Søren Kierkegaard – „Das Erbauliche des Gedankens, dass wir vor Gott immer unrecht haben“ (aus Entweder-Oder, zweiter Teil)

Soeren_Kierkegaard

Interessant ist wie Søren Kierkegaard in Entweder-Oder im Hinblick auf eine Rechtfertigungslehre höherer Ordnung das Selbstverständnis als Sünder vor Gott nicht gezwungenermaßen vom Gesetz, sondern von einer ungeschuldeten Gottesliebe her zu bestimmen sucht:

Du liebtest Gott, und darum konnte deine Seele Ruhe und Freude nur in dem Gedanken finden, daß du immer unrecht haben müssest. Zu diesem Gedanken wardst du nicht gezwungen; denn wenn du in dem Reich der Liebe lebst, lebst du auch im Reich der Freiheit. Zu der Gewißheit, daß du unrecht hattest, kannst du daher nicht von der Erkenntnis, das Gott recht hatte; sondern von dem einzigen und höchsten Wunsch der Liebe, daß du immer unrecht haben mußtet, kamst du zu der Erkenntnis, daß Gott immer recht habe. Aber dieser Wunsch ist aus der Liebe und also aus der Freiheit geboren, und du wirst durchaus nicht zu der Erkenntnis gezwungen, daß du immer unrecht hattest.

Es ist also ein erbaulicher Gedanke, daß wir vor Gott immer unrecht haben. Wäre das nicht der Fall, hatte diese Überzeugung nicht ihren Grund in deinem ganzen Wesen, das heißt in deiner Liebe, so würde diese Betrachtung auch ganz anders aussehen. Du hattest erkannt, daß Gott immer recht hatte, das mußtest du erkennen, und aus demselben Grunde mußtest du erkennen, daß du immer unrecht hattest; aber trotzdem konntest du nicht gezwungen werden, dies auf dich selber anzuwenden, diese Erkenntnis in dein ganzer Wesen aufzunehmen. Du sahst ein, daß Gott immer recht hatte und du immer unrecht; aber diese Erkenntnis erbaute dich nichts. Denn wenn du erkennst, daß Gott immer recht hat, dann stellst du dich Gott gegenüber, und ebenso, wenn du aus demselben Grunde zu der Erkenntnis kommst, daß du immer unrecht hast. Wenn du dagegen nicht in Kraft einer vorhergehenden Erkenntnis forderst und davon fest überzeugt bist, daß du immer unrecht hast, dann bist du verborgen in Gott. Das ist deine Anbetung, deine Andacht, deine Gottesfurcht.

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