„Kein hoffnungsloses Hinnehmen von Unverän­derli­chem“ – Über die christliche Toleranz

ER-ist-unser-Friede

Tolerant hat man zu sein und versteht dabei, dass man Meinungen, Überzeugungen und Prak­tiken anderer Menschen gelten lassen bzw. zu akzeptieren hat. Was für ein Missverständ­nis. Deutlich wird dies durch folgende Fallschilderung: Eine 18jährige Abiturientin aus christ­lichem Elternhaus konvertiert zum Islam und trägt fortan den Hidschāb als Kopfbedeckung. Beim Vater können sich – typi­siert – vier verschiedene Verhaltensweisen zeigen:

  1. Er lässt diese Konversion nicht gelten und verstößt daher seine Tochter: „Was du mir damit angetan hast, ist für mich unerträglich. Du bist nicht länger meine Tochter!“ – Verwerfung (reprobatio).
  2. Er vermag die Konversion seiner Tochter anzunehmen und heißt deren Entscheidung gut, zumindest für sie selbst: „Gut, dass Du jetzt ernsthaft religiös geworden bist, das hilft dir in deinem Leben weiter.“ – Akzeptanz (acceptio).
  3. Ihm berührt die Lebensentscheidung der Tochter nicht. „Das ist mir doch egal, was du mit deinem Leben machst. Das ficht mich nicht an.“ – Gleichgültigkeit (indifferentia)
  4. Er hat die Konversion seiner Tochter wider seine eigene Überzeugung schweren Her­zens zu ertragen. „Ich kann deine Entscheidung nicht nachvollziehen, ich finde sie nicht gut und muss dennoch mit ihr leben, bist und bleibst du doch meine Tochter.“ – Erduldung (tolerantia)

Bei Toleranz geht es – dem Wortsinn nach – um ein Ertragen: Was ich weder wertschätzend an- noch gleichgültig hinzunehmen weiß, muss ich tolerieren. Die eigene Toleranz gilt dem Fremdbleibenden, das mir selbst widerstrebt und das ich nicht zu ändern weiß. Der Toleranz­begriff enthält im­mer auch eine „Ablehnungs-Komponente“ (Rainer Forst); ansonsten macht Toleranz keinen Sinn. Die eigene Toleranz lässt die Überzeugung des anderen nicht prinzi­piell gelten; sie ist keine Akzeptanz, sondern passionierte „Ertragung“ anderer Überzeugun­gen, die nicht mit der eigenen Überzeugung zu vereinbaren sind. Wenn ein Vater in der Ent­scheidung seiner Toch­ter sich selbst nicht wieder­finden kann, ist er mit der eigenen, schmerz­lichen Toleranz her­ausgefordert. Diese Toleranz ist jedoch kein hoffnungsloses Hinnehmen von Unverän­derli­chem, sondern richtet sich an der göttlichen Toleranz des Kreuzes Christi aus, die Versöhnung schafft:

In Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm. Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden ver­kündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“ (Epheser 2,13-17)

Hier mein Text als pdf.

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