„An der Wiedererrichtung des Kreuzes in meinem Leben hat er großen Anteil“ – Reinhold Schneiders Erinnerung an Jochen Klepper

Jochen Klepper
Jochen Klepper (1903-1942)

Von Reinhold Schneider stammen folgende bewegende Erinnerungen an Jochen Klepper:

Jochen Klepper (1954)

Von Reinhold Schneider

Allwöchentlich fuhr ich von Potsdam nach Berlin, um in irgend­einer Redaktion einen Aufsatz oder eine Rezension zu vereinba­ren, die mir wieder durch die Woche helfen konnten. Wenn ich am Potsdamer Platz ausstieg, stellte sich, fast greifbar, immer das­selbe Bild her: ein uner­meßlicher von Tannenwipfeln bedeckter Berghang. Dann ging ich die langen Straßen des Zei­tungsviertels hinauf, deren Trostlosigkeit ich nie verwinden konnte. Der Wan­del des Jahres 32 wirkte sich auf den Sender aus; ich bekam einen Auftrag, dem ein zweiter folgte. Aber das Manuskript stieß auf Schwierigkeiten: ich sollte darüber verhandeln. Der Bearbeiter war Jochen Klepper. Er saß am Fenster eines hellen Büros an der Masurenallee. Wir verstanden uns nicht oder jedenfalls nicht gut. Sein allzu gepflegtes Äußere, eine gewisse moderne Ele­ganz mißfielen mir. Eben war sein erstes Buch, der Oderroman vom Kahn der fröhlichen Leu­te, erschienen, das seiner Frau gewidmet war. An meinem Manuskript sollten Änderungen vorgenommen wer­den, zu denen ich mich nicht entschließen konnte. Es blieb liegen. Im folgenden Jahre, nachdem die »Hohenzollern« herausgekom­men waren, fand ich eines Sonn­tags die Karte Kleppers und seiner Frau. Als ich ihn in Südende besuchen wollte, stieß ich auf ein mehrstöckiges vornehmes Mietshaus. Ich lebte in unsäglich be­drückenden Verhältnissen, ohne Platz für Bücher, vor einer elek­trischen Birne, der ich ein Papierhütchen aufgesteckt hatte, weil mir der grüne Glasschirm zerbrochen war. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß ein Schriftsteller so luxuriös wohne, ging um das Haus herum und wagte mich dann die Hinter­treppe hinauf. So kam ich – ich glaube im obersten Stock – zur Verwunderung des Mädchens in der Küche an. Das muß Klepper berührt haben. Er hatte alle meine Bücher gelesen und fühlte sich für einen Augen­blick in der geräumigen, mit Geschmack eingerichteten Woh­nung nicht ganz am Ort. Aber die Sorge war schon eingedrungen.

Frau Klepper hielt sich auf dem Balkon zurück und trat erst vor, als er mich hinausführen wollte. Da ich nie nach Lebensumstän­den frage, war ich nicht vorbereitet. Der weite Abstand der Jahre hatte etwas Verwirrendes. Dann kamen die zwei Töchter aus ihrer ersten Ehe, die, wie sie selbst, Jüdinnen waren. Klepper hatte eben Plan und Kapiteleinteilung des Friedrich-Wilhelm-Romans auf­gesetzt; sie waren von imponierender Sicherheit der Architektur. Grund­lage für jeden Teil war ein Schriftwort. Auf dem Wort baute Klepper auf. Und auf dem Wort ruhten auch seine Ge­dichte. Für ihn war es entschieden, daß die Kunst dem Worte un­terwor­fener Widerklang ist. Aber er ahnte auch, daß ihm ein schweres Ringen bevorstand. Das erste im »Eckart« erschienene vielversprechende Kapitel war noch in zerrissenen Sätzen ge­schrie­ben; ich hielt mich für verpflichtet, ihm zu schreiben, daß dieser Modernismus dem Geist des Werkes widerspreche. Er hat viele Jahre mit beispielhaftem Ernste um die Ausgestaltung gerun­gen, die Versuchungen neuer Pläne, an denen er reich war, zu­rückweisend. Klepper hat der evangelischen Kirche, der Christen­heit, ergreifende Lieder geschenkt. Aber er kann doch nicht ein­fach als »Dichter der Kirche« klassifiziert werden. Oft sprach er von einem geplanten Voltaire-Roman. Was will es heißen, daß er, mitten im Christlichen, an diesem Vorsatz fest­hielt; daß er immer die Möglichkeit in sich fühlte, den satirischen Verneiner zu gestal­ten – was ja durchaus Aufgabe eines christlichen Dichters sein kann, aber eben nicht eines »Dichters der Kirche«.

Entschieden war es auch, daß die Familie in dem Mietshause nicht mehr wohnen konnte. Sie hatten in der Nähe der Berliner Straße ein Grundstück erworben und bauten dort das Haus, wo wir unsere besten und ernstesten Stunden haben sollten. Gegen­über lag ein Laubgehölz, das dem Vogelschutz unterstand. Die Nachtigallen sangen. Wir saßen an einem Karfreitag auf der Ter­rasse, Jahre später; der »Friedrich Wilhelm« war nach sehr schwe­ren Krisen fertig gewor­den; ich hatte an diesem Tage mein Eng­landbuch abgeschlossen. Es war unbegreiflich still. Zwischen uns beiden und unserem Lebensgang bestanden sehr tiefe Entspre­chungen, von denen aber nie die Rede war. Auch von der Ge­schichte seines Geistes sprach Klepper nicht. Und doch mag er ei­nen ähnlichen Weg gegangen sein wie ich. Die Herkunft aus dem Pfarr­hause war ihm Führung, wie ich sie nicht hatte: nicht zurück, sondern hinauf in das tragische christliche Leben, dessen Schmer­zen der Mensch, der Künstler Klepper wie wenige erfahren und bestanden hat, bis sie ihn endlich übermächtigten. Nach ein oder zwei Stunden häuslicher Arbeit saß er vierzehn oder sechzehn Stunden am Schreibtisch, oft die Stunden nachrechnend, etwa Versäumtes wieder einholend. Mit äußerster Gewissenhaftigkeit durchforschte er die Quellen. Er lebte im Kirchenjahr: die Feste der Kirche waren die seinen; in sie verflochten sich die Geburts­tage der kleinen Familie. Die Vorbereitung auf Weihnachten be­schäftigte ihn lange. Er verwandelte dann das ganze Haus in Ker­zenlicht und bedrängte mich, mit ihm zu feiern. Aber an diesem für mich furchtbaren Abend arbeitete ich so lange wie möglich, öffnete ein etwa eingegangenes Paket und machte dann meinen Weg durch Potsdam ins holländische Viertel; da und dort hinter den kleinen Fenstern erloschen die letzten Kerzen. Erst von Klep­per bin ich auf den ganzen Ernst konfessioneller Gegensätze ge­führt worden. Er rang instän­dig um ihr Verständnis. Zu meinem Erstaunen entdeckte er in meinen Büchern strenge Katho­lizität, die ich gar nicht gewollt hatte – ebenso wie in dem Bilde, das Leo von König damals malte. An der Wiedererrichtung des Kreuzes in meinem Leben hat er großen Anteil. Mehr kann Freundschaft nicht sein.

So waren die Kräfte, von denen wir lebten, die uns leiteten, sehr verschieden; der Anstoß war derselbe: die Zeit, die über allen un­seren Stunden unbeweglich dunkelte. Immer deutlicher legte sie ihm einen ehernen Verzicht auf, wenn er das Letzte: das Haus, die Frau, die Kinder, die Reinheit seines Strebens behaupten wollte. Der Verzicht muß ihm sehr schwer gefallen sein. Denn er hing durchaus am Weltlichen, hatte Interessen, die ich nicht teilte: für die Mode, den Film, für den er gewiß auch große Begabung hatte. Niemals betrat er ein Haus, wo seine Frau nicht willkommen gewesen wäre, oder den leidenschaftlich geliebten Konzertsaal, wenn sie nicht an seiner Seite war. Die schmähliche Abkehr eini­ger Freunde – wenn man sie so nennen darf – nach seiner Heirat streifte er kaum; doch hat er sie wohl nicht überwunden.

Sein Leben war an das Haus gebunden, nur im Hause denkbar, und damit auch seine Arbeit. Als ich von Potsdam weg wollte und ein Freund das dem Schloßherrn von Doorn berichtete, sagte der Kaiser: »Dann soll er wenigstens an einem Hohenzollernschreibtisch weiterarbei­ten.« Es wurde ein Schreibtisch Friedrich Wil­helms IV. aus dem Marmorpalais ausgewählt: an ihm habe ich ge­arbeitet, bis ich – nun seit vielen Jahren – nur noch stehend arbei­ten konnte. Dieses Geschenk war für Klepper der Anlaß, Möbel für mich zu erwerben oder zu sammeln, damit ich wenigstens in einem gewissen Grade behaust sei. Meine hauslose Exi­stenz quälte ihn. Nun brennen an ernsten Festtagen noch immer die Kerzen in den von ihm geschenkten Leuchtern auf dem Schreibtisch Fried­rich Wilhelms IV., eines von mir in allen seinen Schwächen gelieb­ten, tragischen Königs. Denn in ihm wird die Hohenzollerntragödie ganz deutlich, aber auch die moderne Königstragödie über­haupt: das Ringen um umfassende Inhalte, die Grundlegung des Kaisertums, an der Friedrich Wilhelm IV. und noch Wilhelm II. und damit das Reich in seiner letzten epigonischen Gestalt ge­scheitert sind.

Noch in Südende auf der Straße, als Klepper mich zum Omni­bus begleitete, erzählte er mir von dem ihm aufgehenden Luther­roman, ganz erfüllt von der apokalyptischen Stimmung der letz­ten Wittenberger Jahre. Es wäre ein sehr ernstes, aufwühlendes und bestürzendes Werk geworden. Doch hätte ihm die Sattheit des Lebens, die dem Dasein Luthers ebenso eigen ist wie die Dü­sternis und die Demut, der Eigenwille und die Kindlichkeit, nicht gefehlt. Hier hätte sich das Schlesische in Klepper mit Luthers thü­ringischer Art verschmolzen. Was will es heißen, daß Luther dieselbe Frau, »mein Keta«, die »Säumärkterin« nannte sie ver­kaufte die gezüchteten Säue auf dem Wittenberger Markt – und an anderer Stelle bekannte, daß sie ihm so teuer sei wie der Gala­terbrief; »mein Galaterbrief, mein Keta«. Damit deutet sich die beispiellose Schwierigkeit an, vor die Klepper gestellt war; sein Ende war eine menschliche, eine christliche und eine künstleri­sche Tragödie. Er war dem Wort unterworfen – in der Bibel, durchaus nur in ihr, im Buch nur, war das Heil der Welt – und dem Erneuerer des Worts; es war ihm nicht erlaubt, Unverbürgtes von Luther zu sagen: und er war doch Dichter, angewie­sen auf die Gnade der Phantasie. Das Problem des Lutherromans scheint mir unlösbar wie das der christlichen Kunst. Aber es ist doch möglich, daß Klepper an seiner Stelle eine Lösung gefunden hätte. Wäre er aber vor dem letzten Gipfel gescheitert, so hätte er eben damit das Wesen der christlichen Kunst dargetan, die bis hinauf zu Dante, zum Äußersten, was er ge­wollt hat, ein Scheitern ist.

Auch das Haus in Südende sollte Kleppers letztes nicht sein; die Staatsbaumeister entwarfen, blind im Angesichte der Katastro­phe, die phantastischsten Projekte und beschlagnahmten das Ge­lände für die Ruinen von Selinunt. Unter unsäglichen Mühen, mit zähestem Geschick er­warb die Familie ein Stück Erde in Nikolas­see, schmal wie ein Handtuch: während er auszog und wieder baute, dichtete Klepper am Lutherroman, dem »Ewigen Haus«. Es sollte der Ein­gang ins Ewige sein, dunkles Tor. Zum letztenmal sprachen wir uns im Dezember 41 in Ber­lin durch das Telefon. Ich hatte den törichten Argwohn, daß er meinen Besuch nicht wollte: ich hätte mir sagen sollen, daß er ihn mir freistelle, weil er nicht wollte, daß ich mich belaste. Seine Frau besuchte mich in Frei­burg, schattenhaft durch die Menschen gleitend, so wie sie mir dann an einem Maitag im Menschengewühl am Zoo entglitt. Oft sprach er davon, daß er mich nach dem Krieg in Freiburg besu­chen wolle; aber er ist meines Wissens auf seiner letz­ten Reise nur bis zum Main gekommen. Er war durchaus ein Mensch des nach Osten gewen­deten Nordens, der großen Ebene zwischen Wittenberg und der Oder. Sein Geschick ist nur deutbar aus seiner Auf­fassung von der Ehe; er fühlte sich eingefordert für das Heil seiner Frau und ihrer Kinder, für die Heimführung Judas. Denn das ist das Wort des Apostels, daß der Mann dem Weibe, das Weib dem Manne zum Heil sein sollte. Daß er Frau und Kinder zu Christus führe, war Kleppers Auftrag. Er hat ihn erfüllt. Als ihm aber die Macht des Verbre­chens die gelobte Gemeinschaft und Verantwor­tung nicht mehr erlaubte, nahm er seine Frau und die jüngste Tochter an der Hand und eilte zu Gott, ehe er sie gerufen hatte. Das war ein Akt des Glaubens: schütze, die ich nicht mehr schüt­zen kann! Es war ein Selbstmord unter dem Kreuz, dem Zeichen der Liebe. Das Problem stellt sich in einer Gestalt, auf die es keine Antwort gibt.

Quelle: Reinhold Schneider, Der Wahrheit Stimme will ich sein. Essays, Erzählungen, Ge­dichte, hrsg. v. C.P. Thiede und K.-J. Kuschel, Frankfurt a.M.: Insel 2003, S. 114-119.

Hier der Text als pdf.

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