„Wir haben etwas – es hat uns! Es muss nur erst hörbar, sichtbar, singbar werden!“ – Joseph Wittig über die Weihnachtskunst

Hans-Zürn_Anbetung-der-Könige
Hans Zürn der Jüngere – Anbetung der Könige (um 1620, Museum im Bock, Leutkirch)

Weihnachtskunst

Von Joseph Wittig

Das sieht nun gerade so aus, als ob ich im Dienste einer Kunsthandlung stände und ihre alten und neuen Wap­pen besprechen und anpreisen wollte! Nein, nein, ich will nicht einmal als Kunsthistoriker etwa über die Dar­stellungen der Geburt Christi auf altchristlichen Sarko­phagen oder mittelalterlichen Holztafeln reden. Denn was nützte dies alles? Ich finde indem allen, so eifrig ich auch seine Ufer abgesucht habe, keine Brücke, über die ich einen ehrlichen und redlichen Menschen unserer Zeit hinüberweisen könnte in das weihnachtliche Land, in dem die Engel zu den Hirten kommen und sagen: »Wir verkündigen euch eine große Freude: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren!«

Ach ja, früher gab es solche Brücken; früher führten Geschichte, Legende, Malerei, Bildnerei, vor allem die liebe Krippenbaukunst hinüber in jenes Wunderland. Und es gibt auch heute noch viele Menschen, die »frü­her« leben. Auch ich, auch ich kann noch so früher le­ben. Ich stelle mir immer noch die kunstvoll geschnitz­ten und feinvergoldeten Figürchen aus dem weihnacht­lichen Erbe unserer Familie zu einer Weihnachtskrippe zusammen und nehme mein liebes Weib bei der Hand und führe sie zu diesem in unserer Stube sichtbar ge­wordenen Beth­lehem, und wir singen von der stillen und heiligen Nacht und daß ein ›Ros‹ entsprungen ist aus einer Wurzel zart. Und es wird etwas wahr, was man schier nicht mehr glauben möchte. Und es leuch­tet ein Stern auf, der uns froh macht und der uns führt. Wir können eben noch »früher« leben, wo die Brücken noch standen.

Wir sagen aber nicht: »Ach, die armen, ungläubigen Menschen, die kein Weihnachten mehr feiern können!« Wir sagen eher: » Die Menschen von heute sind berufen, das, was den frühe­ren Menschen Weihnachten war, in ganz neuer Weise zu erringen oder – gläubiger gespro­chen – von Gott zu empfangen.« Denn Gottes Reich­tum hat nie ein Ende. »Multifariam multisque modis«, be­ginnt ein Kapitel aus den Apostelbriefen die Geschichte der Verbin­dungen Gottes mit der Erde zu erzählen. »Viel, viel an Wort und Weise« hat Gott, um mit uns zu reden und um zu uns zu kommen! Es wäre ganz un­christlich und ganz ungläubig, zu denken, daß Gott jetzt auf einmal, gerade für die modernen Menschen, die nun einmal so sind und die Gott gegenüber beinahe nichts anderes mehr haben als die Ehrlichkeit des Neinsa­gens, so arm an Wort und Weisegeworden sein sollte, daß er sie nicht mehr erreichen könnte. sie haben den alten Weih­nachtsglauben verloren. Ob mit Schuld oder ohne Schuld, das ändert an der Tatsache nichts, daß sie ihn nicht mehr haben und daß sie nicht mehr Weihnachten fei­ern können wie wir »früheren« Menschen.

Wir glauben, daß auch der »ungläubigste«, der »unreligiöseste«, der nüchternste, kritischste, skeptischste Mensch sein Weihnachten hat. Er hat nur noch nicht die Kunst, es vor sich und vor anderen sichtbar zu ma­chen. Dies nämlich nenne ich Weihnachtskunst, das einem jeden Menschen beschiedene weihnachtliche Got­teserleben aus der Unwortlichkeit der Erfahrung, aus dem Dunkel jeglichen Schöpfungsanfanges, aus dem Nichts der Leugnung heraus sichtbar und unaus­sprechbar-singbar zu machen.

In den alten Preisgesängen oder Präfationen der Kirche heißt es von der Weihnachtskunst: Per incarnati Verbi Mysterium nova mentis nostrae oculis lux tuae claritatis infulsit, ut dum visi­biliter Deum cognoscimus, per bunc invisibilium amorem rapiamur – »Durch die geheimnis­volle Menschwerdung des Wortes ist den Augen unseres in­neren Menschen ein neuer Strahl deines Lichtes aufge­leuchtet, damit wir durch die Sichtbarkeit des mensch­gewordenen Wortes zur Liebe des Unsichtbaren hinge­rissen werden.«

Das gilt für alle Zeiten, in die jene Sichtbarkeit hin­einreicht. Es braucht nicht die Sichtbarkeit von Ange­sicht zu Angesicht sein; es kann auch die sogenannte historische Gewißheit, die Überzeugung von der ge­schichtlichen Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes sein. Aber wo auch diese nicht mehr da ist, da ist alle alte Weihnachtskunst unwirksam. Da sind die Men­schen aus einer »leichteren Schulklasse« in eine schwe­rere versetzt; da müssen sie etwas Höheres und Schwe­reres erlernen und erstreben, eine neue Weihnachts­kunst. Da müssen sie ihr Weihnachten aus einer neuen Unsichtbarkeit in neue Sichtbarkeit herausführen. Sie müs­sen viel geduldiger warten, viel gespannter hor­chen, viel tiefer sehen.

Etwa ins Leere? Ja, es ist eine Leere um den modernen Menschen ge­worden. Fortgeräumt ist die ganze Fülle früherer reli­giöser Wahrheiten und Vorstellungen aus der Umge­bung des modernen Menschen. Brückenlos sind die Wasser geworden, die unseres irdischen Daseins Insel umfluten. Stimmen, von denen wir früher glaubten, daß sie von einem »Drüben« her­übergekommen seien, sind an unseren Wänden verhallt oder in der Dürre und im Frost menschlicher Wissenschaft und Theologie zu harten Formeln vertrocknet und erstarrt. Viel Unfug und schlimme Gewalt hat man mit ihnen verübt.

Aber was ist dies? Ist das Drüben herübergekommen zu uns und hat die Tiefe unserer Seele erobert? Wir wissen etwas und erfahren etwas, was gar nicht wie Leere aussieht! Wir sind von etwas ergriffen und er­obert! Wenn eine Leere ist um den modernen Men­schen, so ist es eine Leere, hinter der eine wundersame Fülle ist. Oder eine Leere, über die jene Fülle hinüber­ge­sprungen ist! Wir haben etwas – es hat uns! Es muß nur erst hörbar, sichtbar, singbar wer­den!

Eines jeden Künstlers Werk ist dies: Ein geheimnisvol­les Etwas aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit zu führen, um die Welt »durch die Sichtbarkeit seines Wortes zur Liebe des Un­sichtbaren fortzureißen«. Was aber tut der Künstler? Er wählt ruhig eine der schon vorhande­nen Sichtbarkeiten und kleidet darein die Of­fenbarung, die ihm geworden ist. Und entsteht wie­derum wie bei tausend früheren Meistern auf seinem Bilde der Stall von Bethlehem, liegt wieder ein Kind­lein darin zwischen einer magdlichen Frau und einem anbetenden Manne, kommen Hirten, kommen Könige, das kümmert ihn nicht, und schmähte man auch sein Bild deshalb unmodern. Er weiß, was er getan hat. Er weiß, daß er nicht Legende noch Sage, noch Geschichte gemalt hat, sondern die weihnachtliche Gotteserfah­rung, die ihm geworden ist, Gloria und Jubel und Frie­den und guten Willen und Erlösung von aller Leere. Lange noch singt und klingt es um ihn und sein Bild. Solches Werk kann jeder, und vermöchte er auch nur ein Zweiglein Tannengrün vom Busch zu schneiden und an seine kahle Wand zu heften, ein Kerzlein anzu­zünden. Ein Wörtlein käme von allein, und es wäre ein Lied.

Weihnachten ist ein wundersames Können.

Hier der Text als pdf.

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