Dietrich Bonhoeffer: „Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich“ (aus dem Entwurf zu einem Rundbrief im Advent 1942)

Dietrich Bonhoeffer (Aufnahme 1942 in Zürich) (Mittel)
Dietrich Bonhoeffer (Aufnahme 1942 in Zürich)

Entwurf eines Rundbriefs zum 1. Advent 1942

Von Dietrich Bonhoeffer

Lieber Bruder …!

Am Beginn eines Briefes, der Euch in ernster Stunde zu rechter Freude rufen soll, müssen die Namen der Brüder stehen, die gefallen sind, seit ich Euch zuletzt schrieb: P. Wälde, W. Bran­denburg, Hermann Schröder, R. Lynker, Erwin Schutz, K. Rhode, Alfred Viol, Kurt Onnasch, Fritz’ zweiter Bruder, außer ihnen – vielen von Euch wohl bekannt – Major v. Wedemeyer und sein ältester Sohn Max, mein ehemaliger Konfirmand.

„Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein …“. Wir gönnen es ihnen, ja sollen wir sagen, daß wir sie im Stillen manchmal beneiden? Seit alten Zeiten gilt in der christlichen Kirche die acedia – die Traurigkeit des Herzens, die „Resignation“ – für eine der Todsünden. „Dient ihm mit Freuden“ – ruft uns die Schrift zu. Dazu ist uns unser Leben gegeben und dazu ist es uns bis zur Stunde erhalten. Nicht nur den Heimgerufenen, sondern auch uns Lebenden gehört die Freude, die uns keiner rauben soll. In dieser Freude sind wir mit ihnen eins, niemals aber in der Traurigkeit. Wie sollen wir den freudlos und mutlos Gewordenen helfen können, wenn wir nicht selbst von Mut und Freude getragen sind? Nichts Gemachtes, Erzwungenes, sondern etwas Geschenktes, Freies ist da gemeint. Bei Gott wohnt die Freude und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefaßt hat, dort greift sie um sich, dort reißt sie mit, dort sprengt sie verschlossene Türen. Es gibt eine Freude, die von Schmerz, Not und Angst des Herzens garnichts weiß sie hat keinen Bestand, sie kann nur für Augenblicke betäuben. Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich. Sie leugnet nicht die Not, wo sie da ist, aber sie findet mitten in, gerade in ihr, Gott; sie bestreitet nicht die ernste Sünde, aber sie findet gerade so die [374] Vergebung; sie sieht dem Tod ins Auge, aber sie findet gerade in ihm das Leben. Um diese Freude, die überwunden hat, geht es. Sie allein ist glaubwürdig, sie allein hilft und heilt. Auch die Freude unserer Heimgerufenen ist die Freude der Überwinder – der Auferstandene trägt die Zeichen des Kreuzes an seinem Leibe – wir stehen noch im täglichen Überwinden, sie haben für alle Zeit überwunden. Gott allein weiß, wie fern oder wie nahe schon wir der letzten Überwindung stehen, in der uns der eigene Tod zur Freude werden darf. „Mit Fried und Freud fahr ich dahin …“

Manche von uns leiden sehr darunter, daß sie gegen so viel Leiden, wie es diese Kriegsjahre mit sich bringen, innerlich abstumpfen. Neulich sagte einer zu mir: Ich bete täglich darum, daß ich nicht stumpf werde. Das ist gewiß ein gutes Gebet. Und doch, wir müssen uns davor hüten, uns selbst mit Christus zu verwechseln. Christus erlitt alles Leiden und alle Schuld der Menschen selbst in vollem Maße, ja darin war er Christus, daß er und er allein alles ertrug. Aber Christus konnte mitleiden, weil er zugleich aus dem Leiden erlösen konnte. Aus der Liebe und der Kraft, die Menschen zu erlösen, kam ihm die Kraft mitzuleiden. Wir sind nicht berufen, uns die Leiden der ganzen Welt aufzubürden, wir können im Grunde von uns aus garnicht mitleiden, weil wir nicht erlösen können. Das Mitleidenwollen aus eigener Kraft aber muß zu Boden gedrückt zur Resignation werden. Wir sind nur berufen, voller Freude auf den zu sehen, der in Wirklichkeit mitlitt und der Erlöser wurde. Voller Freude dürfen wir es glau­ben, daß einer da war, da ist, dem kein menschliches Leid und keine menschliche Sünde fremd ist und in tiefster Liebe unsere Erlösung vollbracht hat. Nur in solcher Freude an Chri­stus, dem Erlöser, werden wir allein davor bewahrt, nicht abzustumpfen, wo uns menschliches Leid begegnet, oder auch unter der Erfahrung des Leides zu resignieren. Nur soviel wir an Christus glauben, soviel wir uns an Christus [Der Entwurf bricht an dieser Stelle ab]

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 16: Konspiration und Haft 1940-1945, hrsg. v. Jør­gen Glenthøj, Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, München: Chr. Kaiser Verlag 1996, S. 373f.

Hier Bonhoeffers Brief als pdf.

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