„Vollkommen wie der Vater im Himmel ist jeder, der seinen Feind ein Stücklein mitfahren lässt“ – Joseph Wittigs „Der Vollkommene“

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Der Vollkommene

Von Joseph Wittig

Ich habe einmal einen vollkommenen Mann gekannt. Es war der Schmidlerbauer in der Saft­quetsche oder wie das kleine Tal zwischen der Heuscheuer und dem Glatzer Schneeberge hieß. Er war zunächst bekannt als vollkom­men im Fluchen und Prügeln. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt vielmehr darauf an, daß er mit seinem Nachbarn seit sieben Jahren eine grimmige Feindschaft hatte. Und es war an einem Tage, an dem der Herrgott von früh bis spät regnen ließ über Gerechte und Ungerechte, viel, viel mehr, als es den Gerechten wie den Un­gerechten lieb war. Ich wanderte die Straße entlang und führte mit ihr allerhand theologische Gespräche. Die Straße aber sagte bei jedem Schritt, so oft ich den Stiefel aus dem dicken Kote herauszog: »Quatsch! Quatsch!« Dieser ausdauern­den Beleidigung eines Theologen machte der Schmidlerbauer, der gerade an mir vorüberfuhr, ein Ende, indem er mich aufforderte, ein Stücklein mitzufahren. Er fuhr zum Rechtsanwalt und erzählte mir die Sache mit seinem Nachbarn. Ich hatte damals zu wählen zwischen Rindvieh und Apostel; ich hätte den Bauern zum Frieden mahnen kön­nen, ließ es aber und tat nur wie das Rindvieh, das den Wagen zum Rechtsanwalt zog. Ich zog mit, indem ich dem Bauern recht gab. »Prinzipiell«, sagte ich, »muß ich Ihnen recht geben.«

»Was meinen Sie mit dem Prinzen?« fragte er, und es lag in seiner Stimme etwas Beginnen­des, das wie Zorn aussah. »Nun, ich meine…«

»Ah, sehen Sie«, unterbrach mich der Bauer, als wir gerade um eine Straßenbiegung herum­fuhren, »dort geht der Kerl, der verfluchte Labander. Der läuft auch aufs Gericht!«

Da unsere beiden Ochsen nur langsam durch den Kot kamen, fuhren wir ziemlich lange hinter dem »bösen« Nachbarn. Da muß Jesus, der auch auf allen Wegen zu finden ist, hinten auf den Wagen geklettert sein, denn der Bauer rückte manchmal nervös mit den Schultern, wie es so die Bauern machen, wenn sie fühlen, daß sich hinten am Wagen jemand angehängt hat. Und auf einmal sagte der Bauer: »Es ist doch eine verteufelte Geschichte, daß man wegen so eines verfluchten Kerls durch Dreck und Speck in die Stadt fahren muß. Wir könnten doch wie Brü­der mit­einander leben.« »Ja, ja«, sagte ich.

Der böse Nachbar ging immer langsamer. Er spürte ein Fuhrwerk hinter sich und hoffte, ein Stücklein mitfahren zu können. Aber er ging doch, wenn auch langsam, und überlegte sich, was er bei seinem Rechtsanwalt alles gegen den Schmidlerbauern vorbringen wollte.

»Quatsch! Quatsch!« sprach die Straße bei jedem Schritt und Gedanken. Und der Nachbar war so weit philoso­phisch geschult, daß er diese Sprache verstand.

»Ja, es ist ein wirklicher Quatsch!« brummte er ungeduldig in den Bart.

Unterdes hatte Jesus die Zügel in die Hand genommen, an denen er das Herz des Schmidler­bauern leiten wollte. »Tschühü«, rief er dem Bauern zu, um ihm zu sagen, daß er seine Fahr­richtung ein wenig ändern sollte.

Da zwinkerte mir der Bauer zu: »Ich will mir jetzt einen Spaß machen; ich will dem ver­dammten Kerl sagen, er soll ein Stücklein mitfahren!«

O Bauernherz, ich kenne dich! Mit dem Spaß willst du nur etwas verhängen, was da in dir vorgeht!

»Guda Nochmetts!« rief der Bauer dem vor uns stapfenden Prozeßgegner zu, »mir sein zwor biese, ober a Steckla mitfohrn kenda Se ju woll!«

Die Straße hörte auf einmal auf, Quatsch, Quatsch zu sagen, denn der Nachbar blieb stehen und sah sich um, so langsam, wie sich manchmal unsere alte Kuh umsah. Und dann muhte er auf, auch ähnlich wie unsere alte Kuh, und sagte:

»Nu ju, ’s is ne schien ei dar Pontsche!«

Und er kletterte richtig herauf, und wir saßen dicht gedrängt zu dreien auf dem kurzen Kut­scherbrett des Brettwagens.

»Tschühü, tschühü!« rief Jesus seinem Pferde, dem Schmidlerbauern, zu.

»Wu giehn S’n hie?« wieherte das Pferd, der Schmidlerbauer.

»Ich gieh ei de Stodt, ich will meine Garschte verkeefa.«

»Tschühü, tschühü«, rief Jesus seinem Pferde, dem Schmidlerbauern zu.

»On i, ich wil ei de Stodt on wil Garschte keefa

Hiermit war das Gespräch abgebrochen. Da stieß mich Jesus in die Seite und sagte: »Du könntest auch besser wissen, wohin ich fahren will. Tschühü!«

Endlich kam mir die Erleuchtung! »Da könnten Sie ja eigentlich das Gerstengeschäft schon hier abmachen oder daheim im Trockenen!«

Kaum hatten dies ein paar Engel gehört, da nahmen sie ihre Regenkannen und gossen sie auf einmal über uns drei aus. Das gab den Ausschlag.

»’s is eigentlich wohr«, sagte der Schmidlerbauer.

»’s is wohr«, sagte der Nachbar.

Der Schmidlerbauer ist vollkommen, wie auch unser Vater im Himmel vollkommen ist, denn er hat zu seinem Feinde gesagt: »Guda Nochmetts!« Sonst kein Wort von Versöh­nung, son­dern nur von der Gerste. Aber ich glaube, es ist zwischen beiden gut geworden. Der Schmid­lerbauer drehte mit seinem Wagen um und fuhr Seite an Seite mit seinem Feinde heim wie Bruder mit Bruder. Ich stieg ab und stiefelte zur Stadt. Der Kot der Straße war zu lauter Pfütze geworden, und bei jedem Schritt sagte die Straße jetzt: »Siehste, siehste!«

Ich sollte sehen, daß das Streben nach Vollkommenheit nicht ein verzagtes Hasten nach uner­reichbaren Höhen ist. Vollkommen wie der Vater im Himmel ist jeder, der seinen Feind ein Stücklein mitfahren läßt, auch wenn er, um sich auszureden, sagt: »Ich will mir bloß einen Spaß ma­chen.«

Hier der Text als pdf.

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