„Christus und die Christen“ – Martin Niemöllers dritter evangelistischer Vortrag 1965 in Bremerhaven

Wilhelm Groß - Kreuz im Gebirge (1938)
Wilhelm Groß – Kreuz im Gebirge (1938)

Vom 26. bis 28. September 1965 hielt Martin Niemöller eine dreiteilige Vortragsreihe in Bremerhaven: Christus und die Atheisten, Christus und die Gleichgültigen sowie Christus und die Christen, die man als evangelistisch bezeichnen kann, zielen sie doch auf den persönlichen Christusglauben. Hier der dritte Vortrag:

Christus und die Christen

An diesem letzten Abend der Reihe wollen wir uns Gedanken machen über die Beziehung des Christus zu den Christen. Das ist kein leichtes Unterfangen, weil man sich zwar sehr schnell darüber einigen kann, was man unter »Atheisten« versteht und verstehen muß; und die Be­zeichnung »Gleichgültige« macht auch keine Schwierigkeiten, wenn auch die Ursachen der Gleichgültigkeit sehr verschieden und mannigfach sein mögen. Dahingegen ist der Begriff »Christen« alles andere als klar: Es gibt ja auch Atheisten, die »Christen« sind; und gleichgültige Christen stellen die große, übergroße – bei uns mehr als neunzigprozentige – Mehrheit derer dar, die als Getaufte das Recht haben, sich Christen zu nennen und statistisch auch als »Christen« gezählt werden. Das heutige Thema meint offensichtlich diese Gruppen von »Christen» gar nicht, weil wir von ihnen gestern und vorgestern gehandelt haben; es versteht demnach unter Christen gar nicht einfach die Getauften, was sonst durchaus üblich geworden und gewesen und geblieben ist. Das lag ja auch deshalb nahe, weil die Taufe ein feststellbarer Tatbestand ist, den man zuverlässig registrieren kann. Wer getauft ist, zählt als Christ; wer nicht getauft ist, wird eben nicht als Christ mitgezählt. Wir wollen hier davon absehen, daß in der frühen Kirchengeschichte die Taufe zum Sakrament erklärt wurde, das eine geheimnisvolle Wirkung auf den Getauften und gewissermaßen seine Verwandlung zum Christen im Gefolge hatte. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es diese Auffassung noch nicht, sondern da ist die Taufe das Siegel auf den Glauben dessen, der sich taufen läßt; ent­scheidend aber, wenn auch nicht unwiderruflich, ist der Glaube und nicht die Taufe, wofür der später angefügte Schluß des Markus-Evangeliums die klassische Formulierung bringt: »Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.« Wer glaubt, der läßt sich taufen, wer sich aber taufen läßt und sich darauf verläßt, aber nicht glaubt, der betrügt sich damit selbst. Wir tun darum gut, hinter die Auffassung, daß die Taufe den Christen macht, ein Fragezeichen zu setzen; denn »ohne Glauben« – so steht’s im Hebräerbrief zu lesen – »ist’s unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6). Im Neuen Testa­ment selber ist deshalb von der christlichen Gemeinde, der damals »jungen Kirche«, auch nirgendwo die Rede als von der Gemeinde der Getauften (obgleich sie alle getauft waren oder getauft wur­den), sondern von der »Menge der Gläubigen« (so in der Apostelgeschichte), oder von der »Gemeinde Gottes«, den »Heiligen« oder »den in Jesus Christus Geheiligten« – oder einfach »der Gemeinde« in Thessalonich oder anderswo (so in den Paulus-Briefen). Dazu wäre zu bemerken, daß der Ausdruck »heilig, geheiligt« nicht irgendeine ethisch-moralische Vorzüg­lichkeit besagen will, sondern, daß die Betroffenen aus bestehenden Verbindungen und Bin­dungen herausgenommen und in ein besonderes Zugehörigkeitsverhältnis zu Gott durch Gott hineinversetzt wurden: Sie gehören Gott an und nicht mehr einer gottfernen oder gegen Gott aufbegehrenden Gruppe der »gefallenen« Schöpfung. Die Christen, von denen wir heute hier handeln wollen, sind also nicht die Christen, die nach weltlichem Sprachgebrauch eine christliche Religionszugehörigkeit besitzen und deshalb als »Christen« gezählt oder regi­striert werden, sondern solche Leute, die durch die Predigt des Evangeliums »bekehrt« und »gläu­big« wurden und so zur Jüngergemeinde hinzugetan wurden. Im 11. Kapitel der Apo­stelge­schichte wird uns das sehr kurz und sehr klar deutlichgemacht, wenn wir dort lesen, daß die Gemeindeglieder, die sich in der Verfolgung, die dem Tode des Stephanus folgte, über die umliegenden Länder zerstreuten, auch nach Antiochien kamen und dort den Griechen predig­ten. Dann heißt es weiter: »Und die Hand des Herrn war mit ihnen, und eine große Zahl ward gläubig und bekehrte sich zu dem Herrn.« (Apg 11,21) Am Ende des kurzen Sachberichts steht dann: »Und es wurden die Jünger zuerst in Antiochien ›Christen‹ genannt.« (Apg 11,26) Darüber läßt das gesam­te Neune Testament keinen Zweifel, daß zum Christsein das Glauben oder der Glaube wesen­haft erforderlich ist, wie es denn zum unbestrittenen und allgemein anerkannten Satz gewor­den ist: »Der Glaube macht den Christen.« Wiederum klassisch in der Apostelgeschich­te (8. Kapitel), wo uns die Geschichte vom »Kämmerer aus Mohrenland« berichtet wird, der vom Diakon Philippus, seinem zeitweiligen Reisebegleiter und Ausleger der Schrift, die Taufe begehrt und die Antwort bekommt: »Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so mag es geschehen!« (Apg 8,37) Der Glaube stellt die Beziehung und Verbindung zwischen Christus und den Christen dar; in unserem heutigen Thema ist das »Und« sinnvoll und sinngefüllt: Christus ist ohne Christen, Christen sind ohne Christus nicht zu denken, und der Glaube ist das unentbehr­liche, verknüpfende Band zwischen ihnen.

Das ist natürlich im Bilde gesprochen, und Bilder helfen nicht nur dazu, daß wir einen klären­den Eindruck von dem gewinnen, was sie vergleichsweise darstellen sollen, in diesem Fall eine wirkliche Beziehung und Verbundenheit zwischen Christus und den Christen, nämlich den Glauben. Bilder tragen auch die Versuchung in sich, daß wir uns mit diesem Eindruck begnügen und das weitere Nachdenken ersparen, in diesem Fall das Nachdenken darüber, was denn nun der Glaube ist, worin das Glauben besteht und eben nicht nur seine Wirkung – als Band oder Brücke zwischen Christus und den Christen sondern sein Wesen und Inhalt: Woraus besteht dies Band, diese Brücke, die wir mit dem Neuen Testament als Glauben be­zeichnen? Und wie wirkt es sich aus, wozu wird es von denen, die es miteinander verbindet, benutzt und gebraucht? Hier bleibt noch vieles zu bedenken und klarzustellen.

Was meinen wir Christen denn, wenn wir Glauben sagen? Darüber lassen sich dicke Bücher schreiben, und viele sind geschrieben worden. Es gibt eine ganze Menge Auffassungen dar­über schon in der Bibel und im Neuen Testament selbst. Die bekannteste Darlegung finden wir am Anfang und dann auch in den vielen Beispielhinweisen in Hebräer 11: »Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.« (Hebr 11,1) Im Anschluß an diese Einleitung folgen dann die zahlreichen Bei­spiele aus der Urväterzeit und der Geschichte Israels: Gemeint ist da mit »Glauben« das Vertrauen auf Gottes Aufträge, Zusagen und Verheißungen, aber ein Vertrauen, das sich als Gehorsam und Befolgung dieser Gottesworte verwirklicht. Es ist eine große und bunte Fülle solcher Worte Gottes, in deren Annahme und Ausführung sich der Glaube an Gott bei den Angesprochenen manifestiert. Das wird auch im Neuen Testament fortgesetzt, insofern Jesus da als der Glau­bende erscheint. Er hat ein Wort von Gott gesagt bekommen mit dem Auftrag, es weiterzusa­gen, und das tut er: »Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.« (Joh 14,24) Und soweit dies Wort Gottes Auftrag für ihn ist, erfüllt er des Vaters Wort in vollkommenem Gehorsam; nach dem Hebräerbrief hat er »wiewohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt« (Hebr 5,8). Derselbe neutesta­mentliche Zeuge spricht von ihm als dem »Anfän­ger und Vollender des Glaubens« (Hebr 12,2), wie Paulus das im Philipperbrief bestätigt: »Er ward gehor­sam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht.« (Phil 2,8f) Im Neuen Testament handelt es sich aber um mehr, als daß Jesus Gottes Wort weitersagt; er sel­ber ist das Wort Gottes nach Aussage des Evange­listen Johannes: »Das Wort – Gottes – ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.« (Joh 1,14) Dasselbe findet sich im Buch der Offenba­rung: »Sein Name heißt: das Wort Gottes!« (Offb 19,13) An die Stelle des Glaubens an Gottes unmittelbare Worte tritt hier der Glaube an ihn, der das Wort Gottes für uns ist und der spre­chen kann: »Glaubet an Gott und glaubet an mich!« (Joh 14,1) Der Hebräerbrief – und ich muß ihn hier nochmals anführen – sagt: »Nachdem vor Zeiten Gott manchmal und man­cherleiweise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns gere­det durch den Sohn« (Hebr 1,1f) – Jesus, der Christus – das ganze und letzte Wort an seine Men­schenkin­der, wie die Theologische Erklärung von Barmen 1934 zu Beginn des Ringens der Bekennen­den Kirche in ihrem ersten Satz sagt und bekennt: »Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.« Das meinen wir Chri­sten, wenn wir Glauben sagen. Wir sind mit Jesus verbunden, in dem Gott zu uns spricht. Wir vertrauen nicht auf die Worte, die Gott zu anderen vor Zeiten gesprochen hat, zu uns spricht er als Person und in der Person Jesu Christi, und wir glauben an ihn, d. h. wir hören auf ihn und gehorchen sei­nem Ruf. Zwischen ihm und uns, zwischen Christus und den Christen be­steht eine persönliche Beziehung; in ihm begegnet uns Gott persönlich, dazu wurde das Wort »Fleisch« und dazu wurde Christus aus dem Tode erweckt, damit er sagen konnte: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!« (Mt 28,20) Christus ist für den Glauben nicht eine histori­sche Persönlichkeit von einst, sondern der lebendige und lebendig gegenwärtige Herr, mit dem wir als unserem Herrn leben, dem wir im Glauben vertrauen und gehorchen.

In der Geschichte der Christenheit hat der Glaube nicht immer als das gegolten, was er ist, als persönliches Leben aus und mit Jesus Christus, was im Zeugnis des Neuen Testaments sehr deutlich ist, etwa wenn Paulus den Galatern schreibt: »Ich lebe, aber doch nun nicht ich, son­dern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben!« (Gal 2,20) Wenn es vor der Reformation kirchlich als Glaube für ausreichend gehalten wurde, wenn der getauf­te Christ sein Ja zur Lehre der Kirche, d. h. zu ihren Dogmen erklärte, so schadete es angeb­lich nichts, wenn er nicht selber von dieser Lehre überzeugt war, wenn er nur den kirchlichen Weisungen gehorsam sein wollte. Der persönliche Charakter des Glaubens, die unmittelbare Verbindung mit der Person Christi ging den Christen u. U. verloren; aber die Kirche über­nahm die Garan­tie und Verantwortung. Die sich aus der Reformation ergebende protestanti­sche Einstellung meinte es ernster und erkannte wenigstens nicht als »Glauben« an, was nicht wirkliche, per-[92]sönliche Überzeugung war. Und so steht es ja vielfach noch heute: Glaube, das ist die persönliche Überzeugung, daß etwa das Apostolikum in der lutherischen Katechis­muserklärung wahr und wirklich ist und daß man dafür als heilige Überzeugung einzustehen bereit ist. Das ist sicher gegenüber dem »Köhlerglauben«, der die Echtheits- und Wahrheits­frage der Kirche überläßt, aber doch unter diesem Vorbehalt seine Zustimmung erklärt, ein Fortschritt; aber mit dem, was Jesus selbst und das Neuen Testament unter »Glauben« verste­hen, hat es noch nichts Wirkliches zu tun. Da ist der Glaube eine reine Überzeugungsgewiß­heit, wie der Kommunist sie von der Lehre des Karl Marx haben mag oder ein Idealist von der Richtigkeit und überragenden Bedeutung des von ihm erstrebten Ideals. Glauben heißt etwas noch ganz anderes; es ist mir auch erst vor wenigen Jahren wirklich aufgegangen. Nach dem Johannes-Evangelium sagt Jesus einmal: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich!« (Joh 14,6) Wenn durch den Glauben das rechte Verhältnis zwi­schen dem himmlischen Vater und seinem irdischen Menschenkind wiederher­gestellt wird, dann heißt Glauben doch wohl: »Zum Vater kommen«, und so meint es Jesus. Da wird ein persönliches Verhältnis geschaffen oder wiederhergestellt, und das ist etwas anderes als eine Überzeugung haben. Denn eine Überzeugung, das ist und bleibt meine eigene Sache; zu einem persönlichen Verhältnis gehören immer zwei: der Vater und das Kind, der Mann und die Frau, der Freund und der andere. Dies Verhältnis, das zwei Personen zueinan­derbringt, wird nicht von einem gemacht, es wird auch nicht von den beiden gemacht (etwa durch eine Abrede oder durch einen Vertrag). Ein persönliches Verhältnis ereignet sich, es geschieht, es ist allemal ein »Wunder«; machen können wir’s nicht, jemand anders oder etwas anderes bringt es zuwege. (Matthias Claudius: »Ich war wohl klug, daß ich dich fand. Ich fand dich nicht, Gott hat dich mir gegeben, so segnet keine andre Hand!«) Martin Luther spricht so vom Glauben in der Erklärung zum dritten Artikel: »Ich glaube an den Heiligen Geist« und sagt dann: »Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft und Kraft – an Jesus Christus mei­nen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann [»zu ihm kommen« = Glauben!], sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet und im rechten Glauben geheiligt und erhalten …« Es geschieht etwas, was ich nicht machen kann; ich kann’s wohl zerstören wie jedes persönliche Verhältnis, aber machen kann ich’s nicht: Ich glaube, daß ich nicht glauben kann! Aber dies persönliche Verhältnis zwischen Christus und den Christen ist da im Glauben. Es will wie jedes persönliche Verhältnis leben und gelebt werden. Der Glaubende ist ein Jünger, und mit dem Wort Jünger verbinden wir ja bereits die Vorstellung von einem persönlichen Verhältnis; ein Jünger begleitet seinen Meister und folgt ihm, und Jesus sagt zu seinen Jüngern: So jemand will mir folgen und mein Jünger sein, »der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach!«. Das heißt doch: Glaube lebt in der persönlichen Gemeinschaft und Nachfolge Jesu, oder er ist kein Glaube! Wir denken hier an den unglückseligen Irrweg der alten und mittelalterlichen Chri­stenheit, die uns das böse Problem Glaube und Werke beschert hat: Das Problem ist falsch von Anfang an; und diese Erkenntnis hätte uns die Reformation ersparen können. Pau­lus schon kennt nur den Glauben, der durch die Liebe tätig ist (Galater 5); und der Verfasser des Jakobusbriefes schreibt mit vollem Recht: »Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber.« (Jak 2,17) Glaube schließt »Werke« ein; man kann sie sowenig trennen wie Geist und Leib. Tut man’s doch, so sterben sie beide zusammen. Christus will seine Chri­sten persönlich bei sich haben; unser Glaube lebt von seiner lebendigen Gegenwart: Wir müs­sen, wir dürfen auf ihn schauen, auf seine Worte hören, ihn dabei immer besser kennen- und lieben lernen und mit ihm sprechen. Es gibt keinen Glauben ohne Beten. Und dieses Beten meint danken dafür, daß er uns den Glauben, das persönliche Verhältnis zu ihm möglich machte, indem er mit seiner Liebe, mit seinem Opfer für uns alles, was zwischen uns war, wegschaffte und so überwand, daß wir ihn wieder lieben können und müssen. Beten heißt dann immer auch und ganz selbstverständlicherweise ihn fragen, was er von uns will, wie er uns haben möchte: »Herr, was sollen wir tun?« Die Antwort bleibt niemals aus, wenn wir ehrlich daran denken und uns daran erinnern lassen, »wes Geistes Kinder« wir sind. Glaube lebt in der Nachfolge Jesu: Er hat sich selbst verleugnet und nicht für sich gelebt, sondern in der Liebe zu Gott und in der Liebe zum Bruder; wer ihm nachfolgt, wer in seinen Fußstapfen wandelt, kann nicht und braucht auch nicht an sich selber zu denken; denn es ist ja der Weg zum Vater. Darum: »Alle eure Sorgen werfet auf ihn: Denn er sorgt für euch!« (1Petr 5,7) Er trägt sein Kreuz, und wir sollen ihm das unsere nachtragen, im Blick auf das seinige, das uns die nötige Tatkraft gibt. Die einzige Sorge, die wir nicht loswerden wollen und dürfen, ist, daß wir wahrhaftig in der Nachfolge bestehen und uns vor Abwegen hüten; denn das heißt allemal, den Glauben verlie­ren oder verraten. Paulus warnt die Römer: »Was nicht aus dem Glauben geht, das ist Sünde!« (Röm 14,23) Was wir außerhalb der Nachfolge tun, was wir nur tun können, wo wir ihm oder er uns den Rücken kehrt, das heißt und ist Unglaube, Sünde, Verlassen seiner Gemeinschaft. Es ist ein gefährliches Beginnen, wenn wir dauernd davon sprechen, daß wir nicht nur Sünder sind, son­dern auch immer Sünder sein werden. Der Glau­be ist uns nicht gegeben, um uns über unser Sündersein hinwegzutrösten, sondern um das neue Leben in der Gemeinschaft Jesu mit Dank und Freude zu leben. Und wenn ein Schwa­cher fällt, »so greif’ der Stärk’re zu«, wie es im Liede heißt, aber zugleich sehr deutlich auf den Ausnahmefall solchen Versagens hinwei­send. Paulus schreibt an die Galater-Gemeinde: »Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Feh­ler übereilt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und siehe auf dich selbst, daß du nicht auch versucht werdest!« (Gal 6,1) Christen, die sich von Christus entfernen, sind in Gefahr und werden versucht, seinen Weg zu verlassen. Und das danken wir dem »Pietismus«, daß er uns daran erinnert hat – und wir sollten’s nicht wieder vergessen –, daß christlicher Glaube nur als persönliches, lebendiges Verhältnis zu Jesus Christus möglich ist. In den Groß­kirchen ist das oft und bis auf den heutigen Tag hint­ange­stellt worden: christlicher Glaube? Ja, im feierlichen Gottesdienst, da kommt Jesus der Chri­stus vor und wird gepriesen als himmlischer König; aber im Leben des Alltags, da ist er nicht, weil er da stören würde; da leben wir lieber ungestört mit »christlichen Prinzipien«, die wir uns selber aussuchen oder – wenn sie nicht mehr unsere Wünsche fördern – beiseite schieben. Christus und die Christen! Verehrte und liebe Freunde, es geht hier wahrhaftig ums Ganze. Der Jüngergemeinde Jesu ist gesagt: »Ihr seid das Licht der Welt; ihr seid das Salz der Erde!« (Mt 5,13.14) Aber das sind wir als seine Gemeinde, die ihm, dem gekreuzigten und zum Leben auferweck­ten Herrn, gehört und mit ihm im Glauben, und das heißt: in seiner Nachfolge, lebt und wirkt. Das heißt: sich selbst verleugnen; das heißt: das Kreuz tragen; das heißt: seinen Weg gehen – und das heißt: »Wenn ihr um Wohltat willen leidet und erduldet, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelas­sen, daß ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht wieder schalt, da er gescholten wurde, nicht drohte, da er litt; er stellte es aber dem heim, der da recht richtet. – Welcher unsere Sün­den selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf daß wir – der Sünde abgestor­ben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunder ihr seid heil gewor­den. Denn ihr wäret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen!« (1Petr 2,19-25)

Hier der Text aller drei Vorträge als pdf.

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