Martin Greschat über Martin Niemöller: „Pazifismus aus Glauben und in der Nachfolge Jesu hieß also für Niemöller die Konsequenz“

Niemöller am Schreibtisch in Berlin (1936)
Martin Niemöller an seinem Schreibtisch in Berlin-Dahlem (1936)

Martin Greschat hatte es in der von ihm herausgegebenen Reihe „Gestalten der Kirchengeschichte“ selbst übernommen, Martin Niemöllers Lebensporträt zu schreiben. Bei aller Sympathie für Niemöller vermeidet er hagiographische Züge:

Martin Niemöller

Von Martin Greschat

Als Martin Niemöller am 6.3.1984 in Wiesbaden gestorben war, 92 Jahre alt, ging sein Name noch einmal durch alle Medien in Ost und West. Anders als in den vorangegangenen Jahren und Jahrzehnten erklangen nun allerdings vor­nehmlich Töne des Lobes und der Zustimmung. Man griff nun gern aus diesem langen, vielfältigen Veränderungen und Umbrü­chen ausgesetz­ten und sich selbst damit auseinandersetzenden Leben heraus, was man selbst für wichtig und wesentlich hielt. Insofern sagen diese Nachrufe in der Regel mehr aus über den, der sie hielt und schrieb, als über den Menschen und Christen Martin Niemöller. Viel­leicht ist das immer so. Vielleicht hängt das aber auch mit jener Irritation zusammen, die auch in unserer Zeit und Gesellschaft von Persönlich­keiten ausgeht, die schlicht und bedingungslos versuchen, Jesus Christus nach­zufolgen. »Er ist«, urteilte Heinrich Albertz, »einer der ganz wenigen, der in unserem Jahrhundert glaubwürdig als Christ gepredigt und gelebt hat, in vielen Wandlungen, aber unbeirrbar in der Erkenntnis der tiefen Verstrickungen des deut­schen Protestantismus in unsere elende Geschichte, auch für seine eigene Person. Und schließlich eben als ganz alter Mann als Botschafter des Friedens, des unbedingten Pazifis­mus, von seinem Herrn geliebt.« (Die Zeit, Nr. 12, 16.3.1984)

I.

Martin Niemöller, am 14. Januar 1892 in Lippstadt geboren, als 2. Kind einer großen Ge­schwisterschar, von der 6 Kinder überlebten, wuchs in einem evan­gelischen Pfarrhaus auf, wie es sie im kaiserlichen Deutschland zu Hunderten gab: Man war selbstverständlich kaiser­treu, national und erfüllt von einer problemlosen konservativen Frömmigkeit, wozu hier ein mild pietistischer Einschlag hinzukam. Die Gestalt des Vaters, der aus einer westfälischen Familie von Bauern und Müllern aus dem Raum Tecklenburg stammte und der zuerst in Lipp­stadt, seit 1900 in der Großstadt Elberfeld als beliebter und geschätzter Prediger und Seelsor­ger wirkte, volkstümlich und dem praktischen Leben zugewandt, blieb für den Sohn ein dau­erhaftes Vorbild. Und ebenso prägte ihn von frühester Kindheit an eine schlichte Jesusfröm­migkeit, die ihn bis in sein hohes Alter immer wieder fragen ließ: Was würde Jesus dazu sagen?

Doch war der junge Niemöller dabei alles andere als ein introvertierter Typ. So­wohl unter den Geschwistern wie auch unter den gleichaltrigen Schulkameraden und Freunden übernahm er früh die Rolle des Kommandierenden. 1910 machte er als Klassenbester sein Abitur, gleich­falls als Bester seiner »Crew« bestand er 1912 das Fähnrichsexamen in seinem Traumberuf als Seeoffizier der kaiserlichen Marine. Der Weg dahin war für ihn ebenso folgerichtig wie problemlos – und sollte es noch lange bleiben, getragen von der Überzeugung, daß ein guter Christ zugleich ein guter deutscher Bürger sei und darum auch ein guter Soldat.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs stimmte auch Niemöller in die allgemeine nationale Begeisterung ein. Doch war er dann zunehmend beunruhigt und enttäuscht, daß er nicht zum Einsatz kam. Kurz entschlossen meldete er sich zu den U-Booten, die als technische Wunder­waffe galten und von denen nach der Überzeugung der deutschen Führung die kriegsentschei­dende Wende ausgehen sollte. Niemöller fuhr seit 1916 als Marineoffizier im U-Boot, ab Mai 1918 war er als Oberleutnant und Kommandant auf UC 67 im Handelskrieg eingesetzt. Wäh­rend eines Heimaturlaubs verlobte er sich im gleichen Jahr mit der Studentin Else Bremer, der Schwester eines Schulkameraden und Freundes, der den Krieg nicht überlebte. Ihre Ehe, der 7 Kinder entstammten, war ungewöhnlich glück­lich.

Der Ausbruch der Revolution im November 1918 traf Niemöller hart und tief. So wie er sich dem Befehl widersetzte, U-Boote an England auszuliefern, wei­gerte er sich auch, dem neuen Staat, dem »System« zu dienen. Er nahm Abschied von der Marine. Bauer wollte er werden, begann auch eine landwirtschaftliche Lehre, entdeckte jedoch bald, daß er finanziell nie in der Lage sein würde, einen eigenen Hof zu erwerben. So entschloß sich Niemöller im Herbst 1919, Pfarrer zu werden. Nicht zuletzt war für diesen Entschluß das Wort des Vaters aus­schlag­gebend, daß es keinen anderen Beruf gebe, in dem man so frei sein könne. Und das wollte Niemöller: frei sein gegenüber dem neuen Staat, dabei jedoch seinem Volk dienen, um es innerlich wieder aufzurichten, zu einigen und zu erneuern. Das waren dieselben Vorausset­zungen, aus denen heraus viele, die später bei den »Deutschen Christen« eine wichtige Rolle spielten, Theologie studiert hatten. Niemöller schlug sich, inzwischen verheiratet und Vater, mühsam als Werkstu­dent durch, nahm als Bataillonskommandeur in einer Studenten wehr 1920 an der Niederwerfung des Spartakusaufstands im Ruhrgebiet teil, bestand gleichwohl mit guten Noten seine Examina und begann 1924 seine pfarramtliche Tätigkeit als Geschäfts­führer der Inneren Mission in Münster. Die Arbeit lag ihm. Er kam viel und weit herum, lern­te zahllose Menschen kennen, organisierte mit Geschick und verstand es gleichzeitig, freiwil­lige Mitarbeiter zu mobilisieren. 1931 übernahm er die 3. Pfarrstelle in der Villengemeinde Berlin-Dahlem. Auch in diesem Umkreis – zur Gemeinde gehörten vor allem Bildungsbür­gertum und Ministerialbürokratie – kam Niemöller schnell und gut zurecht. Er war bald ein allseits geschätzter Prediger und Seelsorger.

Ohne Brüche und mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit verlief dieser erste Lebens­abschnitt Niemöllers. Und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man in seinem Erin­nerungsbuch »Vom U-Boot zur Kanzel«, das er 1934 innerhalb weniger Wochen nieder­schrieb und das schnell zu einer Art Bestseller wurde, nach Spuren einer Auseinandersetzung etwa des Christen mit dem Krieg sucht. Niemöllers Anschauungen sind nach wie vor die alten. Er ist deutsch­national bis auf die Knochen, marschiert türenschlagend aus der Kirche, als einmal ein Pfarrer es wagt, von deutscher Schuld zu sprechen. Als er seinen Sohn tauft, stehen Leuchter, Kruzifix und Wasserschale auf der Kriegsflagge von UC 67! Er liest Hitlers »Mein Kampf« und wählt NSDAP. Im übrigen ist er ein Mann von schneller Auffassungsgabe und der Fähigkeit zu ebenso schnellen wie klaren Entscheidungen. Er ist ungemein aktiv, kommunikationsfreudig und gewohnt zu kommandieren, dabei sehr selbstbewußt, aber nicht eitel. Von der Fähigkeit, die für ihn später so charakteristisch sein wird, nämlich wichtige Ent­wicklungen rasch bis in ihre Konsequenzen zu durchschauen, ist dagegen jetzt noch kaum etwas zu erkennen.

II.

»Im ganzen kann ich wohl sagen, daß ich vor mir selber jedenfalls kein selbstbewußter und stolzer Mensch bin, sondern ich sage gern: Das menschliche Leben ist menschliches Leben nur so lange, wie ich bereit bin zu lernen.« (IV, 229) Diese Aussage Niemöllers stammt aus dem Jahr 1963, als sich seine christlichen und politischen Auffassungen tiefgreifend gewan­delt hatten. Wann begann dieser Lernprozeß? Wie sahen Niemöllers Anschauungen 30 Jahre früher, also 1933, aus?

Die politische Wende am 30. Januar 1933 hat Niemöller nachdrücklich begrüßt, die nationale Zielsetzung und die außenpolitischen Erfolge der neuen Regierung haben ihn auch in der Fol­gezeit für sie eingenommen. Irritierend war nur – und diese Verunsicherung nahm zu –, daß der Staat auch nach der evangelischen Kirche griff, daß er nicht nur mit der »Glaubens­bewegung Deutscher Christen« zusammenarbeitete, sondern diese offen unterstützte – wie etwa Hitler mit seiner von allen Rundfunkstationen übertragenen Rede am 22.7.1933, am Vorabend der evangelischen Kirchenwahlen also. Indem Niemöller dagegen Front machte, betonte er zugleich – sehr häufig und sehr eifrig –, daß diese kirchliche Opposi­tion nichts mit einer politischen Opposition zu tun habe und deshalb auch auf keinen Fall mit einer solchen verwechselt werden dürfe. Noch im Gefängnis Moabit, im November 1937, äußerte er sich beglückt darüber, daß »die Politisie­rung der Kirche« verhindert wurde (Briefe, 126). Bei der Auffassung, daß es im Kampf der Bekennenden Kirche um die Freiheit des Evangeliums und der Kirche gehe und gerade nicht um Politik, ist er bis zum Ende des »Dritten Reiches« ge­blieben. Innerhalb dieser Kontinuität jedoch vollzog sich ein langwieriger und keineswegs einliniger Lernprozeß, in dessen Verlauf Niemöller erfahren mußte, daß man ihn aufgrund seines kirchlichen Engagements als Volksverräter und Vaterlandsfeind diffamierte. Evange­lische Kirche, Volk und Vaterland gehörten also offenkundig nicht so einfach und selbst­ver­ständlich zusammen, wie er es einmal geglaubt hatte. Wenn Niemöller auch noch jahrelang meinte, der Staat könne entsprechend seiner innenpolitischen Leitlinien, die auf Einheit der Nation und Volksgemeinschaft zielten, nicht dauerhaft gegen das Christentum und insbesond­ere die evangelische Kirche angehen, wuchs doch zunehmend die Erkenntnis, »daß auch das deutsche Vaterland eine Fremdlingsherrschaft für uns bedeutet« (Brief vom 22.12.1937, 180). Die Meldung aus dem KZ zum Dienst in der Marine, bei Kriegsausbruch am 7.9.1939, stellte sicherlich noch einmal ein Aufflammen des alten Ethos der bedingungslosen Hingabe an den Dienst für das Vaterland dar; aber dahinein mischten sich jetzt doch noch andere, nur allzu verständliche Motive: endlich herauszukommen aus jahrelanger Einzelhaft, endlich wie­der handeln und mittun zu können. Rückblickend wird man urteilen dürfen, daß Niemöller in die­sen Jahren die selbstverständliche Identifikation von Volk, Nation und evangelischem Chri­stentum grundsätzlich und im wesentlichen auch praktisch endgültig zerbrochen ist; und daß er gleichzeitig angesichts dieser Erfahrungen vollends jene eminente innere Freiheit gewann, die auch späterhin für ihn so charakteristisch war, nämlich bedingungslos und ohne irgend­welche Rücksichtnahme sich für das seiner Überzeugung nach vom Evangelium Gebo­tene einzusetzen. Mit beiden Einsichten eilte er – wie sich vor allem nach 1945 zeigen sollte – der allgemeinen Entwicklung des deutschen Protestantismus und insbesondere seiner kirchli­chen Führer weit voraus. Nie­möllers Position als eines schwierigen und schwer zu ertragen­den Außenseiters in der Nachkriegszeit gründet fraglos entscheidend in dem bitteren und schwe­ren Lernprozeß, dem er härter und hautnaher als zahllose andere sich in den voran­gegangenen Jahren hatte unterziehen müssen.

Wie kam Niemöller dahin, daß er – spätestens seit 1937 – im In- und Ausland als Symbol des kirchlichen, aber auch des politischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus mit massi­ven legendarischen Überhöhungen gefeiert wurde? Derselbe Mann, der am 14.1.1938 ohne jede Koketterie an seine Frau schrieb: »Ach Liebling, was mag Gott mit uns vorhaben?! Ich bin doch weder ehrgeizig noch revolutionär, weder ein großer Theologe noch sonst was, und wir müssen so auf den Präsentierteller vor aller Welt!« (Briefe, 226)

Zunächst engagierte Niemöller sich im Mai 1933 in der Jungreformatorischen Bewegung, die sich ohne sein Zutun auf breiter theologischer und vor allem kirchenpolitischer Basis entwi­ckelt hatte mit der Absicht, bei den Verhandlun­gen über die Bildung einer deutschen evange­lischen Reichskirche ihren Einfluß im Sinn einer umfassenden kirchlichen Neuordnung gel­tend zu machen. Schnell gelangte Niemöller in den Vorstand dieser Gruppe, und vollends seit diese sich für Friedrich von Bodelschwingh als Reichsbischof erklärt hatte, erst recht aber nach dessen Wahl durch die Landeskirchenvertreter am 27.5.1933, die die Berufung Niemöl­lers zu einem seiner Adjutanten zur Folge hatte, wurde der Dahlemer Pfarrer zu einem wich­tigen Repräsentanten dieser auf kirchliche Un­abhängigkeit drängenden Kreise.

Allerdings endeten diese Aktivitäten Niemöllers für den designierten Reichsbi­schof ziemlich bald: bereits am 24.6. trat Bodelschwingh als Reichsbischof zurück, nachdem auch lutherische Bischöfe, die vor allem an einer harmoni­schen Zusammenarbeit mit dem Staat interessiert waren, ihm das Vertrauen entzogen hatten. Nach dem Sieg der Deutschen Christen in den Kir­chenwahlen am 23.7. beschloß die Jungreformatorische Bewegung, sich aus der Kirchenpo­li­tik zurückzuziehen; fortan sollte es darum gehen, die »innere Linie« in der Kirche und insbe­sondere in den Gemeinden zu finden und festzuhalten. Das war auch Niemöllers Überzeu­gung. Gleichwohl trat er am 21.9. mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem er als Vor­sitzender des soeben gegründe­ten Pfarrernotbundes dessen Ziele erläuterte und seine Amts­brüder zum Beitritt aufforderte. Die Entwicklung dahin ist für das Verständnis der Persönlich­keit Niemöllers ungemein aufschlußreich: Wie mancher andere Pfarrer auch verur­teilte er die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche – weil diese nicht wählen könne, was sie pre­digen wolle, sondern zu verkündigen habe, was ihr von ihrem Herrn aufgetragen ist. Wie viele andere Pfarrer auch litt Niemöller unter der Unsicherheit und Verzagtheit von Kollegen, die angesichts der ver­wirrenden und sich überstürzenden kirchenpolitischen Entwicklung nach Orientierung und Gemeinschaft verlangten. Um das Bekenntnis im Blick auf die Judenchri­sten zu verteidigen und die gleichgesinnten Pfarrer zusammenzu­schließen, planten Niemöller und seine Freunde einen Bund, in dem sich »die bekenntnistreuen Pfarrer in dauerhaften bru­derschaftlichen Vereinigungen sammeln« sollten (J. Schmidt, 123). Der Vorsitz wurde zu­nächst Bodel­schwingh angetragen, danach Marahrens, dem Leiter der hannoverschen Lan­deskirche und dienstältesten Bischof. Beide lehnten ab. Daraufhin entschloß sich Niemöller, im D-Zug, auf der Rückreise von Hannover nach Berlin, selbst an die Spitze des Pfarrernot­bunds zu treten. Er handelte hier wie in der Folgezeit nach der Devise, die er im Sommer 1935 in einer Predigt formulierte und die dann auf der während seiner Gefangenschaft weit verbrei­teten Post­karte mit seinem Bild stand: »Wir haben nicht zu fragen, wieviel wir uns zutrauen, sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, daß es Gottes Wort ist und tut, was es sagt!« (Ebd., 299)

Bis zum Ende des Jahres 1933 waren dem Pfarrernotbund mehr als 3000 Pfarrer aus ganz Deutschland beigetreten. Im Auf und Ab dieses Bundes, der übrigens nie verboten wurde, auch nach Niemöllers Verhaftung nicht, spiegelt sich ein erhebliches Stück des Kirchenkamp­fes. Niemöller stand in diesen Auseinander­setzungen fortan an der vordersten Front. Dabei entwickelte er – neben seiner Arbeit als Gemeindepfarrer – eine immense Aktivität: Er hielt zahllose Vorträge und Predigten überall in Deutschland, war bei kirchlichen und kirchenpoli­ti­schen Tagungen und Besprechungen dabei, nicht selten federführend, immer aber vorwärts­treibend, drängend. Sehr schnell sammelte sich eine Schar von Anhängern und Mitstreitern um ihn, im ganzen Reich stand sein Name für eine klare, kompromißlose, durchaus auch for­sche Linie des Kampfes gegen die Deutschen Christen und alle Angriffe auf die Freiheit und Selbständigkeit der evangelischen Kirche.

Mit einer solchen Haltung machte sich Niemöller verständlicherweise nicht nur Freunde. Neben zahlreichen einzelnen waren es vor allem die süddeutschen Bischöfe, Theophil Wurm aus Württemberg und vor allem Hans Meiser aus Bayern, die einen solchen Kurs nicht steuern mochten, die wieder und wieder auf Verständigung und Ausgleich mit den Mächtigen dräng­ten, weil sie sich davon Vorteile für ihre Landeskirchen erhofften. Als darum Niemöller am 25.1.1934 bei einem Empfang von Kirchenführern in der Reichskanzlei von Göring und Hitler scharf attackiert wurde, distanzierten sich beide Bischöfe zusammen mit ihren deutschchristli­chen Kollegen ausdrücklich von ihm; Wurm löste in Würt­temberg sogar in Zusammenarbeit mit der Gestapo den Pfarrernotbund auf.

Dieser Gegensatz zwischen den sog. »intakten«, d. h. nicht von den Deutschen Christen be­herrschten Landeskirchen (Bayern, Württemberg und Hannover) auf der einen und der unbe­dingten, kompromißlosen Gruppe in den »zerstör­ten« Kirchen, insbesondere in der Evange­lischen Kirche der Altpreußischen Union, auf der anderen Seite – wozu an führender Stelle Martin Niemöller gehörte –, war dauerhaft charakteristisch für die Geschichte des Kirchen­kamp­fes. Angesichts des zunehmenden Drucks durch die Eingliederungspolitik des Reichs­bischofs Ludwig Müller und seines brutalen »Rechtswalters« August Jäger, wodurch die als Kirchenbund konstituierte Deutsche Evangelische Kirche (DEK) gewaltsam in eine monoli­thische Reichskirche umgewandelt werden sollte, wurden diese Differenzen zunächst noch einmal zugedeckt. Bereits am 20.2.1934 war auf Niemöllers Anregung der Anschluß des Pfarrernotbunds an die spontan zusammengetretene Freie evangelische Synode im Rheinland beschlossen worden. Diese Mobilisierung der Kirche von unten, von den Gemeinden her, entsprach exakt seinen Vorstellungen; dafür trat Niemöller darum auch, neben allen kirchen­politischen Aktionen, dauerhaft und mit Lei­denschaft ein. In Ulm kam es sodann am 21.4. zum Zusammenschluß der süddeutschen Landeskirchen mit den Repräsentanten der freien Synoden, vor allem aus dem Rheinland und Westfalen, aber auch aus anderen Kirchen und Kirchenprovinzen. Die Krönung dieser Entwicklung bildete die 1. Bekenntnis­synode der DEK in Barmen (29.-31.5.1934). Die aus sehr verschiedenen kirchlichen Traditionen mit recht unterschiedlichen Konzeptionen hier versammelten Bekenntnisgruppen unterstrichen noch einmal mit Nachdruck ihren Anspruch gegenüber den Deutschen Christen und dem Reichs­bischof, die wahre evangelische Kirche zu repräsentieren; vor allem aber einigten sie sich auf die Barmer Theologische Erklärung als die Grundlage ihres gesamten christlichen und kirch­lichen Wirkens.

Niemöller war entscheidend an der organisatorischen Vorbereitung und Durch­führung dieser Synode beteiligt gewesen. Die Barmer Theologische Erklärung wurde für ihn dann zuneh­mend zur Zusammenfassung und zum Inbegriff dessen, was die evangelische Kirche zu lehren und zu predigen hätte. Nicht nur in den dreißiger Jahren, sondern auch nach 1945 kreisten sei­ne Vorträge und Predigten wieder und wieder um diese Bekenntnissätze, zitierten und entfal­teten sie. Aus dem Gefängnis schrieb er Anfang Dezember: »und ab und zu sorge ich mich auch etwas, daß man doch nur nicht von der Sache ›Barmen‹ irgend etwas abbrechen läßt!« (Briefe, 145) Wenn irgendein Text als die Summe der Theologie Martin Niemöllers bezeich­net werden kann, war es fraglos diese Barmer Theolo­gische Erklärung.

Im Mai 1934 konzentrierten sich sein Engagement und Interesse jedoch zunächst einmal vor­nehmlich auf seine eigene, die preußische Kirche. Deren Bekenntnis­synode war der Reichs­synode nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich vorange­gangen. Am 29.5. hatten die bruder­rätlichen Delegierten dieser »zerstörten« Kirche beschlossen, den Anspruch, die wahre evan­gelische Kirche zu repräsen­tieren, auch in die Tat umzusetzen. Fortan sollten sich beken­nende Gemeinden innerhalb der Landeskirche sammeln und organisieren, unterhalten von freiwilli­gen Spenden. Wer sich dazu entschloß, erhielt die »Rote Karte«, die die Ver­pflichtung ent­hielt, einzutreten »zu entschlossenem Kampf wider jede Ver­fälschung des Evan­geliums und wider jede Anwendung von Gewalt und Gewis­senszwang in der Kirche« (J. Schmidt, 216). Ganz im Sinn dieser in den Wochen nach Barmen formulierten Konkretionen war auch die Gründung eigener Predi­gerseminare und Prüfungskommissionen, die Durch­führung eigener Ordinatio­nen sowie die Installierung einer selbständigen Finanzverwaltung. Die Abgren­zung der preußischen Bekenntniskirche gegenüber dem deutschchristlichen Kirchenregiment war damit praktisch vollzogen, voll und ganz im Sinne Niemöl­lers, der darin die entscheidenden und unwiderruflichen Voraussetzungen für die bekennende Nachfolge des einzelnen und der christlichen Gemeinde insgesamt gegeben sah.

Die 2. Bekenntnissynode der DEK am 18./19. Oktober 1934 in Dahlem, in Niemöllers Ge­meinde also, proklamierte diesen ausschließlichen kirchenleiten­den Anspruch mit allen Konsequenzen für sämtliche evangelische Kirchen im Reich; der Reichsbruderrat, zu dem selbstverständlich auch Niemöller gehörte, setzte sich damit an die Stelle des Reichsbischofs und seines Geistlichen Ministe­riums. Allerdings bestanden zum einen von Anfang an erheb­liche Zweifel, ob man diese Beschlüsse überall würde durchführen können; und zum andern blieb einigermaßen unklar, ob es sich hierbei um einen grundsätzlichen oder einen primär tak­tischen Beschluß handelte, der dann bei veränderten kirchenpoliti­schen Bedingungen auch wieder revidiert werden könnte. Die erstgenannte Linie, von den Gegnern alsbald als die »radikale« der »Dahlemiten« apostro­phiert, vertraten Niemöller und seine Freunde. Sie muß­ten freilich sehr schnell erleben, daß hinter ihnen nur eine Minderheit stand. Bereits am 22.11.1934 beschloß die Mehrheit der Bekenntnisfront die Einsetzung einer Vorläufigen Kir­chenleitung (VKL) unter Marahrens und distanzierte sich damit von der strikten Weiter­füh­rung des in Dahlem Konzipierten. Mehr und mehr traten nun die Gegensätze innerhalb der Bekenntnisfront zutage. Die folgenden Bekennt­nissynoden der DEK in Augsburg (4.-6.6.1935) und Bad Oeynhausen (18.-22.2.1936) verschärften die Spannungen nur, statt sie zu überbrücken. Zur entscheidenden Frage, an der die Bekenntnisgemeinschaft dann auch aus­einan­derbrach, wurden schließlich die vom Kirchenminister Kerrl einberufenen und von dem ehemaligen Generalsuperintendenten Zoellner geleiteten Kirchenaus­schüsse, die die inner­kirchliche Einigung bewerkstelligen sollten. Während die VKL ebenso wie die »intakten« Kirchen für diese Ausgleichspolitik votierten, widersetzten sich die »Dahlemiten« entschieden diesem Weg. Das Ergebnis war eine nur noch von diesen besetzte 2. Vorläufige Kirchen­lei­tung unter Friedrich Müller, Niemöllers Dahlemer Kollegen, eine desorientierte und unsichere Mitte sowie die Gruppe der »intakten« Kirchen mitsamt dem Zusammenschluß der engagier­ten Lutheraner im Lutherrat. Nicht allein die Einheit der Bekenntnisge­meinschaft, sondern auch der Aufbruch und die Dynamik der Bekennenden Kirche im Jahre 1934 waren damit endgültig verspielt.

Diese Entwicklung war umso unerfreulicher, als seit 1935 der politische Druck des Regimes auf Christentum und Kirche in der Öffentlichkeit erheblich zunahm. Die diesbezüglichen Verfügungen und Erlasse, begleitet von Verhören, Haussuchungen und Verhaftungen, trafen besonders hart die bekennenden Pfarrer und Gemeindemitglieder in den »zerstörten« Kirchen, zumal auch die staatlich eingesetzten Finanzausschüsse das Kollektenwesen der Bekennenden Kirche Schritt um Schritt zerschlugen. Hilflosigkeit und Lähmung griffen um sich. Niemöller versuchte mit aller Leidenschaft, dagegen anzugehen. Schroff, auch rücksichtslos und mitun­ter bitter beklagte er das ängstliche Mühen kirchli­cher Repräsentanten, auch im eigenen Lager, den kirchlichen Bestand zu wah­ren, um das Konzept der Volkskirche nicht zu gefähr­den. Dagegen setzte er, z. B. in einem Artikel vom September 1936, sein Konzept der »Mis­sionierenden Kirche«, die »den Angriff auf das Reich der Welt« wagt, die Übergriffe des Staates und seiner Repräsentanten auf das Christentum unerschrocken beim Namen nennt und die insgesamt damit Ernst macht, daß die Kirche »keine andere Basis und kein anderes Funda­ment hat als das Wort und die Verheißung ihres lebendigen Herrn« (J. Schmidt, 336). Hart urteilte er über die verhängnis­vollen Folgen des zunehmenden Konfessionalismus; aus dem Gefängnis schrieb er seiner Frau: »Ich habe nicht für lutherische Theologumena ge­kämpft, sondern für die Kirche des Herrn Christus; denn der Angriff geht heute nicht gegen Luther, und wenn man den Calvinismus heute schlecht macht, meint man ja nicht Calvin, sondern den Herrn Jesus Christus. Wer das verleugnet und hier mitmacht, der führt den berühmten ›Dolch­stoß‹ und verrät des Menschen Sohn mit einem Kuß!« (Briefe, 96) Unermüdlich war er unter­wegs, bestrebt, durch Predigten und Vorträge wie auch durch Aufsätze und Rundbriefe den Gemein­den den Rücken zu stärken und ihnen Mut zu machen. Unmittelbar nach der Rückkehr von einer solchen Reise nach Westdeutschland wurde Niemöller am Morgen des 1.7.1937 verhaftet.

Die erzwungene Untätigkeit in der Untersuchungshaft – sie sollte 8 Monate dauern – machte dem bis dahin so aktiven, an Führung und Kommunikation mit zahllosen Menschen gewöhn­ten Mann zunächst schwer zu schaffen. Nach einem sehr fair geführten Prozeß wurde er am 2.3.1938 zu 7 Monaten Festungshaft und 2000 Mark Geldstrafe verurteilt. Das bedeutete, wegen der vorangegange­nen Untersuchungshaft, nicht nur Freispruch, sondern war zugleich eine Ehren­erklärung für Niemöller. Aber statt in die Freiheit ging sein Weg ins KZ. Die Gestapo brachte Niemöller direkt aus dem Gerichtsgebäude nach Sachsenhau­sen. Als persön­licher Gefangener Hitlers saß er dort 3 Jahre in Einzelhaft. In dieser schlimmen, nach mensch­lichem Ermessen ausweglosen Situation kam er zu der Überzeugung, daß der Katholizismus die eigentliche Gestalt des Chri­stentums darstelle. Wohl um seine sich abzeichnende Konver­sion zu unterstüt­zen, wurde Niemöller im Frühjahr 1941 in eine Zelle mit 3 katholischen Geistlichen in das KZ Dachau verlegt. Die erwünschte Wirkung trat jedoch nicht ein. In lan­gen intensiven Gesprächen mit seinen Zellengenossen erkannte Nie­möller vielmehr, wie urprotestantisch er war. Vor den anrückenden Amerika­nern verschleppte die SS die Dachauer Sonderhäftlinge im April 1945 noch nach Südtirol, wo sie deutsche Truppen vor der aus Ber­lin befohlenen Ermordung bewahrten. Die Amerikaner holten Niemöller danach zur Erholung, zu Gesprä­chen und Verhören nach Neapel. Unbequeme Interviews über Deutschland und die Deutschen – in denen er zum ersten Mal nach Kriegsende seinen eigenen Ruhm zerstörte – fanden Verbreitung. Als die Amerikaner ihn dann immer noch nicht entließen, sondern in Frankfurt internierten, trat Niemöller in den Hun­gerstreik. Mit Erfolg! Am 24.6.1945, also nach fast genau 8 Jahren, kam Niemöller zu Frau und Familie zurück, die während der letzten Kriegsjahre in Leoni am Starnberger See Zuflucht gefunden hatten.

III.

Die Umstellung auf die total veränderten Verhältnisse in Deutschland im Chaos der Nach­kriegszeit fiel Niemöller schwer. Niedergeschlagenheit, Depressionen, auch physische Krank­heiten beschwerten ihn. Auf der einen Seite bemühte man sich überall um ihn, insbesondere natürlich innerhalb der evangelischen Kirche, als den lebendigen Beweis für die Existenz eines anderen, besseren Deutschlands; auf der anderen Seite standen die evangelischen Kir­chen inzwischen mitten im Prozeß der Neuordnung oder hatten diesen bereits abgeschlossen, benötigten also Niemöllers Mitwirkung nicht. Erst 1947 trat er durch die Wahl zum Kirchen­präsidenten der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau an die Spitze einer Landes­kirche. Der Mann, der jahrelang im stummen Zwiegespräch mit dem Galgen vor seinem Zel­lenfenster gelebt hatte und dem dabei Einsichten nicht allein für seine eigene Existenz, son­dern über das Wesen der christlichen Botschaft insgesamt aufgegangen waren, fand sich also zunächst noch einmal ins Abseits gestellt. Konfessionelle und landeskirchliche Eigen­inter­essen dominier­ten, zugleich die große Sehnsucht nach beruhigten, geordneten Verhält­nissen, nur zu verständlich nach dem, was man erlebt und erlitten hatte. Kehrten die Men­schen jetzt, 1945, nicht in der Tat scharenweise zum Christentum und in die Kirchen zurück? Bewies das nicht eindeutig, daß man nach wie vor auf dem richtigen Wege war?

Niemöller sah das alles ganz anders. Die Predigt des Galgens in Dachau, so formulierte er später, habe ihn 1944 endgültig zu der Überzeugung gebracht, daß für ihn als Christen der einzelne Mensch eine Herausforderung Gottes darstellte. »Später habe ich es dann in einer noch sehr viel klareren Weise erkannt und habe das auch oft zum Ausdruck gebracht und habe gesagt: Ich kann doch als Christ gar nicht glauben, daß Jesus für mich gestorben ist, ausge­rechnet für mich, wenn ich sage: Aber für den – und wenn er Josef Stalin ist – für den ist er nicht gestorben.« (IV, 221) Unter diesen Voraussetzungen stand die Auseinanderset­zung Niemöllers mit den Themen und Problemen in der Zeit nach 1945.

Die Neuordnung der Deutschen Evangelischen Kirche, zu der Bischof Wurm die Landeskir­chenführer Ende August 1945 in das hessische Treysa eingeladen hatte – Niemöller zunächst nur für den feierlichen Eröffnungsgottesdienst! –, veranlaßte diesen, den alten Reichsbruderrat zu einer Tagung in Frankfurt einzuladen (21.-23.8.). Es gab ein bewegendes Wiedersehen, zumal auch Karl Barth – ohne Papiere und in einer amerikanischen Uniform – gekommen war. Allerdings mußte Niemöller einsehen, daß der alte Anspruch des Bruderrates, das kir­chen­leitende Gremium darzustellen, sich nur noch sehr begrenzt festhalten ließ. Zu viel war in der Zwischenzeit geschehen, in zu vielen Landeskirchen hatten sich bereits Koalitionen aus Bekenntniskräften und Neutralen gebildet. Die Verhand­lungen in Treysa selbst ließen die alten Spannungen und Gegensätze sogleich wieder aufbrechen. Niemöller wurde zwar in den neu gegründeten Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt, als Vertreter des Ratsvor­sitzenden Wurm und Leiter des Kirchlichen Außenamtes; aber seine Position, die auf die Schuld gerade der Bekennenden Kirche abhob, auf die Erneuerung der Kirche auf der Basis von lebendigen Gemeinden, auf eine Verkündigung, die eine andere Stellung zum Mit­menschen einnahm – »wir wissen, daß sie gleich uns einen Anspruch auf Recht und Freiheit haben und daß sie darum niemals für uns und für andere zum Gegenstand der Ausbeutung werden sollten« (I, 15) – und dementsprechend auf eine neue, positive Stellung zur Demokra­tie, stieß keines­wegs nur auf Verständnis oder gar Sympathie.

Das Thema der Schuld der Kirche stand auf der 2. Ratstagung der EKD in Stuttgart am 18./19.10.1945 im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Es waren Asmussen und Nie­möl­ler, die zu einer Delegation aus der Ökumene von der deutschen Schuld sprachen; durch Nie­möller kam in den endgültigen Text dieser Stuttgarter Schulderklärung der wichtige Satz: »Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Län­der gebracht worden« (I, 322). Niemöller war es dann auch, der – anders als viele Ratsmitglie­der und erst recht zahlreiche Kirchenleitungen, die das in Stuttgart Bekannte bald zu relati­vieren versuchten – in den folgenden Monaten und Jahren so uner­schrocken wie unermüdlich für die Anerkennung der persönlichen Schuld am Vergangenen durch jeden einzelnen Chri­sten eintrat. Als er erleben mußte, daß nicht nur die Gemeinden die Stuttgarter Erklärung weithin befremdet, wenn nicht sogar empört zurückwiesen, sondern auch der Rat der EKD dieses Thema offenkundig versacken lassen wollte, unterstützte er mit Freunden aus dem Bruderrat die Formulierung und Verbreitung des sog. »Darmstädter Wortes« »zum politischen Weg unseres Volkes« (8. 8.1947), in dem die Schuld, und zwar gerade die Schuld der deut­schen evangelischen Christenheit, in Vergangenheit und Gegenwart klar und unmißverständ­lich ausgesprochen wurde. Ein gewalti­ger Sturm der Entrüstung war die Folge, fast einstim­mig waren die Ablehnung und Kritik dieses Wortes, bis in die Kreise der Bruderräte hinein. Eine weithin bekannte Persönlichkeit war Niemöller schon während der Jahre des »Dritten Reiches« gewesen. Jetzt, nur 2 Jahre nach Kriegsende, war er nicht allein eine umstrittene, sondern für weite Kreise in Deutschland auch eine ärgerliche und Empörung auslösende Ge­stalt geworden. Er sollte es bleiben, solange er lebte.

Was Niemöller an diesem Verdrängen und Bagatellisieren der Schuldfrage besonders traf, war die offen vertretene oder jedenfalls gelebte Überzeugung, daß dieses Thema inzwischen erle­digt sei, daß es nun zu trösten gelte, statt weiter anzuklagen, und daß man sich vor allem der Fülle der praktischen Aufgaben zuwenden müsse. Die Ergebnisse dieses Pragmatismus über­zeugten Niemöller vollends von der Notwendigkeit seines Insistierens auf der Schuldfrage. Konnte denn die Kirche anders als zu ihrem Schaden mit ihrer Institution, ihrer Predigt und nicht zuletzt mit ihrem Leben so weitermachen, als wäre nichts geschehen? Und umgekehrt: Konnte man wirklich neu anfangen, alten Irrtümern absagen, neue Wege zu den Menschen suchen und gehen, wenn man nicht zuvor sehr klar und ganz bewußt von früheren Irrtümern gesprochen hatte, von genau zu bezeichnenden Fehlern, von eindeutiger Schuld? Das war Niemöllers Überzeu­gung. »Wir sind nicht im Frieden mit Gott, sondern wir murren gegen Gott, und das soll uns daran erinnern, daß Gott Grund hat, über uns zu murren: Es geht um die Schuld, es geht um die Sünde.« (I, 46)

Wo das deutlich geworden ist, kann auch die Vergebung Gottes deutlich werden. Betroffen stellte Niemöller fest, ein wie fremdes und unverstandenes Wort die Botschaft von der Recht­fertigung des Sünders in der Kirche der Reformation war, wie selbstverständlich man sich daran gewöhnt hatte, darin nichts weiter als schöne, nur die subjektive Innerlichkeit oder das Jenseits betreffende Redensar­ten zu sehen. Indem Niemöller konkret von Schuld, Verfehlung und Verbrechen redete, konnte er auch ebenso konkret von Vergebung, von neuen Möglich­kei­ten, vom Weg ins Freie für den einzelnen und von einer sinnvollen Zukunft für die Gesell­schaft reden. Und darin konnte dann auch wieder aufleuchten, daß die Christusbotschaft wirk­lich aller Welt und allen Menschen gilt, nicht allein den Frommen oder den Rechtgläubigen oder dem sog. »christlichen Abendland«. Nichts hat so tief und dauerhaft die Wut und Empö­rung gegen Niemöller gefördert und gefestigt wie die Tatsache, daß er sich aus diesem christ­lichen Glauben heraus, aufgrund der Botschaft des Evangeliums von der bedingungslo­sen Liebe Gottes zum Menschen, weigerte, hier irgendwelche Trennungen zuzulassen. »Ist etwa Jesus Christus nicht auch für die Menschen, die Kommuni­sten sind, gestorben und auferstan­den?«, fragte Niemöller 1949. Und er fuhr fort: »Hier müssen wir gründlich umlernen, damit wir nicht in christlicher Selbstgerechtigkeit den Heiland der Welt verleugnen und den Bruder von uns stoßen, den Gott in Jesus Christus ruft. Indem wir die Solidarität der Schuld leugnen, versäumen wir die Solidarität des Heils.« (I, 150) Doch richtig war diese Einsicht für Niemöl­ler nur, wenn sie praktische Konsequenzen nach sich zog. Dementsprechend erklärte er z. B. 1952 im Blick auf den Osten: »So sind wir wohl nicht davon dispensiert, Wege zu suchen, wie wir ihnen gegenüber unsere Solidarität erkennbar machen und betätigen; und wenn wir gar nichts anderes wüßten, müßte die Christenheit des Westens sie nicht mit unaufhörlichem Gebet und Fürbitte umgeben und tragen? Und müßten wir damit nicht bei uns selber und bei denen um uns her dem glühenden Haß wehren, der zugleich unsere Glauben bedroht und zu­nichtemacht?« (I, 214)

Niemöllers Konzept, das seit der Nachkriegszeit zunehmend profiliert zutage trat, gründete also in der Erlösung und Versöhnung aller Menschen durch Gott in Jesus Christus, sah darum alle Menschen in Schuld und Sünde und gleichwohl bedingungslos und voraussetzungslos geliebt von Gott. Christlicher Glaube, der das Wissen darum und das Leben daraus bedeutet, konnte mithin nur im Zeugnis von dieser Versöhnung bestehen – was konkret das Eintreten und den Einsatz für Verständigung und Frieden meinte, im kleinen wie im großen. Dabei verstand sich Niemöller nie als Politiker. Aber so wie die Botschaft von Jesus Christus allen Menschen ohne Ausnahme galt und seine Herrschaft keinen Bereich der Welt sich selbst über­ließ, sparten auch Niemöllers Reden, Predigten und Auf­sätze die Politik nicht aus, sondern gingen immer wieder grundsätzlich gegen die darin sich ausdrückenden Selbstverständnisse und Selbstverständlichkeiten im Namen der Liebe, der Mitmenschlichkeit an.

Man muß diesen Zusammenhang vor Augen haben, will man Niemöllers Äuße­rungen zur politischen Entwicklung nach 1945 und insbesondere seine Voten gegen die Gründung der Bundesrepublik, gegen deren Westintegration sowie die Wiederbewaffnung verstehen. In einem am 24.11.1952 in Genf gehaltenen Vortrag »Von der politischen Verantwortung des Christen in der heutigen Welt« hat Niemöller sich öffentlich über die Gründe seiner politi­schen Stellungnahmen Rechenschaft gegeben. Nicht nationalistische Motive trieben ihn, erklärte er, auch nicht pazifistische, sondern einfach die Sorge um die Menschen im anderen Teil Deutschlands, die durch die Politik des Westens endgültig abgetrennt und außerdem mit zusätzlichen Lasten beladen würden. Aber diese moralisch-politischen Erwägungen wurzelten doch unüberhörbar in seiner Überzeugung, daß die erste und entscheidende Aufgabe des Chri­sten das Wirken für den Frieden sein müsse. Wie aber war das möglich, wenn man nicht gegen Nationa­lismus und Antikommunismus, gegen jede Form der Militanz und des Hasses unbeirrbar und mutig anging? »Es ist die Sorge darum, daß wir wieder einmal in die Versu­chung geführt werden – und wie viele Menschen unseres deutschen Volkes sind immer noch oder schon wieder für diese Versuchung anfällig! –, daß wir in das furchtbare Feind-Freund-Denken zurückfallen und es wieder als selbstverständlich betrachten, daß es dem Feinde ge­genüber nichts anderes als das Schwert gäbe.« (I, 228)

Daß man für den politischen Frieden und die Versöhnung unter Menschen immer nur direkt und konkret an dem Platz tätig sein kann, an dem man steht, war Niemöller selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich war für ihn, daß es keinen echten christlichen Glauben ohne diesen Einsatz gibt. In jener Genfer Rede heißt es dazu: »Wir können unser Christenleben nirgendwo anders leben als in der gegenwärtigen Welt; und hier stellen wir Christen uns unse­re Aufgaben nicht selber: sie werden uns gestellt von ihm, der unser Herr und Bruder ist; und es steht bei ihm, wo er uns in der Hülle menschlicher Not fragend und fordernd begegnen will.« Damit war auch zugleich das Wesen von Niemöl­lers intensiver ökumenischer Tätigkeit umrissen. Die Christen in der Welt konnten unmöglich isoliert voneinander bleiben – und das umso weniger, je ernster sie ihren Glauben und ihre Berufung nahmen. Es galt vielmehr, auf­einan­der zu hören, voneinander zu lernen und schließlich immer wieder neu und intensiv gemeinsam für Frieden und Verständigung überall auf der Erde sich einzusetzen. Nachdem Niemöller im Herbst 1945 seine erste ökumenische Reise angetreten hatte, wurde er von Bischof Dibelius bald zu Recht als »Sonderbot­schafter des deutschen Volkes« bezeichnet; direkter noch und treffender apo­strophierte ihn ein Freund als »einziger deutscher Exportarti­kel nach 1945« (D. Schmidt, 189). Als Niemöller 1961 einer der sechs Präsidenten des Welt­rats der Kirchen wurde, hatte er annähernd 150 Reisen in aller Herren Länder hinter sich. In viele kam er in großer Regelmäßigkeit, kaum noch als Gast betrachtet, sondern als ein lange gekannter und geschätzter Freund. Diese warmherzige und verständnisvolle Aufnahme genoß Niemöller umso mehr, als er in seiner Heimat – durchaus auch in seiner Heimatkirche in Hes­sen-Nassau – oft genug auf Argwohn und Verständnislosigkeit, wenn nicht sogar auf Feind­schaft und rückhaltlose Ablehnung stieß. Hatte sein Widerspruch gegen die Gründung der Bundesrepublik sowie gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands bereits die Wogen der Empörung in der Öffentlichkeit hochgehen lassen, überschlugen sich diese Reaktionen erst recht, als Niemöller im Januar 1952 auf Einladung des Moskauer Patriarchen nach Rußland flog und dort Kontakte mit der russisch-orthodoxen Kirche aufnahm. Niemöllers Werben im Westen für Verständnis und materielle Hilfen für das zerstörte und notleidende Deutschland, sein Eintreten für deutsche Kriegsgefangene und Kriegsverbrecher, gegen die Demontagen und die Entnazifizierungspolitik der Westalliierten hatte man sich gern gefallen lassen: Aber daß derselbe Mann es jetzt wagte, sich ebenso konkret für Versöhnung und Verständigung mit dem Osten einzusetzen, brachte eine trübe Flut von Verleumdungen, von Haß und Wut gegen ihn in Bewegung, an der nicht zuletzt zahlreiche führende Politiker der »christlichen« Regie­rungspar­tei bis hinauf zum Bundeskanzler mitwirkten. Wie hohl und innerlich brüchig diese auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges so eifrig proklamierte Ideologie der christlichen Wer­te und des christlichen Abendlands wirklich war, kommt in diesen Reaktionen besonders be­klemmend zum Ausdruck.

Niemöller war in diesen Jahren ein sehr einsamer Mann, oft auch in seiner Kirche. 1956 nahm man ihm – während seiner Abwesenheit! – das Kirchliche Außenamt. Am 7.8.1961 erlitt er einen schweren Autounfall, bei dem seine geliebte Frau, die mutig und unbeirrbar zu ihm gehalten hatte, den Tod fand; 1971 schloß er eine 2. Ehe mit Sibylle, geb. v. Sell. 1964 legte Niemöller vorzeitig sein Amt als Kirchenpräsident nieder, 1968 verließ er auch die Synode der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, voller Empörung über das allgemeine Drängen auf eine »Demokratisierung« der Kirche. Die Kirche kann nicht mit einem Parlament gleich­gestellt werden, betonte er. Erstmals stand Niemöller nicht auf der Seite der auf Veränderung drängenden Kräfte. War der fast 80jährige zu alt, zu unbeweglich geworden, als daß er sich dem Neuen noch hätte öffnen oder es gar mittragen können? 1970 schrien Studenten einen Vortrag Niemöllers in der Frankfurter Paulskirche nieder und sprengten die Versamm­lung. War damit das Ende seiner großen und fruchtbaren öffentlichen Wirksam­keit eingeleitet, der Rückzug in Verbitterung oder doch Resignation eingeläutet?

IV.

Daß nichts von alledem geschah, daß Niemöllers Stimme vielmehr sowohl in der Ökumene als auch in zahllosen Gemeinden und mehr und mehr auch wieder in der Öffentlichkeit gehört und intensiv gefragt wurde, hängt wohl entscheidend damit zusammen, daß er bei allem kon­kreten Situationsbezug sowie aller treffen­den Direktheit seines Redens doch nie opportuni­stisch dachte, sprach oder handelte. Er wollte schlicht nur seinem Herrn Jesus folgen, ausspre­chen, was dieser ihn lehrte, tun, was er als dessen Weisung begriffen hatte. Und dieser Weg ließ Niemöller noch einmal früher und hellsichtiger als die meisten Menschen um ihn herum die schreckliche Bedeutung der atomaren Rüstung erkennen. Hatte ihn sein erster Lebensab­schnitt »vom U-Boot zur Kanzel« geführt, der folgende – und diese Erfahrungen ließen ihn zum erstenmal vielen Menschen und seiner Zeit weit vorauseilen – von der Kanzel ins KZ, der darauf folgende vom KZ in weite Zusammenhänge und in die weite Welt, so führte ihn seine letzte Etappe, in der er noch einmal eine immense Aktivität, Lebendigkeit und Leiden­schaft entfaltete, »von der weiten Welt auf die Straße«, wie es Bischof Schönherr einmal treffend formuliert hat.

Niemöller ist später immer wieder auf ein für ihn grundlegendes Gespräch mit dem Atomphy­siker Otto Hahn und einigen Freunden zurückgekommen, das 1954, anläßlich der Explosion der ersten russischen Wasserstoffbombe stattfand. Die Gelehrten bestätigten ihm, daß die Zün­dung von etwa 10-15 solcher Bomben in Ost und West ausreichte, um alles menschliche Leben auf der Erde auszulöschen. Für Niemöller ergab sich daraus nicht nur die Konsequenz, daß Kriege zwischen den Atommächten nicht mehr stattfinden dürfen, sondern auch, daß es eine unangemessene Verharmlosung darstellte, wenn man diese Massenvernichtungs­mittel noch als Waffen bezeichnete. »Die heutigen Zerstörungswaffen«, betonte er am 31.3.1959 in Mannheim, »die Massenvernichtungsmittel sind keine Waffen mehr; sie wirken gegen Freund und Feind und Neutrale; sie verteidigen auch nicht mehr, denn sie treffen auch den, den sie verteidigen möchten; sie machen auch keinen grundsätzlichen Unterschied mehr zwischen Krieg und Frieden, indem sie bereits im ›Frieden‹ ihre Zerstörungen anrichten. Alle diese Begriffe: Waffe, Verteidigung, Krieg und Friede sind durch sie ihres Sinnes beraubt. Das gilt es zu sehen und den anderen klarzumachen, die nicht sehen können oder wollen.« (III, 98)

Also Aufklären, Warnen, Anstoß geben hieß für Niemöller das Gebot der Stunde – das Nein zur atomaren Rüstung immer lauter, immer schärfer sagen, damit wenigstens die Bevölkerung am Rande des Abgrunds zur Besinnung kommt, wenn es die Regierungen schon nicht tun. In diesem Sinn bezeichnete er am 25.1.1959 in Kassel »die Ausbildung zum Soldaten« als »die Hohe Schule für Berufsverbrecher« (III, 73f.). Niemöller begründete diese Formulierung aus­führlich, sagte Wichtiges über das Wesen des christlichen Glaubens und seine Aufgaben in der Gegenwart. Aber von alledem war sogleich keine Rede mehr. Das Reizwort saß, die zuge­spitzte Wendung erregte immenses Aufsehen und einhellige Empörung. Franz Josef Strauß stellte Strafantrag – ohne sich im übrigen mit Nachforschungen über den Hergang aufzuhalten – größere und erst recht kleinere Gestalten der politischen Szenerie fielen über ihn her, die An­würfe in der Presse verloren jedes Maß. Aber auch zahlreiche evangelische Bischöfe distan­zierten sich – wieder einmal – von Niemöller, und in seiner eigenen Kirche kam es zu derart scharfen Angriffen auf ihn, daß Niemöller erklärte, »er habe sich nicht einmal vor Hitlers Richtern so sehr als Angeklagter gefühlt« (D. Schmidt, 248). Pointiert tritt in diesen Ausein­andersetzungen zutage, wie wenig auch führende Repräsentanten innerhalb der evan­gelischen Kirche bislang von der Problematik des atomaren Wettrüstens begriffen hatten – und wie selbstver­ständlich man sich hier nach wie vor mit den politischen und ideologischen Zielset­zungen des westdeutschen Staates identifizierte. Daß ein Christ an andere Normen gebunden ist als andere Menschen, daß er dementsprechend auch anders denken und handeln kann bzw. muß als seine Umwelt: diese Dimension kam seinen christlichen Kritikern kaum in den Blick.

Dabei hatte Niemöller gerade in seiner Kasseler Rede neben das Nein zu Krieg und Rüstung, Militärwesen und Gewalt ausdrücklich und betont das Ja Gottes in Jesus Christus zu allem Mühen um Versöhnung, Verständigung und Frieden gestellt. Niemöller hatte dargelegt, daß ihm in den letzten Jahren mehr und mehr die Frage zu schaffen gemacht habe, wie sich Ge­waltanwendung und christlicher Glaube zueinander verhielten. Mit dem Neuen Testament, erklärte er, lasse sich eine solche Verbindung jedenfalls nicht vereinen. Im Gegenteil! »Das ist doch der Sieg Christi«, legte er 1960 dar: »Die gewaltlose Überwindung der Feind­schaft durch die sich selbst opfernde Liebe; dieses Heraus-Lieben des in sich selbst verschlossenen Menschen, der nur sich selbst liebt und der weder Gott noch den Nächsten liebt; dieser Mensch wird herausgeliebt durch dies Opfer, durch diesen sich selbst Opfernden, der aus sich herausgeht und nichts für sich behält, so daß bei uns der Panzer, in dem wir uns eingeschlos­sen haben, schmilzt und auch wir aus uns herausgehen können. Das ist doch der Sieg, der gewaltlose Sieg Christi!« (III, 201f.) Pazifismus aus Glauben und in der Nachfolge Jesu hieß also für Niemöller die Konsequenz. Und das bedeutete: Die Christenheit mußte umkehren, mußte Buße tun und ihre Schuld bekennen, weil sie so lange und so selbstverständlich mit Macht und Gewalt gerechnet hatte, damit umging und immer wieder darauf statt auf das Wort und Beispiel ihres Herrn baute und noch baut. Das bedeutete zugleich: Die Christenheit muß anders reden und sie muß vor allem anders leben als bisher. Niemöller hat diesen Zusammen­hang einmal in einer ebenso schlichten wie schönen Formulierung so ausgedrückt: »Glauben heißt: Bei Jesus sein: Und bei Jesus sein, das heißt: Bei ihm bleiben: Und da er nicht in der Kirche sitzt und Sprechstunden hält, sondern auf dem Wege ist, so heißt bei ihm bleiben: Ihm nachfolgen!« (III, 315)

Niemöller hat diese Einsicht in der Tat nicht nur in der Kirche gepredigt, sondern ist für sie im wahrsten Sinn des Wortes auf die Straße gegangen. Beim ersten Ostermarsch im April 1958 in England, der zum Atomzentrum Aldermaston führte, war er ebenso dabei wie bei den fol­gen­den; er nahm an zahllosen Demonstrationen teil, hielt nicht nur Reden, sondern verteilte Handzettel und Flugblätter, war bei Mahnwachen gegen die Rüstung ebenso zu finden wie in einer Vielzahl von Vereinigungen und Institutionen, die sich für den Frieden engagierten.

Im Unterschied zu einem großen Teil dieser Menschen, in den späten 70er Jahren dann auch zu vielen in der nun mächtig anschwellenden Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in anderen Ländern, gehörten für Niemöller von Anfang an und sehr grundsätzlich zum Eintreten für Versöhnung und Frieden angesichts des Ost-West-Konflikts die Ausweitung dieser Be­mü­hungen auf die Länder der Dritten und Vierten Welt mit hinzu. Undenkbar war ihm eine Vor­stellung von Frieden, die allein auf die Sicherung des Bestehenden in den Industrieländern der nördlichen Hemisphäre zielte und dabei die Völker der südlichen Erdhälfte ihrem Schick­sal überließ. Bereits 1959 betonte er deshalb, daß das Eintreten für den Frieden in erster Linie für die weißen Völker Buße, Umkehr und einen umfassenden Lernprozeß erforderten, um »einzu­sehen und anderen zu der Einsicht zu verhelfen, daß wir uns als eine Menschen- und Völker­familie etablieren müssen. Die Menschheit hat von heute an (oder seit ein paar Jahren) nur noch eine gemeinsame Zukunft; oder sie hat überhaupt keine Zukunft mehr!« (III, 99) Dabei legte er mehr und mehr allen Nachdruck auf das Leben der Christen, auf die gelebte Nach­folge. Würde die Christenheit bereit und imstande sein, angesichts der gewaltigen Prob­leme und Herausforderungen in der Welt, auf diese Weise Zeugnis von ihrem Glauben an Christus abzulegen? Würden die Christen fähig und willens sein – wie er es 1963 auf dem Dortmunder Kirchentag ausdrückte – den anderen gegenüber sich als »gnädige Nächste« zu erweisen (IV, 126)? Von einer christlichen Verkündigung, die diesen gelebten Erweis der Zuwendung zu den Nöten anderer, der Solidarität mit ihren Schmerzen, Ängsten und Leiden ausblendete, hielt Niemöller immer weniger.

Ganz in diesem Sinn unterstrich er noch einmal am Ende seines Lebens, was ihn durch alle Höhen und Tiefen der vorangegangenen Jahrzehnte bewegt und angetrieben hatte: »Ohne eine völlige Sinnesänderung – vom Ich und seiner Selbstzentriertheit zur lebendigen Solidarität mit dem anderen und den anderen – ist die hoffnungslose Selbstzerstörung nicht aufzuhalten. Des­halb habe ich die Aufgabe meines Lebens in der unentwegten Einladung zur Nachfolge Jesu als zum Weg des Lebens gesehen, und für andere Pläne und Ziele keine Zeit und Kraft gefun­den oder begehrt, denn (und das habe ich oft und gern gesagt:) ›Ewigkeit ist für uns Menschen immer Heute!‹« Daher, fuhr Niemöller fort, sei auch im letzten die Frage ohne Bedeutung, was er in seinem Leben eigentlich gewollt oder erreicht habe; viel wesentlicher sei es, wenn jeder selbst sich fragte, »was er heute tun soll und tun kann, um den Weg des Lebens deutlich zu machen und damit in das Dunkel, das nicht mehr zu ignorieren oder zu leugnen ist, ein Licht zu bringen, auf das wir zuwandern, zueilen müssen, solange es Heute heißt!« (V, 275) – Was wäre dem noch hinzuzufügen?

Werke (Auswahl)

Vom U-Boot zur Kanzel. Berlin 1934.

Dahlemer Predigten 1936/37. 2. Aufl. München 1981.

Briefe aus der Gefangenschaft Moabit. Frankfurt 1975.

Reden 1945-1954. Darmstadt 1958 (I).

Reden 1955-1957. Darmstadt 1957 (II).

Reden 1958-1961. Frankfurt 1961 (III).

Eine Welt oder keine Welt. Reden 1961-1963. Frankfurt 1964 (IV).

Reden, Predigten, Denkanstöße 1964-1976. Köln 1977 (V).

Darstellungen

Bentley, J.: Martin Niemöller. Oxford 1984.

Erk, W. (Hg.): Prophet dieser Zeit. Erinnerung an Martin Niemöller. Stuttgart 1984.

Mochalski, H. (Hg.): Der Mann in der Brandung. Ein Bildbuch um Martin Niemöller. Frankfurt 1962.

Schmidt, D.: Martin Niemöller. Eine Biographie. 2. Aufl. Stuttgart 1983.

Schmidt, J.: Martin Niemöller im Kirchenkampf. Hamburg 1971.

Quelle: Martin Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte, Bd. 10,2: Die neueste Zeit IV, Stuttgart: Kohlhammer 1986, S. 187-204.

Hier der Text des Porträts als pdf.

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