Martin Greschat über Martin Niemöller „Pazifismus aus Glauben und in der Nachfolge Jesu hieß also für Niemöller die Konsequenz“

Niemöller am Schreibtisch in Berlin (1936)
Martin Niemöller an seinem Schreibtisch in Berlin-Dahlem (1936)

Martin Greschat hatte es in der von ihm herausgegebenen Reihe „Gestalten der Kirchengeschichte“ übernommen, Martin Niemöllers Lebensporträt zu schreiben. Bei aller Sympathie für Niemöller vermeidet er hagiographische Züge. So lautet der Schlussteil:

Aufklären, Warnen, Anstoß geben hieß für Niemöller das Gebot der Stunde – das Nein zur atomaren Rüstung immer lauter, immer schärfer sagen, damit wenigstens die Bevölkerung am Rande des Abgrunds zur Besinnung kommt, wenn es die Regierungen schon nicht tun. In diesem Sinn bezeichnete er am 25.1.1959 in Kassel »die Ausbildung zum Soldaten« als »die Hohe Schule für Berufsverbrecher« (III, 73f.). Niemöller begründete diese Formulierung aus­führlich, sagte Wichtiges über das Wesen des christlichen Glaubens und seine Aufgaben in der Gegenwart. Aber von alledem war sogleich keine Rede mehr. Das Reizwort saß, die zuge­spitzte Wendung erregte immenses Aufsehen und einhellige Empörung. Franz Josef Strauß stellte Strafantrag – ohne sich im übrigen mit Nachforschungen über den Hergang aufzuhalten – größere und erst recht kleinere Gestalten der politischen Szenerie fielen über ihn her, die An­würfe in der Presse verloren jedes Maß. Aber auch zahlreiche evangelische Bischöfe distan­zierten sich – wieder einmal – von Niemöller, und in seiner eigenen Kirche kam es zu derart scharfen Angriffen auf ihn, daß Niemöller erklärte, »er habe sich nicht einmal vor Hitlers Richtern so sehr als Angeklagter gefühlt« (D. Schmidt, 248). Pointiert tritt in diesen Ausein­andersetzungen zutage, wie wenig auch führende Repräsentanten innerhalb der evan­gelischen Kirche bislang von der Problematik des atomaren Wettrüstens begriffen hatten – und wie selbstver­ständlich man sich hier nach wie vor mit den politischen und ideologischen Zielset­zungen des westdeutschen Staates identifizierte. Daß ein Christ an andere Normen gebunden ist als andere Menschen, daß er dementsprechend auch anders denken und handeln kann bzw. muß als seine Umwelt: diese Dimension kam seinen christlichen Kritikern kaum in den Blick.

Dabei hatte Niemöller gerade in seiner Kasseler Rede neben das Nein zu Krieg und Rüstung, Militärwesen und Gewalt ausdrücklich und betont das Ja Gottes in Jesus Christus zu allem Mühen um Versöhnung, Verständigung und Frieden gestellt. Niemöller hatte dargelegt, daß ihm in den letzten Jahren mehr und mehr die Frage zu schaffen gemacht habe, wie sich Ge­waltanwendung und christlicher Glaube zueinander verhielten. Mit dem Neuen Testament, erklärte er, lasse sich eine solche Verbindung jedenfalls nicht vereinen. Im Gegenteil! »Das ist doch der Sieg Christi«, legte er 1960 dar: »Die gewaltlose Überwindung der Feind­schaft durch die sich selbst opfernde Liebe; dieses Heraus-Lieben des in sich selbst verschlossenen Menschen, der nur sich selbst liebt und der weder Gott noch den Nächsten liebt; dieser Mensch wird herausgeliebt durch dies Opfer, durch diesen sich selbst Opfernden, der aus sich herausgeht und nichts für sich behält, so daß bei uns der Panzer, in dem wir uns eingeschlos­sen haben, schmilzt und auch wir aus uns herausgehen können. Das ist doch der Sieg, der gewaltlose Sieg Christi!« (III, 201f.) Pazifismus aus Glauben und in der Nachfolge Jesu hieß also für Niemöller die Konsequenz. Und das bedeutete: Die Christenheit mußte umkehren, mußte Buße tun und ihre Schuld bekennen, weil sie so lange und so selbstverständlich mit Macht und Gewalt gerechnet hatte, damit umging und immer wieder darauf statt auf das Wort und Beispiel ihres Herrn baute und noch baut. Das bedeutete zugleich: Die Christenheit muß anders reden und sie muß vor allem anders leben als bisher. Niemöller hat diesen Zusammen­hang einmal in einer ebenso schlichten wie schönen Formulierung so ausgedrückt: »Glauben heißt: Bei Jesus sein: Und bei Jesus sein, das heißt: Bei ihm bleiben: Und da er nicht in der Kirche sitzt und Sprechstunden hält, sondern auf dem Wege ist, so heißt bei ihm bleiben: Ihm nachfolgen!« (III, 315)

Niemöller hat diese Einsicht in der Tat nicht nur in der Kirche gepredigt, sondern ist für sie im wahrsten Sinn des Wortes auf die Straße gegangen. Beim ersten Ostermarsch im April 1958 in England, der zum Atomzentrum Aldermaston führte, war er ebenso dabei wie bei den fol­gen­den; er nahm an zahllosen Demonstrationen teil, hielt nicht nur Reden, sondern verteilte Handzettel und Flugblätter, war bei Mahnwachen gegen die Rüstung ebenso zu finden wie in einer Vielzahl von Vereinigungen und Institutionen, die sich für den Frieden engagierten.

Im Unterschied zu einem großen Teil dieser Menschen, in den späten 70er Jahren dann auch zu vielen in der nun mächtig anschwellenden Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in anderen Ländern, gehörten für Niemöller von Anfang an und sehr grundsätzlich zum Eintreten für Versöhnung und Frieden angesichts des Ost-West-Konflikts die Ausweitung dieser Be­mü­hungen auf die Länder der Dritten und Vierten Welt mit hinzu. Undenkbar war ihm eine Vor­stellung von Frieden, die allein auf die Sicherung des Bestehenden in den Industrieländern der nördlichen Hemisphäre zielte und dabei die Völker der südlichen Erdhälfte ihrem Schick­sal überließ. Bereits 1959 betonte er deshalb, daß das Eintreten für den Frieden in erster Linie für die weißen Völker Buße, Umkehr und einen umfassenden Lernprozeß erforderten, um »einzu­sehen und anderen zu der Einsicht zu verhelfen, daß wir uns als eine Menschen- und Völker­familie etablieren müssen. Die Menschheit hat von heute an (oder seit ein paar Jahren) nur noch eine gemeinsame Zukunft; oder sie hat überhaupt keine Zukunft mehr!« (III, 99) Dabei legte er mehr und mehr allen Nachdruck auf das Leben der Christen, auf die gelebte Nach­folge. Würde die Christenheit bereit und imstande sein, angesichts der gewaltigen Prob­leme und Herausforderungen in der Welt, auf diese Weise Zeugnis von ihrem Glauben an Christus abzulegen? Würden die Christen fähig und willens sein – wie er es 1963 auf dem Dortmunder Kirchentag ausdrückte – den anderen gegenüber sich als »gnädige Nächste« zu erweisen (IV, 126)? Von einer christlichen Verkündigung, die diesen gelebten Erweis der Zuwendung zu den Nöten anderer, der Solidarität mit ihren Schmerzen, Ängsten und Leiden ausblendete, hielt Niemöller immer weniger.

Ganz in diesem Sinn unterstrich er noch einmal am Ende seines Lebens, was ihn durch alle Höhen und Tiefen der vorangegangenen Jahrzehnte bewegt und angetrieben hatte: »Ohne eine völlige Sinnesänderung – vom Ich und seiner Selbstzentriertheit zur lebendigen Solidarität mit dem anderen und den anderen – ist die hoffnungslose Selbstzerstörung nicht aufzuhalten. Des­halb habe ich die Aufgabe meines Lebens in der unentwegten Einladung zur Nachfolge Jesu als zum Weg des Lebens gesehen, und für andere Pläne und Ziele keine Zeit und Kraft gefun­den oder begehrt, denn (und das habe ich oft und gern gesagt:) ›Ewigkeit ist für uns Menschen immer Heute!‹« Daher, fuhr Niemöller fort, sei auch im letzten die Frage ohne Bedeutung, was er in seinem Leben eigentlich gewollt oder erreicht habe; viel wesentlicher sei es, wenn jeder selbst sich fragte, »was er heute tun soll und tun kann, um den Weg des Lebens deutlich zu machen und damit in das Dunkel, das nicht mehr zu ignorieren oder zu leugnen ist, ein Licht zu bringen, auf das wir zuwandern, zueilen müssen, solange es Heute heißt!« (V, 275) – Was wäre dem noch hinzuzufügen?

Hier der vollständige Text des Porträts als pdf.

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