„dass die Ablösung wartet auf die unter der Macht des Todes Stehenden, die Angefochtenen und Verzweifelnden“ – Eine Predigtmeditation von Claus Westermann über Hiob 14,1-6

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Hans Fronius – Hiob II (1969)

Am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr ist nunmehr Hiob 14,1-6.13.15-17 die alttestamentliche Lesung. Claus Westermann hatte seinerzeit dazu eine Predigtmeditation geschrieben, die noch immer lesenswert ist:

Hiob 14, 1-5

Von Claus Westermann

Vorbemerkung

Im Plan ist als Text der Abschnitt 14, 1-5 angegeben. Das Ab­schneiden des Textes mit V. 5 ist deswegen schwer möglich, weil V. 5 ein mit „wenn“ beginnender Vordersatz ist, dessen Nachsatz V. 6 darstellt. In der Lutherbibel allerdings ist V. 5 zu einem selbstän­digen Satz gemacht und durch den Druck V. 6 als Anfang eines neuen Abschnittes bezeichnet (das ist in der neuen Revision der Übersetzung geändert!). Aber auch abgesehen vom Grammatischen ist V. 1-5 kein in sich vollständiger Zusammenhang; ohne V. 6 ist 1-5 nicht zu verstehen. – Je­doch auch 14,1-6 ist in der Rede Hiobs ein fragmentarischer Abschnitt. Der mit 14, 1 begin­nende Redeteil geht eigentlich bis zum Ende des Kapitels; aber man kann bei V. 15 einen Ein­schnitt machen. Auf jeden Fall sollten, wie die Exegese be­gründen wird, die Verse 13-15 zu 1-6 hinzugenommen werden. V. 7-12 sind ein in sich geschlossenes Kontrastgleichnis (die Hoff­nung des Baumes – des Menschen), das im Zusammenhang zur Not entbehrt werden kann. Die Verse 13-15 jedoch sind so wichtig und in sich so bedeutsam, daß sie hier nicht abgeschnitten werden dürfen.

I

Zur Exegese. Der Zusammenhang: Kap. 12-14 ist die den ersten Redegang beschließende Rede Hiobs. Der Aufbau dieser Rede ist kurz folgender: Hiob wendet sich zuerst direkt an die Freunde (12, 1-13, 2): sie haben sein Leiden nur noch schwerer gemacht durch ihre Polemik, haben ihm aber nichts sagen können, was er nicht auch so schon wußte. Eingeschlossen in diese Streitrede ist 12,10-23 ein Lob des Herrn der Schöpfung, in dem die unbegreifliche, vernichtende Majestät Gottes herausgestellt wird. In 13, 3, fortgesetzt in 14-16, beginnt etwas Neues: Hiob wünscht, Gott zu begegnen. Dazwischen wendet er sich noch einmal an die Freunde (13, 4-12). Sie haben in ihrem Trostamt versagt, sie haben „für Gott Falsches gere­det“; er kann sie jetzt als Instanz nicht mehr anerkennen. Nun appelliert er an Gott (13-22) und bringt seine Anklage vor ihn (23-27). Am Ende des 13. Kapitels muß man sich eine lange Pause denken: Hiob wartet, daß Gott rede. Aber Gott schweigt. – In dieses Schweigen hinein erhebt Hiob die Klage über die Vergänglichkeit (Kap. 14) nach den beiden Seiten: das Todes­schicksal des Menschen (14, 1-6) und die Hoffnungslosigkeit (7-12). Es könnte eine Hoffnung geben: sie zeigt der Wunsch 13-15. Im Schluß des Kapitels verbindet sich erschütternd Ankla­ge Gottes und der Blick in die Todeszukunft.

14, 1-6: In 13, 25 richtet Hiob an Gott die Frage: „Willst ein verwelktes Blatt du scheuchen?“ und leitet damit schon über zu der großen Vergänglichkeitsklage Kap. 14. Sie steht auf dem Hinter­grund des Schweigens Gottes auf Hiobs Herausforderung in Kap. 13. Das Schweigen Gottes wirft Hiob zurück auf sein vom Tod ein­gegrenztes Menschenleid. In den ersten Versen von Kap. 14 klingt das lange Schweigen noch nach. Es sind schwere, feierlich-dunkle Worte, die etwas von der Majestät des Todes in sich tragen (hinter V. 2 ist 13, 28 zu lesen). Vers 1 ist das Musterbeispiel eines „lapi­daren“, eines in Stein gehauenen Satzes. Der Satz will und kann nicht das Wesen des Menschen beschreiben, wohl aber beschreibt er eine Seite des Mensch­seins, an der das alltägliche Reden des aktiven Menschen rasch vorbeigeht oder die es igno­riert. Dieser erste Satz des 14. Kap. ist in sich ein dichterisches Meisterwerk, wie es nur ganz selten einmal gelingt. Geburt, Tod und das die Spanne zwischen beiden Erfüllende ist hier in einzigartiger Dichte in einen einzigen Vers gefaßt. Zu erklären ist daran nichts. – In den näch­sten beiden Versen, 14, 2 und 13, 28 klingt das in V. 1 Gesagte nach in zwei Bildern, die die Vergänglichkeit schildern. Beide sprechen zu uns heute, wie sie damals zu den Hörern dieser Worte sprachen.

Dem steht der Ausruf V. 3 entgegen, seinem Sinn nach eine Frage: Warum, Gott, läßt du die­ses Fünklein Menschenleben nicht zu­frieden, warum läßt du nicht die kurze Spanne Dasein sich ausleben? „Und über einem solchen hältst du dein Auge offen!“ d. h. auf diesen winzigen auf- und absteigenden Bogen paßt du auf und kontrollierst jede Bewegung und registrierst jedes Versagen „und ihn bringst du vor dich ins Gericht!“ Hinter diesen rebellischen Worten steht das bei der Bitte in den Psalmen oft begegnende Motiv, Gott dadurch zur Erfüllung einer Bitte zu bringen, daß man sich selbst klein macht (ein schönes Beispiel Am 7, 5). Dieses Mo­tiv ist hier bis in seine äußerste Konsequenz durchdacht. Vers 5 (der 1-3 noch einmal auf­nimmt) und 6 sprechen nun die Bitte aus, die aus der Gefangen­schaft in das Todesschicksal erwächst: „Wenn denn seine Tage ab­gemessen, die Zahl seiner Monate bei dir festliegt … so blicke fort von ihm und laß ab …!“ Fast dieselbe Bitte stand schon 10, 20-22 (vgl. Ps 39, 14). Eine sehr seltsame, auffällige Bitte! Sie scheint zu­nächst im Widerspruch zu der häufigen Bitte um Gottes Zuwendung zu stehen (gerade vorher 13, 24 a), die voraussetzt, daß die Zu­wen­dung des Angesichts Gottes Leben bedeutet, das Abwenden aber Leid und Tod. Hier dagegen bittet Hiob: Blicke fort von mir! Die darauf folgenden Worte zeigen, daß die Bitte von V. 3 her zu ver­stehen ist: es ist der überwachende Blick Gottes gemeint, den Hiob nicht mehr ertragen kann. Das Los des Menschen gleicht dem des Tagelöhners; das wenigstens möge Gott dem Menschen gönnen, daß er, wie der Tagelöhner in seinen begrenzten Arbeits­pausen, sich seiner kurzen Tage im Schatten des Todes freue, ohne daß Gott auf­passend und strafend auch noch dieses wenige an Glück erschwert und belastet. Die Bitte V. 6 entspricht also ganz genau dem Ausruf V. 3; und wie V. 3 sich auf 1-2 bezieht, so V. 6 auf V. 5, der nur das in 1-2 Gesagte noch einmal aufnimmt. Es ist also ein äußerst straffer Gedankengang, der von V. 1 zu V. 6 führt; schneidet man V. 6 davon ab, so kann der Sinn des Abschnittes nicht klar werden.

Vers 4, der bisher bewußt beiseitegelassen war, ist in diesem Ge­dankengang eine Parenthese. Sie ist nur ganz locker an V. 3 ange­schlossen: von dieser Aufsicht Gottes ist kein Mensch ausgenommen, denn kein einziger Mensch ist ganz rein. Das ist in der Form eines Wunsches ausgesprochen (die meisten Übersetzungen lassen das nicht erkennen; er ist genau so eingelei­tet wie V. 13, der allgemein als Wunsch übersetzt wird): „Ach, wenn doch ein Reiner vom Un­reinen käme! – Nicht einer!“ Dieser hier ganz unvermittelt einge­fügte Wunsch zeigt wie ein eben nur aufblitzendes Lichtsigna], von wo Hiob eine Wandlung des Menschenschicksals erwarten könnte: käme ein einziger, gegen den Gott der Richter keinerlei Handhabe hätte, dann wäre damit die Situation des ganzen Men­schengeschlechts Gott gegenüber eine andere: die Mauer der Todverfallenheit wäre an einer Stelle durchbrochen. Aber dieser Wunsch läuft in die Feststellung aus: nicht einer! Und so sieht auch diese Parenthese V. 4 nicht wirklich hinaus über die Mauern des Todes­gefängnisses. Es bleibt der resignierende Wunsch (6), Gott möge dem Menschen wenigstens in diesem Gefängnis seine Ruhe lassen.

Die Verse 7-12 stellen die ergänzende Seite der Todverfallenheit dar: die Hoffnungslosigkeit, und zwar in einem Kontrastgleichnis. Diese Gegenüberstellung der „Hoffnung“ eines Baumes und der Hoffnung eines Menschenlebens stellt ein Spezifisches am Mensch­sein des Menschen heraus: ein Baum kann abgehauen werden und ist dann doch nicht in der Weise tot wie ein Mensch, der gestorben ist. Von allen Kreaturen ist nur für den Menschen der Tod eine ins Dasein ragende Macht, die im Wissen um die Unentrinnbarkeit des Todes wirksam ist. – Im einzelnen gehe ich auf die Verse 7-12 nicht ein; für die Predigt können sie ausgeklammert werden.

An diesen zweiten Teil der Vergänglichkeitsklage (7-12) schließt ein Wunsch, der Bitte 5-6 entsprechend, aber wesentlich über jene Bitte hinausführend. In diesem Wunsch ist schon das Bekenntnis der Zuversicht angedeutet, das dann in der nächsten und übernächsten Rede Hiobs durchbrechen wird. Wie Hiob sich dort vor Gott zu Gott flüchtet, so bittet er hier Gott, ihn vor Gottes Zorn zu verstecken. Hier wird deutlich, wie Hiob wirklich zu Gott steht. Er bestreitet zwar Gott den Rechtsgrund für den Zorn, in dem er an ihm handelt; aber sollte es wirklich einen Platz im All geben, an dem ein Mensch vor Gottes Zorn sicher sein könnte, dann wüßte Gott allein diesen Ort und Gott allein könnte ihn dort verstecken. Dieses Verstecken ist aber nur ein Bewahren bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Hoffnung – das will Hiob sagen – gäbe es für den auf seinen Tod zugehenden Menschen, wenn es in der sich erstreckenden Zeit einen Augenblick gäbe, der außerhalb der Schwerkraft des Todes ist. Diesen Augenblick ersehnt Hiob: „… einen Termin mir setztest und dann meiner gedächtest!“ Gäbe es diesen einen der Todes­zeit entnommenen Augenblick, dann könnte Hiob alles ertragen: „Alle Tage meines Dienstes wollte ich ausharren, bis meine Ab­lösung käme.“ In diesen Zeilen ist auf der Seite der Wartenden, auf der Seite, die von Christus und der Auferstehung noch nichts weiß, im sehnsüchtigen Ausblick genau das gesehen, was nach Christus der Glaube an die Auferste­hung ist! An die Auferstehung der Toten glauben heißt genau das als Wirklichkeit glauben, was Hiob hier sehnsüchtig sich wünscht.

Der letzte Satz dieses Wunsches: „… dann würdest du rufen und ich dir antworten; nach dem Werk deiner Hände sehntest du dich“, steht in einer erstaunlichen Nähe zum Schluß des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Darin würde das dem Tod verfallene Menschendasein heil, darin würde es erfüllt, daß die Beziehung zu Gott in Wort und Antwort heil wird. Wenn dies heil ist, dann ist alles heil; dies wäre Seligkeit. Und Hiob weiß: hätte er Aussicht auf diesen einen Augenblick, in dem die Bedrohung seiner Existenz durch das Schweigen Gottes schlechthin aufgehört hat, dann könnte er in diesem Leben auch das Schwerste ertragen: „all meine Dienstzeit würde ich ausharren, bis meine Ablösung käme“. Dann hätte sein Leben auch in dem Schwersten, das er durchzustehen hat, einen Sinn: er kann auf diesen Augenblick der Ablösung warten, in dem Gott ihm wieder freundlich ist, zu ihm spricht und ihn anhört in wieder heiler Gemeinschaft.

Eine Anmerkung zum Text: Vers 14 a: „Wenn ein Mensch stirbt, wird er wieder lebendig?“ gehört hinter den ersten Satz von V. 12.

II

Zur Predigt. Wie der Abschnitt 14,1-5, für sich genommen, verkündigt werden sollte, wüßte ich nicht. In 14, 1. 2. 5 wird die Vergänglichkeit des Menschen konstatiert. Um sie zu konsta­tieren, bedarf es keiner Offenbarung. V. 3 ist ein Sichaufbäumen gegen das Handeln Gottes an diesem dem Tod verfallenen Menschen. Und V. 4 ist ein ohnmächtiger Wunsch, der wieder durchgestrichen wird durch die Feststellung: es gibt keinen Fehlerlosen. Eine Predigt über diesen Text müßte geradezu in einem Verneinen des in ihm Gesagten be­stehen; der Text könnte dann nur die dunkle Folie abgeben, von der sich die Verkündigung abhebt. Die Bitte V. 6, auf die 1-6 zugeht, ist überhaupt nur zu verstehen als das Wort eines mit der Ver­zweif­lung Kämpfenden. Es sind Worte der Abwehr, die Hiob hier in V. 3 spricht, Worte eines Kämpfenden. Es wäre geradezu eine Verfälschung des mit diesen Worten Gemeinten, löste man sie aus diesem Zusammenhang und machte aus ihnen eine zeitlose Be­trachtung über die Sterblichkeit des Menschen.

Nimmt man dagegen V. 13-15 hinzu, so tritt der Text damit in ein ganz anderes Licht. Dann kann man 1-6 in die Predigt auf­nehmen als das, was sie sind: Worte eines Angefochtenen, der von der in sein Dasein hineinragenden Macht des Todes schwer getroffen und schwer ange­schlagen ist. Man kann dann an diesen Worten Menschen unserer Zeit und unserer Welt deutlich machen, daß ein neutrales, vom Zuschauersitz aus gesprochenes Wort über die Ver­gänglichkeit des Menschen sehr erbaulich sein kann, aber angesichts der wirklichen Macht des Todes, wie sie hier in Hiobs Leben hinein­wirkt, wertlos ist. Man kann zeigen, wie das hier vom Tod Gesagte wirklich ernst ist, und deshalb auch gefährlich und durchaus anfecht­bar und rebellisch. Die Bilder 14, 2 und 13, 28 bekommen dann eine unheimliche Prägnanz und ver­lieren alles Idyllische; sie sind aus dem Text unverändert herüberzunehmen in gegenwärtige Erfahrungen der Todesmacht in unserem eigenen Dasein; an Beispielen fehlt es da nicht. Das rebellische Wort V. 3 hat seine Varianten in unserer Zeit und für die Bitte 5-6 lassen sich im Schatten der Weltkriege und Katastrophen unseres Jahrhunderts genug Entsprechungen fin­den; in jeder Gemeinde heute werden wir auf Verständnis treffen, wenn wir diese Worte Hiobs als die eines mit dem Verzweifeln Kämp­fenden erklären.

Aber dies alles ist dann nur der eine Teil der Predigt! Und wie im Text die Bitte 5-6 ver­schlungen wird von dem Wunsch 13-15, der eine gänzlich andere, dem Tod enthobene Wirk­lichkeit anvisiert, so ist auch in der Predigt durch diesen Wunsch Hiobs hindurch diese andere Wirklichkeit zu verkünden, die so, wie Hiob sie hier ersehnt, Geschichte geworden ist. Die Exegese hat angedeutet, wie nahe die­ser Wunsch dem ist, was durch die Auferstehung Christi eine neue Möglichkeit für den Glaubenden wurde. Indem die Worte dieses Wunsches in Per­fekta umgesetzt werden, kann in ihnen verkündet werden, daß der von Hiob ersehnte Termin tatsächlich von Gott ge­setzt wurde, daß Gott derer gedachte, „die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen“, daß die Ablösung wartet auf die unter der Macht des Todes Stehenden, die Angefochtenen und Verzweifelnden.

Quelle: Georg Eichholz (Hrsg.), Herr, tue meine Lippen auf. Eine Predigthilfe, Bd. 5: Die alttestamentlichen Perikopen, Wuppertal-Barmen 31964, 561-567.

Hier der Text als pdf.

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