Erik Peterson, Theologie des Kleides: „Das Kleid, das der gefallene Mensch trägt, ist ein «Standeskleid». Es ist ein Kleid aus den Blättern jenes Feigenbaumes, zu dem der Sohn Gottes ging, als ihn hungerte.“

Albe aus Leinen

Auf solch ein Thema muss man erst kommen – Theologie des Kleides. Erik Peterson hatte 1934, also nach seiner Konversion zur römisch-katholischen Kirche, darüber einen Aufsatz für die Benediktinische Monatsschrift verfasst, in dem es unter anderem heißt:

Der locus communis «Kleider machen Leute» birgt einen tiefen theologischen Sinn. Nicht nur «Leute», sondern auch den Menschen «macht» das Kleid, und das darum, weil der Mensch nicht durch sich selber interpretierbar ist, weil das natürliche Sein des Menschen «seiner eigenen Bestimmung nach auf die Hinzufügung der Gnade und die Vollendung durch sie hingeordnet ist». Darum ist Adam also mit übernatürlicher Gerechtigkeit, Unschuld und Unvergäng­lichkeit «bekleidet», weil erst das Kleid seine «Würde» erkennen läßt, und sichtbar macht, wozu der Mensch durch das Geschenk der Gnade und Glorie von Gott bestimmt ist. Aber nicht nur dieses läßt das Paradieseskleid erkennen, sondern auch das andere, daß wie das Kleid zum Menschen erst hinzukommt, so auch Gerechtigkeit, Un­schuld und Unvergänglich­keit als übernatürliche Gnade zu Adam erst hinzukommen mußten, um ihn zu vollenden. Und endlich noch das Letzte: wie das Kleid den Leib verhüllt, so bedeckt auch die über­natürliche Gnade in Adam, was in einer von Gottes Glorie verlasse­nen, in einer sich selber überlassenen Natur an Möglichkeiten vor­handen ist. Die Entartung der menschlichen Natur zu dem, was die Heilige Schrift «Fleisch» nennt, das Offenbarwerden der «Nacktheit» des Menschen, seiner Verderbnis und seiner Verweslichkeit. Es hat demnach einen tiefen Sinn, wenn die katholi­sche Tradition die über­natürliche Gnadenausstattung des Menschen im Paradiese ein Kleid nennt. Der Mensch wird erst durch das Glorienkleid interpretierbar, das freilich — unter einem gewissen Aspekt betrachtet — ihm «äußer­lich» anhaftet, wie das ein Kleid immer zu tun pflegt. Aber in dieser «Äußerlichkeit» eines bloßen «Kleides» kommt etwas sehr Wichti­ges zum Ausdruck, daß nämlich die Gnade die geschaffene Natur, ihre «Unbekleidetheit», wie auch ihre Möglichkeit «entblößt» zu werden, voraussetzt; daß der Mensch sich wohl mit Tugenden bekleiden, aber niemals in Gerechtigkeit, Unschuld und Unvergänglichkeit zu hül­len vermag, und daß der Verlust des Kleides der göttlichen Glorie nicht mehr die «unbe­klei­dete», sondern nur noch die «entblößte» Natur des Menschen enthüllt, deren «Nacktheit» in der «Scham» sichtbar wird.

So «äußerlich» es daher auch für den ersten Blick erscheinen mag, daß Adam und Eva nach dem Fall ihre Nacktheit mit Blättern des Feigenbaumes zu bedecken suchten — wie «äußer­lich», wie inkon­gruent erscheint es doch, daß der Mensch nach der furchtbarsten Tat, deren er mächtig war, nach der Sünde gegen Gott, keine andere Antwort findet, als sich ein Kleid zu machen! — in der «Äußerlich­keit» dieser Reaktion kommt doch das Bewußtsein zum Aus­druck, daß der Mensch in seinem früheren Stande auch die Glorie, die er besessen hat, als ein Kleid getragen hat.

Wie also das Kleid den Leib voraussetzt, den es bedecken soll, so setzt die Gnade die Natur voraus, die sie mit der Glorie vollenden soll. Um dieser Voraussetzung willen ist die überna­türliche Gnade dem Menschen im Paradiese als ein Kleid verliehen worden. Gewiß, der Mensch ist unbekleidet von Gott geschaffen worden — d. h. er hat eine eigene, eine von Gott unterschiedene Natur — aber er ist in dieser Unbekleidetheit seiner Natur für die Beklei­dung mit dem übernatürlichen Gewand der Glorie geschaffen worden; doch durch die Sünde ist der Mensch «entblößt» worden, und nun hat er mit dem Verlust des Kleides der Glorie nicht nur die übernatürliche Bekleidung verloren, sondern auch die Unbekleidetheit seiner von Gott geschaffenen Natur an die «Nacktheit» seiner durch die Sünde «entblößten» Natur ein­gebüßt. Wenn es also inkongruent erscheint, daß die übernatürliche Gnade dem Menschen im Paradie­se nur als ein «Kleid» geschenkt worden ist, wenn es wie ein groteskes Mißverhältnis aus­sieht, daß der Mensch auf den Sündenfall nur in der Form eines Bedeckens seiner körperli­chen Scham reagiert; in der scheinbaren Inkongruenz der Sprache, in dem scheinbaren Miß­verhältnis der biblischen Er­zählung, die den im Zentrum der menschlichen Person vor sich ge­gangenen «Fall» mit der Aufdeckung der körperlichen Scham ver­knüpft, kommt doch in Wahrheit zum Ausdruck, daß wie die Gnade die Natur voraussetzt, so auch der Verlust der Gnade die Entblößung der Natur im gesamten menschlichen Sein enthüllt, sodaß der, der eben noch, wie ein Engel mit göttlicher Glorie bekleidet war, jetzt die Nacktheit seines Kör­pers mit den Blättern des Feigenbaumes bedecken muß.

Das Kleid, das der gefallene Mensch trägt, ist ein «Standeskleid», denn es bringt den status (den Stand) seiner gefallenen Natur zum Ausdruck. Es ist ein Kleid aus den Blättern jenes Feigenbaumes, zu dem der Sohn Gottes ging, als ihn hungerte, und siehe, er fand den Feigen­baum unfruchtbar und seine Blätter verdorrt. Es ist ein Buß­kleid aus den Fellen toter Tiere (Gen. 3,24), um uns zu zeigen, daß wir, die wir in unserem Leibe zwischen Leben und Tod stehen, den Verlust des Paradieseskleides mit der Strafe des Todes bezahlen müssen. Es ist ein Kleid ohne Glanz, das doch den Glanz des ver­lorenen Gewandes der Glorie in den ge­färbten Gewändern der Eitelkeit zu erreichen sucht Ein Kleid, das wohl den Körper be­decken und verhüllen kann, das aber, weil es nicht metaphysisch Scham, Entblößung und Nacktheit der gefallenen Natur zudeckt, zugleich enthüllt, wo es bedeckt, zugleich entkleidet, wo es bekleidet, so daß das irdische Gewand zum Werkzeug der Begierlichkeit und der Ver­führung wird. Es ist ein «bürgerliches» Kleid, das wohl Ehr­barkeit, aber nicht Unschuld, Rechtschaffenheit, aber nicht Gerech­tigkeit auszudrücken vermag. Es ist ein Kleid, das wohl den Tod be­trauern und das Vergängliche verhüllen kann, das am Ende aber als «Totenkleid» doch nur die Nacktheit und Verweslichkeit unserer ge­fallenen Natur enthüllt. Kurz, das Kleid, das der gefallene Mensch trägt, ist Andenken an das verlorene Kleid, das der Mensch im Para­diese getragen hat. Es ist so sehr lebendige Erinnerung daran, daß jede Veränderung und Erneuerung des Kleides in der Mode, die wir bereitwillig auf uns nehmen, weil sie uns einen neuen Ansatz zu einem Verständnis unserer selbst verheißt, doch nur die Hoff­nung nach dem verlorenen Kleide weckt, das allein unser Wesen deuten, allein unsere «Wür­de» sichtbar machen kann.

Hier der vollständige Aufsatz als pdf.

2 Kommentare

  1. danke für diesen Interessanten Artikel.
    Noch ein Hinweis: Das hebräische Wort für Kleid ist „beged“. Aus der gleichen Wortwurzel stammt das Wort „begida“ – Verrat/Betrug. Obwohl im Bericht von Adam und Eva das Wort „beged“ nicht verwendet wird, finde ich es doch bezeichnend, dass „beged“ und „begida“ einen Zusammenhang aufweisen, was ja auch im Artikel zum Ausdruck kommt.
    Liebe Grüsse Brig

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