Das ausreichende Brot – Eine Geschichte von Joseph Wittig zu Erntedank

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Image by Bruno Glätsch from Pixabay

Das ausreichende Brot

Von Joseph Wittig

Es liegt eine Krone im tiefen Rhein, aber im Strom der Zeit und im Meer der Vergangenheit liegen noch ganz andere kostbare Dinge. In meiner Jugendzeit sah ich da noch manches schimmern. Ich mußte nur immer durch die Augen meiner Großmutter sehen, da sah ich es. Denn die Augen meiner Großmutter, manchmal auch die Augen meiner Mutter, waren mir wie Ferngläser in eine tiefe Vergangenheit, in der die Menschen noch geschmückt waren mit zwar unsichtbaren, aber doch strahlenden himm­lischen Kronen und in der sie noch alle das Schatzkästlein des Glaubens in ihren Herzen trugen.

Da wir arm waren, kam als einziges Buch im Jahre der Kalender in unser Haus, und der war nun mein Studium das ganze Jahr hindurch. Wohl erfreuten mich auch die Geschichten hin­ten, aber die tiefste Quelle meiner Freude und meines jungen Wissens war das Kalendarium mit seinen geheimnisvollen Zeichen, der »Goldenen Zahl«, dem »Sonntagsbuchstaben«, den Sternbildern des Tierkrei­ses, den Mondphasen. Auch die heiligen Namen eines jeden Tages studierte ich genau. Die Tage kamen mir nicht bloß wie gestaltlose Zeiten, sondern wie wirk­liche Wesen und Gestalten vor. So zum Beispiel kam mir nicht bloß der 29. September, son­dern der Erzengel Michael kam und blieb bei mir den ganzen Tag.

Die Großmutter mußte mir alles erklären. Und sie konnte es auch, weil ihre Augen so tief in die Vergangenheit reichten. Das hat mich eigentlich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, immer verbunden mit dem Himmel und der Erde und alle den wunderbaren Mächten, die darin walten. Und an jedem Morgen beginnt für mich ein Feiertag, so daß ich mir am liebsten immer die Sonn­tagshosen anziehen möchte.

»Großmutter, hier steht ›Erntefest‹. Die Ernte ist doch schon lange in der Scheuer. Feiert sie ihr Erntefest in der Scheuer?«

»Ja, richtig, Junge! Das hätte ich ja bald vergessen! Komm, wir gehen gleich in die Scheuer! Du mußt dir aber erst dein Gesicht waschen lassen, und auch die Hände. Komm, ich will dich kämmen und dir auch ein wenig die Hosen bür­sten!«

Sie setzte sich selbst ihr schönstes Häublein auf, nahm mich bei der Hand und ging mit mir in die Scheuer. Und es war ganz feiertäglich um uns beide. Als die Großmutter das Scheunentor öffnete, hatten ihre Hände etwas Andächti­ges. Es kann sein, daß sie mir anfänglich etwas vormachen wollte, aber jetzt war sie schon darüber hinaus; jetzt war sie mitten im feierlichen Tun, bei dem sie nur dies wollte und nichts anderes. Sie hatte auch meine Hand schon losge­lassen und schritt dahin, wie ein Traumwandler dahin­schreitet. Wahrhaftig, mir war, als wäre die Scheuer auf einmal eine Kirchenhalle. Die Ähren, die aus Bansem und Aterboden quollen, leuchteten golden.

Und es war eine solche Stille, daß es wie ein mächtiger Introitus klang, als die Großmutter mit betender und froh­lockender Gebärde zum Bansem ging und sagte: »Seid vieltausendmal ge­grüßt, ihr abertausend Ährlein Gottes, und ich gratuliere euch zu dem schönen Feste, das ihr heute feiert!«

Ganz ergriffen lief ich der Großmutter nach, faßte sie an der Schürze und sagte: »Großmutter, das ist aber schön!«

Großmutter legte mir ihren Finger auf den Mund und sprach ganz leise zu mir: »Sei einmal ganz still und horche!« Zugleich drückte sie meinen Kopf sanft an den Bretterver­schlag des Bansems.

»Bis zum Erntefest«, sagte die Großmutter noch, »ist das Erntegetreide wach. Da knistert’s in einem fort, im Bansem, auf dem Aterboden. Manchmal leise, wie wenn ein Kind seinen Arm um die Schultern des anderen legt; Manchmal hell, wie wenn es dem anderen einen Kuß gäbe; Manchmal so rasch, wie wenn sie sich etwas erzählen; Manchmal so andächtig, wie wenn sie beteten.« »Ja, Großmutter, ich höre es auch! – Und wie ist es denn nach dem Erntefest?«

»Nach dem Erntefeste wird das Knistern immer leiser. Die Ähren schlafen ein und träumen einen ganz süßen Traum. Engel kommen und enthülsen die Körnlein. Einige von den Körn­lein dürfen wieder, heidi, auf den Acker springen, und im Acker sind tausend warme Bettlein. Dort erwachen sie auf einmal wieder, und dann ist ein neuer Frühling; sie sehen die blaue Kornblume und den roten Mohn, und sie wachsen wieder in Halm und Ähre.« »Ja, Großmut­ter!« »Und die anderen träumen einen noch viel schöneren Traum. Sie sehen sich auf einmal in einem ganz weißen Kleide und kommen sich so leicht vor, wie man sich manchmal im Traum vorkommt. Und dann tanzen sie mit jedem Windlein, und machen auch den Müller und den Bäcker ganz weiß. Und dann! Denk dir, Junge! Dann sind sie auf einmal wirkliche Menschen! Sowohl du wie auch ich, wir sind aus dem Getreide geworden, das so wie dieses im Bansem lag und auf dem Aterboden!« »Ja, Groß­mutter!«

»Den allerschönsten Traum aber träumen einige Weizen­ähren. Sie träumen von einem gol­denen Altar und einem weißgedeckten Altartisch, und viele Kerzen leuchten auf sie nieder. Da kommt ein wunderbares Wort über sie, das Jesus einmal gesagt hat und das nun durch die ganze Welt geht und sich immer wieder einmal über ein Weizenbrot breitet. Und das heißt: ›Nehmet hin und esset alle davon, denn dies ist mein Leib!‹ Und wahrhaftig, jetzt sind sie nicht mehr Weizenbrot, jetzt sind sie Jesus selber!« »Ja, Großmutter!«

Ich weiß nicht mehr, wie wir aus der Scheuer herausgekom­men sind. Es ist mir sogar, als wäre ich jetzt noch mit meiner Großmutter darin. Die Sonne steht am Erntefest schon sehr schräg zu unserer Erde, und sie kann mit ihrem Schein schon sehr tief in die Scheuern hinein. Sie traf eine ganze Reihe überhängender Ähren, und die leuchteten nun wie Altarkerzen.

Hier der Text als pdf.

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