Erik Peterson, Die Kirche „Ich bin daher der Meinung, daß eine Kirche ohne apostolisches Kirchenrecht und ohne die Fähigkeit, dogmatische Entscheidungen zu fällen, überhaupt als Kirche nicht angesprochen werden kann.“

Erik Peterson
Erik Peterson (1890-1960)

Bevor Erik Peterson im Dezember 1930 im Petersdom in die römisch-katholische Kirche in Rom aufgenommen worden ist, verfasste er seinen Traktat Die Kirche, der 1929 bei C. H. Beck in München erschienen ist. Darin schreibt er unter anderem:

Wahre Kirche ist nur da, wo beides sich findet: die Legitimität, in Rechtsnachfolge »der Zwölfe«, die sich unmittelbar vom Herrn herleitet, und ein Glaube, der, wie bei »den zwölf Aposteln«, genötigt ist, auf Grund des Heili­gen Geistes selbständige Ent­scheidungen zu treffen. Keines dieser bei­den Merkmale darf fehlen, weder die rechtliche Legitimität noch die pneumatische Freiheit. Erst die Verbindung dieser beiden Kennzei­chen macht nämlich die Kirche zur apostolischen Kirche und somit zur Kirche überhaupt. Ich bin daher der Meinung, daß eine Kirche ohne apostolisches Kirchenrecht und ohne die Fähigkeit, dogmatische Ent­scheidungen zu fällen, überhaupt als Kirche nicht angesprochen werden kann. Wir können die Situation »der Zwölfe« nicht umgehen. Wir können weder zurück in das Judenchristentum noch über »die Zwölfe« hinaus, nach Art des Markionitischen Paulinis­mus. Wir sind genau an dieselbe Stelle gebannt, wo auch »die Zwölfe« ihre Entschei­dung treffen mußten. Niemals freilich ist der Kirche von Gott wieder eine so schwere Ent­scheidung zugemutet worden wie damals, als »die Zwölfe« sich entscheiden mußten, ob sie Jerusalem verlassen und zu den Heiden gehen wollten oder nicht. In dieser Entscheidung »der Zwölfe« gründet, ich wiederhole es noch einmal, die Kirche, sowohl historisch wie theo­logisch angesehen, und darum kann nur dieses die Aufgabe der Kirche sein, die Ent­scheidung »der Zwölfe« in allen spä­teren Situationen der Kirche festzuhalten und zu wie­derholen. Man hält die Entscheidung »der Zwölfe« dann nicht fest, wenn man auf Le­gitimität, kirchliche Ämter und Kirchenrecht verzichtet. Man hält aber auch die Entscheidung »der Zwölfe« nicht fest, wenn man der Mei­nung ist, daß es keine dogmatischen Entscheidungen der Kirche geben dürfe, daß vielmehr allein die Heilige Schrift Artikel des Glaubens auf­zustellen habe. In der Möglichkeit der Kirche zu dogmatischen Ent­scheidungen spiegelt sich vielmehr grade die aus dem Heiligen Geist stammende Freiheit »der zwölf Apostel« wider.

Die Formel des Aposteldekrets: édoxe tǭ pneúmati tǭ hagíǭ kaì hēmĩn ist der Beschlußformel der antiken Polis: édoxe tẽ boulẽ kaì tǭ dēmǭ nachgebildet. Wie hinter der antiken Beschluß­formel Anspruch auf Herrschaft steht, so auch hinter der Formel des Aposteldekrets. Die es­chatologische Macht der auf zwölf Stühlen thronenden Apostel muß freilich bei der Trans­po­sition in die Kirche der Heiden in eine neue Form der éousía [Macht] sich wandeln. Damit hört jedoch der Anspruch auf Herrschaft nicht auf.

Die Modifikation im Herrschaftsbegriff »der Zwölfe« ist darin zu se­hen, daß die Abwendung vom Judentum und vom Reichsbegriff der Juden notwendig eine Hinkehr zum pólis-Begriff der Antike in sich schloß. In diese neue Wendung ist dann aber auch der eigentümliche Sprachgebrauch hineinzustellen, der das Wort ekklēsía zum terminus technicus für den Be­griff »Kirche« entwickelt hat. Die profane ekklēsía der Antike ist bekanntlich eine Institu­tion der pólis. Es ist die zum Vollzug von Rechtsakten zusammentretende Versammlung der Vollbürger einer pólis. Man könnte in analoger Weise die christli­che ekklēsía die zum Voll­zug bestimmter Kulthandlungen zusam­mentretende Versammlung der Vollbürger der Him­melsstadt nennen. Der Kult, den sie feien, ist ein öffentlicher Kult und keine Mysterienfeier, und er ist eine pflichtmäßige öffentliche Leistung, eine leitourgía, und nicht eine vom freiwil­ligen Ermessen abhängende Initia­tion. In dem öffentlich-rechtlichen Charakter des christli­chen Gottes­dienstes spiegelt sich wider, daß die Kirche politischen Gebilden wie Reich und pólis weit näher steht als den Freiwilligkeitsverbänden und Vereinen. Hinzu kam noch, daß die Leiter der Kultversammlungen durch die Handauflegung der Apostel legitimiert waren. Die Bischöfe oder Presbyter aber, die von den Aposteln geweiht waren, empfingen notwendig auch etwas von der Machtfülle der Apostel. Waren doch die Apostel, die sie ge­weiht hatten, jene Männer, denen Jesus einst ver­heißen hatte, daß sie auf Thronen sitzen würden, um die zwölf Stämme Israels zu richten. Wo so viel Macht von Jesus verliehen war, mußte sich auch notwendig viel Macht vererben.

Dieses eine Beispiel zeigt zur Genüge, daß die Sentenz von Loisy über das Verhältnis von Reich und Kirche, so blendend sie zunächst auch ist, das Problem doch allzusehr vereinfacht. Gewiß, die Kirche ist nicht das Reich. Aber in der Kirche steckt etwas vom Reich, sowohl vom po­litischen Willen der Juden zum Gottesreich als auch vom Herrschafts­anspruch »der Zwölfe« im Gottesreich.

Es ist richtig, daß der Kirche mit alledem eine gewisse Zweideutigkeit angeheftet ist. Sie ist kein eindeutiges religionspolitisches Gebilde wie das messianische Reich der Juden. Sie ist aber auch kein rein spirituel­les Gebilde, in dem solche Begriffe wie Politik und Herrschaft über­haupt nicht vorkommen dürften, das sich vielmehr darauf zu beschrän­ken hätte, zu »dienen«.

Die Zweideutigkeit, die der Kirche anhaftet, erklärt sich aus dem In­einander von Reich und Kirche. Verursacht ist diese Zweideutigkeit, die einen Moralisten wie Nietzsche an allen christlichen Begriffen im­mer wieder erregt hat, durch den Unglauben der Juden. Solange sie verstockt bleiben, wird auch die Wiederkunft des Herrn und das Kommen des Reiches auf sich warten lassen. Wir überwinden aber die der Kirche anhaftende Zweideutigkeit in uns sel­ber nur damit, daß wir uns in die Entwicklung, die »die Zwölfe« von Jerusalem zu den Hei­den hingeführt hat, hineinstellen und mit »den Zwölfen«, auf Wirkung des Heiligen Geistes hin, an die Eine apostolische Kirche glauben, zu der Gott die Heiden berufen hat, damit, wenn ihre Zahl voll ist, auch ganz Israel selig werde und danach das Ende komme.

Hier der vollständige Text des Traktas als pdf.

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