„Weil sein Gericht über seine Widersacher Vergebung heißt und weil er sich dazu bekennt, darum und nur darum sind wir hier“ – Martin Niemöllers Predigt über Römer 2,1-11 zum Buß- und Bettag 1969

Wilhelm Groß - Hörer göttlicher Rede
Wilhelm Groß – Hörer göttlicher Rede

Predigt über Römer 2,1-11 zum Buß- und Bettag 1969

Von Martin Niemöller

Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit. Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? (Römerbrief Kap. 2, Vers 4)

Am Bußtag zu predigen, ist und bleibt eine undankbare Aufgabe, obwohl es den Bußpredi­gern niemals an Zulauf zu fehlen pflegt. Und die Bußprediger, die am Ende mit ihrem Leben zahlen mußten, sind ja nicht ganz wenige gewesen, vom Täufer Johannes angefangen bis hin – um nur einen der bekanntesten zu nennen – zu Savonarola; und schließlich gehört ja auch Jesus von Nazareth mit in diese Reihe hinein.

Man hört offensichtlich diesen Ruf zur Buße gar nicht so ungern; die Bußtagsgottesdienste pflegen immer gut besucht zu sein. Aber irgendwann und irgendwo schlägt dann die Stim­mung um und verlangt – wir alle kennen es –, daß nun endlich, aber endlich und wirklich Schluß gemacht werde mit dem ewigen Reden von Schuld und Strafe, von Sünde und Gericht.

Einmal im Jahr – heute am Bußtag –, da lassen wir es uns gefallen, da halten wir gern einen halben Tag oder gar einen ganzen Tag der Einkehr und Besinnung. Dann aber muß es mit dem Bußruf wieder einmal zu Ende sein, dann muß es wieder für ein ganzes oder ein halbes Jahr reichen! Zu ungelegener Zeit wollen wir mit diesem Bußruf nicht belästigt werden. Schon die­ser eine Tag oder dieser halbe Tag kann uns zuviel werden, dann nämlich, wenn wir diesen Ruf zur Buße wirklich vernehmen.

Wir glauben ja zu wissen, was mit dem abgegriffenen, kirchlich abgegriffenen und malträtier­ten Wort »Buße« gemeint ist. Es will sagen, daß es sich nicht etwa nur um Schönheitsrepara­turen handelt, um Änderungen und Verbesserungen in unserem gegenwärtigen Zustand, daß es vielmehr gründlich, im Grunde und in der Tiefe, daß es radikal anders werden muß oder müßte mit uns Menschen, wenn es nicht am Ende eben doch auf eine Katastrophe hinauslau­fen soll. Darüber herrscht unter uns Menschen von heute, und ich möchte sagen unter Chri­sten, Juden und Heiden, eine weitgehende Übereinstimmung.

Denn im Grunde sind wir alle, soweit wir uns das ernsthafte Denken nicht überhaupt schon abgewöhnt haben, davon überzeugt, daß die heutige Menschheit bei all ihren Fortschritten und Erfolgen auf keinem guten Weg ist. Viele von uns sehen mit erschütternder Klarheit, daß es so ist; und wer das nicht mit Klarheit sieht, der empfindet es doch mit einer dumpfen Angst; und ganz gewiß sehnen wir uns alle leidenschaftlich danach, daß es zu einem Umschwung kom­men möchte, zu einer Kursänderung, die uns, alle Völker und Menschen, an dem drohenden Untergang vorbei- und von dem gähnenden Abgrund hinwegführen oder -reißen möchte. Es muß aber vieles anders, ganz anders werden, wenn wir noch einmal hoffen und leben wollen.

Wir sind uns auch weitgehend einig über die Richtung, in der wir diese Änderung, diese Ret­tung suchen müssen. Es geht dabei wahrhaftig um eine Umkehr, und das heißt ja wohl »Buße«; es geht darum, daß wir den Haß und die Feindschaft überwinden und loswerden, die unser Beieinanderleben vergiften, daß wir uns um Frieden untereinander bemühen, solange noch Zeit ist, »ehe die Axt dem Feigenbaum an die Wurzel« gelegt wird, daß dieser fürchterli­che Kampf aller gegen alle aufhört, der Kampf, in dem der Mensch des Menschen ärgster Feind ist, der Kampf, der niemals zu Ende kommen will, weil immer noch jemand eine Rech­nung übrigbehält, die beglichen werden soll.

Wie oft haben wir doch in den vergangenen Jahren gemeint, der neue Anfang wäre nun endlich da, und der neue Weg, der vom Abgrund wegführt, wäre beschritten. Hat es unsre Evangelische Kirche nicht mit großer Lautstärke und ohne damit Widerspruch zu finden ausgesprochen, daß auf der Gewalt kein Segen ruht, so daß wir nun endlich aus dieser Er­kenntnis die Konsequenzen ziehen sollten? Und was ist aus all solchen Hoffnungen gewor­den? Der Haß feiert aufs neue seine Triumphe; und da ist es doch wahrhaftig nicht zu verwun­dern, wenn der Zweifel und die völlige Skepsis bei uns die Oberhand behalten. Wir haben es einmal gerne gehört, daß ein neuer Anfang gemacht werden sollte, daß alles gründ­lich anders werden müßte. Aber es wird ja nicht anders. Es ist nicht anders geworden. Und kann es denn überhaupt anders werden? Kann denn »ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Parder seine Flecken«? Darum allgemeine Skepsis, allgemeines Zweifeln: Die Menschen werden ja doch nicht anders, sondern »nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen müssen wir alle unseres Da­seins Kreise vollenden«. Das heißt aber: Der Bußprediger wird zur komischen Figur auf dem Jahrmarkt des Lebens, weil er mit lächerlichem Ernst die Forderung stellt, der Mohr solle doch seine Haut wandeln.

Buße als Umkehr, als wirkliche Umsinnung, Buße als eine Wesensveränderung in der Tiefe, das ist keine, ist wirklich keine menschliche Möglichkeit! Und wenn wir darauf warten wol­len, daß die Menschen anders werden, nun – da können wir lange warten. Und ich kann dazu nur sagen: Laßt alle Hoffnung fahren!

Aber nun ist da noch einer, ein anderer, der wartet darauf, daß die Menschen, soll ich sagen: wir Menschen, umkehren, tatsächlich umkehren, tatsächlich unseren Sinn im Innersten wan­deln, d. h. tatsächlich Buße tun. Und dieser andere, der wartet darauf ebenso leidenschaft­lich, nein, noch viel leidenschaftlicher, noch viel beteiligter, als wir darauf warten und hoffen kön­nen. Und ich würde es überhaupt nicht wagen, das Wort »Buße« noch in den Mund zu neh­men, wenn er nicht wartete, »mit Güte, Geduld und Langmütigkeit« darauf wartete und darauf hoffte. »Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?« Es tut sich etwas zwischen Gott und dir, zwischen Gott und mir, zwischen Gott und uns.

Gott wartet, aber er wartet nicht wie ein unbeteiligter Zuschauer, und er wartet auch nicht wie einer, der nachher nur an dem Ergebnis interessiert ist und nicht am Ablauf der Dinge. Er war­tet nicht wie einer, der einen Einsatz gemacht hat beim Rennen und zum Schluß nur an dem Resultat interessiert ist.

Weißt du es nicht, haben wir es nicht gehört? Vielleicht haben wir es vergessen, daß Gottes Güte etwas anderes und viel mehr ist als ein wohlwollendes, freundliches Zuschauen, das uns­re Sorge und unsre Not mit Sympathie beträufelt und begleitet. Denn das besagt ja die Güte Gottes hier in unserem Text, daß Gottes Güte uns zur Buße leitet; das besagt ja die Güte Got­tes, daß sein Warten ein Tun ist, daß er unsere Sorge zu seiner Sorge, unsere Not zu seiner Not gemacht hat. Und darum wartet er leidenschaftlich, viel leidenschaftlicher als wir selbst.

Es hat keinen Sinn, von Buße zu reden als von einer Leistung, die wir zuwege bringen sollen; es hat wirklich keinen Sinn, und insofern ist der Bußprediger, der so predigt, eine Jahrmarkts­figur. Es hat wirklich keinen Sinn, Unmögliches zu fordern und dann auf dieses Unmögliche Hoffnungen zu bauen zur Rettung einer Menschheit, die sich bereits in Todeszuckungen win­det. Es hat keinen Sinn, wenn wir nicht zuerst und zuletzt die Botschaft hören, daß diese Güte Gottes, diese tätige Güte Gottes, das Unmögliche möglich gemacht hat, daß diese Güte Gottes aus dem Ruf »Tut Buße«, »Kehrt um«, »Ändert euren Sinn« eine Freudenbotschaft gemacht hat. Du bist hier nicht mehr du, du bist hier nicht mehr auf dich allein angewiesen. Denn er, der wartet, und er, der als Wartender handelt, und er, der als für uns Hoffender für uns han­delt, dieser Gott, der lebendige Gott »ward gleich als ein Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden«. Gott begegnet uns als Mensch, und zwar als der wahre Mensch, als der Mensch, der wir nicht sein können; und dieser wahre Mensch, der Jesus heißt, begegnet uns armen Menschen, die wir gefangen sind, gefangen in Feindschaft und in Haß, und die wir aus der Feindschaft nicht herauskommen können. Er begegnet uns in der Güte Gottes, er begegnet uns als der Menschenbruder, an dem alle Feindschaft und aller Haß abprallen, bei dem sie nichts vermögen und nichts zustande bringen. Seine Antwort darauf klingt ganz töricht und ganz sinnlos; seine Antwort auf Feindschaft und Haß heißt Vergebung – und nicht Vergel­tung, sie heißt Güte Gottes – und nicht Gericht; sondern seine Vergebung ist das Ge­richt, und sein Gericht ist die Vergebung.

Vor bald 30 Jahren, da stand vor meinem Zellenfenster im Dachauer Konzentrationslager ein Galgen, und solch ein Anblick ist beunruhigend und veranlaßt jedenfalls nicht nur zum Beten, sondern auch unentwegt zum Fragen. Und dieser Galgen hat mich gefragt, nicht einmal, son­dern viele Male: Was wird geschehen, wenn sie dich eines Tages aus dieser Zelle herausholen und stellen dich auf den Hocker unter diesen Galgen und legen dir die Schlinge um den Hals, und dann wird der Schemel weggezogen, und es ist aus mit dir? Wirst du dann mit der letzten Kraft deine Henker anbrüllen: »Ihr Verbrecher, wartet nur! Es ist noch ein Gott im Himmel, der wird es euch schon zeigen!«

Und mit dieser Frage kam die andere: Wenn dort auf dem Hügel vor den Toren der Stadt Jeru­salem der Mann aus Nazareth, als sie ihn dort an den Galgen nagelten, seine Henker und Mör­der so angebrüllt hätte: »Ihr Verbrecher, wartet nur! Es ist noch ein Gott im Himmel, der wird es euch schon zeigen!« Wir wissen, was dann passiert wäre: Es wäre gar nichts passiert. Ein anständiger Mensch mehr wäre unrechtmäßiger Weise am Galgen hingerichtet worden wie Tausende vor ihm und Tausende nach ihm. Sonst wäre nichts geschehen. Es gäbe keinen Sohn Gottes, keinen, in dem Gott selber uns begegnet in seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit; es gäbe keine Erlösung und keine Versöhnung und keine Vergebung und keine Gemeinde dieses Mannes von Nazareth und keine christliche Kirche. Seine Vergebung ist sein Gericht, und sein Gericht heißt Vergebung: »Vater, vergib ihnen!« Weil sein Gericht über seine Widersa­cher Vergebung heißt und weil er sich dazu bekennt, darum und nur darum sind wir hier, gibt es eine christliche Gemeinde, gibt es eine Christenheit, gibt es eine Frohe Botschaft, und da hören wir die wirkliche Bußpredigt, die christliche Bußpredigt.

Es gibt nur den einen Weg zum Anderswerden, den einen Weg zur Buße, und das ist der Weg, der offen vor uns liegt. An seinem Eingang ist die enge Pforte. Diese enge Pforte hat aber nichts zu tun mit Anstrengungen und Entbehrungen und Askese, die wir erst einmal hinter uns bringen müßten, um den Weg des Lebens zu gehen. Die enge Pforte heißt Vergebung und gar nichts anderes. Gehst du hindurch, dann bist du nicht mehr der alte, dann bist du ein neuer Mensch, einer, der durch das Gericht hindurchgegangen ist. Denn indem ich Gottes Verge­bung annehme, erkenne ich an, daß ich sie nötig habe, erkenne ich an, daß Gott sein Urteil über mich zu Recht gefällt hat. Der alte Mensch muß sterben unter der Vergebung, nur da kann er sterben. Der alte Mensch muß draußen bleiben vor der engen Pforte. Indem du Gottes Vergebung annimmst, lebst du neu, lebst du davon und nur davon und darin allein. Das meint der Apostel, wenn er sagt: »Das Alte ist vergangen.« Zwischen dem alten und dem neu­en Menschen steht der Akt der Vergebung: »Es ist alles neu geworden.«

Man kann auch draußen bleiben, wenn man die Vergebung und damit die Anerkennung des Urteils Gottes nicht will. Man bleibt draußen, wenn einem der Preis zu hoch ist und man sich lieber auf die Reste der eigenen Gerechtigkeit so sehr verläßt, daß man meint, ohne Verge­bung auskommen zu können. Wenn ich das tue, dann muß ich es halt auf mich nehmen, daß ich mit meiner Sorge und mit meiner Angst, daß ich mit meiner Unversöhntheit und mit mei­ner Unversöhnlichkeit, daß ich mit meinem Haß und mit meiner Feindschaft allein bleibe und allein gelassen werde. Denn es ist eine todernste Sache um die Vergebung, die zurückgewie­sen wird, wie es eine wahrhaft befreiende, wahrhaft erlösende Sache ist um die Buße, die angenommen wird. Die christliche Buße wird angenommen, sie wird nicht geleistet. Gott bie¬tet sie uns in Jesus an; sie abweisen, die Vergebung abweisen, das heißt den »Reichtum der Güte, Geduld und Langmütigkeit Gottes verachten«. Und das andere: Dies Angebot der Vergebung und damit der Buße und damit der Erlösung und damit der Versöhnung und damit der Erneuerung annehmen, heißt im Glauben an Jesus Christus um die Güte Gottes wissen.

Liebe Gemeinde! Wir warten darauf, daß die Welt anders werden soll, daß die Menschen, die Völker, die Verhältnisse sich ändern sollen, damit wir wieder hoffen können für uns, für unse­re Kinder und Enkel. Gott wartet nicht darauf, Gott wartet darauf, daß wir selber anders wer­den, daß wir selber den Anfang machen, daß wir selber den Weg unter die Füße nehmen, nicht einen Weg, den wir selber uns wählen, sondern den Weg, den eben dieser Gott und Vater uns in seiner Güte aufgetan hat. In seiner Vergebung bietet er uns die Möglichkeit der Buße und Erneuerung durch seinen Geist, und er will, daß die, die um seine Güte und Vergebung, um diese rechte und einzige Umkehr und Buße wissen, damit ein Salz werden für die Welt. Wir haben nicht zu warten, daß die Welt anders wird, sondern wir haben uns durch Gottes »Güte, Geduld und Langmütigkeit« zur Buße leiten zu lassen, damit Gott uns als sein Salz gebrauchen kann, um die Welt zu ändern. Es geht nicht um die Buße unseres Volkes, nicht um die Buße der Völker, nicht um die Buße der Welt, sondern es geht um meine Buße und um deine Buße, um meine Umkehr und um deine Umkehr, und zwar auf dem Grunde dessen, daß Gott sich zu uns hingekehrt hat in seiner »Güte, Geduld und Langmütigkeit«. Und dann sollen wir es mit dem Propheten halten: »Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.« – »Bekehre du mich, Herr, so werde ich bekehrt.«
Amen.

Gehalten in Konstanz am 19. November 1969.

Hier der Text als pdf.

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