Hans Joachim Iwands Gedenkrede zum Totensonntag 1945 (Psalm 90): „Unsere Toten haben ein Loch gerissen in die Welt, in der wir leben. Durch dieses Loch ist der Himmel frei geworden, ist das Jenseits ganz nahe herangekommen“ –

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Hans Joachim Iwands Gedenkrede zum Totensonntag, die er 1945 in Bielefeld gehalten hatte, ist eine besonders eindringliche Rede, die sich im Licht des 90. Psalmes dem 2. Weltkrieg mit der deutschen Kriegsschuld stellt und zugleich Trost und Auferstehungshoffnung zuzusprechen weiß:

Gedenkrede zum Totensonntag (Psalm 90)

Von Hans Joachim Iwand

Meine Freunde, ich meine, daß wir hierher gekommen sind, um der Toten zu gedenken. Das müßte eine ganz entschlossene und tapfere Sache sein. Nicht nur eine Sache der Pietät, daß man der Toten gedenkt in Ehrfurcht und Dankbarkeit, sondern es müßte heute sehr viel mehr sein, es müßte der Ausdruck des Mutes und der Entschlossenheit sein, daß wir vor Gott die Wirklichkeit sehen, wie sie gezeichnet ist durch den Tod. Wir, die wir durch irgend ein Wun­der, die wir unbegreiflicherweise übrig geblieben sind. Es werden wohl Viele unter uns sein, die nicht wissen, warum sie nicht zu denen gehören, die da betrauert werden. Es werden doch Viele unter uns sein, die der Tod draußen oder drinnen irgendwann oder irgendwie ge­streift hat. Warum sind wir denn übrig geblieben und wozu sind wir denn übrig geblieben? Können wir uns denn lösen von denen, die uns vorange­gangen sind? Können wir so tun, als gäbe es sie nicht? Können wir ihnen einfach den Rücken kehren? Ich meine, das geht nicht.

Wir gedenken der Toten. Wenn wir auf das Totenfeld Europas treten, auf diesen mit Jung und Alt, Hoch und Niedrig gedüngten Acker dieser Welt, umfängt uns eine heilige Stille. Hier schlagen Menschen kein Tribunal mehr auf, hier wird nicht mehr gerichtet, hier wird kein Urteilsspruch mehr verlesen. Wir wissen, hier waltet ein ganz Anderer. Der, der Kronen des Lebens verteilt und der verdammen kann ins ewige Feuer. Hier waltet der, der die Gräber auf­tut, daß heraustreten zum Gericht die, die Gutes getan haben und die, die Böses getan haben. Hier sind wir alle die Gerichteten, Gesichteten und Geprüften. Hier ist die Sache in Ordnung, hier sind wir Menschen alle auf der einen Seite und Gott auf der anderen Seite, hier richtet der, der Herz und Nieren prüft. Wann werden wir Ihn hören, wann wird die Decke der Völker abgetan werden?

Es soll eine tapfere Sache sein, wenn wir heute der Toten gedenken vor Gott, das heißt wir wollen ganz ernst nehmen, was da geschehen ist. Wir wollen nicht daran vorbei leben wie die Gleichgültigen oder die Harther­zigen. Wir sind heute alle in der Gefahr, abgestumpft zu wer­den durch das, was wir erlebt haben, denn wir sind über Leichenfelder geschritten und hin­weggerissen wie ein Feuerbrand, wie ein Stumpf, wie ein Rest aus einer [257] großen Kata­stro­phe. Wir sind alle in Gefahr, daß die Verwesung uns selbst ergreift und zersetzt, oder daß wir uns mit Versteinerung wappnen gegen das Grauenhafte, Unerträgliche, das sich da vor uns auftut. Ein steinernes Herz: Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.

Ich meine, meine Freunde, daß wir hier zusammen sind, ist der Aus­druck der Entschlossen­heit: den Weg gehen wir nicht.

Wir wollen das Vermächtnis unserer Toten antreten, unserer Toten! Und nun laßt uns einmal heraustreten und sehen, was das heißt: Unsere Toten. Unsere Soldaten. Die Blüte unseres Vol­kes, die dahingegeben ist zum zwei­ten Mal auf den Schlachtfeldern Europas, die da gestorben sind in einem Heldentum, das durch keine Niederlage seine Klarheit und seine Echtheit verlie­ren wird. Aber wir gedenken auch der Anderen, die mit ihnen Grab an Grab gebettet sind, der Blüte der anderen Völker. Da werden auch Müt­ter weinen, Bräute vergeblich warten, da wer­den auch arme alte Eltern ohne Stütze sein. Das haben wir uns angetan, wir uns gegenseitig angetan!

Und wie wird es sein? Was wird von ihren Gräbern ausgehen? Werden wir es noch einmal erleben, daß Menschen kommen, die die Gräber öffnen und die Rachegeister herauslassen, über unseren Häuptern zu streiten, daß wir uns selbst noch einmal in eine letzte und endgülti­ge Vernichtung trei­ben, daß wir hingehen und graben alle Schande und Schuld aus, immer bei den Anderen, und lassen sie nicht ruhen? Haben wir das nicht getan?

Oder wollen wir den Anderen über die Gräberfelder gehen lassen, der die Gräber öffnet und der da spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben? Soll Jesus Christus nun endlich wirk­lich einmal der Herr sein, der auch zu diesen Dingen redet, der nicht in Erbpacht genommen wird für die Kirche und für kleine fromme Kreise, sondern der der Welt gehört, dieser Todes­welt, die so verloren ist? Wollen wir hören, daß Er da steht und sagt: Selig sind die Friedferti­gen, denn sie werden Gottes Kinder heißen; daß es da heißen wird: Friede auf Erden. Auf Erden! Frieden!

Unsere Toten! Ihr habt es erlebt hier in Bielefeld, ich habe es erlebt in Dortmund, in den gro­ßen Städten, wie sie da gesät waren, begraben wur­den, Kinder, Frauen, Greise, unbarm­herzig zermalmt, zerschlagen. Vor ei­niger Zeit kam ich in ein zerstörtes Haus in meiner Gemeinde in Dortmund, ein Haus, von dem 15 Einwohner getötet waren. Eben war ein junger Sol­dat heim­gekehrt. In den Ruinen wohnte auch ein alter Mann, er hatte die Aufgabe, dem Soldaten zu sagen, daß er seine Mutter nicht wieder fände. Sie hatten noch ein bißchen schwarzen Kaffee. Sie hatten damals kein Brot. Der Soldat war im Lager schwer erkrankt. Da haben wir drei zusam­men gesessen. Das war seine Heimkehr. Der alte Mann weinte, aber der Soldat konnte nicht mehr weinen. Er sah mit seinen Augen starr gerade [258] aus, irgendwie ins Unendliche, als wenn für immer irgendwas zerbrochen wäre in seinem Leben. So war es 1918 nicht. So ist die Jugend diesmal heimgekehrt. Unsere Toten!

Aber wir müssen noch weiter gehen. Wir müssen noch viel tapferer sein, müssen auch noch mitkommen dahin, wo die schauerlichsten Dinge ge­schehen. Wie sie da gestorben sind in den Lagern. Martin Niemöller er­zählte mir, daß man aus einem Zug von 2000 Menschen, die da einge­schlossen waren, 600 gerade noch lebend geborgen habe. Wie mag so ein Sterben im verschlossenen Waggon gewesen sein? Das sind auch Helden. Einer unserer Pfarrer ist im Januar dieses Jahres im Konzentrationslager Dachau gestorben, Pastor Ludwig Steil aus Wan­ne-Eickel[1]. Er lag neu ein­geliefert unter lauter Fremdarbeitern, und als ihn ein Freund besuch­te, sagte er ihm, mitten unter Geschändeten und Entehrten: Ich bin ganz im Frieden. – Mir ist die Geschichte einer jüdischen Frau berichtet[2], die zu den gelehrtesten Frauen gehörte, die wir damals hatten. Sie war eine Philoso­phin. Unter dem, was 1933 geschah, fand sie heim zu dem Heiland und Erlöser ihres Volkes, Jesus Christus. Sie ging dann ins Kloster nach Hol­land. Als die Deutschen nach Holland kamen, hätte sie sich verbergen kön­nen. Aber sie ging den Weg des Leidens ihres Volkes, denn sie hatte ihren Heiland gefunden. Mehr wissen wir nicht von ihr.

Unsere Toten! Sind wir bereit, auch da zu sagen: Unsere Toten. Das ist unsere Frage vor Gott, sind wir bereit, auch derer zu gedenken, an denen wir schuldig geworden sind?

Wir wollen noch weiter gehen. Es könnte leicht so scheinen, als wäre der Kreis des Sterbens jetzt begrenzt und abgeschlossen. Während wir hier sit­zen, ringen im Osten die letzten Deut­schen um ihr Leben. Hinter dem Rei­ter auf dem weißen Pferd kommt der Reiter auf dem schwarzen Pferd, der die Waage in der Hand hält, der Hunger. In einem der letzten Berichte, die wir von da bekommen haben, heißt es, daß dort alles schlafen geht, was noch nicht depor­tiert ist nach Sibirien, oder sonst umgekommen ist, daß alles schlafen geht, die letzten Helden, die dort in der Wüste, die geschaf­fen ist, aushalten. Wir haben vor ein paar Wochen einen Zettel eines Pfar­rers aus Königsberg bekommen, darauf stand geschrieben: Sage den Kin­dern, wenn ich es nicht mehr sagen kann, daß Gott lebt und daß es darauf ankommt, im Glauben an Ihn zu leben und im Glauben an Ihn zu sterben. – Zwei unserer Pastoren, die entgegen dem Befehl der Gestapo, weil sie sich ihren Gemeinden verpflichtet wußten, in Königsberg geblie­ben wa­ren, sind bereits gestorben. Zwölf sind dort geblieben. Sie alle kämpfen mit dem Hun­gertod, ebenso die Ärzte. In Königsberg sind etwa noch Fünf­zigtausend Menschen. In der Stadt wüten Seuchen, Typhus und Ruhr vor [259] allem, und Hunger und Kälte und Finster­nis. In einem Krankenhaus liegen 13-1400 Menschen, zu einem großen Teil auf dem Fußbo­den, die Schwe­stern, in Decken gehüllt, fast alle geschändet, dienen mit letzter Kraft den Sterbenden. Und das müssen wir wissen, diese Ärzte, diese Pfarrer, sind freiwillig, nicht nur freiwillig, sondern im Widerspruch gegen die damals herrschende Gewalt dort geblieben, Hir­ten ihrer Gemeinden. – So, wie wenn ein Schiff sinkt, und einer nochmal die Summe seines Lebens zusammenfaßt, die Summe seines Lebens und Kämpfens und Sterbens in einem Ruf zusammenfaßt, so dringt der Ruf unseres Bruders herüber: Sage es meinen Kindern, daß Gott lebt und daß es darauf ankommt, im Glauben an Ihn zu leben und im Glauben an Ihn zu ster­ben. – Ist das nicht eine große Sache, wenn das über das Totenfeld der Welt hinweggeht: Sage es, daß Gott lebt! Nehmen wir den Ruf auf, sind wir bereit, ihn weiter zu ge­ben? Sind wir bereit, auch so zu stehen? Das ist die Frage.

Es ist noch nicht zu Ende. Die große Prüfung ist noch nicht vorüber. Täusche sich niemand, die Welle des Todes, die über Europa braust, ist noch nicht gestoppt, wird auch nicht von sel­ber abebben, sondern es wird darauf ankommen, ob wir bereit sind, anzutreten zum Kampf gegen den Tod, zum Kampf mit den Mächten der Tiefe, die da ihren Mund geöffnet haben. Der Würger geht um in Europa. Einer hat ihn herausgelassen aus dem Käfig. Aber der fängt das Raubtier wieder ein.

Meine Freunde, dazu sind wir hier, um uns dafür zu entscheiden, ob wir wissen, was wir zu tun haben. Wir wollen miteinander ein Gebet sprechen, ein altes Gebet, Ihr werdet es kennen. Dann werden wir wissen, was wir zu tun haben: Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden, und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist Du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. – Das gibt es also, es gibt eine feste Burg, eine Stätte, wohin wir fliehen können. Es gibt eine Zuflucht, die allein geboten ist: Der Gott, der sich nicht wandelt, der Gott, der derselbe bleibt von Ewig­keit zu Ewigkeit, der Gott, dessen wir uns geschämt haben, der Gott, der schon der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs war, der Gott, der seine Engel sandte, sie standen über dem Stall von Betlehem, der Gott, der den Rat des Kaiphas zerbrach und die Mächtigen leer ausgehen ließ, der Gott, der Ostern zu Ostern gemacht hat, der Gott, dem unsere Väter Tempel gebaut haben, Lieder gedichtet haben, die wir gesungen haben als Kinder, als Männer, der Gott, an den wir uns gewandt haben in Not und Tod. Er, der Eine Gott, der sich nicht wandelt. – Wir haben ja weithin gemeint, es käme auch für die Göt­ter die Zeit, da sie sich ändern müßten. Wir haben gemeint, wir müßten diesen Gott zeitgemäß verkündigen, wir haben gemeint, Gott müsse teilnehmen an dem Drehen des Rades der Zeit, er müsse mitgehen [260] mit uns, mit uns ins Verderben. Wo sind jetzt diese Götter, wo der Him­mel, den wir uns malten? Es wird Zeit, daß die Ewigkeit frei und ungeschminkt und un­bemalt über uns aufleuchtet und groß werde. Ehe denn die Berge wurden, und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist Du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Das ist die Frage, ob wir den Gott meinen, ob wir den Gott anrufen! Ob das Wort Gottes, uns allen wunderbar in den Mund gelegt, wirklich durch­bricht durch Zeit und Raum und dahin steigt, wo es ein Ohr findet und ein Herz findet, das uns hört in unserer Not. Wie sollten wir noch zu einem Gott beten können, der ganz ist wie wir, der unsere Farbe hat und unsere Art. Darum ist unser ganzes Volk stumm geworden. Darum stiegen unsere Gebete nicht empor, darum war es nutzlos, wenn wir beteten, umsonst, ein Geschwätz. Wir stellten uns ja nicht mehr der Ewigkeit, wir wagten es nicht mehr, zu dem zu reden, der da war und der da ist und der da kommt.

Der Du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Men­schenkinder! Denn tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern ver­gangen ist und wie eine Nachtwache. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorret. Das ist es! Wir sind vor Ihm nichts. Tausend Jahre schrumpfen zusammen auf einen Tag, auf einen Stundenschlag in der Ewigkeit. Ach, wenn doch für uns alle einmal die Zeit klein würde, wirklich Zeit würde, damit die Ewigkeit wieder Ewigkeit würde. Warum nehmen wir die Zeit so wichtig? Haben wir nicht begriffen, daß wir leben zwischen Zeit und Ewig­keit? Daß die Ewigkeit unser Schicksal ist und nicht die Zeit. Was ist die Zeit? Ein Schlaf, ein Traum, aus dem es ein schreckliches Erwachen gibt.

Warum habt ihr Euch an die Zeit verkauft? Wollt Ihr nicht wieder einmal klein werden vor Gott?

Das macht Dein Zorn, daß wir so vergehen, und Dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müs­sen. Denn unsere Missetaten stellst Du vor Dich und unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsere Tage dahin durch Deinen Zorn. Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenns hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen, denn es fahret schnell dahin, als flögen wir davon.

Da ist noch etwas hinter dem Sterben, etwas unheimlich Letztes. Das ist nichts Natürliches, nicht so wie das Blühen und Abgemähtwerden einer Blume, da ist noch etwas Anderes dahin­ter. Da stimmt etwas nicht mit Gott, das bricht auf einmal auf: unsere Schuld! [261]

Meine Freunde, ich will es euch schlicht und offen sagen: ich kann an unsere hingemähte Jugend nicht denken, ohne daran zu denken, daß wir alle an unserer Jugend schuldig gewor­den sind, selbst schuldig geworden sind. Haben wir sie wirklich den rechten Weg geführt? War es nicht Sache der Jugend, mit Begeisterung sich zu opfern? Wir Älteren, Erfahrenen, was haben wir getan? Ich bin in manches Haus getreten als Pfarrer, wo die Trauernachricht gekommen war, und wo den Eltern die Augen aufgegan­gen waren: Was haben wir getan?!

Wir wollen uns über den Gräbern unserer Toten die Hand reichen für die Verpflichtung hin: Nie wieder! Nie wieder unsere Jugend zu opfern für ein Ideal, das nicht vor Gott bestehen kann. Wir wollen den Rest unseres Le­bens dafür einsetzen, daß wir unserer Jugend einen neuen Weg weisen, nicht den Weg des Hasses, des Mordes, der Vergeltung, sondern den Weg, den unser Herr Jesus Christus meint: Selig sind die, die den Frieden wirken, den Aufbau vom Herzen her, von der Gerechtigkeit Gottes her.

Es muß eine Umkehr geben. Wenn nicht das beginnt, daß die Völker des Abendlandes heute das begreifen – wir können nicht darauf warten, bis die Anderen es begriffen haben, wir müs­sen es selbst begreifen – wenn sie nicht das begreifen, was hier steht: Unsere Missetaten stellst Du vor Dich und unsere unerkannte Sünde ins Licht vor Deinem Angesicht, dann ist alles verloren. Das heißt klug werden, das heißt letzte Tapferkeit. Nicht noch einmal feige sein. Wir sind nun endgültig genug feige gewesen. Ja­wohl, dieser Krieg ist nicht nur ein Schicksal, und die Toten liegen nicht nur da wie ein Verhängnis, sondern sie sind die Doku­mente unserer Schuld, unserer Unfähigkeit, ein echtes Staatswesen aufzubauen, echte Ge­meinschaft anzubahnen. Und sie fragen uns, ob diese Hekatomben[3] des Todes nicht genügen, damit wir klug werden. – Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Was die Zeitungen vor 20 Jahren geschrieben haben und vor 10 Jahren und was sie wieder in 10 Jahren schreiben werden, das ist nicht mehr Geist, sondern Geistlosigkeit. In der Gemeinde Jesu Christi soll es anders sein. Hier muß Inhalt hinein, Geist und Wahrheit. Wir wollen einander das sagen. Wir wollen unser ganzes Leben mit solchen Zielen erfüllen, die bleiben. Wir müssen eine Schar von Menschen werden, die entschlossen sind, abzutreten von dem Verfall des Lebens.

Und nun noch ein Letztes, meine Freunde. Haben wir es gelernt, vor Gott klein zu werden und vielleicht klug zu sein, so wird uns Gott auch noch lehren, vor Gott froh zu sein. Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei Deinen Knechten gnädig! Fülle uns frühe mit Deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Erfreue uns wieder, nachdem Du uns so lange plagtest, nachdem wir so lange Unglück leiden. – Es kann [262] das geben, wir dürfen darum bitten, und ich meine, wir sollten dem Teufel ins Angesicht, dem Tode zum Trotz, dastehen mit dieser Bitte. Wir sollten glauben, daß Gott uns noch einmal freundlich sein kann. Wir sollten nicht glauben an Menschen, wir haben lange genug an Menschen ge­glaubt, wir sollten nicht glauben an Menschen, ob in England, Amerika oder Rußland. Es müßte zu Ende sein damit, von Menschen etwas zu erwarten. Alle Men­schen sollten vielmehr das erwarten, daß Gott uns freundlich werde, daß Er uns sein Angesicht leuchten lasse. Wir müssen anfangen! In der Gemeinde Jesu Christi muß es anfangen. Wir müssen das glauben. Mit dieser Zuver­sicht, mit diesem allein begründeten Optimismus müssen wir durchbre­chen durch alle Not und Verzweiflung.

Kehre Dich wieder zu uns und sei uns gnädig. Wir wollen einmal damit anfangen, daß Gott uns gnädig ist. Wir wollen davon ausgehen, daß Weih­nachten noch Weihnachten ist, daß Friede auf Erden ist in Jesus Christus. Daß Ostern Ostern ist, daß der Tod überwunden wird. Fangt doch einmal an, so zu leben, so frei, so groß, so klar, so bewußt, und alle Dämonen werden weichen. Ihr werdet euch nicht mehr fürchten. Ihr werdet auf Schlangen treten und sie werden euch nicht stechen, ihr Gift wird euch nicht schaden. Ihr werdet es dann sagen und bekennen, daß euch nicht Schwert, nicht Blöße, nicht Hunger, nicht Fährlichkeit mehr schei­den kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Ihr werdet etwas schmecken von je­nem Heldentum, daß die Liebe stark ist wie der Tod und ihr Eifer fest wie die Hölle. Ihr wer­det mit Gott wagen, dem Satan ins Angesicht, den Neubau aufzunehmen, als die von Gott Begnadeten.

Wir sind nicht zufällig übrig geblieben, wir sollen nicht übrig bleiben, um den Verwesungs­prozeß zu vergrößern, sondern daß wir uns retten las­sen aus einem verkehrten Geschlecht zu einem neuen Leben. Wir sollen damit rechnen, daß Gott da ist.

Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für. So wollen wir heim­gehen, ganz getrost, ganz froh. Entschlossen, nun doch zu handeln, zu arbeiten, allen Verfallserscheinungen zum Trotz uns dem entgegen zu werfen. So wie es hier heißt: Und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fordere das Werk unserer Hände bei uns, ja, das Werk unserer Hände wolle er fördern. Wir wollen ihm das eine geloben: wenn es gelingt, wenn noch einmal unser Werk gefördert wird, wenn wir nicht umsonst arbeiten am Neubau unseres Lebens innen und außen, dann soll Er die Ehre haben, dann soll es Sein Werk sein, nicht unser, Herr, Dir allein sei die Ehre. »Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten, so sollst Du mich preisen.«

Meine Freunde, unsere Toten haben ein Loch gerissen in die Welt, in der wir leben. Durch dieses Loch ist der Himmel frei geworden, ist das Jenseits [263] ganz nahe herangekommen. Merkt ihr denn nicht, wie ihr alle schon mit euren Gedanken viel näher der Ewigkeit seid, weil Gott die zu sich genom­men hat, die ihr liebt, merkt ihr nicht, daß ihr Wanderer seid zwischen Himmel und Erde, daß ihr auf den rechten Weg gekommen seid?

Das ist das Vermächtnis der Toten, daß sich alles umkehrt. Sie sind vor­angegangen, wir folgen hinterher. Wir sind auf dem Wege, sie sind am Ziel. Sie sind die Kirche, die gesiegt hat, wir sind noch im Kampfe.

Am Sonntag werdet ihr euch sammeln unter dem Wort zum Abendmahl, denkt daran, daß ihr nie so nahe seid denen, die das Leben empfangen haben als da, wo ihr das Mahl empfangt.

So sei dieser Abend eine Rüstzeit, eine Sammlung einer neuen Gemein­de des Herrn, auf daß wir rüstig werden, wie der Ritter zwischen Tod und Teufel hindurchzudringen und den Sieg zu behalten.

Gehalten am 23. November 1945, dem Vorabend des Totensonntags, in der Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 258-263.


[1] Ludwig Steil (1900-1945) war seit 1929 Gemeindepfarrer in Holsterhausen (Wanne-Eickel) und gehörte zur geistlichen Leitung der westfälischen Bekennenden Kirche. Nach einem Vortrag zum Thema „Schweigt Gott im Krieg“ wurde er am 11. September 1944 von der Gestapo verhaftet und nach Gefängnisaufenthalten in Dort­mund und Herne am 5. Dezember 1944 ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er am 17. Januar 1945 infolge einer Lungenentzündung verstarb.

[2] Iwand spricht damit Schicksal Edith Steins (1891-1942) an, die 1933 in den Teresianischen Karmel eintrat und 1942 von den Niederlanden aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, wo sie am 9. August in der Gaskammer ermordet wurde.

[3] Als Hekatombe galt im antiken Griechenland ursprünglich ein Opfer von 100 Rindern. Im übertragenen Sinn bezeichnet der Begriff eine erschütternd große Zahl von Menschen, die einem Unglück zum Opfer gefallen sind.

Hier der Text als pdf.

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