gedacht sind als in der Ausgabe von 1940.

Was erwartet den Leser in dieser Auslegung? Luther will einen Psalm auslegen und ist an dessen Thematik gebunden. Da es sich um eine »akademische« Auslegung handelt, ist die Bindung an die Thematik des Textes beträchtlich stärker als beim Magnifkat. Seine ersten Hörer sollten ja auch lernen, wie man eine biblische Schrift auslegt. So hat Luther eine gewis­se Breite und manche Wie­derholungen nicht gescheut. Nun ist dieser Psalm seiner Thematik [17] nach ein Alltagspsalm, ein politischer Psalm. Er gehört fast mehr in die Weisheit Israels als in die Frömmigkeit; aber man kann beide nicht voneinander trennen. Und da der Psalm dem König Salomo zugeschrieben ist, ist er für Luther das Zeugnis eines Fachmanns. »Denn wir ersehen aus allen Büchern Salomos, daß er so etwas wie ein Lehrer der Staatskunst ist. Er behandelt nicht wie sein Vater David den Hauptartikel des Glaubens von der Rechtfertigung oder von Christus, vielmehr erörtert er die Angelegenheit des Fachgebiets, in dem er bewan­dert war und in das ihn der Herr einsetzte, nämlich die Fragen der Staatsführung und des Hauswesens.« Luther befaßt sich also hier mit den gleichen Fragen, denen er sich in der Aus­legung des Magnifikats gewidmet hatte. Es wäre verwunderlich, wenn wir beim späten Luther von den Grund­lagen seines politisch-geschichtlichen Denkens, wie sie im Magnifi­kat zutage traten, jetzt nichts mehr fänden. Dennoch spüren wir eine andere Atmosphäre. Luther hat jetzt geschichtliche Erfahrun­gen hinter sich, die ihm in seiner frühen Auslegung noch fremd waren. Das betrifft weniger den Umgang mit dem Papst und den Altgläubigen. Hier begegnen kaum neue Abgrenzungen; eigent­lich auch keine Verhärtung des Gegensatzes, wenn freilich auch von einer Anrufung der Fürbitte Mariens nicht mehr die Rede ist. Er­staun­licherweise redet er auch noch 1533 nicht weniger positiv, respektvoll und hoffnungs­freudig als früher von Kaiser Karl V. Alle Erfahrungen, die Luther mit dem Kaiser machte, haben an seiner Loyalität nichts zu ändern vermocht. Etwas härter und resignierter sind die Urteile und Aussagen über die Für­sten und Hofleute. Aber auch in dieser Hinsicht ist schon das Magnifi­kat ohne viel Illusion. Die liebe Stadt Wittenberg allerdings vermag Lu­ther noch weniger zu rühmen als je zuvor. Als Prediger in dieser unbelehrbaren Stadt in Streik zu treten hatte er damals vorgehabt und es sich nur schwer ausreden lassen. Aber was Luther in den etwa ein­einhalb Jahrzehnten zwi­schen unsern beiden Auslegungen am tiefsten traf, war die Erfahrung mit Münzer und den andern sogenannten Schwärmern. So kommt er auch in der Vorlesung dar­auf zu sprechen und vergleicht seine eigene Sendung mit derjenigen Münzers. Er be­schreibt »die ungeheure Zu­stimmung«, die er zu­nächst fand, und fährt dann fort: »Wäre ich da so töricht gewesen [18] und hätte gedacht, ich besäße ungezählte Anhänger, die meiner An­sicht günstig wären, und hätte im Vertrauen auf die Menge etwas zu beginnen gewagt, wie Münzer es tat, so wäre, ob­wohl in einer besseren Sache, mein Ausgang der gleiche gewesen.« Der Revolutionär Münzer war ja gescheitert, und am tiefen Gegensatz zu ihm hat der späte Luther immer wieder sein eigenes politisch-ethisches Urteil orientiert.

Damit sind wir bei dem, was Luthers Auslegung des 127. Psalms die ungewöhnliche Aktua­lität gibt. Auch wenn das Wort Revolu­tion nicht vorkommt – es war ja ohnehin noch nicht im heutigen Sinn in Gebrauch –, bestimmt die Frage der politisch möglichen Zielsetzungen alles, was Luther in dieser Vorlesung vorbringt. Wir müssen dabei in Kauf nehmen, daß er sich damaliger Kategorien und Denkformen bedient, die uns heute sehr abstrakt und theore­tisch vorkommen und die ihm aus der Tradition der aristotelischen Philosophie und Staatslehre vorgegeben waren. Luther faßt seinen Staatsgedanken so: Was der Staatsmann und Hausvater aus Ver­nunft und Erfahrung lernen kann, braucht nicht verachtet zu wer­den. Aber über die eigentliche Wirk- und Zweckursache unseres menschlichen Lebens vermag er von dort her keinen Aufschluß zu bekommen. Diese Erkenntnis vermag nur der Heilige Geist selbst zu vermitteln, und er tut es durch das Wort der Bibel. »Es ist also offenbar, daß die Philosophen und die Heiden über den Staat und den Hausstand nicht so zu lehren und ihre Aussagen auf eine so scharf umrissene Formel zu bringen vermögen wie der Heilige Geist. Denn sie besit­zen nur die Vernunft und folgen ihr. Salomo aber hat auch den Heiligen Geist, der ihn über Zweck und Ursache der Reiche und des Hauswesens belehrt. Desgleichen besitzt er Ver­nunft und Erfahrung, weil er sowohl einen Staat wie ein Haus­wesen leitete.« Als letzte Ursache des Lebens erkennt Luther mit der Bibel das Wirken Gottes als des Schöpfers, während wir Men­schen dabei nur Werkzeuge sein können und sollen. Das Ziel aber ist, »daß alles Gottes Gabe ist und nichts zu unserm Frieden und Wohlbehagen oder zu unserer Ehre dient, sondern alles zur Ehre und Anbetung Gottes«.

Damit hat Luther weithin nur wiederholt, was in der Christen­heit immer galt. Aber er wendet es mit der ihm eigenen Radikalität [19] auf das wirkliche Leben von Mensch und Gesellschaft an. Er bringt nicht Spekulationen und Theorien vor, sondern lenkt den Blick der Hörer und Leser auf die geschichtlichen Ereignisse der Vergangen­heit und Gegenwart. Alle die Helden der klassischen Antike tauchen auf, selbst Hektor von Troia, Demosthenes und andere Grie­chen, mehr noch die Römer. Kühl stellt er das Scheitern aller großen Re­form- und Machtpläne fest und bemerkt, wie wenige Regierer und Staatsmänner eines natürlichen Todes gestorben sind. Überall sieht er die Hand Gottes im Spiel, und angesichts des gewaltsamen Endes von Cicero sagt er: »Gott aber sprach: ›Nein! Und damit du es er­fährst, sollst du den Kopf darüber verlieren.‹« Auch vom Haus- und Familienwesen malt er keine Idyllen, sondern schildert, was alles an Enttäuschungen und Fehlschlägen auf den wartet, der mit gro­ßen Hoffnungen und Plänen ins Leben hinaussteuert.

Das ist nicht apologetisch gemeint, als ob sich eben deswegen die christliche Wahrheit allein empfehlen müßte. Luther ist von den großen Denkern der Christenheit wohl der einzige, dem jede Spur eines apologetischen Strebens fehlt. Nach seiner Erfahrung hat die Wahrheit der göttlichen Offenbarung eine menschliche Verteidigung nicht nötig. Eher schon meint er, mit seinen Geschichtsbildern den Menschen, die auf ihn hören mögen, zu einer heilsamen Er­kenntnis zu verhelfen. Sie sollen sich nicht zu viel einbilden, aber sie sollen auch nicht weg­laufen und verzweifeln. Auch ins Kloster müßten sie ja die Welt und ihre Umstände mitneh­men. Sie sollen im Umgang mit den Aufgaben in der Welt nicht vergessen, daß sie Menschen und nicht Gott, daß sie Werkzeug und nicht Schöpfer sind. »Darum sind allein die Gottes­fürchtigen imstande, mit dem Vorhandenen sich zufrieden zu geben, weil sie wissen, daß Gott im Regimente sitzt und jegliches geistliche und leibliche Gut ausspendet. Sie arbei­ten daher in Einfalt und genießen das, was sie durch Arbeit erwor­ben haben, als Gottes Gaben und geben sich nicht dreist als deren Urheber aus. Daher haben sie Frieden, und wenn ein Unglück her­einbricht, vermögen sie es zu überwinden und mit Hiob zu spre­chen: ›Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobte« (Hiob 1, 21). Mit bloßem Schick­sals­glauben hat das nichts zu tun, wie Luther an vielen Stellen dieser Vorlesung unterstreicht. [20]

Kein heutiger Leser, auch wenn er den Umgang mit der christlichen Wahrheit nicht aufgege­ben hat, wird Luthers Urteile einfach nachsprechen können und dürfen. Unter den vielen Fra­gen, die wir ihm heute, nach mehr als vierhundert Jahren, entgegenhalten müs­sen, drängen sich zwei in den Vordergrund: Vielleicht konnte und mußte er zu seiner Zeit so urteilen, weil für ihn die Welt enger und kleiner, der Mensch hilfloser und die Völker ärmer und ungebil­deter waren, weil der Bereich des Machbaren längst nicht so groß war, wie er inzwischen geworden ist. Luther hat anscheinend doch die Fähigkeit von Mensch und Gesellschaft weit unterschätzt. Es möchte ja auch niemand von uns in die Kultur und in die Lebens­umstände von damals zurückversetzt werden. Die andere Frage ist noch dringlicher: Wenn das Ziel seiner Auslegung der Schrift und seiner ganzen christlichen Verkündigung und Unterweisung eben dies sein soll, daß »die Gottesfürchtigen sich mit dem Vorhandenen zufrieden geben«, dann könnet wir ihn und seine Parolen nicht mehr brauchen, ja wir können all das nicht mehr ertragen in einer Zeit, in der alles darauf ankommt, daß wir uns gerade nicht mit den Zustän­den in der Gesellschaft abfinden. Luthers Christentum, und was sich daraus an Welt- und Lebensauffassung ergibt, ist eben doch so konservativ, daß wir ihn heute nur noch in einem historischen Interesse zur Kenntnis nehmen können: Es gab Zeiten, in denen maßgebende Menschen so wenig fortschrittlich gesinnt waren. Es könnte dann auch kaum stark ins Ge­wicht fallen, daß sich von Luther, von der Reformation, vom Protestantismus her in Wirklich­keit auch positive Linien finden ließen, in denen sich be­stimmte Elemente des Fortschritts der Neuzeit erst herausgebildet haben. Die heutigen Apologeten der christlichen Wahrheit sind ja emsig beschäftigt, eben diese Linien uns sichtbar zu machen.

Aber wenn der Mensch in allem Wandel und Fortschritt seiner Mög­lichkeiten doch derselbe geblieben ist, hin- und hergerissen zwischen Furcht und Hoffnung angesichts dessen, was er vermag und was ihm bevorsteht, muß der zeitliche Abstand, der uns von Luthers Auslegung und erst recht von seinem Text trennt, doch nicht so un­überbrückbar sein, daß uns seine Gedanken und Erkenntnisse über­haupt nicht mehr zu erreichen vermögen.

Der lateinische Druck und die Nachschrift dieser Vorlesung Lu-[21]thers von 1533 über den Psalm 127 finden sich in der Weimarer Ausgabe seiner Werke, Band 40 III, Seite 202-269. Wer sich über Luthers Umgang mit dem Alten Testament informieren will, hält sich am besten an das Buch von Heinrich Bornkamm, Luther und das Alte Testament (Tübingen 1948).

Karl Gerhard Steck

[95] Der 127. Psalm

Ein Lied Salomos im höhern Chor.
Wo der Herr nicht das Haus haut,
So arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wo der Herr nicht die Stadt behütet,
So wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, daß ihr früh aufstehet
und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen;
Denn seinen Freunden gibt er’s schlafend.
Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn,
Und Leibesfrucht ist ein Geschenk.
Wie die Pfeile in der Hand eines Starken,
Also geraten die jungen Knaben.
Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat!
Die werden nicht zu Schanden, wenn sie mit ihren Feinden handeln im Tor.

[96] Wo der Herr nicht.

Dieser Psalm trägt die Überschrift »Ein Lied Salomos«[1]. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß Salomo sein Verfasser ist. Denn wir ersehen aus allen Büchern Salomos, daß er so etwas wie ein Leh­rer der Staatskunst ist. Er behandelt nicht wie sein Vater David den Hauptartikel des Glaubens von der Rechtfertigung oder von Christus, dem Erben und Nachkommen Davids. Vielmehr erör­tert er die Angelegenheiten des Fachgebietes, in dem er bewan­dert war und in das ihn der Herr einsetzte, nämlich die Fragen der Staatsführung ‘und des Hauswesens’. Das aber tut er auf eine Weise, die deutlich macht: Kein Philosoph ‘und kein Mensch auf Erden’ hat jemals so über Staatsangelegenheiten gelehrt. Er bezieht nämlich das gesamte staatliche Leben auf den Glauben, und alles, was im Staate oder im Hause unternommen wird, schreibt er der Regierung Gottes zu. Das tut kein anderer Schriftsteller, mag er Philosoph oder Redner gewesen sein. Denn ‘alle übrigen’ verfertigen zwar Gesetze und entwerfen Grundsätze, nach denen der Staat recht regiert, das Haus gut geleitet werden könnte. Aber vom Erfolg, von der Frucht und vom Ausgang lehren sie überhaupt nichts. Denn sie wissen keine Antwort auf die Frage: Woher soll man den gedeih­lichen Fortgang erwarten, damit das, was man richtig beriet und beschloß, auch gelingt? Denn sie kennen nur Inhalt und Form des staatlichen und des hauswirtschaftlichen Lebens. Ihren Zweck aber und ihre Wirk-Ursache kennen sie nicht ‘und treffen sie nie’. Das heißt: Sie wissen nicht, woher Staats- und Hauswesen kommen und von wem sie erhalten werden. Desgleichen wissen sie nicht, welchen ‘verschiedenen’ Zielen sie zustreben.

Darum hat Aristoteles[2] in seinen ethischen Schriften und in seiner »Politik«, ebenso Xeno­phon[3], Platon[4], Cicero[5] und andere zwar in glänzender Weise über den Staat geschrieben. Seine wahre Ursache und seinen wahren Zweck berühren sie trotzdem nicht. Sie sind nämlich der Meinung, sein vornehmster und eigentümlichster Zweck sei: staatlicher Friede, ehrbares Leben, Ruhm usw. Für die Wirk- Ursache aber halten sie: die einsichtige Persönlichkeit oder die kluge Obrigkeit oder, wie sie selbst sagen, den guten Staatsbürger. Aber wir werden hö­ren, wie Salomo andere und wesentlichere Erörterun-[97]gen anstellt. Die Philosophen haben nämlich richtige Begriffe von der Form [der Bestimmung] des staatlichen Handelns, also darüber, wie der Staat zu verwalten sei: daß man in diesem Falle nach dem Zivilrecht, in jenem nach dem Strafrecht zu verfahren habe; daß man nach diesem die Missetäter bestrafen und den Unschuldigen zur Freisprechung verhelfen müsse, daß man nach jenem Verträge usw. zu schließen habe.

Diese Ursache [nämlich die Form-Ursache] behandeln sie ‘ausrei­chend und’ treffend. Aber das genügt nicht. Denn wenn diese Dinge geordnet sind, muß man nach dem Fortgang fragen. Da sehen wir denn, daß sehr verständige Männer in ‘Verwirrung und’ heftige Unruhe geraten ‘und sich ereifern’, wenn sie sehen, wie ihren schö­nen Plänen der Erfolg versagt bleibt. Denn sie besitzen überaus ge­rechte und ehrenwerte Gesetze und setzen sich mit höchster Anstren­gung dafür ein, daß sie gehalten werden. Aber bei der Frage nach der Wirk-Ursache und dem Ziel bleiben sie hängen. Denn als Zweck bestimmen sie »Ruhm«, »Friede«, »Wohlstand«; aber das trifft nicht immer ein, und häufig geschieht das gerade Gegenteil. Mithin kön­nen diese Ergebnisse offensichtlich nicht als Zweck angesprochen werden. Daß aber umgekehrt irgendein anderer, je verbrecherischer und nachlässiger er ist, desto mehr Glück hat, das treibt die Gut­gesinnten gar sehr zur Ungeduld. ‘Darüber [über das Glück der Bösen] verwundern wir uns höchstens. Aber wir fragen nicht: War­um ist das so?’ Darum kommt hierbei alles darauf an, zu wissen, warum die Ereignisse sich so abspielen, daß es den Guten meistens äußerst schlecht, umgekehrt den Schlechten äußerst gut geht, wie ja viele liederliche und böse Hausväter in glänzenden Verhältnissen ‘und im Überfluß’ leben, sehr treffliche Leute dagegen Not leiden ‘und kaum ihr tägliches Brot haben’.

Es ist also offenbar, daß die Philosophen und die Heiden über den Staat und den Hausstand nicht so zu lehren und ihre Aussagen auf eine so scharf umrissene Formel zu bringen vermö­gen wie der Heilige Geist. Denn sie besitzen nur die Vernunft und folgen ihr. Salomo aber hat auch den Heiligen Geist, der ihn über den Zweck und die Ursache der Reiche und des Haus­wesens belehrt. Desglei­chen besitzt er Vernunft und Erfahrung, weil er sowohl einen Staat wie ein Hauswesen leitete. Deswegen redet er nicht allein aus dem [98] Heiligen Geiste, son­dern seine Rede ‘atmet Heiligen Geist und’ Erfahrung, weil er in gewichtigen Angelegenhei­ten bewandert war und große Übung in der Behandlung schwieriger Fälle besaß. Es muß uns aber dieser Psalm aus dem Grunde besonders willkommen sein, weil ihn ein Mann verfaßt hat, der in der Staatsführung wie im Hauswesen gleicherweise Hervorragendes leistete. Ob­wohl der Psalm kurz ist – er umfaßt ja nur sechs Verschen[6] – ist er doch ge­drängt voll von einer einzigartigen Lehre. Mit der Form und dem Inhalt des Staats- und des Hauswesens befaßt er sich nicht ernstlich. Denn er sieht: Häuser sind schon da; Staaten sind bereits ge­gründet und durch Gesetze und obrigkeitliche Personen gesichert; ‘es gibt gute und schlechte Obrigkeiten. Das alles stellt er als vorhanden fest. Gute Gesetze und ehrbare Sitten zu haben, gehört zur Form des Staatslebens. Aber das sind lediglich äußere Dinge’. Ist denn das aber nicht genug? Keineswegs! Denn zwei Haupt-Ursachen ver­mißt man bisher. Was nämlich die Form-Ursache betrifft, kann es wohl möglich sein, daß die Gesetze bei den Heiden besser gewesen sind als bei den Juden. Auch ist es durchaus möglich, daß einige Regenten der Heiden trefflicher waren als die, die sich unter dem Volke Gottes befanden. Das räume ich gern ein. Aber das alles stellt ja nur Inhalt und Form dar.

‘Daher muß man die Obrigkeit und den Hausvater belehren, daß sie’ dahin gelangen, die grundlegenden Ursachen des Staats­wesens und des Hausstandes zu erkennen. Wer gründet den Staat und das Haus? Und: Warum tut er das? Diese Ursachen sehen die Heiden und die Vernunft überhaupt nicht. Die Vernunft ist allein in den Anblick des ‘gegenwärtigen’ Inhaltes und der ‘gegenwärtigen’ Form ‘versunken’, und weil sie die Wirk-Ursache nicht kennt, so unternimmt sie es, die Dinge zu regieren und auszurichten nach dem Zweck, den sie sich in ihrer eigenen Kraft gesetzt hat. Als ob sie selber es wäre, die solch gewaltige Angelegenheiten zu regeln ver­möchte! Daher kommt es, daß sie anstößt und irrt. So begann sich Demosthenes[7] einem Staatswesen zu widmen, das er durch Gesetze und Sitten wohlgeordnet vorfand. Des­halb stürzte er sich sozu­sagen »mit ungewaschenen Händen und Füßen« [d. h. ohne gehö­rige Sorgfalt und Vorbereitung] in die Arbeit. Er unternimmt den Versuch, selber die Wirk-Ursa­che für den athenischen Staat zu wer-[99]den, d. h. er will ihn nach seinen Plänen regieren, wie eben ein ver­ständiger Mann sich so etwas ‘in den Kopf setzt’. Zu welchem Zweck? Natürlich, um den öffentlichen Frieden unumstößlich zu sichern, sich und dem Vaterlande ein ruhmreiches und geruhiges Leben zu verschaffen und um alles so hinaus laufen zu lassen, wie er es aus sich heraus klug erdacht und beschlossen hat. Aber weil Gott hochfahrende Pläne haßt, verkehrt er sie in ihr Gegenteil. Also liegt hinsichtlich des Inhaltes und der Form kein Fehler vor, hin­sichtlich des Zweckes aber und der Wirk-Ursache erliegt der weise Mann einer Täuschung.

Dasselbe stieß im römischen Staate dem großen Cicero zu, das­selbe dem Julius Caesar[8]. Da sie weder die Wirk-Ursache zu Ge­sicht bekommen noch den Zweck treffen, kommt es nun dazu, daß sie schreien: es geschehe alles durch Zufall oder Glück, was den eigentlichen Ab­sichten nahezu immer zuwiderlaufe. Weil sie näm­lich weder durch Tüchtigkeit noch durch Weisheit, ‘weder durch Schlauheit’ noch durch Gewissenhaftigkeit den gewünschten Zweck erreichen können; weil sie ferner sehen, daß menschlicher Unver­stand und Bosheit den Staaten mehr schaden, als ihnen durch sach­gemäße Berechnungen zuweilen geholfen wird, haben sie ein Drittes oder Mittleres sich erdichtet, nämlich das Schicksal. Das stelle eine »un­gewisse Ursache« dar und lasse hier die rechten Beschlüsse glück­lich gelingen und ver­hindere sie dort. So sind sie zu der Behaup­tung genötigt, die Regierung des Staates sei eine zu gewal­tige An­gelegenheit, als daß man sie nach menschlichen Ratschlägen und Pla­nungen frei handhaben könne. Denn außer den Plänen der Men­schen sei Schicksalsglück erforderlich, das durch Gottes Fügung bald diesem, bald jenem zufiele. Das ist auch der Grund, weswegen die großen Männer unter den Heiden weder vom Hauswesen noch vom Staate sachgemäß lehren konnten.

Daher greift dieser Lehrer nun ein, der einen anderen Geist, näm­lich einen mit Erfahrung verbundenen Geist hat, und lehrt das Wo­her und das Wohin, d. h. welches die eigentliche Wirk-Ursache im Staat und im Hauswesen sei, und welches ihr Zweck. Denn beides [Staat und Hauswesen] meistert er umfassend und lehrt: Jeder, der ein Hauswesen oder einen Staat glücklich regieren will, darf ja nicht sich selber als Haupt-Ursache ansetzen. ‘Damit höre man auf! [100] Sonst holt einen der Teufel, und’ es kann geschehen, daß man alles umstößt. Denn so viele Gefahren, so viele Schwierigkeiten, so viele Sorgen stürmen in beiden Ständen auf einen ein und verwirren derartig den Sinn, daß man, völlig erschöpft und ver­zweifelt, alles preisgibt, unwillig wird und spricht: »‘Hol’ mich der leidige Teufel!’ Der hat mich geführt und mich in diese Schwierig­keiten Hals über Kopf hineinstürzen lassen« – und das geschieht ihm ganz recht! Denn warum nimmt er es sich heraus, das beherr­schen zu wollen, was über seine Kräfte geht? So sagte Demosthenes, als er im Staatsdienst von mannigfachen Unfällen betroffen worden war, schließlich: »Wenn mir zwei Wege zur Wahl gestellt würden, einer, der zur Regierung des Staates, und ein anderer, der zum Tode führt, dann will ich eher den betreten, der zum Tode führt, als den anderen.« So geht es auch im Hauswesen zu. Wer in den Ehestand tritt, verspricht sich vom häuslichen Leben lauter Erfreuliches und Angenehmes. Er meint nämlich, er werde eine sichere Methode be­folgen können, die Frau an sich zu gewöh­nen, die Kinder zu erzie­hen und seine Untergebenen zu leiten. Wenn das jedoch in der Er­fahrung ganz anders ausläuft und etwa die Frau widerspenstig wird oder die Kinder undankbar und ungehorsam, die Untergebenen läs­sig, die Nachbarn beschwerlich und unerträglich werden – denn die Lasten des Ehestandes sind unbegrenzt –, dann wird man unwillig und beginnt, wenn es zu spät ist, mit der Klage: »Hätte ich das ge­wußt, dann hätte ich niemals geheiratet! Viel angenehmer ist das Leben der Mönche: Sie sind solcher Beschwerden ledig usw.« Durch solche Äußerungen verwünschen die törichten Menschen ihr eigenes Los. Als ob, wenn du Mönch würdest, du alle Nachteile auf einmal abgeworfen hättest! Ja, selbst wenn du dich im Kloster verbärgest, so wirst du doch nicht von allen Schwierigkeiten entbunden sein. Denn wie du unter dem Himmel und auf der Erde bist, an welchem Orte du dich auch immer aufhalten magst, so mußt du zwangsläufig entweder in einem Haus- oder in einem Staatswesen leben, wo nur immer du schließlich lebst. Es kann nicht anders sein. Deswegen rüste dich, daß du solche Beschwerlichkeiten besiegen, ‘bestehen und’ bewältigen kannst. Lerne es, sie auf eine andere Ursache zu werfen, die außer dir liegt: Sie ist stärker als du! Einzig und allein der Hei­lige Geist ist da der Lehrer. Er lehrt und ermahnt uns: »Werft [101] euch ganz und gar in den Schoß der göttlichen Majestät und ver­traut ihr! In ihrem Namen sollt ihr heiraten, die Familie betreuen, den Staat regieren, Gesetze geben und alles andere verrich­ten!« Gelingt das, so ist es gut. Gelingt es nicht, so ist es ebenfalls gut. Denn dahin geht Got­tes Wille: Hast du einmal auf Gottes Ruf hin den Raum des Staates oder des Hauses betreten, so mußt du doch in ihm unter Anrufung seines Namens aushalten und beharren [und zu Gott sprechen]: ‘»Sei du Hausvater und Oberherr!«’

Und dies ist die Hauptlehre unseres Psalmes, den die Papisten in allen Kirchen singen und dessen Inhalt sie doch am allerwenigsten verstehen. Denn sie fliehen sowohl das Haus- wie das Staatswesen und sind doch in beiden tief versunken. Denn es gibt keinen größe­ren Staatsmann und Hausgewaltigen als den Papst. Denn er und die Mönche haben sogar große Herrscher und Fürsten auf das schamloseste tyrannisiert. Durch ihre Beamten wurden in Ehe­sachen richterliche Entscheidungen gefällt. Besonders durch den Beichtstuhl haben sie das Haus des Einzelnen genau so wie ganze Reiche und leitende Staatsmänner beherrscht. Da­durch aber ist es dahin ge­kommen, daß durch Menschen, die keine Sachkenntnis besaßen, beide Stände beinahe ausgelöscht wurden. Denn sie predigten nach ihrem Kopfe Träume, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten. Die, die als Staatsmänner im Staate und als Eheleute in der Ehe lebten, verdammten sie, da sie in »weltlichen« Ständen lebten, und erteilten ihnen den Rat, sich vielmehr dem mönchischen Leben zu widmen. ‘Sie sprachen: »Es ist ein schändliches Leben [das du jetzt führst]. Du mußt Mönch werden!«’ Ähnlich priesen die heid­nischen Philosophen als das Köstlichste das Privatleben, d. h. das Leben, wie es sich außer­halb des Staates und der Ehe‘ abspielt, und dem­gemäß erließen sie gesetzliche Vorschriften, nach denen sie übrigens selbst nicht einmal handelten.

Gegen dies törichte und gottlose Leben der Papisten und Philoso­phen tröstet uns Gott in der Heiligen Schrift. Aus ihr ersehen wir, daß es niemals einen Heiligen gegeben hat, der nicht im Staats­leben oder im Hauswesen bewandert war. Die bedeutendsten Män­ner trieb Gott an Fürstenhöfe: Elia, Elisa, Jesaja, Daniel ‘und andere mußten das Hofleben kennenlernen’. Ich will schon gar nicht reden von den hochheiligen Königen David, Salomo, Hiskia [102] und anderen. Ja sogar Johannes der Täufer mußte ein Hofmann und ein königlicher Staatsrat wer­den, wie der Text sagt: »Herodes gehorchte ihm in vielen Sachen und hörte ihn gern« (Mark. 6, 20). So warf Gott alle seine Heiligen entweder in das Staatsleben oder in den Ehe­stand hinein ‘und unterwies sie darin’. Die einzige Aus­nahme bildete Christus, der die Weisheit des Vaters war. Der hei­ratete weder, noch regierte er einen Staat. Denn er mußte etwas Einzigar­tes sein vor allen übrigen. Und dennoch ‘verachtete er’ beide Stände ‘nicht’, sondern ehrte sie beide: die Ehe (Joh. 2, 1-11) und die Obrigkeit (Matth. 22, 21).

Das Leben der Mönche ist mithin wahrhaft teuflisch, weil sie sowohl dem häuslichen wie dem staatlichen Leben entfliehen. Und sie handeln damit sogar ganz schlau. Denn wer möchte nicht weit lieber irgendwohin in die Einsamkeit fliehen und ganz für sich leben und dank fremder Mühe sein Leben erhalten, Muße, Frieden, Ruhe, Behaglichkeit und andere Güter genießen und dabei noch für einen Heiligen gelten – als in der Welt sich mit all den erbärm­lichen und betrüblichen Sorgen herumschlagen, von denen dies menschliche Leben übervoll ist? Das heißt doch fürwahr: Selber ‘das Fett oben abschöpfen und die eigentliche Suppe’ den anderen übrig lassen, nämlich die schwere Mühe, Kinder zu erziehen, das Hauswesen zu leiten, das Reich zu regieren usw.

Aber infolge solcher Faulheit tragen sie den wohlverdienten Lohn davon: Sie sind Leute, die von der Sache nichts verstehen; sie besitzen keinerlei Kenntnis von den menschlichen Ver­hältnissen, so haben sie denn auch durch Heuchelei und ihre spielerischen Spe­kulationen die Welt durcheinander gebracht und sowohl die, die ein Hauswesen, wie die, die ein Gemeinwe­sen regierten, verwirrt. Ja, sie trieben es sogar so weit, daß die, die als Eheleute oder Staats­männer lebten, nur voll Widerwillen das Amt ertrugen, zu dem sie von Gott berufen waren. Denn wenn sich ein Hausvater oder eine obrigkeitliche Person an sie wandte und über die Nachteile des häuslichen und des öffentlichen Lebens klagte, haben sie sie nicht nur nicht getröstet und ermuntert, jene Lasten zu tragen, sondern wie Schwarmgeister sie beredet, das Leben in diesen trefflichen Ständen mit der Möncherei zu vertauschen[9]. So ist es schließlich dahin gekommen, daß sie die Toten mit der Mönchskutte beklei-[103]deten und so bestat­te­ten. Sie wußten nicht, daß diese Stände, der Ehestand und die Obrigkeit, von Gott geschaf­fen und begründet sind. Sie wußten nicht, daß man solche Leute vielmehr zur Stand­haftigkeit und Geduld anspornen müßte und sagen: »Halte fest daran. Gott hat dich in den Ehestand und in das Staatsleben ein­gesetzt. Gott hat Gefallen an deinem Beruf und Amt. Du darfst deinen Stand nicht verlassen. Sondern, wenn etwas anders kommt, als du wolltest, mußt du die Unan­nehmlichkeiten um Gottes willen ertragen und alles Gott anheimstellen.« Damit hätte man recht ge­lehrt und die Herzen getröstet. Aber das konnte der Papst mit all den Seinen weder vor dieser Zeit tun, noch kann er es heutigen Tages. Und der Grund dafür? Sie stehen außerhalb von Amt und Beruf, außerhalb von Praxis und Erfahrung und denken nur aus Zeitvertreib über so etwas nach, zumal sie auch vom Heiligen Geist im Stich gelassen sind. Salomo aber ist in beidem ‘bewandert’: Er hat sowohl eine umfangreiche Erfahrung auf den Gebieten des staatlichen und häuslichen Lebens als auch den Heiligen Geist. Durch diese Lehrer hat er gelernt: Kein Ding kann kraft mensch­licher Weisheit regiert werden. Alles wird von Gott gelenkt.

Der Syrer Naeman ‘regierte das syrische Reich nicht nach seinem Kopf’. Er brachte zum Staatsdienst nicht nur große Weisheit mit, sondern der Text sagt, daß »durch ihn der Herr Heil in Syrien gab« (2. Kön. 5, 1). Das bedeutet: Er hätte mit seiner Weisheit kein Glück gehabt, wenn ihm nicht von Gott Gelingen geschenkt worden wäre. Wird jemand ein bedeutender und guter Fürst, so besitzt er das nicht durch natürliche Begabung, auch nicht durch Erziehung oder Beleh­rung[10], sondern es ist Gottes Gabe. Das aber lehren Erfahrung und Praxis hinter­her, daß die Dinge sehr häufig anders ausfallen, als man sie im Geiste voraussieht. Dasselbe widerfährt einem Ehemann. Denn wie oft täuschen wir uns mit unseren Berechnungen. Es ist schon wahr, was das Sprichwort sagt: »Der Mensch denkt, Gott lenkt«; und was Salomo sagt Spr. 16, 9: »Des Menschen Herz er­denkt sich seinen Weg; aber der Herr allein gibt, daß er fortgehe.« Du stellst bei dir Erwägungen an, wie du dir in deiner Lage helfen willst. Die Er­eignisse nehmen einen anderen Verlauf, und mit eben diesen Erwägungen, auf die du dich allein verließest, verdirbst du deine Sache wider Erwarten aller. Ein solcher Fall erzeugt aber [104] ungeheure Ungeduld. Deshalb lerne: Kannst du durch Weisheit und kluge Erwägungen nicht einmal deinen eigenen Körper regieren, wie willst du anderer Menschen Leib und Wil­len in einem einzigen Hause, einer Stadt, einem Herzogtum, einem Königreich regieren? Lerne also: Wie nach Jeremia »des Menschen Weg nicht in seiner Macht steht« (Jer. 10, 23), so ist auch der Leib selbst, den du trägst und in dem du dich bewegst, nicht in deiner Hand.

Das heißt sachgemäß über das staatliche und häusliche Leben leh­ren, nämlich die Ursache und den Zweck aufzeigen. Diese Lehre ist aber um so notwendiger, weil wir uns alle teils im Staate, teils im Hause befinden. Denn auch wenn du nicht verheiratet bist, so be­findest du dich doch notwendigerweise auf irgendeinem Teilgebiet des häuslichen Lebens. Denn ent­weder bist du Kind oder Unter­gebener, oder du hast Kinder und Untergebene und wohnst zusam­men mit Nachbarn, oder du bist in irgendeiner beruflichen Stellung im Hause oder in der menschlichen Gemeinschaft tätig. Du kannst dich aber nicht davor bewahren, daß dich viele Beschwer­lichkeiten treffen. Darum muß man lernen, wie man sich in solchen Ständen zu verhalten hat, woher sie stammen und was ihr Zweck sein soll, ‘und muß gen Himmel bli­cken, wie unser Psalm [tut]’. Diese Erkenntnis tut jedoch am meisten denen not, die sich in irgend­einer höheren Lebensstellung befinden und entweder den Staat oder das Haus zu leiten haben, damit sie wissen, zu welchem Zweck sie die Leitung auszuüben haben.

Es gehört dieser Psalm darum eigentlich zum Prediger Salomonis. Er weist nicht nur densel­ben Lehrgehalt, sondern auch fast denselben Wortschatz auf. Im Prediger heißt es: »Ich sah die Eitelkeiten«, daß es weder im Hause noch im Staate voranging, sondern in beiden herrscht Trübsal des Geistes. Darum gibt es nichts Besseres, als in Gott »fröhlich zu sein« und mit Danksagung die gegenwärtigen »Gaben« zu genießen, die er spendet, und auszurichten, soviel man vermag. Unser Psalm scheint also eine Art kurzer Inbegriff des wesentlichen Inhaltes sei­nes Buches zu sein, worin er lehrt, welches die Wirk-Ursache der Staatskunst und der Haus­führung oder des Staates und der Familie sei und welchem Ziel diese Leitung zustreben muß: wir sind nämlich lediglich Diener und Mitarbeiter Gottes. Wir sind nicht die Wirk-Ur­sache, sondern die als Werkzeug dienende [105] Ursache, durch die Gott die Welt regiert und sol­ches wirkt und schafft, wie die Weisheit spricht: »Durch mich regieren die Könige« (Spr. 8, 15). So ist der Vater Werkzeug und Mittel der Zeugung, Gott aber ist Quelle und Ursprung des Lebens. So ist die Obrig­keit nur ein Werkzeug, durch das Gott Frieden und Recht auf­recht erhält. Mann und Frau im Hause sind Werkzeuge, durch die Haus und Vermögen wächst. Dies zu wissen ist sehr tröstlich. Denn wenn die Dinge unglücklich auslaufen und wir nicht zu dem vorgesetzten Ziel gelangen, können wir sagen: »Ich bin ledig­lich ein Werkzeug, und diese Dinge sind nicht in meiner Hand, son­dern werden von einer anderen, größeren Macht und Weisheit ge­lenkt. Stirbt daher die Frau, sterben die Kinder, ‘verdirbt das Getreide’, wird der Friede gestört, geschieht sonst irgendein Un­glück, so sprich: »Diese Dinge stehen nicht in meiner Hand. ‘Ich kann sie nicht erhalten’. Ich bin ein Werkzeug. Was ich überhaupt vermag, tue ich: Ich arbeite, sorge, erteile Befehle und stehe auf der Wacht. Du, Herr, in dessen Hand all dies liegt, gib Gelingen! Sonst ist alles Beginnen und Arbeiten umsonst.« Denn wenn die Erst-Ursache fehlt, erreicht die Zweit-Ursache durch sich selbst nichts. So lehrt der Psalm von der Wirk-Ursache.

In gleicher Weise lehrt er von dem Zweck. Man soll erkennen, daß alles Gottes Gabe ist und nichts zu unserem Frieden und Wohl­behagen oder zu unserer Ehre dient, sondern alles zur Ehre und Anbetung Gottes. Wir sollen sagen: »Dies hat der Herr getan, er gab dies glückliche Ende, ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Ich bin nur ein Werkzeug. Es ist seine Gabe und nicht mein Werk. Das Feld muß ich bestellen, ich darf Werkzeug sein. Aber daß ‘das Ge­treide wächst und’ die Früchte reifen, das beruht auf Gottes Gabe, nicht auf meiner Arbeit.« Denn wäre es unser Werk, würden niemals die Saaten durch Überschwemmungen, Hitze, Regen­güsse und andere Wetterschäden verderben. So wird es in der Ehe erst dann offenbar, daß Kinder Gottes Gabe sind, wenn die Frau nicht gebiert. Die Erkenntnis dieser Ursachen ist für den Christen notwendig. Darum wollen wir nunmehr den Psalm selber hören. [106]

I. Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.
(Vers 1a.)

Es sind großartige Worte – ‘kurz, aber kostbar’ –, mit denen er unsere Arbeit in Bausch und Bogen verdammt, daß nicht sie die Wirk-Ursache für die Erfolge sei, um deretwillen sie in Angriff ge­nommen wird. Lies dir aber daraufhin die Geschichte aller Völker durch: Die heilige Geschichte, die griechische, die römische, die Ge­schichte aller anderen fremden Völker, und du wirst sehen, daß Gott vielen dies gab ‘und zuließ’, daß sie in löblicher Weise Staat und Haus zu ordnen begannen. Aber weil das Gelingen ausblieb, entfiel ihnen der Mut, und zuweilen erfuhren sie für die höchste Anstren­gung um das Staatswohl die äußerste Un­dankbarkeit. Wieviel be­deutenden Staatsmänner sind in Athen, wieviele in Sparta, wieviele in Rom von den undankbaren Bürgern verurteilt und geächtet wor­den! Das geht so weit, daß es das allgemeine Geschick aller derer ist, die im privaten und öffentlichen Leben rechtschaffen handeln und sich mit hohem Eifer den Obliegenheiten widmen möchten, daß sie, durch Neid und Hinterlist anderer gehindert, das nicht zustande bringen können, was sie in Angriff neh­men. Denn Satan erregt so viele Hindernisse, so viele Widersacher, so gewaltigen Haß und so verschiedenartige Intrigen gegen die tüchtigen Männer, daß sie ent­weder, von Ungeduld überwältigt, die Sorge um den Staat von sich werfen ‘und sprechen: »Ich will’s gehen lassen, wie es geht, weil niemand folgen will.«’ Oder aber, ‘wenn es nicht nach ihrem tollen Kopf geht’, wüten sie, ‘wie Herzog Georg[11]’ aus Entrüstung grausam gegen diejenigen, die sich, wie sie sehen, ihnen entgegenstemmen. Und so sündigen sie entweder durch Verzweiflung, da sie alles von sich werfen, oder durch Vermessenheit, daß sie sich auf Biegen oder Brechen durchsetzen wollen. Diese Männer beginnen zwar mit einem löblichen Ansatz und haben Freude an ihren Plänen. ‘Sie wollen es sehr gut machen’, sehen sie aber den Erfolg ausblei­ben, so folgt ent­weder Raserei oder Verzweiflung.

Daher sollen wir es lernen, auf dem Mittelwege vorzurücken, und, wenn Gott uns zur Leitung einer Familie berufen hat, sagen: »Herr, du hast Weib, Haus und Kind gegeben; die will ich kraft [107] deiner Autorität regieren. Ich will also tun, was ich vermag, damit alles so richtig, wie nur möglich, regiert wird. Wenn nicht alles so gelingt, wie ich will, will ich schreiben ›Geduld‹ – nach dem bekann­ten Sprichwort der Mönche: ›Laß gehen, wie es geht, es will doch nicht anders gehen, als es geht!‹ Wenn es aber nach Wunsch gelingt, will ich sagen: ›Gott sei gedankt! Herr, es ist nicht mein Werk, nicht meine Arbeit, sondern deine Gabe.‹« Dasselbe soll der tun, der zum Staatsdienst berufen wurde, bei dessen Ausübung wegen der großen Mühen und Beschwerden dieser fromme Rat noch weit mehr zu beherzigen ist. Wes­sen Herz aber so unterwiesen ist, der kann die Ehe, ebenso die Regierung des Staates mit Frieden genießen. Er bleibt still, friedlichen und ruhigen Herzens; selbst wenn höchste Gefah­ren drohen. Das tun jene Draufgänger und Dickschädel nicht, die einfach sagen: »So will ich es! So befehle ich es![12] ‘Es soll unter allen Umständen durchgeführt werden, was ich mir in den Kopf gesetzt habe!’« Tritt danach das Gegenteil ein, so wollen sie das Unheil nicht mit Geduld überwinden. Vielmehr bringen sie ent­weder in unsinniger Raserei Staat und Haus in Verwirrung, oder sie behaupten, sie könnten solche Mühen und Schwierigkeiten nicht ertra­gen, und scheiden aus ihrem Amte aus. ‘Daraus wird gar kein Regiment – wie hier in Witten­berg!’[13] Daraus entsteht Anarchie: Man läßt alles dahintreiben, jedermann darf nach eigenem Gut­dünken handeln; man hält weder durch Gesetze noch durch Strafen die Willkür der bösen Elemente in Zaum. Darin besteht der Plan des Satans: Wenn man nicht einmal einen Finger breit von seinen Plä­nen abweichen will, soll durch solche Schwierigkeit, die in beiden Stän­den aufbricht, alles entweder in Anarchie oder in Tyrannei versinken. Niemand aber rückt auf dem Mittelwege vor.

Daher lehre und ermahne ich oftmals: Man soll den Eintritt in ein staatliches Amt oder in die Ehe mit Anrufung Gottes und Gebet beginnen. Wer heiraten will, muß vor allem ernsthaft zu Gott rufen und ihn um Hilfe anflehen, daß er ihm eine tüchtige Frau gebe und hernach das gesamte Leben regiere. Geschieht das nämlich nicht, dann heiratet einer in der Hoffnung, er werde ein solches Leben bekommen, wie es sich die junge Liebe erträumt. Später, wenn sich in der Erfahrung die Sache anders entwickelt, daß entweder der Frau ein Gebrechen anhaftet oder sich eine andere Beschwerlichkeit [108] erhebt, dann wird er entweder »ein Löwe in seinem Hause«, wie Sirach sagt (Sir. 4, 35), und es reut ihn sein Handeln. Oder aber er ver­nachlässigt sein Haus, er selbst geht diesen, die Frau jenen Weg, und vergeudet alles. Hatte er sich doch gedacht, alles werde aufs Schönste gelingen! Beim Eintritt des Gegenteils wird er aufgebracht und macht dafür die Ehe verantwortlich, aber zu Unrecht. Denn es ist deine Schuld, nicht die des Hauswesens. Dein Unverstand trägt die Schuld, weil du die Wirk-Ursa­che des Hausstandes sein willst. Das ist dir nicht gestattet, und du solltest die Rolle des Werk­zeuges über­nehmen. Darum unterwirf dich lieber einem anderen Meister und sprich: »Mein Herr, lehre du mich, daß ich das Haus, den Staat usw. recht verwalte. Regiere du, stehe du mir bei, daß ich nicht anstoße. Denn ich will leisten, soviel an mir ist: Glückt es, so will ich es als deine Gabe anerkennen und dir Dank sagen; glückt es nicht, so will ich es mit Gleich­mut tragen. Denn du bist die Erst-Ursache. Ich bin nur die Zweit-Ursache. Du bist der Schöp­fer und Allwirkende, ich bin lediglich ein Werkzeug.« Wenn wir in dieser Haltung regierten, würde sich alles recht gestalten. Jetzt aber – ob du auf die Obrig­keit[14] oder auf Jungver­heiratete schaust – wirst du die höchste Über­heblichkeit erblicken: denn sie richten alles so ein, als sei ein anderer Ausgang unmöglich als der, an den sie selber denken. Sie schreiten einher, als seien sie die Erst-Ursache und die Wirk-Ursache, und sie bestimmen Zweck und Ziel nach dem Maße ihres Ehr- und Lust­bedürfnisses. Aber Gott spricht: »Entweder handelst du so nicht! Oder du wirst straucheln!« Und mit Recht, denn sie sind Gottes­räuber und Gotteslästerer, weil sie sich in das eindrängen, was der Erst-Ursache gehört. Denn wenn ‘der Leisten den Schuster belehren will, wie er den Schuh machen muß, oder’ die Feder den Schreiber, wie er die Buchstaben zu malen habe, oder die Axt den Zimmer­mann, wie er den Baum fällen soll – so kommt dabei nichts Rechtes heraus. Vollkommen dasselbe geschieht hier, wenn wir in Dingen regieren wollen, die allein Gott zustehen. Es kommt euch aber zu­statten, daß ihr die Beispiele für solche Torheit betrachtet, die alle Fürstenhöfe, alle Städte und fast jedes Haus in Hülle und Fülle dar­bieten. Denn alle stolzieren so einher: »Ich bin der Urheber und Meister dieses Hauswesens, dieses Staatswesens usw.« Mit Recht, werden sie daher unruhig und aufgebracht darüber, daß nicht alles [109] nicht die geringste Spur von Menschlichkeit und weder Rat noch Tat findet. Vielmehr herrscht entweder Anarchie oder Tyrannei[15], und in keinem von beiden ist rechtes Handeln möglich. Denn beide sind schäd­lich. So geht es in der Ehe: Wenn weder der Mann der Frau noch die Frau dem Manne etwas nachsehen will, ‘und Mann und Frau regieren wollen, hebt ein Raufen und Schlagen an, und es’ zerbricht nicht nur die eheliche Eintracht, sondern es kommt außer­dem hinzu, daß ent­weder sich der Mann in einen Tyrannen ver­wandelt oder alles verkommen läßt.

Was ist da zu tun? Der Papst antwortet mit der Auskunft: »Verlaß das staatliche Leben und flieh irgendwohin in die Einsamkeit oder in ein Kloster!« »Nein!« sagt der Heilige Geist, »das ist nicht Gottes, sondern des Teufels Rat! Handle vielmehr so: Bedenke, daß du ein Werkzeug bist, und glaube, es sei immer noch ein anderer Oberherr und ein anderer oberster Hausherr da, der den Namen trägt HERR. Wenn der nicht die erste und vornehmste Ursache ist, dann wird das eintreten, was unser Psalm sagt: Das Haus wird nie erbaut, und weder Staat noch Hauswesen gedeihen.« So steht es auch mit dem Zweck: Wenn du alles zu dem sicheren, von dir vorher bestimmten Ende bringen willst in der Meinung, deine Berechnungen täuschten dich nie, so irrst du. So lehrt denn die Erfahrung: Da tritt einer in den Staatsdienst, um seine Macht und sein Ansehen zu steigern, und – das Gegenteil geschieht! Ein anderer erhofft vom Eheleben Vergnügung, ‘Ruhe und Behaglichkeit’. Er sucht sich ein hübsches, junges Mäd­chen, das lenksam ist, zur Frau, aber – das Gegenteil kommt dabei heraus! Das geschieht dir ganz recht! Denn warum betrittst du das Gebiet des staatlichen und des häuslichen Lebens, als seiest du ein Gott, und meinst, deine Weisheit und deine Macht reiche zur Führung dieser Dinge vollkommen aus, und es sei nicht nötig, bisweilen die Augen zu dem emporzuheben, der dro­ben ist, und seinen Beistand zu erflehen? Erst wenn du später das Gegenteil erfährst, lernst du diesen Psalm singen: »Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.« Vorher nämlich meintest du, es gäbe keinen anderen Herrn außer dir, dessen man zur Leitung des Hauswesens bedürfe. Andere, die zu dieser [110] Erkenntnis nicht gelan­gen, ‘sondern meinen: »Wenn ich eine Frau hätte [die mir gefällt], so wäre es damit doch genug!«, die’ führen ‘schon nach Ablauf eines Jahres’ entweder täglich Krieg mit ihrer Frau, ‘raufen und schlagen sich mit ihr’ oder verlassen sie und machen sich davon. Recht so! Recht so! So gehört es sich! Dahin muß es kommen! Denn warum bist du, obwohl du Kot bist, wie ein Gott hineintriumphiert? Und hast jene himmlische und über­natürliche Regierung mit natürlichen Gedanken in die Hand genom­men? Du hast es verdient, zu scheitern. Warum sprichst du denn nicht lieber: »Herr, du gabst mir die Frau, die Kinder, die Unter­gebenen. Steh mir mit deiner Macht bei! Regiere du, sonst wird all mein Unterfangen vergebens sein usw.« Weil aber einerseits die Heilige Schrift uns dies lehrt, daß ohne göttlichen Beistand alles ver­geblich ist, was wir unternehmen, und andererseits die Erfahrung mit ihr darin übereinstimmt, so sollten wir deswegen solches lernen.

»So arbeiten umsonst, die daran bauen«, sagt ‘Salomo und lügt damit nicht’. Der Grund für die Vergeblichkeit liegt darin, daß die Menschen entweder Tyrannen werden, oder aber in Verzweiflung geraten und ihr Amt verlassen. Dann geht sowohl der Staat wie das Haus zu­grunde. Was ist das aber für eine Verrücktheit, so zu regie­ren, daß darüber die Familie oder du selber zugrunde gehst? Nein, wir sollen uns lieber in die Regel einlassen, die hier der Heilige Geist lehrt, auf daß beides bleibt, du und deine Familie. Das geschieht aber nicht dadurch, daß du Mönch wirst, sondern daß du Gott als grund­legende Ursache und als wahres Familien-Oberhaupt anzuerkennen lernst, daß du ihn anrufst, ihm vertraust und sprichst: »Du, Herr, hast mich dazu geschaffen, daß ich Hausvater sei. Du gabst mir, was zum Hause gehört. Aber die Last ist zu groß, als daß ich sie bewältigen könnte. Tritt du darum an meine Stelle, denn ich will dir demütig weichen, und sei du Hausherr.« Dann wird Gott dich erhören und spre­chen: »Ich will es tun. Nur mußt du dich darauf rüsten, mit Geduld zu überwinden, wenn die Dinge nicht ganz nach deinem Sinne laufen. Du brauchst weder zu verzweifeln noch deinen Stand zu verlassen, zu dem ich dich berief, und Mönch zu werden. Denn weil du mich anrufst und das, was ich dir gab, als mein Ge­schenk anerkennst, deswegen will ich gern dich und die Deinen erhalten. Treffen dich trotzdem Beschwernisse, mußt du sie etwas [111] ertragen und deswegen nicht [gleich] befürchten, alles bräche zusam­men. Wessen Haus war erbärmlicher als Davids Haus? Und den­noch blieb es bestehen, bis Christus aus ihm geboren wurde. Daher vertraue auch du mir als dem Schöpfer und Regierer das alles an, wenn es so aussieht, als mangele etwas.«

So lehrt dieser Vers hauptsächlich vom Hausstand. Merkt euch seinen wesentlichen Gehalt, der mit den Worten »ARBEITEN UM­SONST« ausgedrückt wird. Als Ergebnis wird sich nämlich entwe­der Tyrannei oder Anarchie herausstellen, und entweder wird man das Amt im Stich lassen, oder man wird sich überheben und schei­tern. In beiden Fällen aber entsteht großer Schade und Gefahr. Denn entweder richtet man sich selbst zugrunde, oder man verliert das Seine, weil man ohne den Herrn arbeiten will, d. h. weil man die Dinge nach seiner eige­nen Weisheit regieren und selber die vor­nehmste Ursache sein will. Deswegen scheitern Cicero, Julius Caesar und andere höchst einsichtige Männer. Wäre alles glücklich ausgelau­fen, wären sie jedoch vielleicht in Tyrannei gestürzt. Denn bei gro­ßem Erfolge bleibt fast niemals die Tyrannei aus.

Was die Grammatik anlangt, wißt ihr meines Erachtens, daß »Bauen« an dieser Stelle nicht bedeuten kann »einen Haufen Holz und Steine aufführen«, sondern es bezeichnet die Gesamt­heit aller Tätigkeiten, die es mit dem Hauswesen zu tun haben, also: es regie­ren und führen, heiraten, für Nachwuchs sorgen, Kinder erziehen, die Untergebenen regieren, für Nahrung sorgen, Besitz erwerben, ‘ein Handwerk und einen Beruf ausüben und was sonst noch dazu gehört’. Mithin bedeutet »Gebäude« ein wohlgeordnetes Hauswesen mit trefflichen und fruchtbaren Eltern, die in gutem Frieden leben und gehorsame Kinder haben, aus denen [dereinst] wackre Jungen und tüchtige Männer werden. Solch ein Haus, wohl »erbaut« aus Eltern, Kindern und Gesinde, soll man fürwahr ein herrliches Ge­schenk Gottes nennen. Anderenfalls lebt man wirklich so, daß, selbst wenn der Hausvater noch so viele gute Vor­schriften macht, niemand da ist, der ihm gehorcht. Das ist ein baufälliges Haus.

So bedeutet »arbeiten« soviel wie »sich abquälen« und mit eigener Kraft, Einsicht und Willen alles regieren wollen, so daß nirgends etwas fehlt, die Untergebenen überall eifrig ihre Pflicht tun und das Hauswesen an keinem Teil Schaden nimmt, usw. Dies alles so [112] selbst ins Werk setzen wollen, sagt unser Vers, heißt »umsonst arbei­ten« und zuletzt alles ‘vor Ver­zweiflung’ wegwerfen. Wie mußt du es denn da anfangen, daß du nicht umsonst arbeitest? Folgender­maßen: Du mußt alles tun, was du überhaupt nach Plan und Kräf­ten zu tun vermagst; danach mußt du alles Gott anheimstellen und ihm vertrauen, der dich doch zum Ehemann machte, der dir deine Frau gab und deine Kinder und dein Haus. Wenn alles glückt, danke Gott für seine Gaben. Wenn es aber böse ausläuft, so besiege durch Geduld das Übel, und denke, daß Gott dich versucht, ob du ihn für den rechten Hausvater hältst, in dessen Hand das Gelingen steht, oder aber, ob du dir und deinen Entschlüssen das zuschreibst. Darin be­steht also die Lehre des Heiligen Geistes: Es kann weder ein Haus gebaut noch eine Stadt behütet ‘oder erhalten’ werden durch Anstrengung, Einsicht, Macht oder Kraft von Menschen.

Aber dies alles wird vergeblich gepredigt, und in Wirklichkeit erzählt man »einem Tauben die Fabel«[16]. Denn die Welt handelt auf ihre Art und Weise wie einer, dessen Ohren und Augen verschlossen sind. Sie tut nämlich das vollkommene Gegenteil von dieser Lehre. Darum wird diese ‘Gottes’-Verheißung zur Unterweisung der weni­gen gesungen, welche fromm sind und an Christus glauben. Die lassen sich die Unterweisung gefallen. Der übrige Haufe hascht nach den gegenwärtigen Dingen. ‘Diese Leute’ meinen, daß solche Ange­legenheiten ihre eigenen seien, und daß sie sie durch ihre Macht und Weisheit regieren könnten. Daher kommt es auch, daß sie davon nichts haben als lauter Verderben, vergebliche Sorge und ständigen Kummer. ‘Mag man es singen und malen, daß diese Sache auf Er­fahrung beruht, es nützt alles nichts.’ Obwohl sie es erfahren, ‘sehen’ und hören, werden sie doch nicht klug.

Es folgt nun der zweite Vers: [113]

II. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.
(Vers 1b.)

Wie er oben die häuslichen Angelegenheiten oder, wie wir sagen, die Ehe oder das Hauswe­sen mit dem Worte »Haus« bezeichnete, so nennt er hier den Staat, es handle sich nun um ein Königreich, ein Herzogtum, ein städtisches Gemeinwesen oder sonst irgendein größeres oder kleineres staatliches Gebilde – »Stadt«. Obwohl aber diese Dinge dem Fleische nach in unse­rer Gewalt zu stehen scheinen, so sind sie in Wirklichkeit doch unserem Zugriff entzogen und be­finden sich weit außerhalb unserer Zuständigkeit. Und ein gottes­fürchtiges Herz soll sich unterweisen lassen, daß es sich bei dieser Regierung, sie geschehe im Hause oder in der Öf­fentlichkeit, als ein Werkzeug Gottes weiß. Darum soll es voll Ehrfurcht ‘zu einem andern Regenten’ aufblicken und die feste Gewißheit haben, daß sich alles kraft seiner Regierung vollziehen wird, hoch über das hin­aus, was wir zu denken ‘und zu sagen’ vermöchten (vgl. Eph. 3, 20). Wer das nicht glauben will, wird als hier in Aussicht gestellte Beloh­nung ‘das Urteil’ erhalten: daß nämlich alle Versuche, Pläne, Be­mühungen und alle Arbeiten umsonst sind.

Er sagt aber ausdrücklich: »Wo der Herr nicht die Stadt BE­HÜTET.« Er sagt nicht »baut«, wie er oben vom Hause sagte. Denn wenn daheim die häusliche Regierung wohlgeordnet ist, dann wird es auch um den Staat gut stehen. Denn das Hauswesen oder die Ehe ist die Quelle des Staates. Wenn nämlich Vater und Mutter, Mann und Frau, die den Nachwuchs erzeugen und erziehen, nicht vorhanden wären, könnte der Staat nicht bestehen. Aus dem Hause erwächst also die Stadt, die nichts weiter ist als die Gesamtheit vieler Häuser und Familien. Aus den Städten entsteht ein Herzogtum, aus Herzogtümern ein Königreich, das alle diese in sich vereinigt. Die Quelle aller dieser Gebilde ist das Hauswesen, das Gott im Pa­radiese geschaffen hat, da er sprach: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei« (1. Mose 2, 18) und: »Seid fruchtbar und mehret euch« (1. Mose 1, 28). Darum lehrt Salomo in unserem Psalm nicht, wie Staaten zu gründen und Gesetze zu erlassen seien. Denn diese sind schon zuvor in der Natur vorhanden. Auch sind sie nicht ge-[114]boren oder zutage gefördert von den Rechtsgelehrten, sondern geboren aus der Quelle der menschlichen Vernunft und aus göttli­cher Weisheit. Denn nicht das Recht hat Weisheit und Witz der Men­schen hervorgebracht, sondern umgekehrt: Menschliche Weisheit und Vernunft haben Recht und Gesetze erzeugt, genau so wie alle anderen menschlichen Künste, die wir ausüben, aus menschlicher Genialität oder aus der Vernunft geboren worden sind. Wie aber der Schöpfer eher da ist als die Schöp­fung, so ist auch die Vernunft eher da als die Künste. Der Mathematiker ist eher da als die Mathe­matik und gleichsam der Vater der Mathematik. Und nicht das Recht hat gerechte Gemeinwesen erzeugt, sondern gerechte Men­schen haben das Recht erzeugt. Salomo dispu­tiert daher als Theologe nicht über die Gesetze, die zu erlassen, ‘oder über Künste, die zu erfinden’ seien, oder über Dinge, die erst eingerichtet werden müß­ten. Denn dies ist von Gott im Paradiese gewissermaßen der Natur eingepflanzt worden. Denn so sagt der Text: »Gott schuf den Men­schen nach seinem Bilde« (1. Mose 1, 27). Darnach gibt er die Aus­legung des Begriffes »Bild Gottes« mit den Worten: »Herrschet über die Fische im Meere usw.« (1. Mose 1, 28). Dieser Text zeigt deutlich: Dem Menschen sind von Gott eingepflanzt das Recht und die Kenntnis der Dinge, das Wissen vom Ackerbau, die Heilkunde und alle übrigen Kün­ste. Danach haben, wie wir sehen, geistvolle ‘und scharfsinnige’ Männer das, was sie von Natur besaßen und durch Übung und sorgfältiges Nachdenken schärfer herausarbeite­ten, in Büchern niedergelegt. Das sind ganz offensichtlich Kräfte, die im Paradiese mit der mensch­lichen Weisheit zugleich geschaffen und ihr eingepflanzt wurden. Darum kümmert sich der Heilige Geist nicht um diese Dinge, sondern er erkennt solche Gesetze und solche Kunstfer­tigkeiten an als den schönsten und edelsten Schatz dieses Lebens und spricht: »Dies alles sind meine Geschöpfe.« Darnach will er unsere blinde und gefallene Natur aufrichten und vom fleisch­lichen Selbstvertrauen fortrufen, daß wir nicht etwas versuchen oder uns vornehmen, was über unsere Kraft geht. Denn durch Adams Fall ist die Natur so verderbt, daß sie nicht sieht, daß Gottes Gaben wirklich Gaben sind. Ein Rechtsgelehrter oder ein anderer Staats­mann meint vielmehr, er habe alles aus sich selber. Er blickt nicht empor und verherrlicht nicht Gott als den Spender aller solcher [115] Gaben, sondern spricht: »Das habe ich getan.« Aus diesem »Ich hab’s getan« wird wahrer Wahn[17]. Denn kaum sind Staaten und Häuser gegründet, Gesetze und Künste durch Gottes Anordnung mit dem Menschen zugleich ge­schaffen, da mißbraucht die Natur sie dadurch, daß sie spricht: »Ich will es machen! Ich will regieren und will jene Gaben zu dem Zwecke schlürfen, daß ich darin mein Vergnügen suche, meine Ehre, mein Wohlergehen, ‘meinen Vorteil’.« Durch solche Überheblichkeit wird Gott aufs schwerste beleidigt. Darum gibt er keinen Erfolg. Und das verdientermaßen! Denn gleichwie er die Sonne schuf, daß du ihrer genießest, nicht daß du sie nach deinem Gutdünken regierest, so gab er den Acker, daß du ihn be­bauest, nicht daß er nach deinem Willen Frucht bringe, was und wieviel du wolltest, sondern was und wieviel er selber gebe. So gab er den Staat, die Vernunft, die Frau, die Untergebenen und alles Übrige. Aber darin besteht das ständige Gebrechen der Natur: Durch Adams Sünde ist sie so verderbt, daß sie die Gaben Gottes als solche nicht anerkennt. Von der Gabe sollte sie mit Danksagung sprechen: »Ich habe sie empfangen.« Aber hochmütig und gottes­lästerlich spricht sie: »Das habe ich getan.« Sie sollte sagen: »Dies und das hat mir der Herr, mein Gott, gegeben und erhält es.« Aber sie sagt: »Dies und das habe ich, der Mensch, hervorgebracht und will es nach meiner Weisheit regieren!«

Daher ist das Wörtchen HERR im ersten und zweiten Verse mit Nachdruck so zu lesen, daß es den Gegensatz aufzeigt: »Wo der Herr nicht baut, nicht behütet usw.« »Der Herr« heißt es, nicht »der Mensch« oder »wir«. Denn nicht wir sind es, die Kinder zeu­gen, Frau und Unter­gebene regieren, sondern der Herr. So bestätigt es auch der Text 1. Mose 2, 19: »Der Herr brachte sie [die Tiere] zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte usw.« Adam gab zwar allen Geschöpfen ihren Namen und empfing die Herrschaft über sie, aber er empfing sie von Gott. Er schuf sie weder, noch brachte er sie herbei, sondern, nachdem sie geschaffen und herbei­geführt waren, gab er ihnen ihre Namen und wurde zum Herrn über sie eingesetzt, so jedoch, daß er selber von einem höheren Herrn regiert werden sollte. Genauso sagt unser Psalm: Der Herr ist es, der das Haus baut, der Frau und Kinder, Essen und Trinken gibt, der die Stadt behütet, öffentlichen Frieden schenkt, die Gesetze be-[116]wahrt usw. Daher muß man die Worte »WO DER HERR NICHT« mit ganz großen Buchstaben schreiben, weil die mensch­liche Natur aufs heftigste gegen sie streitet, und das kraft Adams Fehltritt, der sich dahin auswirkt, daß wir alles, was wir von Gott empfingen, uns selber zuschreiben, und alles, was Gott zuzuerteilen ist, an uns reißen, als gehörte es uns. Und auch der Satan reizt unsere Natur, die schon von sich aus dahin neigt, noch mehr dazu auf. Daher kommt es, daß wir so unglücklich sind und niemals ruhig bleiben. Denn wenn es ohne dies Gebrechen der Selbst­überhebung abginge, hätten wir mehr Ruhe und Glück. Dann spräche Gott: »Du hältst mich für den Schöpfer und Geber, darum will ich dich segnen.« Weil wir aber das nicht tun, des­wegen überschüttet er uns mit den mannigfaltigsten Plackereien und Unglücksfällen, läßt den Teufel auf uns los und öffnet gewissermaßen die Hölle, so daß im Hauswesen Verwirrung, im Staate Krieg und Blutvergießen ent­facht wird. Weil wir ihn nämlich nicht hören wollen, wenn er uns durch sein Wort mahnt, will er uns durch Unfälle und Strafen leh­ren, damit wir nach der Weise der Phrygier durch ‘Kolben’-Schläge klug zu Werden beginnen[18] und begreifen, daß nicht wir die Herren über diese Dinge sind. So sang Cicero schließlich seinen Schwanen­gesang: »Weh mir, daß ich niemals weise war und doch eine Zeitlang grundlos für etwas, was ich nicht war, gehalten wurde! Weh dir, römisches Volk, daß dich deine Meinung über mich so betrog!« Denn er regierte den römischen Staat durch seine Ratschläge so, daß ihm am Ende der Kopf abgeschlagen wurde[19]. Das ist unser eigenes Gebrechen und nicht das des Schöp­fers. Es stammt aus der Erst- und Ur-Sünde Adams und besteht darin, daß wir die Gaben und die Regierung Gottes nicht anerkennen, sondern alles ohne Gottesfurcht treiben im Vertrauen auf unsere eigenen Kräfte. So gibt er im Haus­wesen einem übermütigen jungen Mann eine hübsche Frau, die ent­weder zur Ehebrecherin wird oder sich zu keinem häuslichen Ding eignet und eine ständige Last für ihren Mann bedeutet. Dasselbe trifft im Staatsleben die Fürsten, daß sie sich durch keinerlei Rat dem Gewirr der Gefahren entwinden können. Das geschieht ihnen recht; denn warum wollen sie Gott nicht als Spender ansehen, son­dern selber die Bauherren sein? Die Welt hört das freilich, und trotz­dem kümmert sie sich nicht darum und glaubt es nicht. [117]

Daher wird dies allein den Frommen gesagt: »Wo der Herr nicht die Stadt behütet, wacht der Wächter umsonst.« Als wollte unser Psalm sagen: »Der Herr ist Wächter; fehlt er, so wird aus allem, was man im Staate unternimmt, Unglück.« Als ich in Erfurt stu­dierte, hörte ich, wie dies Wort des Martin Sangerhausen[20], eines kundigen Mannes, oft angeführt wurde: Erfurt werde unbesiegt bleiben, was seinen Reichtum und seine Befestigungen anlange, aber es werde der mächtigen und wohlhabenden Stadt an Männern feh­len. Das war ein sehr weises Wort, durch das er bezeugte, daß Staaten sich nicht durch Reichtum und Macht halten könn­ten, wenn kundige Regenten fehlten. Mögen daher die Leute ‘noch drei Wälle’ bauen und, wenn möglich, die Städte mit eisernen Mauern befesti­gen, mögen sie Berge von Gold an­häufen — das ist alles vergeblich ohne einen Regenten. ‘»Schafft uns Leute! Das fehlt uns!« [so ruft alles].’ Darum wolle Gott das zuerst geben, daß die Bürger tüchtig sind; danach, daß die Regenten auch tüchtige und erfahrene Männer sind, desgleichen, daß die Fürsten solche Männer sind, die Gott fürchten und ehren. Das sind die wirklich massiven Befestigungen der Reiche und Städte. Sind die erst von Gott geschenkt, dann kann man sich auch über Mauern und Wälle Gedanken machen. Aber weil das nicht geschieht, deswegen stürzen König- und Kaiserreiche da­hin, eins nach dem andern. Und ich persönlich bin völlig der Mei­nung: Die Königreiche hätten länger Bestand gehabt, wenn die Herrscher dies eine Fürwort ICH hätten fallen lassen, d. h. wenn sie sich nicht im Vertrauen auf ihre eigene Macht und Weisheit über­hoben hätten. Als Nebukadnezar, der König von Babylon, im Ver­trauen auf seine eigenen Kräfte, die aufgeblasenen Worte sprach: »Ich habe das alles gemacht«, mußte er sieben Jahre lang wie ein Tier Gras fressen und auf dem Felde umherirren[21]. So ist das Reich der Perser, ‘das Reich Alexanders des Großen’, das Reich der Römer um der Vermessenheit willen zer­stört worden. Kaum sangen sie »Ich habe es getan«, so folgte bald die andere Melodie: »Ich bin zugrunde gegangen.« Schau dir rund herum alle Königreiche, alle Fürsten und alle Städte an: So oft sie zu ihren Unternehmungen die Worte hinzufügten: »Das habe ich getan«, bra­chen sie zusammen. Denn durch solchen Übermut schließen sie Gott wie einen Dumm­kopf aus und setzen sich selber an seine Stelle. Daher kommt es, [118] daß unsere Pläne, unsere Macht und unsere Kräfte Fehlschläge er­leiden. So würde es uns heutzutage nicht an Mauern, nicht an ande­ren Befestigungen fehlen, wenn es nicht an Männern fehlte. Daran ist jetzt schon sehr großer Mangel, und die an der Spitze stehen, können das gegenwärtige Glück nicht tragen, sondern sie überschrei­ten alle Maße der Macht und der Machtmittel; sie setzen ihr Ver­trauen auf Befestigungen, in deren Besitz sie sind, als ob es für Gott schwierig sei, selbst eiserne Mauern zu zerbrechen, Berge von Gold ‘zu zerschmelzen und das Korn verderben zu lassen’.

Aber das sage ich nicht deswegen, um etwa sagen zu wollen: Städte brauchte man nicht zu befestigen, es brauchte kein vorberei­tender Schutz gegen Gewalt durchgeführt, es brauchten keine Ge­setze erlassen zu werden, und die öffentliche Zucht müßte man beseitigen. Wir be­haupten: Das soll und muß ordnungsgemäß ge­schehen. Wir verdammen nicht die Rechts­gelehrten, wir verdammen nicht die Soldaten, sondern jenen Zusatz, den sie daran anflicken – den verdammen wir, daß sie sich nämlich auf die Stirn malen: »ICH.« Diesen Zusatz will Gott nicht ertragen und kann Gott nicht ertragen, er darf ihn auch nicht ertragen. Weil die Welt ihn aber nicht preisgeben will, deswegen bricht ein Königreich nach dem andern, ein Fürst nach dem andern, ein Staat nach dem andern zu­sammen. So rühmt sich Sanherib bei Jesaja, seine Hand sei gegen alle Götter unüberwindlich. ‘Darum spricht Jesaja zu Hiskia über Sanherib: »Hast du nicht gehört, was für ein Herr ich bin, daß ich’s kommen lasse, daß feste Städte zerstört werden zu Steinhaufen?« (Jes. 37, 26 ff.)’ Es folgt darum jene berüchtigte Niederlage, durch die er überwältigt wird (Jes. 36, 20; 37, 36). Von Cyrus aber sagt der Text (Jes. 45, 1): »Ich habe seine Hand ergriffen, daß ich ihm auftue eiserne Tore.« ‘Ja, er tut’s, man mache eiserne Mauern und tiefe Wassergräben.’ Denn es ist keine Gewalt so groß, keine Befesti­gung so stark, daß Gott sie nicht erobern könnte. Wie schwierig ist es wohl nach deiner Meinung für ihn, die mächtige Republik Vene­dig ‘zu erobern’; sie in äußerste Armut geraten zu lassen, entweder durch Krieg, oder durch Hungersnot, oder durch Pestzeit, oder da­durch, daß er das Meer austrocknet? Darum müssen vorbeugende Schutzmaßnahmen getroffen werden: Man muß Häuser bauen, muß heiraten, muß Kinder großziehen, muß das Hauswesen ein-[119] richten usw. Das alles verdammt der Heilige Geist keineswegs. Aber er will, daß wir ja nicht die Ur-Sünde hinzufügen. Darum halte die Kreatur in acht und gebrauche sie nur. Beseitige aber dein Ur-Gebre­chen, mit dem du Gott beleidigst. Frau, Kinder, Untergebene, Ge­setze, Geld und Gut sind Geschöpfe. Es sind treffliche Dinge und wahre Gottesgeschenke, deren Gebrauch Gott uns gestattet. Aber du fügst zu diesem allen deine Ur-Sünde hinzu und willst sie nach deiner Weisheit regieren. Du verachtest darüber Gott und rufst ihn nicht an, glaubst ihm auch nicht, der sie dir doch gewährt hat. Du willst einfach in der Vermessenheit einher­stolzieren: »Ich bin es, der diese Dinge regiert.« ‘Gott vergilt dir’ nach Verdienst, daß dir Frau und Kinder und Untergebene ungehorsam werden. Wohl bekomm’s Euch, Herr Regent, der Ihr solches regieren wolltet, ohne Gott zuvor zu grüßen!

Genau dasselbe geschieht in der Ausübung der Staatskunst. Dar­um spricht der Psalm: »Wo der Herr nicht die Stadt behütet usw.« Man muß hier das Wort »Herr« auffassen als Hinweis der Bezie­hung, der den Gegensatz zu unserer Ur-Sünde und unserer Über­heblichkeit her­ausstellen soll, als wollte er sagen: »Ich freilich be­haupte, die Stadt werde [nur] zu ihrem eigenen Schaden behütet, wenn nicht der Herr Wächterdienste tut.« Aber da ist ein anderer Herr, der diese Dinge beherrschen will, nämlich unsere eigene Weisheit und Vermessenheit, die Gott verachtet und es sich heraus­nimmt, so gewaltige Dinge unter Ausschluß des Herrn zu regieren. Und es kommt zuweilen sogar vor, daß solch Unterfangen gelingt. Aber wenn Gott den Gottlosen Erfolg gibt, äußert sich darin sein doppelter Zorn. Denn das ist ein Ärgernis, das sowohl die From­men angreift, wie unzählige andere in die Hoffnung verstrickt, dasselbe durchzusetzen. So machen sie sich an die Sache heran, wer­den aber zuschanden. So gründete Augustus einen wohlgeordneten Staat und entging wenigstens für seine Person jenen tragi­schen Schicksalsschlägen, die Könige treffen. Was aber die häuslichen Verhältnisse anlangt, war er todunglücklich[22]. Seinem Beispiel zu­folge greifen nach ihm andere nach der Regie­rungsgewalt, in der Meinung, sich in gleicher Weise hervortun zu können. Aber sieh: Wie wenigen glückt es, so daß jenes Wort Juvenals[23] nur allzu wahr ist: [120]

»Wenige Könige sind’s, die Meuchelmördern entrinnen,
Selten findest du auch Tyrannen ohn’ blutiges Ende.«

Ich erwähne das aber deswegen, damit wir lernen: Nicht wir sind die Lenker solcher erha­benen Angelegenheiten – der Staatskunst und des Hauswesens –, noch viel weniger allerdings der Kirche, wo alles unendlich viel größer und schwieriger ist.

»Hüten« bedeutet: erhalten. Er sagt aber hier nicht, wie ich bereits oben bemerkte, wie man Gesetze geben soll. Denn weil diese die Vernunft erlassen kann, setzt er sie im Staatsleben als vorhanden voraus. Aber er ermahnt und unterweist die Obrigkeit, Gott anzu­rufen und mit Gottesfurcht ihre Obliegenheiten zu verwalten: Wo die Pläne nicht gelingen, soll man empfin­den, Gott ‘verhindere sie’, um den Übermut zu bändigen, auf daß man nicht auf eigene Weis­heit und Macht vertraue. Denn wenn alles gelänge, wäre das ein Einfallstor für unbegrenztes Unglück. Jetzt aber, wo die Weisheit sich täuscht und die Macht zu keinem Ergebnis gelangt, lernt man durch eigene Erfahrung, daß ein anderer Herr anzurufen und dem Staate überzuord­nen sei, der Beistand leiste und regiere und dem weislich Erdachten zum Erfolge verhelfe, damit man seine Zuflucht zum Gebet nehme und spreche: »Herr, steh uns bei und regiere du selbst usw.« Darnach soll man wissen, daß man eine reiche Ver­heißung hat, Gott wolle auf solches Anrufen hin erhören und hel­fen. Der kleine Satzteil »Wo der Herr nicht behütet« ist also ‘nicht gegen die Frommen’ gerichtet, ‘vielmehr’ gegen die, welche Gott nicht anrufen, sondern selber durch eigene Weisheit und eigene Kraft das Haus erbauen und die Stadt behü­ten wollen. Denen sagt er, daß sie vergeblich arbeiten und wachen. ‘Er wird behüten, regieren und erhalten.’

Als Wächter bezeichnet er den König, den Fürsten, die Obrigkeit. Denn mit einem kleinen Wörtchen umspannt er die größten und gewaltigsten Dinge, die es in der Welt gibt. Gott ist nämlich ein großer Herr, der über eine glanzvolle Redeweise verfügt und mit kümmerlichen, schwächlichen Worten Dinge, die für uns sehr gewich­tig sind, ausdrückt. Darum nennt er die Könige und die Fürsten »Wächter«, die zur Regierung von Staaten eingesetzt sind. Aber sie »wachen umsonst«, wenn der Herr ihnen selbst nicht beisteht. Dann [121] kommen sie durch ihre Arbeit und ihren Schweiß nicht dorthin, wohin sie wollen, sondern wenn der Herr fern ist, haben sie nichts anderes davon, als daß sie sich umsonst kreuzigen und geißeln. Das nennt der Prophet mit seinen Worten »umsonst arbeiten«. So sah ich, als ich noch ein junger Mensch war, Leute, die sich Tag und Nacht ständig mit Arbeiten abmühten, und trotzdem sprang dabei nicht so viel heraus, daß sie ihr Leben davon fristen konnten. Sie ließen sich keine freie Zeit zur Erholung, keine Zeit zum Spiel, und trotzdem lebten sie kläglich mit Frau und Kin­dern. Andere wohl­habendere Hausväter, die sie nun sahen und ihr Mißgeschick beklag­ten, gaben ihnen zu verstehen, sie würden durch solche Arbeitsweise niemals reich werden; man müsse mit Geschicklichkeit und Regsam­keit an die Arbeit gehen; daran sei zum Gewinn eines auskömm­lichen Lebens mehr gelegen als an der Arbeit als solcher. Denn ein Hausvater, in welchem nur ein wenig solcher Rührigkeit und Ge­schicklichkeit steckt, kann mit einem Gulden mehr anfangen als ein anderer mit zwei. ‘Er kann sich fein dareinschicken, das Zu­künftige bedenken, den rechten Zeitpunkt abpassen, wenn man etwa Holz kaufen muß, und alles mit Überlegung ausrichten.’ Von Natur ist es nämlich so eingerichtet, daß ‘Geschicklich­keit die Arbeit besser vonstatten gehen läßt’. Aber jene Leute selbst, die den Not­leidenden diesen guten Rat gaben, sahen nicht, daß auch Geschick­lichkeit eine Gabe Gottes ist und von Gott dem Menschen ge­schenkt. So liegt es beispielsweise offen zutage, daß eine Frau, die Erfahrung in der Hauswirtschaft und Geschicklichkeit besitzt, ein ganzes Jahr lang sich und ihre Familie mit demselben Kostenauf­wand erhält, mit dem andere, nicht so geschickte, kaum ein halbes Jahr auskommen würden. Deswegen aber liegt so viel an der Ge­schicklichkeit, weil sie auf Personen, Orte und Zeiten achtet und nichts Unbesonnenes unternimmt. Wer das im Hauswesen oder im Staatsleben nicht beachtet, wird sich notwendigerweise oftmals täu­schen. Es ist deswegen nicht verwunderlich, wenn selbst ein großer Besitz nicht ausreicht für einen Mann, der in Geldsachen locker und nachlässig ist und dabei [bei Kauf und Verkauf] weder auf die gün­stige Zeit noch auf die günstige Gelegenheit achtet. Jene also gaben, wie gesagt, diesen Rat, zur Arbeit müsse Geschicklichkeit hinzukom­men, weil Arbeit ohne Geschick­lichkeit kein Gedeihen gibt. [122]

Salomo aber redet sachgemäßer und gibt als eigentliche Ursache nicht die Geschicklichkeit, sondern den Herrn an. Denn eben das ist Gottes Gabe: durch Geschick und Umsicht einen Staat so zu ver­walten oder irgend etwas so in Angriff zu nehmen, daß man sich nicht Hals über Kopf in etwas hineinstürzt, sondern immer die günstige Gelegenheit abwartet. Eine solche Begabung hatte der hochlöbliche Kurfürst, Herzog Friedrich von Sachsen[24]. Er war ein wahrhaft geschickter und gewandter Mann. Er sagte nicht alles und tat nicht alles, was er im Augenblick hätte sagen und tun können. Sondern er wartete die passende Zeit, die geeig­neten Personen, die günstige Gelegenheit und den Vorteil ab. ‘Durch ein Exempel, das er statuierte, versetzte er den ganzen Adel in Schrecken.’ Er ließ sich inzwischen in vielem nichts anmerken, aber zur rechten Zeit und am rechten Orte erzielte er durch ein einziges Wort größere Wirkungen, als viele andere ohne diese Geschicklichkeit mit Macht und größ­tem Kraftaufwand. Das sind die geschickten Männer: Sie haben die Fähigkeit, sich nichts anmerken zu lassen, scharf zu beob­achten und den günstigen Zeitpunkt abzupassen, wo ein Wort besser zuschlägt und trifft, als zu anderer Zeit viele Schwerter dreinschla­gen würden. Das ist aber eine menschliche und keine göttliche Weis­heit. Darum reicht sie nicht aus zur Durchführung großer Unter­nehmungen. Sondern man muß außerdem beten, der Herr wolle Beistand leisten und die Wache übernehmen, sonst dürfte man ver­geblich wachen, selbst bei noch so großer Geschicklichkeit. So hat sich selbst Herzog Friedrich, der doch sehr weise war, in vielen Dingen, die er nicht zu verhüten vermochte, getäuscht ‘und seine Vorsätze sind ihm oft zerbrochen’. Solche Dinge haben ihn oftmals auch tief bewegt. Denn vielleicht besaß er in der Anfangszeit seiner Regierung noch nicht die Weisheit, aus der heraus er sprechen konn­te: »Herr, steh mir bei und hilf mir bei meiner Arbeit!« Denn die Mönche, die damals den Sinn der Fürsten eingenommen ‘und ver­führt’ hatten, vermochten derartiges nicht zu lehren. Nachdem er aber aus dieser unserer Lehre gelernt hatte, die Obrigkeit sei von Gott eingesetzt, schöpfte er daraus eine wundersame Freudigkeit. Heutzutage wissen und hören das unsere Leute und stolzieren den­noch gemäß der Ur-Sünde und nach ihren Leidenschaften und selbst­gesteckten Zielen einher. Es wird darum einmal passieren, daß sie [123] sich so in ihre eigenen Pläne verwickeln, daß sie sich nicht mehr aus ihnen herauswinden können[25]. Ihre Sünde ist aber um so grö­ßer, als sie eben diese göttliche Weisheit, von der sie täglich hören, so hochmütig verachten. ‘Sie sind ja so klug geworden! Müßten sie den Staat nach unserer Lehre regieren, so wäre es für sie eine Un­ehre. Niemand denkt: »Ach, Herr, hilf!« Sondern nur: »Ich, Ich will’s!« Deswegen ist in der Welt soviel Jammer und Not.’ Denn dazu ist solch Licht gegeben, daß die Menschen es erkennen und dadurch besser werden. Aber sie werden schlechter und doppelt anmaßend. Es kommt darum einmal der Augenblick, da sie mit gar schwerer Strafe ihre Vermessenheit werden abbüßen müssen, wie der Text droht: »UM­SONST wacht er.« Das bedeutet: Er quält sich und andere umsonst. Weil sie nämlich alles nach ihrem eigenen Kopf und Plan durchführen wollen und Gott nicht um Hilfe bitten, deswegen wüten und toben sie, wenn es nicht gelingt. Sie wissen, daß sie Regenten und als solche in das Amt eingesetzt sind, deswegen meinen sie, alle müßten vor ihnen erschauern, und sie bestehen auf der Durchsetzung ihrer Absichten, daß sie schließlich darüber zu Fall kommen. So unterweist uns unser Psalm hinsichtlich der Haupt-Ursache, durch die alle Pläne und Amtsgeschäfte regiert werden, und er hindert uns daran, die Ursachen durcheinander zu werfen und aus der Erst-Ursache eine Zweit-Ursache oder überhaupt ein Nichts zu machen. Sonst, sagt er, wird es geschehen, daß aus der‘ Zweit-Ursache eine Kein-Ursache wird. Denn Gott hat die Welt nicht geschaffen und sich alsdann entfernt, wie ein Philosoph seinen Stand­punkt richtig bezeichnet[26]. Auch hat er die Ehe und den Staat nicht so geschaffen, wie ein Baumeister ein Schiff: Hat der sein Werk vollendet, so geht er von dannen und überläßt das Schiff dem Schiffsmann zum Steuern. Sondern Gott bleibt bei seiner Kreatur und regiert sowohl das Staatswesen wie den Hausstand. Das wissen die Menschen nicht und wähnen, Gott kümmere sich nicht um das, was wir treiben, sondern überlasse uns das alles. Entgegen diesem falschen Wahne unterweist uns Salomo, daß wir Gott fürchten, ‘in seinem Namen den Anfang machen’ und lernen sollen, ruhigen Herzens zu regieren. Wir sollen Gott anrufen und sprechen: »Herr, du hast mich zum Ehemann bestellt. Steh mir darum bei! Denn wenn ich den Wagen allein lenken sollte, wird er so im Schlamm [124] versinken, daß man ihn nicht mehr herausziehen kann.« Ebenso mahnt der Psalm, wir sollten uns hinsichtlich unserer Weisheit, unserer Macht, unserer Sicherungen und unseres Reichtums ja nicht überheben. Denn die Geschichte ist voller abschreckender Beispiele, und besonders bezeugt es unsere tägliche Erfahrung, daß Vermessen­heit ins Unglück führt – und trotzdem bleibt die Welt Welt und glaubt nicht. Darum nützt diese Lehre allein den Gottesfürchtigen. Die Welt aber mag, wenn sie schon nicht hören und gehorchen will, ruhig in Zerrüttung geraten, bis sie erfährt, daß sie vergeblich wache, vergeblich arbeite und sich in ihren Bemühungen aufreibe. So ist es nur recht und billig! Dahin muß es kommen! Denn hier steht geschrieben: »Wo der Herr nicht.« Das werfen sie beiseite. Deswegen wirft Gott gleichfalls ihr eigenes Wachen und Bauen bei­seite. Und übrig bleibt lediglich das UMSONST.

III. Es ist umsonst, daß ihr früh auf steht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen.
(Vers 2).

Es hat sich günstig getroffen, daß, wie die Sache, die in unserem Psalm gelehrt wird, so auch die lateinische Wiedergabe des Psalms überaus dunkel war. Denn die Papisten waren es nicht wert, den Gedankengang in guter Übersetzung zu besitzen, da sie sich so weit von der Sache entfernt hatten[27]. Daher verstehe man es so: »Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht, spät schla­fen geht und euch mit harter Arbeit den Lebensunterhalt verschafft.« Das nämlich bezeich­net das Wort »Brot«. Hieronymus gibt ihm die Auslegung »Brot der Götzen«[28]. Aber es bedeutet nichts anderes als das, was wir in unserer deutschen Sprache mit den Worten sagen: »Er läßt es sich ‘von Herzen’ sauer werden.« Im Hebräischen heißt es »Trauer- oder Schmerzens-Brot« [Tränenbrot« Ps. 80, 6]. Die Meinung ist daher folgende: Im Hauswesen wie im Staats­leben sind Sorgen, Bemühungen und ständige Anstrengungen umsonst, wenn sie nicht von oben herab gesegnet werden. Denn den gar zu großen Anlauf und Arbeitsaufwand, die gar zu große Sorgfalt und Genauigkeit wollte er durch diese bildhaften Wendungen ausdrücken: »Früh [125] aufstehen und lange sitzen«, d. h. sich Tag und Nacht abplagen. ‘So sagen wir im Deutschen: »Es reißt und beißt, es frißt dich Tag und Nacht.«’ Es ist, als wollte er sagen: »Dei­ne Kräfte und dein Eifer wird es nicht schaffen, sondern der Segen des Herrn macht reich« (Spr. 10, 22). Gott gibt nicht auf Grund deiner Arbeit oder um deiner Arbeit willen Erfolg, genau so wenig wie er die Müßig­gänger ohne Arbeit reich machen will, sondern man muß arbeiten, und dennoch soll man alles Gott überlassen und ihm anvertrauen, der den Segen gibt.

Unser Text ‘ist ein Text, der scheinbar eine Irrlehre enthält’. Denn er scheint freilich so zu klingen, als verbiete er die Arbeit im Gegensatz zu dem Wort 1. Mose 3, 19: »Im Schweiße deines Ange­sichtes sollst du dein Brot essen«, und zu Paulus Röm. 12, 8: »Re­giert jemand, so sei er sorgfältig.« An unserer Stelle scheint irre­führenderweise das Gegenteil gesagt zu werden, wenn er ausdrück­lich sagt, Arbeit, früh aufstehen, sich Sorge machen sei umsonst, obwohl doch an anderen Stellen Müßiggang und Trägheit ver­dammt werden. ‘So ergibt sich folgende merkwürdige Sachlage: Will man arbeiten, dann verdammt uns die Schrift. Ruhen wir da­gegen, so verdammt sie uns gleichfalls. Es gilt also weder Arbeit noch Müßiggang. So neckt dich der Text! Was sollen wir denn eigentlich tun? Antwort:’ Triff eine Unterscheidung zwischen Glau­ben und Werken oder zwischen Geist und Fleisch. Mit dem Herzen mußt du auf Gott vertrauen und Gott anrufen. Hast du geheiratet oder bist du in den Staatsdienst auf­gerückt, ‘bist du als Herr über Untergebene oder als König über ein Land eingesetzt’, so wisse: Das ist gut und bezieht sich auf den äußeren Menschen, auf das Fleisch, nicht auf den Geist; auf die Werke, nicht auf den Glauben. Da mußt du arbeiten und derf alten Menschen üben, daß du früh aufstehst, dich spät schlafen legst, d. h. daß du dir nach dem alten Men­schen sorgfältig überlegst, wie du dir den Lebensunterhalt beschaffst, den Staat regierst, Gesetze verfaßt, Abwehr- und Be­festigungswerke anlegst. Falls Krieg droht, sorge dafür, wie du dich gegen die Feinde rüstest, Waffen und Pferde beschaffst und das Heer zur Schlacht aufstellst. Aber das alles soll nach Maß und Be­dürfnis des alten Menschen geschehen, d. h. so, daß das Herz davon los und ledig bleibt. Denn Sorge und Sorgfalt darf nicht über den [126] Lebensbereich des alten Menschen hinausgreifen, d. h. der äußere Mensch darf nicht müßig oder träge sein, sondern muß fleißig seine Berufspflicht erfüllen durch Arbeiten, Denken, Erfinden und Sorgen, als ob er ein Werkzeug wäre: Die Hände sollen arbeiten, das Herz aber soll von der Arbeit emporschauen zum Herrn und Gott um Hilfe bitten, damit, während der äußere Mensch mit Arbeit beschäf­tigt ist, das Herz oder der inwendige Mensch an die Stelle der Sorge Gebete setzt und spricht: »‘Herr Gott, ich arbeite, sammle Geld und Gut, regiere Weib und Kind.’ Herr, ich folge deinem Rufe[29]. Darum will ich alles in deinem Namen tun. Du regiere!« Dieser Trost ist so groß, daß man es mit Worten nicht aussprechen kann, denn selbst wenn etwas böse ausläuft, so bist du dennoch gelassenen Sinnes und sprichst: »‘Es soll so sein.’ Es hat Gott so gefallen. Ich tat, was an mir lag. Wenn es anders ausfiel, als ich gemeint hatte, so geschieht es ohne meine Schuld, der ich ja nicht die Haupt-Ursache bin, sondern nur ein Werkzeug.« Denn wenn es z. B. einmal vorkommt, daß du bei Ausübung deines Hand­werkes die Hand mit dem Eisen oder irgendeinem anderen Gegen­stand verletzest, so bleibt doch nichtsdestoweniger deine Hand das, was sie zuvor war, nämlich Hand, und wird deswegen nicht weg­geworfen. Genauso verhält es sich mit den Untergebenen: Sind sie widerspenstig, so befiehl die Sache Gott und tue, was du vermagst, dann vollbringst du beides unter Gottes Billigung, daß du frühe aufstehst und doch nicht frühe aufstehst, daß du arbeitest und doch nicht vergeblich arbeitest. Denn dem alten Menschen nach nährst du dich ‘in Sün­den’ mit Tränenbrot, das Herz aber ist ruhig und still in der Hoffnung auf Gottes Hilfe und Segen.

Obwohl wir dies täglich lehren, ist doch die Habgier der Men­schen schon so gewaltig, daß nirgends ein Ende ihres Strebens ab­zusehen ist, sich auf rechtmäßige oder auf unrechtmäßige Weise in Besitz von Gut ‚und Geld zu setzen. ‘Die Bauern raffen und scharren heutzutage mit ihrem Korn.’ Sie lassen am Sonn- und Fest­tag nicht einmal ‘den Pferden’ ihre Ruhe. Wenn man aber zur Kirche gehen soll, um Gottes Wort zu hören, rechnen sie aufs genaueste den Verlust an Zeit und Arbeitsverdienst nach und verzichten lieber auf den Gottesdienst als auf ihre Arbeit. Und sie sehen gar nicht, daß sie, während sie Gottes Wort vernachlässigen ‘und das Ver-[127] trauen auf Gott verleugnen, durch ihr Wachen unterdessen’ eine zehnmal so große Einbuße an ihren Gütern erleiden. Geschieht das auch nicht augenblicklich, so ge­schieht es doch später einmal, daß das mit großer Mühe aufgehäufte Vermögen entweder durch Dieb­stahl oder durch Krieg oder durch Feuersbrunst zugrunde geht, oder aber nicht in die Hand des Erben kommt, den sie selbst be­stimmten. Durch solche Strafen rächt sich Gott einmal. Unter dem Papsttum waren die Menschen der Überzeugung, daß sie glaubten, wenn man morgens die Messe gehört habe, ginge tagsüber alles besser vonstatten. Aber das war zu tadeln, weil sie nicht an Gott als den Regierenden, sondern an ihr eigenes Werk glaubten, und dennoch entsprach der Ausgang mit des ‘leidigen’ Teufels Hilfe dem gottlosen Unterfangen. Deswegen schrieben sie an alle Wände dies Versehen:

»Die Schmiere hält das Rad nicht auf,
die Messe nicht den Tageslauf.«

Um solchen Aberglauben zu steigern, fügten sie allerlei Fabeln hinzu. [Sie erzählten] etwa: Eine Menge Menschen hätte einmal gemeinsam eine Reise unternommen. Als sie durch ein Dorf zogen, wo gerade die Messe gelesen wurde, sei einer in die Kirche getreten und habe die Messe gehört, die anderen aber hätten aus Eifer, vor­wärtszukommen, jenen – wie man damals meinte – »frommen« Gottesdienst verachtet, seien dann unter die Räuber gefallen und alle umgebracht worden. Der eine aber, der die Messe gehört habe, habe als Belohnung für sein frommes Verweilen in der Kirche sein Leben davongetragen[30]. So etwas wurde öffentlich unter dem Papst­tum gepredigt. Ich führe das deswegen an, daß wir um so deutlicher unseren Unglauben erkennen, die wir Gott nicht so viel zuschreiben können, wie jene ihrem eigenen Werk zuschrieben. Darum wird das die Strafe für die Sünde sein, daß die Welt in immer grö­ßere Armut gerät und von Tag zu Tag der Mangel an allen Dingen wächst. So sehen wir beispielsweise, daß alle Dinge bereits viel teu­rer sind, als sie jemals in vergangenen Zeiten waren. Was ist die Ursache? Ohne Zweifel dies, daß wir »früh aufstehen und lange sitzen und unser Brot mit Sorgen essen«. ‘Es zerrinnt alles unter den Händen.’ Wir haben Gefallen an Kummer und Sorge, an Mühe [128] und Arbeit und vernachlässigen unterdessen Gott und sein Wort. So wird uns auch Gott mit Sorge, Arbeit und Beschwerden über alle Maßen überhäufen. Denn so wollen wir es selber haben.

Aber[31] ich kehre zum Text des Psalmes zurück, in welchem, wie man sieht, uns Hauswirt­schaft und Staatswesen anvertraut werden, allerdings so, daß wir wissen sollen, wir seien Werkzeuge und Or­gane oder Mitarbeiter der göttlichen Majestät, nicht Urheber, An­fänger oder Erst-Ursachen solcher göttlichen Dinge. Darum genügt es ‘Salomo’ nicht, in bejahender Form zu sagen: Der Herr regiert und behütet die Stadt selber, der Herr baut das Haus und gründet die Familie selber. Sondern er stellt auch die verneinende Aussage hin: »Ihr tut es nicht.« Denn darin bewährt sich die Methode eines guten Lehrers, ‘nicht allein die Bejahung zu lehren, sondern auch die Verneinung’. Aber, wie bereits gesagt, die Welt kann die Ver­neinung nicht ertragen. Sie will sagen können: »Ich will das. Ich habe dies getan. Ich werde dies tun.« – ‘Dies Wort »Ich tue es. Ich will es« sollte man totschlagen. Nicht du, nicht ihr! Er selbst ist der Herr, unser Gott. Aber die Welt hört nicht auf diese Worte, und die menschliche Vernunft und Weisheit’ will allein Regiererin ‘und Beherrscherin’ der Staaten sein und sich an die Stelle Gottes setzen. Darum trägt sie die verdiente Frucht heim, daß sie sich in eitle Dinge einläßt, daß all ihre Arbeit und Mühe umsonst ist, wie Ps. 78, 33 sagt: »Drum ließ er sie dahin sterben, daß sie nichts erlangten und mußten ihr Leben lang geplagt sein.« D. h.: Sie starben, ehe sie das vollendeten, was sie unternahmen. Denn weil sie nicht glau­ben wollen, Gott regiere alles, deswegen erfahren sie die Eitelkeit und Vergeblichkeit ihrer Arbeit. Und das mit Recht! Denn warum vermessen wir, die wir nur als Zweit-Ursachen, ja sogar als bloße Werkzeuge eingesetzt sind – warum vermessen wir uns in dem ‘gottlosen und gottesläster­li­chen’ Wahn, wir seien die erste und grundlegende Ursache? Das ist genau so, wie wenn eine Axt sich anmaßte, den Zimmermann zu spielen, der Pflug den Landmann, die Feder den Schreiber darzustellen. Es bleibe darum ein jeder von uns in seinem Stande und Berufe und wisse: Gott verlangt von uns, daß wir sprechen: »Ich glaube an einen Gott.« Das bedeutet: Gott will Gott bleiben, der alle Dinge schafft und alles tut. Uns aber will er als Mitarbeiter oder besser: als Werkzeuge haben, nicht als [129] Urheber. Weil wir aber die Forderung erheben, Urheber zu sein, geschieht es, daß es uns Eitelkeit einträgt und wir »unser Brot mit Tränen essen«.

Diese Redewendung aber »früh aufstehen, um zu arbeiten« ist auszudehnen und zu beziehen auf alle Stände der Menschen, nicht nur auf die Handwerker, die früh aufstehen, um ihr Werk zu ver­richten. Nicht, daß es etwas Böses wäre, früh aufzustehen und spät zu Bett zu gehen. Nicht, daß es böse wäre, den ganzen Tag über mit Arbeit beschäftigt zu sein. Denn das fordert Gott von allen, hingegen Faulheit und Müßiggang verdammt er. Aber es muß ein Unterschied gemacht werden zwischen Arbeit und Vermessenheit. Die Arbeit verdammt er nicht, wohl aber die teuflische Vermessenheit, in der wir uns nicht an unserer Arbeit genügen lassen, son­dern darüber hinaus Gottes Sorgen und Obliegenheiten an uns reißen, mit denen er für uns sorgt. Er will uns die göttliche Majestät ent­winden, deren wir uns durch jene falsche Sorge bemächtigen. Aber er will nicht, daß wir unsere Arbeit aufgeben. Denn diese Versu­chung, daß wir nach der Majestät Gottes streben und uns ihrer bemächtigen wollen, ist uns von Natur angeboren. Dies Übel be­gann zuerst im Paradiese, als Satan zu Eva sprach: »Ihr werdet sein wie Gott« (1. Mose 3, 5), und haftet ständig unserem Fleische an, ‘bis wir begraben werden’. Es läßt sich nicht so vermeiden, wie es sich [eigentlich] gehörte, selbst dann nicht, wenn wir noch so sehr darüber lehren und uns belehren lassen. Sondern wir wollen unter allen Umstän­den Götter sein. Das ist die wahre, der Kreatur ange­borene Erbkrankheit. ‘Sie ist durch die Schlange auf uns gekom­men.* Gegen diese Vermessenheit und diese Sorge, welche eigentlich der göttlichen Majestät zusteht, kämpft der Heilige Geist, wenn er sagt, es sei nicht unseres Amtes, solches zu regieren, sondern Gottes, wir aber seien nur Werkzeuge. Aber das nützt bei den Gottlosen gar nichts, zumal sogar die Gottesfürchtigen überaus häufig sündi­gen. Denn da wir nicht mit unserem Lose zufrieden sind, wollen wir auch Regenten sein und Maß, Mittel und Ziel, wie es uns vor­teilhaft erscheint, festsetzen. Wir zerfleischen uns darum mit eitlen Sorgen Tag und Nacht, wie Beispiele aus der ganzen Welt beweisen. Der eine hat sich in den Kopf gesetzt, ein junges Mädchen zu hei­raten und in der Ehe seine Absichten zu verwirkli­chen. Ein anderer [1^30] hat sich die vollkommenste Methode, einen Staat zu regieren, er­dacht, bei der nichts zu wünschen übrigbleibt. Er tadelt die Un­wissenheit seiner Vorgänger: ‘»Ei! Man hat vorher nicht ordentlich regiert! Jetzt aber soll es besser werden!«’ Er bewundert seine eigene Weisheit und preist sie den anderen an. Aber sobald er seine Grund­sätze prak­tisch erprobt, erliegt er weit schändlicher der Täuschung als seine Vorgänger. So findet der Hausvater, von dem ich sprach, in der Praxis eine völlig andere Ordnung vor, als er sie sich aus­gedacht hatte. ‘Heute steht es, morgen fällt es in den Dreck!’ Bald wird ihm die Frau krank, bald sterben die Kinder, bald geschieht ein anderes Unglück. Recht und gut so! Auf daß du nämlich siehst, wie Gott seine Majestät in Anspruch nimmt, die du durch deine Pläne ihm zu entreißen versuchtest! Wenn aber ‘einer sein Lied hin­aussingt, wie er es will, und’ solchen vermessenen Leuten keinerlei Schaden widerfährt, so ist gerade darin eine Begün­stigung für das größte Unheil zu erblicken, das den selbstsicheren Leuten droht.

Kurzum: Es gibt keinen Stand, in dem nicht das meiste anders ausfällt, als man es gedacht hätte. Wieviel ist unseren Widersachern wider ihr Erwarten zugestoßen! Was haben sie von dem, was sie für ganz sicher hielten, vollbracht? So geht es jeder Obrigkeit, jeder Familie, daß die Menschen nicht immer das zuwege bringen, was sie sich vorgenommen haben. ‘Gott hat auf ein jedes von ihnen sein Auge gerichtet.’ Was haben sie also von ihren vielen, mannig­faltigen Planungen als ‘Schabernack’, Eitelkeit ‘und rissigen Zaum’, daß sie sich selbst ver­gebens in Kummer stürzen, ‘es sich sauer werden lassen und sich zerfressen’ und ihr Leben zermartern, so daß sie nur ganz wenige Stunden fröhlichen Mutes zubringen können? ‘Ob das der Dank für unsere Göttlichkeit ist?’ So findest du einige Fürsten: Würden sie in Ruhe die Früchte genießen, die ihnen zu­fielen, so wären sie die glücklichsten Menschen. Sie würden sie aber dann in Ruhe genießen, wenn sie alles Gott anheimstellten. Aber was tun sie? Sie verlie­ren das Glück, das sie in den Händen halten, und maßen sich das an, was weder in ihren Kräften steht noch ihnen aufgetragen ist. Mit solcherlei Sorgen bekümmern sie sich, bis sie darüber sterben. Und es geschieht ihnen ganz recht! Denn warum unterfangen sie sich solcher Dinge, die ihnen von Gott nicht anbefohlen wurden, und genießen das, was sie besitzen, nicht in [131] Ruhe? Wie Salomo (Pred. 6, 1-2) sagt: »Es ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne, und ist gemein unter den Menschen; einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre gege­ben hat, und mangelt ihm keins, das sein Herz begehrt; und Gott gibt ihm doch nicht die Macht, es zu genießen, sondern ein anderer verzehrt es; das ist eitel und ein böses Übel.« Denn wenn wir mit dem zufrieden wären, was wir besitzen, und die Gabe Gottes genössen und uns an der Frau, an den Kindern und an den Untergebenen freuten und unsere Pflicht mit gutem Gewissen und in Frieden erfüllten – was könnte uns Glücklicheres begegnen? Wir tun jedoch das, was der Vers unse­res Psalmes gerade verbietet: Wir »stehen frühe auf, beküm­mern uns und essen unser Brot mit Sorgen«. Darin erschöpft sich das menschliche Leben weit und breit auf Erden, wie der Heilige Geist hier bezeugt. Der Grund aber ist darin zu suchen, daß niemand mit seinem Lose zufrieden ist.

»Reitpferd wünscht der Ochse, das Pferd, ein Pflüger zu werden.«[32]

Die Gabe, die Gott uns zu genießen gab, mißfällt uns. Wir schauen uns daher nach etwas anderem um. Wir quälen uns beim Ge­danken daran ab, wie wir es erlangen könnten. Und wir sehen nicht auf unser Gutes, sondern urteilen so, wie der Dichter sagt:

»Fremde Felder tragen beständig reichere Saaten, und des Nachbars Vieh gibt viel reichlicher Milch.«[33]

Was aber haben wir davon? Freilich nichts als »Eitelkeiten über Eitelkeiten« (Pred. 1,2), Tränenbrot und vergebliche Versuche, vergebliches Aufstehen und vergebliches Sitzen.

Darum sind allein die Gottesfürchtigen imstande, mit dem Vor­handenen sich zufrieden zu geben, weil sie wissen, daß Gott im Regimente sitzt und jegliches geistliche und leibliche Gut ausspendet. Sie arbeiten daher in Einfalt und genießen das, was sie durch Arbeit erwarben, als Gottes Gaben und geben sich nicht dreisterweise als Urheber dieser Angelegenheiten aus. Daher haben sie Frieden, und wenn ein Unglück hereinbricht, vermögen sie es zu überwinden und mit Hiob zu sprechen: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« (Hiob 1, 21). So sind sie auch imstande, die vorhandenen Güter zu genie-[132]ßen und alles Unheil zu überwinden. Das Fleisch kann keines von beiden. Es schaut nicht auf das Gegenwärtige, sondern trachtet allein nach dem Zukünftigen ‘und zahlt mit Ver­sprechungen: »Über ein Jahr soll’s gehen!«’ Während es darüber spekuliert, verliert es auch das Gegenwärtige, gleich jenem Hunde in der Fabel des Aesop[34], der, während er nach dem Spiegelbilde schnappte, das Fleisch, das er im Maul hielt, zusammen mit dem Spiegelbil­de ver­lor. Und mit Recht! Denn wer wollte es wagen, dies Urteil zu ver­werfen? So ist nun die gesamte Welt im Bilde dieses Hundes dar­gestellt. Da siehst du einen Hausvater, dem Gott Frau, Kinder, Untergebene, Hab und Gut usw. gab. Das ist das Stück Fleisch im Maul des Hundes. Was macht er da? Um die gegenwärtigen Gaben Gottes kümmert er sich weder, noch genießt er sie, sondern zer­martert sich mit anderen törichten Sorgen über Dinge, die noch gar nicht vorhanden sind, die er niemals erlangt. Und er erleidet da etwas ähnliches wie die Leute, die im Traume zu fliehen versuchen und sich vorkommen, als könnten sie nicht einen Fuß von der Stelle bewegen. ‘Und doch sind es geträumte Begebenheiten, die nie ein­treffen werden.’ Solches aber kann man nicht aus Büchern lernen, sondern die Erfahrung ist die einzige Erklä­rung, die diesen Psalm auslegt. Denn auch ich verstehe dies und vermag es sogar, andere zu lehren. Dennoch widerfährt es mir häufig, daß auch ich mich mit vergeblichen Versuchen und Bemühungen ermüde. Der Grund liegt darin, daß jene im Paradies angemaßte ‘teuflische’ Göttlichkeit sich nicht völlig ablegen läßt, nicht einmal bei den Heiligen. So aber geschieht es, daß, je mehr du von diesem Erbgift in dir trägst, du um so weniger Ruhe und Frieden hast, nach jenem Ausspruch Augustins: »Du hast es befohlen, und so geschieht es, daß jeder zucht­lose Geist sich selbst gereiche zur Strafe.«[35] Denn wie die Trunkenheit ihre Strafe mit sich bringt in Magenverstimmung und Kopfschmerz, so bringt ein zuchtloser Geist, der sich mit Sorgen quält und müde macht, »Brot mit Sorgen« mit sich und vergebliches Unterfangen. Beispiele dafür sehen wir sogar bei großen Fürsten.

Es ist also so, wie ich sagte: Nicht nur von den Handwerkern, sondern von der Gesamtheit des Menschengeschlechtes in allen Äm­tern ist dieser Ausspruch zu verstehen, »es sei umsonst, früh aufzu­stehen«, d. h. in jedem Beruf und Amt sei das vorwitzig und ver-[133]messen. ‘So steht die Magd früh auf, um die Kühe zu melken.’ So steht eine obrigkeitliche Person früh am Morgen auf, da sie in Sorge ist, daß alles nach ihrem vorgefaßten Ziel, nach ihrem Plan und Willen, ausgeführt werde. So bedeutet auch in allen anderen Stän­den »früh aufstehen« soviel wie: keine Zeit haben, die frei von Sorgen und Plänen ist, es sei denn, man gelange zu dem, was man sich vornahm. Aber solches ist umsonst. Ich sah unendlich viele Bei­spiele dafür, und ihr werdet sie auch sehen, wenn ihr länger lebt. Denn die Jugend, der die Erfahrung fehlt, sieht das noch nicht ein. Aber die Zeit wird schon kommen, daß ihr in allen Ständen, bei Bauern, bei Gebildeten und Ungebildeten, bei Fürsten und Königen, es sehen werdet, daß sie früh aufstehen, d. h. daß sie sich sehr sorgen und sich im voraus Ziele setzen, daß sie sich selber zur Wirk-Ursache machen und alles nach dem Maß ihrer Weisheit regieren wollen. Aber das ist umsonst. Das haben sogar die Heiden gemerkt. Deshalb sagten sie, das Glück herrsche in allen Dingen. Denn wenn zur glücklichen Durchführung von Unternehmungen die Weisheit allein genügte, dann hätten sich Cicero und Demosthenes in ihren klugen und ehrli­chen Erwägungen nicht so verrechnet. Käme es auf Weis­heit und Stärke an, so hätte Hektor, wie der Dichter singt[36], Troia und Julius Caesar das Römische Reich in seinem Bestand erhalten. Denn weder an Weisheit noch an Macht noch an Fürsorge noch an Gewissenhaftig­keit mangelte es den großen Männern. Auch am Früh­aufstehen und am späten Zur-Ruhe-Gehen und am »Brot mit Sor­gen« hat es bei ihnen nicht gefehlt. Und trotzdem täuschten sie sich und gingen alle jämmerlich zugrunde. ‘So steht es in ihren Büchern geschrieben.’ Darum wurden sie zu der Aussage gezwungen: »Das Glück herrscht in allen Dingen« und: »Alles geschieht durch Zufall.« Denn je weiser sie waren, desto törichter fast regierten sie alles, und größeres Glück haben oft die Tyrannen gehabt als die tüchtigen Staatsmänner, wie man denn auch das Wort des Aristoteles ange­führt hat: »Je weniger Verstand, desto mehr Glück«[37]. Denn ob­wohl Aristoteles eine andere Meinung hat, so ist es doch wahr: große Weisheit stürzt große Reiche um. ‘Große Klugheit verwirrt nur Land und Leute.’ So heißt es auch im Sprich­wort: »Kluge Leute tun keine kleine Torheit.« Obwohl also die Heiden, die durch Gottes Wort nicht erleuchtet waren, sondern nur durch die Erfahrung be-[134]lehrt wurden, bekennen mußten, daß die Dinge nicht durch ihre Weisheit und Macht, sondern durch das Glück regiert würden, haben sie sich dennoch nicht enthalten können, voll Vermessenheit auf ihre Weisheit und Macht zu pochen, sondern sie wollten den Staat nach ihren eigenen Plänen regieren. Hinterher, wenn die Sache anders aus­ging, erkannten sie ihren Irrtum und schoben alles auf das Schick­salsglück. Wir aber sollen es nicht dem Schicksalsglück zuschreiben, es sei denn, du nennst das »Schicksalsglück«, wenn den Mächtigen und Weisen und denen, die da früh aufstehen, ihre Pläne – anders, als sie sich vermaßen – fehlschlagen. Wir wollen es vielmehr dem Gericht Gottes zuschreiben, der damit die Vermessenheit straft. Denn warum vermessen sich die Menschen, weise und mächtig zu sein in den Angelegenheiten, die unsere menschli­che Weisheit und Macht übersteigen und von Gott regiert werden? Warum gebrauchen sie ihre Weisheit und Macht nicht dort, wo Gott es gewollt hat, näm­lich in den Angelegenheiten, die im Bereich ihrer Zuständigkeit lie­gen, wovon er 1. Mose 2, 19-20 spricht? Mit Fug und Recht werden sie betrogen und schreien dann: »Alles geschieht durch das Glück.« Aber das Geschrei kommt zu spät, wenn nämlich die Staaten schon vernichtet und die Reiche gestürzt sind. Denn das ist das Lied der Toren, zu sagen: »Ich hielt es nicht für möglich« und dann das Glück anzuklagen.

Denn nicht das Glück macht es, daß unsere Absichten trügen, son­dern deine Dummheit und die Tatsache, daß du Gott und dich selber nicht kennst. Erstens begreifst du nicht, wer du bist. Zweitens siehst du nicht, was Gottes Gebot ist und wieweit Gott dich über die Dinge gebieten lassen will. Du stimmst das Lied nach der Weise der Esel zu hoch an, daher mußt du kläglich aufhören. Siehst du das hinter­her, dann schreist du: »Es gibt keinen Gott, es gibt keine gött­liche Vorsehung. Denn selbst sehr weise Fürsten vollenden das nicht, was sie sich in kluger Überlegung vornahmen. Selbst sehr mächtige Kö­nige setzen das nicht durch, wozu sie die Macht besitzen. Gott ist also entweder ungerecht, oder es gibt überhaupt keinen Gott! Denn sonst würde er auf die weisen Männer acht geben, und alles würde sich so entwickeln, wie wir es bestimmten.« Das sind fürwahr ganz hervorragende Äußerungen: Als müßte Gott in der Tat ein solcher Gott sein, der, wenn er sieht, daß du als Hausvater alles weislich [135] eingerichtet hast, zu dir kommen und sprechen müßte: »Verehrter Herr Hausvater! Du hast alles wohl erwogen! Du bist ein äußerst weiser Mann! Du kannst das Regiment auch ohne mich führen!« Wo bleibt aber unterdessen die göttliche Ehre und Majestät? Wo bleibt Gott selber, wenn du alles voraussiehst, regierst und zustande bringst? Wenn deine Weisheit und Macht alles tut? Dehn auf diese Weise wird die göttliche Weisheit zunichte gemacht. »Deswegen«, spricht Gott, »will ich vielmehr deine Weisheit und deine Pläne zerstören, will ich deine Macht ver­nichten, damit du durch die Er­fahrung lernst: Je weiser einer ist, desto weniger setzt er seinen Willen in die Tat um, desto törichter und unglücklicher wird er. Und umgekehrt: Wo zuweilen nicht die geringste Hoffnung ist, da geht es spielend leicht voran, damit du begreifst, daß deine Weisheit und Macht, auf die du dich verläßt, nichts vermag, sondern eher Schaden anrichtet. Nicht, daß ich Weisheit und Macht verdamme! ‘Weisheit und Königreiche’ – alles sind meine Gaben, die ich euch Menschen schenke. Aber das verdamme ich, daß ihr weisen und mächtigen Menschen im Vertrauen auf diese Gaben mich von der Regierung der Dinge ausschließen wollt und es unternehmt, alles durch euch selber zu regieren.« So machen sich Cicero, Caesar, Bru­tus[38] daran, Pläne zum gedeihlichen Aufbau des Staates zu schmie­den. Sie denken: »So will ich es machen!« Wer? »Ich, Cicero, Cae­sar, Brutus!«’ Womit willst du es machen? »Durch meine Weisheit und Macht!« Daß diese Vermessenheit und Anmaßung Sünde ist, sehen sie nicht. Später, wenn sie sich in ihren weisen Erwägungen betrogen sehen, fangen sie an, Gott zu lästern, und meinen, es gäbe keinen Gott, oder Gott sei ungerecht, weil er der Tüchtigkeit keine Ehre erweise und der Weisheit keinen Erfolg schenke. Sie sind aber deswegen so unglücklich, weil sie die Grenzen ihrer Weisheit über­schreiten und nicht damit zufrieden sind, daß »sie gesetzt sind zu Herren über alle Tiere des Feldes und alle Fische im Meer und alle Vögel unter dem Himmel und über die Erde«. Denn die Herrschaft über all das ist den Menschen gestattet (1. Mose 1, 28; 2, 19-20). Aber sie wollen auch kraft eigener Macht über ihresgleichen herr­schen, über das Haus, die Frau, die Kinder, die König- und Kaiser­reiche, und das kraft eigener Autorität und Weisheit, ohne Gott zuvor zu grüßen und dazu den göttlichen Beistand anzurufen. [136]

‘Doch Gott sagt dazu: »Nein!« Darum hüte dich vor unserem Verse:’ Er trägt ein Urbild und Abbild der gesamten Welt in sich. Denn was stellt die Welt mit all ihren Bemühungen anders dar, als »umsonst früh aufstehen«? Sieh dir einmal die Fürsten, sieh dir die obrigkeitlichen Personen, sieh dir die Hausväter und Haushälter an, so wirst du sehen, daß sie früh aufstehen, aber umsonst. Darum singen sie alle, vom höchsten bis zum niedrigsten Stande, dasselbe Lied, der König ebenso wie die Magd im Hause: »Frühmorgens stehe ich auf und mühe mich ab und esse mein Brot mit Sorgen.« Die allerwenigsten sind von Gott erleuchtet, daß sie die Gnade ha­ben, sich für Werkzeuge zu halten, Gott aber für den Regenten, und die den Erfolg als Gabe werten, nicht als Leistung ihrer eigenen Weisheit und Planung. Alle übrigen stolzie­ren in Vermessenheit einher und schreiben alles ihrem Wirken zu, wie wenn sie selber aller Dinge Meister wären. Daher geschieht es, daß sie zu Fall kom­men. So sündigten Cicero, Demosthenes und andere Staatsmänner nicht darin, daß sie weise waren, wie auch im König­reich Israel Ahas und Ahab offensichtlich hervorragende Staatsmänner gewesen sind (2. Kön. 15, 38; 1. Kön. 16, 28). Aber darin sündigten sie, daß sie der Meinung waren, jene Angele­genheiten und jene Herrschaft sei ihrer Weisheit unterworfen. Cicero sah, daß er der einzige Red­ner im römischen Staat war, und wußte, was geschehen müsse, wie alles zu regieren sei. Weil er aber ohne Gottesfurcht war und unter Ausschluß Gottes alles seinen eigenen Plänen zuschrieb, deswegen wollte ihm Gott durch eigene Erfahrung zeigen: Es genügt nicht, sach­gemäße Entschlüsse zu fassen; auch reicht menschliches Genie nicht aus zur Regierung so gewaltiger Angelegenheiten; man muß Gottes Segen vom Himmel erflehen[39]. Darum hat Cicero mit seinen Plänen nicht nur nicht dem römischen Staat geholfen, sondern hat über sich selbst und über den Staat den Untergang heraufbeschwo­ren.

‚ Genauso geht es mit Reichtum und Vermögen. Zum Wohlhaben­den spricht Gott: »Dein Geld und Gut sind an und für sich nichts Böses, sondern, wie die Weisheit, meine Gabe. Darum gönne und gestatte ich dir ihren Gebrauch und Besitz. Aber daß du den Zu­satz machen willst: ›Das ist mein Eigentum, das habe ich durch meinen Fleiß und durch meine Arbeit erworben‹, und daß du deinen [137] Besitz ansiehst, als sei es dein Erzeugnis – das ist böse.« Und das zeugt von jener teuflischen Sucht nach Gottheit, die sich durch des Teufels Trug unsere Vor­eltern im Paradiese zuzo­gen und die wir alle, die wir von ihnen abstammen, mit uns herum­schleppen. Denn wie es unmöglich ist, dieses unser Fleisch abzulegen, welches wir an uns tragen, genauso unmöglich ist es, jene Sucht nach Gottheit völlig abzulegen. Trotzdem kämp­fen die Heiligen gegen sie an und töten sie von Tag zu Tag mehr, bis sie schließlich ganz und gar durch den Tod – zusammen mit dem Leben – vertilgt wird. Gelangen Gottesfürchtige nun in den Besitz von Geld und Gut, so sprechen sie: »Ich habe Gold, ich habe Silber, aber das ist nicht das Ergebnis meiner Leistung, sondern deine Gabe, Herr, die du mir durch meine Arbeit gegeben hast. Wieviel ich auch gearbeitet hätte, hättest du es nicht gegeben, so besäße ich nichts.« Die Welt aber spricht ganz anders: »Ich habe eine hübsche Frau, ich habe niedliche Kinder. Wessen Gunst verdanke ich das? Ohne Zweifel meiner eigenen! Denn ich bin es wert, solche Frau und solche Kinder zu haben!« »Halt!« spricht Gott, »du lügst, wenn du dich dessen überhebst! Zum Zeichen dessen will ich dafür sorgen, daß deine Kinder sterben oder verwahrlosen, daß deine Frau krank darniederliegt oder eine Ehebrecherin wird oder den Haushalt verkom­men läßt usw.« Ein anderer hat ein herrlich gebautes Haus. Fragst du ihn: »Woher hast du das? Durch wessen Mühe, durch wessen Kraft hast du das erworben?«, so wird er antworten: »Durch meine eigene!« »Nein!« spricht Gott. »Und damit du siehst, daß das wahr ist, will ich das Haus durch Feuersbrunst zugrunde gehen lassen, oder aber, bevor du es nach Herzenslust genießen kannst, sollst du sterben.« Ein anderer regiert im Frieden eine Stadt, ein Herzogtum oder Königreich. »Durch wessen Kraft?« »Durch meine eigene!« ant­wortet er. »Nein!« spricht Gott. »Und damit du siehst, daß das wahr ist, will ich eine Revolu­tion, einen Krieg oder sonst einen Aufruhr ausbrechen lassen, daß du dich wundern wirst und sprechen sollst: ›Wer hätte wohl vermuten können, es werde so etwas ge­schehen? ‘Das hätte ich nicht gemeint!’‹«

Gegen solche Vermessenheit lehrt uns unser Psalm folgender­maßen sprechen: »Frau, Kinder, Untergebene, Hab und Gut, Friede, die Herrschaft und alles, was sonst noch da ist, sind Gottes Gaben. [138] Ich will sie mit Danksagung genießen, solange es dem Herrn gefällt und solange sie der Herr gibt. Stirbt die Frau, sterben die Kinder, entsteht irgendein öffentlicher Aufruhr – Herr Gott, ich war der Besitzer solcher Gaben. Du hast’s gegeben. Du bist es auch, der’s genommen (Hiob 1,21). Darum will ich gern diesen Verlust er­tragen. Es hätte ja sonst doch nicht für ewig mein Besitz sein kön­nen.« Ist das Herz auf diese Weise unterwiesen, so kann es auch das Unglück wohl ertragen, das die Gottlosen mit größtem Schmerz zwangsläufig ertra­gen müssen. Aber die Welt will es nicht hören, darum muß sie es fühlen, was der Psalm sagt: »Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht.« Die Menschen sind ihre eigenen Folterknechte und Teufel, die sich selber martern, und es kommt doch nichts da­bei heraus. Recht so! Denn warum wollen sie es nicht hören. Schau darum auf alle Königreiche, auf alle Staaten, deren Geschichte be­kannt ist, auf die Römer, die Athener, die Spartaner, die Thebaner, ‘die Ägyp­ter’ und andere Völker, und du wirst finden: Ihre Ge­schichte ist das getreueste Abbild dessen, was in diesem Verse ge­sagt wird.

IV. Denn seinen Freunden gibt er’s schlafend; siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.
(Vers 3)

Nachdem er oben unsere ‘Torheit und’ Vermessenheit genügend ge­tadelt hat, kommt er nunmehr zum zweiten Teil unseres Psalmes. In diesem Teile lehrt er, daß schlechterdings alles an Gottes Segen ge­legen sei. Ja, das erst heißt wirklich lehren: zunächst das Falsche zer­stören, sodann etwas Gediegenes und Festes aufbauen. Denn man könnte fragen: »Was soll man denn tun, wenn ‘sich’ unsere Weisheit und Macht nicht ‘durchsetzt’?« Nehmen wir als Beispiel Cicero ‘oder Demosthenes’. Cicero war doch ein überaus sachkundiger Mann und hatte so kluge Einfälle, wie sie nie einem Menschen in den Sinn kommen. ‘Cicero kann leichtlich rechnen.’ Und dennoch nützte ihm seine Weisheit gar nichts, sondern schadete ihm und ande­ren. Denn, was die Dinge selbst angeht, hat er gewiß nicht aus Unkenntnis gefehlt. Kann doch die Vernunft sehen, welche Maß-[139]nahmen nützlich sind und welche nicht. Und wie wir von Natur die Zahlen voneinander zu unterscheiden vermögen, daß etwa eine Summe von zehn Pfennigen mehr ist als eine solche von fünf, so kann Cicero – was die Dinge selbst angeht – genau angeben, was bei der Regierung des Staates zu erstreben ist und was nicht. Denn an Weisheit, die ein gutes Geschöpf Gottes darstellt, fehlt es ihm ganz gewiß nicht. Woran fehlt es dann? Es liegt daran, daß er die Ver­messenheit hinzufügt, in der er meint, die Regierung einer so über­aus schwierigen Angelegenheit sei das Werk seiner eigenen Weisheit. Obwohl also Cicero — wie ich vorhin sagte und wie auch seine Schriften es zeigen – so große Weisheit besitzt, wie sie überhaupt ein Mensch nur besitzen kann, so steht sie dennoch in keinem rechten Verhältnis zu der angewandten Mühe. Der Grund liegt darin, daß Cicero seine Weisheit darauf verwendet, um andere Menschen zu regieren. Wären die derselben Meinung und desselben Willens wie Cicero, würde alles gut gehen. Aber unter hunderttausend gibt es kaum einen oder zwei, der Ciceros Absichten billigt und dasselbe will. Die anderen alle erstreben und billigen das Gegenteil oder etwas anderes. ‘Wenn die Sache ernst wird, leistet nur der kleinere Teil Gefolgschaft und der größere Teil macht sich auf und davon.’ Wenn Cicero hier noch so laut ruft und sogar die Sache selbst dafür spricht, sein Rat sei höchst ehrenwert und dem Staatsinteresse sehr förderlich, so überwältigt die Mehrheit trotzdem die Minderheit, die die bessere Einsicht besitzt, und die wenigen, die zu Cicero hal­ten, laufen Gefahr, zusammen mit ihrem Stimmführer Gut und Blut zu verlieren, indem sie sich allzu heftig für ihre Pläne ein­setzen.

So hatte ich zu Beginn meines Kampfes, als ich gegen den Ablaß und andere Mißbräuche die Feder ergriff[40], diese Gabe von Gott empfangen: daß ich die so gewaltige Aufgabe allein auf mich nahm und meinte, ich müßte sie als einzelner mit Gottes Hilfe tragen. Ich kam gar nicht auf den Gedanken, irgend etwas im Vertrauen auf andere zu versuchen. ‘Wäre ich darauf bedacht gewesen, das zu sa­gen, worüber sich die Zuhörer gefreut hätten’, so wäre mir dassel­be zugestoßen, was Thomas Münzer und anderen Schwarmgeistern zu­stieß[41]. Ich aber stützte mich auf die gute Sache, d. h. auf Gottes Wort selbst. Das konnte, so meinte ich, nicht einmal von den Pfor-[140]ten der Hölle überrannt werden, selbst wenn die Widersacher mich und meine Anhänger leicht durch ihre Tyrannei unterdrücken könn­ten. Und fürwahr, die Güte der Sache brachte es zuwege, daß auch eine ungeheure Zustimmung aller erfolgte, sogar von denen, die jetzt unsere unversöhnlichsten Feinde sind. Wäre ich da so töricht gewesen und hätte gedacht, ich besäße ungezählte Anhänger, die meiner Ansicht günstig wären, und hätte im Vertrauen auf die Menge etwas zu beginnen gewagt, wie Münzer es tat, so wäre, ob­wohl in einer besseren Sache, mein Ausgang der gleiche gewesen. Aber ich wollte lieber dem heiligen Paulus folgen, der mich Gal. 6, 4 folgendermaßen ermahnte: »Ein jeglicher prüfe sein eigenes Werk, und alsdann wird er an sich selber Ruhm haben und nicht an einem anderen.« ‘So han­delt nicht die Weisheit der Welt, sondern der Hei­lige Geist.’ Und es ist nützlich, dies Gebot auch in schwierigen Fällen des staatlichen Lebens zu beachten, daß, wenn jemand etwas Gro­ßes wagt, er es in keiner Weise im Vertrauen auf andere unternehme, sondern daran denke, er ganz allein müsse es auf sich nehmen, und daß er deswegen Gott um Hilfe anflehe. Die ande­ren, die sich auf die Gunst und die Hilfeleistung ihrer Freunde stützen, denken nie­mals über die Hilfe Gottes nach und nehmen deswegen auch stets ein unheilvolles Ende. So tat ein Schwabe, als man ihn wegen staats­politischer Umtriebe bereits zur Richtstätte führte, den weisen Aus­spruch: »Was einer allein nicht durchführen kann, das sollte er zu zweit liegen lassen«, d. h. man solle nichts im Vertrauen auf andere Leute unternehmen. Durch eigene Erfahrung belehrt, sieht dieser Mann ein: Was im Vertrauen auf andere in Angriff genommen wird, stellt ein unglückliches Unterfangen dar. Um aber wieder auf die Sache zurückzukom­men: Cicero und Demosthenes, die treff­lichen Männer, hielten den Ausgang, der tatsächlich eintrat, nicht für möglich. Daß nun ihre Sache anders auslief, als sie selbst mein­ten, geschah nicht deswegen, weil sie in Staatsangelegenheiten zu wenig kluge Überlegungen anstellten, sondern durch ihre eigene Schuld, weil sie nicht nur an sich selbst, sondern auch an den ande­ren Ruhm gewinnen wollten. Die Bürger sollten sagen: »Seht, dem sind wir gefolgt! Der hat diese Dinge geführt!« So bezeugt es auch das Versehen Ciceros: [141]

»O wie glücklich ward Rom, da ich sein Konsul geworden!«[42]

Oder ist das nicht ein überaus anmaßendes Wort, das wohl wert ist, daß man es tadele? Am Ende aber sang er ein anderes Lied, wie es in dem Briefe an Octavian erscheint[43]. Das heißt aber aus dem gött­lichen Geschenk ein Werk menschlichen oder vielmehr satanischen Übermuts machen.

Wenn nun schon Cicero und Demosthenes, als ihre klugen Pläne sie betrogen, fragen, was zu tun sei; ob man die Weisheit nicht auf­geben müsse und die Herrschaftsgewalt wegwerfen usw.? Darauf antwortet Salomo: »Nein! Sondern ihr müßt herrschen und den Staat mit gutem Rat regieren!« So gibt er dem Haushalter den Be­fehl, zu heiraten, Geld und Gut zu erwerben, ‘das Vieh zu melken’, das Feld zu bestellen usw. Aber das soll so geschehen, daß das Wort bestehen bleibt: »Seinen Freunden gibt er’s schlafend«, auf daß das Wort »Er gibt« bleibe. Das heißt: Alles, was einem zuteil wird, soll als »Gabe« anerkannt werden. ‘Das sagt der Hei­lige Geist.’ Ebenso soll gelten die Aussage, daß er’s dem geben will, der sein »Freund« ist; und das er’s gleichsam »im Schlafe« geben will, damit es eine Gabe sei, die dem Freunde geschenkt und zwar ohne dessen eigene Mühe geschenkt wird. Das ist die aufs kürzeste darge­botene Zusam­menfassung, die er später des breiteren Stück für Stück dahingehend auslegen wird: Alles, was du siehst, dich selbst, dein Leben, deinen Leib, ‘deine Hand, deine Zunge’, deine Frau und deine Kinder, Friede und Fortschritt und was es sonst noch geben mag – alles sollst du ansehen als Gabe des Schöpfers, die er einzig und allein seinem »Freunde« gegeben hat. Daher ist im vorhergehenden Verse das Antlitz und Urbild der Welt abgemalt, wo nicht die »Freunde«, sondern Menschen leben, die von der angeborenen fleischlichen Sucht nach Gottheit besessen sind, die alles nach ihren eigenen Plänen regieren und durchsetzen wollen. Diese besitzen keinerlei Gabe. Denn selbst wenn sie eine haben, so erkennen sie dieselbe doch nicht als Gabe an und sagen auch nicht: »Das gab Gott.« Und wenn schon Cicero und andere Philosophen zuweilen diese Dinge als Gottes Gabe bezeichnen ‘und in ihren Büchern oftmals solches be­kennen, das Römische Reich hätten die unsterblichen Götter ge­schaffen’, so glauben sie es doch nicht, sondern machen sich selbst [142] zu einer Art von ‘unsterblichen’ Göttern und Schöpfern, die durch ihre eigenen Pläne Staaten gegründet, die Herrschaft ausge­breitet, drohende Aufstände verhütet haben usw. Durch solche Vermessen­heit fordern sie Gott heraus, daß er irgendeinen Hannibal oder Pyrrhus schickt oder durch einen Sulla und Pompei­us einen Bürger­krieg entfesselt oder durch einen Catilina eine Verschwörung ver­brecherischer Elemente anstiftet[44]. Dadurch sollen sie zu dem Ein­geständnis kommen: »Nicht wir sind die Regenten solch gewaltiger Angelegenheiten.« So besitzen sogar die Gottlosen Gottes Gaben, obwohl ihre Einsicht sie nicht für Gottes Gaben hält. Wir aber sollen dies lernen: Hast du geheiratet, bist du Prediger, bist du Re­gent eines Staatswesens oder mit irgendeiner anderen Amtstätigkeit beauftragt – das ist recht und gut. Sei klug, höre Gottes Wort, er­kenne, was du bist und was du ni’cht bist. ‘Siehe, du bist Doktor, Theologe, Familienvater.’ Zeichne deine Frau, deine Kinder, deine Untergebenen, deinen Besitz und, was du sonst noch hast, mit die­sem Titel aus: »Der Herr hat sie gegeben« und sei von ganzem Herzen überzeugt: Es sind Gottes Gaben, die Gott schenkte, und er verlangt dafür nur dies, daß du sie mit dankbarem Sinne als seine Gaben anerkennst. Aber dies Anerkennen ist selber Gottes Gabe, wie es Weis­heit 8, 21 heißt: »Ich erfuhr, daß ich nicht anders könnte züchtig sein, es gäbe mir’s denn Gott.« Zu erkennen aber, von wem solche Gabe kommt, das war der Gipfel der Klugheit.

Wer darum Frau, Kind, Obrigkeit usw. fest und gewiß für Gottes Gaben hält, der wird durch den Erfolg nicht aufgeblasen. Denn er weiß, es ist Gottes Gabe, nicht sein eigenes Werk, nicht das Ergeb­nis seiner Tüchtigkeit und daher kein Anlaß zu eigenem Ruhm. So hoffe ich auch, daß Kaiser Karl, dem Gott beispielloses Glück schenkte, es empfindet, daß viele gewaltige Taten, die durch die Seinen hervorragend vollbracht wurden, nicht allein durch seine oder der Seinen Geschicklichkeit, sondern durch Gottes Gnade so vollbracht wurden, wie denn ja auch von ihm erzählt wird, er habe den berühmten Sieg von Pavia, bei dem der König von Frank­reich gefangengenommen wurde, als Gottes alleinige Gabe angesehen und darum auch Gott als dem Werkmeister zugeschrieben[45]. ‘Wenn er das tut, hat er einen gnädigen Gott, und ich hoffe, daß er des­wegen den Türken besiegen wird.’ Genau so hat ein in diesem Sinne [143] unterrichteter Ehemann an Frau und Kindern seine helle Freude, weil er sie als Gottes Gabe empfindet, und er genießt sie mit Dank­sagung, solange Gott sie ihm läßt. Wenn Gott sie ihm wieder nimmt, so trägt er das gelassenen Sinnes, er quält sich weder, noch »ißt er sein Brot mit Sorgen«, sondern er schläft, weil er der in unserem Verse genannte »Freund« ist, dem Gott günstig gesonnen ist, und er lebt, als schliefe er. Ihm wird wie einem Schlafenden das Netz gezogen, wie man sich von Timotheus erzählte[46]. Denn auch die Hei­den sahen, daß das Glück regiert, wie der Dichter sagt: »Das Schick­sal regiert die Welt[47].« Die Ursache aber haben sie nicht erkannt, warum es so zugehe, daß überaus weise Leute sich täuschten und anderen, auf deren Weisheit kein besonderes Loblied zu singen war, alles nach Wunsch glück­te. Als die Kaiserwürde unserem unüber­windlichen Kaiser Karl übertragen worden war, herrschte anfangs bei allen eine seltsame Geringschätzung seiner Person und seiner Fähigkei­ten. Der Papst ‘hielt den Kaiser für einen Narren’, der Franzose verachtete, die Venezianer verlachten uns in Bewunderung ihrer eigenen Weisheit, für die sich etwas Gleichwertiges bei Karl nicht zu finden schien. ‘Der Papst hatte in einem Finger mehr Weis­heit als 25 Kaiser!’ Was geschieht aber? Jene bewunderungswürdige Weisheit, deren sich die Feinde des Reiches rühmten, wird schmäh­lich über den Haufen gerannt, und Karl triumphiert auf der gan­zen Linie. Nun erheben sie ein Geschrei und, statt zu spotten und zu schmähen, machen sie ihm sein Glück zum Vorwurf: Er habe diese Siege nicht aus sich selbst, sondern alles sei ihm wie im Schlafe zugefallen. Aber sieh du zu, woher solches Glück stammt, und du wirst finden: es ist Gottes Gabe. Weil Karl das, wie ich hoffe, ein­sieht – und das bezeugen sowohl seine Taten wie besonders seine Äußerungen deswegen wird er von Gott »geliebt« und darum geht es so zu, wie der Psalm sagt: »Seinen Freunden wird alles gleichsam im Schlafe gegeben.« Wenn es ihm aber einmal – was Gott verhüten wolle! – übel ergehen sollte, so wird er, wenn er ein Christ ist, sprechen: »Der Herr hat mir so lange Erfolg gegeben. Nimmt er ihn nun fort, so sei der Name des Herrn gelobt!« (Hiob 1, 21.) So genießt der Gottesfürchtige die Dinge und jene Herrschaft, die ihm von Gott eingeräumt ist (1. Mose 2, 19-20). Er ißt, er trinkt, er schläft, er freut sich über seine Frau, seine Kinder, seinen Besitz an [144] Geld und Gut und spricht voller Danksagung: »Herr Gott, es ist deine Gabe, es war deine Gabe. Entreißt du es mir, so ist es wieder ganz dein eigen.« So ist ein wirklich gottesfürchtiges Herz ruhig und still. Die Gottlosen aber müssen »ihr Brot mit Sorgen essen« und schlafen nicht einmal des Nachts. Der Gottesfürchtige aber schläft nicht nur in der Nacht, sondern die ganze Lebenszeit hin­durch, ‘d. h. er läßt es gehen, wie Gott es macht*. Er ist unbeküm­merten Sinnes und ruht in seiner Herr­schaft wie in einem weichen Bette. Die oberste Regierung überläßt er Gott und genießt dessen Gaben in dem Wissen, daß er Gottes Werkzeug ist. Und so besitzt er alles gleichsam schla­fend in Ruhe und Muße. Er gibt Gott die Ehre: Indem er nichts tut, tut er alles, und indem er alles tut, tut er nichts.

Nachdem Salomo oben die Überheblichkeit menschlicher Weisheit und menschlicher Kräfte ausreichend verurteilt hat, lehrt er schließ­lich, wer die wirkliche Ursache und der oberste Herr und Regent des Staatswesens und des Hausstandes ist, nämlich der Herr selber. Er bedient sich da einer erstaunlichen Kürze: »Seinen Freunden gibt er’s im Schlafe.« Der »Schlaf« aber, von dem er hier redet, ist dem Sinne nach zu beziehen auf die Muße und Ruhe des Herzens oder Gewissens, nicht auf die Muße des Fleisches und Leibes. Mit dem Leibe muß man im Schweiße seines Angesichtes arbeiten, aber mit fröhlichem Gewissen und im Vertrauen auf Gottes Segen, wie es 1. Mose 1, 28 geschrieben steht, daß all unser Tun nicht durch unsere Sorge, sondern durch Gottes Segnung seinen Fortgang nehme. Nun fährt er fort, und was er zuerst kurz skizzierte, entwickelt er des breiteren in der Reihenfolge, die er oben ‘von Anfang an’ inne­gehalten hat. Er redet zuerst vom Hausstand, sodann vom Staats­wesen:

Siehe, ein Erbe des Herrn sind Söhne, und Lohn ist Leibesfrucht (Vers 3).

In diesem Verse ist eine seltsame Dunkelheit infolge der fehler­haften Übersetzung ins Latei­nische. ‘Die Redewendung ist hebrä­isch. Es liegt in der Art des Hebräischen, die Stilform des Proteronhysteron zu gebrauchen, d. h. die Satzaussage dem Satzgegenstand voranzustellen.’ Es ist unmöglich, daß ein lateinisch redender Mensch das verstehen kann. Denn nicht allein die Worte, sondern [145] auch die Ausdrucksweise, deren sich der Heilige Geist und die Schrift bedient, ist göttlich. Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Lei­besfrucht ist ein Geschenk. ‘So wird es deutlicher.’ Der Sinn ist nun folgender: Siehe, die Weisheit, die Regel und die Art, richtig das Hauswesen einzuschätzen, besteht in der Erkennt­nis: Kinder sind ein »göttliches Erbe«, d. h. ein Geschenk Gottes, und »Leibes­frucht«, d. h. das; was aus dem Leibe geboren wird, ist »Lohn«, d. h. ein Geschenk Gottes. Es gibt aber einen durchaus pas­senden Sinn, wenn man um der Unterscheidung willen in der ersten Vers­hälfte »Kinder« maskulinisch als »Söhne« versteht, in der zweiten Vershälfte hingegen das Wort »Leibes­frucht«, d. h. die »Weibchen« aller Lebewesen, auf die Töchter der Menschen bezieht. Die Sache kommt dann nämlich auf dasselbe hinaus: Vater und Mutter sind nicht kraft mensch­lichen, sondern kraft göttlichen Werkes Vater und Mutter. Denn obgleich der Mann mit Hilfe der Frau Kinder zeugt, die Frau aber durch den Mann schwanger wird, so ist doch beider Tätigkeit Gottes Gabe und beruht auf göttlichem Segen, wie der Text spricht: »Gott schuf sie, einen Mann und eine Frau« (1. Mose 1, 27). »Er schuf«, spricht er, um zu bezeichnen, daß Mann und Frau nicht ihre eigenen Regenten und Bildner sind, sondern daß sie beide Gottes Geschöpfe sind. Danach fügt er hinzu: »Und er segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch« (1. Mose 1, 28). Aus dieser Stelle der Genesis (1. Buch Mose) fließt dieses Ver­sehen unseres Psalms. Denn daß Gott Söhne ‘und Töchter und Nachkommen’ gibt, ‘daß er Mann und Frau Vater und Mutter werden läßt’, das ist nicht das Ergebnis unserer Wirksam­keit, sondern Gottes Segnung. Obwohl aber die Welt dies erfährt, sieht sie es doch weder ein, noch beachtet sie es. Denn weil die Erzeugung der Nachkommen ein täglicher Segen ist, sieht man sie als etwas Geringfügiges an. Wie sich eine Sau im Kot, so wälzt sich die Welt in ihren Bemühungen und in ihren Lüsten, und sie erkennt die ganz großen Wohlta­ten Gottes weder an, noch bewundert sie sie.

Es ist aber auch dies zu beachten: Gott segnete den Menschen nicht so unterschiedslos, wie er die anderen Lebewesen segnete, sondern er zeichnete den Menschen ‘hinsichtlich der Verei­ni­gung der Geschlechter’ durch einen besonderen Segen aus, damit wir desto leichter glauben sollten, Söhne und Töchter zu haben, sei Gottes [146] Gabe. Auch sollte sich weder der Mann der anmaßenden Meinung hingeben, er sei es, der die Frau befruchte, noch sollte die Frau sich einbilden, ihre Empfängnis stamme ‘aus ihrer eigenen Gesundheit oder’ aus natürlicher Kraft, sondern sie sollten lernen, daß das alles wahrhaft göttliche Werke sind. Daher kommt es auch zuweilen, daß gesunde und wohlgestaltete Frauen, die mit kräftigen, gesunden Männern ver­heiratet sind, ‘etwa große und sehr reiche Fürstlich­keiten’, trotz großen Wohlstandes und trotz ehelicher Zuneigung unfruchtbar bleiben, und das deswegen, damit Gott beweist, daß die Kraft, zu zeugen und zu gebären, nicht im Menschen oder in der Natur liege, sondern in seiner Segnung. Umgekehrt kommt es vor, daß ein anderer, der sich mit Mühe und Not des Hungers erwehren muß, das Haus voller Kinder hat. Darum sagen wir Deutschen recht, wenn wir von Kindern sprechen: »Unser HERR Gott hat mir ein Kind beschert.« Obwohl dieses Wort in aller Munde ist, sind es dennoch wenige, die diesen Segen bewundern oder begreifen. Denn Gottes Segen ist verdunkelt durch die elende Lust und durch andere Abscheulichkeiten des Fleisches ‘und durch Widerwärtigkei­ten wie’: Unfall, Gefahr, Schweiß und Arbeit. Diese Dinge ver­dunkeln den göttlichen Segen so sehr, daß er nicht Segen, sondern Fluch zu sein scheint. Denn sobald die Kinder ungehorsam werden, oder sich das Weib nicht mehr leiten läßt, oder die Eltern sterben und die Kinder als Waisen hinterlas­sen, ‘oder umgekehrt die Kinder durch ihren Tod die Eltern vereinsamen lassen’, oder die Frau stirbt, so scheint der Fluch den Segen zu übertreffen. Deswegen ruft uns ‘der Heilige Geist von den Erscheinungen von Unfall, Mühe und Gefahr zur Schrift’ zurück und heißt uns auf den eigentlichen Ge­halt und das eigentliche Wesen der Ehe schauen. Gehalt und Wesen der Ehe besteht in Gottes Segen. ‘Sein Wille ist es, daß wir so alles Unglück bezwingen durch den Blick auf den über­ragenden Segen, durch den er dich als Mann oder als Frau oder als Kind geschaffen hat, daß er dem Wesen das Übergewicht gäbe über die einzelnen Wesens-Äußerungen.’ Solange wir auf das Wesen schauen, werden wir fertig mit jedwedem Jammer und Unglück in der Ehe.

An dieser Stelle wird aber unsere Schwachheit und unser Un­glaube gesichtet. Denn wir sind alle so veranlagt, daß wir durch einen Nachteil in größere Bewegung geraten als andererseits durch [147] hundert Vorteile. Beispielsweise sehen wir: Bei sonst gesundem Be­finden em­pfindet einer mehr Schmerz infolge eines Geschwürs am Knie oder am Ellbogen, als er sich des Wohlbefindens seines ganzen übrigen Leibes freut, wie das deutsche Sprichwort sagt: »Wenn man einen auf den Schultern bis nach Rom trüge und ihm beim Absetzen auch nur ein klein wenig weh täte, so wäre aller Dank verloren.« ‘Viel Mühe und Schweiß ist da angewen­det, und das sollte mich wohl aufs Maul schlagen, statt daß ich fliehe und aller Menschen ver­gesse.’ Solches sehen wir auch an undankbaren Kindern: Kaum haben die Eltern mit großer Anstrengung und gewaltigem Kosten­aufwand sie erzogen, so warten sie entweder auf den Tod der El­tern, oder sie werden aufsässig und vergessen alle Wohltaten, ‘wie oft die Mutter nachts gewacht und wie unablässig sich der Vater abgemüht hat’. So kommt es auch in der Ehe, daß der Segen durch den Fluch verdunkelt wird. Daher preist der Heilige Geist in herr­licher Weise den Segen, daß wir mehr auf den Herrn und auf den Urheber und Schöpfer blicken als auf sol­che Mühseligkeiten, mit denen der allerheiligste Stand überschüttet wird. Darum sollen wir uns dies Wort einprägen und an ihm hängen, das wir in der Gene­sis lesen: »Und er segnete sie« (1. Mose 1, 28). Durch dieses Wort sollen wir uns stärken gegen jene Widerwärtigkeiten und sprechen: »Wenn dieser unser Stand auf Gottes Segen beruht, will ich mich im Herrn freuen, der mich segnet, es gehe mir wohl oder übel, und will glauben, daß dieser Stand ihm wohlgefällt ‘und daß er sein eigenes Werk ist’. Denn ich weiß, daß Weib und Kind, Haus und Gesinde Gottes Gabe sind.« So schreibe denn diese Aufschrift: »Es ist Gottes Gabe« auf alles, was du hast und besitzest. Dadurch, daß du Gottes Segen und Gottes Majestät deinem Stande beimischest, sollst du alles Unheil, alle Gefahren und Beschwerlich­keiten ‘viel leichter ertra­gen und’ mit ihnen fertig werden.

Die Heiden aber, die Gottes Wort nicht haben, vermögen vom Ehestand nichts weniger als dies zu begreifen. Sie ‘lassen vielmehr ihre Gedanken umherschwirren und’ meinen, Mann und Frau ver­einigten sich durch Zufall und Kinder würden ihnen geboren, wie die Ferkel den Säuen. Haben sie Kinder, so erziehen sie sie dazu, viel Macht und Ehre zu erhoffen. Aber meistenteils geschieht es, daß die Kinder bedeutender Leute außerordentlich aus der Art [148] schlagen. Das zeigen viele Beispiele, nicht nur in der heiligen und in der profanen Geschichte, sondern auch in unserem alltäglichen Leben- Der Heilige Geist ruft uns also zum Worte Got­tes zurück, das in der Genesis steht, damit wir lernen sollen: Unsere Leiber sind nicht unser. Bist du ein Mann, so wisse: Was du an Mannes­kraft in dir trägst, ist Gottes Gabe. So sind Kinder nicht dein Werk, sondern Gottes Gabe. Du bleibe darum Gottes Geschöpf und sei überzeugt: Dein Mannesleib und dein Leben gefällt Gott wohl. Dann kannst du ohne irgend­eine Beschwerlichkeit das genießen, was Gott gab, nämlich dein Leben, deine Frau, deine Kinder, dein Geld und Gut, und zwar mit gutem Gewissen. Treten Schwierig­keiten auf, so kannst du auch sie überwinden, wenn du sie mit den übrigen Gaben vergleichst, deren du in deinem Stande viel mehr finden wirst als Nachteile.

Weiterhin bezeichnet er mit dem Worte »Leibesfrucht« nicht nur die Kinder, sondern alles, was zur Ernährung, Erziehung, Beklei­dung und Versorgung der Kinder erforderlich ist. Denn der, der Kinder gibt, gibt und schafft zugleich auch die Nahrungsmittel. Sonst könnten Kinder nicht lange am Leben bleiben. Nun gibt Gott zwar diese Dinge dem einen reichlich, dem anderen weniger reich­lich, jedoch so, daß niemand durch Hunger zugrunde geht, es sei denn, daß er einige in besonderer Weise auf die Probe stellt. Nach Gottes allgemeinem Handeln aber bringen für gewöhnlich die Kin­der, die geboren werden, Nahrung und Kleidung mit sich, auf daß sie nicht an Mangel zugrunde gehen. Obwohl es auch schon vorge­kommen ist, daß Mütter ihre Kinder vor Heißhunger auffraßen[48], so wird doch durch das eine oder andere derartige Beispiel die Re­gel nicht aufgehoben. Denn das sind einzigartige Beispiele ‘und Wunderzei­chen’ des Zornes Gottes und der göttlichen Strafe ge­wesen. Denn es ist eine andere Sache, von Gott zu reden, wenn er zornig ist und seine Strafen sendet, und wieder eine andere Sache, von Gott zu reden, wenn er uns leitet und regiert. Daher sehen wir; daß Kinder ‘schwächlicher Frauen’, die sich kümmerlich von Wasser und Brot nähren, körperlich vor Kraft strotzen und blü­hend aussehen. Umgekehrt schleichen Kinder vieler Leute, die herr­lich und in Freuden leben, wie ‘bleiche’ Schatten einher und welken kümmerlich dahin. Warum geschieht das? Weil Kinder Gottes Gabe [150] sind, die Gott selbst geschaffen hat. Er gibt darum zugleich auch das, dessen Kinder nicht entbehren können, wie uns die Erschaf­fung des ersten Men­schen zeigt. Bevor nämlich Adam aus Erde ge­bildet wird, richtete ihm Gott der Schöpfer die Erde ein wie ein Haus, in dem er wohnen solle. Und er läßt dies Haus nicht wüst und leer, sondern stattet es mit Gütern und Freuden aller Art aus, um uns, den Nachkommen Adams, zu zeigen, er wolle unser Va­ter sein und uns regieren und uns überreichen Vorrat geben an allem, wenn wir nur glaubten.

So wird die Frucht, solange sie noch im Mutterleib lebt, ohne ihr eigenes Zutun und Sorgen allein von Gott ernährt. Denn was sollte die Frucht tun, die ohne eigenes Bewußtsein daliegt? Ist sie durch die Geburt zur Welt gebracht, findet sie bereits die Vorrats­kammer hergerichtet und die Brüste der Mutter wie einen eigens dafür gebauten Brunnen. Das Kindchen findet Küche ‘und Keller’ hergerichtet, ein Bad, Leinenwindeln, ‘ein warmes Bettlein’ und alles andere vor, was nötig ist. Und es sind nicht allein Frauen da, die mit ihrer Pflege das Kind betreuen, sondern auch die Engel. Das zeigen uns viele deutliche Beispiele. Woher kommt das alles? Ohne Zweifel daher, daß Gott seine Gaben selbst erhält und die Dinge im Überfluß gibt, durch die sie sollen erhalten werden. Dar­um muß man unter dem Wort »Kinder« an unserer Stelle nicht ein­fach Kinder aus Fleisch, Haut und Knochen und mit Händen und Beinen, Leib und Seele verstehen, sondern alles, was zur Erhaltung der Kinder gehört. Ebenso sind mit den Worten »Mann« und »Frau« nicht gemeint die bloßen Körper, sondern Haus und Herd, Speise und Trank und alles, was zur Haushaltung erforderlich ist. Das aber sind Gottes Gaben, ob wir sie nun reichlich oder spärlich haben. Denn Gott verteilt sie nicht in gleicher Weise. Sie sind aber schon an und für sich reichlich groß und herrlich, auch wenn sie einem in beschränktem Maße zuteil werden, weil sie eben Gottes Gaben sind. ‘Da erhält wohl einer einmal ein ge­ringfügiges Ge­schenk von einem’ Fürsten. Das bewertet er mehr nach der Gesin­nung, aus der heraus es gegeben wurde, als nach dem Sachwerte. Genau so hat Gott mir zwar ein nur gerin­ges Geschenk gegeben, damit ich mich und die Meinen noch gerade so kümmerlich ernähren kann. Dennoch ‘bin ich Ehemann und Vater und habe Kinder. So’ [150] lasse ich mir genügen an der göttlichen Absicht und dem göttlichen Segen, der darin besteht, daß ich ganz gewiß weiß: Gott ist mir wohl gesonnen und er hat mir diese Gaben zuerteilt. Entzieht er sie mir wieder, so kann ich das gelassenen Herzens tragen, da ich weiß: Sie waren nicht mein eigen, sondern gehörten Gott. So bin ich ru­higen und unbekümmerten Herzens, gleichviel ob ich Überfluß oder Mangel habe. Und wenn ich Gott in seinen Wohltaten gleichsam anziehe und ihn mir sozusagen einverleibe, werden solche Wohl­taten nur noch herrlicher und größer, wie klein sie auch immer dem Augenschein nach sind.

Das mag, was die Meinung des Propheten anlangt, genügen. Es bleibt nur noch die Aufgabe übrig, auch die Grammatik ein wenig zu berühren, die wegen der hebräischen Ausdruckswei­se etwas allzu dunkel ist. Das Hebräische reimt sich nicht mit dem Lateinischen. Denn was der Hebräer ausdrückt mit den Worten: »Kinder sind ein Erbe des Herrn«, dafür würde der Lateiner sagen: »Kinder sind Gottes Gabe«, und für »Leibesfrucht ist Lohn« könnte man auf Lateinisch sagen: »Kinder sind Gottes Spende.« Denn das Wort »Erbe« besitzt im Hebräi­schen hinsichtlich seiner Anwendung einen weiten Spielraum. Mit »Erbe« werden ‘in allen fünf Büchern Mose die Lehnsgüter’ bezeichnet, die Josua unter das Volk verteilte (5. Mose 1, 38; Josua 14, 9). Von da übertragen ‘die Propheten’ den Ausdruck auf alle Schenkungen. Das Land Kanaan wurde nämlich ‘nicht erworben, sondern’ dem Volke Israel einfach geschenkt. Da­her bezeichnen sie allen anderen Besitz und alles andere Eigentum und alle anderen Gaben als »Erbe«. So heißt es im Psalm (119, 57) ‘in bildlichem Sinne’: »Dein Gesetz ist mein Erbe«, d. h. eine Gabe, die mir von dir gegeben wurde, »mein höchstes Erbgut«. Wir ge­brauchen die Bezeichnung »Erbteil« in einem etwas anderen Sinne für ein Gut, das uns von den Eltern hinterlassen wurde. Für den Hebräer aber bezeichnet es ein Geschenk oder einen Anteil, der ihm von Gott zugemessen wurde.

Die Bezeichnung »Lohn« ist dem Hebräer sehr geläufig. Etwa Jer. 31, 16: »Deiner Arbeit wird ein Lohn zuteil werden«; und Hiob 20, 29: »Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe, das ihm zugesprochen wird von Gott«, ‘d. h. soviel wie: »Das haben sie davon, das wird ihnen gegeben, wenn sie so lange [151] gottlos sind«’, und Ps. 109, 20: »Das ist das Werk derer, die mich beim Herrn herabsetzen« usw. ‘Worin besteht das »Werk«? Darin, daß »seine Kinder müssen in der Irre gehen und betteln und suchen, als die verdorben sind« (Ps. 109, 10). Er flucht so sehr darauf los, daß der Teufel sich vor ihm fürchten möchte.’ Das Wort »Werk« bezeichnet aber soviel wie Gabe, Preis für eine geleistete Mühe, göttliche Spendung. So ist es gebraucht bei Jes. 11, 1-2 und Jes. 62, 11. So verwendet es auch Paulus 1. Kor. 15, 58: »Stehet fest, sintemal ihr wisset, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.«

Das also ist die Lehre des Heiligen Geistes vom Hauswesen und die wahre »christliche Haus­haltungslehre«: zu glauben, daß ‘Mann und Frau und’ Kinder, ‘daß Haus und Hof, daß Klei­der und Schuh’ und alle anderen Dinge Gottes Gaben sind. Sind wir erst einmal dieser Lehre gewiß, daß wir alles gleichsam als Spenden aus Gottes Hand empfangen, dann werden wir sofort die feine Schlußfolgerung lernen, die uns die Logik des Heiligen Geistes lehrt: wie alle Gefahren, aller Unfall und alles Unglück zu ertragen und zu über­winden sind. Dann können wir, ob nun die Frau oder die Kinder sterben, oder ob anderes Unheil über uns hereinbricht, mit Hiob sprechen: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!« (Hiob 1, 21). Denn die Vernunft, die bereits durch das Wort erleuchtet ist, erkennt den Segen an und sagt Dank dafür. Im Unglück aber streitet sie nicht gegen den Wil­len Gottes. Das bedeutet nicht etwa, daß wir Gottes Gaben ver­lören, ohne daß es unserem Flei­sche weh täte. Auch trösten wir nicht das Fleisch, sondern den Geist. Vielmehr empfinden auch die Hei­ligen diese Übel und werden durch sie betroffen. Trotzdem lassen sie sich nicht unterkriegen. So ängstigte sich Jakob, klagte und weinte gewaltig, als er Joseph verloren hatte. Dennoch verzweifelte er weder, noch lästerte er, sondern er ertrug das Unglück, weil er sah: Joseph war eine Gabe Gottes gewesen und war ihm als solche entrissen worden. Der, der so unterwiesen ist, hat niemals Mangel an irgendeinem Ding. Aber es genügt nicht, diese Lehre aus einem Buche zu lernen, sondern es ist Übung und Erfahrung nötig, ohne die man diese »Haushaltslehre« niemals lernen wird. Das sehen wir an denen, die nur auf das Glück und den Zufall achtgeben und [152] auf sonst nichts. Während diese Leute in den Ehestand treten in der Absicht, ihre Lüste zu befriedigen, ihre Kinder durch ihre Weisheit zu großer Macht und Würde gelangen zu lassen, machen sie in allen Dingen die gegenteiligen Erfahrun­gen. ‘Sie versprechen dem Sohne großartige Dinge, wie man die Bauern treten muß und Zu­gang zu den Fürstenhöfen findet. Aber ein solcher Sohn wird übel geraten.’ Sie selbst gehen mit ihren Kindern, mit ihrer Frau und ihrem Ver­mögen zugrunde, weil sie nicht wissen wol­len, daß Gottes Segen nottut. Dagegen die, die diese Gaben als Gottes Segen empfangen, sind, selbst wenn das Glück ihnen zuwider ist, dennoch ruhigen und unbekümmerten Herzens.

V. Wie die Pfeile in der Hand eines Starken, also geraten die jungen Knaben.
(Vers 4).

Das ist ein militärisches ‘und kriegerisches Gleichnis, weil Bogen und Pfeile zum Kriege gehören’. Es ist freilich etwas dunkel. [Deut­lich ist] jedoch: Es bezieht sich auf das Staats­wesen. ‘Ps. 44, 7 heißt es: »Ich will nicht auf meinen Bogen hoffen.« Militärisch kann man es nicht besser ausdrücken als so:’ »Der Bogen in der Hand eines kräftigen Schützen wird nicht vergeblich gespannt«, ‘der scherzt nicht und zielt gewaltig’, wie David von ‘Saul und’ Jona­than sagt: »Der Bogen Jonathans wich nie zurück«, d. h. er hat nie gefehlt (2. Sam. 1, 22), sondern er trifft und durchbohrt. ‘Er ging dem Feind durchs Herz.’ Daher nennt Jesaja ‘alle’ Apostel Pfeile[49], eben­so ‘der Prophet’ Sacharja: ‘Ein Gesandter, sei es ein kirchlicher oder ein staatlicher, ist ein »Pfeil«, d. h. ein Bote’[50]. Die Meinung geht also dahin: Es ist Gottes Gabe, im Innern im Frieden zu regieren, ohne daß ein Aufruhr ausbricht, und draußen ‘Krieg zu füh­ren und’ den Sieg zu erringen. Ohne diese Gabe, ‘ohne Gottes Kraft’ gibt es überhaupt weder eine glückliche Regierung im Frieden noch einen Sieg im Kriege. ‘Warum? Weil’ nämlich im Staate die Zahl der Feinde stets größer ist als die der Freunde. Sodann ist ‘im Frieden’ stets die Mehrheit böse, aufsässig, rebellisch, räuberisch und über­wältigt fast die Minderheit, wenn Gott nicht Beistand leistet. ‘Wenn [153] es in einer Stadt zehn gute Bürger gibt, dann sind die anderen doch Diebe.’ Wenn daher die inneren und äußeren Verhältnisse des Staates günstig sind, ‘also [nach außen] der Krieg glücklich geführt und [im Innern] der Friede aufrechter­hal­ten wird’, so ist beides schlechterdings Gottes Gabe. Der Lateiner hat aus dem ursprüng­lichen Wortlaut gemacht: »die Söhne der Vertriebenen«. Aber es steht eigentlich da: »die Söhne der Jugend«, d. h. die junge Mann­schaft, die den Staat mit der Waffe schützen und Krieg führen muß. Die Jungen sind gleichsam Pfeile, welche ‘nicht scherzen, sondern’ treffen, weil Gott sie sendet und gibt. Denn ‘die Alten’ taugen nicht zum Kriege, wie das alte Versehen lehrt: »Die Tat steht den Jungen zu, der Rat den Männern, das Gebet den Grei­sen.«[51] Das bedeutet: Die Jungen müssen im Staatsleben die Strapazen auf sich nehmen; die Männer mittleren Alters müssen planen und raten; wer im vor­gerückten Alter steht, soll durch sein Gebet dem Staate helfen. Wie er darum oben bei der Beschreibung des Hauswesens »Kinder männ­lichen Ge­schlechtes« eingesetzt hat, so setzt er hier [bei der Beschrei­bung des Staatswesens] »junge Männer« ein, um beides zu umfassen: Nähren und Wehren. Denn die Erfüllung dieser beiden Aufgaben ist für dies bürgerliche und leibliche Leben notwendig.

Doch höre nur, mit welch ehrenvollem Ausdruck er die öffentliche Landesverteidigung aus­zeichnet: Er nennt die Jünglinge Gottes Ge­schenk, die Gott zu Siegespfeilen macht. ‘Es ist Gottes Gabe, Kriegs­leute zu besitzen; und wo er sie gibt, sind sie sein Geschenk.’ Sie sollen derart in die Front der Feinde einbrechen, daß sie den Sieg heimbringen. Denn das hat selbst die Heiden die Erfahrung gelehrt: Den Sieg erlangt man nicht durch Gewalt und Macht, son­dern den Sieg gibt Gott. Es kommt mehr auf Gewandtheit, ‘Verwegenheit’ und Geistesge­gen­wart an als auf die Ausrüstung. So ist es oft vor­gekommen, daß große Heere von einem kleinen Trupp zersprengt und geschlagen wurden[52]. Das soll nicht etwa besagen, man solle deswegen keine Rüstungen durchführen und keine Truppen zusam­menziehen. Sondern, wenn ein Staatsmann zum Kriege gezwun­gen wird, so soll er, ob er nun über viel oder wenig Solda­ten verfügt, deswegen weder sich überheben noch verzweifeln, son­dern auf seinen Beruf schauen, daß er von Amts wegen ge­zwungen ist, zu kämpfen und den Sieg zu erstreben. Des­we-[154]gen soll er vom Himmel den Sieg erflehen und sprechen: »Herr, bei dir steht Kraft und Sieg. Steh du mir bei!« Bist du dagegen dem Feind an Zahl und Stärke überlegen, so ver­sprich dir nicht deswegen den sicheren Sieg, sondern ‘sprich: »Ich komme mit Bogen und schar­fem Schwert. Ich werde nicht deswegen den Feind verschlingen, weil mein Heer stärker ist als das seine.« Und dann’ erbitte den Sieg von Gott: »Herr, dein ist ‘Kraft und’ Sieg. ‘Ich muß von Amts wegen nun tapfer sein.’ Wirst du mir den Sieg geben, so will ich dir Lob und Dank sagen. Willst du aber unsere Sünde mit einer Niederlage bestrafen, siehe: Ich stehe be­reit.« Ist solch ein Vertrauen auch nur bei einem einzigen Heerführer, der seinen Beruf [als Berufung durch Gott] anerkennt und Hilfe bei Gott sucht, ‘so kann er spre­chen: »Ich liebe den Frieden, aber ich werde zum Kriege ge­zwungen.«’ So wird er ohne Zweifel den Sieg erlan­gen – wie Jephtha. Der befand sich im Amte, gern hätte er zusammen mit den Seinen im Frieden gelebt, aber Ammon ließ das nicht zu. Darum stellte Jephtha die ihm auferlegte Notwendig­keit, Krieg führen zu müssen, Gott vor Augen und bat ihn um Hilfe gegen seine Feinde, und so siegte er (Richter 11,27). Er erkannte nämlich an, daß der Sieg nicht sein Werk, sondern Gottes Gabe ist. ‘Wer also den Sieg als Gottes Gabe anerkennt, so daß dabei jede Vermessen­heit fern ist, so hat’s keine Not. Wenn wir diese Haltung einnähmen, könnten wir die Welt besiegen.’ So hat David verschiedentlich einen herrlichen Sieg nach dem ande­ren aus dem Felde heimgebracht. Woher kam das? Er hatte Waffen, Reiterei und Fußvolk. »Aber die«, sprach er, »richten nichts zur Erreichung des Sieges aus.« Deswegen erflehte und erwar­tete er den Sieg vom Herrn. Solchem Glauben folgte der sichere Sieg. ‘Es war nur eine Handvoll Juden und rings um sie her so viele Völker.’ Darum lehrt Salomo in diesem Verse: Der Sieg ist wirklich Gottes Gabe. Und wie Pfeile, die man ‘mit starker Hand’ ungestüm abschießt, treffen und durchdringen, so erweisen die jungen ‘Krieger’ im Kriege ihre Kraft, nicht durch eigene Tüchtigkeit, auch nicht durch eigene Vermessenheit, sondern durch Gottes Segen. »Söhne der Jugend« ist eine hebräische Ausdrucksweise; es bedeutet Jüng­ling, wie man mit dem Ausdruck »Kind des Todes« einen Mann bezeichnet, der sterben muß. [155]

VI. Wohl dem Manne, der ihrer so viel hat, wie sein Herz begehrt; der wird nicht zuschanden, wenn er mit seinen Feinden redet im Tor.
(Vers 5)

Übersetze das so: »Heil dem Manne, der seinen Köcher mit solchen Pfeilen angefüllt hat. Er wird nicht zuschanden werden, wenn es einmal mit seinen Feinden zum Rechtsstreit im Tor kommt.« Als spräche er: »Das ist ein begnadeter Fürst, das ist eine glückliche Stadt, das ist ein glücklicher Staat, der solchen Segen besitzt und einsieht, daß er Gottes Gabe ist. Da muß notwendigerweise Sieg und Friede sein, drinnen und draußen.« ‘Im Kriege sind Pfeile da, die durchbohren und ihr Ziel treffen.’ Obwohl es aber vorkommt, daß Leute umkommen und getötet werden ‘und zuweilen Wehr und Waffen dem Feinde als Beute in die Hand fallen’ (was mit einem Ausschlag oder einer Pustel auf der Haut zu vergleichen ist), so wird doch der Leib gerettet und der Sieg errungen. Denn es gelingt kaum jemals ein Sieg ohne Wunden und ohne jegliches Blutver­gießen, sondern je größer die Gefahr war, desto größerer Ruhm fiel den Soldaten zu; und es herrscht bei einem schwer errungenen Sieg mehr Freude über das Gelin­gen als Leid über das vergossene Blut. So ist weder das Hauswesen noch überhaupt irgendein anderer Stand von jedem Nachteil gänzlich frei. ‘Bald stirbt das Vieh [bald geschieht dies und das].’ Man soll das aber nicht für einen Schaden halten, daß die Haut – ich bediene mich näm­lich gern dieses Ver­gleiches – von einem leichten Ausschlag befallen wird, während sich der gesamte Leib wohl befindet. ‘So geht es auch im Kriege zu. Die jungen Krieger siegen. Wun­den und Blut ist ihnen ein köstlich Ding, weil sie sagen können: »Wir sind im Kriege gewe­sen.« Und sie lieben das mehr, als wenn sie gar keine Verwundungen erhalten hätten.’ Daher bleibt es dabei: Glücklich sind die, die solche Jünglinge als Verteidiger haben, wenn auch einige davon im Felde fallen. D. h. glücklich sind die, die dies Geschenk besitzen und genau wissen: Es ist Gottes Gabe.

»Im Tor reden« ist ein hebräischer Ausdruck. Denn er bezeichnet nicht allein das gewöhnliche Reden, sondern das Reden über Staats­angelegenheiten. Das begreift in sich: Gesetze erlassen, mittels von [156] Gesetzen regieren, Verordnungen bekanntmachen, Verbrecher ab­urteilen, ‘Widerspenstige, Rebellen und Adlige in Schranken hal­ten’. Als wollte unser Psalm sagen: Solche jungen Männer – wo es die gibt – verstehen im Tore zu reden, ‘d. h. vor Gericht zu reden, da die Rechtshändel im Tore ausgetragen wurden’. Sie handeln in Staatsgeschäften fachmännisch, sie sind Regenten, Gründer und Er­halter von Staat und Gesetz. Aber höre, was er hinzufügt: Solche haben nicht allein äußere Feinde, die gegen sie ankämpfen, sondern auch Mißgünstige, die sie hassen. ‘Auch die Obrigkeit muß das Lied singen: »Herrsche unter dei­nen Feinden« (Ps. 110, 2).’ Daher muß ein Staatsmann solche Gehässigkeit ertragen lernen. Vermag er das nicht, läßt er sich durch Haß abschrecken und versucht er die Gunst der Leute zu erjagen, so werden die Verhältnisse in Anarchie ver­sinken. So sehen wir es an den Fürsten­höfen, weil dort alle in Gunst und Gnade stehen wollen, deswegen wagen sie nicht, etwas zu kri­tisieren, etwas zu verurteilen ‘und der Katze die Schelle anzubin­den’, um sich nicht die Mißgunst der Fürsten zuzuziehen. ‘Es will keiner dem anderen die Augen auskratzen. Da heißt es sofort: »Weil das mein Freund oder Nachbar, Schwager oder Vetter ist, so darf ich ihm nichts tun. Sonst haßt er mich.«’ Aber warum umdrän­gen sie die hohen Herren? Warum leben sie am Hofe? Wenn sie nicht Arbeit, sondern lediglich Ehren und Auszeichnungen erwar­ten? Daher kommt es, daß es nirgends eine ideale Form der Herr­schaft gibt und alles gar übel regiert wird. ‘Schon wissen die Adli­gen nicht, wie schändlich sie von den Schreibern reden. Sie »reden nicht mit ihren Feinden im Tore«. Sie greifen nicht ihre Vettern und Schwä­ger an, sondern verraten eher ihren Fürsten.’ Wer freilich Kränkung und Haß der Leute nicht auf sich ziehen will, der halte sich von der Obrigkeit fern. Wer hat je die Regierung gottgefäl­liger geführt als David? Aber als sein aufrührerischer Sohn Absalom ihn beim Volke verleum­dete, fand er ohne weiteres Leute, die ihm glaubten. Warum das? Weil David ein frommer, heiliger König war und vor den Sünden der Untertanen kein Auge zudrückte, sondern sie nach Verdienst scharf ahndete. Das war der erste Anlaß, der beim Volke Haß und Mißgunst auflo­dern ließ. Als danach der Sohn als Anstifter und Führer des Aufruhrs hinzukam, konnten sie ohne Schwierigkeit zum Abfall verlockt werden[53]. ‘Wer bei seiner [157] Regierung durch­greifen will, der muß manchen Mächtigen und Rei­chen angreifen.’ Es kann gar nicht anders sein, als daß der, der sein obrigkeitliches Amt entschlossen ausübt, sich dem Haß der bös­willigen Elemente aussetzt. Unsere Leute sind darum ganz schlau, wenn sie darauf aus sind, Ehren und Ämter ohne Anstrengung zu behalten, aber es geschieht zum großen Schaden des Staatswesens. ‘Denn das heißt nicht regieren, sondern das Regiment zugrunde richten.’ Daher muß man die Wendung »im Tore mit den Feinden reden« nicht so verstehen, als sei sie aus­schließlich von einer müßi­gen Angelegenheit gesagt. Sie bezeichnet nämlich verschiedene Tä­tigkeiten, z. B.: Gesetze erlassen und ihnen darnach Geltung ver­schaffen, den Verbrechern mit Kerker, Gefängnis und anderen Strafen zu Leibe zu rücken und damit die Wut der Schurken gegen sich erregen. So muß jeder, der an der Spitze eines Staates steht, so regieren, daß er, was die Unverschämtheit ruchloser Elemente anlangt, ständig schwere Gefahren zu befürch­ten hat. ‘Das Fleisch spricht: »Der Teufel sei Obrigkeit und Fürst!«’ Denn regieren be­deutet nichts anderes als: sich mit Haß beladen und sich mit jenem zähnefletschenden, bissigen, wil­den Ungeheuer einlassen, von dem beispielsweise Aeschines bei seinem Ausscheiden aus dem Staats­dienst Athens geäußert hat, er freue sich, vom Staate wie von einem tollwütigen Hunde befreit zu sein[54]. Und Bias[55] tat den Ausspruch: »Im obrigkeitlichen Amte zeigt sich erst der Mann.« Denn wieviele Städte gibt es wohl heute, die noch ihre Bürger, wieviele Für­sten gibt es, die noch ihren Adel zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten imstande sind? Ist doch von allen menschlichen Werken das weitaus schwierigste die Ausübung der Regierung. Wie aber jeder, der des­wegen heiratet, um seine Lust und Begierde zu stillen, sich gewaltig täuscht und sich in nie gedachte Schwierigkeiten verstrickt, so finden die, die aus Hoffnung auf Lohn und Ehre einem obrigkeitlichen Amte zustreben, alles ganz anders vor, wenn sie nun ihre Amts­pflichten ausüben wollen. So kommt es, daß sie an der Größe der Arbeit zerbrechen, ungedul­dig und unwillig werden und alles von sich werfen.

Daher muß man lernen, daß im Herrscheramte alle diese Mängel mit einbegriffen sind: Haß und Neid, Aufruhr und Aufstand, Unge­horsam und Undankbarkeit, tausendfältige Gefahren, Aufwiegler, [158] die den Frieden und die öffentliche Ruhe und Ordnung stören, und solche, die dir persönlich nach dem Leben trachten und dir in deinem Glück, deiner Stellung und deinem Rang auflauern. Was soll da der Staatsmann tun? Zuerst unzweifelhaft dies: Er soll wissen, Obrig­keit sei Gottes Anordnung, und er darf fest davon überzeugt sein, er sei durch Gottes Willen in den Staatsdienst gelangt. Ist er davon fest überzeugt, soll er sodann sein Herz wappnen und stärken gegen alle Gefahren und seine Amtspflicht erfüllen, ob die Bürger darüber unwillig sind oder nicht. Dann wird es geschehen, daß Gott seinen Segen dazu gibt und dir und nicht den Widersachern beisteht, wie er hier sagt: »Du wirst nicht zuschanden werden, selbst wenn du mit Widersachern und mit ungehorsamen und aufsässigen Bürgern zu reden hast.« Ebenso heißt es Ps. 144, 2: »Der mein Volk unter mich zwingt.« Ebenso Ps. 7, 9: »Der Herr ist Richter über die Völ­ker«; als wollte er sagen: »Dies ‘schändliche’ Volk zu regieren steht nicht in meinen Kräften, in meiner Klugheit oder Weisheit. ‘Ich vermöchte es nicht.« Der allerheiligste König [David] hatte das verpestetste und aufsässigste Volk. Deswe­gen sagt er:’ »Der Herr ist es, der gehorsame Bürger gibt und das Volk erhält, das von Natur die Obrigkeit haßt ‘und die Strafgesetze, die Steuern und Staats­abgaben ablehnt’. Denn alle wollen frei sein und ertragen es nur widerwillig, sich ihre Ungebundenheit durch die Fesseln der Ge­setze einschnüren zu lassen« – wie wir es heutzutage beim Adel sehen. Der will, daß ihm schlechterdings alles ungestraft erlaubt sei. Will ein Fürst die Adligen im Zaume halten, so fallen sie von ihm ab. Gegen solche Umtriebe und Gefahren tröstet der Heilige Geist an unserer Stelle die Obrigkeit: »Hast du Gesetze erlassen«, spricht er, »so wirst du nicht zu­schanden werden. Denn Gott wird dir junge Männer geben, die dir helfen können. Ein oder zwei tüchtige Män­ner können in einer Stadt oder einem Staate durch ihr bloßes An­sehen und den Ernst ihres Auftretens oftmals die ganze übrige Menge der Bürger bei ihrer Pflicht und Schuldigkeit erhalten. An­dere aber, die zu allem die Augen zudrücken, um keine Mißgunst gegen sich zu entfachen, ‘die alles gehen lassen und vor einem jeden Bürger Angst haben’, sind überhaupt gar keine Staatsmänner, son­dern gemalte Bilder von Staatsmännern und gemalte Fürsten, die zu nichts und wieder nichts zu gebrauchen sind. [159]

Da habt ihr nun den Psalm, der vom Staatswesen und vom Haus­stand handelt und uns lehrt, wie in beiden Ständen sich ein gottes­fürchtiges Herz verhalten soll. Wir sollen weder durch allzu großen Erfolg in Sicherheit verfallen noch uns durch Unglück zerbrechen lassen und aus dem Amte weichen. Das beides widerfährt den Gott­losen, die ohne Gottesfurcht sich auf die Ehe oder auf den Staats­dienst stürzen. Weil sie nämlich nicht wissen, daß beides von Gott regiert wird, deswegen wollen sie alles nach ihren eigenen Plänen einrichten und regeln. Da­her kommt es, daß sie entweder gefähr­lich anstoßen oder bis zu einem solchen Grad von Selbstsicherheit fortschreiten, daß man sie nicht mehr zur gesunden Einsicht zu­rückzurufen vermag. Daher sollen wir, die Gott entweder schon in diese Stände gesteckt hat oder einstmals stecken wird, alle Mühe daran wenden, daß, wie diese Lehre allen notwendig und nützlich ist, auch wir sie eifrigst lernen. Bei diesem Studium werden wir uns selbst sowohl, wie auch dem Staate, reichsten Gewinn verschaffen. Dann wird auch Gott an unserem Amte Wohlgefallen haben. Er wird, wie er verheißen hat, Gedeihen dazu geben und wird so wieder seine Verhei­ßung (Ps. 147, 11) bestätigen und bewahr­heiten: »daß er Gefallen habe an denen, die ihn fürchten, und an allen, die auf seine Güte hoffen.«

Quelle: Martin Luther, Das Magnifikat – der 127. Psalm. Zwei Auslegungen. Herausgegeben und eingeleitet von Karl Gerhard Steck, München: Wilhelm Goldmann Verlag ohne Jahr,
S. 14-21. 93-159.


[1] Rörer gibt als Beginn der Vorlesung den 21. Juli 1533 an.

[2] Aristoteles, griechischer Philosoph (384-322 v. Chr.), durch die Nikomachische Ethik, die Große Ethik und die Politik bis heute wirksam.

[3] Xenophon, griechischer Schriftsteller (etwa 430 – etwa 355 v. Chr.), Verfasser der Kyroupaideia, eines moralisch-politischen Romans.

[4] Platon, griechischer Philosoph (427-347 v. Chr.). Wichtigste politi­sche Schriften: Politeia (der »Staat«) und Nomoi (die »Gesetze«).

[5] Cicero, römischer Redner und Staatsmann (106-43 v. Chr.), Verfas­ser u. a. von De re publica (»Vom Staat«) und De legibus (»Über die Gesetze«).

[6] In unserer Luther-Bibel werden nur fünf Verse gezählt. Luther zählte frei nach der lateinischen Bibel (Vulgata), die damals noch ohne Verszählung war.

[7] Demosthenes, griechischer Redner und Politiker (384-322 v. Chr.), Gegner Makedo­niens, endete durch Selbst­mord. Viele seiner Reden sind erhalten (vgl. die Rede vom Kranz).

[8] Gaius Julius Caesar (geb. 100 v. Chr.), römischer Feldherr, Staats­mann und Diktator, wurde im Jahr 44 ermor­det.

[9] Luther behauptet also eine innere Verwandtschaft des katholischen Mönchswesens und der damaligen Schwär­merbewegung.

[10] Rörer in der Nachschrift: ‘Es ist ihm nicht angeboren, auch lernt er es nicht nur aus Büchern.’

[11] Herzog Georg der Bärtige von Sachsen (1471-1539), ein tüchtiger, Reformen nicht abgeneigter Herrscher, der aber seit der Leipziger Disputation von 1519 ein erbitterter Feind Luthers und der Refor­mation war. Sein Land wurde nach seinem Tod evange­lisch.

[12] Juvenal (römischer Dichter, etwa 60-140), Satiren VI 223.

[13] Wittenberg war damals von sozialen und politischen Unruhen heim­gesucht.

[14] Rörer in der Nachschrift: ‘An unserem Hofe ist niemand, der so dächte. Der Kurfürst weiß wenigstens einiger­maßen darum.’

[15] Rörer: ‘In Wittenberg herrscht Anarchie … Herzog Georg ist ein Tyrann.’

[16] Lateinisches Sprichwort.

[17] Im Lateinischen ein (unübersetzbares) Wortspiel: Ex hoc: feci, vere fiunt feces. Feci: Ich habe es getan; feces: Hefe, ungenießbarer Bodensatz.

[18] Lateinisches Sprichwort: Ein Phrygier wird nur durch Schläge ge­bessert.

[19] Vgl. Plutarch (griechischer Schriftsteller, etwa 40-120; verfaßte u. a. vergleichende Biographien von Griechen und Römern), Leben Ciceros 48.

[20] Ein 1499 an der Universität immatrikulierter Student, von dem sonst nichts bekannt ist. – Luther studierte von 1501 bis 1505 an der Artistenfakultät der Universität Erfurt die freien Künste und dann Jura, nicht Theologie. 1505 trat er ins Kloster ein, dort studierte er Theologie bis 1508.

[21] Vgl. Daniel 3, 1 ff.

[22] Augustus, römischer Kaiser (63 v.-14 n. Chr.), starb eines natür­lichen Todes. Über die Familienverhältnisse vgl. Sueton, Leben der Caesaren, Augustus 65.

[23] Juvenal, Satiren X 112 f.:
Ad generum Cereris sine caede et sanguine pauci
Descendunt reges et sicca morte tyranni.

[24] Friedrich der Weise (geb. 1463), 1486-1525 Kurfürst von Sachsen, Luthers Schutzherr in den Anfangsjahren der Reformation.

[25] Rörer: ‘Deswegen werden sie den Fürsten in Schweiß bringen, daß er hinten und vorn uriniert.’

[26] Luther denkt vielleicht an Aristoteles, Große Ethik II 15.

[27] Rörer: ‘Ich hätte ihn als junger Theologe gern verstanden. Es war mir aber unmöglich, auch nur ein Wort zu verstehen. Deshalb singen sie den Psalm in der Kirche wie Schauspieler auf dem Theater (larvae).’

[28] Hieronymus (Kirchenvater, etwa 347-419/20), Auslegung des 127. Psalms, an Mar­cella.

[29] Ruf hier fast = Beruf.

[30] Rörer: ‘So erzählten sie die hübsche Geschichte von jenem Herrn. Es war einmal ein Herzog, der war seinem Knecht feind und schickte ihn zur Eisenhütte, wo er verbrannt werden sollte. Er aber geht in eine Kapelle, und (an seiner Stelle) wird der Herr selber verbrannt, weil der Befehl lautete: Man solle den ersten Ankömmling ver­brennen.’ (Vgl. Schillers Gang nach dem Eisenhammer.)

[31] Rörer datiert seine Nachschrift auf den 28. Juli (1533).

[32] Nach Horaz, Episteln I 14, 43: Optat ephippia bos piger, optat arare caballus.

[33] Nach Ovid, Ars amandi I 349:
Fertilior seges est alienis semper in agris,
Vicinumque pecus grandius uber habet.

[34] Aesop (sagenhafter griech. Fabeldichter, 6. Jh. v. Chr.), Fabeln I 4.

[35] Augustinus (354-430), Bekenntnisse I,12.

[36] Luther denkt nicht an Homer, den er nicht kennt, sondern an Vergil, Aeneis II 291 f.

[37] Aristoteles, Große Ethik II 8.

[38] Marcus Junius Brutus, Freund und Mörder Caesars; starb durch Selbstmord 42 v. Chr.

[39] Rörer: ‘Gott aber sprach: »Nein! Und damit du es erfährst, sollst du den Kopf darüber verlieren.«’

[40] Rörer: ‘cum Evangelium inciperem’: als ich mit dem Evangelium begann.

[41] Thomas Münzer (1490-1525), Luthers Gegner vor und im Bauern­krieg.

[42] Juvenal X 122.

[43] Pseudo-Cicero, Briefe, Teil 3, Band 2, Seite 563 (Bibliotheca Teubneriana).

[44] Hannibal (246-183 v. Chr.) und Pyrrhus (319-272 v. Chr.): auswär­tige Feinde Roms. Sulla (137-78 v. Chr.) und Pompeius (106-48 v. Chr.): Bürgerkriegsfeldherren. Cati­li­na: Haupt der Catilinarischen Verschwörung, die Cicero während seines Konsulats (63 v. Chr.) auf­deckte.

[45] In der Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525 gewann Karls V. Armee den Sieg. Der französische König wur­de gefangengenommen. Die von Luther dem Kaiser zuge­schriebene Haltung ist belegt.

[46] Letzter großer Feldherr der Athener, Sohn des Konon, um 354 v. Chr. gestorben. Plut­arch, Leben des Sulla 6, berichtet, die Feinde des Timotheos hätten dessen Siege dem Glück zugeschrieben und ihn auf einem Gemälde darstellen lassen, wie er schlief, während die Glücksgöttin die Städte für ihn mit einem Netz einfing.

[47] Vgl. Vergil, Aeneis I 261 f; III 395; V 709.

[48] Vgl. Klagelieder Jeremias 2, 20.

[49] Vgl. Jesaja 49, 2.

[50] Vgl. Sacharja 9, 13 f.

[51] Hesiod (griechischer Dichter des 8. Jahrhunderts v. Chr.), Fragment 220.

[52] Rörer: ‘Aber man darf Gott nicht dadurch versuchen, daß man zu zehn Mann gegen den Türken ziehen wollte.’

[53] Vgl. 2. Samuel 15 ff.

[54] Pseudo-Episteln 5.

[55] Einer der sogenannten Sieben Weisen Griechenlands, um 470 v. Chr. Das Wort wurde damals dem Solon zugeschrieben.

Hier Luthers vollständige Auslegung zum 127. Psalm als pdf.

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