Reinhold Schneiders Jeremia-Porträt von 1958: „Aber wohnt dieser zerrüttende Widerspruch nicht in Gott, der verwirft, was er annehmen möchte“

Michelangelo - Jeremia (Mittel)
Michelangelo – Der Prophet Jeremia (Fresco, Sixtinische Kapelle, 1508-1512)

Eine der letzten Veröffentlichungen zu Lebzeiten Reinhold Schneiders war sein Jeremia-Porträt von 1958:

Jeremia. Prophetie in der Zeit (1958)

Von Reinhold Schneider

Sie kennen Michelangelos Bild des Propheten in der Sistina: er blickt sinnend auf die Erde hinab. Zorn ist über das zer­klüftete Antlitz gegangen. Aber er ist ausgebrannt; Gram, wis­sendes Schauen, eine Frage sind geblieben. Erbarmen mit den Völkergeschicken in der Tiefe hat sich hindurchgeläu­tert.

Das entspricht durchaus dem Bilde, das die unter dem Na­men Jeremiä gesammelten Schriften bieten. Sie sollen hier als ein Ganzes angesehen werden, ohne Rücksicht auf gewiß schwer­wiegende textkritische Probleme, und zwar in ihrer Einzigartigkeit, die auf der geschichtli­chen Stellung des Pro­pheten als des Boten und Zeugen des Gerichtes an Jerusalem beruht, dann auf dem Charakter dieser Bücher selbst; sie ent­halten Gottes Wort, das am Propheten geschieht; dann das Wort, das er selber redet, seine Antwort an Gott, sein Ge­spräch mit seinem Volke – und sich selbst, seine persönliche Klage, welche Reden auf das genaueste vom Wort Gottes zu unterscheiden sind; endlich bringen die Bücher geschichtliche Berichte von hohem dokumentarischem Wert. Das Gesamt­phä­nomen ist Darstellung einer prophe­tischen Existenz in der Geschichte, an einem Ort dramatischen Geschehens, zu fest begrenzter Zeit, uns anredend mit einem unvergleichlichen menschlichen Akzent und der Wucht durch­lebten Schicksals. Nur darum soll es hier gehen, nicht um theologische Ausle­gung, die ich mir nicht anmaße. Was ist Prophetie? Und was ist Geschichte in der Sicht des Propheten? Was sind beide in ihrem Ineinander-Verschlungensein? Was ist dem Propheten gegeben, verwei­gert, beschieden? Ich will den Versuch einer Antwort vorwegnehmen, natürlich im Sinne Jeremiä – aber es wird sich zeigen, daß er den Ausblick auf jegliches Prophetentum öffnet, auf alle seine sich in das Geheimnis entzie-[267]henden Probleme. Prophetentum also bedeu­tet: zu sagen, was Gott geboten hat: die Wahrheit somit, die der Mensch nicht gemacht hat und nicht machen kann, und zwar in bezug auf Geschichte. Geschichte aber ist von Gott gelenkter, von Men­schen zu tragender Heilsprozeß, in dessen Gang Gott den Menschen auf Herz und Nieren prüft. Die Wahrheit von oben und ihr Träger werden in einen Bereich gesandt, der von Sünde gezeichnet ist, beherrscht von Unwahrheit, Täuschung und Lüge. In ihm ist der Wahr­heit Tödliches eigen, das auf den Boten zurückstrahlt. Der redende Prophet kann irren; das an ihm geschehende Wort niemals. Aber es ist nicht ge­wiß, daß der Prophet dem übergewaltigen Rätselwort gerecht wird, wie ja auch die Evangelisten von Wahrheit belastet wa­ren, die sie nicht ausdeuten konnten, die über das Fassungs­vermögen des geschriebenen Wortes ging; nur das unter Gei­stesmacht lebendig Verkündete könnte ihr entsprechen. Je­remía aber war einer der ersten Propheten, die, von Gott ge­nötigt, ›geschrieben‹ haben, was sagen will, daß er die bereits gehaltenen Reden aus dem Gedächtnis einem Schreiber dik­tierte. Theophrastus Para­celsus, ergreifende Erscheinung zwi­schen modernem Prophetentum, Eigensinn und Narrheit, sagte kurz vor seinem Tode: ›Wer wider euch kommt und sagt die Wahrheit, der muß ster­ben.‹ Das Wort gilt auf allen Stufen der Verkündung empfangener Wahrheit bis zur höch­sten, zum Prophetentum Jesu Christi, das die Propheten aus dem ihnen angewiesenen adventischen Dunkel erlöste. Denn dem Erlöser sahen sie ins Antlitz. Ihnen war dieses Antlitz durch leich­tere, durch dunklere Schleier zugewendet.

Ich muß versuchen, mich hier auf das eine große Ereignis zu sammeln, um das die Prophetie Jeremiä kreist: auf die Erobe­rung Jerusalems durch Nebukadnezar, König und Feldherrn des neuerstandenen Großreiches Babylon, im Jahre 587. Die verschlungene Vorgeschichte des Untergangs wie sein Nach­hall sind aus den Offenbarungen und Reden nicht zu lösen. [268] Aber wo sollte man beginnen? Das Drama – und zwar ein echtes, zwischen Gott und Prophet, Prophet und Volk, im Propheten selbst und, menschlich gesprochen, auch in Gott – hatte ein heftig bewegtes Geschichtsfeld zum äußeren Schau­platz. Der Jahrhunderte erfüllende grau­same Kampf zwi­schen Assyrien und dem Chaldäerreich, Assur und Akkad, Ninive und Baby­lon war überraschend in eine neue Phase ge­raten. Zwischen 614 und 612 hatte der König von Babylon, der Aramäer Nabopolassar, im Bunde mit den plötzlich zur Macht gediehenen Me­dern Ninive und Assur zerstört; der letzte König von Assur, das zuvor das Chaldäerreich so lange geknechtet hatte, verbrannte sich in seinem Palast; die Erobe­rer teilten sein Reich. Der Geschlagene war mit den Ägyptern verbündet gewesen; sie kamen zu spät zu Hilfe; Nebukad­nezar, der Thron­erbe Babylons, schlug sie im Jahre 605 in Sy­rien. Gleich darauf bestieg er den Thron des Vaters, für einige Jahrzehnte Brennpunkt der Macht, während neue Völker in dieses Geschichtsfeld stürmten, von Norden die Skythen ge­gen die Meder, von Westen die Philister gegen Palästina; während die Ägypter sich nicht beruhigten und Welle auf Welle arischer Invasion gegen Vorderasien drängte, erhob sich in dem triumphierenden Babylon der Turm des Marduk über den geflügelten Stieren, blutspeienden Löwen, dem Herrscherstab aus Lapislazuli (Daniel-Rops), die noch an die gestürzten assyrischen Tyrannen erinnerten. In das Kraftfeld dieser Macht war in der Verkettung von Schuld, Irrtum und Notwendigkeit das aus­erwählte Volk gerissen worden. Cha­rakteristisch für Ära und Raum sind eruptive Erscheinun­gen, die gewissen Vorgängen im Kosmos gleichen: wo jahrhunder­telang kaum ein schwacher Lichtschein sichtbar war, brennt ein Stern zu vielhundertfacher Helligkeit auf; ebenso unver­mittelt sinkt er auf die frühere Stufe zurück. Geschichte voll­zieht sich hier in ungewöhnlicher Potenzie­rung, durchglüht vom Zusammenstoß und Durcheinanderwogen der Religio­nen. So hatte David Jerusalem den Jebusitern entrissen und [269] zur Hauptstadt gemacht, die Kriegs­macht der Philister ge­brochen, das Ostjordan­land erobert und das neue Großreich bis über Damaskus ausgedehnt; schon unter Salomo schwank­ten die Gren­zen, wenn er auch die Streit­macht und den Han­del noch zu steigern vermochte; nach seinem Tode zerbrach seines Vaters Gründung in das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria, dann Sichern und das kleinere Süd­reich Juda, das Jerusalem zur Mitte hatte. Kananäische und phö­nikische Überlieferung vermischten sich im Nordreich mit der israelitischen; gegen diese Einflüsse traten die frühen Pro­pheten auf. Nachdem Achaz von Juda den König von Assur zu Hilfe gerufen hatte gegen das mit den Philistern verbün­dete Nordreich, erlag Samaria im Jahre 722 dreijähriger Be­lagerung; der Eroberer verschleppte gegen dreißigtausend Menschen, um sie in verschiedene Teile seines Reiches zu ver­pflanzen: wichtigste Beute mit den Waffen war der Mensch, war das Volk selbst. Dieses als Gericht an Abtrünnigen ge­deutete Los stand den Frommen Judas vor Augen, wo der Götzendienst bald siegend, bald unterliegend den Todes­kampf mit dem Prophetentum führte. In den Vorhöfen des Tempels zu Jerusalem erscholl die Klage um Tam­muz, einen Gott der Phönizier, im Heiligtum selbst wölkte der Weih­rauch vor der Majestät ägyptischer Tiergötter. Die Wieder­auffindung des ›Buches der Lehre‹ rüstete den König Josia (639-609) zum Kampfe gegen die samaritanischen, in Hö­henheiligtümern geübten Kulte, zur Reinigung des Tempels. Diese Reform war verbunden mit einer Gefahr, wie Daniel-Rops (Geschichte des Got­tesvolkes) betont. Sie liegt in den Worten aus dem fünften Buch Mose: »Ihr sollt nichts zu den Geboten, die ich euch gebe, hinzutun und nichts davon strei­chen.‹ Es ist die Zeit Jeremiä. Läßt sich solche Fesselung an das Geschriebene mit dem Gehorsam ge­gen das Wort verei­nen, das Feuer ist, »ein Hammer, der Felsen zerschmeißt‹ (Jer 23, 29)? Wie sollte der Verwahrer und Verwalter des in die Gesetzestafeln eingegrabenen unveränderlichen Wortes [270] dem Träger des von oben gekommenen Feuers sich beu­gen? –

Die Antwort der Geschichte auf die Reform des Josia ist ver­wirrend: es ist der Aufstieg des Chaldäerreichs, der Unter­gang Ninives; es ist die Niederlage. Gegen den Pharao, der den Resten des assyrischen Volkes zu später Stunde zu Hilfe kommen wollte, ist Josia im Jahre 609 gefallen. Nach dem Sieg über Ägypten im Jahre 605 ist Nebukadnezar Herr des Ge­schichtsfelds; es ist keine Aussicht auf eine ausgleichende Gegenmacht. Israels Schicksal er­scheint für Juda als Prophe­tie. Während die Söhne Josias – Jojakim und Jojachin, spä­ter sein Enkel Zedekia – den Kurs durch die Stürme suchen, zweifelt das Volk: ging es uns nicht bes­ser, als wir der Him­mels­königin Ischtar Kuchen darbrachten, als wir Sonnen­säulen er­richteten? Es ist der in der Geschichte unsterbliche Wahn: daß der Bittende empfängt, um was er bittet, ohne in Gottes Willen untergegangen zu sein; daß Glaube und Sieg zueinander in einer feststellbaren weltlichen Beziehung stehn. Das ist eine der Kreuzungen, an denen der Prophet sein Mar­tyrium erleidet – und zugleich den immanenten Widerspruch aller Prophetie: sie steht, ihrer Natur nach, in absoluter Gül­tigkeit, ist also auf die Rechtfertigung durch die Geschichte gar nicht angewiesen, und doch ist sie auf den Gang der Ge­schichte, Rettung oder Untergang, gerichtet; sie schmilzt, in untragbarer religiöser Glut, Absolutes in Zeitliches ein; sie droht als Gewißheit an, was noch abgewendet werden könnte – und, noch schwerer zu fassen: sie verkündet das Urteil und hofft auf das Ausbleiben des Richters.

Aber wohnt dieser zerrüttende Widerspruch nicht in Gott, der verwirft, was er annehmen möchte, was er nach eigenem unumstößlichen Ratschluß gar nicht verwerfen kann, weil die Erlösung geschaut ist von Ewigkeit? Jerusalem wird ›zum Steinhaufen‹ werden, das Joch zerbrochen, der Topf zer­schlagen: ›Deine Wunden sind unheilbar‹, spricht der Herr [271] im zwölften Vers des dreißigsten Kapitels, und schon im sieb­zehnten: ›Aber ich will dich wieder gesund machen und deine Runden heilen.‹ Dem König Zedekia wird verheißen, daß er ›in Frieden sterben‹ werde (34, 5); aber zuvor wurde ihm angekündigt, daß er samt seinen Knech­ten und dem etwa noch übrigbleibenden Volk in die Hände seiner Feinde gege­ben werde, ohne Schonen, noch Gnade, noch Barmherzigkeit (21, 7). Jerusalem also wird in der Ge­schichte gebrochen, auf daß es sich erweise, daß es, nach dem Ratschluß von Anfang, gar nicht ausgetilgt werden kann; daß es Mitte und Ziel der Geschichte ist. Alle biblische Pro­phe­tie ist nur im Zusammen­hang mit der Erlösung zu verstehen, der unüberbietbaren Pa­radoxie also, daß Gott seinen Sohn, daß er sich selber in sei­nem Sohn opfert für seine Geschöpfe: für das Göttliche, das er in ihnen verschloß und das der Finsternis nicht anheim­fallen darf. Im Brennpunkt dieses absurden Verhältnis­ses zwischen dem Geschichtsverlauf und dem Heils­weg ist der Ort prophetischer Existenz. Der Prophet ist ein Narr im Heute, ist morgen im Recht, nachdem er, wie Jeremia wäh­rend der Belagerung Jerusalems, als das letzte ›Laiblein‹ ver­zehrt war, an zusammengeknüpften Lumpen aus der Schlamm­grube gezogen wurde. Aber Recht­fertigung, die Erscheinung des Rechtes in einem Verkannten, Verleumdeten erbittert noch mehr als Narrheit; noch mehr als das beharrliche Po­chen auf unerwünschte, in politi­schem Sinne höchst ungele­gene Botschaft; damit ist die trügerische Hoffnung Judas auf Pharao gemeint. Der glühende Stein, um den die Meßliturgie bittet, reinigt nicht allein die Lippen und das Herz: er ver­brennt sie. Aber es sind wenige, es sind von Erwählung Heim­gesuchte, die die Bitte um den Stein in Wahrheit sprechen könnten – und sie vermögen es nur um des Volkes willen, um das sie sich verzehren und das sie verspottet, schlägt, das ihnen nach dem Leben trachtet wie die Priesterschaft nach Jeremiä Leben und mit ihr seine Ver­wandten und die Abtrün­nigen und die Toren, die auf die Hilfe der Ägypter bauten, [272] und alle, die nicht begreifen wollten, daß Gottes Plan eine Dunkelwolke ist im kosmischen Raum: ein Gebilde, aus dem vielleicht Sterne hervortreten werden – zu ihrer Zeit.

Jeremia entstammte einem in Anatot, zwei Stunden nördlich von Jerusalem, ansässigen Prie­stergeschlecht; wenn ein Pro­phet das Wort nicht gesucht, wenn das Wort einen Menschen dorthin gezwungen hat, wohin er nicht wollte, so gilt das von ihm. Wesentlich ist, daß das Wort an ihm geschieht, daß es Ereignis ist, während seine eigene Rede, Klage, sein Zorn, sein Bericht nur Rauch sind vor dem Altare. Das ist das Unheim­liche, daß Gott ihn kannte, ehe er ihn im Mutterleibe berei­tete; daß der Herr ihn aussonderte, eh er geboren wurde (1, 5); davor verfällt sein Einspruch, daß er nicht tauge, daß er zu jung sei. Gott legt seine Worte in den Mund des Aus­ersehe­nen; sie setzen ihn in Macht, auszureißen, zu zerbre­chen, zu verstören und zu verderben, zu bauen und zu pflan­zen (1, 10); und schon erblickt er das Unheil, den heißsieden­den Topf von Mitternacht her (1, 13). Sein Wissen entfrem­det ihn der Gemein­schaft; aber nur ihretwegen, immer in der Richtung auf Geschichte, die von Gott vorgesehen, vom Volke nicht gewollt wird, trägt er die vereinsamende Gewißheit, daß es Juda ergehen wird wie seiner ehebrecherischen Schwe­ster Israel, die den Scheidebrief empfangen hat.

Aber wie steht es um die Macht des Berufenen? Priester amten wider Gottes Plan, erstarrt in Gesetzesgerechtig­keit; Prophe­ten laufen, die der Herr nicht gerufen hat; sie weissagen, und das Wort ist nicht an ihnen geschehen; sie verheißen Rettung von Ägypten – während doch Gott vor den Augen des Ein­samen den Stab gebrochen hat: Jeremia ist Verräter, weil er den Untergang verkündet, den Mut zerbricht, die letzte Hoffnung zertritt. Und was hat er zu ge­ben? Kein Brot, kein Zeichen in der Richtung eines Auswegs. Nein, vielmehr den Skorpion, das ungeheuerliche Ärgernis, daß Nebukadnezar im Rechte des von Gott erwählten Züchtigers heranzieht; [273] daß Jerusalems Untergang unter dem Schwerte Babylons ge­schehen muß und daß es Frevel ist, das Joch des Unter­gangs, der Versklavung, der Schande abwerfen zu wollen. Er hat, einsam mit Gott, ausgekämpft, ausgelitten, vorerlebt, was ge­schehen soll, was er verkünden muß, was seinem Fleische wi­derstrebt: er hat, wie ihm befohlen ward, sich einen Gürtel gekauft und sich mit ihm gegürtet und ist im Geiste an den Euphrat gegangen und hat den Gürtel in einem Steinritz ver­borgen (13, 4) und nach langer Zeit ihn ausgegraben – ›und der Gürtel war verdorben, daß er nichts mehr taugte‹. Das Volk wird verfaulen wie der Gürtel in der Gefangenschaft – und doch ist Nebukadnezar in der Vollmacht der Berufung: der Pro­phet wird also zur Verneinung politischer Vernunft, begründbaren politischen Rats von seinen Gesichten gezwun­gen, in der ersten Instanz des Prozesses zum Feinde seines Volkes. Für die Verheißungen der Priester und falschen Pro­pheten, für den abgöttischen Kult auf den Höhen sprechen alle Ereignisse, sprechen die Liebe, Juda selbst, die rätsel­schwere Überlieferung und Geschich­te; er aber ruft auf zum Gebete für Babylon, für Nebukadnezar, den Verderber.

Gottes Wort geschieht an ihm; und das heißt: gegen ihn selbst. Denn seine fleischliche Liebe ist beim Volk, sein Leben ist in ihm. Er hört die Rosse schnauben von Norden her; er meint nicht sich selbst, er meint das Volk, das im Zorne geliebte: »Meine Hütte ist zerstört, und alle meine Seile sind zerrissen. Meine Kinder sind von mir gegangen und nicht mehr da‹ (10, 20). Ach, der Prophet hat keine Kinder; Gott hat ihm verbo­ten, ein Weib zu nehmen, Söhne und Töchter zu zeugen, in ein Trinkhaus zu gehen und den Trostbecher mit seinesgleichen zu tei­len; aber einen Acker soll er sich kaufen im Lande Juda, von dem er weiß, daß es verloren ist. Hier soll er bleiben, wo, irdisch gesehen, alles vertan ist, wo allein die unauslöschliche Ver­heißung strahlt, schwarzes Licht. Dieser zerstörende Wi­derspruch zwischen dem Mysterium des Heilsplans und ver­ständlich scheinender Ge­schichte; zwischen der Absurdität [274] des herabstürzenden Wortes, das unberechenbar ist wie ein Meteor, und vor­dergründiger Vernunft ist das Golgatha des Propheten: ›Wie ist mir so herzlich weh! Mein Herz pocht mir im Leibe, und ich habe keine Ruhe; denn meine Seele hört der Posaune Hall und eine Feldschlacht‹ (4, 19). Furcht­barer noch: ›Du sollst für dies Volk nicht bitten und sollst für sie keine Klage noch Gebet vorbringen, auch nicht sie vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören‹ (7, 16). Denn der Blasbalg ist verbrannt, das Blei ver­schwin­det; das Schmelzen ist umsonst, denn das Böse ist nicht davon geschieden.

Während Nebukadnezar, der ruhmreiche Feldherr, die Hei­lige Stadt umringt – der unheim­liche Glanz des Erwähltseins umstrahlt ihn, sichtbar nur dem Propheten –, gipfelt das Drama des Prophetentums, dessen histo­rische Umwelt hier, wo es nur um den Versuch geht, an eine hohe und rätselhafte Form religiöser Existenz zu erinnern, nicht gebührend geschil­dert werden kann. ›Und die Leichname dieses Volkes sollen den Vögeln des Himmels und den Tieren auf Erden zur Speise werden.‹ Das Gebet ist untersagt.

Aber ist dieses Drama, das im Propheten geschieht, das Drama des Eingangs des Wortes in das Fleisch, ist es – ketzerische Frage! – nicht auch das Drama Gottes? Es muß sofort gesagt werden, daß Drama, Tragödie Gottes nicht möglich sind: die Übertragung des Menschlichen ins Göttliche ist noch weit vermessener als die Anwen­dung vom Menschen genommener Maße in mikro- oder makrokosmischer Terminologie. Und doch: der Prophet in der Hölle der Geschichte erfährt und verkündet nichts als den Widerspruch in Gott, als das Ärger­nis der Erwählung Judas. Gottes Hammer zerschmeißt das Volk, von dem Gott nicht läßt. Gott – menschlich gespro­chen, in der Torheit des Apostels – zerstört, was nach seinem Beschlusse unzerstörbar ist: den Sinn der Schöp­fung und Ge­schichte. Er reißt aus und pflanzt gleichzei­tig, ist Licht und Tod, Finsternis und Licht; das Leben des Gläubigen ist un­sterbliche Agonie, Ort des Propheten ist der Zwinger der [275] Bestien, die ihn nicht zerreißen werden. Gott wird die Krea­tur aufbieten gegen sein Volk: Hunde sollen es schleifen, Vö­gel und Raubtiere es vertilgen; die Natur ist verwirrt: der frühregen wird ausbleiben, und es wird kein Spätregen kom­men. Wie ein Esel wird Judas König begraben werden; die aber noch übrigbleiben, sollen hin und her getrieben werden in al­len Königreichen der Erde; es ist der Gott, der brüllen wird aus der Höhe (25, 30); der ein Lied singen wird wie der Wein­treter, wenn er die Völker, alle seine Völker, zerstampft.

Aber dieser Gott kämpft mit sich selbst, gegen sich selbst um sein Volk: er will Fischer aus­senden, die die Ver­haßten fi­schen, Jäger, die sie fangen sollen. Doch das ist die Jagd zor­niger Liebe, die, nach der Heimsuchung, ausbricht in die Worte: ›Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte‹ (31, 3). Er wird sein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben (31, 33); dies erst, nicht der Buchstabe Mose, wird Gottes unverlöschliche, die in des Menschen Wesen lebende Schrift sein, Gesetz der Freiheit der Kinder. Dieser Bund wird erst aufhören mit Tag und Nacht (33, 20), mit der Aufhebung der Zeit erst beschlos­sen werden. Ja, die Dauer Judas ist das Zeitmaß des Kosmos: erst wenn die Ordnungen der Gestirne zerbrechen, wird Is­raels Same erschöpft sein (31, 37). Der Herr, der brüllende Weintreter, wird die müden Seelen erquicken, die bekümmer­ten sättigen.

Dieser Trost kommt im Traume herab: »Darüber bin ich auf­gewacht und sah auf, und hatte so sanft geschlafene Und das als Feuer und Hammer erfahrene Wort ist Speise, ist des »Herzens Freude und Trost‹ (15, 16).

Und doch der Untergang (52, 4-11): »Im neunten Jahr sei­ner Regierung, am zehnten Tag des zehnten Monats, rückte Nabuchodonosor, der König von Babel, mit seiner ganzen Heeres­macht gegen Jerusalem. Man belagerte es und führte ringsum einen Wall auf. Die Stadt blieb belagert bis zum elf­ten Jahre des Königs Sedekias. Am neunten Tag des vierten [276] Monats war die Hungersnot in der Stadt so drückend gewor­den, daß die Bevöl­kerung des Landes nichts mehr zu essen hatte. Da wurde eine Bresche in die Stadtmauer gelegt, und alle Kriegs­leute ergriffen die Flucht und verließen die Stadt bei Nacht auf dem Wege durch das Tor zwi­schen den beiden Mauern, das am Königsgarten liegt, während die Chaldäer die Stadt umla­gert hielten. Sie wandten sich der Jordanebene zu. Doch die Truppen der Chaldäer jagten dem Könige nach und holten Sedekias in den Steppen von Jericho ein, nachdem sein ganzes Heer von ihm weg versprengt worden war. Man ergriff den König und brachte ihn zum König von Babel nach Rebla im Gebiet von Emath. Der fällte ihm das Urteil. Der König von Babel ließ die Söhne des Sedekias vor dessen Au­gen hinschlachten und auch alle Fürsten von Juda in Rebla töten. Sedekias aber ließ er blenden und in Ketten legen. Dann ließ ihn der König von Babel nach Babel bringen und ihn bis zu seinem Tode in Haft halten.‹

Wahr ist die Verwerfung, wahr das Erwähltsein von Anfang, das nicht aufgehoben werden kann, rechtens ist die Herr­schaft Nebukadnezars, geboten das Gebet Judas für Baby­lon, für der Heidenstadt Bestes, nicht für Juda selbst; wahr ist der Zorn, wahr ist die Liebe. In dieser Glut der göttlichen Sonne, in ihrem Innersten, verbrennt der Prophet, zermalmt, erhoben, beschützt und doch unbeschützt, der Fürbitte be­raubt und doch Fürbitter, Feind seines Volkes, der ihm die Kraft zum Widerstande lähmt, ihm die Sehnen zerschneidet; der des heidnischen Tod­feindes Sache verficht und doch, schon durch sein Dasein, durch seine von ihm nie be­zweifelte Erwählung Zei­chen der Gnade ist – über jeglichen Unter­gang hinweg. Denn solange das Wort geschieht am Prophe­ten, redet Gott zu seinem Volke, hat er nicht mit ihm gebro­chen, verwirft er nur, um zu bereiten, arbeitet das Geheimnis seines Planes fort. Aber Gottes Nein und Ja, beide in ihrem Todesernst von demselben Gemüte empfangen, beide als Ge­bot entgegengenommen und im Wort vollzogen, sind fast ver-[277]nichtender Wider­spruch. Dieser aber ist, als Daseinsgestalt, Vorgestalt Jesu Christi, des Gottes im Fleisch und am Kreuze, also in der Geschichte; das heißt des letzten und größten, des ablösenden unter den Propheten; Vorbote des endgültigen Untergangs Jerusa­lems und der Herabkunft der himm­lischen Stadt; Adler der Aufhebung des Kosmos und der Zeit, dessen Zeuge allein Juda sein wird, wie der Prophet es erschaute.

Aber Jeremia ist noch weit von Christus, von dem alle Para­doxien vorausgegangener Heils­geschichte überstei­genden Wi­derspruch: Gott am Kreuze, Gott durchbohrt. Der Prophet verstummt vor verschlossener Tür. Gegen­über diesem unsäg­lichen Leid der Begnadung, religiöser Schi­ckung erscheint die äußere Not, so bitter sie ist, gering: der Versuch der Priester und Verwandten, den Verhaßten zu ermorden, Schläge, Er­niedrigung in der Grube – ›und Jeremia sank in den Schlamm‹ (38, 6) –, Hunger während der Belagerung. Weit furchtbarer war gewiß das Zerbrechen der Mauern, der greuelvolle Fall der Stadt – und vielleicht am furchtbarsten in ihm selbst: daß sich das Recht erwies, das er, vom Fleische her, nicht ha­ben wollte; daß Gott bestand auf dem geschichtli­chen Voll­zug seines Wortes und Fluches. Aber war darin nicht eine un­erhörte Hoffnung beschlossen? War die Voraussage des Un­tergangs in Kraft – so mußte auch das Heil in Kraft sein; denn es sucht seinen Weg durch den Untergang hindurch.

Vielleicht trifft es zu, daß Jeremia, wie vermutet wurde, von den letzten Überlebenden wider seinen Willen mit nach Ägypten geführt und dort getötet worden ist. Freiwillig hätte er das heimgesuchte Land, den verlorenen Acker zu Anatot, nicht verlassen, und der Haß auf sein Prophetentum mußte wüten, solange das Wort an ihm geschah: weil eben Gottes Gedanken nicht der Menschen Gedanken sind.

Die Erscheinung des Propheten von Anatot ist uns vollständig fremd. Wir kennen fast nur eine säkulare Pro­phetie, eine Pro­phetie außerhalb des Heilswerks, die, sofern sie sich erfüllte, [278] nur Ahnung gewesen ist, jedenfalls schwerlich als Auftrag be­zeichnet werden kann. Nicht eingetroffene Voraussagen über­wiegen, wie es nicht anders sein kann; sie sind nur Wunsch­bilder. ›Wie kann der Mensch Götter machen, die doch nicht Götter sind?‹ (16, 20) fragt der Prophet. Erinnern wir uns der tragisch-törichten Träume, mit denen ein jedes neue Jahr­hundert begrüßt wird! Verschweigen wir die Lügen, die sen­sationelle Erfindungen und Entdeckungen entschär­fen wol­len! Über diese Synthese von Phantastik und Gewissenlosig­keit erheben sich Vorahnungen, die einer tiefen Beziehung zur Geschichte, einem in gewissem Grade prophetischen Ge­schichtsbewußtsein entsteigen: Las Casas sah das Ende des spani­schen Kolonialreichs wie Camões das des portugiesi­schen; im fortschrittsfreudigen neunzehn­ten Jahrhundert sah der Österreicher Auersperg Wien im Schutt wie Macaulay London, wagte Donoso Cortés es, den höhnisch lachenden Parlamentariern zu sagen, daß eine jede im Geiste liberaler Technisierung ergriffene Maßnahme zum Verderben führe, sprachen Arnim, Eichen­dorff, Raimund, Gotthelf, Grillpar­zer, Jacob Burckhardt, Nietzsche, der Rembrandtdeutsche, Franzosen, Engländer und die großen russischen Dichter Ah­nungen aus, die einer erschüttern­den Wirklichkeit entgegen­gingen. Trakl, Hofmannsthal lebten unter derselben Last. Auch diese Ahnungen können Schicksal bewirken, bittre Ein­samkeit, Konflikt mit der Oberfläche aus unabweisbarem Wissen vom Wesen.

Das Prophetische nämlich ist der Geschichtserfahrung we­senseigen, gehört, tragischerweise, zu den Vorformen, mit de­nen Geschichte sich fortsetzt. In der Prophetie ist kommende Ge­schichte schon da. Und wo sie verlautet — nicht als Wunsch und Wille oder Herrschaftsan­spruch, von denen sie freilich häufig verfälscht wird –; wo sie sich kundgibt als ein auch dem Sprecher offenbar unerwünschtes Wort; wo einer spricht, der sprechen muß, aber nicht recht­behalten möchte, da sollten wir zuhören. [279]

Gerade an solchen säkularen Erscheinungen erkennen wir, wie ferne wir dem Propheten sind, dessen Rätselge­schick es war, Jerusalems Demütigung durch Babylon, Israels und Ju­das Exil, Nebukadnezars Ermächtigung und das an sie geket­tete Gericht, Jerusalems und Babylons Verdammnis und die folgende Nebukadnezars, die Heils­wahrheit über die Ver­nichtung hinweg auszutragen und zu bezeugen, im Zerstäu­ben der Mauern, in Gottes Zorn- und Lie­besfeuer nicht wan­kend zu. werden. Das Wort, das an Jeremia geschah, war sein Leben; ein anderes war ihm nicht erlaubt. Dieses Wort ist ver­nichtendes Licht. In dem Buche, das Jere­mias Namen trägt, ist jegliche Möglichkeit der Geschichte beschlossen, ihr My­sterium: Gott kämpft mit sich selbst um die Schöpfung in ih­rer Freiheit, um den Heilsbeschluß, um den Sinn der Schöp­fertat, in Liebe und Zorn und wieder in Liebe; das Volk wi­derstrebt; es will, es kann nicht begreifen. Aber Gott macht sich dieses Widerstreben zu eigen und erwahrt an dem einen, dem Ausgestoßenen, dem Entwürdigten in der Schlamm­grube, dem Verräter, dem Landflüchtigen wider Willen, daß er je und je geliebt hat. Wo die zerreißenden Dissonanzen zum unhörbaren Lobgesang sich vereinen sollten, erschien der Prophet. Seine Lebensgestalt ist das Kreuz, sein unsägliches Leid, daß er dem Kreuze zu weit voraus war und Gottes Ant­wort an Schuld und Tod des Fleisches noch nicht erkennen sollte. Zu sagen, daß kommen muß, was, nach unseres Her­zens Herz, nicht kommen sollte: das war das Joch, das Gott dem Propheten um den Nacken gelegt; das der schreckliche lebendige Gott in der ägyptischen Fin­sternis im Mysteri­um des Opferraums hinter dem Rauchaltar zerbrochen hat.

Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Der große Entschluß 13 (1958), S. 320-326.

Quelle: Reinhold Schneider, Gesammelte Werke, Bd. 9: Das Unzerstörbare. Reli­giöse Schriften, Frankfurt a.M.: Insel, 21984, S. 266-279.

Hier der Text als pdf.

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