„Die Schönheit wächst aus dem Sein heraus; sie kann nicht hinzugetan werden“ – Joseph Wittigs „Die schöne Mutter“

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Image by Hans Braxmeier from Pixabay

Die schöne Mutter

Von Joseph Wittig

Als meine Mutter noch jung war, ich meine so ungefähr mit vierzig Jahren, sagte sie sonntags früh: »Ich muß mich jetzt schön machen für die Kirche«, und stellte sich ein wenig vor den Spiegel und legte ihr dunkelbraunes Haar an den Schläfen in eine leichte, feine Wellenlinie. Das war ihr einziger Sonntagsschmuck, den sie sich antat. Da trat wohl manchmal mein Vater zu ihr und sprach: »Du bist ganz von allein schön!« Er wartete darauf, daß ihm die Mutter Kragen und Schlips umbände, denn er wollte doch auch schön sein, wenn er mit der Mutter in die Kirche ging!

Seitdem beobachtete ich gern, ob ein Mensch oder ein anderes Ding von allein schön oder ob es erst schön gemacht worden ist, und bekam allmählich heraus, daß nur das, was ganz von allein schön ist, auch wirklich schön ist, alles andere Schöne aber nicht. Das war aber nicht ganz so leicht zu erkennen. Denn das, was von allein schön ist, hat eine so ganz stille, zarte Schönheit, während das, was schön gemacht ist, eine laute, schreiende Schönheit hat.

Von allein schön ist die Wiese und ist der Wald und ist der Steig, der im Laufe der Jahrhun­derte am Waldsaum ent­lang geworden ist. Die meisten Menschen sahen aber diese Schönheit nicht; sie meinten, der Schloßgarten mit seinen gepflegten Beeten und Hecken, der Schloß­park mit seinen Promenadenwegen, das sei das eigentlich Schöne.

Die Maler wissen dies schon seit vielen Jahrhunderten. Sie malen ein altes, verfallenes Haus, an dem schon lange nichts gemacht worden ist, viel lieber als eine feine Villa, der man es von vorn und hinten ansieht, daß sie mit aller Klugheit und List schön gemacht worden ist.

Jetzt reden es ja viele den Malern nach und kaufen sich ganz gern ein Bild mit Wiese und Wald und armseligen Hütten, aber sie wenden es nicht auf ihr eigenes Leben an. Sich selber wollen sie immer wieder schön machen und achten wenig darauf, daß sie erst von allein schön sein müssen, wenn sie wirklich schön sein wollen.

Bei abertausend Dingen, die wirklich schön sind, kann man feststellen, daß sie ganz und gar ohne menschlichen Ein­griff und ohne menschliche Berechnung schön geworden sind. Wenn man dagegen absichtlich einmal etwas schön machen will, kann man hundert gegen eins wet­ten, daß es nicht die stille, verborgene wirkliche Schönheit wird, son­dern irgendeine Frisur, die heute für schön gilt, übers Jahr aber lächerlich ist.

Die Schönheit wächst aus dem Sein heraus; sie kann nicht hinzugetan werden. Man muß sein, und zwar unverdorben, unberührt, ein reines Sein, unmittelbar aus der Hand Got­tes, aus dem Wesen Gottes, dann ist man schön und braucht sich nicht schön zu machen. Man wird sich ja wohl auch die Haare kämmen und einen Schlips umbinden oder ein goldenes Kettlein um den Hals legen, aber man wird nicht denken, daß man dadurch schöner wird, nein, Schleiflein, Kettlein und Ringlein sind dann nur Symbole der inneren Ordnung und Schönheit. Aus lauter Freude an der inneren Schönheit schmückt man sich mit ihnen. Aber sie dürfen nicht schreien und protzen, sie dürfen die innere Schönheit nicht überglänzen und verdecken.

Meist ist es besser, der Mensch tut nichts dazu, um etwas schön werden zu lassen, wenigstens nicht mit Absicht und Berechnung. Der Mensch soll für sein tägliches Brot und für das Reich Gottes sorgen. Dann wird alles um ihn und in ihm schön.

Hier der Text als pdf.

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