„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“ – Wie wir uns in der Bibel selbst wiederfinden

Adventsegen

Der Psalmvers „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ hat es in sich. Mit ihm beginnt die sogenannte „Nun-Strophe“ im Psalm 119, wo alphabetisch jedem der 22 hebräischen Buchstaben acht Verse strophisch zugeordnet sind, die jeweils mit dem betreffenden Buchstaben beginnen, was in der deutschen Übersetzung leider nicht in gleicher Weise wiedergegeben werden kann:

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
Ich schwöre und will’s halten: Die Ordnungen deiner Gerechtigkeit will ich bewahren.
Ich bin sehr gedemütigt; HERR, erquicke mich nach deinem Wort!
Lass dir gefallen, HERR, das Opfer meines Mundes, und lehre mich deine Ordnungen.
Mein Leben ist immer in Gefahr; aber dein Gesetz vergesse ich nicht.
Frevler legen mir Schlingen; ich aber irre nicht ab von deinen Befehlen.
Deine Zeugnisse sind mein ewiges Erbe; denn sie sind meines Herzens Wonne.
Ich neige mein Herz, zu tun deine Gebote immer und ewiglich.
(VV 105-112)

HERRliche Weisungen

Man tut gut daran, Psalm 119 nicht einfach als „Gesetzespsalm“ zu charakterisieren. In diesem Psalm geht es weniger um die „Buchstaben des Gesetzes“, die gottgefällig einzuhalten sind, als vielmehr um die Dynamik HERRlicher Weisungen für das eigene Leben, die in das Gotteslob genommen werden: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Wenn es für die christliche Lehre „allein durch die Schrift“ heißt, sind die Worte aus Psalm 119 dafür maßgeblich. Das göttliche Wort, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt ist, sucht menschliches Leben zu bewegen und fordert die Lesung heraus. Dazu schreibt Johann Gerhard in seinen Loci Theologici von 1610: „Wir haben festgestellt, dass der Zweck der Schrift in der Unterweisung der Menschen zum ewigen Heil besteht. Damit die Schrift diesen Zweck an uns erreicht und wir aus der Schrift diese Seligkeit schöpfen, ist deren Lesung und Auslegung erforderlich. Wenn die Schrift nämlich nicht durch Lesung zur Anwendung gebracht wird, kann sie nicht diese göttliche Wirkung entfalten.“

Mit einer Seligpreisung wird am Anfang des Psalters zur anhaltenden Lesung eingeladen:

Wohl dem, der nicht dem Rat der Frevler folgt
und nicht auf den Weg der Sünder tritt,
noch sitzt im Kreis der Spötter,
sondern seine Lust hat an der Weisung des HERRN
und sagt seine Weisung Tag und Nacht auf.
Der ist wie ein Baum,
an Wasserbächen gepflanzt:
Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit,
und seine Blätter welken nicht.
Alles, was er tut, gerät ihm wohl.
(Psalm 1,1-3)

Mit der eigenen Stimme nachsprechen

Im biblischen Sinne lesen heißt nicht Geschriebenes lautlos nachzusinnen, sondern Gottes Wort mit der eigenen Stimme nachzusprechen. Aus dem solchermaßen selbstgehörten Wort erwächst der eigene Gehorsam. Dazu schreibt Balthasar Mentzer in seinem Katholischen Handbüchlein von 1619: „Zwar solange die Schrift in dem Buch verschlossen bleibt oder unter die Bank gesteckt wird, redet sie nicht; aber alsdann redet sie oder Gott durch sie, wenn sie abgelesen, gepredigt, gehört und betrachtet wird.“

Soll das sola scriptura in der Kirche gelten, kommen wir um die Lesung nicht herum. Nur wo die Heilige Schrift tatsächlich gelesen wird, ist sie uns im Sinne einer „Lektionalpräsenz“ wirklich gegenwärtig. So mag es angebracht sein, innerhalb der Kirche vom Primat der gelesenen Schrift an Stelle eines Schriftprinzips zu sprechen.

Immerwährende Meditation

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“. Wer diesen Psalmvers nachzusprechen weiß, ist in einen andauernden Lesevorgang hineingenommen. Die Heilige Schrift lässt sich hinsichtlich des göttlichen Heils eben nicht auslesen. Sie bleibt „äußerliches Wort“, das nicht durchdacht werden kann, sondern immer wieder neu zu lesen ist. „Die Heilige Schrift ist ein Meer, deren Tiefe von uns in diesem Leben nicht erforscht und noch viel weniger ausgeschöpft werden kann“, sagt Johann Gerhard in seinem Methodus Studii Theologici.

Unter Bezugnahme auf Psalm 119 fordert Martin Luther in seiner Vorrede zum ersten Band seiner deutschsprachigen Werke von 1539 zur immerwährenden Meditation der Heiligen Schrift auf: „Zum andern sollst du meditieren, das ist: nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und im Buch geschriebenen Worte immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der Heilige Geist damit meint. Und hüte dich, dass du nicht überdrüssig werdest oder denkest, du habest es einmal oder zweimal genug gelesen, gehört und gesagt und verstehest es alles bis auf den Grund.“

Gottes Wort bedarf keiner Ergänzung

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“. Mit gutem Grund gilt Psalm 119,105 als biblischer Beleg für die Klarheit der Heiligen Schrift: Was Gottes Wort auf den Glauben hin zum ewigen Heil bewirkt, ist uns in der Heiligen Schrift klar und deutlich zugesagt. Sollten „undeutliche“ Bibeltexte einer Erklärung bedürfen, kann diese nur im Kontext einer weiteren Lektüre des biblischen Kanons erfolgen. In diesem Sinne stellt Johann Gerhard zu Recht fest: „Das Maß der Auslegung bleibt die Schrift, die sich selbst der beste und zuverlässigste Ausleger ist.“ Zur gelesenen Selbstauslegung der Heiligen Schrift schreibt Balthasar Mentzer in seinem Katholischen Handbüchlein: „Der Verstand der Heiligen Schrift muss nicht von außen her in die Schrift gebracht werden, sondern in der Schrift selbst gesucht und daraus erholt werden. Gebührt also einem jeden christlichen treuen Lehrer, nächst Anrufung Gottes um gnädige Erleuchtung, mit großem Fleiß in der Schrift nachzuforschen und aus den klaren Sprüchen, die anderen, so schwer und dunkel scheinen, zu erläutern.“

Wie mir Gottes Wort gegenwärtig wird

Durch das Zeugnis des Heiligen Geistes wird die gelesene Selbstauslegung der Heiligen Schrift auf Jesus Christus ausgerichtet, von dem es ja im Prolog zum Evangelium nach Johannes heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (1,14) Wo uns im Lesen der Schrift Christus selbst als der gegenwärtige Herr begegnet, finden wir uns mit unserem Leben im Christusgeschehen wieder.

Der katholische Theologe Fridolin Stier (1902-1981) hat diese intratextuelle „Einlegung“ des Lesers in die Heilige Schrift (an Stelle einer distanzierten Auslegung) unter dem Titel „Ich halte mich hörend hin“ eindrücklich beschrieben:

Ich schlage das Buch auf … Ich weiß vieles über seine Ge­schichte, genug, um nicht mehr in der Unschuld des schlich­ten Lesers, des unmittelbar das Wort vernehmenden Hörers zu stehen, genug, um nicht unangefochten zu sein. Ich weiß, es geht nicht an, Wort Gottes und Heilige Schrift ineinszusetzen, nur ins Buch hineinzugreifen, beliebig wo, und das nächstbeste Wort als das Seine zu zitieren: Plato sagt, Tho­mas sagt, Goethe sagt – Gott sagt … Nein, so ist mir sein Wort nicht zum Haben und Nehmen und – Geben verfügbar gemacht. Ich weiß auch, das Ungeheure, dass er geredet zu Menschen, all seine Worte und Werke, davon das Buch mir berichtet, es ist gewesen, es bleibt im Damals und Dort be­schlossen. Und ich steh im Hier und Jetzt. Ich weiß es.

Und doch … Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Sion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wun­dersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfer­nendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. Ich erzwinge die Gegenwart nicht; sie ist unerzwingbar. Ich erfahre sie, weil sie mir widerfährt. Erschleiche ich sie? Ich kenne den Wahn, der sich selber hört; ich fürchte die Gefahr des Selbstbetrugs … All mein Wissen – enger als ein Gewand ist es mir angelegt; ich vermag es nicht von mir zu tun; ich trage es mit in das Buch, wenn ich es öffne. Aber dann geschieht es, dass es mich nicht mehr hindert, es wird leicht; mir ist, als trüg ich es nicht. Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da.“

Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muss warten.

[Quelle: Katholisches Bibelwerk (Hrsg.), Bibel im Jahr ’77, Stuttgart 1976.]

Erschienen in: Confessio Augustana, Nr. 2, 2019, S. 7-14.

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