„Ohne die Dankbarkeit versinkt meine Vergangenheit ins Dunkle, Rätselhafte, ins Nichts“ – Dietrich Bonhoeffers Besinnung über die Dankbarkeit der Christen von 1940

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Von der Dankbarkeit der Christen

Von Dietrich Bonhoeffer

Dankbarkeit entspringt nicht aus dem eigenen Vermögen des menschlichen Herzens, sondern nur aus dem Worte Gottes. Dankbarkeit muß darum gelernt und geübt werden.

Jesus Christus und alles, was in ihm beschlossen ist, ist der erste und letzte Grund aller Dank­barkeit. Er ist das Geschenk vom Himmel, das kein Mensch sich nehmen konnte, in welchem uns die Liebe Gottes leibhaftig begegnet. Allein in Jesus Christus können wir Gott danken (Röm. 7, 25). In Jesus Christus gibt Gott uns alles. [491] Dankbarkeit sucht über der Gabe den Geber. Sie entsteht an der Liebe, die sie empfängt. Erst wenn sie zur Liebe Gottes durchgesto­ßen ist, ist sie am Ziel. Dann aber wird sie selbst zur Quelle der Liebe zu Gott und zu den Menschen.

Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen. Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen. Lieber will er verdiente Strafe als unverdiente Güte, lieber aus eigener Kraft zugrunde gehen, als aus Gnade leben. Er weist Gottes Liebe, die über Gute und Böse die Sonne scheinen läßt, zurück. Der Dankbare weiß, daß ihm von Rechts wegen nichts Gutes zukommt, er läßt aber die Freundlichkeit Gottes über sich walten und wird durch unverdiente Güte noch tiefer gedemütigt (Röm. 2, 4).

Dem Dankbaren wird alles zum Geschenk, weil er weiß, daß es für ihn überhaupt kein ver­dientes Gut gibt. Er unterscheidet darum nicht zwischen Verdientem und Unverdientem, zwischen Erworbenem und Empfangenem, weil in seinen Augen auch das Erworbene Em­pfangenes, das Verdiente Unverdientes ist.

In der Dankbarkeit kehrt jede Gabe verwandelt in ein Dankopfer zu Gott zurück, von dem sie kam.

Wofür ich Gott danken kann, das ist gut. Wofür ich Gott nicht danken kann, das ist böse. Ob ich aber Gott danken kann oder nicht, das entscheidet sich an Jesus Christus und seinem Wort. Jesus Christus ist die Grenze der Dankbarkeit. Jesus Christus ist auch die Fülle der Dankbar­keit; in ihm ist die Dankbarkeit ohne Grenze. Sie umschließt alle Gaben der geschaffenen Welt. Sie umfaßt auch den Schmerz und das Leid. Sie durchdringt die tiefste Dunkelheit, bis sie in ihr die Liebe Gottes in Jesus Christus gefunden hat. Danken heißt ja sagen zu allem, was Gott gibt, „alle Zeit und für alles“ (Eph. 5, 20). Dankbarkeit vermag sogar die vergangene Sünde mit zu umschließen und zu ihr ja zu sagen, weil an ihr Gottes Gnade offenbar wurde – o felix culpa (Röm. 6, 17). [492]

In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit, in ihr wird das Vergangene fruchtbar für die Gegenwart. Ohne die Dankbarkeit versinkt meine Vergan­genheit ins Dunkle, Rätselhafte, ins Nichts. Um meine Vergangenheit nicht zu verlieren, sondern sie ganz wiederzugewinnen, muß allerdings zur Dankbarkeit die Reue treten. In Dankbarkeit und Reue schließt sich mein Leben zur Einheit zusammen.

Dankbarkeit kann nur zusammen bestehen mit aufrichtiger Buße und mit brüderlicher Liebe zu dem, der die unverdiente Gabe, die mir zuteil wurde, nicht empfing. Ohne Buße und ohne Liebe wird meine Dankbarkeit zum verfluchten Pharisäerdank.

Es ist verfluchter Pharisäerdank, wenn ich die unverdient empfangene Gabe zum Selbstruhm vor Gott und Menschen mißbrauche (Luk. 18, 9 ff.), wenn ich nur darum eiligst Gott meinen Dank abstatte, um mich von ihm loszukaufen, um alsbald wieder in meiner alten Selbst­herrlichkeit dazustehen. Pharisäerdank ist das religiöse Zeremoniell des Undanks.

Es ist verfluchter Pharisäerdank, wenn der Reiche den Tisch des Armen leer sieht und leer läßt und für das Seine als Gottes Segen dankt.

Es ist verfluchter Pharisäerdank, wenn ich die Liebe Gottes, die ich erfuhr und für die ich danke, den Benachteiligten schuldig bleibe. Es ist Lästerung des Schöpfers des Armen (Spr. 14, 31).

Gottes Wort verklagt mich solange, bis ich meinen Dank für die empfangene Gabe in aufrich­tige Umkehr und in tätige Liebe verwandle. Dann aber schenkt Gottes Wort mir das freie Gewissen, zu danken mitten in einer argen und elenden Welt.

Zehn rufen in ihrer Angst und Not: „Jesus, lieber Meister, erbarme Dich!“ Aber nur einer von zehn kehrt nach erfahrener Rettung um und dankt Jesus, und dieser eine ist ein Samariter (Luk. 17, 11 ff). In Gefahr und Schmerzen schreien viele zum „lieben“ Gott, mehr als wir ahnen, aber nach der Genesung ist neun unter zehn dieser Gott gar nicht mehr so „lieb“, die Heilung [493] ist ihnen alles, der Heiland nichts. Jesus fragt: „Wo sind die neun?“ Jesus sucht den Dank, nicht um seinetwillen, sondern um ihretwillen.

Undank erstickt den Glauben, verstopft den Zugang zu Gott. Nur zu dem einen dankbaren Samariter sagt Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Den Undankbaren ist trotz der Gene­sung in Wahrheit nicht geholfen.

Es ist die Ursünde der Heiden, daß sie Gott, dessen Dasein sie wußten, nicht „als Gott gedankt haben“ (Röm. 1, 21). Wo Gott als Gott erkannt wird, dort sucht er als Erstes den Dank seiner Geschöpfe.

Undankbarkeit beginnt mit dem Vergessen, aus dem Vergessen folgt Gleichgültigkeit, aus der Gleichgültigkeit Unzufriedenheit, aus der Unzufriedenheit Verzweiflung, aus der Verzweif­lung der Fluch.

Dem Dankbaren zeigt Gott den Weg zum Heil. Laß dich fragen, ob dein Herz nicht etwa durch Undank so mürrisch, so träge, so müde, so verzagt geworden ist. Opfere Gott Dank, und „da ist der Weg, daß ich ihm zeige das Heil Gottes“ (Ps. 50, 23).

Stettin, 26.7.1940

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 16: Konspiration und Haft 1940,1945, hrsg. v. Jørgen Glenthøj, Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, München: Chr. Kaiser Verlag 1996, S. 490-493.

Hier Bonhoeffers Text als pdf.

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