Martin Buber, Der Mensch von heute und die jüdische Bibel: „Er konfrontiert sein Leben nicht mehr mit dem Wort; er bringt das Wort in einer der vielen unheiligen Laden unter und hat seine Ruh davor. So lähmt er die Gewalt, die unter allem Be­stehenden am ehesten ihn zu retten vermöchte.“

Martin Buber
Martin Buber (1878-1965)

Der Mensch von heute und die jüdische Bibel (1926)

Von Martin Buber

Biblia, Bücher, so heißt ein Buch, ein Buch aus Büchern. Es ist aber in Wahrheit Ein Buch. All diese Erzählungen und Gesänge, Sprüche und Weis­sagungen sind vereint durch das Grundthema der Be­gegnung einer Menschenschar mit dem Namenlosen, den sie, seine An­rede erfahrend und ihn anredend, zu benennen wagte, ihrer Begegnung in der Geschich­te, im Gang des irdischen Geschehens. Diese Erzäh­lungen sind, offenkundig oder über sich hin­auswei­send, Berichte von Begegnungen. Diese Gesänge sind Klagen um das Ausgeschlossen­wordensein von der Gnade der Begegnung, Bitten um ihre Wiederkehr, Dank für ihr Ge­schenk. Diese Weissagungen sind Anrufe zur Umkehr des verlaufenen Menschen an den Ort der Begegnung und Verheißungen der Neuknüpfung zerrissenen Bands. Wenn Zweifelsauf­schreie in dem Buch stehn, so ist es der schicksalshafte Zweifel des Menschen, der nach der Nähe die Ferne zu kosten bekommt und von ihr lernt, was nur sie lehren kann. Wenn Liebes­lieder drin stehn, so dürfen wir es nicht als späte Umdeutung, sondern als eine mit dem Wer­den des »biblischen« Bewußtseins gewordne Einsicht ansehn, daß in der Tiefe der Men­schenminne sich die Liebe Gottes zu seiner Welt erschließt.

Dieses Buch tritt, seit es da ist, eine Generation nach der andern an. Auseinander- und Inein­anderset­zung begibt sich zwischen jeder und ihm. Was die Geschlechter dem Buch entge­genbringen, ist keines­wegs immer Botmäßigkeit und Hörbereitschaft, oft ist es Ärgernis und Empörung, aber immer befassen sie sich lebensmäßig damit, stellen sich ihm im Raum der Wirklichkeit. So war auch, wo nein ge­sagt wurde, das Nein eine Bestätigung des An­spruchs, der hier die Menschen antritt, — sie zeugen für ihn auch noch wenn sie sich ihm weigern.

Anders verhält es sich mit dem heutigen Menschen, worunter ich den »geistigen« Menschen dieser Zeit verstehe, den nämlich, dem es wichtig erscheint, daß es geistige Güter und Werte gibt, der etwa auch zu­gibt oder gar selber erklärt, daß ihre Wirklichkeit an ihre Verwirkl­ichung durch uns gebunden sei; der aber, in die innerste Wahrheit hinein befragt, in die hinein man Menschen gemeiniglich nicht befragt, zugeben müßte, daß ihm dieses sein Gefühl von der Verbindlichkeit des Geistes selber nur eine — gei­stige Angelegenheit ist. Die Unverbind­lichkeit des Geistes ist die Signatur unserer Zeit; man prokla­miert die Rechte des Geistes, man formuliert seine Gesetze, aber in das Leben gehen sie nicht ein, nur in Bücher und Diskussio­nen; sie schweben in der Luft über unsern Häuptern, sie treten nicht mitten unter uns auf die Erde; alles ist des Geistes, nur der gelebte Alltag nicht. Gleichviel ob ein falscher Idea­lismus waltet, der das Leben von einer Azurglocke überwölben läßt, in deren unverbindlich erheben­dem Anblick man sich von der spröden Erde erholt, oder ein falscher Realismus, der den Geist nur als Funktion des Lebens versteht und seine Unbedingt­heit in lauter Bedingt­heiten, psychologische, sozio­logische und dergleichen, auflöst, — immer wird ein falsches Verhältnis zwischen den beiden an die Stelle der Verbindung, Vermählung gesetzt. Diese Tren­nung der Aufeinanderangewiesenen ist freilich von Menschen dieser Zeit in ihren zerset­zenden Wirkun­gen erkannt worden — eine Zersetzung, die immer tiefere Schichten ergreifen muß, bis der völlig entmächtigte Geist zum willigen und selbstgefälligen Knecht der jeweili­gen Weltmächte erniedert wird. Die Menschen, von denen ich rede, haben sich dar­über Ge­danken gemacht, wie dem Zerfall abzuhel­fen sei, und sie haben an die Religion als an die Ge­walt appelliert, die allein noch befähigt sei, einen neuen Bund von Geist und Welt heraufzu­führen. Aber was man heute Religion nennt wird das nie vermögen. »Religion« ist selber heu­te eine Sache des abgelösten Geistes, eine seiner Abteilungen, eine gewiß bevorzugte Abtei­lung des Überbaus des Le­bens, eine besonders stimmungsvolle Kammerin den oberen Räu­men; das lebenumfangende Ganze ist sie nicht und kann es von diesem ihrem Status aus auch nicht werden; sie kann den Menschen zur Einheit nicht führen, denn sie ist selber in die Ent­zweiung gefallen, selber hat sie sich dieser Zwiefältigkeit der Existenz angepaßt. Sie selber müßte zur Wirklich­keit umkehren, ehe sie auf den heutigen Menschen zu wirken ver­möchte. Wirklichkeit war die Reli­gion immer nur, wenn sie ohne Scheu war, wenn sie die ganze Konkretheit auf sich nahm, nichts als an­dern Rechtes abstrich, den Geist verleibte und den Alltag weihte. Die größte Urkunde solcher Wirk­lichkeit aber ist die Schrift, das sogenann­te Alte Testament. Ein Doppeltes — das aber untereinander zusammenhängt — hebt es von den großen Büchern der Weltreligionen ab. Das eine ist, daß Ereignis und Wort hier durchaus im Volk, in der Geschichte, in der Welt stehn. Was sich begibt, begibt sich nicht in einem ausgesparten Raum zwischen Gott und dem Einzelnen, über diesen hin geht das Wort an das Volk, das hören und verwirklichen soll. Was sich begibt, erhebt sich nicht über die Volksge­schichte, es ist nichts andres als das offenbare Geheimnis der Volksgeschichte selber. Aber eben damit ist das Volk gegen die nationale Selbstzwecksetzung, die Gruppeneigensucht, den »Atem der Weltgeschichte« gestellt; es soll die Gemeinschaft der Seinen als Mo­dell einer Gemeinschaft der so vielen und so ver­schiedenen Völker errichten; der geschichtliche Be­stand in »Stamm« und »Erde« ist an den »Segen« gebunden (1. Mose 12,7ff.) und der Segen an den Auf­trag. Das Heilige dringt in die Geschichte ein, ohne sie zu entrechten. Und das andere ist, daß hier ein Gesetz spricht, das dem natürlichen Leben des Menschen gilt. Fleischessen und Tieropfer sind anein­ander gebunden, die eheliche Reinheit wird monat­lich im Heiligtum geweiht; der triebhafte, der leiden­schaftliche Mensch wird angenommen wie er ist und einge­heiligt, daß er nicht süchtig werde. Das Ver­langen nach Bodenbesitz wird nicht verpönt, Ver­zicht wird nicht geboten; aber Eigner des Bodens ist Gott, der Mensch nur »Beisaß« bei ihm, und der Eigner setzt den Rhythmus des Besitzesausgleichs ein, damit die überwachsende Un­gleichheit nicht die Gemeinschaft zwischen den Genossen sprenge. Das Heilige dringt in die Natur ein, ohne sie zu ver­gewaltigen. Der lebendige Geist will begeisten und beleben; will, daß Geist und Leben einander finden, daß Geist sich ins Leben gestalte, Leben aus Geist sich kläre; er will, daß die Schöpfung sich aus sich vollende. Dieses Willens und des gebotenen Dien­stes am lebenverbundenen Geist Zeugnis will das »Alte Testament« sein. Faßt man es als »religiöses Schrifttum«, einer Abteilung des abgelösten Gei­stes zugehörig, dann versagt es und dann muß man sich ihm versagen. Faßt man es als Abdruck einer lebenumschließenden Wirklichkeit, dann faßt man es und dann faßt es einen. Der heutige Mensch aber vermag dies kaum noch. Wenn er an der Schrift überhaupt noch »Interesse nimmt«, dann eben ein »reli­giöses«, — zumeist nicht einmal das, sondern ein »religionsgeschichtliches« oder ein »kultur­ge­schichtliches« oder ein »ästhetisches« und derglei­chen mehr, jedenfalls ein Interesse des abgelösten, in autonome »Bereiche« aufgeteilten Geistes. Er stellt sich dem biblischen Wort nicht mehr, wie die frühem Geschlechter, um auf es zu hören oder daran Ärgernis zu nehmen, er konfrontiert sein Leben nicht mehr mit dem Wort; er bringt das Wort in einer der vielen unheiligen Laden unter und hat seine Ruh davor. So lähmt er die Gewalt, die unter allem Be­stehenden am ehesten ihn zu retten vermöchte. …

Hier der vollständige Text „Der Mensch von heute und die jüdische Bibel“ als pdf.

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